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Malyj Trostenez/Minsk - größte NS-Vernichtungsstätte in der ehem. Sowjetunion: Endlich GEMEINSAME Erinnerung - eine Zäsur. Eröffnung der Gedenkstätte mit drei Präsidenten

Veröffentlicht von: Nachtwei am 14. Juli 2018 19:31:04 +02:00 (344 Aufrufe)

"Schlussstrich"? Den gab es von Anfang an über viele Jahrzehnte, Vergessen, Verdrängen, Verschweigen. Nach 74 Jahren endlich eine würdige Gedenkstätte des gemeinsamen Erinnerns (und Lernens) am Ort der opferreichsten NS-Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, in Malyj Trostenez bei Minsk, der Hauptstadt von Belarus/Weißrussland.  

Malyj Trostenez/Minsk – größte NS-Vernichtungsstätte in der ehem. Sowjetunion: Endlich gemeinsame Erinnerung – eine Zäsur

Eröffnung der Gedenkstätte am 29. Juni 2018

Winfried Nachtwei, MdB a.D. (07/2018)

Fotos auf www.facebook.com/winfried.nachtwei

Vorbemerkung: Weißrussland/Belarus besuchte ich erstmalig vor genau 30 Jahren im Sommer 1988 noch zur sowjetischen Zeit. Es war eine mit Hilfe des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerkes/IBB Dortmund organisierte Begegnungsreise der Friedens-AG der Münsteraner Grünen. (vgl. Reisebericht) Die Reise konfrontierte mich erstmalig mit den Spuren des deutschen Vernichtungskrieges im Osten: In der Gedenkstätte Chatyn bei Minsk erfuhren wir von der massenhaften Vernichtung von Dörfern und ihrer Bevölkerung durch die deutschen Besatzer. Von der Vernichtungsstätte Trostenez, vom Minsker Ghetto und den Judendeportationen aus dem Reich dorthin war damals noch keine Rede. Die aufwühlende Erfahrung dieser Reise war der Anstoß für meine ab 1989 folgende Spurensuche und Erinnerungsarbeit zu den Deportationen jüdischer Menschen aus Münster, Westfalen und anderer Landesteilen in das „Reichsjudenghetto“ Riga. Bei meinem letzten Besuch im Jahr 1997 anlässlich des dreijährigen Bestehens des IBB Minsk gelangten wir nur zu einem Gedenk-Obelisken in Bolschoj Trostenez außerhalb des Komplexes von Malyj Trostenez. Feliks Lipsky, Vorsitzender des Vereins der ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge von Belarus, führte uns durch das ehemalige Ghetto, von dem nur noch eine Handvoll Häuser (z.B. Hamburger Haus) erhalten sind, und zur Erschießungsgrube „Jama“.

Auf Einladung des IBB und im Rahmen der Delegation des Volksbundes Deutsche Kriegsgräber-fürsorge nehme ich an der Eröffnung der Gedenkstätte und der anschließenden Internationalen Tagung im IBB Minsk teil.

Am 29. Juni 2018 wurde am Rand der belarussischen Hauptstadt Minsk im Wald von Blagowschtschina der zweite Abschnitt der Gedenkstätte Malyj Trostenez eröffnet.

Die Reden des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, der deutschen und österreichischen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und Alexander Van der Bellen, eines Vertreters des tschechischen Parlaments und des polnischen Präsidenten, die Teilnahme zivilgesellschaftlicher Gruppen aus Weißrussland, Deutschland und Österreich und von Vertretern der verschiedenen Religionsgemeinschaften unterstrichen den historischen nationalen und europäischen Charakter dieses Ereignisses.

74 Jahre nach der Befreiung vom NS-Terror in Belarus wurde damit erstmalig eine breitere internationale Öffentlichkeit auf Malyj Trostenez aufmerksam gemacht, auf die größte NS-Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Am Ort der Massenerschießungen in den Gruben von Blagowschtschina kann jetzt der 50.000 bis 150.000 Opfer gedacht werden – vor allem belarussischer, deutscher, österreichischer und tschechischer Juden, Zivilisten, Partisanenverdächtiger,  Widerstandskämpfer und sowjetischer Kriegsgefangener

Trostenez verweist zugleich auf den flächendeckenden Charakter des deutschen Vernichtungskrieges in Weißrussland: 628 Dörfer mitsamt ihrer Bevölkerung wurden vernichtet. Insgesamt fiel dem deutschen Angriffs-und Vernichtungskrieg ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung zum Opfer. Der Journalist Paul Kohl recherchierte 1985 hierzu erstmalig vor Ort. („Ich wundere mich, dass ich noch lebe“ – Sowjetische Augenzeugen berichten, Gütersloh 1990)

Der Ort

Am 28. Juni 1941, sechs Tage nach Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, besetzte die Wehrmacht Minsk. Schon drei Wochen später wurden bis zu 80.000 Minsker Juden in einem Ghetto auf zwei Quadratkilometern zusammengepfercht. Im Oktober 1941 erging in Berlin der Befehl, insgesamt 50.000 Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ in Zügen zu jeweils 1.000 Personen aus Berlin, Hamburg, Hannover, Dortmund, Münster, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/M., Kassel, Stuttgart, Nürnberg, München, Wien, Breslau, Prag und Brünn zum „Arbeitseinsatz“ in die Gegend um  Minsk und Riga zu „evakuieren“. Nach den Transporten nach Lotz/Litzmannstadt war dies die zweite Deportationswelle deutscher Juden nach Osten. Um Platz für die angekündigten Deportationszüge zu schaffen, wurden Tausende Minsker Juden erschossen, bis Ende 1941 etwa 30.000. (In Riga geschah dasselbe: Hier wurden am 30. November und 8. Dezember 1941 27.000 jüdische Menschen bei der Bahnstation Rumbula erschossen.) An weitere 5.000 am 2. März 1942 in Minsk Ermordete erinnert seit 1946 das Denkmal „Jama“ („Grube“), ein kleiner Obelisk mit russischer und jidischer Inschrift. Über Jahrzehnte war dies der einzige Gedenkplatz, der an den Judenmord in Minsk erinnert.

1941/42 wurden insgesamt mehr als 22.000 jüdische Menschen aus dem Gebiet des heutigen Deutschland, Österreich und Tschechien nach Minsk deportiert, beginnend mit dem Transport aus Hamburg, der am 11. November 1941 in Minsk eintraf. Bis zum 5. Dezember 1941 folgten weitere Transporte aus Düsseldorf, Frankfurt/M., Berlin, Brünn, Bremen/Hamburg und Wien. Die Verschleppten kamen in das „Sonderghetto“  Vom 6. Mai bis 5. Oktober 1942 gingen 17 weitere Züge nach Minsk (neun aus Wien, sechs aus Theresienstadt, je einer aus Königsberg/Berlin und Köln) und dort direkt nach Malyji Trostenez. Hier wurden je Transport 20 bis 50 Personen zur Zwangsarbeit auf dem Gut des Kommandeurs eingeteilt. Die anderen Menschen wurden auf Lkw`s in das Kiefernwäldchen von Blagowschtschina gebracht und dort erschossen. Von hier gibt es keine Überlebenden.

(Nach Riga in das dortige „Reichsjudenghetto“ wurden bis Oktober 1942 etwa 25.000 jüdische Menschen deportiert.)

Der Komplex von Malyj Trostenez liegt am südöstlichen Stadtrand von Minsk (zur Kriegszeit 12 km von Minsk entfernt) beidseitig der vierspurigen Straße nach Mogiljow  und besteht aus mehreren Teilen:

- Auf der Westseite (heute erkennbar an hohen Kraftwerkskaminen im Hintergrund) befand sich zwischen einer Bahnlinie im Westen und dem Dorf Malyj Trostenez im Osten ab Juni 1942 auf dem Gelände der ehemaligen Kolchose „Karl Marx“ ein dem Kommandeur der Sicherheitspolizei unterstelltes SS-Gut und Zwangsarbeiterlager. Hier hatten 200 bis 900 Häftlinge für die deutschen Besatzer zu produzieren. Bewacht wurden sie von lettischen Freiwilligen, später auch von Volksdeutschen, Ukrainern und Belarussen.

(Bei meinen Nachforschungen zum Judenmord in Riga stieß ich auf den SS-Obersturmführer Gerhard Maywald. Laut Urteil des Landgerichts Hamburg vom 2.8.1977 sei er im Mai 1942 nach Minsk versetzt worden, „um dort ein Gut zu bewirtschaften“ - bei „Mala Trostenez“. Als Stabsangehöriger des Einsatzkommandos 2 in Riga war er Ideengeber und Selektierer bei der ersten Erschießungsaktion „Dünamünde“ am 5.2.1942 im „Reichsjudenghetto“, der etwa 2.000 Menschen zum Opfer fielen. Er wurde wg. Beihilfe zum Mord an mindestens 320 jüdischen Menschen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt: es sei nicht bewiesen, „dass die von M. selektierten Opfer heimtückisch getötet worden sind“; ebenfalls sei nicht bewiesen, „ob die Opfer grausam getötet wurden, da Einzelheiten über den Vorgang der Tötung nicht bekannt geworden sind.“)

Südlich an die Baracken anschließend im Waldstück von Schaschkowka befand sich ab Oktober 1943 eine Anlage,  wo Tausende Leichen verbrannt wurden und auch Erschießungen stattfanden. Nördlich der Baracken eine Scheune, in der am 29. Juni 1944, kurz vor Eintreffen der Roten Armee, über 100 Lagerhäftlinge und über 6.000 andere Opfer ermordet wurden. Auf diesem Areal wurde am 22. Juni 2015 der erste Abschnitt der Gedenkstätte eröffnet. In ihrem Zentrum die etwa zehn Meter hohe „Pforte der Erinnerung“: ausgemergelte Häftlingsgestalten, mit Stacheldraht an Barackenplanken gefesselt. Zu einer Seite anschließend symbolisieren niedrige Steinmauern den Grundriss der früheren Baracken.

- Auf der Ostseite der Straße unweit des Dorfes Bolschoj Trostenez das Waldstück von Blagowschtschina, ab September 1941 der zentrale Vernichtungsort: Hier wurden die Kinder, Frauen und Männer zu den vorbereiteten Gruben getrieben und erschossen. Ab Juni 1942 ist der Einsatz mehrerer „Sonderwagen“ belegt: Es waren Lkw`s mit einem luftdichten Aufbau, in den 50-100 Menschen gezwängt und über die eingeleiteten Motorabgase vergast wurden. Im Juli 1942 wurden 10.000 Ghettoinsassen, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft waren, nach Blagowschtschina gebracht. Die Mehrheit starb schon in den Gaswagen. Ab August 1942 kamen die Züge mit den „Reichsjuden“ an einem provisorischen Bahnhaltepunkt direkt in Blagowschtschina an.

Am 14. Juli 1944, zwei Wochen nach Rückeroberung durch die Rote Armee, traf die Außerordentliche Kommission zur Untersuchung der NS-Verbrechen in Blagowschtschina  ein und entdeckte 34 Massengräber voller menschlicher Überreste und Asche. Nach Öffnung einiger Massengräber schätzte die Kommission die Zahl der in Blagowschtschina Ermordeten auf etwa 150.000, der bei Schaschkowka verbrannten Menschen auf 50.000. Die Gesamtzahl der auf dem Gebiet Malyj Trostenez ermordeten Menschen lag nach Einschätzung der Kommission bei 206.500. Der deutsche Historiker Christian Gerlach kam 1999 in seinem Buch „Kalkulierte Morde“ über die deutsche Wortschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland zu einer Schätzung von etwa 60.000 in Malyja Trostenez. Wegen der sehr schwierigen Quellenlage, vor allem für die belarussischen Ofer, und der bisher sehr geringen Forschung zu Malyj Trostenez lässt sich die Zahl der Opfer zzt. nicht genauer bestimmen.

Nach dem Krieg befand sich hier zeitweilig ein militärisches Übungsgelände. Mit der Zeit wuchs Wald auf den Massengräbern. Erdwälle auf einem Waldweg erschwerten früher den Zugang zu dem Gelände. Beidseitig befand sich lange eine Müllkippe.

(Es gibt Vermutungen, dass auf dem Gelände von Blagowschtschina auch Überreste von Tausenden Stalin-Opfern aus den 30er Jahren ruhen. Das ist aber noch ein Tabuthema.)

Seit 1963 erinnert im Dorf Bolschoj Trostenez, mehrere Kilometer entfernt vom historischen Ort der Massenerschießungen,  ein Obelisk an die Opfer von Malyj Trostenez.

Der heute eröffnete zweite Abschnitt beginnt anschließend an den Parkplatz an der Mogiljow-Straße mit dem grell-weißen „Platz des Lebens“, symbolisch für Überlebenshoffnungen der Häftlinge zu Beginn der Deportation. Von hier führt der „Weg des Todes“ durch eine Gasse stilisierter Güterwaggons über den Platz der Paradoxe (die „verkehrte“ Welt soll hier durch eine auf dem Kopf sehende Menora, ein Kreuz, einen Halbmond, eine Ikone, einen umgestürzten Baum ausgedrückt wrden) zu einem schwarzen Platz, wo ihr Leben zerstört wurde. Das Mahnmal wurde von dem belarussischen Architekten Leonid Lewin entworfen, der 1969 die Gedenkstätte für das am 22. März 1943 ausgelöschte Dorf Chatyn entwickelt hatte. Im lichten Waldstück hinter dem Platz sind an die meisten Bäume gelbe und vereinzelt weiße Schilder mit den Namen von hier Erschossenen, mit ihren Herkunfts- und Deportationsorten und dem Zeitraum ihrer Ermordung angebunden. Die gelben Namensschilder wurden von der IM-MER-Initiative, gegründet von Waltraud Barton 2010 in Wien, zur Erinnerung an die österreichischen Juden angebracht. Blagowschtschina ist der Ort mit den meisten, etwa 13.500 in der Nazizeit ermordeten österreichischen Juden.

Halblinks geht der Blick zu einer großen Freifläche mit 34 neu eingefassten Massengräbern mit eingelassenen Grabplatten ohne Namen, links flankiert von hohen Stelen. Die gestaltete Oberfläche überdeckt einen Boden mit der Asche und Überresten der Zehntausenden hier ermordeten, verscharrten, exhumierten und verbrannten Menschen.

Die Gedenkveranstaltung

Die Gedenkveranstaltung findet auf dem schwarzen Platz statt. Die vier Großleinwände rundum zeigen erst die Worte „Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gelände der Gedenkstätte Trostenez“ vor lodernden Flammen und Stacheldraht, dann ein Video zu Trostenez, dann die jeweilige deutsche oder (weiß)russische Übersetzung der Präsidentenreden. Auf einer Tribüne wartet ein Chor, vor den Stelen stehen Soldaten in Paradeuniform mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, davor in einer Reihe junge Frauen in festlicher Tracht mit roten Blumengebinden.

Die vielen hundert TeilnehmerInnen der Gedenkfeier werden am Rand der Gedenkstätte kontrolliert. Es sind Menschen aller Altersgruppen, darunter viele junge Leute, einige wenige Ghetto-Überlebende und alte Veteranen in ihren Uniformen, Vertreter verschiedener Kirchen und Religionsgemeinschaften, vermutlich überwiegend Einheimische, etliche Menschen aus Deutschland, Österreich und anderen Ländern.

Die Präsidenten treffen mit Verspätung ein. Zur Delegation von Bundespräsident Steinmeier gehören u.a. auch Staatsminister Michael Roth, die MdB Rene Röspel und Ekin Deligöz, der hessisch-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung und Annette Kurschus, Präses der Evang. Kirche von Westfalen, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der ehemaligen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, der deutsche Vorsitzenden des Petersburger Dialogs Roland Pofalla.

(Zusammenfassender Bericht mit Fotos + Links auf https://ibb-d.de/deutscher-bundespraesident-frank-walter-steinmeier-zu-gast-in-der-ibb-johannes-rau-minsk/ )

Präsident Alexander Lukaschenko:

(Der Redetext in Englisch http://president.gov.by/en/news_en/view/requiem-rally-at-the-site-of-the-former-death-camp-trostenets-19020/ )

„Wir – Vertreter verschiedener Völker, Glaubensbekenntnisse, Bürger verschiedener Staaten, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens – befinden uns hier, weil wir uns an die tragischen Lehren der gemeinsamen Geschichte erinnern. Wir wissen, wie die nazistische Ideologie das menschliche Leben wertlos machte, wie sie die Welt durch Verbrechen erschütterte, die in ihrer Grausamkeit einmalig waren.“ Er gedenkt der Juden aus Berlin, Bremen, Wien, Dortmund, Prag  u.a. Städten, die hier in den Tod gingen, der weißrussischen Zivilbevölkerung, Widerstandskämpfer und sowjetischer Kriegsgefangener. Das Wichtigste sei, diese Wahrheit zu berichten und die Wiederbelebung des Nazismus nicht zuzulassen. Die Geschichte habe gezeigt, dass man das Böse nicht ignorieren dürfe, auch dann nicht, wenn es noch eine bloße Idee sei. Er dankt den anwesenden Präsidenten, Vertretern der Zivilgesellschaft, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Bürgermeistern und Bürgern, allen nicht gleichgültigen Menschen, dank derer Bemühungen die Gedenkstätte entstehen konnte. Er ruft alle dazu auf, die Initiative der belarussischen Seite zu einem Gedenkbuch für die Trostenez-Opfer zu erstellen, zu unterstützen.

(Eine Schweigeminute für die Opfer des Nazismus wird von harten Metronom-Hammerschlägen begleitet.)

„Heutzutage sehen wir, dass Nazismus und Xenophobie keinen Halt vor Landesgrenzen machen. Die Weltgemeinschaft wird erneut mit „Dämonen der Intoleranz“ konfrontiert, die den Hass entfachen und Gewalt auslösen. Gerade deswegen ist Belarus davon überzeugt, dass es notwendig ist, einen neuen, breit angelegten internationalen Dialog zu starten, der auf die Überwindung aller Widersprüche gerichtet ist. Den Dialog, an dem es in aktuellen geopolitischen Verhältnissen erkennbar mangelt.

Nur durch Vertrauen, gegenseitige Achtung und einen offenen und aufrichtigen Dialog können wir die tragfähige Stärkung der internationalen  Sicherheit erreichen, gemeinsam der Feindlichkeit, dem Hass und Fanatismus widerstehen, eine glückliche Zukunft für unsere Kinder gewährleisen.

Nie wieder darf sich auf unserer Welt die Tragödie, die die Existenz der Menschheit bedroht hat, wiederholen.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.:

( Der Redetext mit Links zur russischen und englischen Fassung http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2018/06/180629-Belarus-Trostenez.html )

„(…) Einige von Ihnen werden sich, wie ich, an einen Film erinnern, der vor vielen Jahren, 1985, in den Kinos lief: "Komm und sieh!" Ein Film von Elem Klimow. Es war das Jahr, in dem der Eiserne Vorhang begann, sich millimeterweise zu heben, und der Film dieses großartigen russischen Regisseurs wurde in ganz Europa gezeigt, im Osten wie im Westen.

Er ist eine Begegnung mit dem Krieg. Nicht mit einem Krieg, wie man ihn bis dahin kannte. Nein, mit einem Krieg, der die Erinnerung an alle vorangegangenen auslöschen würde, der Generationen traumatisiert und das Gesicht unseres gemeinsamen Kontinents entstellt hat: dem Vernichtungsfeldzug der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion.

Für viele Westeuropäer war dieser Film eine erste Begegnung mit Ihrem Land: Belarus. Für die deutschen Zuschauer aber zugleich auch eine Konfrontation mit den eigenen Vätern und Großvätern, die der Krieg hierher geführt hatte, nicht irgendwo hin, an einem nicht näher bestimmten Ort im Osten, sondern hierher, in die Wälder von Belarus, einem Land, das einen Namen hat, auch wenn uns das der Film nur ahnen lässt.

Denn Klimow interessiert sich nicht für die konkreten Orte, auch nicht für die Frontverläufe. Er interessiert sich nur für uns Menschen. Dafür, was dieser Krieg, diese Orgie der Vernichtung, aus uns gemacht hat. Er führt uns vor Augen, wie Kindheit, Jugend und Unschuld entweiht, wie Menschen, ihrer Menschlichkeit entledigt, zu Tötungsmaschinen werden und ein Niemandsland hinterlassen – entleert, ohne Namen, ohne Orientierung. Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis zugleich eine Erklärung dafür, warum wir so lange gebraucht haben, Orte wie diesen wiederzufinden. Warum wir erst heute hierher zurückgefunden haben, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, um an die Verbrechen zu erinnern, die hier verübt wurden – an Abertausenden belarussischen, deutschen, österreichischen und tschechischen Juden, an sowjetischen Kriegsgefangenen, belarussischen Widerstandskämpfern und Zivilisten. (…)

Wir erschrecken über Hunderttausende Opfer, die dieses Inferno gefordert hat, die zu Namenlosen wurden, bevor man sie in Lager pferchte, vergaste oder gleich von der Rampe des Bahnsteigs in Malyj Trostenez an den Rand einer Grube führte, vor der man sie erschoss.

Wir erschrecken über einen Krieg, der als Vernichtungskrieg geplant, befohlen und ausgeführt wurde. Belarus musste erleben, was das bedeutete. Mehr als 600 Dörfer wurden hier in der Region – samt ihrer Bewohner – völlig ausgelöscht.

Wir verstehen: Was damals über dieses Land und seine Nachbarn kam, das war Menschenwerk. Es trug deutsche Namen wie Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich, Erich von dem Bach-Zelewski oder Oskar Dirlewanger. Der millionenfache Tod, den diese Männer brachten, war kein schicksalhafter. Er war organisiert und effizient, erdacht in Amtssitzen mit Berliner Adressen: Wilhelmstraße 101, Prinz-Albrecht-Straße 8, Rauchstraße 18, Wilhelmstraße 72.

Das Mordkomplott erstreckte sich über die Geschäftsverteilungspläne von Ministerien, gliederte sich in Organisationseinheiten, in Einsatzgruppen von SS und SD, in Erschießungskommandos von Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei und, ja, auch der Wehrmacht. Jeder Einzelne ein Rädchen im Getriebe, eins vom anderen abhängig, eins ins andere greifend, jedes seinen Beitrag leistend, bis der todbringende Schuss fiel.

Dieser bürokratisierte Krieg, gestützt auf einen Apparat und seine Arbeitsteilung, atomisierte die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Am Ende werden alle Beteiligten erklären, ihr Beitrag sei gering gewesen, nicht von Gewicht und nur auf Befehl von oben erfolgt.

Malyj Trostenez erreichten die Mordkommandos im Frühjahr 1942. Es war ein abgelegener Flecken, damals noch vor der Stadtgrenze von Minsk. Auf Reinhard Heydrichs Befehl wird aus diesem Ort eine Mordstätte, die ehemalige "Kolchose Karl Marx" zu einem Arbeits- und Vernichtungslager. Ein wieder in Betrieb genommener Gleisanschluss und ein schwer einsehbares Gelände als Ort für Exekutionen – mehr brauchte es nicht.

Abertausende wurden im Wald von Blagowschtschina erschossen oder in eigens dafür gebauten Lkw vergast – doch nur an Werktagen. Züge, die an arbeitsfreien Tagen in Malyj Trostenez ankamen, wurden nicht abgefertigt. Die Todgeweihten mussten warten, bis die Erschießungskommandos ihren Dienst am Montag wieder aufnahmen. Diese Schamlosigkeit der Täter entsprach der Mechanik des Tötens. Hier sollte jede menschliche Spur, auch jeder Rest von Menschlichkeit getilgt werden.

Der Ort, Malyj Trostenez, von der deutschen Wehrmacht in Besitz genommen als "Lebensraum im Osten", war ein Ort des Todes. Er lag am äußersten Ende einer Befehlskette, verzeichnet auf keiner Landkarte, aber verzeichnet auf einem Plan zur sogenannten "Endlösung der Judenfrage". Diesen Ort in das historische Bewusstsein Europas zurückzuholen, ist ein lange überfälliger Schritt. (…)

Was nun hier, an diesem Ort, entstanden ist, ist deshalb von unschätzbarem Wert, weil das Wissen um Orte wie diesen und die Erinnerung an das, was hier geschah, unabdingbar ist für ein Verständnis von uns selbst. Das 20. Jahrhundert und auch das 21. Jahrhundert lassen sich nicht denken ohne dieses Wissen.

Die gemeinsame europäische Verantwortung für das "Nie wieder Krieg!" gründet auf dem Wissen um das, was Menschen – hier an diesem Ort – ihren Mitmenschen angetan haben.

In dieses historische Gedächtnis der Europäer, vor allem aber in das deutsche, gehört zwingend auch die Geschichte von Belarus. Nach fast drei Jahrzehnten Unabhängigkeit ist es an der Zeit, dass das Land in unserem Bewusstsein und Verständnis aus dem Schatten der Sowjetunion tritt, vor allem aber, dass Belarus wahrgenommen wird als ein Staat mit einer eigenen Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Dieser Ort hier, Malyj Trostenez, ist ein Schreckensort in dieser belarussischen Geschichte. Aber er steht heute auch für ein gemeinsames Erinnern. Dieser Gedenkort, ebenso wie die gemeinsame Geschichtswerkstatt in Minsk ist das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen von belarussischen und deutschen Historikern und von zivilgesellschaftlichen Gruppen, wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Belarus und in Deutschland.

Aber richtig ist auch, und das will ich hervorheben: Ohne die Bereitschaft Weißrusslands zur Versöhnung wäre diese Zusammenarbeit nicht denkbar.

Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm leben, auszulöschen. Umso tiefer ist meine Demut, umso dankbarer bin ich den Menschen in Weißrussland für ihre Bereitschaft zur Versöhnung.

Es hat in Deutschland lange, viel zu lange gedauert, sich an diese Verbrechen zu erinnern. Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen. Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten. Und ich versichere Ihnen, wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit.

"Komm und sieh!", das ist eine Verpflichtung, die niemals erlischt. Und so stehe ich heute vor Ihnen – als Bundespräsident, als Deutscher und als Mensch – dankbar für die Zeichen der Versöhnung, und ich stehe vor Ihnen voll Scham und Trauer über das Leid, das Deutsche über Ihr Land gebracht haben.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

(Er wurde von seinem Vorgänger Heinz Fischer und seiner Frau Margit begleitet, deren Familie Opfer in Trostenez zu beklagen hat. Der Text der Rede http://www.bundespraesident.at/newsdetail/artikel/maly-trostenez-bundespraesident-alexander-van-der-bellen-betont-oesterreichs-mitverantwortung-an-ns-verbrechen/

Der Bundespräsident unterstreicht, auch Österreicher hätten sich an den Gräuel der Nationalsozialisten beteiligt.
In dem Lager waren auch mehr als 10.000 Österreicher umgekommen. Es handelte sich um bis zu 13.000 österreichische Juden, die nach Weißrussland deportiert und dort ermordet worden waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg  sei "der Wille zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich mehr als zögerlich" gewesen.

Der Wortlaut der Moskauer Deklaration von 1943 sei lange dazu missbraucht worden, "um Österreich, das man nur als das erste Opfer Hitlerdeutschlands wahrnehmen wollte, aus der Verantwortung zu nehmen." Heute aber stehe Österreich zu seiner Mitverantwortung.
Belarus und seine Bevölkerung hätten durch Nazideutschland ebenfalls "unaussprechliche Leiden" erdulden müssen. Die Geschichte von Maly Trostenez und seinen Opfern sei aber im Gegensatz zu anderen Lagern ("Die Leute kennen Auschwitz, und das ist wichtig") allzu lange ein weißer Fleck auf der Landkarte westeuropäischer Erinnerung gewesen.
Jedoch sei das "Vergessen und Verdrängen "in den letzten Jahren einem erstarkenden Willen zum Erinnern und Aufarbeiten gewichen". "Nicht nur in Österreich, sondern in Europa, wo es immer wieder länderübergreifende Zusammenarbeit zum Lernen aus der Geschichte gibt."
Zuvor hatte der Bundespräsident mit der Pflanzung einer Birke den Grundstein für ein österreichisches Denkmal für die Opfer von Maly Trostinez gelegt. "Möge diese Birke stehen für das Licht, mit dem wir die dunklen Winkel unserer Vergangenheit erhellen", so der Bundespräsident. In Maly Trostenez seien mehr jüdische Österreicherinnen und Österreicher ermordet worden, "als in irgendeinem anderen Vernichtungslager".
"Am Beispiel dieser Vernichtungsstätte wird auch auf besondere Weise deutlich, wozu die menschliche Natur fähig ist", warnte Van der Bellen. "Männer, Frauen, Kinder, die noch einige Tage zuvor in den Straßen Wiens unsere Nachbarinnen und Nachbarn waren, wurden hier ihrer letzten Habseligkeiten beraubt, in den Wald von Blagowschtschina zu vorbereiteten Gruben getrieben, an deren Rand sie sich aufstellen mussten, und mit Genickschuss ermordet. Den Lärm der Schüsse überdeckten ihre Mörder, unter ihnen auch Österreicher, mit Lautsprechermusik."
Von den tausenden Wienerinnen und Wienern, die hierher deportiert wurden, überlebten gerade einmal siebzehn "diese Hölle", betonte der Bundespräsident dem Redemanuskript zufolge. Dass der "Schreckensort" Maly Trostenez und die Namen der Toten nicht endgültig dem Vergessen anheimfielen, sei letztlich aber nicht das Verdienst der Politik gewesen.
Bezüglich der österreichischen Opfer sei dies vielmehr einer "privaten Initiative von Österreicherinnen und Österreichern und dem Engagement einiger weniger zu verdanken", erinnerte Van der Bellen und hob "die großartige Arbeit von Waltraud Barton und ihres Vereins IM-MER" sowie das Engagement des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus hervor.
Waltraud Barton habe mit Ihrer Initiative "nicht nur die Namen der Opfer ihrer eigenen Familie bewahrt, sondern darüber hinaus dem kollektiven Gedächtnis Österreichs einen wertvollen Dienst erwiesen". "Dass der unbeirrbare Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern die Schritte zur Umsetzung dieses Denkmals angestoßen hat, macht einmal mehr deutlich, was eine engagierte und entschlossene Zivilgesellschaft bewirken kann."
Erst dieses Engagement habe einen Neubeginn in der österreichischen Erinnerung an die Toten von Maly Trostenez ermöglicht. Es stimme nachdenklich, "dass wir erst heute hier gemeinsam stehen, um den Grundstein für dieses Denkmal zu legen", meinte der Bundespräsident. "Erst heute, das heißt fast 77 Jahre nach den ersten Deportationen von Wiener Jüdinnen und Juden nach Minsk."
Es folgt eine Botschaft des polnischen Staatspräsidenten Duda und eine kurze Rede des stellvertretenden Vorsitzenden des tschechischen Parlaments.

Nach einem Musikstück lassen 18 Frauen in wallenden weißen Gewändern Tauben in den Himmel fliegen.

Die Präsidenten legen Blumengebinde an einem Gedenkstein am Rande des Massengräberfeldes nieder. Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung folgen ihnen und legen ebenfalls rote Nelken nieder.

Dass Präsident Lukaschenko in seiner Rede deutlich die Ermordung der hierher deportierten Juden anspricht, ist ein Teilfortschritt gegenüber der Sowjettradition des völlig verschwiegenen Holocaust. (Die belarussischen Juden bleiben unerwähnt.) An mehreren Stellen stehen neue, massive dreisprachige Informationstafeln zum Gesamtkomplex Malyj Trostenez. Auf den Tafeln ist ausschließlich von „Minsk residents and residents of other Belrusian towns and villages, members of anti-fascist underground struggle, the partisan movement, the Red Army prisoners of war, civilans deported from Europe“ die Rede. Hier ist die Öffnung der Erinnerung noch nicht angekommen.

Mitreisende, die schon etliche Eröffnungen von Gedenkstätten und Kriegsgräberstätten in Osteuropa miterlebt haben, können sich an keine so prominent gestaltete Veranstaltung erinnern.

Ein großes Interview mit Bundespräsident Steinmeier zu seinem Trostenez- und Minsk-Besuch erscheint am Besuchstag in der FAZ. Dank der Präsenz des deutschen Bundespräsidenten und der Möglichkeit, Medienvertreter im Regierungs-Airbus mitzunehmen, ist die Resonanz in den deutschen Medien breit und gut: Zum Medienecho siehe unten.

(Zu Riga, wo es 57 Jahre bis zu einer würdigen Gedenkstätte seit 2001 brauchte, gab es in Deutschland nie bundesweite Berichterstattung, nur eine in Lokalmedien.)

Anschließende Konferenz „Gedenken für eine gemeinsame europäische Zukunft“ im IBB Minsk 29.-30.06.2018

Ein wichtiges Zeichen der dankbaren Anerkennung und Unterstützung ist die anschließende Teilnahme des Bundespräsidenten an der Eröffnung der Konferenz „Gedenken für eine gemeinsame europäische Zukunft“ im IBB „Johannes Rau“ Minsk und seine Diskussion mit jungen HistorikerInnen aus Belarus, Ukraine, Russland und Deutschland, moderiert von Dr. Astrid Sahm, Geschäftsführerin des IBB Dortmund, und Dr. Heike Dörrenbächer, Abteilungsleiterin Gedenkkultur und Bildung des Volksbundes. Dass sich das Eintreffen des Bundespräsidenten wegen eines Gesprächs mit Präsident Lukaschenko mehrfach verzögert, wird gern in Kauf genommen.

Zu der Konferenz sind über 200 Akteure der Erinnerungsarbeit aus Belarus, Deutschland und anderen Ländern zusammengekommen. (Zusammenfassender Bericht auf https://ibb-d.de/konferenz-zur-erinnerungskultur-konkrete-ideen-fuer-den-europaeischen-lernort-trostenez/ )

Zu Beginn begrüßt der IBB-Vorsitzende Matthias C. Tümpel die Zeitzeugen, die uns die ganze Zeit begleitet hätten. Der Gedenkort Trostenez solle zu einem gemeinsamen europäischen Lernort werden. Trostenez sei zu lange unbekannt gewesen.

Aus „unserem“, des IBB, Projekt sei ein großes Gemeinschaftsprojekt geworden. Die Umsetzung sei nur möglich geworden dank der Unterstützung durch Kirchen, Kommunen, Landesregierungen, Privatleute, die Bethe-Stiftung, den Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und das Auswärtigen Amts.

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes, erinnert an den 22. Juni 1941, als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfiel. Belarus sei hiervon wie kein anderes Land betroffen gewesen. 1944 habe man für Trostenez allein 206.000 Opfer ermittelt. Über die belarussischen Opfer „wissen wir zu wenig“. (Anm.: Die Namen der nach Minsk aus dem Reich deportierten Juden sind zum größten Teil bekannt, die Namen der belarussischen Opfer wegen fehlender Listen kaum.)

Trostenez mahne uns, Fehler nicht zu wiederholen, Trostenez mahne zu Frieden, Dialogfähigkeit, gegenseitiger Solidarität,  unvergänglichen Werten.

Notwendig sei der „der Rückzug aus der unsäglichen Geschichte der Kriege!“

(Gesagt von einem langjährigen Generalinspekteur der Bundeswehr haben solche Worte ein besonderes Gewicht.)

Der Volksbund wolle helfen und einen Beitrag leisten, dass Trostenez dauerhaft in der öffentlichen Wahrnehmung verankert werde.

(In Belarus errichtete der Volksbund seit 2004 zwei Sammelfriedhöfe für deutsche Gefallene des 2. Weltkrieges: bei Berjosa/Brest mit bisher 17.784 Kriegstoten, bei Schatkowo/Mogiljew mit 32.733 Kriegstoten. Seit 2004 wurden bis Ende 2017 55.308 Kriegstote mit Unterstützung des belarussischen 52. Spez.-Bataillons exhumiert. Seit 2008 finden in Belarus fast jährlich Jugendlager statt.)

Meilensteine auf dem Weg zur Gedenkstätte Trostenez, einem Gemeinschaftsprojekt der Stadt Minsk und des IBB, stellen Peter Junge-Wentrup und Dr. Viktor Balakirev vor:

- die 2003 gegründete Geschichtswerkstatt Minsk wird zu einem Treffpunkt für Zeitzeugen; die Förderung durch das Auswärtige Amt ermöglicht, dass Lebensgeschichten von Zeitzeugen dokumentiert werden; hier entsteht die Initiative für die Einbeziehung des Waldes von Blagowschtschina in die Gedenklandschaft Trostenez

- die Aufstellung von Gedenksteinen für Deportierte durch ihre Herkunftsorte auf dem Jüdischen Friedhof direkt neben der Geschichtswerkstatt;

- Rede von Präsident Lukaschenko am 20. Oktober 2008 in der „Jama“: Trostenez solle zu einem Ort europäischer Erinnerung werden;

- die österreichische Initiative „IM-MER Maly Trostenec erinnern“ in Wien organisiert ab 2010 Gedenkreisen nach Minsk und erinnert mit Namenschildern an den Bäumen von Blagowschtschina an hier ermordete österreichische Juden;

- die Internationale Konferenz „Der Vernichtungsort Trostenez in der europäischen Erinnerung“ im IBB Minsk im März 2013 spricht sich für die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem historischen Gelände aus; Leonid Lewin, Architekt und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden, präsentiert das Projekt für Blagowschtschina (Platz der Hoffnung, Waggons, Platz des Paradoxen, Platz des Todes);

- eine vom IBB organisierte Spendenkampagne in Deutschland 2013/14, wobei eine Delegation belarussischer Kirchenvertreter und des IBB alle deutschen Herkunftsorte der Minsk-Deportationen aufsuchte: das Auswärtige Amt stellte 500.000 Euro zur Verfügung, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 100.000, Städte sowie private und kirchliche Spender 250.000 die Bethe-Stiftung 150.000. Zu den 5,2 Mio. Euro Baukosten insgesamt steuerte die deutsche Seite eine Mio. Euro, die belarussische 4,2 Mio. (davon die Stadt Minsk 90%) bei;

- die Grundsteinlegung zum ersten Abschnitt der Gedenkstätte 2014 und ihre Eröffnung am 22. Juni 2015 mit der „Pforte der Erinnerung“;

- eine Gedenkreise des IBB nach Trostenez im Mai 2015 anlässlich des 70. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges;

- die Erstellung der deutsch-belarussischen Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“, entstanden in Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Die Ausstellung wird seit 2016 in Belarus, Deutschland, Schweiz und Tschechien gezeigt. Der Volksbund unterstützt 20 Ausstellungspräsentationen. 2017 dokumentierten100 junge Belarussen bei einem Oral-History-Wettbewerb wichtige Zeitzeugenberichte. Die Geschichtswerkstatt Minsk, seit 2015 nach „Leonid Lewin“ benannt, ist heute ein anerkanntes Bildungs- und Forschungszentrum für den Holocaust und andere NS-Verbrechen in Belarus. Die Geschichtswerkstatt befindet sich im letzten erhaltenen Gebäude des früheren Ghettos. (https://ibb-d.de/category/geschichtswerkstatt-leonid-lewin-minsk/ )

- Allein im Juni fanden vier Studienreisen nach Minsk/Trostenez statt.

- Als weitere Schritte sind ins Auge gefasst bzw. geplant: Skulturen für den Platz der Paradoxe, ein von den kirchlichen Partnern vorgeschlagener interreligiöser Platz, ein Informationszentrum mit elektronischem Gedenkbuch.

(Am Rande höre ich von einem Insider, dass die Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Belarus 2015 die Kooperationsbereitschaft des belarussischen Staates wesentlich gefördert habe.)

Statements der Zeitzeugen

- Kurt Marx, 92 Jahre, ehemaliger Schüler des Jawne-Gymnasiums in Köln, der 1939 mit einem Kindertransport nach England entkam; seine Eltern wurden am 20. Juli 1942 nach Minsk deportiert und dort ermordet;

- Naum Heyfec, Überlebende des Minsker Ghettos

- Frida Raisman, 83 Jahre, Vorsitzende des Verbandes der Holocaust-Überlebenden in Minsk

Grußworte sprechen, moderiert von Dr. Viktor Balakirev, belarussischer Direktor des IBB Minsk

- Gabriele Klingmüller, Bürgermeisterin von Bonn: Am 20. Juli 1942 wurden über 150 jüdische Menschen aus dem Raum Bonn über Köln-Deutz nach Minsk deportiert. Seit 25 Jahren verbindet Bonn und Minsk eine Städtepartnerschaft.

- Andreas Wolter, Bürgermeister von Köln, zitiert aus einem Brief von Emilia und Jakob Löw, 63/61 Jahre, vom 21.Juli 1942 an ihre Kinder und Enkelkinder aus einem Zug mit unbekanntem Ziel. 2008 stellten Köln und Bonn einen Gedenkstein in Minsk auf, allerdings nicht an der Mordstätte. Kurt Marx aus Köln habe bei einem Trostenez-Besuch gesagt: Hier könne man die Folgen sehen, wenn schlechte Menschen ihren Verstand verlieren.

- Grigorij Abramowitsch, Hauptrabbiner der Vereinigung der Gemeinden des progressiven Judaismus in Belarus

- Fjodor Powny, Erzpriester der Gedächtniskirche „Aller Heiligen“ Minsk

- Detlef Knoche, Leiter des Zentrums Ökumene der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, Frankfurt (die Landeskirche unterstützt vor allem die Geschichtswerkstatt)

- Matthias Dörr, Renovabis e.V., die 1993 gegründete Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit Menschen in Osteuropa.

Diskussionsrunde zum Vernichtungsort Trostenez in den Erinnerungskulturen verschiedener europäischer Länder, moderiertvon Dr, Kristiane Janeke, Historikerin und Beraterin der Geschichtswerkstatt, mit

- Dr. Siarhei Novikau, Minsker Staatliche Linguistische Universität: Im Unterschied zur deutschen Seite kenne man die Namen der belarussischen Opfer kaum. In der Nachkriegszeit stand die Verehrung der Helden vorne. Die Gedenkstätte Chatyn war da eine Ausnahme. Aber auch zu Chatyn gebe es keine wissenschaftliche Forschung. Immer war die Rede von „sowjetischen Staatsbürgern“. Ein Kernproblem war auch, dass die Akten der Sicherheitspolizei Minsk völlig vernichtet sind. Im Museum des Großen Vaterländischen Krieges sind nur 10.000 Opfernamen insgesamt bekannt, ein Bruchteil der realen Zahlen. (Zu Trostenez sind nur mehrere hundert, maximal 1.000 belarussische Opfernamen bekannt)

- Dr. Werner Jung, NS-Dokumentationszentrum Köln: Erinnern sei nur möglich mit Wissen, aus einer lokalen werde schnell eine regionale Idee. Einzigartig sei in Köln der Haftzellentrakt mit den internationalen Inschriften. Ein lokaler Gedenkort werde Teil eine internationalen Erinnerungslandschaft.

- Dr. Heidemarie Uhl, Österreichische Akademie der Wissenschaften: Insgesamt 15.000 gab es insgesamt 15.000 österreichische Opfer. Bis 2010 war Trostenez ein völlig vergessener Ort, auch international, auf Geschichtslandkarten praktisch nicht vorhanden. Erst private Initiative weckte die Erinnerung. Frau Barton gab den Anstoß. Die Stadt Wien beteiligte sich nicht.

- Dr. Paul Zeman, Institut für das Studium totalitärer Regime, Tschechien: Aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aus Brünn und Theresienstadt gingen sechs Transporte nach Minsk. Vielleicht zwanzig Personen überlebten, von einem Transport nur eine.

Workshops zu den Themen

  • Nationale oder europäische Erinnerung? Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses und Erwartungen an die Geschichtspolitik
  • Entwicklung von Gedenkstätten als Lernorte. Perspektiven des Erinnerns für junge Menschen
  • Der Beitrag von Kirchen und Religionsgemeinschaften für Erinnerung und Gedenken
  • Transnationale Kooperationen in der Erinnerungskultur und Perspektiven für zivilgesellschaftliche Netzwerke
  • Erinnerung und Gedenken im digitalen Zeitalter und Zukunft der Erinnerung
  • Kommunikatives Gedächtnis und Oral History: Erinnern und Gedenken ohne Zeitzeugen

Ich nehme am Workshop II teil, der von Dr. Heike Dörrenbächer, Abteilungsleiterin Gedenkkultur und Bildung beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und Tamara Viarshytskaya, Belarus, moderiert wird. Ursula Nolle, Landesgeschäftsführerin des Volksbundes in Bremen, schildert anschaulich die Jugendarbeit des Volksbundes. Am wichtigsten sei die Beteiligung der Jugendlichen und keine Instrumentalisierung. Ich berichte zum Deutschen Riga Komitee, das ich seit einer Gründung im Jahr 2000 begleite und unterstütze: Es ist ein Netzwerk von Herkunftsorten der Riga-Deportationen, gebildet zunächst mit der Absicht, die Errichtung einer würdigen Gedenkstätte am Ort der Massenerschießungen in Riga Bikernieki auf mehr Schultern zu verteilen. Die zweite Absicht war, über dieses Netzwerk die Erinnerung lebendig zu halten über die Grenzen von Nationen und Generationen hinweg, sich über Erfahrungen auszutauschen. Nach 13 Städten am Anfang gehören jetzt 57 Städte zum Riga Komitee. Das Komitee lebt von der organisatorischen Unterstützung durch den Volksbund einerseits und der Initiative und den Beiträgen von Mitgliedsstätten andererseits. (vgl. mein Informationsblatt zum Riga-Komitee im Anhang)

Eine Belarussin berichtet, dass sie in ihrer Schulzeit sieben Mal im Museum des Großen Vaterländischen Krieges war. Bei einem Projekt mit Schülern sollten diese von Zuhause ein Objekt mitbringen, das was mit dem Krieg zu tun hatte. Ergebnis: In 70% der Familien war nie die Rede vom Krieg.

Das Verschwinden der Zeitzeugen wird des Öfteren bei der Konferenz thematisiert. Aus der eigenen Erfahrung mit rund 200 Riga-Vorträgen und der Erfahrung der Münsteraner Villa ten Hompel spreche ich die Möglichkeit „stellvertretender Zeitzeugen“ an: Menschen, die sich intensiv, persönlich und konkret mit Verfolgungs- und Opfergeschichten, mit Zeitzeugen beschäftigt haben und es lebhaft über- und nahebringen können.

Exkursionen

- zur Trostenez-Ausstellung in der Nationalbibliothek

- zur Gedenkstätte Trostenez/Blagowschtschina

- in die Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“

- in katholische, orthodoxe und jüdische Gemeinden

 

Abschluss der Konferenz mit

einem Resümee von Prof. Dr. Thomas Bohn, Prof. für Osteuropäische Geschichte Gießen:

Er gratuliert herzlich zu der historischen Leistung der Errichtung der Gedenkstätte. Die Krönung sei die Teilnahme des Bundespräsidenten gewesen. Der Bundespräsident rief die Historikerzunft auf, Belarus einen Platz zu geben.

Entdeckt habe Paul Kohl die Vernichtungsstätte, nicht die professionelle Geschichtswissenschaft. Belarus als Kriegsschauplatz sei erst seit den 90er Jahren von der deutschen Geschichtswissenschaft zur Kenntnis genommen worden. (Interview im „Gießener Anzeiger“ 26. Juni 2018, http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/hochschule/prof-thomas-bohn-von-der-jlu-reist-mit-dem-bundespraesidenten-nach-weissrussland_18877081.htm# )

Aussprache zum Entwurf eines Abschluss-Kommuniqué.

Kommentar

Die Eröffnung des zweiten Teils der Gedenkstätte Malyj Trostenez in Anwesenheit von drei Staatspräsidenten war ein historisches Ereignis von europäischer Dimension. Nach der sehr, sehr langen Zeit von 74 Jahren war es ein Durchbruch zu gemeinsamer Erinnerung an alle Opfergruppen, über Nationengrenzen hinweg, getragen von einem ungewöhnlich breiten Zusammenwirken zivilgesellschaftlicher Organisationen, von Kirchen und Religions-gemeinschaften, Städten, Regierungen. Klug treibende Kräfte dabei waren das IBB Minsk (über 20.000 TeilnehmerInnen pro Jahr) und IBB Dortmund, die freundliche westfälische Sturheit von Peter Junge-Wentrup, des Mitbegründers und langjährigen Geschäftsführers des IBB Dortmund.

Ideal scheint mir der Verbund mit der Geschichtswerkstatt, dem IBB Minsk (und Dortmund) sowie dem Kranz an Kooperationspartnern. Als hoffnungsvoll empfinde ich das hohe Engagement vieler junger BelarussInnen bei der Tagung.

Malyj Trostenez ist nach Riga und dem Riga-Komitee ein erneutes erfreuliches Beispiel, wie inzwischen auf deutscher Seite Erinnerungskulturen ganz selbstverständlich und konstruktiv zusammenwirken, die früher völlig voneinander separiert waren: Hier bis in die 90er Jahre ein auf die gefallenen Soldaten begrenztes Gedenken (Volkstrauertag), dort die wachsende Erinnerung an die Opfer von NS-Terror und Völkermord (9. November, 27. Januar).

Wo gegenwärtig Nationalismen immer ungehemmter sprießen, sind diese Foren gemeinsamer und verschiedener Erinnerungen, des Forschens, des Austausches und der Verständigung mehr als Gold wert. Hier wächst Frieden.

Sehr zu wünschen ist, dass diese Chance auch bestmöglich genutzt wird.

Medienecho

ARD-Tagesschau, 29.06., https://www.tagesschau.de/ausland/steinmeier-weissrussland-105.html

ZDF-Heute, 29.06., https://www.zdf.de/nachrichten/heute/bundespraesident-reist-zur-eroeffnung-der-gedenkstaette-malyj-trostenez-100.html

Deutschlandfunk, 29.06., „Endlich Ort der Erinnerung“ von Florian Kellermann, https://www.deutschlandfunk.de/gedenkstaette-trostenez-endlich-ort-der-erinnerung.691.de.html?dram:article_id=421665

Süddeutsche Zeitung, 30.06., „Nach 74 Jahren“ von Joachim Käppner, http://www.sueddeutsche.de/politik/holocaust-steinmeier-besucht-den-wald-des-todes-1.4034704

Frankfurter Allgemeine Zeitung/FAZ, 30.06., „Endlich ein Ort der Erinnerung“, Bericht und Kommentar

TAZ, 30.06., „So dunkel der Wald – voller Scham und Trauer Die Eröffnung der Gedenkstätte Trostinez in Weißrussland markiert eine Zäsur,“ von Klaus Hillenbrand, http://www.taz.de/Gedenken-an-NS-Opfer-in-Weissrussland/!5517029/

Tagesspiegel, 29.06., „Steinmeier besucht ´Ort des Todes`“ von Paul Starzmann,

https://www.tagesspiegel.de/politik/bundespraesident-in-belarus-steinmeier-besucht-ort-des-todes/22752766.html

BILD, 29.06., „Tränen am Ort des Grauens“ von Rolf Kleine,

https://www.bild.de/politik/ausland/dr-frank-walter-steinmeier/steinmeier-in-weissrussland-56163826.bild.html

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, 29.06.2018: Steinmeier besucht Gedenkstätte Malyj Trostenez“ mit Link zur Rede von Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan bei der Internationalen IBB-Konferenz „Gedenken für eine gemeinsame europäische Zukunft“, http://www.volksbund.de/meldungen/aktuelles-artikel/news/steinmeier-eroeffnet-gedenkstaette-malyi-trostenez.html

Wiener Zeitung, 02.07. „Van der Bellen erinnert an Österreichs Holocaust-Mitverantwortung“, https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/europa/europastaaten/974209_Van-der-Bellen-erinnert-an-Oesterreichs-Holocaust-Mitverantwortung.html

Junge Welt, 30.06., „Staatsbesuch in Belarus. Gedenkstätte für Opfer des Faschismus in Minsk eröffnet“ von Reinhard Lauterbach, https://www.jungewelt.de/artikel/335030.staatsbesuch-in-belarus.html

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, https://www.ekhn.de/ueber-uns/presse/detailpresse/news/jung-starke-erinnerungskultur-fuer-die-zukunft-noetig.html

Hintergrund

Die verheimlichten Massenmorde von Minsk“ zu zwei Ausstellungen über Krankenmorde und Malyj Trostenez) von Felix Ackermann, FAZ 18.01.2017, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zwei-ausstellungen-ueber-massenmorde-von-minsk-14641152-p2.html

Internationales Bildungs- und Begegnungswerk/IBB „Johannes Rau“ in Minsk: Zur neuen Gedenkstätte, die zentraler Lernort europäischer Erinnerungsarbeit werden soll, https://ibb-d.de/neue-gedenkstaette-wird-zentraler-lernort-europaeischer-erinnerungsarbeit/ und allgemein https://ibb-d.de/homepage/die-ibb-in-minsk/

Geschichtswerkstatt Minsk, http://gwminsk.com/de/news

ANHANG

Brücken der Erinnerung zwischen Nationen + Generationen:

Informationen zum Deutschen Riga-Komitee

(Winfried Nachtwei, Münster Juni 2018)

Sie waren Nachbarn von nebenan.

Über 25.000 jüdische Menschen wurden ab Ende November 1941 bis Oktober 1942 in das von Nazi-Deutschland besetzte Riga verschleppt: sieben Transporte aus Berlin, je einer ausNürnberg/Würzburg/Bamberg, Stuttgart, Hamburg/Lübeck/Kiel, Köln, Kassel, Düsseldorf, Münster/ Osnabrück/Bielefeld, Hannover, Leipzig, Dortmund, vier Transporte aus Wien, drei aus Theresienstadt - und im Juni 1944 rund 5.000 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz. Kurz vorher, zwischen dem 8. und dem 18. November 1941, gingen sieben Transporte aus Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt/M., Berlin, Brünn, Bremen/Hamburg und Wien nach Minsk.

Aufbrechende Erinnerung: Fünf Jahrzehnte lang war die Geschichte dieser Deportationen und ihrer Opfer in West- und Ostdeutschland nahezu unbekannt. Angeregt durch eine IBB-Begegnungsreise im Sommer 1988 nach Minsk stieß ein Münsteraner Geschichtslehrer 1989 in Riga auf die Spuren des „Reichsjudenghettos“ und der NS-Massenmorde. 50 Jahre danach wurde Ende 1991 erstmalig in etlichen deutschen Städten ihrer nach Riga verschleppten jüdischen Menschen gedacht.

Gründung des Deutschen Riga Komitees im Jahr 2000 auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau als Zusammenschluss von – zunächst 13 – Herkunftsstädten der Riga-Deportationen. (Wichtiger Anstoßgeber im Vorfeld war Erich Herzl aus Wien mit der 1996 gegründeten „Initiative Riga“.) Die Städte machten sich zur Aufgabe, die Erinnerung an ihre verschleppten und ermordeten Bürger zu fördern, lebendig zu halten und die Errichtung einer würdigen Gedenkstätte im Wald von Bikernieki zu unterstützen. Inzwischen gehören 57 Städte zu diesem in der deutschen Erinnerungskultur einzigartigen Zusammenschluss.

Gedenkstätte im Wald von Bikernieki: Hier wurden seit dem Sommer 1941 mindestens 35.000 Menschen erschossen, Abertausende jüdische Frauen und Männer, Kinder und Greise, politische Aktivisten, Gefangene, sowjetische Kriegsgefangene. (Am 30. November und 8. Dezember 1941 wurden im Wald von Rumbula 27.000 Rigaer Juden ermordet, um „Platz zu schaffen“ für die Deportationszüge.) Am 30.11.2001 wurde in Bikernieki  eine Gedenkstätte mit 5000 Granitsteinen eingeweiht. Mit Steintafeln erinnern Herkunftsorte der Deportationen an ihre verschleppten und ermordeten früheren Nachbarn.

Workcamps mit Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und Lettland führten Landesverbände des Volksbundes seit 2002 jährlich in Riga durch.

Ein zweibändiges „Buch der Erinnerung“ mit den vollständigen Deportationslisten und Einzelartikeln zu den Deportationen erschien 2003.

Gedenkreisen: Eine erste gemeinsame Riga-Reise von StädtevertreterInnen des Riga Komitees fand 2010 statt  ( http://www.volksbund.de/partner/deutsches-riga-komitee/redebeitraege-zur-gedenkveranstaltung-10-jahre-deutsches-riga-komitee.html ), eine zweite im Juli 2017 mit VertreterInnen aus 25 Städten. Zu der 66-köpfigen Reisegruppe gehörten etliche Bürger-meister, leitende MitarbeiterInnen von Stadtverwaltungen und –archiven sowie TeilnehmerInnen einer integrierten deutsch-lettisch-österreichischen Jugendbegegnung. (  http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1489 ).

Dutzende Gruppen-Gedenkreisen führten inzwischen einzelne Städte, Vereinigungen und Volksbundgliederungen durch. Symposien des Komitees fanden 2013 in Magdeburg, 2015 in Münster und 2016 in Osnabrück statt und fördern dem Erfahrungsaustausch.

Weitere Informationen

- Deutsches Riga Komitee: Zur Geschichte der Deportationen, Lettland unter deutscher Besatzung, Transporte nach Riga, Gedenkstätte Bikernieki, Buch der Erinnerung, Städteliste, Reden Gedenkreise 2010 u.a.: http://www.volksbund.de/partner/deutsches-riga-komitee.html

- Broschüre Deutsches Riga-Komitee/Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, „Riga Bikernieki“: http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/Mediathek/Informationsmaterial/Riga-Komitee_Broschu__re_2015_WEB.pdf

- Flyer zur Ausstellung „Bikernieki – Wald der Toten“, Dt. Riga-Komitee: http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/Mediathek/Informationsmaterial/Das-Deutsche-Riga-Komitee_O.pdf

- Flyer „German Riga Committee“: http://www.volksbund.de/mediathek/mediathek-detail/flyer-german-riga-committee.html#

- Gesamtdarstellung von W. Nachtwei: Das Deutsche Riga-Komitee – Die Bedeutung Rigas im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, in: Schuhe von Toten – Dresden und die Shoa, hrg. von Gorch Pieken und Matthias Rogg, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden 2014, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1267

- Dokumentarfilm „Wir haben es doch erlebt – Das Ghetto Riga“ mit Bonus-Film zu einem Volksbund-Workcamp in Riga, von Jürgen Hobrecht, Berlin 2013 (a) mit Begleitheft über LWL-Medienzentrum für Westfalen, https://www.lwl.org/lwl-medienzentrum-shop/index.php?page=product&info=189 ; (b) über  Phoenix-Medienakademie, http://www.phoenix-medienakademie.com/riga/ , englische Version http://www.phoenix-medienakademie.com/2015/05/we-did-survive-it-the-riga-ghetto-dvd/

- Vortrag „Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga“ von W. Nachtwei, jeweils angepasst an die Herkunftsorte von Deportationen ( winfried@nachtwei.de )

- 60 Jahre danach: Einweihung der Gedenkstätte Riga-Bikernieki –Erinnerung an Ermordete bekommt Ort und Gesicht, Bericht Dezember 2001, http://nachtwei.de/druck/druck%20Bikernieki.htm

- Erste Gruppen-Erinnerungsreise nach Riga, Beginn der Solidarität mit Holocaust-Überlebenden im Baltikum, Reisebericht 1993, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1221

27.06.2018, Winfried Nachtwei, MdB a.D., Vorstandsmitglied „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, Mitglied im  Beirat Zivile Krisenprävention der Bundesregierung, im Kuratorium des IBB Dortmund; Nordhornstr. 51, 48161 Münster, Deutschland, 0049-251-86530; winfried@nachtwei.de , www.nachtwei.de


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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