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Offener Brief
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Mein Offener Brief zum Bürgerentscheid "Pro Hindenburgplatz" in Münster: Ehrung Hindenburgs in der "Stadt des Westfälischen Friedens" - ein Hohn!

Veröffentlicht von: Nachtwei am 25. August 2012 22:26:00 +02:00 (7400 Aufrufe)

In der Friedens- und Sicherheitspolitik gibt es tausendfach wichtigere Themen. Den Beschluss des Münsteraner Rates, den größten Platz der Stadt von Hindenburg- in Schlossplatz umzubenennen, will eine Bürgerinitiative rückgängig machen. Die Leserbriefflut hält seit Monaten an, die Emotionen steigen. Während in der anderen Stadt des Westfälischen Friedens, Osnabrück, Erich-Maria Remarque, der Autor von "Im Westen nichts Neues", seit vielen Jahren besonders geehrt wird, soll in Münster das Gegenteil geschehen. Mein Offener Brief richtet sich an die Befürworter des Hindenburgplatzes, die Mitglieder der Union/Jungen Union und/oder Reservisten sind, und soll zu etwas mehr Klarheit im Chaos der Geschichtsbilder und Werteorientierungen beitragen. Anlieger des Platzes ist übrigens auch das 1. Deutsch-Niederländische Korps. Seine Staatsbürger in Uniform müssten sich eigentlich sehr über die Verabschiedung Hindenburgs freuen. Sie sollten es ruhig auch zum Ausdruck bringen.

 

An die Mitglieder und Unterstützer der Münster, 25. August 2012

Bürgerinitiative Pro Hindenburgplatz, die gleichzeitig Mitglieder der CDU/Jungen

Union und/oder Reservisten der Bundeswehr sind

Sehr geehrter Herr Leschniok, sehr geehrter Herr Gottwald,

sehr geehrter Herr Kober, sehr geehrter Herr Althaus,

sehr geehrter Herr Sluka, sehr geehrter Herr Kleine Borgmann,

ich wende mich heute in der lokalen Streitfrage Schlossplatz oder Hindenburgplatz an Sie, weil ich davon ausgehe, dass wir uns als Staatsbürger denselben Grundwerten unserer Verfassung verpflichtet fühlen. Als langjähriges Mitglied des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages spreche ich auch (ehemalige) Angehörige der Bundeswehr an, die im Rahmen der Inneren Führung ganz besonders auf diese Grundwerte verpflichtet sind. Herr Gottwald hatte auf der Pressekonferenz am 22. März als wichtige Zielgruppen der Bürgerinitiative neben CDU-Anhängern, Vertriebenen auch Bundeswehr-Reservisten genannt.

Mit diesem Brief möchte ich zur inhaltlichen Auseinandersetzung und Klärung beitragen. Ich appelliere an Sie, über Ihre Beweggründe hinaus auch die politischen Auswirkungen Ihrer Initiative zu bedenken. Sicher ist es auch in Ihrem Interesse, Schaden für Münster als Stadt des Westfälischen Friedens zu verhüten.

(1) Vorab

Gibt es nicht wichtigere Themen? Und ob! Das war auch mein Vorbehalt über geraume Zeit. (Ich habe weiterhin vorrangig mit aktuellen Krisen- und Kriegsgebieten wie Afghanistan u.a. zu tun.) Aber das ist nach aller Erfahrung nicht ausschlaggebend dafür, was in der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit findet. Siehe die alltäglichen Aufmacher der BILD-Zeitung. Die beispiellose Flut an Leserbriefen, die Eigendynamik des Streits um Straßenumbenennungen zeigen, dass diese Symbolfrage für viele Bürgerinnen und Bürger doch von erheblicher Bedeutung.

Ist die Umbenennung von nach historischen Personen benannten Straßen nicht grundsätzlich fragwürdig? Ja, wenn es um ein historisches „Großreinemachen" nach jeweiligen politischen Stimmungslagen ginge. Nein, wenn Straßen nach (Staats-)Verbrechern benannt waren. Zurecht verschwanden Hitler und Kumpanen 1945 aus dem Straßenbild. Nein, wenn es um die Fragen geht, ob die mit Straßennamen geehrten historischen Personen vor dem Hintergrund der Grundwerte des demokratischen Deutschland als nicht mehr ehrwürdig gelten.

Was bringt`s? Nach aller Erfahrung mit Straßenumbenennungen besteht das hohe Risiko, dass hier der politische Aufwand hoch, der Ertrag gering ist - und die Begleitschäden erheblich sein können. Debatten um Straßenbenennungen bieten aber auch die Chance zu einer Klärung und Selbstverständigung einer Stadtgesellschaft über ihre Geschichte und ihren demokratischen Wertehorizont.

(2) Argumente pro Hindenburgplatz

Ich habe mir erlaubt, neben dem Flyer der Bürgerinitiative Pro Hindenburgplatz „Ein vertrautes Stück Münster: Hier sind wir zuhause" auch alle Leserbriefe zur Hindenburgplatz-Kontroverse seit Ende letzten Jahres durchzusehen. Bei den Zitaten habe ich darauf verzichtet, jeweils die Absender und Daten zu nennen, Ich könnte sie selbstverständlich nennen.

(a) Das Verfahren: Im Vordergrund steht Kritik am, ja Empörung über das Verfahren: Die Bürgerbefragung vom Jahresanfang sei manipulativ gewesen, andere Meinungen seien unterdrückt, die Mehrheit sei bevormundet worden.

Die Fragestellung der Bürgerbefragung mag kritisiert werden. Sie wurde von einem Teil der Befragten als suggestiv empfunden. Fakt ist aber, dass nicht nach der historischen Bewertung gefragt wurde, sondern danach, ob diese, dem Stand der wissenschaftlichen Forschung entsprechende Bewertung zu einer Umbenennung führen solle. Deshalb von „Unterdrückung der Mehrheit" und „Nacht- und Nebel-Aktion" zu sprechen, ist maßstablos und verzerrt den realen Beratungsprozess. Vor der Ratsentscheidung gab es einen so langwierigen, intensiven und öffentlichen Diskussionsprozess wie bei wenigen anderen Entscheidungen. Die zweifache Ratsentscheidung selbst war keine manipulierte oder erzwungene Hinterzimmer-Entscheidung, sondern die völlig legale und legitime Entscheidung eines demokratischen Repräsentativorgans. Diese kann selbstverständlich durch Bürgerbegehren und -entscheide rückgängig gemacht werden.

Der Manipulations- und Bevormundungsvorwurf scheint nicht zuletzt auch deshalb besondere Resonanz zu finden, weil er in das verbreitete Negativbild von Politikern passt.

Bemerkenswert oft werden von Leserbriefschreibern Umfragen mit der Mehrheit gleichgesetzt. Dass Abgeordnete in ihrem Stimmverhalten an Recht, Gesetz und Gewissen gebunden sind, aber nicht an Umfragen oder imperative Mandate, scheinen manche vergessen zu haben.

(b) Umgang mit Geschichte: Ein zweites Kritikmotiv richtet sich gegen das angebliche „Ausraddieren" historischer Zeugnisse, „geschichtvergessenen Säuberungswahn", „Bildersturm", „Anpassung an den Zeitgeist" und „Political Correctness". Der Hindenburgplatz sei Teil einer Erinnerungskultur und der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Zu einer geschichtsbewussten und demokratischen Gesellschaft würde Bildersturm in der Tat nicht passen. Deshalb gibt es z.B. auch noch in Münster eine ganze Reihe von Kriegerdenkmälern, die über das Totengedenken hinaus teilweise Kriege verherrlichen. Als Geschichtslehrer bin ich mit meinen Schülerinnen und Schülern zu solchen Zeugnissen ihrer Zeit gegangen und habe sie als Steine des Anstoßes, als Denk-mal genutzt. Ein solches ist z.B. das - kaum wahrgenommene Stalingraddenkmal der 16. Infanterie- und 16. Panzerdivision am Kalkmarkt direkt anschließend an den Schlossplatz. (Die 16. Panzerdivision erreichte am 23. August 1942, vor genau 70 Jahren, als erster Wehrmachtsverband die Wolga bei Stalingrad und wurde dort von einer verbrecherischen Führung verheizt. 128 Überlebende der Division kehrten nach Jahren schlimmster Gefangenschaft in die Heimat zurück.)

Aber Ablehnung von Bildersturm heißt doch nicht, alle Zeugnisse der Vergangenheit für unberührbar zu erklären, insbesondere Straßennamen, die bei Personen immer ein ehrendes Erinnern beinhalten. Hätte man etwa in den Neuen Bundesländern die Lenin- und Ulbricht-Strassen beibehalten sollen? Straßennamen sind selbstverständlich veränderbar. Hier von Ausraddieren zu sprechen, ist völlig überzogen. Auch soll laut Ratsbeschluss eine Gedenktafel an die wechselhafte (Namens-)Geschichte des Platzes erinnern.

Wer hier Anpassung an den Zeitgeist beklagt, muss sich Gegenfragen gefallen lassen: Warum sollen wir heute an einer Namensgebung festhalten, die dem - gelinde gesagt - unheilvollen Zeitgeist von 1927 entsprang? Sind die heutigen Grundwerte der bundesdeutschen Demokratie etwa nur „Zeitgeist"? Ein solcher Werterelativismus stände im diametralen Gegensatz zu der im Grundgesetz festgelegten Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Grundrechte.

(c) Beurteilung Hindenburgs:Das dritte Kritikmotiv spricht von einer „Diffamierungskampagne gegen Hindenburg als Förderer des NS",  „Lebensleistung lässt sich nicht auf letzte Jahre beschränken", Verweis auf „die anderen Steigbügelhalter", „wer lange genug sucht, findet bei jedem was Verwerfliches". Dann wären auch andere Straßennamen dran: Kaiser Wilhelm, Martin Luther ...

Auf der Straße werden die Pro-Hindenburg-Stimmen direkter: Ohne ihn wäre Ostpreuße schon 1914 an Russland gefallen; „damals (1927) galt Nation noch was"; „früher war auch nicht alles schlecht". Bei der ersten Pressekonferenz Ihrer Bürgerinitiative am 22. März hieß es sogar, Hindenburg sei der größte deutsche Nationalheld nach Bismarck gewesen. (WN 23.3.2012)

In der Tat stellt sich die Frage, warum Generationen von Hochschullehrern sich mit Namen der der Westfälischen-Wilhelms-Universität arrangiert haben. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, sich nach einem würdigen Namensgeber umzusehen.

Es geht nicht darum, Hindenburgs Rolle aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu lösen, ihn gar zu dämonisieren. Auffällig ist aber unter den Stimmen pro Hindenburgplatz die Unterschiedslosigkeit des Urteils und die Relativierung, ja Beschönigung der Rolle Hindenburgs bei der Errichtung der NS-Diktatur: Sicherlich haben viele direkt und indirekt zum Aufstieg und zur Machtübernahme der Nazis beigetragen, gab es viele Mitverantwortliche. Dass Hindenburg in weiten Teilen der Bevölkerung damals hohe Wertschätzung genoss, ist unbestreitbar. Dass gerade Menschen aus Ostpreussen ihm seine Rolle bei Tannenberg zugute halten, ist nachvollziehbar. Aber warum erwähnen Sie in Ihrem Flyer mit keinem Wort, dass Hindenburg entscheidende Weichenstellung zur Errichtung der NS-Diktatur und Abschaffung von Grundrechten und Demokratie mit seinem Legalitäts- und nationalen Legitimitätsstempel versah?

Ø     1932 im Juni war er maßgeblich beteiligt an der Aufhebung des von Reichskanzler Brüning verhängten SS- und SA-Verbots; im Juli setzte er per Notverordnung die preußische SPD-Regierung ab und installierte von Papen als Reichskommissar, Göring als kommissarischen Innenminister, d.h. Chef der Polizei („Preußenschlag");

Ø     1933 nach der Berufung Hitlers zum Reichskanzler verantwortete er  Notverordnungen, mit denen Grundrechte außer Kraft gesetzt und eine scheinlegale Grundlage zur Verfolgung politischer Gegner geschaffen wurde; einen Tag nach der Einrichtung des KZ Dachau wurde am 21. März der „Tag von Potsdam" zur symbolischen Vereinigung des „alten Deutschlands", repräsentiert von Hindenburg, und der jungen nationalsozialistischen Bewegung unter Hitler; am 24. März wurde das Ermächtigungsgesetzes (Abschaffung der parlamentarischen Demokratie) mit Hindenburgs Unterschrift veröffentlicht; Schlag auf Schlag folgten danach das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"  („Säuberung" der Beamtenschaft) am 7. April, die Besetzung der Gewerkschaftshäuser am 2. Mai, die Bücherverbrennung am 10. Mai, das Verbot der SPD am 22. Juni;

Ø     1934 Anfang Juli lobte er mit einem Glückwunschschreiben ausdrücklich die Mordaktion um den sog. „Röhmputsch", als fast die ganze SA-Führung, außerdem u.a. Ex-Reichskanzler General Kurt von Schleicher mit Ehefrau und Erich Klausener, Vorsitzender der Katholischen Aktion im Bistum Berlin, insgesamt ca. 200 Menschen durch Hitler-Befehl ermordet wurden. (Für den jungen Wehrmachtsoffizier und säteren Generalmajor Henning von Tresckow, der den Tag von Potsdam noch begeistert miterlebt hatte, war diese Mordaktion ein empörendes Ereignis - und der erste Schritt zum militärischen Widerstand, zu dessen „Kopf und Herz" er in den Folgejahren wurde.)

Ø     Viele und vieles hat zur Errichtung der NS-Diktatur beigetragen. Hindenburg leistete aber in seiner Schlüsselposition ausschlaggebende Beiträge dazu. Er unterzeichnete die Ernennung Hitlers ohne Zwang.

Wenn Sie dieses alles in Ihrem Flyer und anderen Stellungnahmen völlig ausklammern, dann nehmen Sie damit eine Tradition des selektiven und beschönigenden Umgangs mit dem Nationalsozialismus und seinen Helfershelfern auf, wie sie in der Bundesrepublik über Jahrzehnte dominierte und erst in jüngerer Zeit überwunden zu sein schien. Damit öffnen Sie zugleich Trittbrettfahrern mit offen antidemokratischer Gesinnung Tür und Tor. Ihre Distanzierung von solcher Art Trittbrettfahrern ist sicher ernst gemeint. Sie kann aber keineswegs überzeugen.

(d) „Stück Heimat": Das vierte Kritikmotiv appelliert an Heimat, spricht von „Herzensanliegen", rekuriert auf Gewöhnung: Der Name Hindenburgplatz sei „ein vertrautes Stück Münster: Hier sind wir zuhause" (Flyer). Auch wenn hierüber die Meinungen sicher sehr auseinander gehen. Aber sehr viele haben sich schlichtweg an die bestehenden Straßennamen gewöhnt - sie könnten auch Ursula- oder Ottostrasse heißen - und haben nichts übrig für eine Umbenennung, die nur stört, weil sie etwas Arbeit macht. Nicht wenigen sagt auch Hindenburg genauso wenig wie Friedrich Ebert, Kolping, Windhorst, Scharnhorst zum Beispiel.

 

(e) Weitestgehend ausgeklammert bleibt die Rolle Hindenburgs im Ersten Weltkrieg: Zur Sprache kommt bei Ihnen nur der „Held von Tannenberg". Kein Wort davon, dass er 1916 Chef des Generalstabes des Feldheeres wurde und mit Erich von Ludendorff die 3. Oberste Heeresleitung bildete. Vom Februar bis Dezember 1916 tobte die Schlacht von Verdun mit 150.000 deutschen und 167.000 französischen Gefallenen, vom Juli bis November 1916 die Schlacht an der Somme mit über einer Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten. Insgesamt kamen im Ersten Weltkrieg viermal so viele französische, dreimal so viele belgische, zweimal so viele britische Soldaten ums Leben wie im Zweiten Weltkrieg! Erich Maria Remarque schilderte diese Massenschlächterei aus der Sicht der einfachen Soldaten 1928 in seinem Roman „Im Westen nichts Neues", 1933 von den Nazis verboten und verbrannt. Edlef Köppen nahm als Freiwilliger von 1914-1918 am Ersten Weltkrieg teil. 1930 erschien sein „Heeresbericht", in dem er den Weg des Artilleristen Adolf Reisiger durch die Höllen des Kriegs schildert und es mit offiziellen Verlautbarungen konfrontiert. Als der fronterfahrene Leutnant Reisiger 1918 erklärt, „dass er den Krieg für das größte aller Verbrechen hält, verhaftet man ihn und sperrt ihn ins Irrenhaus." (S. 410) (1935 wurde „Heeresbericht" verboten.) Hindenburg war ein Cheforganisator des „Menschenschlachthauses" des Ersten Weltkrieges. (Titel des prophetischen Romans und europäischen Bestsellers von Wilhelm Lamszus - „Bilder vom kommenden Krieg" - von 1912! Vgl ZEIT vom 2.8.2012). Er war Repräsentant einer militärischen und politischen Führung, der die Soldaten damals bedingungslos gehorchen mussten und die zu Verbrechern an den eigenen Soldaten wurden.

1919 behauptete Hindenburg vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung, dass das Kaiserreich den Krieg nicht an der Front, sondern durch  die Revolution in der Heimat verloren habe. Er wurde damit zu dem Kronzeugen der „Dolchstoßlegende", die von vorne herein massiv die junge Republik belastete.

Auf Ihrer Pressekonferenz am 22. März beteuerten Sie, keine Fortsetzung der historischen Debatte über Hindenburg zu wollen. Wiederholt betonen Sie, Hindenburg nicht ehren, den Hindenburgplatz nur behalten zu wollen. Für mich sind das Ausflüchte und Täuschungsmanöver!

Mit allem, was Sie von Hindenburg ansprechen und was nicht, nehmen Sie eindeutig Partei für ihn - und mit keinem Wort für die Leidtragenden und Opfer der von ihm führend mitverantworteten Kriegsführung und Politik. Auch wenn es für viele UnterzeichnerInnen des Bürgerbegehrens nicht zutrifft:

Sie, meine Herren, agieren damit faktisch als Initiative Pro Hindenburg!

(f) Weitere Beweggründe: Die in den Leserbriefen vorgebrachten Argumente pro Hindenburgplatz können meiner Meinung nach allein die überraschend breite Zustimmung zum Bürgerbegehren nicht erklären. Auch kann ich nicht glauben, dass die konkrete historische Gestalt Hindenburg in der Münsteraner Bevölkerung wirklich noch so breite Zustimmung findet. Die breite Resonanz muss weitere, weniger ausgesprochene Gründe haben. Getroffen sind offenbar bestimmte Grundstimmungen und Identitätsfragen in Teilen der Stadtgesellschaft.

Generell spielt wahrscheinlich der verbreitere Politikerverdruss eine erhebliche Rolle, wo der Verdacht von Bevormundung, Manipulation etc. gegen „die da oben", angefangen beim Rathaus, schnell zur Hand ist. Diese weniger parteiabhängige Grundstimmung kann sich bei einem Symbolthema, bei dem es nicht um handfeste Interessen geht, leichter ein Ventil suchen.

Bei Teilen der Unionsanhänger scheint der Verdruss über einen konservativen Profilverlust erheblich. Dafür werden die Kanzlerin, wohl auch der langjährige Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz und Oberbürgermeister Markus Lewe haftbar gemacht.

Schwer einschätzbar ist eine national-konservative, weiter rechts stehende Grundstimmung, die sich an der in Münster recht aktiven demokratischen Erinnerungskultur rund um den Nationalsozialismus stört. Für solche geht es jetzt um das „Tafelsilber" einer national-konservativen Erinnerungskultur.

Die verschiedenen Beweggründe zusammen drängen auf „Denkzettel". Mein Eindruck ist, dass mit dem überraschend erfolgreichen Bürgerbegehren die Denkzettelbotschaft bei den Verantwortlichen schon erheblich angekommen ist und im Rathaus niemand mehr auf weitere Strassenumbenennungen sinnt.

(3) Wirkungen und Konsequenzen

Ideologen und Fundamentalisten brauchen sich nur im Recht fühlen. Wer sich in verantwortlicher Weise politisch betätigen will, muss auch immer die politischen Botschaften und Wirkungen des eigenen Handelns im Blick haben, gewollte wie ungewollte. Guter Wille ist das eine, was bei alledem heraus kommt, das andere.

(a) Was losgetreten wird: Wo die Bürgerinitiative Pro Hindenburgplatz fast nur zum Verfahren spricht und die historische Person Hindenburgs krass beschönigt, wirkt das über national-konservative Kreise hinaus als Einladung an Trittbrettfahrer mit nationalistischen, demokratiefernen, ja rechtsradikalen Hintergründen. Ihre Distanzierung von solchen Kräften wird nur glaubwürdig, wenn Sie dabei auch die inhaltlichen Einfallstore für solche Gesinnungen schließen.

(b) Wirkungen einer (möglichen) Mehrheit pro Hindenburgplatz: Erstmalig nach 85 Jahren bekäme der größte Platz Münsters den Namen Hindenburgplatz in einer demokratischen Abstimmungzugesprochen (1927 geschah die Namensgebung ohne Stadtratsbeschluss). Das ist was anderes, als wenn Straßen jahrelang stillschweigend ihren Namen behalten, als Überbleibsel, wo sich der historische Inhalt solcher Namen oft verflüchtigt.

Ob man es will oder nicht, Sie können es noch so bestreiten: Aufgefasst würde eine Aufhebung des Ratsbeschlusses überall als bekräftigende Ehrung einer historischen Persönlichkeit 85 Jahre danach mit dem Wissen von heute. Das müsste dann erklärt werden.

Ø     Wie wollen Sie die aktive Ehrung eines Mannes rechtfertigen, der in seiner präsidialen Schlüsselrolle Beihilfe leistete zur Abschaffung der Weimarer Republik, zur Verfolgung politischer Gegner der NSDAP, zur „legalen" Errichtung der NS-Diktatur?

Ø     Wie wollen Sie eine aktive Ehrung Hindenburgs mit dem Anspruch und Leitbild der Stadt des Westfälischen Friedens vereinbaren - auch im Vergleich zu Osnabrück als der anderen Stadt des Westfälischen Friedens. Dort wird Erich Maria Remarque seit langem in besonderer Weise geehrt, mit dem Remarque-Haus gegenüber vom Rathaus und dem Remarque-Preis. In Münster würde demgegenüber der Antityp geehrt! Es wäre ein Zurück zu der anderen Traditionslinie Münsters, die heute noch an den Kriegerdenkmälern rund um die Promenade zu besichtigen sind. (Über das damalige Generalkommando der Wehrmacht im Wehrkreis VI am Hindenburgplatz wurden ab 1939 allein 14 Divisionen in den Krieg gegen die europäischen Nachbarn geschickt, über den Befehlshaber der Ordnungspolizei im WK VI 16 Polizeibataillone. Viele von ihnen waren an der Massenvernichtung im Osten beteiligt.)

Ø     Anlieger des Schlossplatze/Hindenburgplatzes ist auch das I. Deutsch-Niederländische Korps: Verpflichtet auf die UNO-Charta, erfahren in UN-Friedenssicherung und mit Kommandierenden Generalen, die Welten von eine Hindenburg trennen, kann auch den Angehörigen des Korps als Staatsbürger in Uniform eine solche Nachbarschaft ganz und gar nicht Recht sein. Das gilt generell für alle aktiven und ehemaligen Bundeswehrsoldaten in Münster. Für Streitkräfte, die über die Innere Führung dem Grundgesetz, dem Völkerrecht und der europäischen Einigung verpflichtet sind, kann ein Hindenburg nicht traditionswürdig sein. (Anlässlich eines Vortrags kürzlich in Nordhessen berichtete mir ein Oberst a.D. von einem Besuch des neuen Kommandeurs, Brigadegeneral Wolf Graf von Baudissin, 1959 bei seiner Panzergrenadierbrigade 4. Als er an der Wand ein Bild von Hindenburg sah, liess er es mit den Worten abhängen, ‚Hindenburg gehöre nicht in ein deutsches Offizierkasino`!)

Ob dem Platz vor dem Schloss erstmalig in der Geschichte per demokratischer Abstimmung der Name Hindenburg zugesprochen wird, ist keine Frage von Political Correctness und Zeitgeist-Opportunismus, sondern von Grundwerten unserer Verfassung: Friedensauftrag des Grundgesetzes, Grundrechten und Demokratie, Europagedanke, Innerer Führung.

Eine historische Person aktiv zu ehren, die exemplarisch und in führender Verantwortung konträr gegen diese Werte stand und handelte, würde die demokratische und friedensorientierte Kultur dieser Stadt und Münsters Ansehen bundesweit schwer schädigen.

Zu der in den letzten drei Jahrzehnten in Münster gewachsenen offenen, demokratischen und menschenrechtsorientierten Erinnerungskultur haben CDU-Politiker wie Jörg Twenhöven und jetzt Markus Lewe mit klarer Werteorientierung und Rückgrat erheblich beigetragen.  Umso beunruhigender ist, dass ein Teil ihrer Parteikollegen mit Ihrer Pro-Hindenburg-Initiative das zu konterkarieren droht. Es wäre ein Zeichen von Souveränität und Verantwortungsbewusstsein, wenn auch bisherige Befürworter des Hindenburgplatzes wegen der zu erwartenden Negativfolgen für Münster für den Schlossplatz votieren würden.

Ein abschließendes Wort zu den jungen Frauen und Männern der Jungen Union:

Haben Sie den „Heeresbericht" von Edlef Köppen gelesen (hierzu am 4. und 11. August 2012 ausführliche Artikel in der FAZ)? Oder „Im Westen nichts Neues" als Buch oder Film miterlebt? Wer den Frontsoldaten Ihres Alters  in den Jahren 1914 bis 1918 über die Schulter gesehen hat, wird nicht mehr verstehen können, wie sich heute friedensgewohnte Angehörige der Ururenkelgeneration für einen obersten Kriegsherren von damals erwärmen können. Beispielhaft für ihre Generation sind demgegenüber z.B. Jugendliche, die im Rahmen der Workcamps des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Soldatengräber und Gedenkstätten pflegen und denen ich noch vor wenigen Wochen in Riga am Massengräberfeld von Bikernieki begegnen durfte - dort, wo 1941-1944 Zehntausende Menschen erschossen worden waren (davon viele aus Westfalen), wo fürchterlich endete, was 1933/34 begann.

Zu einer Diskussion über Erinnerungskultur in Münster, Deutschland und Europa bin ich auch nach dem 16. September gern bereit.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Winni Nachtwei, MdB a.D., Mitglied im Beirat Innere Führung des BMVg, Vorstandsmitglied des Vereins „Gegen Vergessen - Für Demokratie" und der Gesellschaft für die Vereinten Nationen/DGVN

 


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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