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Rede zur Regierungserklärung am 29.10.2002
Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Winfried Nachtwei.
Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Am Anfang dieser Legislaturperiode stehen wieder Entscheidungen über Auslandseinsätze der Bundeswehr an, genauso wie zu Beginn der vorherigen
Legislaturperiode, als es nämlich um die Androhung von Luftangriffen
gegen die Bundesrepublik Jugoslawien ging. Damals – das wissen wir alle – war
diese Entscheidung
in diesem Haus und in der Gesellschaft heiß umstritten.
Damals war die Befürchtung verbreitet, dass damit ein Präzedenzfall
im Hinblick auf das Verhältnis zu den Vereinten
Nationen geschaffen werde. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Wir
haben uns bemüht, aus dem Kosovo-Konflikt und aus dem Kosovo-Krieg die angemessenen friedens- und
sicherheitspolitischen Lehren zu ziehen. Dies zeigt sich deutlich zu Beginn dieser
Legislaturperiode. Die
Verlängerung des Mazedonien-Mandats in der vorigen Woche stand –
darauf wurde ausdrücklich hingewiesen – im Kontext
umfassender Politik einer wirksamen Krisenvorbeugung. Die bevorstehenden Entscheidungen zur weiteren
Beteiligung an Enduring Freedom und an der ISAF-Schutztruppe in Kabul sollen der
Gewalteindämmung und
Gefahrenabwehr dienen. In der Koalitionsvereinbarung stellen wir eindeutig
klar: Zweck von Kriseneinsätzen der Bundeswehr ist nicht eine militärische
Konfliktlösung; denn das
wäre illusionär. Ihr Zweck ist, zur Gewaltverhütung beizutragen und Stabilisierungs- und
Friedensprozesse dort zu
unterstützen, wo zivile Beobachter und Vermittler, wo Polizisten nicht mehr ausreichen. Der Rahmen von
Kriseneinsätzen ist die Charta der Vereinten Nationen, ist das Völkerrecht und eine Politik gemeinsamer und
kooperativer Sicherheit. Diese Grundhaltung kontrastiert mit
Bestrebungen, Sturz des irakischen Regimes ist die logische
Konsequenz aus dieser Grundhaltung. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD) Die Bundeswehr soll wirksam und verantwortlich zur
internationalen Sicherheit beitragen können. Dafür ist zumindest Folgendes unabdingbar: Friedenseinsätze und
Kriegsverhütung brauchen einen ausgewogenen Mix an zivilen, polizeilichen, politischen und
militärischen Fähigkeiten. Die rot-grüne Bundesregierung baut nun – so
steht es im Koalitionsvertrag – das in diesem Jahr
gegründete Zentrum für Internationale Friedenseinsätze zu einer vollwertigen Entsendeorganisation aus. Das
heißt, wir bemühen uns, die zivilen Säulen von
Friedensmissionen der Vereinten Nationen, der OSZE usw. entsprechend
zu stärken. Wir haben uns zum anderen vorgenommen, einen
ressortübergreifenden Aktionsplan im Hinblick auf Krisenprävention
auszuarbeiten, was bedeutet, dass wir die
verschiedenen notwendigen Fähigkeiten in diesem Bereich systematisch aufbauen und entwickeln wollen.
Was hat das mit der Bundeswehr zu tun? Nur wenn wir diese Fähigkeiten vernünftig
entwickelt haben,
kommen wir aus Kriseneinsätzen wieder heraus. Das ist
schlichtweg die Konsequenz. Die Bundeswehrreform, das heißt die
Befähigung der Bundeswehr zur Bewältigung neuer Aufgaben, ist
nicht nur fortzusetzen, sondern ausdrücklich auch weiterzuentwickeln;
so haben wir es in der Koalitionsvereinbarung formuliert. An die Lösung dieser Aufgaben geht
Rot-Grün mit Klarheit über die Zielsetzung der
Bundeswehrreform und mit – so formuliere ich diplomatisch –
gewachsenem Realismus. Dabei sind für uns die Vorschläge der Weizsäcker-Kommission die Richtschnur. Eine
notwendige Modernisierung ist nur mit einer deutlichen Senkung des Personalumfangs zu realisieren. Das ist die
offensichtliche Konsequenz. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der SPD) Sehr geehrter Herr Minister, lieber Kollege Struck,
am 25. Juli dieses Jahres wurden Sie zum Minister
vereidigt. Manche Gratulanten der Oppositionsfraktionen dachten damals an eine Befristung Ihrer Amtszeit. Wir sind
ausdrücklich froh, dass Sie Minister geblieben sind. Ich bin mir sicher, dass Sie Ihre
Verantwortung mit
sicherheitspolitischer Klarheit und mit Realismus wahrnehmen. Dabei wünschen wir Ihnen eine glückliche Hand und
hoffen auf eine gute Zusammenarbeit. Danke.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der
SPD)
Das Protokoll zur
Regierungserklärung vom 29.11.2002 mit dem außenpolitischen Teil
als pdf-Datei |
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