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Mai 2003

Mitteilung des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

BUCH DER ERINNERUNG

"Buch der Erinnerung an die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden" wird vorgestellt

Wir stellen Ihnen heute ein Gedenkbuch vor, das sich mit Geschehnissen in dem dunkelsten Zeitabschnitt der deutschen Geschichte befasst: mit der Deportation der deutschen Juden in das Baltikum. Es trägt den Titel "Buch der Erinnerung an die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden". Herausgegeben haben es der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und das "Riga-Komitee" zusammen mit der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum" und der Gedenkstätte "Haus der Wannseekonferenz". 

Die Autoren Wolfgang Scheffler und Diana Schulle schließen mit ihrer umfassenden Forschungsarbeit eine Lücke in der Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust. Vom November 1941 bis Winter 1942 wurden aus dem Deutschen Reich Zehntausende Juden in den baltischen Raum - in erster Linie nach Riga - deportiert. Die Deportationen waren Teil eines unvorstellbar grausamen Mordprogramms der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. 
In der Öffentlichkeit war bisher über die Deportation deutscher Juden ins Baltikum und ihr Schicksal in den Jahren 1941 bis 1945 wenig bekannt. Bisher liegen hauptsächlich regionale Forschungsarbeiten vor, veranlasst von den Städten, aus denen die Juden deportiert wurden. Umso wichtiger und verdienstvoller ist es, dass das "Buch der Erinnerung" als mahnendes Gedenken an die Opfer den Weg zu Vielen findet.

Das Gedenkbuch ist Bestandteil eines Gesamtprojekts, das sich mit dem Schicksal der nach Riga deportierten Juden befasst. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat mit lettischen Partnern eine würdige Gräber- und Gedenkstätte bei Riga im Wald von Bickernieki errichtet. Es ist der Wald, in dem die Mehrzahl der Deportierten ermordet wurde. Deutsche und lettische Jugendliche sollen sich an diesem Ort bei der gemeinsamen Grabpflege begegnen. Rechtliche Grundlage ist das deutsch-lettische Kriegsgräberabkommen von 1996, in dem vereinbart wurde, auch den Opfern der Deportation in Lettland eine würdige Grabstätte zu schaffen. 
Dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der seine Aufgaben im Auftrag der Bundesregierung erfüllt, danke ich für seine großen Verdienste um Völkerverständigung und Versöhnung - nicht nur im Baltikum, sondern in vielen anderen Ländern, die das nationalsozialistische Deutschland mit Krieg und Verbrechen überzogen hat. 

Der Volksbund hat sich auch mit großem Engagement der Erinnerung an die deportierten deutschen Juden angenommen. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass mit den dreizehn Städten, aus denen die Deportationen kamen, im Jahr 2000 das "Riga-Komitee" gegründet wurde. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, an das Schicksal der deportierten deutschen Juden zu erinnern. Auch den beteiligten Städten und dem Riga-Komitee gilt deshalb heute unser aufrichtiger Dank für diese wichtige Erinnerungsarbeit. 

Im "Buch der Erinnerung" werden zum ersten Mal alle Teilergebnisse der bisherigen Forschung zusammengefasst, mit den Archiven verglichen und insgesamt dokumentiert. Das Buch führt die vollständigen Deportationslisten auf und berichtet vom Leidensweg der Menschen. Wir erfahren, woher sie kamen, wie sie in den Zügen der Reichsbahn unter schrecklichen Bedingungen transportiert wurden und wohin ihr trauriges Schicksal sie führte.

Durch seine geographische Begrenzung auf den Raum Riga ergänzt das Gedenkbuch ähnliche Publikationen. Dazu gehört das Gedenkbuch über die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland, das die Namen der ermordeten Juden alphabetisch auflistet. Zur Zeit lässt die Bundesregierung eine zweite Auflage erarbeiten.
Der griechische Mythos kennt das Gegensatzpaar von Vergessen und Erinnern. Er berichtet auf der einen Seite von der weiblichen Gottheit Lethe und vom gleichnamigen Fluss der Unterwelt, der den Seelen der Verstorbenen Vergessen spenden soll. Die Griechen kannten aber auch die Mnemosyne, die Göttin des Gedächtnisses. In der griechischen Mythologie haben beide Gottheiten ihre Berechtigung. Die Menschen können die Hilfe beider anrufen, je nachdem ob sie sich vom Erinnern oder vom Vergessen Hilfe versprechen. 

Es gab im Laufe der Geschichte nicht nur zahlreiche gelehrte oder poetische Abhandlungen über die Kunst des Vergessens, sondern auch zuweilen ein "verordnetes Vergessen". So heißt es z.B. im zweiten Artikel des westfälischen Friedens von 1648: "Ewige Vergessenheit und Amnestie" solle die Kriegshandlungen des 30-jährigen Krieges "begraben" und einen dauerhaften Frieden begründen. 

Die Versuchung, die Schrecken der Vergangenheit dem Vergessen zu überantworten, ist wahrscheinlich stärker, als manche zugeben wollen. Die noch lebenden Opfer und ihre Nachkommen können aber nicht vergessen. Und wir, die Gesellschaft insgesamt, wir dürfen nicht vergessen. Eli Wiesel, der 1986 den Friedensnobelpreis erhielt, hat nach der ersten Nacht in Auschwitz ein Gelöbnis abgelegt - ich zitiere einen Auszug:

"Niemals werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die mein Leben in eine lange und siebenmal verfluchte und siebenmal verriegelte Nacht verwandelt hat. Niemals werde ich den Rauch vergessen. Niemals werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen unter einem schweigend blauen Himmel zu Rauchspiralen wurden. Niemals werde ich dies alles vergessen und wäre ich auch dazu verdammt, solange zu leben wie Gott selber. Niemals."

Wir sind es Eli Wiesel, wir sind es den ins Baltikum verschleppten und getöteten Juden und allen Opfern des Holocaust schuldig, das Gedächtnis an das Geschehene aufrecht zu erhalten. Nach den grauenhaften Ereignissen des 20. Jahrhunderts haben wir die Unschuld der Kunst des Vergessens verloren. Es gibt nach diesen Taten kein Recht auf und keinen Frieden durch Vergessen. In der Bibel ruft der gequälte Hiob aus: "Ach, dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach, dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!" 

Es zählt zu unserer historischen Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk, die Ereignisse aufzuschreiben und zu dokumentieren. Die nationalsozialistischen Verbrecher mit ihren Helfern und Helfershelfern wollten das jüdische Volk aus der Erinnerung des Weltgedächtnisses tilgen. Dies sollte gerade dem Volk angetan werden, das in besonderer Weise in der Zerstreuung, in Verfolgung und Not durch die Bewahrung seines religiösen und kulturellen Gedächtnisses überlebt hat. Um noch einmal Eli Wiesel zu zitieren: Er fasste es in einem Interview in den kurzen Satz "Jude sein, heißt sich zu erinnern". Das Buch, das wir heute vorstellen, trägt in diesem Sinne den richtigen Titel: "Buch der Erinnerung". 

Eine der besonders erschütternden Erkenntnisse aus dieser Dokumentation ist die Tatsache, wie viele Menschen an der Deportation, die letztlich zum Massenmord führte, beteiligt waren. Wie Sie, Herr Professor Scheffler, in der Broschüre zum deutschen Riga-Komitee ausführen, war die Deportation der deutschen Juden "ein in den Behördenseiten bekannter Vorgang, der die Verwaltungen umfangreich beschäftigte". Diese Tatsache darf nicht verdrängt werden. Sie ist Teil einer sehr schmerzhaften Erinnerung. 

Das "Buch der Erinnerung" kann und wird dazu beitragen. Dabei handelt es um ein Erinnern, das sich mit dem Willen verbindet, für alle Zukunft Antisemitismus und Rassenhass aus unserer Gesellschaft zu verbannen.

Dass Juden in Deutschland wieder eine Zukunft sehen, ist nach allem, was geschehen ist und was auch in diesem Gedenkbuch aufgezeichnet wird, wirklich ein großes Wunder und zugleich ein Vertrauensbeweis für das demokratische Deutschland. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung vor wenigen Wochen einen Vertrag mit der Dachorganisation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, dem Zentralrat der Juden, geschlossen. Dieser Vertrag ist ein Ereignis von historischer Bedeutung und bildet die Grundlage für eine friedliche gemeinsame Zukunft. 

Ein neues gedeihliches Zusammenleben mit den Juden in Deutschland dient der Vielfalt und Lebendigkeit unserer Kultur. Es setzt jedoch voraus, dass wir uns der Vergangenheit stellen. Dazu leistet die heute vorgestellte Publikation einen bedeutsamen Beitrag, für den die Bundesregierung ihren Dank zum Ausdruck bringt. 

Ich schließe mit einer Bitte: Dieses Buch sollte gelesen und nicht nur zu feierlichen Anlässen hervorgeholt werden. Nur wenn es uns anrührt und wenn es uns schmerzt, kann es dazu beitragen, die Zukunft besser zu gestalten. Ich danke den Autoren und allen, die daran mitgewirkt haben, dieses Werk zu ermöglichen.

Hinweis:

Buch der Erinnerung

Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden

Bearbeitet von Wolfgang Scheffler und Diana Schulle, herausgegeben vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und dem "Riga-Komitee der deutschen Städte" in Verbindung mit der Stiftung "Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum" und der Gedenkstätte "Haus der Wannsee-Konferenz", erschienen im KG Saur Verlag GmbH, München 2003, 2 Bände, ca. 1 200 Seiten, gebunden, ISBN-Nr. 3-598-11618-7 (deutsch/englisch). 

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