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Genauer Hinsehen: Sicherheitslage Afghanistan (Lageberichte + Einzelmeldungen) bis 2019
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Nach 3 Monaten Gewalteskalation in Afghanistan: 3-tägiger Waffenstillstand zum Fest des Fastenbrechens eingehalten - und inoffiziell erst überwiegend, jetzt bröckelnd fortgesetzt! DIE CHANCE NUTZEN! (Stand 6.6.)

Veröffentlicht von: Nachtwei am 24. Mai 2020 20:43:59 +02:00 (1702 Aufrufe)

Nach dem USA-Taliban-Abkommen am 29. Februar hatte die Gewalt dramatisch zugenommen, extrem der Angriff am 12. Mai auf ein Krankenhaus in einem Hazara-Viertel in Kabul insbesondere auf die Entbindungsstation. Am Samstagabend die Überraschung. Am dritten Tag der Waffenruhe ließ die Regierung 900 Taliban-Häftlinge frei. Dauert der Waffenstillstand länger, kommen endlich innerafghanische Gespräche in Gang? Oder geht es am Mittwoch, 27.05., wieder zurück in den mörderischen Teufelskreis von Terror, Krieg. gegenseitiger Schuldzuweisung? Aktuell am 10. Tag: Waffenruhe hält überwiegend, Dynamik beim Gefangenenaustausch; kritischer UN-Report: Präsenz von Al Qaida in Afghanistan keineswegs beendet!. Am 12./13. Tag Zunahme von Angriffen. 

Nach drei Monaten Gewalteskalation in Afghanistan

Überraschender 3-tägiger Waffenstillstand zu Eid al-Fitr

eingehalten + bisher „unangekündigt“ überwiegend fortgesetzt!  

DIE CHANCE NUTZEN!

Winfried Nachtwei, 24./06.06.2020

Am Sonntag, 24. Mai, begann das dreitägige Fest des Fastenbrechens, das den Fastenmonat Ramadan abschließt. Am Vorabend kündigten die Taliban überraschend für Eid al-Fitr einen dreitägigen Waffenstillstand an. Waffen würden nur zur Selbstverteidigung gegen Angreifer eingesetzt. Präsident Ghani begrüßte die Ankündigung und ordnete dasselbe für die afghanischen Sicherheitskräfte an. Als Zeichen des guten Willens kündigte er die Freilassung von weiteren 2.000 Taliban-Häftlingen an. (vgl. auch https://thruttig.wordpress.com/2020/05/25/neue-dreitagige-waffenruhe-in-afghanistan-nach-konfliktverscharfung/ )

Umsetzung des Waffenstillstandes wahrend Eid (24.-26.05.) und seitdem

TOLOnews (24.05. abends ) zitiert eine glaubwürdige Sicherheitsquelle, wonach es in den 20 Stunden seit Verkündung des Waffenstillstandes durch die Taliban nur zwei Sicherheitsvor-fälle gegeben habe. (In den letzten zwei Monaten wurden durchschnittlich 55 Angriffe von Aufständischen pro Tag registriert.)

Am 24. Mai erklären Mitglieder des Friedensverhandlungs-Teams, die interne Gruppendiskussion zum Friedensprozess sei abgeschlossen und das Team sei bereit, die Verhandlungen mit den Taliban zu beginnen. Die 21 Mitglieder, davon vier Frauen, wurden am 27. März von der Regierung ernannt. Die Team-Mitglieder sprechen von einer histori-schen Gelegenheit für Frieden. Die Taliban dürften nicht die Chance verpassen. Man habe den ganzen Ramadan über den Inhalt der Agenda und erforderliche Vorbereitungen diskutiert. Die Delegation der  Islamic Republic of Afghanistan sei vollständig startbereit für die Gespräche. Es gebe Erwartungen an die Gegenseite, die dreitägige Waffenruhe zu erweitern mit vertrauensbildenden Maßnahmen und Zeichen des guten Willens. (TOLOnews 25.05.)

26.05.: Die afghanische Regierung lässt 900 Taliban-Häftlinge frei. Die Gesamtzahl der freigelassenen Taliban steigt damit auf 2.000. Die Afghanische Menschenrechtskommission kritisiert, dass unter den Entlassenen auch welche seien, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hätten.

27.05.: Weder Regierung noch Taliban kündigen bisher das Ende oder die Fortsetzung der Waffenruhe an. Eine anonyme Regierungsquelle sagt, eine inoffizielle Waffenruhe werde im Land andauern. Auch eine Taliban-Quelle spricht von einem „unangekündigten“ Waffenstillsand über mehrere Tage.

Rückblickend wurden für jeden Tag des Eid-Waffenstillstandes je zwei Sicherheitsvorfälle gemeldet. Laut der Afghanischen Unabhängigen Menschenrechtskommission sei während Eid die Zahl der Zivilopfer im Kontext des bewaffneten Konflikts um 80% zurückgegangen. Vorher seien jeden Tag rund 30 Afghanen getötet worden.. ( https://tolonews.com/afghanistan/nation-calls-continued-ceasefire-violence-down-80-percent

28.05.: TOLOnews meldet für den 27.05. drei Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und den Taliban in den Provinzen Zabul, Farah und Parwan (hier sieben Soldaten gefallen, zwei entführt).

Seit Eid wurden 900 gefangene Taliban und 80 gefangene Sicherheitskräfte (in Kunduz und Baghlan) freigelassen.

28.05.: Am Abend des 28.05. bei einem Angriff auf einen Außenposten der Afghan Border Force in der Ostprovinz Paktia 14 Sicherheitskräfte getötet. Die Rede ist weiter von einem „unannounced ceasefire“.

29.05.: Der Kabuler Photograph Naim Nadir gewinnt den Marai Photo Award „My Afghanistan“ für seine Fotoserie „The Afghan Spirit“.  Der Preis ist benannt nach Shah Marai, dem Chefphotographen des AFP-Büros in Kabul, der am 18. April 2018 bei einem Selbstmordanschlag zusammen mit dem TOLOnews-Reporter Yar Mohammad Takhi ermordet wurde. Die Fotos des 1., 2. und 3. Preisträgers, zum Marai Photo Award  https://www.maraiphotoaward.com/awards/index.htmlhttps://www.maraiphotoaward.com/

https://tolonews.com/index.php/afghanistan/kabul-photographer-wins-afp%E2%80%99s-shah-marai-award

29.05. Veröffentlichung des Eleventh report of the Analytical Support and Sanctions Monitoring Team submitted pursuant to resolution 2501 (2019) concerning the Taliban and other associated individuals and entities constituting a threat to the peace, stability and security of Afghanistan an den UN-Sicherheitsrat vom 30.04.2020, S/2020/415,

http://cdn.cnn.com/cnn/2020/images/06/01/n2011060.pdf

„(…) The senior leadership of Al-Qaida (QDe.004) remains present in Afghanistan, as well as hundreds of armed operatives, Al-Qaida in the Indian Subcontinent, and groups of foreign terrorist fighters aligned with the Taliban. A number of significant Al-Qaida figures were killed in Afghanistan during the reporting period. Relations between the Taliban, especially the Haqqani Network (TAe.012), and Al-Qaida remain close, based on friendship, a history of shared struggle, ideological sympathy and intermarriage. The Taliban regularly consulted with Al-Qaida during negotiations with the United States and offered guarantees that it wouldhonour their historical ties. Al-Qaida has reacted positively to the agreement, with statements from its acolytes celebrating it as a victory for the Taliban’s cause and thus for global militancy. The challenge will be to secure the counter-terrorism gains to which the Taliban have committed, which will require them to suppress any international threat emanating from Al-Qaida in Afghanistan. (…)“

Dazu Deutsche Welle 02.06. https://www.dw.com/en/taliban-maintains-close-ties-with-al-qaeda-despite-peace-deal-un/a-53660541 Auch „Thousands of Pakistanis fight in Afghanistan alongside the Taliban“, Long War Journal 02.06., https://www.longwarjournal.org/archives/2020/06/u-n-thousands-of-pakistanis-fight-in-afghanistan-alongside-the-taliban.php

(Laut UN-Report wird die Zahl der Taliban-Kämpfer auf 55.000 bis 85.000 geschätzt, mit Unterstützern seien es insgesamt um 100.000. 50-60% des afg. Territoriums sei umkämpft, die Zahl der voll von Taliban kontrollierten Distrikte sei von 25 bis 30 auf 21 zurückgegan-gen. Als Qaida sei mit 400 bis 600 Kämpfern in 12 Provinzen aktiv (u.a. Badakhshan, Kunduz)

30.05.: IED-Anschlag auf einen Kleinbus von Khurshid TV Channel in Kabul, ein Journalist und ein Fahrer getötet, sechs ZV-Mitarbeiter verwundet. Die Taliban verneinen eine Beteiligung.

02. Juni Die AFG-Regierung meldet einen signifikanten Rückgang der Gewalt seit dem Waffenstillstand: Vorher habe es rund 100 Angriffe/Tag gegeben, jetzt um sechs/Tag.

Der Vorsitzende des Provinzrates von Helmand: Seit Eid-Ende sei die Situation in der Provinz ziemlich gut, kein Krieg, keine Gewalt.

Laut Regierung seien bisher 2.710 gefangene Taliban freigelassen worden (lt. Taliban würden 426 davon nicht zu ihnen gehören), die Taliban melden 420 freigelassene Sicherheitskräfte (lt. Regierung wäre4n etliche davon nicht Angehörige der Sicherheitskräfte).

19.30 Uhr Bombenanschlag in der Wazir Akbar Khan Moschee (in Kabuler Hochsicherheitszone): der Imam der Moschee und Professor für Islamisches Recht an der Uni Kabul, Dr. Mohammad Ayaz Niazi und eine zweite Person wurden getötet, acht verletzt. Die Taliban verurteilten den Anschlag als „großes Verbrechen“.

03.06. (TN): In Kandahar starben am Vormittag durch eine Straßenbombe neun Zivilisten, fünf wurden verletzt.

Zum Abschluss eines Trainings für Selbstmordattentäter verkündete der stellv. Taliban-Führer Sirajuddin Haqqani, der Friedensprozess bedeute nicht, dass die Taliban den Weg des Jihad verlassen würden. Fotos auf social media der Taliban zeigen eine Gruppe von Selbstmordattentätern mit Sprengstoffgürteln („martyrdom seekers“), die an einer Parade vor der Taliban-Militärkommission teilnahmen. Dazu auch „Top Taliban Leaders celebrate suicid bombers“, Long War-Journal 03.06. mit Fotos und Video von der Abschluss-Zeremonie , https://www.longwarjournal.org/archives/2020/06/top-taliban-leaders-celebrate-suicide-bombers.php

03.06 Corona-Lage: 17.267 Infizierte, 294 Tote, davon in Kabul 6.810/39, Balkh 1.179/39

Takhar 381/9, Baghland 336/13, Kunduz 133/4, Badakhshan 56/0

04.06. (TN) Laut Regierungskreisen gab es nach der Eid-Waffenruhe durchschnittlich 30 Tailiban-initiierte Angriffe pro Tag auf Sicherheitskräfte, zuletzt auf einen Checkpoint in der Provinz Nangarhar, wo drei lokale Polizisten starben.

05.06. Bei einem Taliban-Hinterhalt auf dem Zabul-Kandahar Highway nahe Qalat wurden zehn Sicherheitskräfte getötet, eine andere Sicherheitsquelle nennt 15 getötete Polizisten.

Eine Untersuchung von „Ärzte ohne Grenzen“ ergab, dass bei dem Terrorangriff auf die Geburtsklinik des Dascht-e Bartschi Hospitals in Kabul am 12. Mai 15 Mütter, davon fünf in den Wehen bzw. kurz vor der Geburt mit ihren fünf Babies ermordet wurden. Ebenfalls getötet wurden eine Hebamme und zwei Jungen unter 10 Jahren. Laut MSF sprechen alle Indizien dafür, dass der Angriff vorsätzlich auf die Entbindungsstation zielte. Insgesamt befanden sich zu dem Zeitpunkt 28 Mütter auf der Station. https://tolonews.com/index.php/afghanistan/msf-no-restart-until-maternity-wing-attack-investigated  (In Afghanistan liegt die Müttersterblichkeit bei 638 auf 100.000 Lebendgeburten. In Frankreich liegt die Müttersterblichkeit bei acht, in Spanien bei vier.) „Sie kamen, um die Mütter zu töten“

https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/presse/afghanistan-angriff-geburtenklinik

06.06. (TN) Trotz des inoffiziellen Waffenstillstandes wurden heute bei etlichen Sicherheits-vorfällen 15 Sicherheitskräfte getötet und Dutzende verwundet. Darunter elf Polizisten der Afghan Local Police mit ihrem Kommandeur im Distrikt Khash in Badakhshan und vier Polizisten bei einem Angriff auf ein Dorf im Raum Kabul.

Am 05.06. sollen in der Provinz Farah 16 Taliban bei einem Luftangriff getötet worden sein.

Positives Echo weltweit: Die Ankündigung der Taliban vom 23. Mai wurde breit im Land, in der Region und weltweit begrüßt: u.a. von UN-Generalsekretär Guterres + UNAMA, von Indien, der iranischen Botschaft in Kabul, von US-Außenminister Pompeo. Der deutsche Botschafter Peter Prügel auf Twitter: We welcome the Taliban movement’s announcement of a ceasefire during #EidUlFitr and President  Ashraf Ghani‘s positive response. We hope this can be the basis for long-term trust building that leads to viable intra-Afghan negotiations.“

( https://tolonews.com/afghanistan/eid-ceasefire-draws-reactions-us-world  )

Die Außenminister von Indonesien, Norwegen, Qatar, Usbekistan und Deutschland begrüßten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Initiative und sagten, “the ceasefire is a positive step forward that gives cause for hope. The Afghan people deserve an end to violence as well as a dignified peace and stability. (…)We encourage the parties to take further steps in the days and weeks ahead in order to enter into, without delay, intra-Afghan negotiations aimed at securing a durable peace settlement that ends the conflict in Afghanistan.”

Der chinesische Außenminister Wang Yi sagte am 25.05. bei einer Pressekonferenz "things to be done in Afghanistan are withdrawing of foreign troops in an appropriate and orderly manner (and) combating terrorism, securing external support. (…) Three principles of peace and reconciliation process of Afghanistan: First, it should be Afghan-led. Second, it should prioritize peace. Third, the process should be broadly representative and inclusive to set the stage (to be) more inclusive.”
Zuletzt (und erstmalig) hatte es einen Waffenstillstand im Juni 2018 zum Ende des Ramadan gegeben, ebenfalls ausgerufen von Ghani und den Taliban. Sicherheitskräfte und Taliban umarmten sich damals, machten Selfies, es gab massenweise unglaubliche Verbrüderungsszenen. (https://thruttig.wordpress.com/2018/06/17/kurze-waffenruhe-aber-neue-hoffnung-auf-frieden-in-afghanistan/ ) Allerdings, so hörte ich nachher aus Resolute-Support-Kreisen, seien Regierung wie Staatengemeinschaft in keiner Weise darauf vorbereitet gewesen, die Friedenschance dieser Tage auch zu nutzen.

JETZT MUSS DIE CHANCE GANZ ANDERS GENUTZT WERDEN!

( https://tolonews.com/afghanistan/eid-ceasefire-draws-reactions-us-world )

Voraus gingen in 2020 fünf Monate einer sehr wechselhaften Gewaltentwicklung

Laut UNAMA-Bericht zu Zivilopfern im bewaffneten Konflikt ging ihre Zahl im 1. Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahrszeitraum um 29% auf 1.293, davon 533 Tote zurück. In der letzten Februarwoche reduzierten beide Seiten die Gewalt sehr stark, bevor am 29. Februar die USA und die Taliban ihr Abkommen zum Abzug internationaler Truppen und zur Absage an Al Qaida unterzeichneten – nach 18 Monaten Verhandlungen, nach 18 Jahren internationaler Truppen im Land, nach 42 Jahren Krieg, Terror und Gewalt in Afghanistan.  Die Hoffnung auf weiter sinkende Gewalt und einen beginnenden innerafghanischen Friedensprozess wurde dann aber schnell enttäuscht. Auch der Aufruf von UN-Generalsekretär Guterres vom 23. März zu einem Globalen Waffenstillstand angesichts der Corona-Pandemie fand kein Gehör.

Laut UNAMA nahmen im März die Taliban-Angriffe auf afghanische Sicherheitskräfte, und damit die Zahl der Zivilopfer zu. Lt. Reuters sollen die Angriffe zwischen 1. März und 15. April um 70% gegenüber dem Vorjahrszeitraum angestiegen sein.

Im April nahm die Zahl der durch Taliban verursachten Zivilopfer um 25% ggb. April 2019 zu, der durch afghanische Sicherheitskräfte verursachten Zivilopfer um 38%. 

Einen Vorschlag der Regierung zu einem Waffenstillstand während des Ramadan wiesen die Taliban am 24. April zurück

Im 1. Quartal betrafen 18 Sicherheitsvorfälle das Gesundheitswesen, 17 davon werden den Taliban zugeordnet. Das führte zur zeitweiligen Schließung von 50 Kliniken. Am 16. und 18. März erklärten die Taliban, sie würden bei der Bekämpfung von Corona mit internationalen Organisationen zusammenarbeiten und den Transport von medizinischer Ausstattung, Arzneimitteln und Hilfe in Gebiete unter ihrer Kontrolle ermöglichen.

(https://unama.unmissions.org/sites/default/files/unama_protection_of_civilians_in_armed_conflict_-_2020_first_quarter_report_english_0.pdf )

Einen erneuten „moralischen Tiefpunkt“ (Thomas Ruttig) erreichte der Gewaltkonflikt am 12. Mai: Gegen 10.00 Uhr griff ein dreiköpfiges Terrorkommando in Polizeiuniformen ein Krankenhaus in dem vor allem von Hazara bewohnten Kabuler Stadtteil Dascht-e Bartschi, und da vor allem die Entbindungsstation von „Ärzte ohne Grenzen“ an . 24 Menschen starben, darunter etliche Mütter, Schwestern und zwei Neugeborene. 19 Menschen wurden verletzt, darunter Amina, die zwei Stunden vorher geboren wurde.  Die Taliban distanzierten sich von dem Anschlag. (Laut TOLOnews vom 13. Mai klagten Anwohner, dass im letzten Jahr in ihrem Viertel allein zehn Terroranschläge mit Dutzenden von Ziviltoten geschehen seien. Den Behörden warfen sie vor, die Sicherheitsvorkehrungen nicht verbessert zu haben.)

Am selben Tag griff ein Selbstmord-Attentäter in Nangarhar eine Beerdigungsfeier für einen Kommandeur der Lokalpolizei an, 19 Menschen starben, viele mehr wurden verletzt. Hierzu bekannte sich der afghanische IS-Ableger. Präsident Ghani befahl den Sicherheitskräften, nach zweieinhalb Monaten Defensiv-Modus wieder in die Offensive zu gehen.

Zwei Tage später wurden bei einem Lkw-Bombenanschlag vor einem Militärgerichtsgebäude in Gardez/Paktia fünf Menschen getötet und 33 verletzt. Hierzu bekannten sich die Taliban.

Der ankündigte und erhoffte innerafghanische Friedensprozess kam bisher nicht in die Gänge. Die Friedensgespräche sollten am 10. März in Oslo beginnen. Im Vorfeld sollte ein Gefangenenaustausch (5000 Taliban-Häftlinge gegen 1000 gefangene Polizisten und Soldaten) vertrauensbildend wirken. Der Austausch kam mit Verzögerung und erst schrittweise voran. Bis zum 11. Mai wurden mehr als 1.000 Taliban und 171 Sicherheitskräfte freigelassen (jüngste Zahlen s.o.). Seitdem hatte die afghanische Regierung weitere Freilassungen eingestellt.

Verzögert wurden die Friedensgespräche nicht zuletzt durch den Streit um die Präsidentschaft, wo sich tatsächlich am 9. März die zwei Konkurrenten der Wahl von Ende September als Präsidenten vereidigen ließen. Dass am 17. Mai Präsident Aschraf Ghani und Abdullah Abdullah eine politische Vereinbarung über eine Machtteilung unterzeichnet haben, kann hoffentlich genutzt werden, um die bisherige Selbstschwächung der Kabuler Politik zu überwinden. (vgl. Thomas Ruttig „Koalitionsregierung mir Warlord-Garnitur“ vom 18. Mai, https://thruttig.wordpress.com/2020/05/18/koalitionsregierung-mit-warlord-garnitur/ )

„Give Ceasefire a Chance“ , von Wazhma Frogh, Gründerin der „Woman & Peace Studies Organization WPSO. http://wpso-afg.org/ (TOLOnews 27.05.2020, https://tolonews.com/opinion/give-ceasefire-chance )

Wazhma Frogh writes that the ceasefire announced by the Taliban--and reciprocated by the Afghan government--has made us all hopeful.

At the end of April, the United Nations Assistance Mission (UNAMA) reported that over 500 civilians, including 150 children, were killed and injured since the US-Taliban deal had been struck in Doha in February this year. We were just grappling with these numbers when the attack on the Kabul maternity hospital shocked the whole country and the world. Infants, pregnant women, new mothers and hospital workers were shot dead. On the same day, in a funeral in another corner of the country, scores of civilians were killed. This was the story of just one day in Afghanistan. Conflict continues to take a huge toll on civilians despite the peace deal signed between the US and the Taliban. 

The US-Taliban agreement is anchored on the assumption that there will be successful negotiations between the Afghan government and the Taliban, and this will pave the way for a new arrangement between the two, and the US troops will withdraw simultaneously. But the reality on the ground tells another story. If the level of violence does not decrease, and attacks continue, the war will continue. No matter how much the Taliban will “progress” or not, the level of armed violence will turn Afghanistan into a much safer haven for terrorists--the original sin that brought US forces to Afghanistan in the first place. 

I have been part of a long-time women’s movement for the past 20 years in Afghanistan that continues to work locally and nationally to build peace and resolve conflicts in homes, communities and society at large. As we mobilize women and girls in different communities, we try hard to promote the culture of peace and non-violence for our kids and youth. However, our work has been heavily impacted by attacks and insurgent activities. 

As part of my work with the Afghanistan High Peace Council, we conducted a national dialogue across almost all the provinces of Afghanistan in 2017-2018. Conversations were held with millions of Afghans from all walks of life. Everyone was asking for an end to the violence and bloodshed. 

My experience from Helmand was startling. Helmand has been the stronghold of the Taliban insurgency for years, and there is a huge count of civilian casualties from that province. When we visited Helmand, we had a crowd of around 3 to 4,000 people coming to us and telling us how much they wanted to end this conflict. We met hundreds of women. We didn’t come across a single family who hadn’t suffered a family member’s death— with many of those killed serving either with the police or with the Taliban insurgency. Some families had both a son in the national security forces and another in the Taliban insurgency. Their mothers were crying and asking for an end to the bloodshed. 

What I learned in Helmand was that mothers of the Taliban fighters had a double burden on their shoulders because their sons were considered responsible for the civilian losses, and they—the mothers--felt the pressure from the rest of the community but they didn’t want their sons to get killed either. 

A lot of the activist movements for the ceasefire were initiated by people and civil society organizations across the country, and their efforts resulted in the first ceasefire during Eid of 2018. Since then we learned that it’s possible to give ceasefire a chance--a longer chance--so that it can enable us to move towards the path of peace. 

For the past two years, Afghan women have established a national level coalition coordinated by the Afghan Women’s Network, which is called “Our Voice for Our Future.” It has brought together women leaders from all over the country who are calling for a ceasefire as part of the negotiations between the US and the Taliban. They’ve engaged families and communities in their discussions and everyone wants a ceasefire and a reduction in the violence. 

The ceasefire announced by the Taliban--and reciprocated by the Afghan government--has made us all hopeful. My family visited their fields and gardens in the countryside and you could see the happiness on people’s faces--despite the COVID-19 spread in the community—and the hope in their eyes. We want this hope to turn into a dream, a dream for a better Afghanistan. 

We have come a long way in the new Afghanistan for the past 20 years and the youth in this country can actively engage in a national peacebuilding process if the conflict comes to an end and the violence is reduced. My understanding is that if the ceasefire is given a chance and is extended, the intra-Afghan negotiations can start and include the Taliban in political structures and governance. If they respect the views and perspectives of the majority of Afghans, the country will move on a path to inclusive and sustainable peace and there won’t be any need for US or NATO forces to stay and fight in Afghanistan.

Wazhma Frogh is the founder of WPSO-Afghanistan and a peacebuilder. She is a senior member of the Afghan Women’s Network and writes extensively on Afghanistan peace and conflict matters.

Deutsche Medien

„Aschraf Ghani akzeptiert Waffenruhe mit Taliban - Die afghanische Regierung und die Taliban haben sich auf eine dreitägige Waffenruhe verständigt. USA und NATO dringen auf weitere Schritte für den Frieden“, ZEIT ONLINE 24.05.2020, https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/afghanistan-taliban-waffenruhe-aschraf-ghani

„Neue dreitägige Waffenruhe in Afghanistan – nach Konfliktverschärfung“ von Thomas Ruttig, 25.05.2020, https://thruttig.wordpress.com/2020/05/25/neue-dreitagige-waffenruhe-in-afghanistan-nach-konfliktverscharfung/

„Fastenbrechen in Frieden“ von Tobias Matern, SZ 26.05.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-fastenbrechen-in-frieden-1.4917132

Informationen zur Corona-Lage:

CORONA IN AFGHANISTAN und in anderen Konflikt- und Krisenländern: Ein Aufruf zu Hilfe von unten, Aufruf zu Globalem Waffenstillstand, Berichte und Kommentare zu einem anrollenden Tsunami, 04.04./26.05.2020 (ständig aktualisiert): Am 26.05. 11.831 Infizierte, 220 Tote, 32.870 Getestete; http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1630


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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