Erklärung des Internationalen
Sachsenhausen-Komitees
anlässlich des 56.Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen
Am 56. Jahrestag der Befreiung des Nazi-KZ Sachsenhausen durch sowjetische und
polnische Truppen am 23, April 1945 bekräftigen wir, Mitglieder des Präsidiums des
Internationalen Sachsenhausen-Komitees" aus 17 Ländern den Schwur von Buchenwald
"Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus". In diesem Sinne wenden wir uns an
alle noch lebenden ehemaligen Häftlinge der Nazi-Konzentrationslager und die europäische
Öffentlichkeit, die Zeichen jüngster schwerer Gefahren für den Frieden, sei es in
Europa oder Nahost und das Wiedererstehen faschistischer Bewegungen und Ideologien in
Deutschland wie auch anderen europäischen Staaten, zu erkennen und zu widerstehen!
Unverändert gibt es in der Welt eine Vielzahl lokaler Kriege. Der Prozess eines
gigantischen Wettrüstens hat begonnen. Wir fordern alle Politiker und die führenden
Vertreter der Wirtschaft auf, diese Entwicklung umgehend zu stoppen. Wir wollen Frieden
auf der Welt. Besinnen Sie sich auf Ihre humanistische und demokratische Gesinnung, stehen
Sie, wie Sie es im täglichen Leben gewohnt sind, zu Ihrer Verantwortung.
Wir appellieren an alle, sich zusammen zu schließen, um alles zu tun, damit
Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz in dieser Welt
haben. Insbesondere appellieren wir an alle politischen Kräfte, insbesondere die
Parteien, den Kampf gegen das Wiederaufflammen des Faschismus nicht für parteipolitische
Interessen zu missbrauchen. Unser Schwur von Buchenwald war auch nicht an Weltanschauung
und Herkunft gebunden. Wir appellieren an Sie, gemeinsam mit uns und allen anderen
gleichen Sinnes, für oben genannte Ziele alles was möglich ist, zu unternehmen.
Die authentischen Orte, wie die Konzentrationslager und ihre Außenlager, sind ein
elementarer Baustein für diesen Prozess. An diesen Orten wird nicht theoretisch, abstrakt
oder deklaratorisch deutlich, zu welchem rechtlosen verbrecherischen Regime Faschismus
führt. Will man das Fundament des Antifaschismus und damit einer jeden Demokratie
erhalten, müssen diese Orte den ihnen gebührenden Platz in der Gesellschaft haben. Wenn
die Gedenkstätten leben sollen, müssen sie auch unabhängig von knappen Kassen,
dauerhaft über die notwendigen, der Bedeutung dieser Orte gerecht werdenden, personellen
und finanziellen Mittel verfügen.
Es ist völlig klar, dass die Bundesrepublik Deutschland beim Erhalt der
KZ-Gedenkstätten den Hauptanteil zu tragen hat, aber das Gedenken an die Opfer der
Konzentrationslager und der damit verbundene Geist, sind eine europäische Aufgabe. Im KZ
Sachsenhausen wurden, wie in allen anderen Konzentrationslagern auch, Häftlinge aus allen
europäischen und anderen Ländern gepeinigt und ermordet. Es waren sogar deutlich mehr
nichtdeutsche Häftlinge als Deutsche. Die Politiker und Regierungen aller europäischen
Länder sollten sich engagieren und verantwortlich fühlen, dass die ehemaligen
Konzentrationslager und ihre Außenstellen, gleich wo sie sind und über Landesgrenzen
hinweg die ihnen gebührende inhaltliche Ausgestaltung und Ausstattung erhalten.
Die Bundesrepublik Deutschland und alle anderen europäischen Länder müssen
wesentlich mehr als bisher, die Häftlingsorganisationen in ihren Ländern im
erforderlichem Maße rechtlich, organisatorisch und finanziell unterstützen, damit sie
die historische Aufgabe wahrnehmen können, unabhängig davon, um welche Opfergruppe es
sich handelt. Die ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager sind die primären
geistigen Träger des Antifaschismus. Ihr Vermächtnis muss für Gegenwart und Zukunft
erhalten bleiben.
Wir fordern die deutsche Wirtschaft auf, sofort mit den Entschädigungszahlungen für
Zwangsarbeiter zu beginnen. Hier in Sachsenhausen hatte die SS eine riesige Industrie- und
Finanzzentrale geschaffen, mit vielen SS eigenen Werken und Außenkommandos unter
mörderischen Arbeitsbedingungen. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung wird
den Arbeitssklaven immer noch eine kleine Anerkennungszahlung -wir sprechen bewusst nicht
von Entschädigung- für ihre Fronarbeit und ihre Leiden vorenthalten. Selbst nachdem die
internationale Öffentlichkeit das deutsche Big Business zu sehr begrenzten Zahlungen
gezwungen hat, wird die Verzögerung fortgesetzt, stellt man sich erstaunt, dass
amerikanische Gerichte nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen. Wir teilen die Ansicht der
ukrainischen Kameraden, dass die Auseinandersetzung zwischen den großen amerikanischen
und deutschen Bankkonsortien nicht die längst fälligen Auszahlungen an die bedrückend
armen Zwangsarbeiter aufhalten dürfen. Wir fordern von der Stiftung " Erinnern,
Verantwortung, Zukunft", den Skandal zu beenden, die gesetzlich zugesicherten
Beträge nun unverzüglich zu überweisen und die Zahlungen zu beginnen. Das erfordert
nicht nur die akute Not der meisten von ihnen, das ist ein Gebot der Moral und der
Menschenwürde.
Die ehemalige Häftlinge des Nazi-KZ Sachsenhausen, ihre Nachkommen und Sympathisanten,
gleich ob in Deutschland oder anderen Staaten, versichern, auch fürderhin, für den
Erhalt der Gedenkstätte Sachsenhausen, für die ewige Ehrung der Opfer einzutreten, vor
allem dafür, dass die jüngeren Generationen die Gefahren das Faschismus, des Rassismus,
des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit erkennen lernen und für Frieden und
Toleranz einstehen.
Sachsenhausen, 22. April 2001
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