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Genauer Hinsehen: Sicherheitslage Afghanistan (Lageberichte + Einzelmeldungen) bis 2016
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Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Bericht von Winfried Nachtwei
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"Kampfeinsatz - stell dir vor es ist Krieg und du gehst hin". Sehr empfehlenswertes Stück des Axensprung Theaters

Veröffentlicht von: Nachtwei am 11. Januar 2017 22:32:59 +02:00 (4551 Aufrufe)

Eine hoch-intensive Szenen-Collage um Kriegsteilnehmer und -rückkehrer heute, menschliche Folgen, Widersprüche, dicht an den harten Realitäten, völlig authentische Schauspieler. Mein Bericht ... (Nächste Termine: 19.01. Flensburg, Marineschule Mürwik; 04.05. Stadtallendorf, Stadthalle)

„KAMPFEINSATZ – Stell dir vor es ist Krieg und du gehst hin“

Bericht von einem hoch-intensiven Theaterstück

von Winfried Nachtwei (12/2016)

Anfang Dezember erlebte ich im Hamburger Haus Rissen das Ensemble „Axensprung“ mit seinem Theaterstück „KAMPFEINSATZ – Stell dir vor es ist Krieg und du gehst hin“. Unter den Gästen auch Schülerinnen und Schüler von vier Hamburger Schulen. Danach war ich eingeladen, zusammen mit Oliver Hermann (Axensprung-Theater), Major Marcel Bohnert (Herausgeber „Die unsichtbaren Veteranen“), Philipp-Christian Wachs (Haus Rissen) und Zuschauern über das Stück zu diskutieren. ( http://kampfeinsatz.info/ , https://www.youtube.com/watch?v=Z9bpnhn41Wg )

Im Vorfeld war meine Erwartung skeptisch. Wenn hierzulande überhaupt die Erfahrungen und Lebenssituationen von Soldaten, die aus Kriegsgebieten zurückgekehrt sind, wahrge-nommen werden, dann geschieht es gerade in Massenmedien überwiegend klischeehaft. X-mal habe ich es so bei TV-Krimis erfahren.

Das Stück "Kampfeinsatz" ist eine Szenen-Collage um Kriegsteilnehmer und –rückkehrer heute, unterlegt mit Videos, Zitaten von Kriegsheimkehrern, Philosophen und Politikern. Die Geschichte, die Erlebnisse, die Konflikte, die Dialoge, das Hin- und Hergerissene – es stimmt voll und ganz. Die Schauspieler Michael Bideller, Oliver Hermann, Mignon Remé, Markus Voigt sind völlig authentisch diejenigen, die sie "spielen".

Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Oberstleutnant André Torgau, seit sechs Monaten zurück aus Afghanistan. Ein Teil von ihm sei dort geblieben, ein „so schönes Land, immer irgendwas los, nicht alles nur Scheiße.“ Es hat gedauert, bis er was merkte. Seine Frau Judith merkte es zuerst. „Wollt ihr mich zum Weichei machen?“ „Du bist voll krank. Rede mit mir!“ Starre,  Sprach- und Reaktionslosigkeit, Alpträume, Aggressivität. Im Alltag lauern überall Gefahren, ein Wiederleben traumatisierender Ereignisse, Flashbacks. Sein Nachdenken: „Ich hätte dort gern Frauen zu mehr Rechten verholfen. Jetzt schikaniere ich meine Frau.“ Sein erster Bundeswehrarzt fragt nach seinen Eltern, Alkohol.

Es war das erste Selbstmordattentat auf Bundeswehrsoldaten, in einem Bus, vier Tote sofort. „Erzählen Sie.“ „Ich kann nicht.“ Der Hund ist endlos lange Torgau`s einziger Gefährte – bis er dann doch erzählen kann: Er hatte den Bus verpasst, dann die zerfetzten Kameraden, ab jetzt das Misstrauen gegen alle Afghanen. Verstörende Erfahrungen, wo Einheimische medizinische Hilfe als Verstoß gegen traditionelle Normen ablehnen.

Und dann Nuri, der afghanische Junge mit den starken Verbrennungen, „unser Maskottchen“. „Nie habe ich so ein strahlendes Lachen gesehen.“

Das Theaterstück blickt zugleich über den Tellerrand auf andere, die heute von Deutschland aus in den Krieg gehen:

Ein Vater berichtet von seinem Sohn, der Sozialpädagogik lernen wollte, sich religiös radikalisierte, nach Syrien zum IS verschwand. Jetzt bekam er die Nachricht, sein Sohn sei im „Paradies“.

Eine Mutter berichtet von ihrer Tochter, die zum Bund ging und Ausbilderin im Nordirak wurde. Auf eigene Faust sei sie an der Seite der Peschmerga in den Kampf gezogen.

Ein in Deutschland lebender Hacker ukrainischer Herkunft hat sich zum Freiwilligenbataillon „Patria“ gemeldet. Man sei im Stich gelassen worden, wolle die Heimat befreien.

In der eingebauten Talkshow „Lena Delfs - hautnah“ treffen Torgau, der Freischärler und ein Politiker zusammen und entfalten ihre Motive und Argumente.

In der anschwellenden "postfaktischen" Grundströmung werden Emotionen manipuliert, aufgehetzt und vergiftet. Die Emotionalität von „Kampfeinsatz“ ist hart-realistisch, wahrhaftig, einfühlsam, zutiefst menschlich. Nichts von postfaktisch. Man spürt, wie intensiv und offen die Ensemblemitglieder ein halbes Jahr lang recherchiert, mit Betroffenen und Experten gesprochen und sich in die Akteure, vor allem das Paar, hineingefühlt haben.

(Gut zu wissen, dass sich in der Bundeswehr der Umgang mit seelisch und körperlich Verwundeten seit einigen Jahren deutlich gebessert hat. Handlungsbedarf besteht vor allem bei verwundeten ehemaligen Soldaten und bei der Einbeziehung von Angehörigen.)

Das vierköpfige Ensemble bewegt die Zuschauer zutiefst und öffnet zugleich für die verschiedenen Erfahrungen, Perspektiven, Positionen. Es wirft Fragen auf, stößt Nachdenken und Austausch an, statt fertige Antworten zu geben und übliche Spiralen der Selbstbestäti-gung zu bedienen. Das war in der anschließenden Gesprächsrunde deutlich zu spüren.

Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ war in der Friedensbewegung der 80er Jahre ein weit verbreiteter Slogan. So wollten wir damals dem Krieg den menschlichen Brennstoff verweigern.

Stell dir vor es ist Krieg und keinen interessiert es“ wurde während der Balkankriege der 90er Jahre zur verstörenden Erfahrung. Wo Raushalten Kriegsmachern freie Hand und Belagerte, Beschossene ohne Hilfe ließ, wuchs das Interesse an internationaler (UN-) Friedenssicherung und Krisenprävention.

Stell dir vor es ist Krieg und Friedenseinsätze sind viel komplizierter und opferreicher, zugleich weniger wirksam als gedacht“ und „Stell dir vor du warst im Krieg und kaum jemand interessiert es“ kristallisiert sich heute als Grunderfahrung heraus.

Das Theaterstück „Kampfeinsatz“ schlägt sich da nicht auf eine Seite, sondern öffnet zum Mitempfinden, zum Nachdenken. Es ermöglicht Diskussionen, ja Lernen über Erfahrungs- und Milieugrenzen hinweg.

Bei alledem ist aber die Grundbotschaft klar und eindringlich:

Ihr Auftraggeber von Einsätzen, bedenkt neben den Begründungen von Einsätzen auch ihre möglichen menschlichen Folgen! „Kampfeinsatz“ ist ein aufrüttelnder und überzeugender Appell an Politik und Gesellschaft für einen höchst verantwortlichen Umgang mit Einsatzentscheidungen und Einsatzrückkehrern.

Regie: Erik Schäffler, Musik/Sounds: Markus Voigt, Produktion: Oliver Hermann, Video: Eike Zuleeg

Unterstützer des Theaterprojekts: Körber-Stiftung, Landeszentrale für politische Bildung/ Hamburg, Mahnmal St. Nikolai, Hamburg Kulturbehörde

Sehr empfehlenswert!

Nächste Termine: KOBLENZ | BUNDESARCHIV 

Mittwoch, 3. Mai, 18:00 UHR

STADTALLENDORF | STADTHALLE

Donnerstag, 4. Mai, 19:00 Uhr

GLÜCKSTADT | DETLEFSENGYMNASIUM

Dienstang, 23. Mai, 19:30 Uhr

HAMBURG | RUDOLF STEINER HAUS

Samstag, 17. Juni, 19:00 Uhr

Weitere Informationen und Kontakt: http://axensprung-theater.de/

Sprecher: o.hermann@gmx.de

Das Axensprung-Theater ist technisch völlig autark und benötigt im Prinzip nur einen geeigneten Raum und eine Bühne.


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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