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Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung

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Westfälischer Friedenspreis an König Abdullah II. von Jordanien und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Veröffentlicht von: Nachtwei am 15. Oktober 2016 14:24:34 +02:00 (4392 Aufrufe)

Zum 10. Mal verlieh die Wirtschaftsgesellschaft für Westfalen + Lippe den Westfälischen Friedenspreis. Ein ermutigendes friedenspolitisches Großereignis. Es verlief ohne Zwischenfälle - also von geringem Nachrichtenwert für die meisten überregionalen Medien?! 

Westfälischer Friedenspreis 2016 an

König Abdullah II. von Jordanien und

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Winfried Nachtwei, MdB a.D.[1] (15.10.2016)

Im Historischen Rathaus von Münster wurde am 8. Oktober dem jordanischen König Abdullah II., begleitet von seiner Frau Rania, und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) der Internationale Westfälische Friedenspreis verliehen. Den mit jeweils 50.000 Euro dotierten Preis überreichte der Vorsitzende der „Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V.“ (WWL), Dr. Reinhard Zinkann. Bundespräsident Joachim Gauck und SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann hielten die Laudatio. Michael Barenboim und Karim Said vom West-Eastern Divan Orchestra begleiteten den Festakt musikalisch.

Die WWL hatte den Preis 1998 anlässlich des 350. Jahrestages des Westfälischen Friedens gestiftet. Das Preisgeld stiftet das aus 64 westfälischen Unternehmerpersönlichkeiten bestehende Kuratorium der WWL. Zu den bisher zehn Preisträgern und zehn Jugendpreisträgern gehörten  u.a. Vaclav Havel, Helmut Kohl, Kofi Annan, Daniel Barenboim, Helmut Schmidt, Schüler helfen Leben, Gemeinschaft Junger Malteser, West-Eastern Divan Orchestra, die Jugendarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Auf dem Prinzipalmarkt applaudierten bei strahlendem Sonnenschein mehrere tausend BürgerInnen den Preisträgern auf dem Rathausbalkon.

Da das jordanische Königspaar und auch der Bundespräsident in bestimmten extremistischen Kreisen als Hassobjekte, ja sogar „Hochwertziele“ gelten, fand die Veranstaltung unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zu Zwischenfällen kam es glücklicherweise nicht.

Das WDR-Fernsehen und das jordanische Fernsehen übertrugen die Feier direkt. Von überregionalen Zeitungen berichteten nur FAZ und BILD von der Feier – nicht z.B. die SZ, FR, taz, Tagesspiegel. (Anmerkung dazu am Schluss)

Fotos auch auf www.facebook.com/winfried.nachtwei

„Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, der so dazu herausfordert, über Krieg und Frieden nachzudenken, wie das Historische Rathaus von Münster. Hier und in Osnabrück schlossen im Jahr 1648 die Mächte, die sich über Jahrzehnte unerbittlich bekämpften, den Westfälischen Frieden. Sie setzten nicht nur dem fürchterlichen Dreißigjährigen Krieg ein Ende, sondern schufen ein bis heute wirkmächtiges Gesamtpaket aus Religionsfrieden, Toleranz und Föderalismus. Ergebnis der jahrelangen mühsamen Verhandlungen waren zudem neue Friedensinstrumente wie die moderne Diplomatie und die Grundlagen des Völkerrechts.

Und wie Hamburg, Dresden oder Köln lag auch Münster nach dem von Deutschland entfachten verheerenden Weltenbrand vor sieben Jahrzehnten in Schutt und Asche.

Daran erinnert Bundespräsident Joachim Gauck am Samstag im Festsaal des Rathauses, bevor er mit seiner Laudatio auf den jordanischen König Abdullah II. beginnt. Gauck erinnert zudem daran, dass just in diesem Moment im syrischen Aleppo wieder Menschen sterben.

´Wir verleihen trotzdem Preise, während Krieg geführt wird. Sie sollen Menschen ermutigen, für den Frieden zu kämpfen – bei fortgesetztem Kriegsgeschrei, bei fortgesetztem Töten, bei fortgesetztem Unverstand und der fortgesetzten Neigung einiger internationaler Player, die Macht über das Recht zu stellen´“. (Reiner Burger in der FAZ 10.10.2016)

Berichte von der Preisverleihung

Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe http://www.wirtschaftliche-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/presse/2016_10_08_PI_Friedenspreis_final.pdf ,

Pressemitteilungen, Ansprachen von Dr. Reinhard Zinkann, OB Markus Lewe und Thomas Oppermann sowie Fotos  http://www.wirtschaftliche-gesellschaft.de/presse/friedenspreis-2016/

WDR http://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/westfaelischer-friedenspreis-koenig-100.html

Westfälische Nachrichten (Stefan Werding) http://www.wn.de/Muenster/2561586-Westfaelischer-Friedenspreis-mit-Joachim-Gauck-So-verlief-die-Ehrung-von-Koenig-Abdullah-II-von-Jordanien-in-Muenster

Abdullah II. ibn Al Hussein

ist seit 1999 König von Jordanien und seit 1993 mit seiner Frau Rania verheiratet. (Sie wurde im September 2015 in Berlin mit dem Walther-Rathenau-Preis für herausragendes außenpolitisches Engagement ausgezeichnet.) In dem wasserarmen Wüstenstaat mit seinen 6,5 Mio. BürgerInnen (ca. 50% palästinensischer Herkunft) leben insgesamt ca. 9,5 Mio. Menschen, darunter ca. 1,4 Mio. aus Syrien (über 650.000 UNHCR-registrierte syrische Flüchtlinge), rund 300.000 aus dem Irak, insgesamt 3 Mio. Ausländer.

Bundespräsident Gauck würdigt Abdullah II. als Staatsmann, „der seinem Land mit großem Geschick den Frieden auch unter widrigsten Bedingungen erhalten hat“. Ca. 1,4 Mio. Flüchtlinge habe das Land seit 2011 allein aus Syrien aufgenommen, ein erheblicher Teil des Staatshaushaltes werde für diese aufgewandt. Gauck erinnert an seinen Besuch im jordanischen Flüchtlingslager Azraq Ende letzten Jahres. Das Land habe sich verpflichtet, binnen zwei Jahren Schulunterricht für 230.000 zusätzliche Kinder bereitzustellen – fast eine Verdoppelung der bisherigen Schülerzahl! Unterrichtet wird in Vormittags- und Nachmittagsschichten. Auch der Helfende brauche Hilfe!

Der König nehme immer wieder persönlich und öffentlich Stellung gegen Gewalt und Radikalisierung. Sein Wort habe „Gewicht, nicht nur in Europa und den Vereinigten Staaten. Es findet Gehör bei Muslimen in aller Welt. Sie haben diese Autorität vielfach genutzt, um zu vermitteln, vor allem im Nahostkonflikt. Jordanien hat sich unter Ihrem Vater, König Hussein, und unter Ihrer Führung, Majestät, für das Existenzrecht Israels und für eine Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt, auch in schwierigen Zeiten. Ihr Einsatz verdient unseren besonderen Respekt. (…)

Zu den Mitteln eines aufgeklärten Monarchen zählen im Inneren auch Schritte zu mehr Partizipation der Bürger. Ein Land in die Moderne zu führen, ist eine Generationenaufgabe. Eine Gesellschaft braucht Zeit, sich aus alten Mustern zu lösen. Umsichtige Reformen sind ein langwieriger Prozess. Immer neue Schritte sind notwendig. Wo immer wir Ihren, den jordanischen Reformprozess unterstützen können, wollen wir es tun.“ (Laudatio des Bundespräsidenten http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2016/10/161008-Muenster-Friedenspreis.html )

In seiner frei gehaltenen Antwortrede drückt Abdullah II. zuerst seine Freude aus über die gleichzeitige Ehrung der jungen Leute der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und dankt ihnen für ihr Engagement für Frieden und Toleranz.

Was sei vom Westfälischen Frieden zu lernen? „Altes Denken sei durch neues, frisches  Denken abgelöst worden. Der Vertrag atme den Geist der Goldenen Regel, die sowohl im Christentum, im Judentum als auch im Islam vorkomme: Wer zu einem Mitmenschen nicht barmherzig ist, für den hat Gott keine Barmherzigkeit. ´Lassen wir uns nicht auseinanderzudividieren. Beginnen wir damit, unser eigenes neues, frisches Denken anzuwenden, um am gegenseitigen Respekt, an der Kooperation und am Frieden zu arbeiten.´“ (FAZ 10.10.) „Tank you, thank you, thank you!“ Stehender Beifall.

(Impressionen von Steffen Huck aus Jordanien siehe unten)

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

1958 beschloss die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland die Gründung von Aktion Sühnezeichen – zu einer Zeit, als noch sehr viele Funktionsträger des NS-Systems, Abertausende, nie belangte Staatsverbrecher in Amt und Würden waren (vgl. die gerade erschienene Studie zur Geschichte des Bundesjustizministeriums) und als „Aufarbeitung jüngster Vergangenheit“ höchst unerwünscht war. Seit Ende der 50er Jahre setzten sich über 10.000 junge Menschen in Freiwilligendiensten und Sommerlagern mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für eine gerechtere und friedlichere Welt ein – in der Begegnung mit Holocaust-Überlebenden, mit Flüchtlingen und mit ausgegrenzten Menschen.

Heute sind es alljährlich ca. 180 junge Menschen für zwölf Monate in 13 Ländern in Europa, den USA oder in Israel. In 25 internationalen Sommerlagern arbeiten und leben ca. 300 Menschen aus mehr als 15 Ländern für zwei Wochen zusammen. „Geschichte(n) erleben – Verantwortung übernehmen“.

Laudator Thomas Oppermann, MdB, erinnert an die Gründung von ASF: „Den Grundstein hierfür legten 1958 engagierte Protestanten aus dem Umfeld der Bekennenden Kirche. In einem Nachkriegsdeutschland, das geprägt war vom Aufschwung des Wirtschaftswunders und der Unfähigkeit zu trauern, kämpften die Gründer von ASF gegen das Verdrängen und Vergessen. Sie glaubten, dass eine Versöhnung nur gelingen kann, wenn die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet werden. Nach langem Widerstand – auch aus den eigenen Reihen – gelang es ihnen, bei der EKD-Synode 1958 Aktion Sühnezeichen ins Leben zu rufen. In ihrem Gründungsaufruf bittet ASF, so wörtlich, „die Völker, die von uns Gewalt erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun“. Und genau das, meine Damen und Herren, erlaubten die Länder den jungen Frauen und Männern aus Deutschland. So gingen Freiwillige zur Hand bei der Errichtung einer Begegnungsstätte in der zerstörten Kathedrale von Coventry in Großbritannien und einer Blindenschule in Israel. Sie halfen beim Bau einer Synagoge und der Versöhnungskirche von Taizé in Frankreich. Sie betreiben bis heute eine Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz und das Beit Ben Yehuda-Gästehaus in Jerusalem.“

Vor fast 40 Jahren leistete der Student und KDV`er Oppermann seinen 18-monatigen Zivildienst als ASF-Freiwilliger in den USA bei einer Gewerkschaft für vorwiegend hispanoamerikanische Landarbeiter bei ihrem Kampf für erste Tarifverträge.

Soziale Gerechtigkeit entsteht nicht von selbst, sondern ist immer Ergebnis politischer Einmischung.“ Nichts habe ihn so sehr geprägt auf dem Weg in die Politik wie sein Freiwilligendienst mit ASF.

ASF wirke auch in der eigenen Gesellschaft und war von Anfang an wichtiger Teil der (west)deutschen Friedensbewegung. 1981 war ASF Mitorganisator der bis dahin größten Friedensdemonstration gegen neue Aufrüstung im Bonner Hofgarten.

Im Unterschied zu 1958 sei unsere Zivilgesellschaft heute stark. ASF sei Vorbild für viele andere Freiwilligendienste. ASF sei ein „Pionier dieser modernen, verantwortungsbewussten Zivilgesellschaft.“ Die Arbeit von ASF sei nicht fertig und werde nie fertig sein können. (Laudatio von Thomas Oppermann http://www.wirtschaftliche-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/presse/2016_laudatio_oppermann.pdf )

Stellvertretend empfangen die Freiwilligen Sally (Dienst in Israel), Eva (Tschechien) und David (Niederlande) den Preis. Im Gespräch mit der Moderatorin, der WDR-Journalistin Sabine Scholt, schildern die Drei, wie sehr sie der Freiwilligendienst verändert habe und was sie dabei an Lebenserfahrung gewonnen hätten.

Auf der Stubengasse wurde der Festakt live auf einer Großleinwand übertragen. Anschließend informierten Freiwillige von ASF und der Regionalgruppe Münster über ihre Arbeit. Stimmungsvoll begleitet wurden sie von einer achtköpfigen Band. (Name folgt)

(ASF zur Preisverleihung https://www.asf-ev.de/de/presse/pressemeldung/asf-erhaelt-den-westfaelischen-friedenspreis/ , ASF-Flyer dazu http://www.wirtschaftliche-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/presse/2016_ASF-Flyer_Westfaelischer_Friedenspreis.pdf ;

Arbeit von ASF allgemein https://www.asf-ev.de/de/de/ )

http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/lage-der-syrischen-fluechtlinge-in-jordanien-verschlimmert-14174912.html

Kommentar

Geehrt wurden Hoffnungsträger und Mutmacher. Das in einer Zeit, wo sich die Gewitter des Unfriedens, von Hass und Gewalt auftürmen.

Nachdem die Verleihung des Westfälischen Friedenspreises vor zwei Jahren in den überregionalen Medien keinerlei Resonanz gefunden hatte, konnte man dieses Jahr mehr erwarten: ein König von einer der letzten Stabilitätsinseln im Orient, begleitet von der lt. Gala „mutigsten Königin der Welt“, geehrt vom deutschen Staatsoberhaupt.

Die gute Nachricht gelangte in die 20.00-Uhr-Tagesschau, aber schon nicht mehr in die Tagesthemen. Eine-dpa-Meldung, in der der 2. Preisträger ASF nur mit einem Satz am Rande erwähnt wurde, gelangte auf www.welt.de und www.sueddeutsche.de . In ihren Druckausgaben beschwiegen SZ, FR, Tagesspiegel, taz das Ereignis. Einzig die FAZ ließ mit dem sorgfältigen Artikel von Reiner Burger die aktuelle Relevanz eines Ereignisses deutlich werden, die andere Redaktionen in Berlin, München und Hamburg offenbar als „Jubelveranstaltung ohne Nachrichtenwert“ abhaken.

Redaktionen müssen ständig in der Flut der täglichen Nachrichten eine Auswahl treffen. Dass dabei bad news als Ausreißer von Normalität prioritär Beachtung finden, liegt auf der Hand.

Dass aber Mut machende better news so sehr übergangen und verschwiegen werden, ist Wasser auf die Mühlen wachsender Entmutigung. Und es hat – sicher ungewollt - „System“. Seit 2012 beobachte ich, dass friedenspolitische Großereignisse wie 10 Jahre Zentrum Internationale Friedenseinsätze/ZIF, erster Wahlbeobachtertag, die Tage des Peacekeepers 2013/2014/2015/2016, 15/20 Jahre Ziviler Friedensdienst, BMI-Feierstunden für Aberhunderte Rückkehrer aus Internationalen Polizeimissionen (lauter Premieren in der deutschen Geschichte!) in den überregionalen Medien nahezu null Beachtung finden (Ausnahmen Deutschlandfunk, Tagesspiegel).

Nach dem ersten Tag des Peacekeepers 2013 vermutete ich eine Art subkutane „Friedensmüdigkeit“ auch bei „Qualitätsmedien“. Die Vermutung hat sich inzwischen immer mehr erhärtet. (http://www.dgvn.de/meldung/gelungene-premiere-am-tag-des-peacekeepers-2013/ ; http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=81&aid=1406 )

Dass die Friedenspreisverleihung mit ziemlicher Sicherheit überregionale Aufmerksamkeit gefunden hätte, wenn der eine Brüller am Prinzipalmarkt zehn Mitdemonstranten gefunden hätte oder ein Ei Richtung Staatskarosse geflogen wäre, ist absurd und pervers.

Anhang

(1) Eine Impression zu Flüchtlingen in Jordanien: Prof. Dr. Steffen Huck „Die barmherzigen Nachbarn der Samariter“ (FAZ 5.8.2015 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jordaniens-menschlicher-umgang-mit-fluechtlingen-13734213.html )

„(…) Jetzt, mit geschätzten anderthalb Millionen Flüchtlingen im Land, erfolgt die öffentliche Wasserlieferung vielerorts in Jordanien nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei, und wer sich die teuren Wasserlieferungen von privaten Händlern nicht leisten kann, darf eben nur noch die Hälfte verbrauchen – die Hälfte, wohlgemerkt, von einer ohnehin nicht sonderlich großzügig bemessenen Menge.

Von Einheimischen kann man hören, wie schwer das ist, aber was man nicht hört, ist Protest von ihrer Seite gegen die Flüchtlinge, obwohl nur rund ein Fünftel in Aufnahmelagern leben, während die anderen in den jordanischen Städten und Dörfern untergekommen sind, wo deshalb die Mieten unter entsprechendem Druck stehen: Neben dem Wasser ist das für viele Jordanier der zweite elementare Lebensbereich, der durch die Flüchtlingskrise massiv beeinträchtigt wird. Der dritte ist der Arbeitsmarkt: In dessen unterem Segment fallen die Löhne, wovon zwar mancher Unternehmer profitiert, die Mehrheit der Jordanier aber kaum. Die Baubranche boomt in Amman, es gibt kaum einen Straßenblock, in dem nicht irgendwo gebaut wird, Lärm überall in der Stadt. Und natürlich hört jemand, der ein Ohr dafür hat, auf den Baustellen wie auch in den Restaurants den syrischen Akzent der Beschäftigten.

Anderthalb Millionen Flüchtlinge in einem Land mit rund sechs Millionen Einwohnern – für Deutschland würde das im Verhältnis die Aufnahme von zwanzig Millionen Flüchtlingen bedeuten. Und Jordanien ist ein ressourcenarmes Entwicklungsland; das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Viertel des deutschen.

Dass es hier nicht zu Ausschreitungen oder wenigstens Protesten kommt, grenzt an ein Wunder. Ein Wunder allerdings, das in der westlichen Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit findet. Nicht, dass die Region als solche keine fände. Aber in den Berichten dominiert der Schrecken islamistischen Terrors. Wann immer Säulen fallen und Weltkulturerbe vernichtet wird, schauen alle auf die arabische Halbinsel. Oder nach einem neuen bestialischen Mord von Daesh (alias Isis oder Isil oder IS).

Die Fokussierung auf bad news führt zu einem traurig verzerrten Bild der arabischen Region und ihrer dominanten Religion, unter dem alle 1,6 Milliarden weltweiten Anhänger des Islams zu leiden haben. Fast keiner unserer arabischen Freunde in Jordanien, der dazu nicht eine konkrete Geschichte beizutragen hätte: böse Blicke von Mitfliegenden am Flughafen-Gate, Befragungen von Grenzkontrolleuren, und bei der Einreise nach Israel muss dem Baby bitte auch die Windel ausgezogen werden, damit man sicherstellen kann, dass dort kein Sprengstoff steckt.

Eine zentrale Rolle kommt dabei dem haschemitischen Königshaus zu, das es trotz der enormen ökonomischen Probleme einerseits und der externen Bedrohungen durch Daesh im Norden und Nordosten Jordaniens andererseits bislang geschafft hat, ein Land zusammenzuhalten, das ohnehin von enormer Diversität geprägt ist und in dem es schon vor der syrischen Krise nicht leicht war, die urjordanischen Stämme erst mit den palästinensischen und später mit den irakischen Flüchtlingen unter einen Hut zu bringen.

Jetzt ist der Tourismus, traditionell einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche des Landes, dem Zusammenbruch nahe. Als wir Richtung Irak fahren, um die zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Wüstenschlösser zu besuchen, verursachen wir genuine Verblüffung, denn es kommen einfach keine Europäer mehr hierher. Dabei ist die Reise durch Jordanien, das eine ungeheure kulturelle Vielfalt zu bieten hat – von der weltweit größten Agglomeration noch aufrecht stehender römischer Säulen in Jerash über die Wunder von Petra bis hin zu den Naturspektakeln von Wadi Rum und dem Taucherparadies Aqaba –, nicht unsicherer als eine Fahrt mit der Londoner U-Bahn. Das liegt am enorm effektiven Militär, das neuralgische Punkte und die Grenzen kontrolliert (und dem Reisenden gegenüber dort, wo er auf er Soldaten trifft, trotz schwerer Bewaffnung mit einer Freundlichkeit begegnet, die man sich zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Grenzern gerne wünschen würde).

Jordanien ächzt unter der Aufgabe, mit der die Nachbarstaaten das Land konfrontieren, doch die Welt hilft nur ein bisschen. Zusätzliche Entwicklungshilfe hält sich trotz allen Beteuerungen in Grenzen: Die internationalen Transferzahlungen nach Jordanien haben sich infolge der Flüchtlingskrise um rund eine halbe Milliarde Euro erhöht; pro Flüchtling sind das aber gerade mal etwas mehr als dreihundert Euro. Und während mehr Unterstützung dem Land und damit dem Frieden in der Region zumindest kurzfristig helfen würde, scheint es langfristig noch hilfreicher, wenn der christliche Westen anerkennte, dass die Botschaft von Isa ibn Maryam, den wir Jesus nennen, auf dem Globus augenblicklich nirgendwo so konsequent verfolgt wird wie in Jordanien.“

(Der Autor ist Direktor der Abteilung Ökonomik des Wandels am Wissenschaftszentrum Berlin

für Sozialforschung und lehrt Wirtschaftswissenschaften am University College London. Er lebt in Berlin und Amman,)

(2) Deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Jordanien:

- Übersicht des BMZ zu Situation und Zusammenarbeit: https://www.bmz.de/de/laender_regionen/naher_osten_nordafrika/jordanien/zusammenarbeit/index.html

- Die Arbeit der GIZ, seit mehr als 40 Jahren im Land, heute mit 115 nationalen und 40 internationalen MitarbeiterInnen. Zu den Programmen und Schwerpunkten unter https://www.giz.de/de/weltweit/360.html

 



[1] Co-Vorsitzender des Beirats Zivile Krisenprävention beim Auswärtigen Amt, Vorstandsmitglied Dt. Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) und „Gegen Vergessen – Für Demokratie“


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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