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Was machte der Afghanistaneinsatz mit den deutschen Soldaten? Erste sozialwissenschaftliche Langzeitstudie zu Veteranen des 22. Kontingents ISAF (2010)

Veröffentlicht von: Nachtwei am 12. August 2014 17:35:37 +01:00 (10360 Aufrufe)

Pauschale Meinungen zum Afghanistaneinsatz und seinen Folgen gibt es viele, fundierte, differenzierte Kenntnisse dazu hingegen viel weniger. Das Zentrum Militärgeschichte + Sozialwissenschaften der Bundeswehr hat jetzt Teilergebnisse einer Langzeitstudie von Anja Seiffert und Julius Heß zu den Folgen des Einsatzes für die AFG-Rückkehrer, ihre Familien und Partnerschaften  veröffentlicht. Die Ergebnisse werden in den Medien als überraschend kommentiert.

Erstmalig Langzeitstudie zu deutschen Afghanistan-Rückkehrern: Von Stabilisierungs- bis Kampfeinsatz –

was macht das mit den Soldaten?

Winfried Nachtwei, MdB a.D. (8/2014)

Zehntausende Bundeswehrangehörige, Tausende deutsche Entwicklungsexperten und Polizisten waren in Afghanistan seit 2001 im Einsatz und machten einschneidende, je nach Zeitpunkt, Region und Funktion aber auch sehr verschiedene Erfahrungen. In der breiten Öffentlichkeit dominieren demgegenüber Pauschalbilder vom Einsatz, seinen Wirkungen und Folgen.

Nach Jahren der Verdrängung und Beschönigung bekamen inzwischen psychisch und körperlich verwundete Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien eine erhöhte Aufmerksamkeit und Unterstützung. Manchmal entstand vor allem über Fernsehfilme der Eindruck, als seien alle aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten geschädigt oder gar verroht.

Erstmalig gibt nun eine sozialwissenschaftliche Langzeitstudie Aufschluss über die Selbsteinschätzung der Soldatinnen und Soldaten des 22. ISAF-Kontingents, die im besonders gewaltintensiven Jahr 2010 in Nordafghanistan eingesetzt waren. Sie wurden vor und im Einsatz, kurz danach und mehr als zwei Jahre nach Rückkehr befragt.

Mit dem im Juni 2013 fertiggestellten und im Juli 2014 veröffentlichten Forschungsbericht werden nun erste Ergebnisse der Befragung noch aktiver Kontingentangehöriger von Dezember 2012 bis März 2013 allgemein zugänglich. (Die Befragung inzwischen ausgeschiedener Kontingentangehöriger wird zzt ausgewertet)

Afghanistanrückkehrer. Der Einsatz, die Liebe, der Dienst und die Familie Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF von Dr. Anja Seiffert und Julius Heß M.A., Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), vormals Sozialwissenschaftliches Institut der BW. www.mgfa-potsdam.de/html/aktuelles/neuestudiedeszmsbwveroeffentlicht?teaser=0

Der Fokus der Studie richtet sich auf die Folgen für die Familien und Partnerschaften. Die gesundheitlichen Folgen kommen umfassend erst im Abschlussbericht zur Sprache, der im nächsten Jahr erscheinen soll.

Schwerpunkte der Studie sind:

- Belastungen und Beanspruchungen direkt nach der Rückkehr und heute

- Auswirkungen des Einsatzes auf die Person

- Veränderungen für Familie und Partnerschaft

- Trennungs- und Bindungsquoten

- Unterstützung für Einsatzrückkehrer und ihre Familien

- Vereinbarkeit von Dienst mit Privat- und Familienleben, Belastungen

- Umgang mit dienstlichen und familiären Ansprüchen sowie Erwartungen an den Dienstherrn

Dass „die Soldatinnen und Soldaten (..) in der eigenen Wahrnehmung zwei Jahre später mit den Belastungen des Einsatzes überwiegend gut zurecht“ kommen, widerspräche vielen Erwartungen, so Spiegel Online am 10. August. (www.spiegel.de/politik/ausland/bundeswehr-studie-dokumentiert-auswirkungen-auf-afghanistan-veteranen-a-985364.html )

Die „allgemeinen Rahmenbedingungen des Dienstes am Heimatstandort haben für die Mehrzahl der Befragten sowohl direkt nach der Rückkehr aus dem Einsatz als auch zwei Jahre später ein wesentlich höheres Belastungspotenzial als mit dem Einsatz verbundene Beanspruchungen. Für eine kleinere Teilgruppe, die auch zwei Jahre später von psychischen oder physischen Verletzungen sowie Fremdheitsgefühlen im Alltag berichten, gelten diese Befunde jedoch nicht gleichermaßen.“ (S. 5) Erhebliche Teile der Befragten berichteten nach zwei Jahren von positiven Effekten des Einsatzes für die eigene Person. (Wertschätzung des eigenen Lebens, gestiegenes Selbstbewusstsein) 44% der Soldaten, die in Gefechtshandlungen involviert waren (21% des Gesamtkontingents), sprechen darüber nicht mit ihren Partnern und Familien. Auffällig ist aber auch, dass 91% der Befragten „nach ihrer Rückkehr (..) in der einen oder anderen Art und Weise Unterstützung für sich oder seine Familie in Anspruch genommen“ haben, jeweils zu 80% und mehr bei Freunden/Verwandten, Kameraden, Vorgesetzten, Einheit. Von Gefechtserfahrenen nahmen direkt nach dem Einsatz 64% Gesprächsangebote des Psychologischen Dienstes an.

Vorsicht vor falscher Beruhigung: Die Studie belegt die persönliche Stärkung, die viele Soldaten durch den Einsatz erfahren. Diese Erkenntnis, die Abgeordnete mit viel Kontakten zu Einsatzsoldaten nicht überrascht, ist aber kein Grund zur Entwarnung! Sie ändert nichts daran, dass knapp 10 Prozent der Soldaten (und oft auch ihre Angehörigen) auch noch zwei Jahre nach dem Einsatz unter den schwerwiegenden Folgen der Einsatzerlebnisse leiden. Das sind 350-400 SoldatInnen nur eines Kontingents! Und zu bedenken ist, dass die Befragungsergebnisse der inzwischen ausgeschiedenen Kontingentsoldaten noch ausstehen (Veteranenbefragung). Unter ihnen wird es wahrscheinlich einen höheren Anteil von jüngeren Soldaten mit mehr Gefechtserfahrung  geben, die ohne den stützenden Zusammenhalt der Truppe zugleich schwerer für Beratungs- und Behandlungsangebote erreichbar sind. Die besondere Tücke Posttraumatischer Belastungsstörungen ist zudem, dass sie noch viele Jahre nach den entsprechenden Ereignissen zum Ausbruch kommen können.

Diese notwendigen Relativierungen werden z.B. im SZ-Artikel „Das neue Leben in Afghanistan“ vom 12.8.2014 nicht mitbedacht. Die Kernaussagen der Studie werden damit geschönt.

Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit? Die Studie wurde im Auftrag des Verteidigungsministeriums erstellt. Das mindert nicht ihre Glaubwürdigkeit und macht sie keineswegs zu einem Gefälligkeitsgutachten. Die SozialwissenschaftlerInnen des ehemaligen SOWI und jetzigen ZMSBw sind auch im Rahmen der Ressortforschung auf wissenschaftliche Grundprinzipien und Methodik verpflichtet. Über die Jahre waren die Forschungsergebnisse dem ministeriellen Auftraggeber längst nicht immer genehm. Das zeigte sich nicht zuletzt in der oftmals restriktiven Veröffentlichungspraxis des früheren SOWI. Wenn die Veröffentlichung ein Zeichen dafür ist, dass sich das ändert, wäre das zu begrüßen. Außerdem: Von der  sozialwissenschaftlichen Kompetenz und geistigen Unabhängigkeit der Leiterin der Studiengruppe, Dr. Anja Seiffert, habe ich direkt profitieren  dürfen, als sie meine Büroleiterin im Bundestag war.

Kontext der Langzeitbegleitung „ISAF 2010“:

Die Berichte „ISAF 2010. Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Begleitung des 22. Kontingents“ vor, im und nach dem Einsatz von April und Oktober 2010 und Mai 2011 wurden bisher nicht voll veröffentlicht. Ihre Teilergebnisse sind aber in Aufsätzen und vor allem in dem Sammelband „Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan“, hrsg. Von Anja Seiffert, Phil C. Langer und Carsten Pietsch, Schriftenreihe des SOWI, Wiesbaden 2012 publiziert.

- In dem Beitrag „Generation Einsatz“ von Anja Seiffert geht es um die differenzierten Erfahrungswelten im Einsatz, die Kampferfahrungen nach Teilgruppen, Einstellungen zum Auftrag nach Kampferfahrungen, Bewertung der Wirksamkeit des Einsatzes nach Einsatzgebieten, Generationenkonflikt zwischen militärischer Führung und Einsatzsoldaten, Spannungsverhältnis zwischen Führungsqualitäten im Einsatz und Organisationskultur der Bundeswehr;

- In dem Beitrag „Zur Motivation deutscher Soldatinnen und Soldaten für den Afghanistaneinsatz“ von Carsten Pietsch geht es um Einstellungs- und Handlungsdimensionen von Motivation vor dem Einsatz, Gründe für die Teilnahme am ISAF-Einsatz (88% gute Kameradschaft, 76% sinnvoller Auftrag, 68% Zusammenarbeit mit anderen Nationen, 64% Einsatz als echte Herausforderung (…), 26% Spannung/Abenteuer), Motivation nach der ISAF-Teilnahme (73% bereit zu weiterem Einsatz) und Gründe für/gegen weitere Einsatzteilnahmen.

- In dem Beitrag „Erfahrungen von ´Fremdheit` als Ressource verstehen – Herausforderungen interkultureller Kompetenz im Einsatz“ von Phil. C. Langer geht es um die Entwicklung interkultureller Sensibilität über den Einsatz hinweg und nach Dienstgradgruppen.

Dieser Band ist meines Wissens inzwischen vergriffen. Es wäre ausgesprochen hilfreich, wenn die Beiträge im Internet zugänglich gemacht würden!

 


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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