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Erinnerungsarbeit + Bericht von Winfried Nachtwei
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Ghetto Riga + Deportationen: Fast 50 Jahre vergessen. Unsere erste Riga-Reise 1989, kurz vor der Menschenkette der 2 Millionen von Vilnius, Riga bis Talinn

Veröffentlicht von: Nachtwei am 8. August 2019 18:29:07 +02:00 (1878 Aufrufe)

Vor 30 Jahren, im Sommer 1989, stießen Angela und ich in Riga auf die Spuren des "Reichsjudenghettos", der Massengräber in Rumbula und Bikernieki, lauter vergessene und verlorene Orte. Eine doppelte Schande, die uns nicht mehr losließ. Hier erstmalig mein Reisebericht von damals - und Beobachtungen von meiner jüngsten Rigareise vor einigen Tagen. Für vorträge über meine Erfahrungen in 30 Jahren Erinnerungsarbeit zu "Verschollen in Riga" stehe ich gern zur Verfügung. 

Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga: Fast

50 Jahre verdrängt + vergessen. Aufbrechende Erinnerung vor 30 Jahren

Bericht von unserer ersten Riga-Reise 1989 – und der letzten 2019

Winfried Nachtwei, August 2019

(Fotos auf www.facebook.com/winfried.nachtwei )

Anstöße

Begegegnungsreise nach Minsk/Weißrussland 1988

Im August 1988unternahm die Friedens-AG von GAL/GRÜNEN Münster eine Begegnungsreise nach Minsk im noch sowjetischen Weißrussland. Es war die Zeit von Perestroika und Glasnost, der Umgestaltung und Öffnung des sowjetischen Systems unter Michail Gorbatschow. (…) Als eine der ersten Reisegruppen aus Westdeutschland nahmen wir die Spuren des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion auf. Am 14. August besuchten wir die Gedenkstätte Chatyn ca. 60 km von Minsk entfernt. Das Dorf Chatyn war am 22. März 1943 von einer SS-Einheit mit seinen 149 Einwohnern, darunter 75 Kindern, verbrannt worden. Insgesamt 186 Dörfer mitsamt ihrer Bevölkerung verbrannten die deutschen Besatzer. Dass diesem Vernichtungskrieg ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung zum Opfer fiel, war in Deutschland damals nahezu unbekannt. Auch heute ist es noch ziemlich wenig bekannt.

Den sowjetischen Veteranen und Mitgliedern des Friedenskomitees übergaben wir die Dokumentation „Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und anderer Kriege gegen Russland im Münsterland“, die ich vorher zusammengestellt hatte. Hierin sind die 14 Wehrmachtsdivisionen mit ihren Marschstrecken sowie 16 Polizei-Bataillone aufgelistet, die allein im Wehrkreis VI (Rheinland und Westfalen), Stab in Münster, für den Krieg gegen die europäischen Nachbarn aufgestellt worden waren. (Ihre Geschichte ist bis heute nicht erforscht!) Der Bericht von dieser Pioniereise ist jetzt öffentlich zugänglich unter www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1540 , die Dokumentation unter www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1541

Für mich als Geschichtslehrer und friedensbewegten Grünen wurden die aufwühlenden Reiseerfahrungen zum Anstoß für weitere Spurensuche und Erinnerungsarbeit.

Kriegsverbrecher-Prozess: Am 17. Oktober 1988, zwei Monate nach Besuch der Gedenkstätte Chatyn, berichtete die Tagesschau von dem mutmaßlichen, in Münster lebenden Kriegsverbrecher Boleslavs Maikovskis. Dem ehemaligen Hauptmann der lettischen Hilfspolizei wurde vorgeworfen, maßgeblich an der Ermordung von 170 Einwohnern des ostlettischen Dorfes Audrini im Januar 1942 beteiligt gewesen zu sein. Ich wurde hellhörig, fand in meinem Archiv Dokumente zu Audrini und gab sie an den WDR weiter. Kurz später machte mich Paul Wulff, NS-Opfer und Antifaschist, auf den Bericht des Münsteraners Siegfried Weinberg aufmerksam, der im Dezember 1941 mit 390 jüdischen Menschen aus Münster und dem Münsterland im sog. „Bielefelder Transport“ ins Ghetto Riga deportiert worden war. So kamen Steine ins Rollen.

Riga: Münster galt lange als Hauptstadt der Exilletten im Westen. Immer wieder demonstrierten vor dem Rathaus Exilletten mit Nationalfahnen gegen die Sowjetokkupation ihrer Heimatländer. Linke und Friedensbewegte blieben da lieber auf Distanz. Ab 1986 schwoll eine Umweltbewegung im Baltikum immer mehr an und wurde  zu einer Unabhängigkeitsbewegung. 1988 demonstrierten in Riga 500.000 Menschen, am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts sogar 2 Millionen Menschen in einer Menschenkette über 670 km von Vilnius über Riga bis Talinn. „Im Osten viel Neues!“ Und dann die in Münster auftauchenden Täter- und Opferspuren zur NS-Herrschaft im Baltikum. Also machten meine Frau Angela und ich im Sommer 1989 unseren Aktivurlaub erstmalig im Osten, in Riga, der Hauptstadt der Lettischen Sowjetrepublik. Hier stießen wir auf die weitgehend erhaltenen Straßenzüge des früheren Ghettos, auf Dutzende Massengräber – lauter vergessene, verlorene Orte! Wir begegneten mit Margers Vestermanis einem ersten Überlebenden des lettisch-jüdischen Ghettos.

Bericht von der ersten Riga-Reise 1989 (nach dem Reisetagebuch)

„Am 02. Juli ab Travemünde um 20.00 Uhr mit dem polnischen Fährschiff Rogallin über Danzig nach Riga. In Danzig legen wir gegenüber der „Westerplatte“ an (seit 1924 polnisches Munitionsdepot). Mit ihrer Beschießung durch das deutsche Schulschiff „Schleswig-Holstein“ begann am 1. September 1939 um 4.45 Uhr der Krieg gegen Polen. Dem zusätzlichen Angriff einer „Marinestoßtruppkompanie“ und einer SS-Kompanie der „Danziger Heimwehr“ leisteten polnische Soldaten bis zum 7. September Widerstand. Daran erinnert ein 23 Meter hohes Granitdenkmal. Am 1. September sollte Bundespräsident von Weizsäcker hier sprechen.

Über eine ausführliche Buchbesprechung von Anita Kugler in der taz war ich auf das Buch  „Judenmord in Lettland“ des lettisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden Dr. Bernhard Press gestoßen.[1] Schockierend, in welchem Ausmaß Judenverfolgung und –vernichtung von lettischer Seite mitgetragen wurde.

Ankunft (4. Juli): Einfahrt in die Daugava/Düna, linker Hand Hafenanlagen, rechts Häuschen, zum Teil bis zum Ufer. Rigas Silhouette wird unterbrochen vom Hochhaus des Landwirtschaftsministeriums.

Bei der Zollkontrolle fragt man uns nach Schriften. Ich verneine erst. Als dann aber doch Bücher auftauchen, bekommen wir erhebliche Schwierigkeiten: Alles wird durchsucht, Misstrauen erregen vor allem Bücher von Erich Kuby „Als Polen deutsch war“ (1986) und von Marcus Weidner über Kriegsgefangene in Münster und schließlich taz-Artikel über Lettland. Ich versuche zu erklären, dass es sich gerade um antifaschistische Literatur handele – kein Erfolg. Meine Säuernis wächst, sogar Adressenlisten, Vorstellungsbriefe („Briefe werden mit der Post befördert!“) und mein fast leeres Tagebuch werden festgehalten. Mühseliges Anfertigen des Protokolls durch junge Beamte, Verzögerung durch personelles Durcheinander – und die Reisegruppe muss warten. Sogar zwei Exemplare des „Maulwurfs“ (Zeitung der Münsteraner Grünen) mit der Maikovskis-Geschichte müssen dort bleiben. (Zwei Tage später können wird die beschlagnahmten Schriften beim Zoll abholen, behutsame Entschuldigung.

In unserer Reisegruppe sind ansonsten nur Ex-Baltendeutsche, die 1937, vor allem 1939, aber auch 1942 „heim ins Reich“ kamen und nun nach ca. 50 Jahren zum ersten Mal Blicke zurückwerfen. Interessiert sind diese Leute nur an der Vergangenheit: Alte Häuser werden aufgesucht, wo zwei Familien enorm herzlich empfangen und bewirtet werden. Für die einen ist damit die vergangene Heimat beruhigend „bewältigt“, andre nörgeln ständig, wie heruntergekommen und verwahrlost alles sei, nur russische Namen, Verklärung der 1939er Vergangenheit. An der hiesigen Gegenwart besteht kein Interesse, außer, wenn`s gegen die Russen geht. Die antirussische Aktionseinheit zwischen diesen rückwärtsgewandten Deutschen und den Letten ist verheerend!

Hotelunterkunft in Jurmala, Majori direkt am Ostseestrand im ehemaligen Sanatorium des Ministerrates

Altstadtführung (5. Juli): Denkmal der „Lettischen Roten Schützen“ auf dem ehemaligen Rathausplatz, wo früher das „Schwarzhäupterhaus“ stand; Petrikirche; Große und Kleine Gilde; Domplatz, ehemalige Börse, Herder-Denkmal, die „Drei Brüder“; Jakobuskirche und Gebäude des Obersten Sowjet der LSR; Schwedentor. Brüderfriedhof, Waldfriedhof.

Ethnographisches Museum (6. Juli), Markthallen und Kolchosmarkt, Besuch im Gebäude der Volksfront in der Altstadt, einzelne Gespräche.

Museum zur Geschichte der Stadt Riga (7. Juli),  Freiheitsstatuevon 1934 „Für Vaterland und Freiheit“. Eckfiguren stellen dar die Arbeit des Volkes, die Verteidigung der Heimat, die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft und „Mutter Heimat“. Ende der 1950er Jahre wurde diskutiert, ob es wegen seiner Entstehung während der Ulmanis-Herrschaft abgerissen werden sollte. Heute ist die Freiheitsstatue das Wahrzeichen für das nationale Lettland, sichtbar an den vielen frischen Blumen, Blumenkörben. Menschenauflauf am angrenzenden Park: Auf dem Rasen ein Plakat, davor mit Steinen beschwerte verschiedene Schreiben, dahinter einer im „Hungerstreik für ein freies Lettland“. Das Lenin-Denkmal hinter dem Freiheitsdenkmal steht voll in dessen Schatten, nur wenige Blumen. Besuch beim Umweltclub VAK an der Kalnciema iela 30 auf der anderen Seite der Daugava…

 

Ausflug mit Janis Danoss (8. Juli), dem Vorsitzenden des „Lettisch-Deutschen Kulturvereins“ mit rund 100 Mitgliedern. (Sein Name wird uns beim Besuch der Volksfont genannt) Er überschüttet uns schnell mit Angaben zur Person (Atomphysiker, Mitglied verschiedener Kommissionen, Referent bei der Volksfront und Mitbegründer) und zum System. Vorbei geht`s an ehemaligem Militärflugplatz, am Wochenende ein großer Schwarzmarkt, vorbei an Salaspils, Daugava-Stausee. Begegnungen mit Menschen auf dem Land, freundliche Gespräche, Abstecher zu einem kleinen See in einem großen Waldgebiet, massenweise Blaubeeren.

Auf der Rückfahrt Halt bei der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen „Arbeitserziehungslagers“ Salaspils.

Die Letten hätten Probleme mit der Gedenkstätte Salaspils, weil sie gegen den einen Faschismus von dem anderen Faschismus errichtet worden sei, unter dem sie

„schmachteten“. Er sei auch nur einmal in offiziellem Zusammenhang hier gewesen. Aus Gastfreundschaft fährt er uns hin. Seine Frau bleibt im Wagen. Am Eingang der Gedenkstätte ist seine Distanz spürbar. Zu seinem klagenden Sohn sagt er, dass es an uns Gästen liege, wann es wieder zurückgehe, In dieser Situation können wir nicht mehr in Ruhe hier bleiben, gar das Museum besichtigen und brechen ab. Er erzählt, man habe das damals ja mitgekriegt, aber nicht so richtig gewusst. Ein Schulkamerad habe wohl bei der Massenschlächterei mitgemacht. Er sei kein Sadist gewesen, aber von den Nazis als einer herangezogen, der Verwandte unter Stalin verloren hatte. Die Methode war, erst zehn Mann eine Person erschießen zu lassen, dann fünf zwei … dann mit dem MG … und voll betrunken. Der Schulkamerad, der von allen deshalb geschnitten und verachtet worden sei, habe sich deshalb erschossen.

Gespräch mit dem Historiker Prof. Peter Krupnikovs (9. Juli) an der Deglava iela 59-24. In dem großen Mietshaus finden wir unten keine Namensschilder und Klingeln. Das Treppenhaus düster, kellerartig, modrig. Auch an der Nr. 24 kein Name, nur eine Klingel. Uns öffnen sich zwei Türen. Wir treten in eine aufgeräumte, gepflegte und helle Wohnung – in vollem Kontrast zum Flur. Gemütliche Atmosphäre, viele schöne Mitbringsel und Bücher, Zwei-Männer-Haushalt. Nach unserer Vorstellung gibt er zunächst einen Abriss der äußerst komplizierten Jahre 1917-19, dann zur Rolle der Baltendeutschen, zu den Deportationen nach Sibirien und ihren innenpolitischen Wirkungen (früher recht gutes lettisch-russisches Verhältnis), zur Zuwanderung nach dem Krieg, der Judenverfolgung hier und den Nazimethoden dabei. Er doziert übersichtlich und gegliedert. Ich brauche nur anzustoßen, mal ein Stichwort geben. Eine enorme Fundgrube, von der wir einen Schimmer abbekommen haben.

Bikernieki-Wald: An der Straße ein Hinweisschild „Fasisma terora upura masu kapu vieta“. Wir folgen dem sandigen Weg in den Fichtenwald. Nach vielleicht einem Kilometer finden wir hinter einer Anhöhe in einer Mulde fünf Massengräber, eingefasst mit Bordsteinen, offenbar kaum gepflegt, an einer Einfassung sogar Hakenkreuz-Kritzeleien und SS-Runen. Den Gedenkstein („Gedenken an 45.600 Sowjetbürger als Opfer des Faschismus“) finden wir nicht. Ob er dort stand, wo Reste eines Fundaments sind? Sonst keinerlei Hinweise – ein lichter, sonniger Wald, friedliches Naherholungsgebiet. Unvorstellbar, was hier geschah!

(Anm. 2019: Der größere Teil der insgesamt 55 Massengräber – und die spätere Gedenkstätte - liegt im Wald auf der anderen Straßenseite. Nach jüngsten Untersuchungen sind in Bikernueki mindestens 35.000 Menschen ermordet worden.)

Platz der ehemaligen Großen Synagoge an der Gogolstraße, nicht weit von der Akademie der Wissenschaften. Bis vor kurzem war die Große Synagoge spurlos „verschwunden“. Am 4. Juli 1941 ließ die Einsatzgrupp A von Sicherheitspolizei und SD durch lettische Polizei (Kommando Arajs) Juden wahllos aus der Umgebung in der Synagoge zusammentreiben (zu 300 geflüchteten litauischen Juden im Keller), von MG`s umstellen und anzünden. Handgranaten wurden durch die Fenster geworfen, niemand überlebte. Weit mehr als 300, vielleicht 2000 Menschen kamen hier um!

Am 4. Juli 1989 wurde hier endlich ein Gedenkstein aufgestellt – in Anwesenheit prominenter Staats-, Partei- und Fronten-Vertreter. Ein einschneidendes historisches Ereignis!!

Großes Ghetto in der Moskauer Vorstadt: Lacplesa, Moskavas (hier Grenze), dann Kijevas, Ludzas iela bis zur Ecke des Kleinen Ghettos und der Ghetto-Kommandantur. An diesem äußerst schwülen Sonntagnachmittag ist alles völlig leer. Das ganze Viertel runtergekommen, viele Bebauungslücken, verrottete Holzhäuser wie größere Steinbauten. Das einzige vollständig erhaltene jüdische Ghetto des 20. Jahrhunderts! (Press S. 73)

Am 27. November 1941 Plakatanschlag, dass am 29.11. um 9.00 Uhr alle Männer in der Sadownikow iela (heute Franzes iela) anzutreten hätten. Es geschieht nichts. Nachmittags neue Anordnung, dass Evakuierung am 30.11. um 6.00 Uhr beginnen solle. Die Vernichtungsaktion beginnt am Abend und umfasst die zentrumsnahe Hälfte des Ghettos. Vor allem lettische Polizei und Kommandos, schwer betrunken; zuerst Massaker in Altersheim; Vertreibung aus den Wohnungen, viele an Ort und Stelle erschossen; Kinder aus dem Fenster geworfen; die Menschen wurden aus dem Ghetto über die Ludzas iela bis nach Rumbula getrieben (bis dahin nur winzige Bahnstation), wo ab 8.15 Uhr bis 19.45 mehr als 15.000 Menschen erschossen werden, darunter auch gerade aus Deutschland eingetroffene Juden. Die zweite Evakuierung und Mordaktion am 8. Dezember mit 11.000 Opfern. Insgesamt 27.8000 am 30.11. und 8.12. aus dem Ghetto nach Rumbula!

Salaspils: Mit dem Zug vom Hauptbahnhof sieben Stationen raus bis zur Station Darzini (nach Rumbula, vor Salaspils), die mitten im Wald liegt. Über asphaltierten Waldweg in einer Viertelstunde zur Gedenkstätte Salaspils (früher Kurtenhof): Ein Betombalken als Schlagbaum an der Grenze zwischen Leben und Tod, „Hinter diesem Tor stöhnt die Erde“. Die KZ-Tage der Jahre 1941-1944 sind als Striche eingraviert. Ein Metronom schlägt im Rhythmus eines Herzschlages. Große Steinfiguren „Die Erniedrigte“, “die Mutter“, „der Unbeugsame“ (vom Boden sich hochstemmend), drei Figuren des Widerstandes (Schwur, Solidarität, Rot Front). Weiße Platten als Grundriss der Lagerbaracken. Hinrichtungsstätte: Hier auf dem Todeswege gingen die Unbeugsamen. Wie viele unausgesprochene Worte, wie viele ungelebte Jahre wurden durch eine Kugel abgebrochen.“ In Salaspils gab es zwei Lager – für Kriegsgefangene und Zivilgefangene. Allein 7.000 Kinder starben hier, insgesamt 100.000 Menschen!

10. Juli Revolutionsmuseum der Lettischen Sowjetrepublik. Die Darstellung scheint üblich heroisch, interessant ein Saal zum „Großen Vaterländischen Krieg“. Dreisprachige Bekanntmachung von Strauch zu Audrini, Fotos von Leichengrube (Salaspils), Wachturm von Stalag Riga, Auszeichnung lettischer Polizisten in Libau, Einberufungsbefehl zur „Lettischen SS-Freiwilligen-Legion“.

Der letzte Saal zum heutigen Lettland ist überraschend pluralistisch: Hinten im Zentrum wohl die offizielle Fahne der LSR und auch ein bisschen Leistungsschau. Ansonsten aber gleichberechtigt nebeneinander, was von der KP und Moskau, von der Volksfront und dem VAK (Fotos von Dreckfabriken, Menschenkette am Majori-Strand und Abzeichen) und ein großes, handgemaltes Plakat zu den Deportationen (1941 und 1945 nach Sibirien) als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Mit dem Zug zur Ministation Rumbula. Gerate zunächst jenseits von Bahn und Hauptstraße zu einer Mülldeponie. Mit Zeichensprache und aufgemalter 1941 kann ich deutlich machen, worum es mir geht. Einer der Männer führt mich zurück, entlang den beiden Bahnsteigen, am Bahndamm Richtung Riga hinauf zu einem abgebrochenen Asphaltweg. 50 Meter neben der Bahn im hügeligen Fichtenwald mit Abständen ca. zehn Massengräber. An der Hauptstraße dasselbe Hinweisschild wie in Bikernieki. Asphaltierte Wege, bei den ersten Massengräbern der offizielle Gedenkstein auf Lettisch und Russisch „1941-1944 wurden hier im Wald von Rumbula 50.000 sowjetische Bürger, politische Häftlinge, Kriegsgefangene und andere Opfer des Faschismus grausam ermordet und erschossen“. Kein Wort, dass hier nur Juden aus Lettland und dem Ausland liegen! (Anm. 2019: Laut nachsowjetischen Forschungen wurden in Rumbula am 30. November und 8. Dezember 1941 27.500 Gefangene des lettisch-jüdischen Ghettos von Riga erschossen.)

Hundert Meter weiter bei anderen Massengräbern gestatte die Regierung den Juden nach längeren Verhandlungen die Aufstellung eines zweiten Steines „Den Opfern des Faschismus“ auf Lettisch, Russisch und Jiddisch. Außerdem kleine Tafeln mit den Daten 30. November und 8. Dezember 1941.

Am Jahrestag der Ermordungen versammeln sich hier Überlebende, sei den 1960er und 70er Jahren auch Jüngere. Dabei gab es auch Worte gegen verschleierten Antisemitismus in der aktuellen Politik. Gedenkveranstaltungen wurden seitens des KGB durch Umstellungen, Fotografieren und laute Musik gestört.

Gespräch mit Maija Klave, der Frau des Avots-Chefredakteus, in Majori. (…)

Erste Begegnung mit Margers Vestermanis (11. Juli, letzter Tag; Kontakt über Krupnikovs): Ich treffe an der Turmuhr am Hauptbahnhof wie verabredet einen Herrn um die 65 Jahre, weißes Haar, Zeitung mit lateinischen Buchstaben unterm Arm. Mit der Buslinie 385 die Deglava iela ganz raus, durch den sehr breiten Gürtel hunderter Wohnmaschinen, ca. neun Stockwerke, acht und mehr Eingänge, zig Mal derselbe Haustyp aus Fertigbauteilen, das Gelände drumherum so belassen, Wiese und ab und zu eine Birke, keine sonderliche Gestaltung – ganz im Unterschied zu Minsk. Dann eine Zeit lang Holzhäuser, schließlich, Felder, Wald. Vorbei am Tuberkulose-Krankenhaus zur Waldsiedlung mit vierstöckigen Mietshäusern. Auch hier schäbige Flure, nur Nummern, zweifache dicke Tür mit vielen Schlössern (regelrecht verbarrikadiert). Sehr ordentliche Dreizimmerwohnung. Vom Balkon aus Blick zum eigenen Kleingarten, dahinter irgendwo ein Fluss Richtung Jugla-See.

Als die deutsche Wehrmacht Riga besetzte (1. Juli 1941) war V. 16 Jahre alt.

Am 30. November 1941 war er beim Aufräumen der Leichen im Ghetto dabei. Zusammen mit einem Kameraden hatte er auf der blutüberströmten, vereisten Luczas iela mit einem Kinderschlitten Leichen aufzusammeln und auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu stapeln. Eine Kolonne war zum Erschießen aufgestellt, da kam eine schwarze Limousine mit Jeckeln (Höherer SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord), er schaute auf die Uhr, „Aktion beendet“.

Vom Ghetto aus leistete er Zwangsarbeit beim Bahnhofs-Kommando. Wegen kurzfristiger Abwesenheit wurde er vom Chef verprügelt. Er drohte ihm Bunker andann Strafeinsatz im Truppenwirtschaftslager der Waffen-SS. Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Geschichte von einem baumlangen, rothaarigen Rottenführer mit Drohungen („du wirst heute Abend erschossen – ich gehe ficken“) und „Moralischem“ („ich habe noch nicht gelernt, dich zu verprügeln“). „Der größte Mörder hat auch menschliche Seiten.“

Nach Auflösung des Ghetto Riga Anfang November 1943 war er Gefangener des KZ Kaiserwald, dann im SS-Seelager Dundangen in Kurland (Zwangsarbeit von 1941-1944), von wo ihm am 27. Juli bei einem Gewaltmarsch von Häftlingen die Flucht in den Wald gelang und er auf eine Partisanengruppe der „Waldbrüder“ stieß. Nach der Befreiung Rigas im Oktober 1944 war die Heeresgruppe Nord der Wehrmacht mit der 16. Und 18. Armee im Kurlandkessel eingeschlossen. Er traf auf den Wehrmachtsdeserteur Egon Klinke, Gebreiter, Kraftfahrer bei der Luftwaffe, ca. 25 Jahre, hoch gewachsen, schlaksig. Seine Partisaneneinheit wurde im Dezember 1944 umzingelt und zerschlagen, von den 22 Männern können nur Egon und Margers entkommen. In der Neujahrsnacht haut Egon ab und kommt durch eine Handgranate um`s Leben.

Zur Rolle der Wehrmacht im Operationsgebiet: In Lettland keine Zivil-, sondern nur Wehrmachtsverwaltung. Wer bewaffnete die Hilfspolizei? Erste Mordwelle gegen kleine Funktionäre und Aktivisten, gegen keinen einzigen kommunistischen Kommisar/Bonzen. Auch ehemalige sozialdemokratische Aktivisten, Lehrerinnen durch ehemalige Zöglinge, Pionierleiter, „die Kugel saß lose im Lauf“. In ersten Tagen wurden mehr Sowjetaktivisten als Juden umgebracht. Strittig sei, ob die Einsatzgruppe A von vorneherein dabei. Stahleckers (Führer EG A) erste Aktion war die Verbrennung der Großen Synagoge an der Golgolstraße. Vier, fünf Familien sind belegt, wie viele sonst, sei unbekannt… 2.000? Das Abbrennen von Synagogen sei eine „typisch deutsche Aktion“ gewesen. Das gab es vorher im Osten nie.

Er zeigt mir zig Karteikästen mit einer Kartothek der Mörder, des Ghettos („Reichsjudenghetto Riga“). Es gebe viele Memoiren über das Ghetto, aber keine historische Untersuchung. Hier erstmalig eine Auswertung von in der Sowjetunion gelagertem Material.

Im Westen sei es lange üblich gewesen, sowjetische Archivalien zu ignorieren.

Ein typischer Vorfall: wo ein Hauptmann Kommunisten, Juden und Kriegsgefangene durch Soldaten zusammenbinden und erschießen ließ. Die lettische Polizei durfte die Leichen nur begraben. Als ich das westdeutsche Tabu von der „sauberen Wehrmacht“ anspreche, kommt V. sofort mit einem positiven Beispiel: Der Chef des Heereskraftfahrparks, der Hauptmann Vogler, habe Hunderten das Leben gerettet, natürlich mit Schmiergeldern, z.B. versteckte er 300 jüdische Frauen im Zentralgefängnis.

Von Seiten der Wehrmacht habe es „im Großen und Ganze4n keine besonderen Schikanen“ gegeben. Die Wehrmachtssoldaten seien in ihrer Masse nicht antisemitisch gewesen. Anders Kommandanturen und Sicherungsdivisionen. Die Wehrmachtsbehörden seien an der ersten Phase des Judenmords (Registrierung) beteiligt gewesen. Da lag die reale Macht in ihren Händen!! Ortskommandanturen dachten sich ihre verschiedenen Judenzeichen aus, z.B. in Daugavpils fünfzackig auf Brust, Rücken, Knie ab 4 Jahre. Wehrmachtsorgane betrieben Erfassung, Bezeichnung, Absonderung (nicht in Geschäften mit Kundenschlange einkaufen, nicht auf dem Bürgersteig gehen). Zuggleich wurden lettische Kollaborateure geduldet. Am 05.08.1941 habe die 207. Sicherungsdivision bei Rositten gegen Judenerschießungen protestiert – und sei später bei der Partisanenbekämpfung dabei gewesen. Der Kommandeur der 18. Armee, General Kübler: Die Erschießungen seien „Sache des SD“. Den Wehrmachtseinheiten verbot er, davon zu erzählen: „Verbreitung von Gräuelpropaganda“. Juden durften nur noch unter Bewachung auf die Straße. Sein älterer Bruder (Pianist) wurde auf der Straße aufgegriffen ins Zentralgefängnis gesperrt und im Oktober erschossen. Wehrmachtssoldaten durften nicht in das von „Schutzmannschaften“ bewachte Ghetto. Ein Gefreiter kam doch rein, war auf dem Friedhof voll erschüttert und wurde ohnmächtig. Hier waren vorher Massengräber gesprengt worden, so dass Knochen durch die Gegend flogen.

Von den über 70.000 jüdischen Menschen in Lettland kamen rund 4.000 ins KZ Kaiserwald (und danach KZ Stutthof bei Danzig). Von ihnen erlebten nur um 1.000 die Befreiung. Etliche von ihnen starben kurz später. Überlebende waren oft mit dem Vorwurf der Kollaboration konfrontiert.

Heute leben 27.000 Juden in Lettland (viele Rückkehrer), davon 25.000 in Riga. Sehr wenige fühlen sich als „lettische Juden“. Andere kamen aus der Ukraine, aus Weißrussland.

Am 4. Juli erstmalig öffentliche Solidarität mit den Opfern der NS-Herrschaft im Zentrum.

Als Margers Vestermanis vom „Rigaer Blutsonntag“ berichtet, kommt die Erinnerung hoch, scheint im Gesicht aus der Ferne wieder. Sonst ist er sehr gefasst, nüchtern, farbig erzählend, witzig, sehr detailliert.[2]

Er notiert sich drei Suchaufträge:

(a) Fall Maikovskis – dazu habe er sehr viel lettisches Material; was aus ihm in Münster wurde, ist für ihn neu.

(b) Die Judendeportationen aus Münster, Osnabrück, Bielefeld, Köln usw.

(c) Wehrmachts- und Polizeiverbände aus Westfalen.

Bei dem Besuch hätte ich den Recorder dabei haben müssen!! Pünktlich um 15.30 Uhr wieder in Jurmala – bin ganz beseelt von dem Besuch. Gut könnten jetzt noch eine Woche länger bleiben. Immer mehr Kontakte ergeben sich. Für den VAK hinterlassen wir drei Umweltbücher mit Widmung.“

Nachfolgende Stationen

In den Westfälischen Nachrichten Münster erschien am 9. Dezember 1989 der Artikel „Auf den Spuren von 390 Verschollenen“ von Karin Völker.

Erster Vortrag zu „Nachbarn von nebenan – Verschollen in Riga“ am 12.12.1989, dem Vorabend des 48. Jahrestages der Riga-Deportationen aus Münster/Osnabrück/Bielefeld, im Regenbogensaal der Grünen an der Bremer Straße. In den Folgemonaten ergaben sich zunehmend Kontakte zu Überlebenden der Riga-Deportationen, zuerst Irmgard Ohl, geb. Heimbach, und Ewald Aul – damals aus Osnabrück. Bis 2019 folgten rund 200 weitere Vorträge. Im Dezember 1991 fanden zum 50. Jahrestag der Deportationen erstmalig bundesweit an verschiedenen Herkunftsorten Gedenkveranstaltungen für die nach Riga Deportierten statt.

Um im Wald von Bikernieki eine würdige Gedenkstätte für die dort Ermordeten zu errichten, gründete sich im Mai 2000 mit Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Deutsche Riga-Komitee mit damals 13 Herkunftsorten. Am 30. November 2001 – 60 Jahre nach dem „Rigaer Blutsonntag“ – wurde die Gedenkstätte mit ihren 5.000 Granitsteinen eingeweiht. Mit seinen heute 61 Mitgliedsstädten ist das Riga-Komitee ein in der deutschen Erinnerungskultur einzigartiges Netzwerk. Inzwischen sind dabei Brücken der Erinnerung zwischen Nationen (Deutschland, Lettland, Österreich, Tschechien), zwischen Generationen und Erinnerungsmilieus entstanden. Engagierte Jugendliche in Schulprojekten, in Workcamps des Volksbundes übernehmen den Stab der Erinnerung. (http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1490 )

Parallel erlebten wir über unsere Freunde in Lettland den bewundernswert gewaltfreien, singenden und erfolgreichen Unabhängigkeitskampf und die Befreiung von über 45 Jahren Sowjetherrschaft, von über 50 Jahren sowjetisch-deutsch-sowjetischer Okkupation. (Rede von 1991 www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1533 )

Den Maikovskis-Prozess am Landgericht Münster beobachteten und begleiteten Angela, Anna Neuhof und ich von 1990 bis 1994.Nach 206 Sitzungen wurde das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten eingestellt. (http://www.wn.de/Muenster/2014/03/1479397-Vor-20-Jahren-wurde-der-Prozess-gegen-Boleslavs-Maikovkis-eingestellt-Verbrechen-ohne-Suehne )

Solidarität mit Holocaust-Überlebenden: Bei der ersten, von Münster aus organisierten Erinnerungsreise nach Riga stießen wir 1993 auf den Skandal, dass ehemalige Angehörige der lettischen Waffen-SS aus Deutschland eine Kriegsversehrtenrente beziehen konnten, ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge aber keinen Pfennig bekamen. Den Aufruf für eine würdige „Entschädigung“ von Holocaust-Überlebenden im Baltikum unterstützten viele Oberbürgermeister und Stadträte, darunter die von Münster, Osnabrück und Bielefeld. Während einzelne BürgerInnen in Göttingen, Leipzig, Bremen, Münster, Freiburg für eine Soforthilfe für die Holocaust-Überlebenden sammelten, kam im Bundestag unser „Gruppenantrag“ von einzelne Abgeordneten der Union, SPD, Grünen und FDP gegen den Finanzminister nicht durch. Erst eine internationale Skandalisierung mit Hilfe des Amercan Jewish Committee brachte die verstockte Bundesregierung 1997 zum Einlenken.

Villa ten Hompel: Bei Forschungen zu den Riga-Deportationen begegnete mir in den Aktenbeständen des Staatsarchivs Münster erstmalig die Adresse Kaiser-Wilhelm-Ring 28, "Höherer SS- und Polizeiführer beim Oberpräsidenten von Westfalen, Hannover, Rheinprovinz und beim Reichsstatthalter in Lippe und Schaumburg-Lippe im Wehrkreis VI, i.V. BdO Dr. Lankenau",  und seine Verwicklung in die Bewachung der Deportationszüge und Aufstellung von Reserve-Polizei-Bataillonen für den Kriegs- und Vernichtungseinsatz. Von den insgesamt 16 Polizeibataillonen aus dem Wehrkreis VI waren elf ab Sommer 1941 in Polen und der Sowjetunion im Einsatz. Verfahren der westdeutschen Justiz gegen ehemalige Angehörige von neun dieser Bataillone ergeben zweifelsfrei, dass diese dort umfassend am Holocaust beteiligt waren. Es war schon sehr auffällig: Während die Forschungen zu den Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft inzwischen auf eine gute öffentliche Resonanz stießen, liefen Forschungen und Vorträge zu Polizei- und Wehrmachtsverbänden, also zu potentiellen (Mit-)Täterspuren vor der „eigenen Haustür“, weitgehend ins Leere. So kann es nicht verwundern, dass die Geschichte der Villa ten Hompel im NS-Terrorsystem fünfzig Jahre verborgen blieb.

Erst als sich 1994 für den Regierungspräsidenten in Münster die Frage der weiteren Verwendung der Villa ten Hompel stellte und ich eine Historische Skizze zu ihrem Hintergrund und ihrer möglichen Verwendung vorlegte, kam der Stein ins Rollen. Im Sommer 1996 beschloss der Rat der Stadt Münster, vom Land NRW die Villa ten Hompel zu kaufen und in ihr eine Erinnerungs- und Studienstätte zum Nationalsozialismus einzurichten. Diese wurde am 13. Dezember 1999, am 58. Jahrestag der Riga-Deportation, eröffnet. Dank der hervorragenden Arbeit des Teams der Villa mit den Leitern Alfons Kenkmann und Christoph Spieker ist die Villa seit Jahren hoch anerkannt: in Münster, bundesweit und international. (http://nachtwei.de/downloads/beitraege/Pol-Btl-Artikel.pdf )

Riga-Besuch 2019

Anfang August besuchte die Generalsekretärin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Daniela Schily, die lettische Hauptstadt Riga zusammen mit Prof. Bernd Faulenbach, Vorsitzender von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, Bertram Hilgen, ehemaliger Oberbürgermeister von Kassel, W. Nachtwei, Dr. Hermann Simon, Gründungsdirektor „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, und Thomas Rey, Volksbund-Referent für Erinnerungskultur und zuständig für das Riga-Komitee.

Bei dem Besuch der verschiedenen Erinnerungs- und Gedenkorte an die deutsche Okkupation fielen mir wichtige Veränderungen gegenüber dem letzten Besuch 2017 auf[3]:

An der Gedenkstätte der ehemaligen Großen Synagoge an der Gogolstraße informieren jetzt drei Kupfertafeln über den Judenmord im deutsch-besetzten Lettland, über den 4. Juli 1941, als die Synagoge mit 400 Menschen verbrannt wurde, und die Geschichte des 1993 eingeweihten Mahnmals.

Auf dem Alten Jüdischen Friedhof am Rand des ehemaligen Ghettos steht seit 2018 ein Gedenkstein für die 5.000 ungarischen Jüdinnen, die im Frühsommer 1944 von Auschwitz nach Riga/KZ Kaiserwald transportiert worden waren. Laut Margers Vestermanis befanden sich die Frauen in einem fürchterlichen Zustand. Der Gedenkstein wurde auf Initiative der ungarischen Regierung am 4. Juli 2018 enthüllt. (In Sichtweite der Davidsstern-Gedenkstein, der 1994 u.a. mit Spendengeldern aus Münster errichtet wurde.)

Auf dem Gelände des ehemaligen Übergangslagers „Jungfernhof“ an der Daugava (Höhe Skirotava) befindet sich inzwischen ein kleines Naherholungsgebiet. Auf einer Informationstafel ist erstmalig ein Abriss der Geschichte dieses Ortes zu lesen: früher Gutshof, von dem noch letzte Mauerreste stehen, dann landwirtschaftliches Polytechnikum, Kulturzentrum für Jugendliche, 1941 bis 1943 Lager für deutsche und österreichische Juden. Am 2. Dezember 1941 traf der zweite Deportationszug aus dem Reich (Raum Nürnberg und Würzburg) in Riga ein. Da im Ghetto noch kein Platz war, wurden die Menschen nach Jungfernhof getrieben. Nächste Transporte trafen am 4. Dezember aus Stuttgart, 6. Dezember aus Wien, am 9. Dezember aus Hamburg/Lübeck/Danzig in Riga ein. Bei den „Gebäuden“ fehlten Türen und Öfen, Fenster und Dächer waren defekt.

In der Gedenkstätte Salaspils hat sich am meisten getan: Hier befand sich ab November 1941 bis 1944 ein „Erweitertes Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager“. 1967 entstand hier während der sowjetischen Besatzung eine monumentale Gedenkstätte, wo mit keinem Wort erwähnt wurde, dass hier bis zum Sommer 1942 viele jüdische Männer aus dem Reich beim Lagerbau eingesetzt und gequält worden waren. Im unabhängigen Lettland war Salaspils lange als sowjetisches Memorial abgestempelt. Jetzt sind nicht nur die Wege erneuert. An verschiedenen Stellen (am Parkplatz, im linken vorderen Teil der Gedenkstätte, im Betonbalken) ist ein völlig neues, umfassendes und differenziertes Informationsangebot entstanden: Übersicht über das Lager, die verschiedenen Häftlingsgruppen bis 1944 (sowjetische Kriegsgefangene, jüdische Deportierte, politische Häftlinge, Kriegsgefangene aus anderen besetzten Ländern, Tausende Zivilpersonen aus Belarus). Zwei Stelen nebeneinander informieren zusammenfassend über die Opfer der Nazi- und der Sowjetokkupation in Lettland. Im „Balken“ widmet sich eine Ausstellung den Schicksalen einzelner Gruppen und Individuen in der NS-Zeit Insgesamt sollen hier 1941-44 23.000 Menschen inhaftiert worden und über 3.000 gestorben sein. (Auffällig ist die enorme Diskrepanz zu den Opferzahlen von 1989. Die Gründe kenne ich noch nicht.)

Links vom „Balken“ „entdecken“ wir einen vom Volksbund errichteten deutschen Kriegsgefangenenfriedhof für 146 Tote aus den Jahren 1945/46..

Insgesamt bin ich erleichtert. Nach vielen Jahren scheint Salaspils in der Erinnerungskultur Lettlands angekommen zu sein: „Heute ist das Memorial Teil des kulturellen Kanon von Lettland“ steht auf einer der Tafeln.

In Bikernieki, Rumbula und Salaspils begegnen uns jeweils einzelne Besucher. Das war bei früheren Besuchen kaum der Fall. In Bikernieki und Rumbula fällt mir auf, dass immer mehr kleine Steine auf und an den Gedenksteinen liegen. In Salaspils türmen sich an der Stelle der früheren Kinderbarracke Kuscheltiere.

Für die Gedenkstätte Bikernieki plant der Volksbund eine Informationsausstellung im unmittelbaren Umfeld.

Zeitzeugen: In den 1990er Jahren begegneten wir in Riga Dutzenden Ghetto- und KZ-Überlebenden. Vor dreieinhalb Jahren starb Sascha Bergmann, der langjährige Vorsitzende des Vereins der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands. Jetzt können wir einzig noch den 94-jährigen Margers Vestermanis, Gründungsdirektor des Museums „Juden in Lettland“, sprechen. Er zeigt uns das Foto vom Gedenken an den „Rigaer Blutsonntag“ (die Ermordung von über 27.000 Gefangenen des lettisch-jüdischen Ghettos) 75 Jahre danach, am 30.11.2016. Erstmalig fand das Gedenken am Freiheitsdenkmal mitten in der Stadt statt, mit zahllosen Kerzen, auf gesellschaftliche Initiative unter Beteiligung Hunderter Letten. (https://jews.lv/en/candle-lighting-at-the-freedom-monument/news-and-events/ )  

4. Symposium des Deutschen Riga-Komitees: „Zeitenwende der Erinnerung? Wege einer Gedenkkultur ohne Zeitzeugen angesichts aktueller neuer Herausforderungen“ am 26./27. September 2019 in Recklinghausen



[1] Anita Kugler, Der Judenmord in Lettland, taz 26.06.1989, https://taz.de/!1807952/  Bernhard Press, im Selbstverlag, letzte Auflage Metropol-Verlag Berlin 1992

[2] Das erste große Portrait von Margers Vestermanis „Der letzte jüdische Partisan“ von Lorenz Hemicker in der FAZ vom 20.11.2017, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/der-letzte-ueberlebende-des-ghettos-in-riga-15302933.html  ; http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1508

[3] W. Nachtwei, Brücken er Erinnerung zwischen Nationen und Generationen: 2. Gemeinsame Gedenk- und Erinnerungsreise aus Städten des Riga-Komitees im Juli 2017 nach Riga, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1490


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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