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"Krieg ist nicht zu rechtfertigen"

 

Frankfurter Rundschau, 09.01.2003

Grüne wünschen in Irak-Debatte kritische Begleitung

Von Winfried Nachtwei

 

Verbreitet ist eine Haltung, als sei ein Irak-Krieg unvermeidlich. Sie ist nahe liegend - und zumindest für Politik und Medien unverantwortlich. Aufgabe von Sicherheits- und Friedenspolitik ist, die zwanzig oder nur zwei Prozent Friedenschancen nach besten Kräften zu nutzen.

Mit der Resolution 1441 hat der UN-Sicherheitsrat Irak einstimmig zur umfassenden Offenlegung und Zerstörung seiner Massenvernichtungswaffen und Produktionsanlagen aufgefordert. Als nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrates und Befürworterin einer Stärkung der Vereinten Nationen trägt die Bundesrepublik nun zentrale Mitverantwortung dafür, dass die Irak-Krise zum Nutzen und nicht zum Schaden der internationalen Sicherheit gelöst wird. Deshalb unterstützt die Bundesrepublik voll die UN-Rüstungskontrolleure. Ihre Arbeit darf von keiner Seite behindert oder konterkariert werden.

Am heutigen 9. Januar legen die UN-Kontrolleure einen Zwischenbericht vor. Er wird Aufschluss geben über die Bereitschaft des irakischen Regimes, wirklich uneingeschränkt mit den UN zusammenzuarbeiten. Laut UN-Generalsekretär Kofi Annan ergaben sich bisher keine Erkenntnisse und Erfahrungen, die eine Militärintervention rechtfertigen würden. Außenminister Joschka Fischer nahm erstmalig im Februar 2002 deutlich gegen einen möglichen Irak-Krieg Stellung. Die Argumente haben seitdem nichts an Gewicht verloren, im Gegenteil.

Ein Krieg ist nicht zu rechtfertigen, weil die Eindämmung Iraks bisher funktioniert hat, eine Verbindung zum internationalen Terrorismus nicht erkennbar ist und vom Irak keine akute Bedrohung ausgeht. Eine "präventive Entwaffnung" oder gar ein Regimesturz, wie es Kräfte in der US-Administration wollen, würden das internationale Gewaltverbot in das Belieben der Stärksten stellen und das bisherige Völkerrecht umstürzen. Eine Militärintervention ist nicht zu verantworten: Der dann wahrscheinliche Kampf um Bagdad und der Krieg in einer durch Wirtschaftssanktionen geschwächten Gesellschaft würden enorme menschliche Opfer kosten.

Ein Krieg über Wochen, gar Monate, würde die ganze Region destabilisieren und dem antiwestlichen Terrorismus weltweit Auftrieb geben. Damit würde die vorrangige Bekämpfung des internationalen Terrorismus gefährlich zurückgeworfen. Schließlich ist die Vorstellung, in Irak von außen eine demokratische Nachkriegsordnung aufbauen zu können, angesichts der Probleme der internationalen Gemeinschaft mit dem Nation-Building auf dem Balkan und in Afghanistan illusorisch.

Mit ihrer Anti-Kriegs-Position hat sich die rot-grüne Bundesregierung gegen den Kurs der US-Regierung gestellt. Manche Wahlkampftöne haben den massiven transatlantischen Dissens noch emotionalisiert. Zugleich repräsentiert die Bundesregierung in der Irak-Frage europaweit so sehr die gesellschaftlichen Mehrheiten wie keine andere Regierung. In diesem Umfeld attackiert die konservative Opposition die Anti-Kriegs-Position von Rot-Grün, ohne ihre eigene Position offen zu benennen. Friedbert Pflüger, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wischt in der FR (4. Januar 2003) die Einwände gegen einen Irak-Krieg verharmlosend mit der Bemerkung beiseite, ein militärisches Vorgehen sei "nicht ohne Risiko". Dann aber drischt er mit der Bündniskeule auf die Kritiker des US-Kurses ein und versucht, die kategorische Absage an einen Irak-Krieg pauschal als Weg in die "völlige Isolierung Deutschlands" zu diskreditieren. Im Ergebnis leistet Pflüger damit denjenigen Schützenhilfe, die einen Irak-Krieg wollen. Seine Definition deutscher Sicherheitsinteressen scheint sich im Schulterschluss mit der US-Administration unabhängig von ihrem Kurs zu erschöpfen. De facto bietet die CDU/CSU den USA damit eine aktive Kriegsbeteiligung Deutschlands an.

Darüber hinaus wirft der außenpolitische Sprecher Rot-Grün vor, die Wähler getäuscht und längst das Nein zur Beteiligung am Irak-Krieg gekippt zu haben. Dabei redet er die internationale Bedeutung der deutschen Absage an einen Irak-Krieg und einer aktiven Beteiligung daran systematisch klein. Schwarz auf weiß lehnte die Bundesregierung die US-Anfrage nach Militärpolizei, regionaler Raketenabwehr, ABC-Abwehrkapazitäten und Hilfen für einen Wiederaufbau ab. Man soll sich nicht täuschen: Von einer kriegswilligen Bundesrepublik könnte noch einiges mehr angefordert werden.

Hinsichtlich der Bewegungsfreiheiten für alliierte Streitkräfte auf deutschem Hoheitsgebiet haben Rot-Grün, aber auch Kandidat Stoiber im Wahlkampf zum Teil Erwartungen erweckt, als könne sich die Bundesrepublik nach eigenem Gutdünken aus ihren vertraglichen und Bündnisverpflichtungen verabschieden. Die Gewährung von Überflugrechten etc. richtet sich nach Stationierungs- und Völkerrecht. Daraus ergeben sich für eine Bundesregierung, die an Recht und Verträge gebunden ist, Verpflichtungen, aber auch Grenzen.

Die Bundesregierung steht nun in der komplizierten Herausforderung, ihre unveränderte Grundposition zur Lösung des Irak-Konflikts glaubwürdig durchzuhalten und auf der Hochebene des Sicherheitsrates wirksam zu machen. Dafür braucht sie kritische Begleitung - und Rückenstärkung gegenüber denjenigen, die aus innen- oder außenpolitischen Gründen ihren Absturz wollen.

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 08.01.2003 um 18:20:10 Uhr
Erscheinungsdatum 09.01.2003

 

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Version vom: 09.09.03