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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: KrisenfrÃ¼herkennung international und die deutsche Tagespolitik: Feuermelder ohne Leitstelle?  </title>
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<div class="cattrails xar-displayinline-block xar-padding-thickbottom">
    <span class="xar-mod-title"><p>Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensf&ouml;rderung</p></span>

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        <h1>
            KrisenfrÃ¼herkennung international und die deutsche Tagespolitik: Feuermelder ohne Leitstelle?           </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 23. Oktober 2014 11:44:53 +02:00 (42419 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Wer ist nicht f&uuml;r Krisenfr&uuml;herkennung bei Gewaltkonflikten?! Wie aber steht es um ihre politische Praxis, wo Krisendynamiken immer sprunghafter, schneller, global vernetzter verlaufen und konkretere Krisenprognosen oft kaum m&ouml;glich erscheinen? Hierzu einige Beobachtungen zur staatlichen deutschen Krisenfr&uuml;herkennung. &nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Krisenfr&uuml;herkennung und Gewaltpr&auml;vention</strong></p>
<p align="center"><strong>in der M&uuml;hle der deutschen Tagespolitik<a title="" href="#_ftn1"><strong>[1]</strong></a></strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB a.D. (M&auml;rz 2014)</p>
<p>Im Koalitionsvertrag von 1998 verpflichteten Abgeordnete von SPD und Gr&uuml;nen erstmalig eine Bundesregierung auf die &bdquo;Entwicklung und Anwendung von wirksamen Strategien und Instrumenten der Krisenpr&auml;vention und der friedlichen Konfliktregelung&ldquo;. Dahinter standen die Erfahrungen mit dem friedenspolitischen Desaster der Balkankriege, die selbstkritische Diskussion in der Entwicklungszusammenarbeit um ihre Krisenwirkungen und das Dr&auml;ngen der Friedens- und Konfliktforschung. Die ersten Umsetzungsschritte wie der Aufbau des Zentrums Internationale Friedenseins&auml;tze (ZIF), des Zivilen Friedensdienstes, der Deutschen Stiftung Friedensforschung, die F&ouml;rderung von Krisensensibilit&auml;t in der Entwicklungszusammenarbeit machten Hoffnung auf mehr. 2001 gelang es sogar, den in Mazedonien drohenden n&auml;chsten Balkankrieg zu verh&uuml;ten - durch Last-Minute-Fr&uuml;herkennung, konzertierte internationale Pr&auml;ventionspolitik und politische Einigung der Konfliktparteien.</p>
<p>Die Bl&uuml;tezeit dauerte nicht lange. Als der Aktionsplan &bdquo;Zivile Krisenpr&auml;vention, Konfliktl&ouml;sung und Friedenskonsolidierung&ldquo; 2004 vom Bundeskabinett verabschiedet und nur von einer schmalen Fach&ouml;ffentlichkeit bemerkt wurde, hatte sich die Gro&szlig;wetterlage im Zuge des <em>global war on terrorism</em> l&auml;ngst verschoben. Die Annahme, die Terrorangriffe vom 11. September 2001 w&uuml;rden einen Schub Richtung Ursachenbek&auml;mpfung und struktureller Gewalt- und Terrorpr&auml;vention bringen, erwies sich als T&auml;uschung. Der losbrechende Antiterror- und dann der Irakkrieg wirkten als Gegenmodell jeder Gewalt- und Krisenpr&auml;vention.</p>
<p>Schon im Ersten Umsetzungsbericht (2006) der Bundesregierung zum Aktionsplan erfuhr der Pr&auml;ventionsbegriff eine auff&auml;llige Entgrenzung und Verflachung: Die Rede war fast nur noch von Konfliktnachsorge und Friedenskonsolidierung (&bdquo;Terti&auml;rpr&auml;vention&ldquo;), kaum noch von operativer Prim&auml;rpr&auml;vention, erst recht nicht von ihren Hemmnissen und Nachholbedarfen. Diese Tendenz verst&auml;rkte sich in den Umsetzungsberichten von 2008 und 2010. Das notorische Pr&auml;ventionshindernis &ndash; der immer wieder blockierte &Uuml;bergang vom <em>Early Warning</em> zu <em>Early Action</em> - wurde gar nicht thematisiert. Der selbstreflexive Ansatz des &bdquo;<em>Do no Harm</em>&ldquo; fand keine Erw&auml;hnung mehr. Zugleich wurden Milit&auml;reins&auml;tze und &ndash;kapazit&auml;ten unterschiedslos unter dem Begriff der Pr&auml;vention subsumiert und damit der Begriff der zivilen Krisenpr&auml;vention entkernt.</p>
<p>Strukturm&auml;ngel der Fr&uuml;herkennung und Gewaltpr&auml;vention zeigten sich auch bei Stabilisierungseins&auml;tzen: Im Kosovo explodierte der politisch eingefrorene und vernachl&auml;ssigte Konflikt 2004 in den M&auml;rzunruhen. In Afghanistan mehrten sich im Sommer 2006 auch im Norden die Alarmsignale einer Konfliktversch&auml;rfung. Die politische F&uuml;hrung in Berlin weigerte sich jedoch bis 2009, die sich versch&auml;rfende Lage zur Kenntnis zu nehmen - politisch motivierte Realit&auml;tsverweigerung. Die vielen verpassten Chancen legen den Schluss nahe, wirksamere Krisenpr&auml;vention w&auml;re m&ouml;glich gewesen &ndash; ohne der Illusion zu verfallen, jede Konflikteskalation erkennen, gar prognostizieren und rechtzeitig stoppen zu k&ouml;nnen. Dazu sind gesellschaftliche und politische Prozesse viel zu unberechenbar und von au&szlig;en nur begrenzt zu beeinflussen.</p>
<p><strong>Wie ist die deutsche Politik nun aufgestellt? Die Bundesregierung</strong> verf&uuml;gt &uuml;ber verschiedene Krisenfr&uuml;herkennungs(KFE)-Instrumente vor allem auf Ressortebene. Teilweise sind sie verbunden mit internationalen Fr&uuml;hwarnsystemen. Ihre wichtigsten Sensoren sind die fl&auml;chendeckend um den ganzen Globus verteilten <strong>deutschen Botschaften</strong>. Sie stehen fast t&auml;glich in Kontakt mit ihren L&auml;nderreferaten. Die Krisensensibilit&auml;t der Au&szlig;envertretungen ist aber stark personenabh&auml;ngig. In der Vergangenheit wurde an Botschaften oft ein Stabilit&auml;tsverst&auml;ndnis &bdquo;von oben&ldquo; und Distanz (und damit Unkenntnis) gegen&uuml;ber den lokalen Gesellschaften beobachtet. Seit wenigen Monaten sind die Botschaften per Runderlass angewiesen, im Rahmen ihrer Menschenrechtsberichterstattung auch das Risiko von Massenverbrechen zu beachten und ggfs. Ma&szlig;nahmen und Projekte zu ihrer Verh&uuml;tung vorzuschlagen. Ein Nadel&ouml;hr der KFE sind die L&auml;nderreferate, wo z.B. zu den mehr als 50 Staaten Afrikas drei Referate mit 15 Referenten arbeiten und der Abstand zur politischen Ebene erheblich sein kann. Sinnvoll w&auml;ren hier designierte Verst&auml;rkungskr&auml;fte. Wenn in einer Krise ein Referat von f&uuml;nf, sechs Beamten des h&ouml;heren Dienstes und zwei Sachbearbeitern um ca. f&uuml;nf weitere Mitarbeiter aufgestockt werden k&ouml;nnte, w&auml;re das schon ein gro&szlig;er Fortschritt.</p>
<p>Die Berichte der Botschaften gehen an die L&auml;nderreferate und (zweiter Kanal) direkt an die politische Ebene. Wenn die untere Ebene die h&ouml;here nicht &uuml;berzeugen kann, sto&szlig;e man an eine Decke. Der zweite Berichtskanal biete die Chance, trotzdem Geh&ouml;r zu finden.</p>
<p>Zentrales Hilfsmittel der mittelfristigen Vorausschau sind l&auml;nderbezogene Krisenfr&uuml;herkennungsanalysen (KFE-Analysen), die seit 2002 regelm&auml;&szlig;ig unter Federf&uuml;hrung des Bundesnachrichtendienstes (BND) und Zuarbeit anderer Ressorts in einem Turnus von 12 bis 18 Monaten erstellt werden. Sie sollen die Konfliktstruktur eines Landes erfassen, auf Eskalationsmomente hinweisen und die politische Entscheidungsfindung unterst&uuml;tzen. Sie werden &ndash; neben anderem &ndash; im &bdquo;Krisenvorsorgeinformationssystem&ldquo; der Bundesregierung zur Verf&uuml;gung gestellt. (Ende 2011 standen 60-70 L&auml;nder auf der Watch-List)</p>
<p>Im Auftrag des <strong>Bundesministeriums f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)</strong> erstellt das <em>German Institute for Global and Area Studies</em> (GIGA) j&auml;hrlich eine Analyse zu innerstaatlicher Gewaltneigung, Konflikt- und Risikopotenzialen in Kooperationsl&auml;ndern. Der Fokus auf strukturelle und prozessuale Konfliktfaktoren eignet sich insbesondere f&uuml;r l&auml;ngerfristige und Pr&auml;vention und L&auml;nderstrategien, nicht f&uuml;r kurzfristige Pr&auml;vention von Massengewalt.</p>
<p>Als Basis kurzfristiger Fr&uuml;herkennung dienen die zweimal im Monat erscheinenden, geheimen <em>Intelligence &amp; Warning (I+W)-Meldungen</em> des BND (kompatibel mit dem <em>NATO Intelligence Warning System</em>), wo alle Krisenl&auml;nder in vier Stufen mit Trendzeichen bewertet werden. (Routine, Abnormal, Significant, Extrem)<a title="" href="#_ftn2">[2]</a></p>
<p>Seit 2012 befasst sich in der Abteilung &bdquo;<strong>Strategie + Einsatz&ldquo; des Verteidigungsministeriums (BMVg)</strong> das Referat S I 3 (&bdquo;Krisenfr&uuml;herkennung, Risiko- und Bedrohungsbeurteilung weltweit&ldquo;) explizit mit KFE f&uuml;r ausgew&auml;hlte Krisenl&auml;nder weltweit (rund 20 Anfang 2014): Vor dem Hintergrund des ressortabgestimmten Auftragsprofils Bundeswehr (halbj&auml;hrlich &uuml;berpr&uuml;ft) laufen zu einem Land unter Beobachtung zun&auml;chst Informationen aus Medien, milit&auml;rischem Nachrichtenwesen und anderen Ressorts im BMVg zusammen. I+W-Meldungen sind der Abholpunkt. Aus einer F&uuml;lle von Nachrichtenquellen entsteht eine &bdquo;Lageverdichtung&ldquo;. Die Relevanz f&uuml;r Pr&auml;ventionsma&szlig;nahmen wird dann aus der Kritikalit&auml;t eines Landes und dem deutschen Betroffenheitsgrad abgeleitet. Das BMVg liefert die Perspektive &bdquo;eigene Sicherheit&ldquo;. Das AA m&uuml;sste andere Dimensionen von &bdquo;Betroffenheit&ldquo; benennen. Am Ende stehen ggfs. Empfehlungen f&uuml;r das BMVg: z.B. zur Krisenpr&auml;vention, wo die Federf&uuml;hrung beim AA liegt und das BMVg unterst&uuml;tzen k&ouml;nnte; z.B. zur Planung einer Evakuierungsoperation. Der Gesamtprozess hat die Gestalt eines &bdquo;Trichtermodells&ldquo;. Die Anbindung an die politische Leitung des Ministeriums soll zumindest zzt. von Minister de Maizi&egrave;re eng gewesen sein.</p>
<p>Das <strong>Krisenreaktionszentrum (KRZ) im AA</strong> ist zust&auml;ndig f&uuml;r den Schutz deutscher Staatsb&uuml;rger in Krisen unterschiedlicher Art durch Warnung, Pr&auml;vention, Planung und Durchf&uuml;hrung von Schutzma&szlig;nahmen und Evakuierung im Krisenfall (personenbezogene Krisenpr&auml;vention und &ndash;reaktion). Es wird vom Krisenbeauftragten geleitet. Sein rund um die Uhr besetztes Lagezentrum ist einmalig in der Bundesregierung. Angekoppelt sind die verschiedenen F&auml;higkeiten der Ressorts, z.B. THW, BKA-Verhandlungsgruppe. Die Zusammensetzung des KRZ richtet sich nach Art und Umfang einer Krise. Es kann vom Au&szlig;enminister, Staatssekret&auml;r oder Leiter KRZ geleitet werden. Im Jahr 2011 trat der Krisenstab 80 Mal zusammen. Das KRZ gilt als gutes Beispiel eines klaren Verst&auml;ndnisses vorhandener Kapazit&auml;ten und F&auml;higkeiten. Seine MitarbeiterInnen verstehen sich als &bdquo;geborene Vernetzer&ldquo;. (Die Humanit&auml;re Hilfe l&auml;uft &uuml;ber Fachreferate, Regionalbeauftragte und Fachzust&auml;ndige mit Modulen; VN05) Wichtige Zuarbeit leisten Krisenunterst&uuml;tzungsteams (drei Bundeswehrangeh&ouml;rige in Zivil, ein AA-Regionalexperte), die lageunabh&auml;ngig Krisen- und Evakuierungspl&auml;ne in Probleml&auml;ndern &uuml;berpr&uuml;fen. Solche Vorbereitungen sollen die &bdquo;Chaosphase&ldquo; im Krisenfall m&ouml;glichst kurz halten.</p>
<p>Nicht zust&auml;ndig ist das KRZ f&uuml;r KFE zum Zweck politischer Krisenpr&auml;vention und der Verh&uuml;tung von Massenverbrechen gem&auml;&szlig; der Schutzverantwortung. (RtoP) F&uuml;r diese gibt es in der Bundesregierung keinen zentralen Ort.</p>
<p>Der <strong>Ressortkreis &bdquo;Zivile Krisenpr&auml;vention</strong>&ldquo; sollte laut Aktionsplan &bdquo;Schnittstelle zur &Uuml;berf&uuml;hrung von <em>Early Warning</em> (v.a. aus Auslandsvertretungen, KRZ, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft) in <em>Early Action</em>&ldquo; sein. Diese Schnittstellenfunktion konnte der Ressortkreis mangels Kapazit&auml;ten und direkter Anbindung an die politische Leitung nie ausf&uuml;llen. Beim RtoP-<em>Focal-Point</em>, der seit 2012 beim stellvertretenden Leiter der AA-Abteilung &bdquo;Vereinte Nationen und Globale Fragen&ldquo; besteht, handelt es sich bislang nur um eine zus&auml;tzliche Zust&auml;ndigkeit ohne Unterbau.</p>
<p>Fr&uuml;hwarnsysteme einzelner Ressorts blieben gleichsam Feuermelder ohne Leitstelle.</p>
<p>Strukturelle Pr&auml;ventionshindernisse sind immer wieder die Absorption der Mitarbeiter durch die dr&auml;ngenden Tagesaufgaben, die Kluft zwischen Fr&uuml;hwarnern und politischer Ebene, die geringere Attraktivit&auml;t von Pr&auml;vention gegen&uuml;ber Krisenmanagement.</p>
<p><strong>Der Bundestag</strong> spielt in der deutschen Au&szlig;enpolitik, die laut Grundgesetz Friedenspolitik sein soll, eine vergleichsweise starke Rolle. Die Initiativen zur Zivilen Krisenpr&auml;vention kamen aus den Reihen des Parlaments. Haushaltsrecht und Parlamentsbeteiligung bei Auslandseins&auml;tzen er&ouml;ffnen erhebliche Einflusschancen. Fachpolitiker des Ausw&auml;rtigen, Entwicklungs-, Verteidigungs-, Europa- und Menschenrechtsausschusses beobachten und bereisen auch Krisenl&auml;nder, wirken in internationalen Parlamentarierversammlungen und bisweilen als Wahlbeobachter. Dieses Fr&uuml;herkennungs- und Pr&auml;ventionspotenzial kommt aber nur punktuell, nicht systematisch zum Tragen. Die Zw&auml;nge des Abgeordnetenalltags zwischen Ausschussarbeit, Fraktion, Au&szlig;enterminen, Reisen und Wahlkreisverpflichtungen beg&uuml;nstigen eine Abwehrhaltung gegen&uuml;ber Zusatzaufgaben, die eigene begrenzte Kapazit&auml;ten schnell &uuml;berfordern k&ouml;nnen. (&bdquo;Rattenschwanzrisiko&ldquo;) Wie immer wieder das Dringende das Wichtige verdr&auml;ngt, habe ich allzu oft in meiner eigenen Abgeordnetent&auml;tigkeit erlebt. Ein zweites Hemmnis besteht im Abstand zum politischen Machtzentrum. Entwicklungspolitiker z.B. k&ouml;nnen besonders mit der Lage in bestimmten Krisenl&auml;ndern vertraut sein, haben aber wenig Einfluss auf die deutsche Au&szlig;enpolitik insgesamt. Ihre Appelle verhallen oft schon im Plenum des Bundestages. Trotzdem k&ouml;nnen in Einzelf&auml;llen Abgeordnete, deren MitarbeiterInnen oft die ersten Fr&uuml;hwarner sind, wichtige Anst&ouml;&szlig;e zur Fr&uuml;herkennung und Gewaltpr&auml;vention leisten und politische Aufmerksamkeit f&uuml;r Krisenprozesse verst&auml;rken. Au&szlig;ergew&ouml;hnlich war das konzertierte und konstruktive Pr&auml;ventionsengagement von Unterausschuss zivile Krisenpr&auml;vention und vernetzte Sicherheit, AA und internationalen Ebenen im Vorfeld der Unabh&auml;ngigkeit des S&uuml;dsudan 2011, der ersten nachkolonialen Grenzver&auml;nderung dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung in Afrika. Relativ fr&uuml;h wurden Abgeordnete im Fall Jemen (Januar 2011 Thilo Hoppe) und Mali (April 2012 Katja Keul, Frithjof Schmidt) aktiv. Die Zentralafrikanische Republik hingegen kam erst mit dem CNN-Faktor auf den Schirm.</p>
<p>Die Beitr&auml;ge des Bundestages zur Fr&uuml;herkennung und operativer Prim&auml;rpr&auml;vention sind personen- und einzelfallabh&auml;ngig. Einen Ort, wo die Fr&uuml;hwarnungen parlamentarischer Akteure zusammengef&uuml;hrt w&uuml;rden, gibt es nicht. Der 2009 neu eingerichtete Unterausschuss zivile Krisenpr&auml;vention behandelte einen Strau&szlig; von pr&auml;ventionsrelevanten Themen. Die KFE als notwendige Voraussetzung und Nadel&ouml;hr jeder effektiven Pr&auml;vention wurde dabei nicht eingehender thematisiert.</p>
<p><strong>Welche politischen Konsequenzen lassen sich ableiten</strong>? Die neue Gro&szlig;e Koalition verspricht im Koalitionsvertrag, die Strukturen der besonders bedeutsamen zivilen Krisenpr&auml;vention &bdquo;st&auml;rken und weiterentwickeln&ldquo; zu wollen. Au&szlig;enminister Steinmeier und Bundespr&auml;sident Gauck betonten bei der j&uuml;ngsten M&uuml;nchener Sicherheitskonferenz, Deutschland m&uuml;sse mehr internationale Verantwortung &uuml;bernehmen und sich &bdquo;fr&uuml;her, entschiedener und substanzieller einbringen.&ldquo; Der Pr&auml;sident begr&uuml;&szlig;t ausdr&uuml;cklich, dass die Bundesregierung bei der Weiterentwicklung der Schutzverantwortung &bdquo;besonders auf Pr&auml;vention, auf internationale Zusammenarbeit sowie auf die Entwicklung von Fr&uuml;hwarnsystemen gegen Massenverbrechen setzt.&ldquo;</p>
<p>Um auf multilateraler Ebene initiativ- und handlungsf&auml;hig zu sein, ist die Weiterentwicklung nationaler F&auml;higkeiten unabdingbar. Aussichtsreiche Fr&uuml;herkennung und Prim&auml;rpr&auml;vention gibt es nicht &bdquo;mit links&ldquo;!</p>
<p><strong>Um Chancen bestm&ouml;glich zu nutzen, sind folgende Schritte unabdingbar:</strong></p>
<ul>
<li>Elementar bleibt der politische Wille zu operativer Gewaltpr&auml;vention, insbesondere zur Verh&uuml;tung von Massenverbrechen. Das verlangt einen Mentalit&auml;tswandel: &bdquo;Fahren auf Sicht&ldquo; ist immer mal wieder unvermeidbar, reicht aber nicht und landet oft in der Wand. Wir brauchen mehr Verst&auml;ndnis und Klarheit &uuml;ber die Voraussetzungen (Kontextbedingungen vor Ort) und Hemmnisse (strukturelle Filter), Chancen, Wirkungen und Grenzen der Fr&uuml;herkennung und Pr&auml;vention &ndash; gerade angesichts beschleunigter, komplexer und globalisierter Konfliktdynamiken sowie abnehmender Steuerungsf&auml;higkeit der Politik.</li>
<li>Die Schl&uuml;sselfrage lautet: Wie kommen die richtigen Informationen zur rechten Zeit an die richtigen Personen? Dazu m&uuml;ssten Erkenntnisse der Ressorts beim AA m&ouml;glichst nahe am KRZ zusammengef&uuml;hrt und bewertet werden (aufgestockter Ressortkreis Krisenpr&auml;vention?). Ein Fokus muss auf der Verh&uuml;tung von Massenverbrechen im Sinne der RtoP liegen. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den Fr&uuml;hwarnsystemen von UN und Regionalorganisationen. (vgl. Analysis Framework des B&uuml;ros des UN-Sonderberaters zur Verh&uuml;tung von V&ouml;lkermord)</li>
<li>Dort, wo es vorrangig um lokale L&ouml;sung lokaler Konflikte geht, sind &bdquo;bodennahe&ldquo; Regionalexpertise, bei schwersten Menschenrechtsverbrechen auch direkte Meldekan&auml;le (vgl. <em>Mass Atrocities Prevention Board</em> der USA) und die Unterst&uuml;tzung lokaler und regionaler Fr&uuml;hwarnsysteme von ausschlaggebender Bedeutung, nicht so sehr standardisierte Fr&uuml;hwarnsysteme mit ihren Indikatoren, Matrixen, Simulationsmodellen.</li>
<li>Um nicht im <em>Early Warning</em> stecken zu bleiben, gilt es, in den Krisenl&auml;ndern zu st&auml;rkende Struktur- und Prozessfaktoren und pr&auml;ventive Handlungsoptionen herauszuarbeiten. Eine Enge Anbindung an die politische Leitung ist existentiell.</li>
<li>Bundestag und zivilgesellschaftliche Akteure bleiben f&uuml;r pr&auml;ventive Politik unverzichtbar. Daher sind sie in geeigneter Weise in die systematische Fr&uuml;herkennung einzubeziehen. Als Orte b&ouml;ten sich der Unterausschuss des Bundestages und der Beirat Zivile Krisenpr&auml;vention an.</li>
<li>Wo die schwierige Kommunizierbarkeit von Krisenpr&auml;vention ihre St&auml;rkung behindert, ist umso mehr eine professionelle &Ouml;ffentlichkeitsarbeit vonn&ouml;ten.</li>
</ul>
<p>In seiner M&uuml;nchener Rede fragte Bundespr&auml;sident Gauck: &bdquo;Engagieren wir uns schon ausreichend dort, wo die Bundesrepublik eigene und eigens Kompetenz entwickelt hat &ndash; n&auml;mlich bei der Pr&auml;vention von Konflikten?&ldquo; Die Antwort lautet: &bdquo;Eindeutig nein!&ldquo; Die ersten zehn Jahre des Aktionsplans zeigen: Ohne einen Zuwachs an politischem Umsetzungswillen und Ressourcen bleibt Pr&auml;vention eher wohlfeile Rhetorik als politische Praxis.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Ausgew&auml;hlte Literatur</span></strong></p>
<p>- Austin, Alexander: Early Warning and the Field: A Cargo Cult Science? Berghof-Handbook Berlin 2003</p>
<p>- BMZ-Strategiepapier 4/2013: Entwicklung f&uuml;r Frieden und Sicherheit &ndash; Entwicklungspolitisches Engagement im Kontext von Konflikt, Fragilit&auml;t und Gewalt</p>
<p>- Boemcken, Marc von, Krieger, Natalia; &bdquo;Early warning &ndash; early action&ldquo; &ndash; Einwicklungspolitische Instrumente zur fr&uuml;hzeitigen Eind&auml;mmung von Gewaltkonflikten (mit BICC-Konfliktmatrix), Konzeptpapier, BICC, Bonn 2006; Warnecke, Andrea: &bdquo;Early warning &ndash; early action&ldquo; (&hellip;), Bestandsaufnahme der Instrumente der Krisenfr&uuml;herkennung und &ndash;pr&auml;vention in den OECD-Mitgliedsstaaten, BICC, Bonn 2006</p>
<p>- Conflict Barometer 2013, hrsg. vom Heidelberg Insitute for International Conflict Research, Heidelberg 2014</p>
<p>- Crisis Watch, monatlich hrsg. von International Crisis Group</p>
<p>- Diepen, Yvonne van: Die Responsibility to Protect: Eine Untersuchung zur institutionewllen Etablierung der Schutzverantwortung in Deutschland, Diplomarbeit, K&ouml;ln/Berlin 2013</p>
<p>- Early Warning Risk Matrix der EU</p>
<p>- Khittel, Stefan, Pospisil, Jan: Fr&uuml;herkennung von bewaffneten Kponflikten? Ein Vergleich standardisierter Konfliktanalyseverfahren, &Ouml;sterreichisches Institut f&uuml;r Internationale Politik, Arbeitspapier 62, April 2010</p>
<p>- Matthies, Volker: Krisenpr&auml;vention &ndash; Vorbeugen ist besser als Heilen, Opladen 2000</p>
<p>- Matthies, Volker: Wie Kriege verhindert werden k&ouml;nnen &ndash; Bestandsaufnahme der Debatte um Konfliktpr&auml;vention, Hamburg 2010, <a href="http://www.znf.uni-hamburg.de/de/media/documents/peacebuilding/fruehere-semester/2010-Friedensbildung-Praesentation-251110-wie-kriege-verhindert-werden-koennen.pdf">www.znf.uni-hamburg.de/de/media/documents/peacebuilding/fruehere-semester/2010-Friedensbildung-Praesentation-251110-wie-kriege-verhindert-werden-koennen.pdf</a></p>
<p>- Mehler, Andreas, Ribaux, Claude: Krisenpr&auml;vention und Konfliktbearbeitung in der Technischen Zusammenarbeit &ndash; Ein &Uuml;berblick zur nationalen und internat. Diskussion, hrsg. von der GTZ, Wiesbaden 2000</p>
<p>- Perthes, Volker, Lippertz, Barbara (Hrsg.): Ungeplant bleibt der Normalfall &ndash; Acht Situationen, die politische Aufmerksamkeit verdienen, SWP-Studie 16, September 2013</p>
<p>- Preventing Genocide &ndash; A Blueprint for U.S. Policymakers, Genocide Prevention Task Force (M. Albright, W. Cohen), Washington 2008</p>
<p>- R2P Monitor, hrsg. vom Global Centre for the Responsibility to Protect, zweimonatlich, New York</p>
<p>- S+F Sicherheit + Frieden 2/2014, Forum &ldquo;Fr&uuml;herkennung und zivile Krisenpr&auml;vention: Wissenschaftlich unm&ouml;glich, politisch &uuml;berfl&uuml;ssig?&ldquo; hrsg. vom ISFH Hamburg</p>
<p>- Third International Conference in Early Warning, Bonn 27.-29. M&auml;rz 2006</p>
<p>- UN-General Assembly: Early warning, assessment and the responsibility to protect, Report of the Secretary General, A/64/864, 14.07.2010</p>
<p>- WeltRisikoBericht 2013, hrsg. vom B&uuml;ndnis Entwicklung Hilft in Kooperation mit UN University und Universit&auml;t Bonn, Schwerpunkt Gesundheit + medizinische Versorgung (Schwerpunkt 2012 Umweltzerst&ouml;rung + Katastrophen, 2011 Regierungsf&uuml;hrung + Zivilgesellschaft), <a href="http://www.entwicklung-hilft.de/themen/weltrisikobericht/">www.entwicklung-hilft.de/themen/weltrisikobericht/</a></p>
<p>- World Econonic Forum: Global Risks 2014, Ninth Edition, <a href="http://www.weforum.org/issues/global-risks">www.weforum.org/issues/global-risks</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<div><br clear="all" /><hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> In k&uuml;rzerer Fassung unter dem Titel &bdquo;Fr&uuml;herkennung und zivile Krisenpr&auml;vention kommen im politischen Tagesgesch&auml;ft zu kurz&ldquo; als Beitrag zum Forum &bdquo;Fr&uuml;herkennung und zivile Krisenpr&auml;vention: Wissenschaftlich unm&ouml;glich, politisch &uuml;berfl&uuml;ssig?&ldquo; in S+F Sicherheit und Frieden 2/2014, hrsg. vom IFSH Hamburg. Weitere Beitr&auml;ge: Jan Pospisil: Fr&uuml;hwarnsysteme sch&uuml;ren in der Politik tr&uuml;gerische Hoffnungen; Claus Neukirch: Das Fr&uuml;hwarnsystem der OSZE hilft ziviler Krisenpr&auml;vention; Angelika Spelten: Fr&uuml;hwarnung und zivile Krisenpr&auml;vention m&uuml;ssen besser miteinander verzahnt werden.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Das <em>Warning Panel</em> der NATO ist eine interne, offene Plattform mit monatlichem Update und Trendaussagen bis 90 Tage. Der Trend geht weg von Indikatoren hin zu &bdquo;<em>atmosphere</em>&ldquo;.</p>
</div>
</div></div>


           <br />
                        </div>
   </div>
</div></channel>
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