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Rede von Winfried Nachtwei
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Vortrag "Interkulturelle Kompetenz bei Kriseneinsätzen"

Veröffentlicht von: Nachtwei am 17. Oktober 2011 19:30:42 +02:00 (25238 Aufrufe)

Zu Beginn eines internationalen Expertentreffens in Koblenz sprach W. Nachtwei über "Interkulturelle Beziehungen und Kompetenz bei Kriseneinsätzen aus politischer Perspektive". Selbstkritisch musste er feststellen, dass während seiner Mitgliedschaft im Verteidigungsausschuss bis 2009 diese Schlüsselkompetenz nur unzureichend thematisiert worden war. Weitere Eröffnungsredner waren Kapitän z.S. Liedtke, amtierender Kommandeur des Zentrum Innere Führung, und Prof. Johan Galtung.

 

Interkulturelle Beziehungen und Kompetenz bei

Kriseneinsätzen aus politischer Perspektive

Key Note von W. Nachtwei, MdB a.D., Mitglied im Beirat Innere Führung, bei dem Internationalen Expertentreffen „Coping with Culture"

4.10.2011 im Zentrum Innere Führung der Bundeswehr/Koblenz

Vorbemerkung: Interkulturelle Kompetenz (IkK, Cross Cultural Competence/C3), bezogen auf die Mikroebene, „befähigt einen Menschen, Fremdes nicht nur aus dem eigenen Blickwinkel bzw. vor dem eigenen kulturellen Hintergrund zu betrachten, sondern wertneutral an Begegnungen mit dem Fremden heranzugehen. Menschen mit unterschiedlichen Orientierungssystemen treffen aufeinander, die aufgrund der eigenen kulturellen Prägung ihre Umwelt und Mitwelt unterschiedlich wahrnehmen und deuten." (Tomforde 2010) Kernfähigkeiten sind (Ambiguitäts-)Toleranz (Widersprüchlichkeiten, Ungewissheiten aushalten), Einfühlungsvermögen/Empathie, Rollendistanz/Selbstreflexion, Kommunikationsfähigkeit (verbal, non-verbal). Laut Kammhuber (2010) war die Bundeswehr „Mitte der 90er Jahre weltweit die erste Armee, die sich (...) detailliert und intensiv mit interkultureller Kompetenz beschäftigt hat. (...) Leider muss man heute aber feststellen, dass es noch nicht gelungen ist, das Thema so zu institutionalisieren, dass es auch tatsächlich die Soldaten im Einsatz erreicht." Zur IkK-Ausbildung in der Bundeswehr legte der Psychologische Dienst 1998 einen ersten Entwurf vor, der aber nicht umgesetzt wurde. Seit 2005 sind IkK-Lehre und-Trainings in kleinem Umfang Bestandteil der modularen Truppenausbildung. Vielfach beschränkt sich IkK-Ausbildung auf eine Doppelstunde Landeskunde-Unterricht am Rande einer fordernden Ausbildung. 2008 wurde am Zentrum Innere Führung eine Zentrale Koordinierungsstelle für IK gegründet, das in Abstimmung mit dem Zentrum Operative Information in Mayen ein Akademisches Expertennetzwerk IkK/IkK Einsatzberater gestaltet. Im November 2010 erschien das „Vorläufige Konzept zur Vermittlung und Stärkung IkK in der Bundeswehr". Seit 2011 steht für IkK-Multiplikatoren ein ISAF-Trainingsboard zur Verfügung. Vor 2009 gab es in den Einsatzgebieten Interkulturelle Einsatzberater (IEB) für die Bundeswehrkommandeure nur sporadisch, ab 2009 einen, heute sieben. (Kurzbericht vom Expertentreffen unter www.innerefuehrung.bundeswehr.die/portal/a/zinfue)

Der Vortrag thematisiert interkulturelle Beziehungen, Interaktion und Kompetenz nicht nur auf der Mikroebene, sondern auch auf der politisch-strategischen Ebene von Kriseneinsätzen und Friedensprozessen. Gegenüber dem gesprochenen Wort ist der folgende Text an einigen Punkten ergänzt.

Ich spreche zu Ihnen aus der Perspektive von 15 Jahren Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag, Verteidigungsausschuss, und vor dem Hintergrund unserer erheblichen Parlamentsbeteiligung bei Auslandseinsätzen. Ein expliziter Experte in Sachen IK bin ich nicht. Allerdings habe ich einige Erfahrungen dazu - und darüber hinaus eine gewisse Rollendistanz zur Subkultur der Berliner Politik.

Erste thematische Berührungen mit dem Thema hatte ich vor mehr als 30 Jahren.

Als Geschichtslehrer waren in meinem Unterricht der deutsche Kolonialismus in Südwestafrika, der damalige rassistische Alltag und die Ideologie der „zivilisatorischen Mission" regelmäßig ein Thema. Der Begriff der „Schutztruppe" ist daher für mich bis heute kontaminiert.

1981 verfasste ich nach fünf Wochen Mitarbeit vor Ort „Beobachtungen" zu einem Hilfsprojekts des Notärzte-Komitees in Nordsomalia: Der Knackpunkt jedes Hilfs- und Entwicklungsprojekts sind die Menschen, „bei uns das Verhältnis zu den Somalis. (...) Einstellung zur Arbeit: Viele haben zu ihr ein sehr gelassenes Verhältnis, vor allem zu kontinuierlicher und zuverlässiger Arbeit. Begeistertes Arbeiten erlebte ich mehrfach - sogar bei Männern - wenn`s um gemeinsame Aufgaben ging, z.B. Steine aufladen, Sand schippen. Mit den Arbeitsgesängen und dem Gemeinschaftserlebnis kam die Arbeitsfreude. Dagegen erleben unsere Mediziner bei Pflegepersonal und -schülern penetrant oft das andere Extrem: massive Arbeitsunlust und Untätigkeit, sogar angesichts hilfsbedürftiger Kranker. Für uns, zumal als Deutsche mit unserer seit Generationen verinnerlichten Arbeitshaltung, ist das oft unbegreiflich und nervig. Und als Freiwillige sind wir sozusagen „doppelte Deutsche" und in der Gefahr, an die Somalis ähnliche Erwartungen wie an uns selbst zu stellen. Vergessen wird nur, dass die Somalis hier ein ganzes Leben arbeiten und leben, unsere Leute aber nur einige Wochen oder Monate. Auf „Besuch" lässt sich totaler Einsatz wohl noch einigermaßen durchhalten, auf Dauer wohl kaum. (Einstellungen zu materiellen Dingen, Verhalten gegenüber Mitmenschen) Reduziert erfahren wir die Somalis fast nur unter dem Aspekt er Arbeit. Hierbei erlebt sich der Europäer schnell als überlegen, wird umgekehrt schnell von den Somalis als „Experte" behandelt und geachtet. Da sich weiter bewusst zu bleiben, wie wenig Ahnung man im Grunde hat von diesem Land und dem, was hier notwendig wäre, ist schwer. Näher liegt, in fixe Selbstüberschätzung zu geraten, sich als King zu fühlen, erst fachlich, dann auch geistig-moralisch. Somalis werden - mit Ausnahme der an die Westnormen Angepassten - „faul, unzuverlässig, schlampig, ignorant". Der gewöhnliche Rassismus des Herrenmenschen kommt hoch. In der Subkultur europäisch-amerikanischer Experten und Helfer sind solche zynischen Einstellungen nicht wenig verbreitet, als „Erfahrungen" werden sie den „unerfahrenen Idealisten" weitergegeben.(...) negativer Lernprozess vom Entwicklungshelfer zum Entwicklungszyniker (...)"

Es war mein erster von insgesamt 34 Berichten aus Krisenregionen. Mir fällt auf, dass ich später die interkulturellen Beziehungen kaum mehr so umfangreich thematisierte.

Nachdem mein Vorredner, Kapitän z.S. Liedtke, auch die Interkulturalität in der Bundeswehr und im multinationalen Verbund thematisierte, will ich mich auf die Dimension Einsatzland konzentrieren.

Beobachtungen zu interkulturellen Beziehungen auf der Mikroebene

bei mehr als 40 Besuchen in Krisenregionen, insbesondere Balkan, Afghanistan und Kongo:

Auf den Balkan entsandte deutsche Polizisten wohnten oft privat, waren länger im Land. Sie kannten sich recht genau mit den örtlichen Bedingungen, Macht- und kriminellen Strukturen aus. Als im März 2004 KFOR-Spitzen unverdrossen von der weiteren Reduzierung ihrer Truppe sprachen, spürten Polizisten die Vorboten der nahenden Explosion. Bemerkenswert war die rechtsstaatliche Hartnäckigkeit und Durchhaltefähigkeit von Polizisten in einem Land, wo „Kriminalität als staatstragendes Prinzip" galt.

In Afghanistan erlebte ich ab 2002/2003 europäische Soldaten, Polizisten und Zivilexpertenmit dem Willen und Können, keineswegs in eine Besatzerrolle zu geraten. Lebhaft erinnere ich mich an eine Szene in einer Koranschule in Kunduz im Mai 2007. Die herumstehenden Talib (Koranschüler) fragte ich „wie findet ihr die denn?" und zeigte auf einen begleitenden Bundeswehr-Hauptmann. „Die verhalten sich anständig" kam die Antwort. Im ersten Moment erinnerte ich mich daran, dass Anstand in Deutschland längst nicht überall als wichtige Tugend angesehen wird. Dann aber fiel mir ein: In einem Land, wo Ehre und Respekt so zentral sind, ist ein solches Urteil eine Bestnote.

Der Unterstützungsansatz schlug sich nieder im Keyleader Engagement, im Second-Row -Approach. Praktiziert wurde zumindest interkulturelle Rücksichtnahme.

Ende Mai 2007 kam im Norden die bisherige interkulturelle Offenheit unter Stress, nachdem auf dem Markt von Kunduz ein Selbstmordattentäter drei Bundeswehrsoldaten und sieben afghanische Zivilpersonen zerfetzt hatte.

Wie konnte man Offenheit bewahren, wenn „Freund" und „Feind" immer schwerer unterscheidbar waren, wo die Mauern der verschiedenen Wagenburgen wuchsen, wo ein Teil der Soldaten Afghanen nur noch als Tagelöhner im Feldlager erlebte. Das Dilemma zwischen Selbstschutz/Wachsamkeit/Misstrauen einerseits und Auftrag/Offenheit/Vertrauen, zwischen Sicherheits-Distanz und kommunikativer Nähe verschärfte sich.

Aber mit der Lageverschärfung, der Rückkehr des Krieges und dem Strategiewechsel bei ISAF insgesamt wurde vor Ort umso deutlicher, dass  IK eine Schlüsselfähigkeit ist. Zum Eigenschutz wie zum Einsatzerfolg. Ohne IK sind Köpfe und Herzen der Bevölkerung nicht erreichbar. Wo diese Kompetenz fehlt, agiert Truppe im soziokulturellen Nebel. Und dieser ist undurchdringlicher und tückischer als jeder Wetternebel. Das Risiko, per Mangel an IkK unmerklich in einen Konfliktsumpf zu rutschen, ist erheblich. Perfektionierte technische Aufklärung in Echtzeit kann Dunkelheit und Bewölkung durchdringen, aber nicht diesen soziokulturellen Nebel.

Umgekehrt war es ungewöhnlich erhellend, gelegentlich vor Ort Interkulturellen Einsatzberatern sowie Sprachmittlern mit afghanischem Hintergrund und Feldnachrichtenkräften zu begegnen. Schon in kurzen Gesprächen taten sich ganz andere, viel komplexere Welten auf. Mit ihrem umfassenden Wissen über die fremde Kultur, lokale und überregionale Netzwerke und letztlich den geopolitischen und geostrategischen Rahmen konnten Interkulturelle Einsatzberater nicht nur Besuchern fundierte Einblicke ermöglichen. Sie sind vor allem unerlässlich für die Kommandeure vor Ort - z.B. wenn es darum geht, Gesprächskanäle zu öffnen, Verhandlungen mit lokalen Powerbrokern zu führen oder Entscheidungen im Rahmen geplanter oder laufender Operationen zu treffen.

Politisch-strategische Makroebene

IkK braucht, soll sie nicht zur rein instrumentellen Fähigkeit für beliebige Zwecke verkümmern, einen Wertebezug. Der ist mit der Ableitung der IkK aus dem Konzept der Inneren Führung richtig benannt. Allerdings reicht hier meiner Auffassung nach nicht der Bezug zum Eid des Bundeswehrsoldaten („das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen"). Über das Grundgesetz und andere nationalen Verfassungen hinaus sind die UN-Charta (1945) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) der elementare Bezugsrahmen - laut Kofi Annan der „gemeinsame Nenner der Menschheit". Zum globalen Werte- und Zielfundament der Menschheit würde ich auch das Ergebnisdokument des Weltgipfels 2005 zählen: Frieden und Sicherheit und Menschenrechte als Säulen des UN-Systems, gute Regierungsführung und Herrschaft des Rechts, Achtung und Verständnis der religiösen und kulturellen Vielfalt.

Wo nicht nach dem Wofür der IkK gefragt wird und keine Vergewisserung über den eigenen Standort geschieht, da kann kulturelle Kompetenz auch zu einer Herrschaftstechnik und zu einer Art Sozialspionage werden.

In friedens- und sicherheitspolitischen Grundlagendokumenten der Bundesregierung fand ich Passagen zu interkulturellen Beziehungen zuerst im Aktionsplan „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung" von 2004. Unter der „Förderung von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und verantwortlicher Regierungsführung" heißt es: Reformprozesse können „nur wirksam begleitet und unterstützt, aber nicht von außen erzwungen werden." Notwendig seien „angepasste Ansätze", wo Länder „ihren eigenen Weg finden". „Dabei müssen die kulturellen Besonderheiten  der jeweiligen Länder berücksichtigt und respektiert werden, ohne dass jedoch die universell geltenden Menschenrechte (...) verhandelbar sind." Bei der Förderung von Friedenspotenzialen kommen auch „Peace and Conflict Impact Assessments" zur Anwendung. Interkulturelles Verständnis und die Achtung anderer Kulturen seien entscheidende Voraussetzungen für die Krisenprävention.

Im Weißbuch zur Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland von 2006 heißt es unter Innerer Führung: „Eine umfassende interkulturelle Bildung schärft das Bewusstsein für die religiösen und kulturellen Besonderheiten in den jeweiligen Einsatzgebieten." (60)

Einsatzmandate definieren auch den politischen Rahmen. Die ISAF-Resolution des UN-Sicherheitsrats wie der Bundestagsbeschluss vom Dezember 2001 betonten die Sicherheitsunterstützung der Interimsregierung in Kabul, die Hilfe bei Wiederaufbau - und, dass die „Sicherheitsverantwortung bei den Afghanen selbst" liege.

Ich erinnere mich an die Tage um die ISAF-Entscheidung Ende 2001 in Berlin. Die Wahrnehmung Afghanistans war ambivalent. „Historisch gegründetes, grundsätzliches Bewusstsein der tückischen Komplexität Afghanistans - also Vorsicht, Betonung von light footprint und Unterstützungsansatz. Zugleich wenig eigenes Interesse an Afghanistan, oberflächliche Wahrnehmung des Landes, einhergehend mit illusionären Erwartungen, mit „Billig-Peacekeping" und „Billig-Statebuilding" nachhaltig Frieden fördern zu können. (...) Einsatz auf Sicht in nebligem Umfeld mit der verbreiteten Erwartung, bald das Ziel zu erreichen." (Meine persönlichen Aufzeichungen „11. September bis 22. Dezember 2001 - Von New York nach Afghanistan aus Berliner Sicht",, www.nachtwei.de/index.php/articles/1074)   Weitsichtige Regionalexperten meldeten sich damals wohl zu Wort, blieben aber bei der Gesamtausrichtung der Politik eher ungehört. In den Afghanistan-Konzepten der Bundesregierung (das erste vom September 2003!) wird nur gelegentlich local ownership angesprochen.

In Dokumenten des Bundestages taucht IkK erstmalig im Abschlussbericht des Unterausschusses Innere Führung von 2007 auf: im Kontext eines Besuches beim Zentrum Innere Führung insbesondere in Bezug auf Multinationale Verbände sowie in anschließenden Anträgen von Union/SPD und Grünen. Im Rahmen des regen parlamentarischen Fragewesens spielte das Thema IkK meines Wissens keine sonderliche Rolle.

Was mir damals nicht so bewusst war, muss ich heute selbstkritisch konstatieren: IK war für uns Sicherheitspolitiker kaum ein Thema - und wenn, dann nur eindimensional und „nach unten delegiert". IkK war reduziert auf eine selbstverständliche Anforderung an die Soldaten, an die Mikroebene, zwecks Ärgervermeidung. Vorherrschend war eine Art interkulturelle Selbstzufriedenheit, die bezogen auf das eigene Verhalten stellenweise zur Ignoranz wurde. Das zeigte sich konkret bei Politikerbesuchen in den Einsatzgebieten, wo sich die Vorbereitung auf Gespräche mit einheimischen Akteuren oft darin erschöpfte, im Flieger kurz einen Lebenslauf zu überfliegen. Wissen um dortige Art und Weise der (non-)verbalen Kommunikation? Keine Spur. Zeit für drei Tassen Tee? Selten. Deutsche VertreterInnen vor Ort berichteten wiederholt von deutschen PolitikerInnen, die sich gegenüber einheimischen Gesprächspartnern interkulturell unsensibel, ja unhöflich verhielten. (Meines Wissens ist in Deutschland bisher nicht untersucht worden, wie viel Schaden durch solche Art von Un-Diplomatie angerichtet wird.) Dass mein Sprecher-Nachfolger Omid Nouripour als gebürtiger Iraner in Afghanistan direkt mit Einheimischen kommunizieren kann, ist ein Ausnahme-Glücksfall.

Brigadegeneral Barth betonte 2006 als ISAF-Regionalkommandeur in Mazar immer wieder, dass die Legitimität in den Augen der einheimischen Bevölkerung das A und O eines Einsatzes sei. Trotzdem war in der Politik kaum bis gar nicht bewusst,

-         dass Interkulturelle Kompetenz unverzichtbar für Eigenschutz und Einsatzerfolg ist;

-         dass diese Fähigkeit selbstverständlich auch Kapazitäten braucht;

-         dass ausgerechnet die Ausbildung der Operational Mentoring and Liaison Teams (OMLT), die mit am intensivsten interkulturelle Interaktion, Gräben und Konflikte erleben, lange vernachlässigt wurde;

-         dass Interkulturelle Kompetenz auch eine Anforderung an die politisch-strategische Ebene sein muss.

Strategische Fehler in den ersten Jahren des internationalen Afghanistan-Engagements haben besonders viel mit interkultureller Ignoranz zu tun:

-         Die Fixierung auf Zentralstaatlichkeit und die Vernachlässigung des Lokalen, naive Vorstellungen von Statebuilding;

-         die kurzsichtige Stärkung von Warlords und Kriegsverbrechern;

-         beim internationalen Militäreinsatz der über etliche Jahre ungeklärte strategische Dissens zwischen Bevölkerungsorientierung und Gegnerfokussierung.

Symptomatisch sind letztendlich die Jahresberichte der Wehrbeauftragten. Regelmäßig und umfassend kommen in ihnen Ausbildungs-, Ausrüstungs- und Fähigkeitsmängel zur Sprache - weil sie ja die Sicherheit der Soldaten betreffen. IkK hingegen war seit 2005 nie ein Thema. Nur im Bericht 2007 wurde sie im Kontext der Verwendungsmöglichkeit von Reservisten angetippt. Gegenüber materiell-handfesten und handwerklichen Fähigkeiten haben es soft skills - mögen sie noch so einsatz- und überlebensnotwendig sein - offenbar äußerst schwer, wahrgenommen zu werden. Eine für mich offene Frage ist, ob sich diese Tendenz verstärkt hat, seitdem der Afghanistaneinsatz pauschal als Kriegseinsatz wahrgenommen wird und die Differenzierung zwischen der taktischen Ebene des Kampfeinsatzes und dem strategischen Auftrag Stabilisierungsunterstützung meist unter den Tisch fällt.

Interkulturelle Verwirrungen

Aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung und Akteure einer Krisenregion gibt die „Internationale Gemeinschaft" ein verwirrendes Bild ab. Auch wenn UN-Mandate regelmäßig zur Zusammenarbeit aufrufen, auch wenn die NATO den Comprehensive Approach, die Bundesregierung die Vernetzte Sicherheit ausgerufen haben - die Realitäten am Boden sind sehr, sehr anders.

Beeinträchtigt, ja z.T. unmöglich gemacht wird die Kohärenz und Kooperation der Akteure durch unterschiedliche, ja kollidierende Ziele, verschiedene Zeithorizonte und Stehzeiten, Organisationskulturen und „Sprachen", Kapazitäten und Ressourcen. An Interakteurskompetenz mangelt es nicht nur zwischen Zivil-Militär, sondern erheblich auch zwischen Zivil-Zivil auf staatlicher wie nichtstaatlicher Ebene.

Mehr Zusammenwirken und Kohärenz ist vor allem deshalb so schwer zu erreichen, weil diese Probleme gerade von oben gern beschönigt werden und weil partikulare Organisationsinteressen (Zuständigkeiten, Einfluss, Besitzstandwahrung) oft Vorrang haben - und nicht der gemeinsame Auftrag und die Wirksamkeit im Ziel.

Bei der Realisierung von Kohärenz und Koordination liegt Deutschland im internationalen Vergleich nach meinen Beobachtungen nicht in der Spitzengruppe.

Positive Beispiele für Interkulturelle Sensibilität

- Die Reihe „Wegweiser zur Geschichte" des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes umfasst bisher elf Bände und hat sich ausgesprochen bewährt. Hilfreich erscheinen mir z.B. die zehnseitige Ausbildungshilfe IkK - Afghanistan - sowie die ISAF-Taschenkarte Ramadan.

- Ein relativ frühes positives Beispiel ist das Tribal Liaison Office (TLO) in Afghanistan. Diese afghanische NGO ist ein Kompetenzzentrum für traditionelle und lokale Strukturen. Ihre MitarbeiterInnen unterstützten traditionelle Akteure dabei, unter den aktuellen Bedingungen ihre Interessen und Anliegen zu artikulieren. (Das TLO wurde ab 2003 von der Heinrich-Böll-Stiftung und Swiss Peace u.a. mit Geldern des Auswärtigen Amts gefördert.)

- Der Einsatz der Niederlande in der südlichen Unruheprovinz Uruzgan ab 2006 gilt als der vergleichsweise erfolgreichste eines nationalen zivil-militärischen Kontingents in Afghanistan. Das „TLO socio-political assessment" über das „Dutch Engagement in Uruzgan 2006-2010" kommt zu dem Ergebnis, dass die Niederländer trotz der kurzen Zeitspanne einen positiven Wandel nach Uruzgan brachten. Nach der Rückzugsentscheidung des niederländischen Parlaments richtete im März 2010 eine große Shura eine Petition an das Parlament in Den Haag, seine Entscheidung zu überdenken. Es war die erste Petition dieser Art in Afghanistan.

Ein wesentlicher Grund für den relativen Erfolg des niederländischen Einsatzes war die umfassende interkulturelle Expertise und Sensibilität, auf dem der Einsatz von Anfang an aufbaute. (Dass er zugleich kein „zahnloser Einsatz" war, zeigte sich in Bewaffnung und Einsatztaktik, wenn die eigenen Kräfte angegriffen wurden. Dann wurde mit Apache-Kampfhubschraubern und der Panzerhaubitze 2000 hart reagiert. Vgl. www.nachtwei.de/index.php/articles/997)

- Im Jahr 2009 bekamen US-Offiziere in Afghanistan von dem für die ANA-Ausbildung zuständigen US-General ein ungewöhnliches Buch zur Lektüre empfohlen: den New-York-Times-Bestseller von Greg Mortenson „Three Cups of Tea" - die Geschichte eines US-Bergsteigers, der in pakistanischen Bergdörfern eine enorme Gastfreundschaft - und den Mangel jeder Schulbildung für die Kinder erfährt. Seitdem war seine Mission: „Schulen, Schulen, Schulen", ausdrücklich auch als Alternative zum „War On Terror" gemeint. Seine Grundbotschaft an die ausländischen „Unterstützer": „hört auf die Berge, hört auf die Menschen!" (Die deutsche Übersetzung „Der Traum vom Frieden - Mein Schulprojekt für Pakistans Kinder", Piper München 2009, ist in deutschen Buchhandlungen kaum zu sehen, im Unterschied zu den meist reißerisch betitelten Einsatzerinnerungen von Bundeswehrsoldaten.)

- Ein hervorragendes Beispiel für interkulturelle Sensibilität und Kompetenz ist die Arbeit des ehemaligen Bundeswehrarztes Dr. Reinhard Erös und seiner Familie in Ost-Afghanistan. „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen" (2008) ermöglichten sie den Bau und Betrieb von mehr als zwei Dutzend Friedensschulen und Basisgesundheitsstationen.

- Gute Beispiele aus der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sind die Provincial Development Funds in Nordost-Afghanistan. Seit 2007 werden hier paritätisch zwischen afghanischer und deutscher Seite Aufbauprojekte ausgewählt und beschlossen. (Die Startgelder des PDF kamen wesentlich aus dem Haushaltstitel des Ressortkreises „Zivile Krisenprävention", für den ich 2005 insgesamt 10 Millionen Euro hatte mobilisieren können.) Oder „Peace and Conflict Impact Assessments" zu Nordafghanistan im Auftrag der GTZ (2010). Kristóf Gosztony und Jan Koehler analysieren für alle neun Provinzen Governance-Kontext und Konfliktfelder, identifizieren Triebkräfte (Driver) für Konflikte und stellen Ansatzpunkte für das EZ-Instrumentarium gegenüber (Handlungsfelder).

(www.arc-berlin.com)

- Die Stammesgebiete (FATA) in der pakistanischen Grenzregion zu Afghanistan stehen für besondere Undurchsichtigkeit. Umso bemerkenswerter, was die pakistanische Entwicklungsorganisation Community Appraisal & Motivation Programme CAMP 2008 herausgab: „UNDERSTANDING FATA", eine sehr informative, empirische Untersuchung zu „Attitudes Towards Governance, Religion & Society in Pakistan`s Federally Administered Tribal Areas". (www.understandingfata.org)

- Ein großer Fortschritt in Sachen Kohärenz und Kooperation war die Übung „Common Effort", die das 1. Deutsch-Niederländische Korps in Münster im September zusammen mit den jeweiligen Außenministerien und vielen zivilen Akteuren durchführte. 300 Militärs und 150 Zivilisten agierten hier nach einem Drehbuch, das gemeinsam von Zivilisten und Militärs entwickelt worden war. Der Kommandierende General des Korps, der niederländische Generalleutnant Ton van Loon, leistete kürzlich einen innovativen Beitrag zur Überbrückung der Kluft zwischen „Generation Einsatz" und hiesiger Gesellschaft: Er lud einen Hauptfeldwebel der Bundeswehr ein, vor Repräsentanten der Münsteraner Politik und Gesellschaft über seine Einsatzerfahrungen als Panzergrenadier-Zugführer der Quick Reaction Force 3 in Nordafghanistan im Sommer 2009 zu berichten.

Einige Schlussfolgerungen

(a) Im Rahmen UN-mandatierter Friedenssicherung und Stabilisierung, ggfs. auch Friedenserzwingung ist IkK eine Schlüsselqualifikation mit drei Funktionen: neben Eigensicherung/Konfliktverhütung, notwendige Vorbedingung für Einsatzerfolg und Nachhaltigkeit  auch Korrekturfunktion für die politisch-strategische Ebene. Ohne IK und flankierende Wirksamkeitsbewertung besteht die große Gefahr von „Fassaden-Statebuilding" - bis zu einem „Imperialismus mit besten Absichten". Insofern ist IkK kein sozialromantisches Gutmenschentum und Luxus, sondern weitsichtiger, lebensnotwendiger Realismus.

(b) IK muss Schlüsselqualifikation für alle Ebenen sein. Der größte Nachholbedarf besteht auf der politisch-strategischen Ebene. Niederschlagen sollte sich das in Lageanalysen und in Mandaten, die umfassend formuliert werden und auch wesentliche Aufbauziele einschließen müssten. Ansonsten gehen Aufträge in einen interkulturellen Nebel. Überfällige Wirksamkeitsbewertungen von Einsätzen bleiben ohne die interkulturelle Dimension oberflächlich.

Hemmnisse, die einer soliden Entwicklung von IkK entgegenstehen, sind abzubauen. Statt der verbreiteten Querrotation von Diplomaten und Offizieren alle wenige Jahre und den damit einhergehenden Erfahrungsverlusten braucht es mehr Kontinuität in den Verwendungen. (Das ist besonders wichtig für Spezialverwendungen wie IEB.) Für Außenstehende nicht nachvollziehbar ist, dass es bisher kein institutionalisiertes kulturelles und Einsatzgedächtnis zu den verschiedenen Einsatzgebieten gibt.

Hinzu kommen sollte eine IkK-Sensibilisierung für Politiker im Auslandsbesuch. Gerade bei Kurzbesuchen und -begegnungen kann viel zerdeppert werden, was die entsandten Soldaten und Diplomaten dann auszubaden haben. Ein unter Politikern naheliegendes Selbstbild, gestählt durch vielfältigste Kommunikationserfahrungen interkulturell ziemlich kompetent zu sein, ist naiv. Do-no-harm (richte keinen Schaden an) muss für alle Ebenen gelten.

(c) Mikroebene: IkK ist nicht mit - natürlich notwendigen und nützlichen - Taschenkarten erreichbar. Sie wächst in Lernprozessen durch Erfahrungsverarbeitung und Konfliktsituationen. IEB dürfen nicht allein der Ebene der Kommandeure vorbehalten sein. Auch die Soldaten brauchen hier eine Begleitung im Einsatz. (Mit Spannung sind die Ergebnisse der SOWI-Untersuchung zum 22. deutschen ISAF-Kontingent zu erwarten, wo auch der Zusammenhang von Einsatzerfahrung und interkultureller Sensibilität thematisiert wurde. Als ein Mitarbeiter der Studie ist heute Dr. Phil Langer unter uns.)

Auch wenn es der üblichen „Kleiderordnung" zuwider laufen mag. Sehr erhellend und hilfreich wäre es, wenn bei Politikerbesuchen auch IEB zu Wort kämen.

Bisher sind diese Forderungen nur unzureichend umgesetzt. Das außerordentliche Engagement einzelner IEB wird in seinen Wirkungen begrenzt durch eine geringe Personaldecke und niedrige Ressourcenausstattung. Gegenüber einem in Zukunft wichtiger werdenden Bereich ist das ausgesprochen kurzsichtig. Hier ist dringend Nachsteuern angesagt!

(d) Rückkehrer und Veteranen: Einsatzerfahrungen lassen nicht los, positive wie negative. Zurück in der ganz anderen, individualisierten Welt zuhause bleiben viele Rückkehrer mit ihren Erfahrungen alleine und auf ihren erweiterten Kompetenzen sitzen.

Unabhängig von der politischen Bewertung einzelner Einsätze: Wer demokratisch legitimiert in Kriseneinsätze entsandt, ja befohlen wurde, hat Anspruch auf Aufmerksamkeit, Interesse, Unterstützung und gegebenenfalls Fürsorge.

Das ist ein Gebot

-         der Fürsorgepflicht des staatlichen Dienstherrn,

-         bürgerschaftlicher Solidarität und einer Art innergesellschaftlicher interkultureller Kompetenz,

-         gesellschaftspolitischer Klugheit.

Sie, die Sie für mehr Interkulturelle Kompetenz arbeiten, sind Pioniere mit Herz und Verstand. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit!

 

Wichtige Beiträge zum Thema von TagungsteilnehmerInnen

- Stefan Kammhuber: Sicherheitspolitik und interkulturelle Expertise, in: Dreyer/Hoessler (Hrg.): Perspektiven interkultureller Kompetenz, Göttingen2011

- Maren Tomforde: „Bereit für drei Tassen Tee?" Die Rolle von Kultur in Auslandseinsätzen der Bundeswehr, in: S. Jaberg, H. Biehl, G. Mohrmann, M. Tomforde (Hrg.): Auslandseinsätze der Bundeswehr - Sozialwissenschaftliche Analysen, Diagnosen und Perspektiven, Berlin 2009

- Maren Tomforde: Interkulturelle Kompetenz im Auslandseinsatz, in: Wegweiser zur Geschichte, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Paderborn 2010

- Uwe Ulrich: Interkulturelle Kompetenz in der Bundeswehr, in: H.-C. Beck, C. Singer: Entscheiden, Führen, Verantworten - Soldatsein im 21. Jahrhundert, Berlin 2011

- Gabriele Zdunnek, Thomas Zitelmann: Wirkungen von Friedensförderung, Entwicklungszusammenarbeit und Militarisierung - Konzepte und Praxis in Afghanistan, in: Peripherie Nr. 122/123, Münster 2011, S. 178 ff

- Bundesministerium der Verteidigung: Vorläufiges Konzept zur Vermittlung und Stärkung von Interkultureller Kompetenz in der Bundeswehr, November 2010


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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