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Truppenabzug aus Afghanistan: Die bedrohten Ortskräfte dürfen nicht im Stich gelassen werden - die Stunde der FürsorgePFLICHT!

Veröffentlicht von: Nachtwei am 13. Mai 2021 10:55:07 +02:00 (6257 Aufrufe)

Die internationalen Truppen ziehen jetzt schnell ab. Einheimische Ortskräfte waren für sie essentiel. Sie der Rache der Taliban zu überlassen, wäre ein menschliches und politisches Desaster. Im Vorfeld eines auch von mir mitgetragenen Aufrufes, der am 14. Mai öffentich wird, hier einige aktuelle und Hintergrundbeiträge zum Thema.   

Truppenabzug aus Afghanistan: Die bedrohten afghanischen Ortskräfte dürfen nicht im Stich gelassen werden – die Stunde der FürsorgePFLICHT!

Winfried Nachtwei, MdB a.D., 13.05.2021

Mit dem Abzug der internationalen Truppen und der Bundeswehr aus Afghanistan sind deren bisherigen afghanischen Ortskräfte an Leib und Leben bedroht. Ohne sie hätten die internationalen Kräfte als völlig Fremde im Land nicht wirken können. Sie wären taub, stumm und oft auch blind gewesen. Viele von ihnen meinten, durch die Arbeit bei den „Internationalen“ der Stabilisierung und dem Aufbau ihres kriegszerrütteten Landes am besten dienen zu können. In den Augen der Aufständischen hingegen gelten sie als „Kollaborateure“, wurden und werden immer wieder bedroht und verfolgt.

Mit dem Totalabzug stehen die Entsendestaaten von ISAF und Resolute Support in der Fürsorgepflicht gegenüber ihren bisherigen und früheren Ortskräften. Würden sie diese ihren Verfolgern ausliefern und sie im Stich lassen, wäre das menschlich und politisch verheerend. Es wäre ein Verrat gegenüber Menschen, die individuelle Verbündete – und nicht selten auch Kameraden waren.

Es geht jetzt um Loyalität, Solidarität, Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit vor Ort und ganz praktisch. Wie sie praktiziert – oder gebrochen – wird, wird sich gravierend auf eine Politik der Krisenvorbeugung und –bewältigung auswirken, wie sie in den Leitlinien der Bundesregierung zu „Krisen verhindern, Frieden fördern“ von 2017 anspruchsvoll formuliert worden ist. Beim Besuch einer Koranschule in Kunduz im Mai 2007 sagten uns Schüler über  Bundeswehrsoldaten „Die verhalten sich anständig“. In einem Land, wo Ehre und Respekt ganz besonders viel gelten, waren solche Worte zu ausländischen Soldaten eine Bestnote. Jetzt muss deutsche Politik Anstand gegenüber ihren Verbündeten am Boden beweisen.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat die besondere Verpflichtung der Entsendestaaten am 18. April 2021 im dpa-Interview klar benannt:

"Wir reden hier von Menschen, die zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben", sagte Kramp-Karrenbauer. "Ich empfinde es als eine tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen."

https://www.zeit.de/news/2021-04/18/akk-will-afghanische-ortskraefte-in-sicherheit-bringen  ;

https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/blickpunkt/beitrag/kramp-karrenbauer-will-afghanische-ortskraefte-in-sicherheit-bringen  

Aktuelle Medienberichte zur Situation der Ortskräfte

- Hilfe für gefährdete Bundeswehr-Mitarbeiter, Tagesschau, von Kai Küstner, 12.05.2021

https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-ortskraeftebueros-101.html

- Wer ist zuständig? Abzug aus Afghanistan: Gefahr für Ortskräfte, FAKT/mdr  06.05.2021, https://www.mdr.de/nachrichten/welt/politik/afghanistan-abzug-truppen-krieg-helfer-uebersetzer-visum100.html

Meine Beiträge

- Buchpräsentation mit/zu afghanischen Ortskräften: "Auch. Wir. Dienten. Deutschland." - mit meinem Grußwort und aktuellen Ergänzungen, veröffentlicht am 30. März 2020 (23428 Aufrufe bis 13.05.21), http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=36&aid=1627

- Die Bedeutung der afghanischen Ortskräfte für das deutsche Afghanistan-Engagement und ihre Gefährdungslage (Stellungnahme). Interviewband mit ehem. afghanischen Ortskräften gerade erschienen, veröffentlicht am 4. Februar 2019 (25791 Aufrufe),  

http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1571

Auszüge aus „Auch. Wir. Dienten. Deutschland. Über die Zusammenarbeit mit afghanischen Ortskräften während des ISAF-Einsatzes“ hrsg. Von Nadine Düe und Fabian Forster, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn 2018,

https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/285067/auch-wir-dienten-deutschland

- Grußwort des Generalinspekteurs er Bundeswehr Eberhard Zorn, S. 11

- Nadine Düe/ Fabian Forster: Ohne Ortskräfte wäre der Einsatz in Afghanistan kaum möglich gewesen, S. 12-15

 Winfried Nachtwei: Hintergründe zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, S. 16-29

(Leseprobe: file:///C:/Users/Winfried/AppData/Local/Temp/10298_Wir_dienten_Deutschland_Leseprobe.pdf )

Mein 2. Beitrag in dem Ortskräfte-Buch

Afghanische Ortskräfte: Im Einsatz für ihr Land zwischen die Fronten geraten

(Stand Oktober 2017)

Das in Deutschland vorherrschende Bild des internationalen Afghanistaneinsatzes ist lückenhaft: Im Mittelpunkt standen über die Jahre die Einsatzgebiete der Bundeswehr, prägend waren die offen kriegerischen Jahre des Einsatzes ab 2008/2009. Noch am ehesten – aber immer noch zu wenig - wahrgenommen wurden die eigenen Gefallenen und Verwundeten, Berichte von Einsatzrückkehrern der Bundeswehr und ihre Schicksale. Fast keine Aufmerksamkeit fanden die Erfahrungen deutscher Polizisten und Entwicklungshelfer, die ganze Breite des zivil-militärischen Einsatzes, praktische Aufbaufortschritte, die Lage in Regionen außerhalb des deutschen Einsatzgebietes, z.B. bei den Niederländern in Uruzgan im Süden.

Wie die afghanischen Menschen, denen der internationale Stabilisierungseinsatz doch vor allem zugute kommen sollte, diesen Einsatz erlebten und beurteilten, kam im deutschen Afghanistandiskurs kaum zur Sprache. Sie blieben weitgehend ohne Stimme und Gesicht. (Eine Ausnahme waren die fünf Afghanistan-Umfragen von ARD, ABC und BBC zwischen 2004 und 2010,  https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistanumfrage190.html , der Lnk könnte auch entfallen).

Die Portraits der afghanischen Ortskräfte und die deutschen „Zwischenrufe“ zu ihnen sind vor diesem Hintergrund eine Premiere und einzigartig.

Mit den afghanischen Ortskräfte, vor allem ehemaligen Sprachmittlern und Wachleuten, kommen nun erstmalig solche afghanischen Menschen zu Wort, die mit Soldaten der Bundeswehr wohl am intensivsten zu tun hatten und diese so nahe erlebten wie niemand sonst – im Feldlager und im Einsatz draußen, im Umgang mit ihren Landsleuten, bei Patrouillen, bei der Gesprächsaufklärung und CIMIC-Projekten, in Hinterhalten und Gefechten, in Extremsituationen. Die „Zwischenrufe“ von vier Bundeswehroffizieren, je eines   Entwicklungshelfers, eines Islamwissenschaftlers und NDR-Korrespondenten mit langjährigen Afghanistanerfahrungen sowie einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes spiegeln ihre Erfahrungen mit afghanischen Ortskräften. Sie vermitteln zugleich einen Eindruck von die Breite und Vielfalt des Bundeswehreinsatzes und des ressortübergreifenden Engagements insgesamt.

Anfang Juni 2016, im zweiten Jahr nach ISAF-Abzug, waren laut Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage insgesamt noch erstaunlich viele, nämlich rund 3.500 lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Afghanistan direkt oder indirekt für deutsche Bundesministerien und politische Stiftungen tätig: 534 Ortskräfte , davon 471 für das Verteidigungsministerium, 56 für das Auswärtige Amt, 7 für das Innenministerium. Im Auftrag des Entwicklungsministeriums arbeiteten ca. 1.560 lokale Mitarbeiter bei Durchführungsorganisationen und politischen Stiftungen sowie weitere ca. 1.400 afghanische Staatsbürger unter Werkvertrag bzw. als Mitarbeiter von Consulting-Firmen. Im Juni 2017 arbeiteten für die Bundeswehr noch rund hundert Sprachmittler vor Ort.

Brücken zwischen fremden Welten

Die 5000 km zwischen Deutschland und Afghanistan sind heutzutage schnell zu überbrücken. Unvergleichlich größer ist die gesellschaftliche und kulturelle Distanz zwischen den beiden Ländern – ihren Sprachen, Gesellschaftsstrukturen, Werten und Normen, kollektiven Erfahrungen, der Rolle von Familie, Mann und Frau, Staat, Religion, Gewalt im Alltag, persönlichen Beziehungen, ihrer Wirtschaft, Lebenswirklichkeit und Risiken. Die Zersplitterung der afghanischen Gesellschaft erschwert es Ausländern zusätzlich, das Land und seine Menschen zu verstehen, sich in dem Land zu bewegen und zu handeln.

Die wenigsten Ausländer kommen mit ausreichender Kenntnis der Landesprachen nach Afghanistan. Außerhalb der internationalen Inseln der Englisch Sprechenden wären Ausländer taub, stumm und blind, wenn ihnen nicht Ortskräfte und Sprachmittler zur Seite stehen würden. Sie sind unverzichtbare Kontaktpersonen und Orientierungshilfen, sprachliche und kulturelle Brückenbauer zwischen Welten, die sich sonst fremd blieben, die sich nicht und missverstehen würden – und schnell in Konflikt geraten könnten. Zusammen mit den Feldnachrichten- und CIMIC-Kräften sowie Interkulturellen Einsatzberatern der Bundeswehr sind die Ortskräfte, insbesondere die Sprachmittler menschliche Bodenstationen, die durch nichts zu ersetzen sind.

Das gilt besonders im Kontext eines Einsatzes, der eben nicht als Besatzungsmacht ausländische Interessen gewaltsam durchsetzen sollte, sondern laut UNO-Auftrag einheimische Kräfte bei Stabilisierung, Aufbau, Friedenskonsolidierung ihres kriegszerrütteten Landes unterstützen und Köpfe und Herzen der Bevölkerung gewinnen sollte. Deshalb wurde die internationale Truppe ja auch „International Security Assistance Force“ genannt.

Wege zur Ortskraft

Die Talibanzeit ist den meisten Ortskräften noch deutlich in Erinnerung, einzelne haben die Wechselbäder der Regimewechsel seit den Kommunisten erlebt. Im Unterschied zu einer meist auf aktuelle Ereignisse fixierten internationalen Afghanistanberichterstattung haben sie den Langzeitvergleich. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes sahen sie ISAF als Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft ihres Landes. Die späteren Sprachmittler haben durchweg eine höhere Schulbildung und Englisch gelernt, einer von ihnen auch Deutsch auf der bekannten Amani-Schule in Kabul.

Vor allem über „Mundpropaganda“ von Bekannten erfuhren sie von Arbeitsmöglichkeiten bei ISAF. Als treibende Motive nennen sie: die Aussicht auf gute Verdienstmöglichkeiten, vor allem wenn sie Verantwortung für ihre Familie trugen. Immer wieder betonen sie ihren Wunsch, mit ISAF etwas für das eigene Land, für Sicherheit und Frieden tun zu können. Im Vergleich zum staatlichen Dienst und den Sicherheitskräften mit ihrer verbreiteten Vetternwirtschaft, Korruption und Unorganisiertheit hofften etliche, Afghanistan bei ISAF besser dienen zu können. „Für mich war es die einzige Möglichkeit, etwas für mein Land zu tun, ohne etwas mit Korruption zu tun zu haben.“ (Abdullah Arian) Einige Ortskräfte nennen ausdrücklich Neugier auf fremde Kulturen und Selbstentfaltung als wichtige Motive.

In der afghanischen Gesellschaft dominieren die Gruppeninteressen von Familie, Clans, Ethnien, Loyalitätsbeziehungen. Gesamtstaatlich orientierter Gemeinsinn, unverzichtbar für bessere Regierungsführung, ist relativ schwach entwickelt. Unter den überwiegend jüngeren und besser gebildeten lokalen Sprachmittlern gibt es – bei allen fortbestehenden Familienbindungen – offenbar deutlich mehr von diesem seltenen Gemeinsinn.

Viefältige Aufgaben, enorme Herausforderungen

Die Ortskräfte waren mehrere Jahre bei deutschen Arbeitgebern beschäftigt, einzelne sieben, gar elf Jahre. Die ehemaligen Sprachmittler waren in der vollen Breite des militärischen und zivilen Einsatzspektrums eingesetzt:

Die Infanterie- und Fallschirmjägereinheiten begleiteten sie bei Patrouillen, waren Schlüsselpersonen bei der Gesprächsaufklärung. Sie erlebten und durchlitten die Einsatzstrapazen, Hinterhalte und Gefechte, Gefallene und Verwundete aus nächster Nähe. Sie trugen dieselben Belastungen wie die Bundeswehrsoldaten, aber auch ganz spezifische: die Ohnmacht des militärisch Unausgebildeten und Waffenlosen im Gefecht; die besondere Angst, Aufständischen in die Hände zu fallen; die Einsatzdauer (z.B. zwei Jahre bei der Task Force Kunduz). Die lange Gelände- und Gefechtserfahrung konnte einzelne Sprachmittler aber auch zu einer „lebenden Landkarte“ (Fawad Shakoor)  werden lassen. Ein Sprachmittler berichtet, bei Patrouillen im Koran gelesen und gebetet zu haben.

An der Seite der militärischen Beraterteams (OMLT) erlebten Sprachmittler die Notwendigkeit der Aufbauhilfe für die afghanischen Sicherheitskräfte. Einmütig stellen sie fest, dass diese zu früh sich selbst überlassen wurden und dann mit ISAF-Abzug den Taliban unterlegen waren.

Beim Regional Media & Information Center (RMIC) in Mazar-e Sharif arbeiteten Ortskräfte als Medienanalyst, Journalistin und Sprachmittler daran, Einstellungen in der Bevölkerung zu erfragen, den Auftrag von ISAF und die Aktivitäten der afghanischen Sicherheitskräfte zu erklären und Vertrauen zu schaffen. Der Taliban-Propaganda sollten sie entgegenwirken und verstärkt soziale Medien in Konfliktgebieten nutzen. Zur Sprache kommt dabei aber auch das mit der Zeit wachsende Glaubwürdigkeitsproblem von ISAF, die trotz überlegener Kräfte ihr Schutzversprechen bei der Landbevölkerung gegen relativ kleine Taliban-Kräfte immer weniger einlösen konnte.

Einzelne ehemalige Sprachmittler können von vielfältigen Aufbauprojekten im Rahmen von CIMIC und der deutschen Entwicklungszusammenarbeit berichten. Schwerpunkte waren dabei Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Wasserversorgung. Betont wird eine wirksame Korruptionsprävention dabei. Deutsche Steuergelder seien gut angelegt worden.

Die fünf ehemaligen Wachmänner aus dem Provincial Advisory Team (PAT) Taloqan und dem PRT Kunduz schildern ihren erfolgreichen Einsatz bei der Zugangskontrolle und Absicherung der Feldlager. Am 18. Mai 2011 standen die afghanischen Wachmänner bei einer gewalttätigen Demonstration vor dem PAT Taloqan in der ersten Reihe und verhinderten eine Stürmung des Feldlagers. Der Kommandant der Security Guards des PRT Kunduz trug von 2006 bis 2013 die Verantwortung für die Sicherheit im Feldlager. Erfolgreich konnte auch jeder Infiltrationsversuch von Taliban verhindert werden.

Einige der Ortskräfte studierten parallel zu ihrer Arbeit bei ISAF weiter.

In Teilen der deutschen Bevölkerung gilt der Afghanistaneinsatz unterschiedslos als Kriegseinsatz, über 15 Jahre nur Krieg. Alle Ortskräfte erinnern deutlich an die ersten hoffnungsvollen Jahre, als es noch wenige Sicherheitsvorfälle gab und eine weitgehende Bewegungsfreiheit auch für ausländische Soldaten. Und dann ab 2007 die schrittweise Verschlechterung der Sicherheitslage auch in Teilen des Nordens.

Erfahrungen miteinander

Das Urteil der ehemaligen Ortskräfte über die Bundeswehr und ihre Soldaten ist rundum positiv: Hervorgehoben wird, dass die Deutschen in Afghanistan nicht – wie etliche andere Verbündete - in erster Linie ihre eigenen Interessen verfolgen würden. Die Bundeswehrsoldaten würden die Kultur und Religion der Afghanen respektieren, bei Feuerwechseln Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen. Die meisten Landsleute hätten das nicht als Schwäche verstanden. Zugleich seien die deutschen Soldaten sehr professionell und den Aufständischen überlegen gewesen. „Wir Sprachmittler und die Soldaten saßen im gleichen Boot. Wir haben alle das gleiche Ziel verfolgt und waren den gleichen Gefahren ausgesetzt.“ (Abdul Wali U. Khel) Man habe zusammen geredet und gelacht. Die deutschen Soldaten hätten sie als gute Kameraden erfahren. Insgesamt hätten die Bundeswehrsoldaten über etliche Jahre in der Bevölkerung einen besonders guten Ruf gehabt.

Dieses Positivurteil lässt sich nicht als afghanische Höflichkeit gegenüber ihren früheren Arbeitgebern abtun. Meine Erfahrungen aus 19 Afghanistanbesuchen kommen zu demselben Ergebnis. Exemplarisch war eine Begegnung Anfang Mai 2007 in der Koranschule in Kunduz. Auf meine Frage an die Koranschüler, wie sie die Bundeswehrsoldaten fänden, antworteten sie: „Die verhalten sich anständig“. In einer Gesellschaft, wo Ehre und Respekt zentral sind, ist ein solches Urteil über ausländische Soldaten eine Bestnote. Die von mir 2015 geleitete Unabhängige Untersuchungskommission „G36 im Gefecht“ brachte auch Aufschlüsse über das Gefechtsverhalten der Bundeswehrsoldaten: Ihr Schusswaffeneinsatz war insgesamt bemerkenswert kontrolliert, die Rücksichtnahme auf Zivilbevölkerung eine zentrale Einsatzregel.

Die Afghanistan-erfahrenen deutschen „Zwischenrufer“ kommen ihrerseits zu einem hervorragenden Urteil über die Ortskräfte, insbesondere die Sprachmittler. Sie haben sie hoch schätzen gelernt: über das bloße Übersetzen hinaus auch als kulturelle und zwischenmenschliche Brücken, als Türöffner bei afghanischen Polizisten, Soldaten und Zivilbevölkerung, als Vermittler und Organisatoren von Kontakten, als Sensoren für Stimmungen und Warner vor Anschlägen, als Gedächtnis zwischen den wechselnden Kontingenten und eine Art Stabilitätsanker, als Vermittler bei Konflikten mit Einheimischen. Zur Sprache kommen aber auch Unsicherheiten, ob Sprachmittler Botschaften so rüber bringen, wie sie gemeint sind, oder vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Netzwerke und Interessen „kreativ“ übersetzen. Oder bei neuen Kontingenten die Unsicherheit, dass in Afghanistan jeder eine potenzielle Gefahr darstellt, und die Angst vor „Innentätern“, Angreifern in Militär- oder Polizeiuniform, generell. 2012 gab es allein 43 solcher Innentäter bei ISAF insgesamt. Umso wichtiger sei der offensive Aufbau von Vertrauen zwischen „Bedarfsträgern“ und Sprachmittlern mit Respekt, Offenheit und Kommunikationsfähigkeit. „Respekt schützt vor Innentätern“ betont Kompaniechef Marcel Bohnert als Leitlinie. Die Grundsätze der Inneren Führung erwiesen sich hierbei als ausgesprochen hilfreich.

Zusammenfassend kommt Michael Rohrschürmann zu dem Urteil: „Ohne lokales Personal geht es nicht. Ich würde fast sagen, dass es nichts Wichtigeres gibt.“ Und Marcel Bohnert:  Die Ortskräfte „gingen mit Leidenschaft und Herzblut ans Werk“. Ihnen sei es um die Sache und nicht nur um das Geld gegangen.

Die Landsleute: gespalten

Die Ortskräfte arbeiteten für ISAF und die Deutschen nicht zuletzt dafür, ihre Familien durchzubringen und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Mit ihrer deutlich besseren Entlohnung als bei der afghanischen Armee oder als Lehrer konnten sie das auch über Jahre gewährleisten.

Die Familien selbst sahen die Beschäftigung ihrer jungen Angehörigen bei ISAF und anderen ausländischen Einrichtungen sehr unterschiedlich: unterstützend die einen, sorgenvoll und skeptisch, auch ablehnend die anderen.

In Teilen der Bevölkerung kursierten abenteuerliche Gerüchte über die Deutschen und die Sprachmittler, zum Beispiel der Verdacht, mit den Schutzbrillen könne durch Kleidung gesehen werden. Ortskräften, insbesondere den besonders sichtbaren Sprachmittlern, wurde vorgeworfen, für die „Ungläubigen“ zu arbeiten, selbst „keine Muslime“ und „Spione“ zu sein. Parallel zum schwindenden Rückhalt von Regierung und internationalen Truppen in der Bevölkerung, der Verschlechterung der Sicherheitslage und dem wachsenden Einfluss der Taliban nahm die negative Stimmung gegenüber den Ortskräften zu. Taliban-Propaganda verbreitete die Lüge, deutsche Soldaten würden afghanische Mädchen im Feldlager vergewaltigen. Als der schrittweise Abzug der ISAF-Kampftruppen erkennbar wurde (im Oktober 2012 Rückzug aus Feyzabad, im Oktober 2013 aus Kunduz), erfuhren Ortskräfte zunehmend Drohungen: als Anrufe, Briefe, über Familienangehörige und direkt. Mehrere Ortskräfte berichten von Angriffen auf ihr Haus, von Entführungsversuchen. Sie erlitten mit ihren Familien eine Art Sippenhaft. Im Oktober 2013, vier Wochen nach Schließung des PRT Kunduz, wurde der ehemalige Sprachmittler der Bundeswehr, Dschawad Wafa, ermordet, im September 2014 die Kollegin Palwada Tokhi vom Regionalen Medienzentrum in Mazar-e Sharif.

Der ermordete Dschawad Wafa gehörte zu den Organisatoren einer kleinen Demonstration ehemaliger Ortskräfte, die Ende März 2013 vor dem PRT Kunduz gegen die langwierige und bürokratische Bearbeitung ihrer Aufnahmeanträge protestierten. Am 19. April 2013 erhielt ein erster ehemaliger Bundeswehrhelfer eine Aufnahmezusage für Deutschland. Anfang 2014 beschäftigte die Bundeswehr vor Ort noch rund 1500 Ortskräfte, davon 450 Sprachmittler.

Der langjährige ARD-Südasien-Korrespondent Christoph Heinzle schildert die Absurdität der Verfahren zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte nach § 22 Aufenthaltsgesetz, wo eine akute Bedrohung konkret belegt werden musste: Die Bürokratie hätte Todesdrohungen wohl am liebsten schriftlich. Der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe kritisierte 2014, dass die Ortskräfte offenbar nicht geplant gewesen seien. Da sie in keinem Gesetz vorkämen, seien sie aus dem Raster gefallen.

2015/2016 veränderte sich die Aufnahmebereitschaft gegenüber den ehemaligen Ortskräften erheblich, vor allem wegen der anderen Entscheidungspraxis im Bereich der Bundeswehr. Bis Juli 2015 gab es nur bei 37% aller Anträge Aufnahmezusagen. In den sieben Folgemonaten bis Februar 2016 stieg die Anerkennungsquote auf 92%. Hierbei wird auch die zeitweilige Besetzung von Kunduz im Herbst 2015 eine Rolle gespielt haben.

Anfang Mai 2016 hatten insgesamt 1.924 Ortskräfte ihre Gefährdung angezeigt, davon 1.542 des Verteidigungsministeriums, 217 des Innen- und 112 des Entwicklungs- und 53 des Außenministeriums. 795 der Ortskräfte (davon 635 Ortskräfte des BMVg) erhielten eine Aufnahmezusage des Bundesinnenministeriums. In 1.054 Fällen (davon 870 Ortskräfte des BMVg) wurde „mangels Gefährdung“ keine Aufnahmezusage erteilt. 579 Ortskräfte reisten mit zusätzlichen 1.715 Angehörigen ihrer Kernfamilien nach Deutschland aus. Bis März 2017 waren insgesamt 2.947 Personen, davon 703 ehemalige Ortskräfte, nach Deutschland ausgereist.

Im Rückblick

Die in diesem Buch zu Wort kommenden ehemaligen Ortskräfte mussten nach ihrer Gefährdungsanzeige unterschiedlich lange warten, bis sie eine Aufenthaltszusage und  ein Visum erhielten und der Angst in der Heimat entkommen konnten.

Christine Müller vom Bayerischen Roten Kreuz berichtet, dass sich um die bis Mitte 2014 in Deutschland eintreffenden ehemaligen Ortskräfte und ihre Familienangehörigen niemand gekümmert habe. Auch von der Bundeswehr hätten sie sich allein gelassen gefühlt, von der sie Gesten des Respekts, der Dankbarkeit und der Gastfreundschaft erwartet hätten.

Der größte Kulturschock sei der Verlust von Respekt und des bisherigen, an die Familie gebundenen Sozialstatus gewesen. „Hier sind sie nichts.“

Rückblickend äußern die ehemaligen Ortskräfte doppelte Dankbarkeit: für die Arbeit bei den Deutschen, die richtig gewesen sei und ein gutes Leben ermöglicht habe, und für die Aufnahme in Deutschland. Sie nennen aber auch den schmerzhaft hohen Preis, den sie mit ihren Familien dafür zahlen müssen:

„Ich habe für die Bundeswehr gearbeitet, um meinem Heimatland Frieden und Sicherheit zu ermöglichen. Das war eine gute Erfahrung und es hat sich gelohnt, auch wenn ich dadurch meine eigene Sicherheit und Freiheit verloren habe.“ (Aliullah Nazary)

„Ich liebe Afghanistan wie ich meine Mutter liebe. Das war der Grund, warum ich für ISAF gearbeitet habe. Ich wollte meinem Land helfen. (…) Hätte ich jedoch gewusst, wie die Situation für mich enden würde, hätte ich ehrlich gesagt nie für ISAF gearbeitet. (…) Ich bin schuld daran, dass meine Familie nicht mehr vor die Tür kann.“ (Zainullah Azimi)

„Jeder aus meiner Familie ist jetzt auf der Flucht. Ich habe meiner Familie nur geschadet.“ (Fawad Shokoor)

Die Journalistin Bahaar: „Manchmal habe ich mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, dass mir all das widerfahren ist (die Drohungen und die Angst, die ihr die Kraft nahmen). Ich war fleißig in der Schule, gehörte zu den besten Studentinnen an der Uni. Ich habe meine Familie unterstützt, war anderen Menschen gegenüber respektvoll. Ich habe mich an die Regeln gehalten. Habe meinen Job nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich habe niemandem Probleme bereitet. Warum? Warum waren sie so zu mir?“

Kameradschaft, Gastfreundschaft, Verantwortung

Die (ehemaligen) afghanischen Ortskräfte waren und sind unverzichtbar für den deutschen Afghanistaneinsatz, sie leisten Großes für ihre Landsleute und ihr Land. Dabei nahmen sie hohe Belastungen und Risiken in Kauf. Dafür gebührt ihnen seitens der deutschen Politik und Gesellschaft Aufmerksamkeit, herzlicher Dank und Anerkennung.

Vor allem seit der Verschlechterung der Sicherheitslage haben sie mit ihren Familien massiv unter Bedrohungen von Leib und Leben zu leiden und mussten ihre Heimat verlassen.

Ihnen gegenüber, die an sozialen Einsatzfolgen leiden, steht ihr ehemaliger Dienstherr, die Bundesrepublik Deutschland, in selbstverständlicher Fürsorgepflicht. Diese wurde leider erst zögerlich und mit Verspätung erkannt. Sie wird inzwischen zunehmend verlässlicher praktiziert.

Im Generalinspekteurs-Brief 1/2015 vom 19. Januar 2015 rief General Volker Wieker zu einem durch freiwilliges Engagement getragenen Patenschaftsprogramm der Bundeswehr für die ehemaligen afghanischen Ortskräfte auf. Bis Anfang September 2017 hatten sich 458 Freiwillige zur Übernahme einer Patenschaft gemeldet und konnten 187 Patenschaften geschlossen werden. Um die Paten zu vernetzen und um sich gegenseitig zu unterstützen, gründete sich Anfang Mai 2015 das „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.“.

Ein solches freiwilliges Engagement ist sehr fordernd und ohne gewisse professionelle Unterstützung über längere Zeit kaum durchhaltbar. Der Beirat für Fragen der Inneren Führung appellierte im Herbst 2017 in einem Schreiben an die Verteidigungsministerin Dr. von der Leyen, eine angemessene personelle Stabilisierung des Patenschafts-Engagements (z.B. durch mehrere Sozialarbeiterstellen) in die Wege zu leiten. Denn das freiwillige Engagement aktiver und ehemaliger Bundeswehrangehöriger für die ehemaligen afghanischen Ortskräfte ist gelebte Kameradschaft und Fürsorge gegenüber Menschen, die den Einsatzsoldaten oft selbst mal unter hohem Risiko gute Kameraden waren. Paten ergänzen die Fürsorgepflicht des Dienstherrn und füllen sie mit Leben.

 


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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