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Rede von Winfried Nachtwei
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HINSEHEN: Ausstellung "Kunduz, 4. September, eine Spurensuche"

Veröffentlicht von: Webmaster am 23. April 2010 22:08:24 +01:00 (20659 Aufrufe)

Bei der Eröffnung der Ausstellung "Kunduz, 4. September" des stern-Reporters Christoph Reuter und des Fotojournalisten Marcel Mettelsiefen am 23. April in Potsdam hielt Winfried Nachtwei den folgenden Redebeitrag:

Rede von Winfried Nachtwei zur Eröffnung der

Ausstellung „Kunduz, 4. September 2009 - Eine Spurensuche" von Marcel Mettelsiefen und Christoph Reuter

am 23. April 2010 im Kunstraum Potsdam

(Vorbemerkung: Zur Eröffnung der Ausstellung sprachen vor schätzungsweise 200 Besuchern, darunter viele Menschen mit Afghanistanerfahrung, ebenfalls

  • Katja Dietrich-Kröck, Künstlerische Leiterin des Kunstraum Potsdam,
  • Dr. Hartwig von Schubert, Militärdekan an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg,
  • Jakob Augstein, Herausgeber des „FREITAG", der wesentlich die Ausstellung ermöglichte und am 23. April eine vierseitige Sonderbeilage zur Ausstellung brachte,
  • Christoph Reuter, Afghanistan-Reporter des STERN, und Marcel Mettlelsiefen, Fotojournalist.

Am 24./25. berichteten die Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Welt Online, Märkische Allgemeine ausführlich über die Ausstellung.

Das Buch zur Ausstellung ist bei Rogner & Bernhard/Berlin erschienen.)

Sehr geehrte Damen und Herren,

als langjähriges Mitglied des Verteidigungsausschusses habe ich den Afghanistaneinsatz mitverantwortet und relativ häufig das Land besucht. Mir ist es auch deshalb ein Bedürfnis, hier zu sprechen, weil seit vielen Jahren die Auseinandersetzung mit einer verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber Opfern zu meinen politischen Triebkräften gehört.

Morgen findet die achte Trauerfeier für Bundeswehrsoldaten statt, die im Norden Afghanistans um`s Leben gekommen, gefallen sind. Bei allen bisherigen Trauerfeiern war ich dabei. Um den Toten auf den Erinnerungsfotos, ihren gleichaltrigen Kameraden, ihren Angehörigen ins Gesicht zu sehen, um zu spüren, welche menschlichen Konsequenzen unsere Politik hat.

Mir drängten sich bei diesen Trauerfeiern vor allem zwei Schlussfolgerungen auf:

  • Wir müssen HINSEHEN, uns unbedingt ehrlich machen!
  • Die politische Grundpflicht zum verantwortbaren Auftrag. Es reicht nicht, ihn nur sicherheitspolitisch zu begründen und zu rechtfertigen. Nein, er muss auch aussichtsreich, verantwortbar sein!

Wie sah es damit in den letzten Jahren aus?

Ich erinnere mich an unseren Besuch in Kunduz im Mai 2007, in der Koranschule, die als was offener galt, freundliches Gespräch mit den Talib, den Koranschülern. Unsere BKA-Begleiter hatten die Lage nicht mehr ganz unter Kontrolle, aber es schien auch gar nicht so nötig.

Zwei Wochen später Selbstmordanschlag auf dem Markt von Kunduz, drei Bundeswehrsoldaten, sieben afghanische Zivilisten zerfetzt, tot. Die Bundeswehr zog sich daraufhin - verständlicherweise - auf den Selbstschutz zurück. Es war aber zugleich auch über etliche Wochen ein Rückzug vom Auftrag, für sicheres Umfeld zu sorgen.

Im Laufe des Jahres 2008 verschärfte sich die Lage weiter, ab April 2009 extrem: Seitdem immer wieder Gefechte, Gefechte, offener Guerillakrieg rund um Kunduz.

Für das in Kürze erscheinende, alljährliche Friedensgutachten hatte ich Gelegenheit, genauer zu untersuchen, wie es zu dieser Verschärfung kam, wie vor allem damit umgegangen wurde. Bei Briefings vor Ort in Kunduz erfuhren wir davon. Die Verschärfung wurde trotz aller Beschönigungsfilter dazwischen nach Potsdam und Berlin gemeldet. Aber auf politischer Ebene in Berlin wurde die Zuspitzung nicht wahrgenommen. Man wollte sie nicht wahrnehmen.

Nach unserem Obleutebesuch im Juni 2009 fragte ich die Bundesregierung mehrfach, warum die Provinz Kunduz so abgedriftet sei. Eine einfache Frage, nie eine Antwort! Erfahren habe ich eine Struktur von Selbsttäuschung und Täuschung.

Nach dem Luftangriff vom 4. September erreichte diese Haltung ihren Höhepunkt.

Der eingesetzte Untersuchungsausschuss war notwendig, untersuchte aber nur verkürzt. Im Mittelpunkt stand und steht der nachtägliche politische Umgang mit dem Luftangriff, stehen innenpolitische Interessen - und nicht, wie es über die Wochen und Monate zu der verheerenden Lage kam, wie die Offiziere und Soldaten der Bundeswehr dort in eine aussichtslose Situation geraten konnte. Im ZEIT-Dossier „Das Kundus-Syndrom" ist das erschütternd dargestellt.

Jetzt wurde die langjährige deutsche Nabelschau auf die Spitze getrieben, wo neben den eigenen Soldaten die eigenen Entwicklungshelfer und Polizisten kaum Beachtung finden und getötete afghanische Polizisten in Kunduz gar keine. Der Blick ist nur auf die eigenen Stiefel gerichtet - und nicht auf das „Umfeld", das zu sichern doch der Kern des Auftrags ist. Der Blick ging vor allem nicht auf unsere, der Politiker Hauptverantwortung.

ENDLICH jetzt Eure Recherchen, die Ausstellung, das Buch. Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen lenken den Blick auf das Wesentliche, auf die Wesentlichen: auf die Verhältnisse, auf die Menschen in der ehemaligen Hoffungsprovinz Kunduz, auf die Toten und Verwundeten vom 4. September.

Im Guerillakrieg, erst Recht bei einer entfalteten Aufstandsbewegung verschwimmen Fronten, ist kaum unterscheidbar, wer Kämpfer, Unterstützer, Mitläufer, Freund oder Feind ist, die vielen Schattierungen dazwischen. Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen zeigen unabhängig von solchen Zurordnungsversuchen Menschen, die durch den Luftangriff am 4. September starben, die Söhne, Väter, Brüder verloren. Sie geben anonymen Opfern ihr Gesicht.

Wo Gewalt, Misstrauen, Feindschaft eskalieren, wo das Gift des Krieges wirkt, da lenken sie den Blick zurück auf die Menschen.

Für einen Staat wie die Bundesrepublik Deutschland, die zusammen mit ihren Streitkräften auf die Menschenwürde verpflichtet ist, wäre das eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nicht mehr auf die Menschen zu sehen, würde dem Einsatz jeden Sinn rauben.

Großer Dank Euch für Eure mutige, menschliche Aufklärungsarbeit - der Politik zur aufrüttelnden Mahnung und Warnung!

Ich wünsche und hoffe, dass diese Ausstellung einen Wendepunkt markiert: zu Ehrlichkeit in der deutschen Afghanistanpolitik.

Hin weis: 

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Meine Rede als PDF-Datei ist hier herunterladbar.

 


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Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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