BERLIN, 30. Dezember. Schröder versuchte die Äußerungen Fischers
bei seinem Besuch in China als "völlig selbstverständliche" Überlegungen
herunterzuspielen. Man lege sein Abstimmungsverhalten erst fest, "wenn man die
Bedingungen dafür kennt". Schröder sagte weiter, er wolle die Hoffnung überdies
nicht aufgeben, dass es gelinge, gegenüber Irak "auf militärische Intervention
zu verzichten".
Fischer hatte am Wochenende mit Äußerungen im
Nachrichtenmagazin Spiegel für Aufsehen gesorgt, weil er ein Ja
Deutschlands zu einem Irak-Krieg im Falle einer erneuten Abstimmung im
UN-Sicherheitsrat nicht kategorisch ausgeschlossen hatte: "Das kann niemand
vorhersagen, da keiner weiß, wie und unter welchen Begleitumständen sich der
Sicherheitsrat damit befassen wird." Deutschland wird zum Jahreswechsel für zwei
Jahre Mitglied im Sicherheitsrat.
Nach zunächst vereinzelten kritischen
Stimmen aus den Reihen der Grünen dazu überwogen am Montag die moderaten Töne.
Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sieht in den Fischer-Äußerungen keinen
Kurswechsel. "Das ist keine neue Einstimmung auf irgendetwas", sagte sie im
FR-Interview. "Es gibt keinen Schwenk in der deutschen
Irak-Politik".
Ähnlich wie Fischer wollte Göring-Eckardt sich jedoch
nicht auf ein deutsches Abstimmungsverhalten im Sicherheitsrat festlegen. "Ich
kann nichts ausschließen, kein Ja und kein Nein, wenn ich die Grundlage nicht
kenne, worüber beraten wird." Deutschland werde in dem Gremium aber "ohne Wenn
und Aber" seine Haltung deutlich machen: "Wir lehnen eine militärische
Intervention in Irak ab, und es wird auch keine militärische Beteiligung daran
geben". Das sei nicht nur Position der Grünen, sondern "deutsche
Position".
Auch der zur Parteilinken gehörende Grünen-Fraktionsvize
Hans-Christian Ströbele wertete Fischers Äußerungen nicht als grundsätzlichen
Kurswechsel. Ströbele bekräftigte allerdings auf Nachfrage, dass für ihn eine
deutsche Zustimmung zum Irak-Krieg im Sicherheitsrat "unvorstellbar" sei. Eine
Diskussion darüber sei "völlig daneben". Der Bundesaußenminister habe die
deutsche Haltung zum Irak-Krieg nicht revidiert. "Ich habe keine Anzeichen
dafür, dass sich da etwas geändert hat". Ströbele betonte allerdings, er sehe -
anders als Fischer - einen Krieg gegen Irak nicht bereits durch die bestehende
UN-Resolution 1441 legitimiert.
Auch der sicherheitspolitische Sprecher
der Grünen, Winfried Nachtwei, stellte sich ausdrücklich hinter Fischer. Dessen
Äußerungen seien "verdreht interpretiert" worden. Nachtwei verteidigte, dass der
Außenminister als "Chefdiplomat" das Abstimmungsverhalten Deutschlands im
Sicherheitsrat offen gehalten habe. "Wer sich mit kategorischen Festlegungen
aufs diplomatische Eis begibt, erschwert eher die Verhandlungs- und
Vermittlungsposition für seine Grundhaltung", sagte Nachtwei der FR. Der
grüne Verteidigungsexperte betonte jedoch zugleich, im Fall eines Irak-Kriegs
müsse sich Deutschland "grundsätzlich auch ein Nein im Sicherheitsrat leisten
können. Ein Ja kann ich mir nach allen bisherigen Entwicklungen nicht
vorstellen".
Auch aus der SPD kam allenthalben Rückendeckung für Fischer.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gernot Erler sagte, er sehe keine
Änderung in der Position Deutschlands.
