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"Völkerrecht steht über Bündnisverpflichtungen"

 

Aachener Nachrichten, vom 27.1.2003

"Völkerrecht steht über Bündnisverpflichtungen"

Von Nachrichten-Redakteur Joachim Zinsen, Aachen. 

Sollten die USA ohne neue UN-Resolution den Irak angreifen, wäre das Völkerrecht massiv geschwächt. Nach Ansicht von Winfried Nachtwei
(56), dem verteidigungspolitischen Sprecher der Grünen, müsse die Bundesregierung in diesem Fall darüber nachdenken, dem US-Militär die Nutzung ihrer Basen in Deutschland zu verbieten.  

Nachrichten: Das irakische Regime soll entwaffnet werden. Ist dies ohne einen Krieg möglich?

Nachtwei: Ja. Bereits von 1991 bis 1998 ist ein großer Teil des irakisches Waffenarsenals von UN-Waffenkontrolleuren aufgespürt und anschließend vernichtet worden. Zudem zeigt sich das irakische Regime heute kooperationsbereiter als in den 90er Jahren. Der Irak ist
inzwischen zwar eine potenzielle, aber keine akute Bedrohung mehr.  

Nachrichten: Sind die UN-Kontrolleure denn überhaupt in der Lage, eventuelle Waffenverstecke oder Produktionsanlagen von Massenvernichtungswaffen im Irak ausfindig zu machen?

Nachtwei: Die UN-Kontrolleure sind heute bedeutend besser ausgestattet als vor 1998. Ihnen wird von verschiedenen Geheimdiensten zugearbeitet -
auch vom Bundesnachrichtendienst, der in Bezug auf den Irak als einer der besten Geheimdienste gilt. Solange sich Waffenkontrolleure im Irak aufhalten, können wir sicher sein, dass Saddam Hussein nicht aufrüstet.  

Nachrichten: Die Bundesregierung wird also darauf drängen, das Mandat für die UN-Waffenkontrolleure zu verlängern?

Nachtwei: Ja, gemeinsam mit immer mehr Staaten.   

Nachrichten: ... und im Weltsicherheitsrat mit Nein gegen jede Resolution stimmen, die Militäroperationen gegen den Irak legitimiert. Oder wird sich Deutschland nur der Stimme enthalten?  

Nachtwei: Alles läuft auf eine Ablehnung hinaus.  

Nachrichten: Daran wird auch der Blix-Bericht nichts ändern, der heute dem Weltsicherheitsrat vorgelegt werden soll?  

Nachtwei: Nein.

Nachrichten: Die USA drohen, notfalls auch ohne neue UN-Resolution Krieg gegen Saddam Hussein zu führen und behaupten, die UN-Resolution 1441 reiche dafür bereits als rechtliche Grundlage.  

Nachtwei: Die Resolution 1441 wurde von Anfang an unterschiedlich interpretiert. Aber die französische Position und inzwischen auch wieder die deutsche Position ist eindeutig: Für ein militärisches Vorgehen ist eine neue UN-Resolution unbedingt nötig.  

Nachrichten: Heißt das: Wenn die USA ohne neue UN-Resolution den Irak angreifen würden, wäre das in Ihren Augen ein Bruch des Völkerrechts? 

Nachtwei: Das würde die Autorität des Sicherheitsrates und des Völkerrechts schwächen und wäre rechtlich äußerst strittig. 

Nachrichten: Nehmen wir an, die Amerikaner greifen trotzdem an: Müsste die Bundesregierung den US-Streitkräften dann nicht Überflugrechte und die Nutzung ihrer Militärbasen in Deutschland verweigern? Das Grundgesetz verbietet schließlich ausdrücklich die Beihilfe zu einem Angriffskrieg.  

Nachtwei: In diesem Fall kämen gewaltige Probleme auf uns zu. Wir sind einerseits an unsere Bündnisverpflichtungen und das Stationierungsrecht,
das den Alliierten Bewegungsfreiheit garantiert, gebunden. Anderseits sind wir natürlich dem Völkerrecht verpflichtet.  

Nachrichten: Ist das Völkerrecht nicht ein höheres Gut als
Bündnisverpflichtungen?

Nachtwei: Der Nato-Vertrag ist an das Völkerrecht gebunden ... 

Nachrichten: ... aber wenn beides nicht miteinander zu vereinbaren ist, bricht doch internationales Verfassungsrecht Nato-Recht. Oder?  

Nachtwei: Ja. Bei einem offensichtlich völkerrechtswidrigem Handeln sind für mich Grenzen erreicht. Aber grundsätzlich: Wir sprechen intern sehr intensiv über dieses Problem, möchten diese Diskussion in der Öffentlichkeit jedoch nur begrenzt führen. 

Nachrichten: Warum?  

Nachtwei: Sie würde die Bundesregierung in der Hauptsache schwächen, der deutschen Anti-Kriegs-Position im Sicherheitsrat. Nachrichten: Wie weit hat der ganze Streit zwischen Europäern und den USA über das Vorgehen gegen den Irak bereits das Nato-Bündnis belastet? 

Nachtwei: Natürlich gibt es Schäden. Unter Verbündeten kann man nicht so miteinander umspringen, wie das im Fall Irak geschehen ist und geschieht
- vor allem von Seiten Washingtons. Wir müssen jetzt versuchen, die Schäden für das Bündnis möglichst begrenzt zu halten. 

Nachrichten: Das dürfte schwierig werden. Der nächste Konfliktfall steht doch schon vor der Tür. Die Amerikaner fordern für den Fall eines Irak-Krieges den Einsatz von Nato-Awacs-Aufklärern in der Türkei an.   

Nachtwei: Wir wissen natürlich um die verschiedenen Funktionen dieser Maschinen: Einerseits die defensive Luftraumüberwachung des Bündnis-Gebietes; andererseits die gefechtsleitenden Aufgaben im Zuge von Luftkriegs-Operationen. Unsere Position ist klar: Awacs-Aufklärer mit deutschen Soldaten an Bord dürfen nur zur Luftraumüberwachung eingesetzt werden. Sonst wäre das ein Kampfeinsatz. 

Nachrichten: Sind denn bei einem Einsatz diese beiden Funktionen überhaupt zu trennen?  

Nachtwei: Das muss mit dem Einsatzauftrag genau festgelegt werden. Ich glaube aber nicht, dass die Amerikaner Awacs-Aufklärer der Nato überhaupt als Feuerleitstelle einsetzen wollen. Wir haben bereits im Kosovo-Krieg die Erfahrung gemacht, dass sich die US-Streitkräfte bei ihrer Kriegsführung nicht von anderen Staaten in die Karten gucken lassen wollen.

 

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