|
1.
Von verschiedensten Seiten wird die Bundesregierung mit (An-)Fragen,
Forderungen und Spekulationen konfrontiert, die darauf abzielen
ihre Haltung bezüglich einer deutschen Nicht-Beteiligung an einem
Irak-Krieg einer Belastungsprobe zu unterziehen. Tagtäglich
werden neue Szenarios aus dem Hut gezaubert, die belegen sollen,
dass sich die Haltung der Bundesregierung geändert habe. Dabei
scheint sich fast alle Welt damit abgefunden zu haben, dass es
einen Irak-Krieg geben wird. Absolut im Vordergrund des
Medieninteresses stehen Erörterungen und Spekulationen, was wäre,
wenn das Kind in den kriegerischen Brunnen gefallen ist.
Dieses worst-case-Denken ist enorm einseitig. Kaum der Erwähnung
wert ist noch, warum eine Militärintervention im Irak aus Sicht
der Bundesregierung seit Monaten – d.h. lange vor der heißen
Wahlkampfphase - abgelehnt wurde und wird. Die Bundesregierung hat
von Anfang an auf die unbeherrscharen (Eskalations-)Risiken für
die Region und den Kampf gegen den internationalen Terrorismus
hingewiesen. Ziemlich wahrscheinlich ist z.B., dass es dann zu
einem Kampf um Bagdad kommen würde – mit in vielfacher Hinsicht
verheerenden Folgen in der Stadt, in der Region, der muslimischen
Welt, mit enormen Rückschlägen für die Bekämpfung des
internationalen Terrorismus, die Weltwirtschaft usw. Deshalb kommt
es in diesen Wochen darauf an, mit aller Kraft die Chance einer
friedlichen Entwaffnung des Irak zu nutzen und zu unterstützen.
DAS ist der Ernstfall. Deshalb beobachten und begleiten wir die
Umsetzung der Resolution 1441 und die Arbeit der Inspekteure mit
größter Sorgfalt. Dieses darf weder vom Irak behindert noch von
den USA unterlaufen werden.
2.
Die Position der Bundesregierung gegen diesen Krieg und
gegen eine deutsche Beteiligung daran bleibt völlig richtig und
ist international von größter Bedeutung: Kein anderes Land in
der politischen „Gewichtsklasse“ der Bundesrepublik stellt
sich so klar gegen den Kriegskurs. Das sollte nicht leichtfertig
klein geredet werden. Was die „Abweichung“ der Bundesregierung
real bedeutet, ist an dem politisch-publizistischen Druck
abzulesen, den Rot-Grün inzwischen in den Medien und
international zunehmend ausgesetzt ist.
- Die
klare Ablehnung eines etwaigen Irak-Krieges gilt es, unter den
Bedingungen vielfältiger Verflechtungen und multilateraler
Integration sowie im Rahmen von Bündnisverpflichtungen,
Stationierungs- und Völkerrecht in konkretes Verhalten
umzusetzen und so wirksam wie möglich zu machen. Das gilt
noch mehr und wird noch komplizierter, wenn die Bundesrepublik
ab Januar Mitglied im Sicherheitsrat ist und ab Februar den
Vorsitz inne hat. Die Diskussion von denkbaren Szenarien (was
wäre, wenn?) und worst-case-Situationen ist einerseits
unvermeidbar und notwendig, um die politischen
Handlungsoptionen abzuwägen. Die verantwortliche Politik darf
sich nicht noch einmal solche Verdrängungen leisten wie z.B.
vor Beginn der NATO-Luftangriffe auf die Bundesrepublik
Jugoslawien Anfang 1999. Andererseits steht eine solche öffentliche
Diskussion in der Gefahr, wegen vieler Unbekannter ins
Spekulative abzugleiten und großes Durcheinander vor zu
programmieren. Dabei gerät der Ernstfall der friedlichen
Entwaffnung als best-case-Lösung aus dem Blick. Solche
einseitig spekulativen Diskussionen sind zudem d a s
Einfallstor für eine Publizistik, der an möglichst viel
Streit in der Koalition gelegen ist. Nicht von ungefähr kamen
Anstöße zu dieser Art Diskussion von der konservativen
Presse.
4.Klar sein müssen die Grundlinien:
§die Bundesrepublik unterstützt voll die Politik der
VN, im Irak die lange durch VN-Resolutionen geförderte
Beseitigung von Massenvernichtungswaffen und entsprechenden
Produktionsanlagen durchzusetzen.
§Es bleibt dabei, dass sich die Bundesrepublik nicht
mit Soldaten, Gerät oder Geld an einem möglichen Krieg
beteiligen wird. Entsprechende Anfragen der USA wurden negativ
beantwortet.
§Bisher hat es weder bei der NATO noch bei der
Bundesregierung eine US-Anfrage zur AWACS-Unterstützung gegeben.
Angesichts der unilateralen Tendenz der USA bei der Führung von
Militäraktionen erscheint eine Beteiligung solcher multilateraler
Plattformen, die weit „sehen“ können, als eher
unwahrscheinlich. Nach Spürpanzern, Überflugrechten,
Patriot-Raketen usw. scheint diese Frage Vielen zentral. Wir haben
klar gestellt, dass die deutschen Besatzungsanteile solange und
soweit mitmachen, wie sie der selbstverständlichen Bündnisaufgabe
Luftraumüberwachung für das Bündnisgebiet dienen. Das ist ihr
alltäglicher Auftrag. An Feuerleitaufgaben für Luftoperationen
im Irak dürften sie nicht teilnehmen. In dieser Differenzierung
habe ich mich nach dem Schröder-Interview mehrfach gegenüber der
Presse geäußert, gegenüber der taz mit der ausdrücklichen
Bezugnahme auf einen Artikel von Andreas Zumach vom 10.12.02, was
dann aber so nicht veröffentlicht wurde.
§Die Gewährung von Bewegungsfreiheiten auf deutschem
Hoheitsgebiet richtet sich nach dem Stationierungs- und Völkerrecht.
Das beinhaltet Verpflichtungen und Grenzen. Völkerrechtskonformes
Verhalten oder gar von den Vereinten Nationen legitimierte
Aktionen dürften von staatlicher Seite nicht behindert werden.
Offenkundig völkerrechtswidriges Verhalten dürfte hingegen nicht
zugelassen werden. Die Bundesregierung geht aber davon aus, dass
angesichts der weit formulierten Sicherheitsratsresolution 1441 ein offenkundig völkerrechtswidriges
Verhalten nicht zu erwarten ist. Diese Resolution bestimmt, dass
der Sicherheitsrat nach Bericht von UNMOVIC zusammentreten und
beraten wird. Für „ernsthafte Konsequenzen“, d.h. Maßnahmen,
die bis zu einer militärischen Einhaltung der
UN-Sicherheitsratsresolutionen berechtigen, ist eine erneute
Resolution nicht vorgeschrieben aber auch nicht ausgeschlossen.
Sie wäre im Hinblick auf die Autorität des Völkerrechts und die
Notwendigkeit, Ausnahmen vom internationalen Gewaltverbot klar
begrenzt zu halten, aber wünschenswert. Die
politische Bewertung der US-Position gegenüber dem Irak und die
mit einem etwaigen Irak-Krieg verbundenen alliierten Bewegungen in
Deutschland bleiben unabhängig vom Verhalten der deutschen
Staatsorgane, die an internationales Recht gebunden sind, davon
unberührt.
5.
Inzwischen empfinde ich bei Medien, bei der Opposition
sowieso, aber auch bei Teilen der Friedensbewegung vor allem
eines: das Warten auf Glaubwürdigkeitsverluste und den großen
„Wahlbetrug“, d.h. den Absturz von Rot-Grün bei der
Gratwanderung in diesen Wochen. Das ist eine besonders verbreitete
Spielart der Gewöhnung an einen Irak-Krieg. Eine Rückenstärkung
von Rot-Grün gegen den drohenden Irak-Krieg, spüre ich
ausgesprochen selten. Rot-Grün wird nur Kurs halten können, wenn
wir uns nicht auseinander treiben lassen und umgekehrt nicht einer
Wagenburgmentalität verfallen.
Winni
Nachtwei, den 19.12.2003
|