Winfried Nachtwei, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

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Berlin, Donnerstag, den 3. April 2003

Beratung der Unterrichtung des Deutschen Bundestags durch den Wehrbeauftragten

Jahresbericht 2002 (44. Bericht)

– Drucksache 15/500 –

Vizepräsident Dr. Norbert Lammert:

Nun hat der gerade angesprochene Kollege Winfried Nachtwei das Wort.

Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Wehrbeauftragter, lieber Herr Penner! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Jahresbericht des Wehrbeauftragten ist kein Zu­standsbericht; das ist uns bekannt, aber wahrscheinlich kaum in der Öffentlichkeit. Er ist aber auch kein reiner Mängelbericht, sondern ist zugleich ein Stimmungsbaro­meter und Problemindikator, der uns wesentliche Hin­weise darauf gibt, was zu tun ist. Herr Penner, ich möchte Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbei­tern im Namen meiner Fraktion wieder herzlich für Ihre Arbeit danken. Wenn ich das zum wiederholten Male tue, dann ist das in keiner Weise ein Ritual, sondern ge­schieht aus voller Überzeugung. Wir danken Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Der Bericht des Wehrbeauftragten beinhaltet auch po­sitive Nachrichten. Vor einigen Jahren waren wir sehr beunruhigt über die zunehmende Zahl der Meldungen über bestimmte besondere Vorkommnisse, nämlich über Ereignisse mit Verdacht auf rechtsextremen oder frem­denfeindlichen Hintergrund. Hier gibt es die erfreuli­che Entwicklung, dass zumindest die Zahl der Meldun­gen dieser besonderen Vorkommnisse von fast 200 in den Vorjahren auf 111 im letzten Jahr deutlich zurückge­gangen ist.

Eine zweite gute Nachricht. Die Integration der Sol­datinnen in die Bundeswehr ist besser gelaufen, als von Skeptikern erwartet wurde.

Drittens. Eine weitere sehr gute Nachricht ist – das wird von allen Kolleginnen und Kollegen so geteilt –, dass die durchschnittlich 9 000 Soldatinnen und Solda­ten, die sich in Auslandseinsätzen befinden, in jedem Monat entscheidend zur Gewalteindämmung und Kriegsverhütung beitragen. Auch vor Ort genießen sie zu Recht hohes Ansehen.

Schließlich ist positiv – das steht nicht im Bericht, ist aber für das Parlament sehr interessant –, dass wir so früh wie nie zuvor begonnen haben, diesen Bericht im Bundestag zu debattieren.

Das Jahr 2002 war das erste Jahr der neuen großen Ein­sätze, nämlich der Einsätze in Kabul und im Rahmen der Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Das ging einher mit einer enormen Steigerung der Belastungen und Risiken. Aber es schlug sich auch in einem enormen An­stieg von Eingaben – die Zahl der Eingaben ist um fast 32 Prozent gestiegen – nieder. Auch wenn die gerade ge­nannten Rahmenbedingungen sicherlich dazu beigetragen haben, so ist dieser Anstieg dennoch beunruhigend.

Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts war die Motivati­onslage für Bundeswehrangehörige noch relativ ein­fach. Mit den neuen Aufgaben, der neuen politischen Unübersichtlichkeit und der Einsatzrealität sind die Rahmenbedingungen für Motivation und Einstellung der Bundeswehrangehörigen zumal angesichts des ho­hen Anspruchs von Staatsbürgern in Uniform kompli­zierter geworden.

Der Wehrbeauftragte spricht unter anderem folgende Problembereiche an, die die Motivation beeinträchtigen und Hindernisse für die Regeneration und Nachwuchs­gewinnung der Streitkräfte sein können:

Erstens geht es eben um diese Nachwuchsgewinnung. Es gibt immer noch zu viele Klagen über die Arbeit von Zentren für Nachwuchsgewinnung und Wehrdienstbera­tern, zum Beispiel über zu lange Bearbeitungszeiten. Be­werberinnen bemängeln, ihnen würden nur die positiven Seiten des Bundeswehrdienstes dargestellt, die beanspru­chenden und belastenden jedoch weniger. Weiterhin wird gesagt, die Beratung erfolge oft nur bezogen auf den Be­darf der Truppe und es werde zu wenig auf neigungsge­rechte Verwendungen eingegangen.

Zweitens. Es wird immer deutlicher, dass die Verein­barkeit von Familie und Beruf in der Bundeswehr aus zwei Gründen auf die Tagesordnung gesetzt worden ist:

Zum einen geschah dies durch den wachsenden Anteil von Soldatinnen und Alleinerziehenden in den Streit­kräften. In einer Studie der Bundeswehruni in Hamburg wurde festgestellt, dass einer familienorientierten Perso­nalpolitik in der Bundeswehr in Zukunft eine außeror­dentliche Bedeutung zukommt. Die Notwendigkeit der Einsatzbereitschaft, des Dienstes in Schiffen und der Auslandseinsätze ist unstrittig. Trotzdem muss sich die Bundeswehr in Teilbereichen Gedanken um flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitbeschäftigung und Kinderbetreu­ung machen.

Zum anderen beeinträchtigen vor allem die Ausland­seinsätze das Familienleben von Bundeswehrangehöri­gen. Gerade in Familien mit kleinen Kindern sind die Entfremdungsprozesse erheblich. Dauer und Häufigkeit von Auslandseinsätzen mindern inzwischen die Bereit­schaft von Soldaten, sich weiter zu verpflichten oder gar Berufssoldat zu werden. Die Stehzeit von sechs Monaten ist eines der Probleme, um dessen Lösung sich die Bun­desregierung bemüht. Ein anderes Problem sind die Fa­milienbetreuungszentren. Von den zurzeit 19 Familien­betreuungszentren verfügen bisher nur zehn über hauptamtliches Personal. Nach den Angaben im Bericht ist die technische Ausstattung dieser Familienbetreu­ungszentren mit Kommunikationsmitteln usw. offen­sichtlich unzureichend. Diese Mängel müssen schnell behoben werden.

Drittens nenne ich das Laufbahn- und Beförde­rungsangebot. Ein attraktives Laufbahn- und Beförde­rungsangebot ist entscheidend für die Motivation von Bundeswehrangehörigen. Hier gab es etliche Attraktivi­tätssteigerungen. Ihre Wirkung ist aber offenbar zwie­spältig. Ich nenne ein Beispiel – andere sind vorher be­reits genannt worden –: Bei Unteroffizieren mit Portepee wurden die zeitlichen Mindestvoraussetzungen für Be­förderungen zum nächsthöheren Dienstgrad verkürzt. Nun gibt es viel mehr Anwärter als Dienstposten. Hohe Erwartungen wurden geweckt. Mit der Umsetzung kommt man jedoch nicht nach.

Viertens komme ich zu den Wehrpflichtigen: Im Berichtsjahr 2002 stellten insgesamt 189 644 Wehr­pflichtige einen KDV-Antrag. Das waren so viele wie noch nie zuvor seit Bestehen der Bundeswehr. Der Wehrbeauftragte vermerkt den Zweifel von Wehrpflich­tigen an der Wehrpflicht. Diese Zweifel werden vom rea­len Wehrdienst offenbar noch befördert.

Die 14. Shell-Jugendstudie brachte hierzu folgendes Ergebnis: Junge Männer lehnen die Wehrpflicht zu 53 Prozent ab

(Ursula Lietz [CDU/CSU]: Dazu habt ihr maß­geblich beigetragen!)

– schauen Sie sich einmal die Umfragen der Jahre vor unserer Regierungszeit an; da gibt es keinen großen Un­terschied – und junge Männer, die den Wehrdienst abge­leistet haben, lehnen die Wehrpflicht zu 60 Prozent ab. Das ist ein eklatanter Beleg dafür, dass die Wehrpflicht gerade für die betroffene Bevölkerungsgruppe nicht mehr verständlich und plausibel gemacht werden kann. Ich denke, mit Behauptungen über die Alternativlosig­keit der Wehrpflicht ist das nicht wegzuwischen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bundeswehrsoldaten – ich glaube, darüber herrscht wieder völliger Konsens – sind keine Söldner. Der Wehr­beauftragte betont die Erwartung der Soldaten, dass Aus­landseinsätze rechtlich einwandfrei sein müssen. Diese Erwartung wird von den Soldaten vor allem vor dem Hintergrund der Irakkrise bzw. des jetzt stattfindenden Irakkrieges formuliert, der ohne UN-Mandat begonnen wurde. Weitere Zweifel ergeben sich im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz, bei dem Bundeswehran­gehörige möglicherweise zur Verhaftung von Personen beitragen, die im amerikanischen Gewahrsam offenkun­dig nicht strikt nach dem Völkerrecht behandelt werden.

Bundeswehrangehörige zeigen mit diesen Erwartun­gen ein klares Rechtsstaatsbewusstsein und erweisen sich damit als Staatsbürger in Uniform. Das gehört zu den viel zu wenig wahrgenommenen positiven Nachrichten dieses Berichtes. Diese Haltung ist zugleich Verpflichtung für die Politik der Bundesregierung und der Koalition. Der Bundeskanzler hat heute Morgen in seiner Regierungser­klärung dazu eindeutig Stellung genommen.

Die rot-grüne Koalition und die Bundesregierung ste­hen für eine Politik der umfassenden, gemeinsamen und friedlich-vorbeugenden Sicherheit, eine Politik im Rah­men der Charta der Vereinten Nationen. Rot-Grün steht für die Stärkung der Vereinten Nationen und die Stärke des Rechts. Ich meine, dies ist gerade angesichts des Irakkrieges und der gegenwärtigen Verwilderung der in­ternationalen Sitten zu betonen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)