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Version vom: 04.12.02

 

Erklärung des Internationalen Sachsenhausen-Komitees
anlässlich des 56.Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen

Am 56. Jahrestag der Befreiung des Nazi-KZ Sachsenhausen durch sowjetische und polnische Truppen am 23, April 1945 bekräftigen wir, Mitglieder des Präsidiums des Internationalen Sachsenhausen-Komitees" aus 17 Ländern den Schwur von Buchenwald "Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus". In diesem Sinne wenden wir uns an alle noch lebenden ehemaligen Häftlinge der Nazi-Konzentrationslager und die europäische Öffentlichkeit, die Zeichen jüngster schwerer Gefahren für den Frieden, sei es in Europa oder Nahost und das Wiedererstehen faschistischer Bewegungen und Ideologien in Deutschland wie auch anderen europäischen Staaten, zu erkennen und zu widerstehen!

Unverändert gibt es in der Welt eine Vielzahl lokaler Kriege. Der Prozess eines gigantischen Wettrüstens hat begonnen. Wir fordern alle Politiker und die führenden Vertreter der Wirtschaft auf, diese Entwicklung umgehend zu stoppen. Wir wollen Frieden auf der Welt. Besinnen Sie sich auf Ihre humanistische und demokratische Gesinnung, stehen Sie, wie Sie es im täglichen Leben gewohnt sind, zu Ihrer Verantwortung.

Wir appellieren an alle, sich zusammen zu schließen, um alles zu tun, damit Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz in dieser Welt haben. Insbesondere appellieren wir an alle politischen Kräfte, insbesondere die Parteien, den Kampf gegen das Wiederaufflammen des Faschismus nicht für parteipolitische Interessen zu missbrauchen. Unser Schwur von Buchenwald war auch nicht an Weltanschauung und Herkunft gebunden. Wir appellieren an Sie, gemeinsam mit uns und allen anderen gleichen Sinnes, für oben genannte Ziele alles was möglich ist, zu unternehmen.

Die authentischen Orte, wie die Konzentrationslager und ihre Außenlager, sind ein elementarer Baustein für diesen Prozess. An diesen Orten wird nicht theoretisch, abstrakt oder deklaratorisch deutlich, zu welchem rechtlosen verbrecherischen Regime Faschismus führt. Will man das Fundament des Antifaschismus und damit einer jeden Demokratie erhalten, müssen diese Orte den ihnen gebührenden Platz in der Gesellschaft haben. Wenn die Gedenkstätten leben sollen, müssen sie auch unabhängig von knappen Kassen, dauerhaft über die notwendigen, der Bedeutung dieser Orte gerecht werdenden, personellen und finanziellen Mittel verfügen.

Es ist völlig klar, dass die Bundesrepublik Deutschland beim Erhalt der KZ-Gedenkstätten den Hauptanteil zu tragen hat, aber das Gedenken an die Opfer der Konzentrationslager und der damit verbundene Geist, sind eine europäische Aufgabe. Im KZ Sachsenhausen wurden, wie in allen anderen Konzentrationslagern auch, Häftlinge aus allen europäischen und anderen Ländern gepeinigt und ermordet. Es waren sogar deutlich mehr nichtdeutsche Häftlinge als Deutsche. Die Politiker und Regierungen aller europäischen Länder sollten sich engagieren und verantwortlich fühlen, dass die ehemaligen Konzentrationslager und ihre Außenstellen, gleich wo sie sind und über Landesgrenzen hinweg die ihnen gebührende inhaltliche Ausgestaltung und Ausstattung erhalten.

Die Bundesrepublik Deutschland und alle anderen europäischen Länder müssen wesentlich mehr als bisher, die Häftlingsorganisationen in ihren Ländern im erforderlichem Maße rechtlich, organisatorisch und finanziell unterstützen, damit sie die historische Aufgabe wahrnehmen können, unabhängig davon, um welche Opfergruppe es sich handelt. Die ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager sind die primären geistigen Träger des Antifaschismus. Ihr Vermächtnis muss für Gegenwart und Zukunft erhalten bleiben.

Wir fordern die deutsche Wirtschaft auf, sofort mit den Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter zu beginnen. Hier in Sachsenhausen hatte die SS eine riesige Industrie- und Finanzzentrale geschaffen, mit vielen SS eigenen Werken und Außenkommandos unter mörderischen Arbeitsbedingungen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung wird den Arbeitssklaven immer noch eine kleine Anerkennungszahlung -wir sprechen bewusst nicht von Entschädigung- für ihre Fronarbeit und ihre Leiden vorenthalten. Selbst nachdem die internationale Öffentlichkeit das deutsche Big Business zu sehr begrenzten Zahlungen gezwungen hat, wird die Verzögerung fortgesetzt, stellt man sich erstaunt, dass amerikanische Gerichte nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen. Wir teilen die Ansicht der ukrainischen Kameraden, dass die Auseinandersetzung zwischen den großen amerikanischen und deutschen Bankkonsortien nicht die längst fälligen Auszahlungen an die bedrückend armen Zwangsarbeiter aufhalten dürfen. Wir fordern von der Stiftung " Erinnern, Verantwortung, Zukunft", den Skandal zu beenden, die gesetzlich zugesicherten Beträge nun unverzüglich zu überweisen und die Zahlungen zu beginnen. Das erfordert nicht nur die akute Not der meisten von ihnen, das ist ein Gebot der Moral und der Menschenwürde.

Die ehemalige Häftlinge des Nazi-KZ Sachsenhausen, ihre Nachkommen und Sympathisanten, gleich ob in Deutschland oder anderen Staaten, versichern, auch fürderhin, für den Erhalt der Gedenkstätte Sachsenhausen, für die ewige Ehrung der Opfer einzutreten, vor allem dafür, dass die jüngeren Generationen die Gefahren das Faschismus, des Rassismus, des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit erkennen lernen und für Frieden und Toleranz einstehen.

 Sachsenhausen, 22. April 2001