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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Bericht: Begegnungsfahrt in das noch sowjetische WeiÃŸrussland im August 1988 - Meine erste Begegnung mit Spuren des deutschen Vernichtungskrieges im Osten</title>
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    <span class="xar-mod-title">WeiÃŸrussland + Bericht von Winfried Nachtwei</span>

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        <h1>
            Bericht: Begegnungsfahrt in das noch sowjetische WeiÃŸrussland im August 1988 - Meine erste Begegnung mit Spuren des deutschen Vernichtungskrieges im Osten         </h1>
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       <div class="xar-mod-content">
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 1. August 2018 14:56:27 +02:00 (33438 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Vor einem Monat nahm ich an der Er&ouml;ffnung der Gedenkst&auml;tte Malyj Trostenez bei Minsk teil, am Ort der gr&ouml;&szlig;ten NS-Vernichtungsst&auml;tte in der ehemaligen Sowjetunion. Vor genau 30 Jahren besuchte wir mit der Gr&uuml;nen Friedens-AG/M&uuml;nster als erste parteinahe Gruppe aus Westdeutschland Minsk und Chatyn: eine aufw&uuml;hlende Erfahrung, Ansto&szlig; f&uuml;r meine folgende Spurensuche, Erinnerungsarbeit - Grundmotivation meiner friedens- und sicherheitspolitischen Arbeit.&nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Begegnungsfahrt der Friedens-AG von GAL/GR&Uuml;NEN M&uuml;nster nach</strong></p>
<p align="center"><strong>MINSK in Belorussland vom 12. bis 19.8.1988</strong></p>
<p align="center">Reisebericht von Winfried Nachtwei</p>
<p align="center">(Fotos auf <a href="http://www.facebook.com/winfried.nachtwei">www.facebook.com/winfried.nachtwei</a> )</p>
<p><strong><em><span style="text-decoration: underline;">Vorbemerkung 30 Jahre sp&auml;ter:</span></em></strong></p>
<p><em>In den 80er Jahren erregten die vielen Kriegerdenkm&auml;ler in M&uuml;nster vor allem l&auml;ngs der Promenade und die allj&auml;hrlichen Gedenkfeiern zum Volkstrauertag am Dreizehner-Denkmal den Protest der Friedensbewegung. Wir sahen hier &bdquo;Heldengedenken&ldquo; und Kriegsverharmlosung, zumindest aber den Versuch, die Mitmarschierer und Mitt&auml;ter des deutschen Aggressionskrieges unterschiedslos zu Opfern umzuschminken, auf eine Stufe mit denen, die sie &uuml;berfallen, deren Vernichtung sie den Weg bereitet hatten. </em></p>
<p><em>F&uuml;r mich als Geschichtslehrer war das in den Sommerferien 1988 Ansto&szlig;, die Spuren der auf den Denkm&auml;lern verewigten Milit&auml;rverb&auml;nde aus M&uuml;nster und Westfalen aufzunehmen &ndash; in den Kriegen des 19. Jahrhunderts, in den Kolonialkriegen (Boxer-Aufstand und Deutsch-S&uuml;dwestafrika), im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hieraus entstand die Dokumentation &bdquo;Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und anderer Kriege gegen Russland im M&uuml;nsterland&ldquo; (s. Anhang), die ich im Hinblick auf die Begegnungsreise der Friedens-AG von GAL/Gr&uuml;nen M&uuml;nster im August 1988 nach Minsk in Wei&szlig;russland zusammenstellte.</em></p>
<p><em>Dort begegnete ich erstmalig realen Spuren des deutschen Vernichtungskrieges im Osten.</em></p>
<p><em>Die aufw&uuml;hlenden Erfahrungen dieser Reise wurden zum Ansto&szlig; meiner sich danach entwickelnden Spurensuche und Erinnerungsarbeit zum NS-Terror im Baltikum und zu den Deportationen j&uuml;discher Menschen aus M&uuml;nster, Westfalen und anderen Landesteilen in das &bdquo;Reichsjudenghetto&ldquo; Riga im besetzten Lettland. Diese Erinnerungsarbeit, die menschlichen Begegnungen mit Dutzenden ehemaligen Ghetto- und KZ-H&auml;ftlingen und die Konfrontation mit den Tausenden Experten, Vollstreckern und Helfershelfern der zahllosen Massenmorde im Osten, wurden zum entscheidenden Motivationsgrund meiner weiteren friedens- und sicherheitspolitischen Arbeit zur Verh&uuml;tung und Eind&auml;mmung von Kriegsgewalt, zum Schutz vor Massengewalt, zur Friedensf&ouml;rderung.</em></p>
<p><em>Ende Juni 2018 besuchte ich Minsk wieder &ndash; anl&auml;sslich der Er&ouml;ffnung der Gedenkst&auml;tte Malyj Trostenez am Ort der gr&ouml;&szlig;ten NS-Vernichtungsst&auml;tte in der ehemaligen Sowjetunion. (Der Bericht unter </em><a href="http://www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1534"><em>www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1534</em></a><em> )</em></p>
<p><em>Die vor 30 Jahren &uuml;blichen distanzlosen Traditionslinien zwischen Bundeswehr- und Wehrmachtsverb&auml;nden sind seit l&auml;ngerem gekappt. Meine letzten Vortr&auml;ge und Reden zur Traditionspflege, zum Gedenken an die &bdquo;Wei&szlig;e Rose&ldquo; und Henning von Tresckow bei zentralen Veranstaltungen der Bundeswehr zeigen exemplarisch, wieviel sich im Verh&auml;ltnis Bundeswehr &ndash; Wehrmacht ge&auml;ndert hat.</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">DER REISEBERICHT</span></strong></p>
<p>20 Teilnehmer: Neben sieben Mitgliedern der Friedens-AG Leute aus befreundeten Friedensgruppen sowie andere friedensbewegte Menschen zwischen 26 und 71 Jahren.</p>
<p>Organisation und Reiseleitung durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk &ndash; Evang. Verein f&uuml;r Begegnung, Vers&ouml;hnung und Zusammenarbeit e.V. &ndash; (IBB) Dortmund.</p>
<p>Vorbereitung der Reise, Erarbeitung des Programmvorschlags, einer friedenspolitischen Erkl&auml;rung, der einzelnen Programmpunkte und der Gastgeschenken auf mehreren Abendterminen und einem Wochenende in Haus Husen durch die Gruppe selbst. <em>(Anm. 2018: Unser professioneller Hauptorganisator ist J&uuml;rgen Thor</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">12. August</span></strong></p>
<p>Start um 0.49 Uhr mit dem Zug Ostende-Moskau ab Hamm. Angenehme 3-Personen-Schlafabteile mit Waschecke. Strahlender Morgen &uuml;ber Berlin, die Menschen eilen zur Arbeit. Die Passkontrolle l&auml;uft problemlos. Gegen 10.00 Uhr Frankfurt/Oder, am polnischen Grenzbahnhof l&auml;ngerer Aufenthalt, wir betreten mit dem Bahnsteig erstmals polnischen Boden.</p>
<p>Am Nachmittag in sommerliche Hitze Warschau, auf dem ersten &ndash; unterirdischen &ndash; Bahnhof dichtes Gedr&auml;nge. In einigen Wagen schwei&szlig;treibende Temperaturen, weil die Klimaanlage defekt und Fenster aus nicht einsichtigen Gr&uuml;nen nicht ge&ouml;ffnet werden d&uuml;rfen. Der Ober im DDR-Speisewagen: &bdquo;Wollen Sie noch was? Oder kann ich jetzt was anderes tun?&ldquo;</p>
<p>In der Dunkelheit &uuml;berqueren wir den Grenzfluss Bug, die Br&uuml;cken sind angestrahlt. Brest um 22.00 (MEZ), 24.00 (OEZ). Bei der Zollkontrolle wird bei Martina eine Stichprobe gemacht, politische Karikaturen aus den 50er Jahren machen misstrauisch, sie muss mit dem Beamten raus aus dem Zug, Joachim und ich hinterher. W&auml;hrend der Zug zum Fahrgestellwechsel wegrollt, erl&auml;utert J. die Zusammenh&auml;nge. Wir warten ohne Beunruhigung im Zollbereich, wo gerade ein Koffer auf den Kopf gestellt wird und Video-Kassetten beschlagnahmt werden. Eion Ziviler mit gewissen Deutsch-Kenntnissen erscheint und plaudert mit uns, u.a. &uuml;ber Rust, seine Freilassung und Reaktionen in der BRD-Jugend. Nach 20 Minuten gibt&rsquo;s die Unterlagen mit freundlichen Worten zur&uuml;ck.</p>
<p>Streifzug durch den verwirrenden Inselbahnhof, dann ins Brester Zentrum, wo wir auf unserem ersten Lenin-Boulevard landen. Martina bricht f&uuml;r den gerade ein Jahr &auml;lter werdenden Dietmar eine volkseigene Rose.</p>
<p>Der Bahnhof ist voller Reisender, in einer Halle die ersten Videospiele, darunter viele k&auml;npferisch-kriegerische.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">13. August</span></strong></p>
<p>Nach 6.00 Uhr Ankunft in Minsk, Empfang durch unseren Dolmetscher Pavel, der auch die letzte IBB-Reise betreute. Etwas unerwartet doch, dass wir nichts lesen k&ouml;nnen.</p>
<p>Untergebracht sind wir im Hochhaus-Hotel &bdquo;Tourist&ldquo; (Gewerkschaftshotel), die Tische der verschiedenen Nationalit&auml;ten sind durch Landesf&auml;hnchen gekennzeichnet. Erstes Befremden weicht der Gew&ouml;hnung.</p>
<p>In der Umgebung des an einer gro&szlig;en Kreuzung liegenden Hotels ein Kaufhaus und andere Gesch&auml;fte, 5-6-st&ouml;ckige Wohnhausreihen, hinter denen es mit viel Gr&uuml;n, Spielpl&auml;tzen, B&auml;nken und Tischen wohnlich wird. Vereinzelt Handwerksbetriebe, irgendwo probt eine Musikgruppe.</p>
<p><strong>Stadtrundfahrt</strong>. <strong>Stationen</strong> sind:</p>
<p>- Der ca. sechsspurige Lenin-Prospekt als 12 km lange Hauptachse zwischen Nord- und S&uuml;d-Minsk; Platz des Sieges mit Obelisk; nahebei in einer Parkanlage ein einst&ouml;ckiges Holzhaus: Hier wurde 1998 mit dem 1. Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Russlands selbige gegr&uuml;ndet: ein Platz weiter Denkmal des belorussischen Volksdichters Jakob Kolas, daneben eine Partisanengruppe und ein Gitarre spielendes ;M&auml;dchen.</p>
<p>- Am historischen Hauptplatz Geb&auml;ude aus dem 18. Jahrhundert; in einem Geb&auml;ude war die Folterst&auml;tte der Nazis, auf eine Tafel wird des deutschen Gefreiten Schmenkel gedacht, der zu den Partisanen &uuml;berwechselte und seit 1943 vermisst wurde; er wurde zum &bdquo;Helden der Sowjetunion&ldquo; ernannt, seine Angeh&ouml;rigen aus Plauen/DDR kommen j&auml;hrlich nach Minsk.</p>
<p>- Jenseits des historischen Zentrums gro&szlig;fl&auml;chige Parkanlagen, auf einem H&uuml;gel erhebt sich ein gro&szlig;es Ehrenmal f&uuml;r K&auml;mpfer und Opfer des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges;</p>
<p>- Denkmal mit dem T-34-Panzer, der 1942 als erster in Minsk einrollte.</p>
<p>- In einem Park des Zentrums Stauen zweier M&auml;dchen, die Kr&auml;nze ins Wasser werfen: Wie die Kr&auml;nze sich finden oder allein bleiben, soll es auch mit der k&uuml;nftigen Zwei- oder Einsamkeit der Werferinnen laufen.</p>
<p>- Kunstmuseum: Auch wenn es uns nicht sehr ergiebig erscheint &ndash; die Zugeh&ouml;rigkeit Belorusslands zum europ&auml;ischen Kulturkreis wird hier augenf&auml;llig demonstriert; bemerkenswert die Existenz auch einer demokratischen Traditionslinie in der darstellenden Kunst.</p>
<p>- Verschiedene Hochschulen, Traktorenfabrik, Fahrrad- und Motorradfabrik (&hellip;)</p>
<p><strong>Gruppenbesprechung</strong>: Ein&uuml;bung zweier Lieder f&uuml;r den Internationalen Freundschaftsabend; Verteilung der einzelnen Verantwortlichkeiten f&uuml;r die einzelnen Gespr&auml;che und damit der Gastgeschenke, die l&auml;ngst nicht mehr auf einen Tisch passen. Mitgebracht wurden Friedenspublikationen verschiedener Friedensgruppen, Sticker, Plakate, Bildb&auml;nde &uuml;bers M&uuml;nsterland, MS-Stadtplan auf Russisch, &Ouml;ko-Literatur, Dokumentationen, deutsche Literatur, Drachen, einige Modehefte, westf&auml;lischer Schinken, Pumpernickel, Schinkenh&auml;ger und westf. Bier &hellip; und sogar Einmal-Feuerzeuge.</p>
<p>Als wir nach 22.00 fertig sind, leibt der Bierdurst unserer Leute ungestillt, auch bei der Disco im Speisesaal ist f&uuml;r uns nichts mehr drin. Westler-Anspr&uuml;che auf freien Zugang zu den Alkohol-Ressourcen kommen hoch &ndash; und mit ihnen Aggressionen. Unser mitgebrachtes Kollektivbier wird privat angepl&uuml;ndert. Doch wir lernen schnell: Dank l&auml;ngerfristiger Vorbestellung stehen uns an den folgenden Abenden immer K&auml;sten von Bier zur Verf&uuml;gung.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">14. August</span></strong></p>
<p>Fahrt durch eine leicht wellige Landschaft von Birken- und Kiefernw&auml;ldern, Feldern und ab und zu D&ouml;rfern zu der ca. 60 km von Minsk entfernten <strong>Gedenkst&auml;tte CHATYN</strong>.</p>
<p>Chatyn, ein Dorf mit 26 Bauernh&ouml;fen, wurde am 22. M&auml;rz 1943 von einem SS-Sonder-Bataillon unter Oskar Dirlewanger einge&auml;schert, 149 Menschen, darunter 75 Kinder wurden in einer Scheune verbrannt.</p>
<p><strong>Der einzige &Uuml;berlebende, der Dorfschmied Jossif Jossifowitsch Kaminski, berichtet:</strong></p>
<p><em>&bdquo;Auch ich wurde in die Scheune getrieben. Meine kleine Tochter, mein Sohn und meine frau waren schon drin. Und viele, viele andere. Ich sagte zu meiner kleinen Tochter: &bdquo;Warum habt ihr nichts an?&ldquo;- &bdquo;Sie haben uns doch die Sachen runtergerissen&ldquo;, antwortet sie. &bdquo;Den Pelz haben sie mir weggenommen, ausgezogen haben sie uns &hellip;&ldquo; Leute wurden in die Scheune getrieben, dann wurde wieder zugemacht, wieder wurden welche reingesto&szlig;en, und wieder wurde zugemacht. Es wurden so viele Menschen zusammengepfercht, dass man nicht mehr frei atmen, nicht mal mehr die Arme heben konnte. Die Leute schrien, die Kinder! Das ist eine bekannte Tatsache: Je mehr wir sind, desto gr&ouml;&szlig;er ist unsere Angst. Heu und Stroh lagen da, das wurde f&uuml;r die K&uuml;he gebraucht. Oben legten sie dann Feuer. Sie steckten die Scheune von oben an. Das Dach brannte, Feuer fiel auf die Menschen, und Heu und Stroh fing an zu brennen, die Leute rangen nach Luft, keuchten, dr&auml;ngten sich zusammen, dass man einfach nicht mehr atmen konnte. Unertr&auml;glich. Ich sagte zu meinem Jungen: &bdquo;Stemm dich mit Armen und Beinen gegen die Wand, stemm dich!&ldquo; Da wurde die T&uuml;r aufgemacht. Sie wurde aufgemacht, aber die Leute gingen nicht, rannten nicht hinaus. Warum nicht? Ja, sie schie&szlig;en dort an der T&uuml;r, hie&szlig; es. Sie schie&szlig;en. Das Geschrei war so gro&szlig;, dass dieses Schie&szlig;en, dieses Rattern gar nicht zu h&ouml;ren war. Das ist ja bekannt, die Leute brannten, Feuer fiel herunter, dazu die Kinder &ndash; ein Geschrei war das! Ich sagte zu meinem Jungen: &bdquo;Sieh zu, dass du irgendwie &uuml;ber die K&ouml;pfe weg rauskommst!&ldquo; Ich half ihm hoch. Ich selbst versuchte es unten zwischen den Beinen durch. Da fielen Tote auf mich, Tote, ich konnte kaum atmen. Ich sch&uuml;ttelte sie ab &ndash; damals war ich noch kr&auml;ftiger &ndash; und kroch los. Kaum war ich an der Schwelle, da st&uuml;rzte das Dach ein, es krachte herunter, und das Feuer deckte alles zu! Ehe ich noch richtig drau&szlig;en war, verpasste mir eins mit dem Gewehrkolben, dass die Z&auml;hne nur so rauspurzelten. Und mein Junge hatte es auch geschafft, rauszukommen, ihm waren blo&szlig; die Haare ein klein bisschen versengt. F&uuml;nf Meter rannte er, dann streckten sie ihn mit dem Maschinengewehr nieder &hellip; streckten ihn nieder &hellip; Unser Nachbar, Taddej, torkelte aus dem Feuer, fiel auf mich, setzte sich hin, er brannte wie ein Baumstamm, rot, und sein Blut floss auf mich &hellip; &bdquo;Rette mich!&ldquo; schrie er. &bdquo;Rette mich!&ldquo; Dann fuhren die Deutschen weiter. Ich ergriff den Jungen, zog ihn, aber die D&auml;rme schleiften schon hinter ihm &hellip; Er fragte nur noch, ob Mutter lebte, die Schwester &hellip; M&ouml;ge Gott jeden auf Erden vor so was bewahren&ldquo; Dass Niemand so ein Leid zu sehen und zu h&ouml;ren kriegt!&ldquo;</em></p>
<p>(Abgedruckt in Ales Adanowitsch, St&auml;tten des Schweigens, K&ouml;ln 1985, S. 192 f.; <em>Erg&auml;nzung 2018: vgl. Paul Kohl, &bdquo;Ich wundere mich, dass ich noch lebe&ldquo; &ndash; Sowjetische Augenzeugen berichten, G&uuml;tersloh 1990, S. 106-109)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das Denkmal des Jossif Kaminski, der den verst&uuml;mmelten Leichnam seines Sohnes auf den Armen h&auml;lt, bildet den Eingang der Gedenkst&auml;tte. Sein Gesicht ist d&uuml;sterstes Grauen.</p>
<p>F&uuml;r jedes Geh&ouml;ft steht ein nackter Kamin mit einer Glocke, die alle 30 Sekunden schl&auml;gt. Auf einer Tafel Namen und Alter der ermordeten Familienmitglieder, z.B. 15, 13, 11, 9, 5 Jahre. Vier symbolische Brunnen, offene Tote symbolisieren Gastfreundschaft.</p>
<p>Friedhof er toten D&ouml;rfer: 186 D&ouml;rfer verbrannten die Faschisten mitsamt ihrer Bewohnern in Belorussland &ndash; 34, 68, 175, 366 Tote. Denkmal der vernichteten und nach 1944 wiederauferstandenen 433 belorussischen D&ouml;rfer. Ihre Namen bilden die &bdquo;Zweige&ldquo; eines &bdquo;Lebensbaumes&ldquo;.</p>
<p><strong>Bericht des Oberleutnants der Schutzpolizei M&uuml;ller (10./Polizeiregiment 15) &uuml;ber die Vernichtung des Dorfes Borky/Wei&szlig;russland, in der Zeit vom 22.9. bis 26.9.1941:</strong></p>
<p><em>&bdquo;10./Pol.15&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;O.U., den 28. September 1942</em></p>
<p><em>Am 21.9.42 erhielt die Kompanie den Auftrag, die Ortschaft Bokry, 7 km ostw&auml;rts Mokranie, zu vernichten.</em></p>
<p><em>In den Nachtstunden des selben Tages wurden die Z&uuml;ge der Komp. &Uuml;ber den bevorstehenden Einsatz in Kenntnis gesetzt. Vorbereitungen waren zu treffen.</em></p>
<p><em>Die Zahl der Kraftfahrzeuge reichte voll aus, um am 22.9. s&auml;mtliche Z&uuml;ge und der unterstellte Zug der 9. Komp. Verlastet zum Sammelpunkt Mokranie zu ringen. Die Fahrt verlief reibungslos. Ausf&auml;lle waren nicht zu verzeichnen. </em></p>
<p><em>Die f&uuml;r die durchzuf&uuml;hrende Aktion erforderlichen Panjewagen wurden rechtzeitig bereitgestellt, so dass sie das Marschziel Borky zur befohlenen Zeit erreichten. Bei der Bereitstellung der Panjewagen wurden einige unwillige Bauern namentlich festgestellt, deren Bestrafung durch die Komp. veranlasst ist.</em></p>
<p><em>Die Durchf&uuml;hrung der Aktion verlief planm&auml;&szlig;ig, doch mussten die einzelnen Abschnitte der Aktion zeitlich verschoben werden. Diese Verschiebung hatte im Wesentlichen folgenden Grund: (&hellip;) gelang es mir, alle Bewohner des Dorfes restlos zu erfassen und zum Sammelplatz zu verbringen. Als vorteilhaft hat sich erwiesen, dass der Zweck des Zusammentreibens der Bev&ouml;lkerung bis zum letzten Augenblick unbekannt blieb. Auf dem Sammelplatz herrschte Ruhe und die Zahl der Bewachungskr&auml;fte konnte auf ein Minimum beschr&auml;nkt werden und der weiteren Aktion zur Verf&uuml;gung stehen. Das Schaufelkommando erhielt die Spaten erst am Exekutionsplatz, auch dadurch blieb die Bev&ouml;lkerung von dem Bevorstehenden in Unkenntnis. Unauff&auml;llig aufgebaute LMG erstickten eine aufkommende Panik im Keime, als die ersten Sch&uuml;sse von dem 700 m entfernten Exekutionsplatz zu h&ouml;ren waren. 2 M&auml;nner, die versuchten einen Fluchtversuch zu machen, fielen nach wenigen Schritten unter dem M.G.-Feuer zusammen. Die Exekution begann um 9.00 Uhr und hatte um 18.00 Uhr ihren Abschluss gefunden. Von 809 Zusammengetriebenen wurden 104 als politisch zuverl&auml;ssig und deren Angeh&ouml;rige auf freien Fu&szlig; gesetzt, darunter befanden sich bew&auml;hrte Arbeiter des Gutes Mokranie. Die Exekution verlief reibungslos, das Verfahren erwies sich als durchaus zweckm&auml;&szlig;ig.</em></p>
<p><em>Das Sicherstellen des Getreides und Ger&auml;tes verlief bis auf die zeitliche Verschiebung planm&auml;&szlig;ig. Die Zahl der eingesetzten Panjewagen erwies sich als ausreichend, da die Mengen an Getreide nicht gro&szlig; und die Sammelstellen des ungedroschenen Getreides nict zu weit waren &hellip;</em></p>
<p><em>Haus- und Ackerger&auml;t wurden im Rahmender Getreidefuhren mit sichergestellt.</em></p>
<p><em>Im folgenden eine zahlenm&auml;&szlig;ige &Uuml;bersicht der Exekutierten. Die Zahl der Exekutierten belief sich auf 705 Personen. Davon fielen:</em></p>
<p><em>Auf M&auml;nner 203, auf Frauen&nbsp; 372, auf Kinder 130.</em></p>
<p><em>Die Zahl des zusammengetriebenen Viehes kann nur ungef&auml;hr gebracht werden, da eine genaue &Uuml;bersicht auch an der Sammelstelle nicht gegeben war: Die Zahlen belaufen sich auf folgende: 45 Pferde, 250 Rinder,65 K&auml;lber,450 Schweine und Ferkel, 300 Schafe. (&hellip;)</em></p>
<p><em>An Ger&auml;t wurde sichergestellt: 70 Panjewagen, 200 Pfl&uuml;ge und Eggen, 5 Reinigungskasten f&uuml;r Getreide, 25 H&auml;ckselmaschinen und anders Kleinger&auml;t. S&auml;mtliches sichergestelltes Getreide, Ger&auml;t und Vieh wurde dem Verwalter des Staatsgutes Mokranie &uuml;bergeben (&hellip;)</em></p>
<p><em>Bei der Aktion Borky wurde an Munition verbraucht:</em></p>
<p><em>Gew.-Mun. 786 Schuss</em></p>
<p><em>Pist.-Mun. 2496 Schuss.</em></p>
<p><em>Ausf&auml;lle hatte die Kompanie nicht. Ein Wachtm. wurde wegen vermutlicher Gelbsucht in s Lazarett in Brest eingeliefert.</em></p>
<p><em>M&uuml;ller, Oberleutnant der Sch. u.&nbsp; stellv. Komp. F&uuml;hrer&ldquo;</em></p>
<p>(abgedruckt in Eine Schuld, die nicht erlischt &ndash; Dokumente &uuml;ber deutsche Kriegsverbrechen in der Sowjetunion, K&ouml;ln 1987)</p>
<p>Ged&auml;chtnismauer: Gro&szlig;e und kleine Nischen erinnern an die in insgesamt 263 Konzentrationslagern umgebrachten H&auml;ftlinge &ndash; 18.000, 20.000, 27.000 H&auml;ftlinge, 9 km von Minsk allein 206.500 H&auml;ftlinge. (<em>Anmerkung 2018: Die letzte Opferzahl ist die von Malyj Trostenez)</em></p>
<p>Am Kopf des Friedhofs der toten D&ouml;rfer die Gedenkst&auml;tte f&uuml;r die Opfer des Faschismus in Belorussland insgesamt: Ein Viertel der Bev&ouml;lkerung, 2 Millionen 230.000 Menschen. Die ewige Flamme f&uuml;r jeden vierten, drei Birken f&uuml;r die &Uuml;berlebenden. 209 St&auml;dte und Ortschaften, 9200 D&ouml;rfer waren in Schutt und Asche gelegt worden.</p>
<p>Heute, Sonntag, ist der Andrang von Besuchergruppen gro&szlig;: alle Altersgruppen, auch etliche Soldatengruppen, eine chinesische Delegation. (&hellip;)</p>
<p><strong>Museum f&uuml;r belorussische Volkskunst </strong>(&hellip;)</p>
<p><strong>Historisches Museum von Belorussland</strong>:(&hellip;)</p>
<p><strong>Gro&szlig;e Markthalle </strong>(&hellip;)</p>
<p><strong>Kulturpalast der Eisenbahner</strong>: Uns empf&auml;ngt der heute aus dem Urlaub zur&uuml;ckgekehrte, dynamische Direktor dieser 100 Besch&auml;ftigte z&auml;hlenden Einrichtung. Sp&auml;ter kommen zwei Schauspieler eines Leningrader Jugendtheaters hinzu &ndash; bei ihnen macht schon das Zusehen beim Reden Spa&szlig; (&hellip;)</p>
<p>Die Perestroika h&auml;tte &ndash; so der Direktor &ndash; &uuml;ber kurz oder lang kommen m&uuml;ssen. Die Verh&auml;ltnisse seien wie ein Geschw&uuml;r gewesen, das irgendwann aufbricht. Er sein anfangs vom zust&auml;ndigen Parteikomitee gefragt worden, ob er schon &bdquo;umgestellt&ldquo; habe. Seine Antwort: Das sei nicht notwendig, da er schon immer gute Arbeit gemacht habe. Erbringt den Witz von einer Kr&auml;he, die mit dem Schwanz nach vorne fliegt, weil sie sich &bdquo;umgestellt&ldquo; hat. Ein Kernproblem sieht man bei den Faulenzern und Bummelanten. Unsere Einw&auml;nde, dass gerade gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse bei vielen Menschen demotivierend wirken, sto&szlig;en auf reichlich Unverst&auml;ndnis. Unter Hinweis auf ihre eigene Sch&ouml;pferbegeisterung vertreten sie deutlich individualistisches Leistungsdenken. Dass jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied sei, liegt nicht mehr fern.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">15. August</span></strong></p>
<p><strong>Vormittag mit Stadtplanern</strong> &ndash; Ebene Abteilungsleiter &ndash; aus dem Institut &bdquo;Minsk-Projekt&ldquo;.</p>
<p>Das alte Minsk (Gr&uuml;ndung offiziell 1067) wurde im Krieg zu 80% zerst&ouml;rt, von 332 Industriebetrieben standen noch 19 &ndash; aber nur deshalb, weil man sie nach der Befreiung sofort entmint hatte. Es gab &Uuml;berlegungen, Minsk &uuml;berhaupt an einer anderen Stelle wiederaufzubauen. Heute hat die Stadt 1,6 Mio. Einwohner, j&auml;hrlich kommen 35.000 hinzu (&hellip;). F&uuml;r 2000 rechnet man mit 2 Mio. Einwohnern.</p>
<p>Da Minsk weder am Meer noch an einem gro&szlig;en Fluss liegt, wurde der Beeinflussung des Stadtklimas besondere Beachtung geschenkt: Anlage von k&uuml;nstlichen Gew&auml;ssern, von Parks ums&auml;umt; das System der Gr&uuml;nanlagen und Gew&auml;sser verbreitert sich nach au&szlig;en. Die f&uuml;r die Bewohner schnell erreichbaren &bdquo;Erholungszonen&ldquo; gehen &uuml;ber in die &bdquo;Sanierungszone&ldquo;, die sich als Waldg&uuml;rtel in einem 25-km-Ring um die Stadt zieht. So soll die Durchl&uuml;ftung der Stadt gew&auml;hrleistet werden.</p>
<p>Wohnungsbau: Nach dem Krieg war allererste Devise, die Menschen &uuml;berhaupt mit Wohnungen zu versorgen. Heute werden 17.000 Wohnungen pro Jahr errichtet. (&hellip;) Neun Satellitenst&auml;dte sind inzwischen angelegt worden, die Wohnh&auml;user haben 9, 12, 14 und 16 Stockwerke. (&hellip;) Das dichter Zusammenleben mehrerer Generationen gilt als ein zentraler Grund f&uuml;r die enorme Scheidungsrate in der UdSSR (2. Platz weltweit). (&hellip;)</p>
<p>Verkehr: Angestrebt wird eine maximale Fahrtzeit Wohnung &ndash; Arbeitsplatz von 30 Minuten. Ein erstes 10 km Teilst&uuml;ck der Metro ist in Betrieb, drei Linien sind geplant. (&hellip;) Zzt. kommen 80 Pkw`s auf 1000 Einwohner, geplant sind 150. Wir erleben den Verkehr meist als relativ d&uuml;nn auf gro&szlig;z&uuml;gigen Stra&szlig;en, erinnerlich ist mir ein einziger kleinerer Stau.</p>
<p>(&hellip;)</p>
<p>Die R&uuml;ckfrage der Stadtplaner, ob die gr&uuml;nen &acute;Gro&szlig;st&auml;dte aufl&ouml;sen` wollten (nicht nur Maschinen-, auch Stadtst&uuml;rmer!), kann differenziert verneint werden. Als Gastgeschenke &uuml;berreichen wir nach der Stadtrundfahrt durch Neubaugebiete die Bildb&auml;nde &bdquo;Wasserschl&ouml;sser im M&uuml;nsterland&ldquo;, &bdquo;Wiederaufbau M&uuml;nsters nach dem Krieg&ldquo; sowie das GAL-Plakat &bdquo;Gegen Filz und Spekulanten&ldquo;.</p>
<p>(Bei der Rundfahrt wird auf Seiten der Stadtplaner ziemliche Bewunderung f&uuml;r bundesrepublikanische Fortschritte z.B. bei der Energieeinsparung deutlich).</p>
<p><strong>&bdquo;Haus des Lehrers&ldquo; &ndash; Treffen mit Deutsch-Lehrerinnen: </strong>Die Einrichtung wird von der Lehrergewerkschaft betrieben. Ihre Aufgaben sind: Kulturarbeit, politische Arbeit, Arbeitsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Laienkollektive, acht Klubs &hellip; &nbsp;(&hellip;)</p>
<p>Aus den Erfahrungen der letzten IBB-Gruppe klug geworden, die bei ihrem Besuch im Haus des Lehrers nur ein langweiliges &bdquo;Gespr&auml;ch&ldquo; mit den offiziellen Wortf&uuml;hrern hatten, gelingt uns eine kleine &Uuml;berrumpelung. In drei Gruppen mit je vier bis f&uuml;nf Deutsch-Lehrerinnen k&ouml;nnen wir uns recht intensiv unterhalten. Bemerkenswert, dass in den Stufen 10-16 Jahren ca. 30% Deutsch als erste Fremdsprache w&auml;hlen. Allerdings ist die materielle Ausstattung f&uuml;r den Deutsch-Unterricht reichlich d&uuml;rftig &ndash; wir versprechen Nachschub.</p>
<p>Zum Abschluss tritt f&uuml;r uns eine Gruppe pensionierter Lehrerinnen auf. Die alten Damen in ihren Festgew&auml;ndern spielen und singen uns einige muntere Lieder, eine liest sogar ein Heine-Gedicht vor. Die j&uuml;ngeren Deutsch-Lehrerinnen finden`s &ndash; nach ihrem Gemurmel zu urteilen &ndash; offenbar eher peinlich. Ich empfinde blanke R&uuml;hrung. Fast alle tragen Orden. Was mussten sie und ihre Familien alles unter der deutschen Besatzung erleiden?</p>
<p>Die Gastgeschenke sind wieder sehr passend, u.a. ein ganzer Sto&szlig; deutscher Literatur. Richard macht`s, Lenin dar&uuml;ber strahlt in der Nachmittagssonne. (&hellip;)</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">16. August</span></strong></p>
<p><strong>Museum der Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges</strong> (1944 begonnen):</p>
<p>Plan Barbarossa, Kampf um die Festung Brest, 26. Juni Minsk, Kampfszenen im Modell (zwischen Bialystok und Minsk erste gro&szlig;e Vernichtungsschlacht mit ca. 300.000 sowjetischen Gefangenen); Stalinrede &bdquo;k&auml;mpfen bis zum letzten Blutstropfen! Partisanenverb&auml;nde aufbauen!&ldquo;</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Verteidigung von &bdquo;Heldenst&auml;dten</span>&ldquo; (Minsk ist eine), von Moskau. Beerdigung eines vorbildlichen sowjetischen Generals durch die deutsche Wehrmacht mit allen milit&auml;rischen Ehren (&bdquo;so muss jeder Soldat k&auml;mpfen&ldquo;). Leningrad: 125 g Brot Tagesration, 600.000 Menschen verhungerten; 40.000 kamen bei Luftangriffen um. Stalingrad: Ein Haus wurde 58 Tage verteidigt, es galt beim deutschen Oberkommando als &bdquo;Festung&ldquo;.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Besatzung</span>: &bdquo;Der Russe muss sterben, damit wir leben!&ldquo; (&bdquo;Die stramme 6. Kompanie&ldquo; 1941) Aufruf des Befehlshabers der besetzen Gebiete an die Bev&ouml;lkerung: Bei wem Waffen gefunden werden, wer sich gegen die Wehrmacht &bdquo;feindselig verh&auml;lt, wir auf der Stelle erschossen&ldquo; (&bdquo;Freisch&auml;rler, Flintenweiber, Spione, Agenten, kommunistische Hetzer, aber auch die Helfer und Hinterm&auml;nner solcher Frevler&ldquo;), Androhung von Kollektivstrafen, Geiselnahme, Niederbrennung von H&auml;usern.</p>
<p>Nachgebaute Zelle des Minsker SD-Gef&auml;ngnisses; Modell eines KZ; Urne mit Teilen der Asche von 6.000 Toten aus dem Lager nahe Minsk. In den Kriegsgefangenenlagern wurden die Gefangenen auf freiem Feld &bdquo;untergebracht&ldquo;. Feuermachen war verboten, Verpflegung gab es nur alle sechs Tage.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Partisanenkampf</span>: In Minsk im Juli 1941 schon 28 illegale Gruppen, 1942/43 im Bereich der Heeresgruppe Mitte etwa 80.000 K&auml;mpfer, Mitte 1944 in Belorussland 140.000 M&auml;nner und Frauen. Der Generalkommissar f&uuml;r &bdquo;Wei&szlig;ruthenien&ldquo;, Wilhelm Kube (&bdquo;Allein mein Name muss jeden Wei&szlig;russen und Russen in Schrecken versetzen. Ihr Gehirn muss zu Eis erstarren, wenn sie den Namen Wilhelm Kube h&ouml;ren&ldquo;) wurde von drei Partisaninnen 1943 mit einer Mine get&ouml;tet.</p>
<p>In der dreij&auml;hrigen Besetzung von Minsk wurden mehr als 1000 Untergrundoperationen durchgef&uuml;hrt. Minsk ist unter den acht (?) sowjetischen &bdquo;Heldenst&auml;dten&ldquo; die einzige, die wehen des illegalen Kampfes ausgezeichnet wurde. Es gab regelrechte &bdquo;Partisanenrepubliken&ldquo;. Mit den Partisanenk&auml;mpften auch Antifaschisten aus Spanien, Polen, Jugoslawien, sogar Deutschland. &nbsp;(&hellip;)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Befreiung der Sowjetunion</span>: Skulpturengruppe &bdquo;Witwen des Friedens&ldquo;, &bdquo;Befreiungsmission der Roten Armee in Osteuropa&ldquo; (&hellip;)</p>
<p>&bdquo;Saal des Sieges&ldquo;, &bdquo;Saal der Heldenst&auml;dte&ldquo;, drei S&auml;le mit den Namen der sowjetischen Milit&auml;rverb&auml;nde im 2. Weltkrieg, &bdquo;Heldensaal&ldquo;, &bdquo;Leninsaal&ldquo; &ndash; hier finden regelm&auml;&szlig;ig feierliche Zeremonien statt.</p>
<p><strong>Gespr&auml;ch mit Vertretern des &bdquo;Komitees der Kriegsveteranen</strong>&ldquo; (eine Stunde): Die ca. 70-j&auml;hrigen, ordensgeschm&uuml;ckten VeteranInnen schildern ihre milit&auml;rischen Lebensl&auml;ufe.</p>
<p>- Einer, Angeh&ouml;riger der Luftwaffe seit 1937, war bei der Befreiung von Minsk und den baltischen Republiken dabei, sah die Folgen faschistischer Herrschaft mit eigenen Augen, kam bis Berlin. Er wisse aber auch um die Opfer in Deutschland, z.B. Dresden. Er habe eine Patenschaft zu zwei Schulen, &bdquo;um die Sch&uuml;ler die Liebe zu Vaterland und Heimat zu lehren&ldquo;.</p>
<p>- Eine 70-J&auml;hrige meldete sich freiwillig an die Front, war Scharfsch&uuml;tzin.</p>
<p>- Eine ehemalige Partisanin bezeichnet sich als &bdquo;Ausstellungsst&uuml;ck dieses Museums&ldquo;. Sie hat hier von Anfang an gearbeitet und war zust&auml;ndig f&uuml;r die Abteilung Besatzung und Partisanen. In der Regierungskommission zur Aufdeckung der Nazi-Verbrechen in Belorussland war sie Mitglied. Sie erinnert sich, wie am 22. Juni 1941 &uuml;bers Radio die Nachricht vom deutschen &Uuml;berfall kam (die Regierung solle &uuml;ber den bevorstehenden Angriff Nachrichten gehabt, diese aber nicht genommen haben), am Abend des 24. Juni stand Minsk in Flammen. Der Gegner sei sehr brutal gegen die Zivilbev&ouml;lkerung gewesen, &bdquo;russisches Schwein&ldquo; sei ein gefl&uuml;geltes Wort gewesen. Sehr viele erh&auml;ngte, erschossene Menschen habe sie gesehen, darunter viele Frauen, Kinder. Vom Komsomol sei sie so erzogen worden, nicht in jedem Wehrmachtsangeh&ouml;rigen einen Faschisten zu sehen. &bdquo;Aber jeder fremde Soldat im Land war ein Feind. Das m&uuml;ssen Sie verstehen&ldquo;. Diese Differenzierung zwischen Deutschen und Faschisten wird auch von einem anderen Veteranen gebracht.</p>
<p>- Der Veteranen-&bdquo;Chef&ldquo; zum Schluss: &bdquo;Euch steht eine ernsthafte Ma&szlig;nahme bevor &ndash; das Mittagessen!&ldquo; Er w&uuml;nscht uns Frieden &ndash; und dass auch die allerletzten schnell heiraten m&ouml;gen!</p>
<p>Pawel &uuml;bersetzt an einigen Stellen grammatikalisch falsch, aber inhaltlich umso richtiger: dass &bdquo;Krieg ausgebrochen wurde&ldquo;, dass Menschen &bdquo;verhungert wurden&ldquo;.</p>
<p><strong>Dreist&uuml;ndiges Gespr&auml;ch mit dem Geschichtsprofessor Iwan Bejdin</strong> (bei der Allunionsvereinigung &bdquo;Wissen&ldquo; zust&auml;ndig f&uuml;r Auslandsg&auml;ste; Kriegsteilnehmer, F&uuml;hrer zweier vom &bdquo;Nationalkomitee Freies Deutschland&ldquo; organisierter bewaffneter Gruppen von ehemaligen Soldaten der Wehrmacht, die im Hinterland vor allem Aufkl&auml;rung betrieben; sp&auml;ter bei der Sowjetischen Milit&auml;radministration in Deutschland (SMAD) und im Alliierten Kontrollrat):</p>
<p>Heute werde die sowjetische Geschichte kritisch betrachtet, viel Negatives komme dabei hoch, Gutes werde dabei vergessen (&bdquo;Schwarzmalerei&ldquo;). Erreicht wurde in den 70 Jahren seit der Oktoberrevolution der Aufbau einer neuen Gesellschaft, die erfolgreich verteidigt wurde. (&hellip;) Fehler und Probleme seien dadurch entstanden, dass es noch keine Erfahrungen gab, aus denen man h&auml;tte lernen k&ouml;nnen. Repressalien wurden von Stalin zugelassen. (&hellip;) Bei allen Revolutionen habe es bisher solche Entwicklungen gegeben. (&hellip;) Vor allem die Kriegf&uuml;hrung 1941 sei durch die vorhergehenden &bdquo;S&auml;uberungen&ldquo; und die Missachtung von Warnungen geschw&auml;cht worden. (&hellip;)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Zur Perestroika</span>: Die politischen und juristischen Grundlagen w&uuml;rden nun geschaffen (Trennung zwischen Partei-. Und Staatsaufgaben, R&uuml;cknahme der absolut f&uuml;hrenden Rolle der Partei &hellip;). Ein &bdquo;sozialistischer Rechtsstaat&ldquo; soll geschaffen werden. (&hellip;) Zum Vorwurf, Perestroika sei vor allem eine Sache sch&ouml;ner Worte: P. sei nicht von heute auf morgen zu schaffen. &bdquo;Wenn wir auf halbem Wege stehen bleiben, gibt es eine Katastrophe!&ldquo; Der Prozess dauere deshalb so lange, weil seine Tr&auml;ger keine ausformulierten Vorstellungen bes&auml;&szlig;en, das Programm entwickle sich etappenweise. Gegner seien Machthaber mit Privilegien und leitende Funktion&auml;re, die an selbst&auml;ndiges Arbeiten nicht gew&ouml;hnt seien. (&hellip;)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Zu &bdquo;Deserteuren&ldquo; und Deutschen auf sowjetische Seite</span>: F&uuml;r ihn ist der Begriff &bdquo;Deserteur, auch wenn mit Anf&uuml;hrungszeichen gebraucht, grunds&auml;tzlich beleidigend. In den Kriegsgefangenenlagern habe es einen bitteren Kampf gegeben zwischen Faschisten, &bdquo;Umkehrern&ldquo; und Unentschiedenen. Nach der Schlacht am Kursker Bogen Gr&uuml;ndung des &bdquo;Nationalkomitees Freies Deutschland&ldquo;, das an jedem Frontabschnitt Bevollm&auml;chtigte hatte. (&hellip;) Man stellte sich nicht in den Dienst der SU, sondern verstand sich als deutsche antifaschistische Gruppe von rechts bis links. (&hellip;)</p>
<p><strong>Internationaler Freundschaftsabend im B&uuml;hnensaal des Hotels</strong>: Zun&auml;chst Gesangs- und Ballett-Darbietungen aus wei&szlig;russischen Gefilden, dann locker im gro&szlig;en Vorraum Vorf&uuml;hrungen von MexikanerInnen, Polen, Mongolen (Zaubereinen, Paul als Medium), Italienern &hellip; und auch uns: Wolfgang M. singt als unser Vors&auml;nger streckenweise herzerweichend den Song vom &bdquo;brennend hei&szlig;en W&uuml;stensand&ldquo;&ldquo; und Einsamkeit, wir als Chor &bdquo;so sch&ouml;n, sch&ouml;n war die Zeit&ldquo; &hellip; und dabei sch&ouml;n wippend. In der zweiten Runde weren wir inhaltlich-getragen: &bdquo;Darum Menschen achtet und trachtet, dass sie es bleibt &hellip;&ldquo;</p>
<p>Nach den Delegationsdarbietungen Ratespiele, Tanzspiele, Tanzerei, schwei&szlig;triefende Gemeinschaftserlebnisse, private Entfaltungen (&hellip;)</p>
<p>Im kleinen Kreis Gespr&auml;ch mit drei Frauen und einem Mann einer Grippe von &bdquo;global family&ldquo;. In Minsk gebe es sieben Gruppen zu je 30 Leuten, in der SU insgesamt 200. (&hellip;)</p>
<p>In einer als Kooperative organisierten Gruppenpraxis betreibt man ganzheitliche Medizin, ber&uuml;cksichtigt Schadstoffbelastungen in der Umgebung der Kranken, betreibt Aufkl&auml;rung f&uuml;r ges&uuml;ndere Ern&auml;hrung.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">17. August</span></strong></p>
<p><strong>Tagesseminar mit Mitgliedern des Belorussischen Friedenskomitees</strong> (das Programm kam zustande, indem wir erste W&uuml;nsche anmeldeten und die sowjetische Seite dann einen Vorschlag zusandte &hellip;)</p>
<p>Wir bauen einen geradezu &uuml;ppigen Stand mit Materialien, Plakaten usw. zur freien Bedienung auf.</p>
<p>Plenum im Kinosaal, auf dem Leitungstisch die sowjetische und deutsche Fahne. Die ca. 20-k&ouml;pfige sowjetische Gruppe ist ausnahmslos m&auml;nnlich, fast nur &bdquo;etablierte&ldquo; Altersgruppen der 40er und 50er, z.Z. dr&uuml;ber, etliche Professoren, Veteranen, der UN-Delegierte von Belorussland.</p>
<p>&bdquo;Die Friedensbewegung in der BRD und ihr Einfluss auf die Politik der Bundesregierung in Abr&uuml;stungsfragen&ldquo;: Was Renate und ich eigentlich per Dias pr&auml;sentieren wollten, m&uuml;ssen wir nun rein verbal &uuml;berbringen &ndash; aber es kommt wohl auch &uuml;ber (Themen der Friedensbewegung, Aktionsformen, Phase nach der Stationierung mit thematischer Auff&auml;cherung, Bilanz der Friedensbewegung und ihrer Wirkung).</p>
<p>Ankn&uuml;pfend an das zentrale Thema der FB &bdquo;Vers&ouml;hnung und Frieden mit den V&ouml;lkern der SU&ldquo; &uuml;bergebe ich unsere</p>
<p><strong>Dokumentation &bdquo;Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und anderer Kriege gegen Russland im M&uuml;nsterland</strong>&ldquo; stellvertretend dem Veteranen und &bdquo;Helden der Sowjetunion Bardanoff.&nbsp; Zusammengestellt haben wir in dieser Dokumentation</p>
<p>a)&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Milit&auml;r- und Polizeiverb&auml;nde aus Westfalen, die seit den napoleonischen Kriegen gegen Russland zogen, die Spuren ihres W&uuml;tens, Fotos ihrer Denkm&auml;ler,</p>
<p>b)&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Orte in M&uuml;nster und Umgebung, an denen sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gefangen gehalten, hingerichtet, beerdigt wurden,</p>
<p>c)&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Listen der hie umgekommenen und umgebrachten Sowjetb&uuml;rger und ihrer Gr&auml;ber (Stadt und Landkreis M&uuml;nster, D&uuml;lmen, Bocholt).</p>
<p>W&auml;hrend wir bei den Gr&auml;bern als Spuren auf die Arbeiten von Marcus Weidner zur&uuml;ckgreifen konnten, waren die anderen Zusammenstellungen Neuland. Gro&szlig; geworden sind viele von uns mit den Drohungen &bdquo;der Knecht Ruprecht kommt&ldquo; und &bdquo;die Russen kommen&ldquo;. An der Milit&auml;rgeschichte Westfalens zeigt sich konkret und exemplarisch, was die Wirklichkeit war: &bdquo;Die Deutschen kommen!&ldquo;</p>
<p>Listen der in Deutschland im 2. Weltkrieg gestorbenen Sowjetb&uuml;rger sind bisher nur aus zwei Bundesl&auml;ndern &ndash; NRW nicht &ndash; in die UdSSR weiter geleitet worden!</p>
<p>Gewidmet ist die Dokumentation</p>
<p><em>&bdquo;den zahllosen sowjetischen Opfern der in dieser Dokumentation genannten Milit&auml;r- und Polizeiverb&auml;nde aus M&uuml;nster und Westfalen.&ldquo;</em></p>
<p><em>Sie endet mit den Worten</em></p>
<p><em>&bdquo;WIR D&Uuml;RFEN NIEMALS VERGESSEN! F&Uuml;R VERS&Ouml;HNUNG UND FRIEDEN MIT DEN V&Ouml;LKERNDER SOWJETUNION!&ldquo; </em></p>
<p>Der anwesende TASS-Reporter will die Dokumentation zum Aufmache eines gr&ouml;&szlig;eren Artikels &uuml;ber das heutige Friedensseminar machen.</p>
<p>Es folgt das Referat &bdquo;Die T&auml;tigkeit der sowjetischen Friedensanh&auml;nger zur Verwirklichung einer Politik der Abr&uuml;stung in er gegenw&auml;rtigen Etappe&ldquo;, gehalten von einem etwas j&uuml;ngeren Abgesandten der Moskauer Zentrale des sowjetischen Friedenskomitees: Sein streckenweise polit-wolkiger Stil macht Zuh&ouml;rern und Mitschreiben schwer, deshalb hier nur vereinzelte Splitter:</p>
<p>Das Treffen sei ein wichtiges Ereignis der Volksdiplomatie; Raketenzerst&ouml;rung in Kasachstan; INF-Vertrag erster gemeinsamer Erfolg unserer gemeinsamen Anstrengungen, Perestroika habe gute Voraussetzungen f&uuml;r gesellschaftliche Organisationen und Bewegungen geschaffen, die T&auml;tigkeiten traditionelle Organisationen, z.B. des Friedenskomitees, weiteten sich aus; es si von der Kritik der ausl&auml;ndischen Partner gelernt worden; Diskussionsclub zu Frieden + &Ouml;kologie, Frieden + Menschenrechten seien entstanden, &bdquo;Rock f&uuml;r den Frieden&ldquo;; an des Diskussionen beteiligten sich auch solche, die fr&uuml;her als &bdquo;Dissidenten&ldquo; bezeichnet wurden; die milit&auml;risch-patriotische Erziehung habe sich fr&uuml;her bew&auml;hrt, m&uuml;sse aber jetzt auf eine neue, den heutigen Verh&auml;ltnissen entsprechende Stufe gestellt werden; ?</p>
<p>Fr&uuml;her sei das Friedenskomitee in erster Linie f&uuml;r Auslandskontakte zust&auml;ndig gewesen (in de &bdquo;Phase der Stagnation&ldquo; sei auch die politische Aktivit&auml;t der Bev&ouml;lkerung beschr&auml;nkt gewesen), jetzt angesichts einer regelrechten Explosion gesellschaftlicher Aktivit&auml;ten trete die Arbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, die Einbeziehung der Bev&ouml;lkerung immer mehr in den Vordergrund.</p>
<p>Das FK verf&uuml;ge &uuml;ber ein Informationszentrum, wo Informationen f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung erarbeitet w&uuml;rden. Ein Institut f&uuml;r Frieden und Abr&uuml;stung soll an der Akademie der Wissenschaften aufgebaut werden. (Die bisherige Konstruktion des FK von oben nach unten wird offenkundig, die Zentralisierung von Expertentum etc. Demgegen&uuml;ber wir als Gruppe von Basisaktivisten und &bdquo;Laienexperten&ldquo;.)</p>
<p><strong>10.45-12.00 Arbeitsgruppen</strong></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">1. Ursachen und Folgen des Wettr&uuml;stens</span>: Die Diskussion leidet etwas unter der Tatsache, dass hier von sowjetische Seite vor allem &Ouml;kologen versammelt sind, die auch am liebsten &uuml;ber solche Themen sprechen w&uuml;rden.</p>
<p>&nbsp;Thema Feindbilder (hierf&uuml;r waren von uns Karikaturen gesammelt worden): Die sowjetischen Partner behaupten, in der SU sei das kein Problem, gebe es keine Feindbilder; eine sonderliche Sensibilit&auml;t scheint in diesem Bereich nicht vorhanden zu sein. Propaganda a la Rambo ist ihnen neu.</p>
<p>&nbsp;&Ouml;kologie: Saurer Regen aus dem Westen, der sowjetische W&auml;lder sch&auml;digt, radioaktiver Niederschlag aus Tschernobyl, er bei uns Nahrungsmittel verstrahlt &ndash; der grenz&uuml;berschreitende Charakter &ouml;kologischer Probleme ist allen klar. Allerdings scheint man noch einem schlichten technokratischen &Ouml;kologie-Verst&auml;ndnis anzuh&auml;ngen: mit Gr&uuml;ng&uuml;rteln und entsprechendem know-how meint man, die Probleme schon in den Griff zu bekommen.</p>
<p>Bei Besuchen in der BRD trifft man wohl auch nur mit &bdquo;offiziellen&ldquo;, nie mit Alternativ-Experten zusammen.</p>
<p>Bei der Atomenergie wird der Dissens ganz deutlich, sie gilt des Sowjets weiter als unverzichtbar; aus Tschernobyl habe man die Konsequenzen gezogen (Erh&ouml;hung der Sicherheitsma&szlig;st&auml;be, AKW-Neubauten nur noch in d&uuml;nner besiedelten Regionen, weshalb auch das fast fertige AKW nahe Minsk nicht weiter gebaut wurde), das Atomm&uuml;llproblem scheint nicht sonderlich pr&auml;sent zu sein, auf die von uns vorgestellten Alternativvorschl&auml;ge reagiert man eher ungl&auml;ubig-abwertend (hier ist der Informationsstand deutlich zur&uuml;ck).</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">2. Einsch&auml;tzung des INF-Vertrages</span>: W&auml;hrend von uns der Vertrag nicht ohne bzw. mit Skepsis beurteilt wird, ist er in den Augen der FK-M&auml;nner total positiv. In der Vergangenheit habe die sowjetische Seite sich z.B. in der Frage der Kontrolle falsch verhalten, heute blockiere die USA. Angesichts des westlichen Verhaltens an den verschiedenen Verhandlungspl&auml;tzen beurteile man die weiteren Chancen von Abr&uuml;stung skeptisch. Wir fordern einseitige Abr&uuml;stungsschritte der BRD, die sowjetischen Partner&nbsp; lehnen einseitige Schritte ihres Landes ab, das Verhalten der USA gegen&uuml;ber dem sowjetischen befristeten Atomteststopp habe diesen Weg als unm&ouml;glich erwiesen. Anzustreben sei eine gleichgewichtige Abr&uuml;stung auf m&ouml;glichst niedriges Niveau. Defensivverteidigung, Aufl&ouml;sung der Milit&auml;rbl&ouml;cke seien dabei keine Tabus. Wirtschaftlichen Beziehungen ordnet man einen hohen Stellenwert zu (Entspannungsfaktor).</p>
<p>Der Diskussionsverlauf wird durch die Aneinanderreihung l&auml;ngerer Statements behindert.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">3. Die Entwicklungsl&auml;nder: Schwierigkeiten, Probleme und m&ouml;gliche L&ouml;sungswege</span> (eigentlich wollten wir dieses Thema weniger; da Umstellung nicht mehr klappt, diskutieren wir hier aus dem Stand mit)</p>
<p>*&Uuml;bereinstimmung erzielen wir weitgehend in der Sicht der Hauptprobleme und Ursachen. Einige Aspekte wie Verschuldung, Abholzung der Regenw&auml;lder, Giftm&uuml;llexporte in die 3. Welt (hier kommen aber auch die peinlichen in die DDR zur Sprache), werden erg&auml;nzt.</p>
<p>Der belorussische UN-Vertreter berichtet von der Diskussion um Statuten f&uuml;r transnationale Kooperation: seit 7 Jahren in der Mache, Vorschlag von Belorussland (es sollen jeweils z.B. die Umweltnormen des Landes international gelten, wo sie am sch&auml;rfsten sind) wurde auch von der BRD abgelehnt.</p>
<p>Gegen&uuml;ber Waffenexporten &auml;u&szlig;ern wir unsere grundlegende Ablehnung, die FK-Leute hingegen stellen die sowjetischen Lieferungen als Hilfe zur Selbstverteidigung dar.&nbsp; (Mangels konkreter L&auml;nderbeispiele unterbleibt von uns aus die Gegenargumentation, die zeigen w&uuml;rde, dass &bdquo;proletarischer Internationalismus&ldquo; bei den sowjetischen Waffenexporten schon lange nicht mehr das treibende Motiv ist, dass es vielmehr und in erster Linie um Einfluss und Macht geht)</p>
<p>Befragt zu den sowjetischen Vorschl&auml;gen/Forderungen zur Entwicklungspolitik m&uuml;ssen wir passen. Was uns dann aber genannt wird, sind auch nur Normen der allgemeinen v&ouml;lkerrechtlichen Ebene.</p>
<p>Austausch &uuml;ber Stand und Aktivit&auml;ten im Bereich der humanit&auml;ren Hilfe (der erfreulichste Aspekt, der aus der BRD zu berichten ist: sehr viele Basisaktivit&auml;ten).</p>
<p>Nach anf&auml;nglicher Gegenwehr wird sp&auml;ter doch zugegeben, dass die SU fr&uuml;her so manchen Gigantismus gef&ouml;rdert habe, Unserem Abriss einer alternativen Entwicklungspolitik (Grundbed&uuml;rfnisse, angepasste Technologien, Initiierung von Entwicklungsprozessen, nicht Expertenexport, Rolle von IWF und Weltbank) wird voll zugestimmt.</p>
<p>Von den Sowjets sprechen einige deutsch, der junge &Uuml;bersetzer spricht akzentfrei &ndash; allerdings auch reichlich arrogant. Im Plenum Zusammenfassung der Gruppenergebnisse.</p>
<p><strong>Nachmittag und Abend im Beresino-Naturschutzgebiet,</strong> zwei Stunden mit dem Bus von Minsk entfernt: Am Oberlauf der Beresina, ab 1925 errichtet, eines der &auml;ltesten Naturschutzgebiete der SU. Es besteht zu 60% aus S&uuml;mpfen, die meist noch im urspr&uuml;nglichen Zustand sind. Zzt. gebe es in der SU 23 Naturschutzgebiete mit den Aufgaben (a) Erhaltung der urspr&uuml;nglichen Natur, (b) wissenschaftliche Untersuchungen, (c) Propagierung der Ideen des Natur- und Umweltschutzes. Diarama mit Landschaftsausschnitt.</p>
<p>Museum: Naturszenen in Originalgr&ouml;&szlig;e ohne Verglasung, aber mit Ton. Elche, Marder, Wisente, W&ouml;lfe, Braunb&auml;ren, Nerz. In der Vogelabteilung konstatieren wir eine enge Verwandtschaft zwischen Beresino-Naturschutzgebiet und M&uuml;nsterland. &bdquo;Auch wir haben einen Sumpf, allerdings aus Menschengemachtem (Rieselfelder). Wir werden &uuml;berpr&uuml;fen, welche V&ouml;gel von Ihnen zu uns und welche von uns zu Ihnen fliegen.&ldquo;</p>
<p>Schule: liebevoll gestaltet. Im schuleigenen Heimatmuseum , das von Lehrern und Sch&uuml;lern aufgebaut wurde, auch ein Teil &uuml;ber den Vernichtungskrieg &ndash; drei D&ouml;rfer des Naturschutzgebietes wurden verbrannt, Bilder von in den Flammen umgekommenen Kindern. In der Schulmensa wachsen hinter der Glasfront Kakteen und andere tropische Gew&auml;chse. (&hellip;) Wegen Zeitverz&ouml;gerung f&auml;llt unser Dia-Vortrag zu Friedens- und &Ouml;ko-Bewegung in der BRD ganz aus.</p>
<p>Opulentes Abendessen, zu dem wir als Gastgeschenke westf&auml;lische Spezialit&auml;ten (Schinken, Pumpernickel, Steinh&auml;ger, Bier) anbieten. Vor allem die Fl&uuml;ssigkeiten weren voller Begeisterung aufgenommen. Die K&ouml;pfe r&ouml;ten sich, die Stimmung steigt. Einzelne witzige Toasts. Eine unserer Frauen konstatiert einen deutlichen Charme-Vorsprung der russischen M&auml;nner. Veteranen &bdquo;beanspruchen&ldquo; wegen ihrer vaterl&auml;ndischen Verdienste als erste mit Steinh&auml;ger nachversorgt zu werden. Ein Gl&uuml;ck, dass wir nur zwei solcher Flaschen dabei haben! Es w&auml;re die gro&szlig;e V&ouml;lkerfreundschaft und Wegsackerei geworden. Ein Vorbild in Selbstbeschr&auml;nkung.</p>
<p>So bleibt uns noch Kraft f&uuml;r <strong>zwei Referate zur &Ouml;kologie</strong>. Der Direktor des Instituts f&uuml;r experimentelle Botanik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR: Wie in anderen Staaten gebe es auch in der UdSSR &ouml;kologische Krisengebiete. Eingriffe in die Natur seien f&uuml;r diese immer negativ. Also sei es die Aufgabe, die Folgen dieser Eingriffe abzusch&auml;tzen. In Belorussland sei die Gewinnung von Neuland eine zentrale Aufgabe (Trockenlegung von Sumpfgebieten). Es sei gelungen, die Negativwirkungen dabei zu minimieren. Seit j&uuml;ngster Zeit spiele die &ouml;ffentliche Meinung eine zentrale Rolle: Z.B. seien in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und &ouml;ffentlicher Meinung ein Staudammprojekt zwischen Belorussland und Estland sowie ein AKW nahe Minsk zu Fall gebracht worden. (Ob es zzt. etwa gr&ouml;&szlig;ere Durchsetzungschancen von unten gegen etablierte Politik gibt als bei uns, wo die Macht- und Wirtschaftskartelle so fest im Sattel sitzen?)</p>
<p>Wolfgang B. referiert druckreif zu Altlasten und Sanierung (alte Industrieregion NRW), zu den sich entwickelnden Reaktionen der Industrie auf die Umweltkrise, zu AKW`s, Bewegung f&uuml;r`s Energiesparen. Widmung ins Museumsbuch: &bdquo;Ihr habt die Erde nur von Euren Kindern geborgt.&ldquo;</p>
<p>Nach kurzer Diskussion stimmungsvolle &Uuml;bergabe des Stapels an Gastgeschenken an die Schule, das Friedenskomitee und die &Ouml;kologen, herzlicher und langanhaltender Abschied.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">18. August</span></strong></p>
<p>Kindergarten in einem Neubauviertel: Wir werden mit Brot und Salz empfangen, F&uuml;hrung. 400 Kinder werden in Gruppen zu je 20-30 betreut &uuml;ber maximal 12 Stunden von je zwei Erzieherinnen und einer Helferin. Diese arbeiten f&uuml;nf mal sieben Stunden in der Woche f&uuml;r 100-170 Rubel/Monat, die Direktorin 230 R. Die Gruppe f&uuml;r sprachbehinderte Kinder bleibt auch &uuml;ber Nacht. Folgen &uuml;berm&auml;&szlig;igen Fernsehkonsums sind feststellbar.</p>
<p>20 putzig angezogene Kinder f&uuml;hren Lieder, T&auml;nze und Sprechst&uuml;cke vor. Eine K&uuml;chenkraft schmettert so laut ihre Lieder, dass sich einige Kinder die Ohren zuhalten. Gemeinsamer Tanz, friedensm&auml;&szlig;ige Ordensverleihung (Kinder bekommen von uns Friedens-Sticker angestickt). (&hellip;)</p>
<p>Besuch der &bdquo;Belorussischen Gesellschaft f&uuml;r Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland&ldquo;, die in einem repr&auml;sentativen Bau residiert. Erschienen sind f&uuml;r uns ein bekannter belorussischer Schriftsteller, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, Journalisten und K&uuml;nstler, der Vorsteher der Minsker Kathedrale sei verhindert.</p>
<p>Funktion von Kunst und Literatur: Ihre Hauptaufgabe heute in der SU sei, Perestroika zu unterst&uuml;tzen. Viele Schriftsteller sein zzt. in erster Linie publizistisch t&auml;tig mit Interviews, Zeitungsartikeln. &bdquo;Wenn ich viel Zeit habe, schreibe ich ein Buch. Heute haben wir wenig Zeit.&ldquo;</p>
<p>Zur Meinungsfreiheit der Vorsitzende: Zu allen Zeiten habe er so geschrieben, wie er wollte. &bdquo;Aber in gewissen Abschnitten unserer Geschichte gab es Momente, , Augenblicke, wo man ersuchte K&uuml;nstler in einen Rahmen zu zwingen.&ldquo; Seit drei Jahren gebe es v&ouml;llige Ver&ouml;ffentlichungsfreiheit, auch f&uuml;r solche, die &bdquo;emigriert wurden&ldquo;.</p>
<p>Gro&szlig;e Sympathie &auml;u&szlig;ert man gegen&uuml;ber en Gr&uuml;nen: Ihr Anliegen sei lebenswichtig, &uuml;ber ihren Aufstieg sei am sehe erfreut.&nbsp; Die T&auml;tigkeit der Gr&uuml;nen entspreche voll und ganz den Anforderungen an K&uuml;nstler hier: Probleme erkennen, sie vertiefen und anpacken. &bdquo;Die Entwicklung Eurer Partei bringt uns n&auml;her. Wir m&uuml;ssen heute das Gemeinsame und nicht das Trennende betonen.&ldquo;</p>
<p>Intensive Auseinandersetzung um Atomenergie, die &bdquo;sicherer gemacht werden soll.&ldquo; &Uuml;berrascht ist man &uuml;ber die Existenz konkreter Szenarien f&uuml;r den schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Entsprechende Zusendungen h&auml;tte man gerne. Ein Journalist und K&uuml;nstler: &bdquo;In der BRD w&auml;re ich Mitglied der Gr&uuml;nen. In ihren w&uuml;rde ich aber daf&uuml;r k&auml;mpfen, die Probleme zu Ende zu denken.&ldquo; (Hier stellt sich wieder heraus, dass wir dass wir das &ouml;kologische Interesse auf sowjetische Seite, ihr gr&uuml;nes Interesse an den Gr&uuml;nen untersch&auml;tzt haben und deshalb auch zu wenig vorbereitet waren)</p>
<p>Im Hotel <strong>Verabschiedung von Pawel</strong>, unserem immer bereiten, sehr f&auml;higen, humorigen &Uuml;bersetzer und Freund. Unser Dankgeschenk: ein Aufenthalt mit Familie in M&uuml;nster.</p>
<p><strong>Die R&uuml;ckfahrt hat sich verkompliziert</strong>: Nicht mit dem Flugzeug, geht&rsquo;s ab nach Berlin-Sch&ouml;nefeld, sondern erst mit dem Nachtzug nach Moskau (800 km &ouml;stlich), von da mit dem Flugzeug zur&uuml;ck. Den sowjetischen Verantwortlichen ist es aber gelungen, den Umweg so lohnend wie m&ouml;glich zu arrangieren.</p>
<p>20.00 Uhr Abfahrt von Minsk, eine Frau der &Ouml;ko-Gruppe sowie der Kulturpalast-Direktor sind zum Abschied erschienen.</p>
<p>Milde Abendsonne. Blick auf das Riesendenkmal &bdquo;H&uuml;gel des Ruhmes&ldquo; 21 km hinter Minsk, Erinnerung an die Befreiung Belorusslands im Juli 1944. Hier gerieten &uuml;ber 10.000 deutsche Soldaten in einen Kessel.</p>
<p>Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fahren wir durch <strong>Borisov</strong> an der Beresina. Hier fanden im Oktober 1941 Vernichtungsaktionen gegen Juden statt: Innerhalb eines Tages wurden 6.500 Juden aus dem Ghetto getrieben und in den umliegenden W&auml;lder erschossen. (Dokumentiert in Krausnick/Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges, Stuttgart 1981, S.576-580); <em><span style="text-decoration: underline;">Anmerkung 2018</span></em><em>: vgl. Paul Kohl, a.a.O., S. 113 ff. zu Borisov. Im Waldlager von Borisov befand sich das damals das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte mit Oberstleutnant Henning von Tresckow als Erstem Generalstabsoffizier, zugleich treibende Kraft im milit&auml;rischen Widerstand gegen Hitler. Im Stab der Heeresgruppe stie&szlig; das Massaker in unmittelbarer Nachbarschaft auf Emp&ouml;rung. Tresckow best&uuml;rmte den Befehlshaber der Heeresgruppe; &bdquo;Das darf nie wieder passieren. Darum m&uuml;ssen wir jetzt handeln. In Russland haben wir die Waffengewalt. Schreiten wir unnachsichtig ein, wird es Schule machen.&ldquo; Zit. Bei Bodo Scheurig, Henning von Tresckow, Berlin 2004, S. 126)</em></p>
<p>Der Zug braust &uuml;ber die weite Ebene, sternklare Nacht. Ich schaue und sp&uuml;re durch`s offene Fenster: Hinter der Ruhe, dem Frieden der Nacht das Sengen und Morden, mit dem Wehrmacht, SS, SD jahrelang dieses Land &uuml;berzogen, das endlose, namenlose Leid, das wie verflogen zu sein scheint. Das Russland des Verreckens &ndash; und der nachtr&auml;glichen Abenteuergeschichten vieler ehemaliger Soldaten.</p>
<p>Gehen 6.00 Uhr <strong>Ankunft am belorussischen Bahnhof in Moskau</strong>. (&hellip;) Allen Schwierigkeiten zum Trotz schafft Joachim uns doch noch eine F&uuml;hrerin f&uuml;r die Stadtrundfahrt herbei &ndash; und die hat sich mit ihrer fr&ouml;hlichen Frechheit gewaschen.</p>
<p>W&auml;hrend das Hotel in einer &bdquo;besseren&ldquo; Gegend liege, gebe es andererseits einige &auml;rmliche Viertel. Ein Viertel der Moskauer lebe in kommunalen Wohnungen, d.h. mehrere Familienm&uuml;ssen sich eine K&uuml;che teilen etc. Br&uuml;hwarm tischt sie uns die neuesten Katastrophenmeldungen auf: Von dem Zugungl&uuml;ck zwischen Moskau und Leningrad mitten in den S&uuml;mpfen. &bdquo;Aber Sie haben ja Ihre Eisenbahnfahrt hinter sich.&ldquo; Vom Flugzeugabsturz des pakistanischen Pr&auml;sidenten. &bdquo;Aber &ndash; seien Sie beruhigt &ndash; die Chancen eines Absturzes stehen 1: 1 Mio.&ldquo;</p>
<p>Bei der Lomonossow-Universit&auml;r spricht sie vom gigantomanischen Baustil. Kalinin-Prospekt, Arbat. Bei &auml;lteren H&auml;usern kommt sie auf die verheerende Stadtplanung zu sprechen, der schon viele sch&ouml;ne Ecken zum Opfer gefallen seien. So stand an der Stelle des gro&szlig;en Freibades im Zentrum die gro&szlig;e Kathedrale. F&uuml;r Leningrad, die &bdquo;sch&ouml;nste Stadt der Welt&ldquo;, ist es ein Gl&uuml;ck gewesen, dass es nicht zum Regierungssitz wurde. Denn dann w&auml;re auch viel zerst&ouml;rt worden. Gegen die Zerst&ouml;rungen habe es Proteste, Demonstrationen, Presseberichte, ja Blockaden gegeben. Studenten, die sich daran beteiligten, seien auf Schwarze Listen gekommen und benachteiligt worden.</p>
<p>Kreml von der Moskwa-Seite: Neben dem Schloss die verschiedenen goldkuppeligen Kirchen, die jede f&uuml;r eine Station im Leben der Zarenfamilie stehen, von der Geburt bis zum Tod.</p>
<p>Auf dem Roten Platz gibt sie ihre letzte Vorf&uuml;hrung_ Kaum noch vor Lachen halten kann sie sich, als sie uns erz&auml;hlt, , nun erlebe sie schon den dritten Tod Stalins &ndash; seinen leiblichen, seine Ausquartierung aus dem Lenin-Mausoleum, und nun wisse man nicht, wohin mit ihm. Zu den neu geschriebenen Geschichtsb&uuml;chern: Verwunderlich sei nur, wer die Autoren seien &ndash; die alten!</p>
<p><strong>&bdquo;Freigang&ldquo; vorbei am Grab des &bdquo;Unbekannten Soldaten&ldquo;</strong> (&hellip;) und den Gedenksteinen f&uuml;r die &bdquo;Heldenst&auml;dte&ldquo; durch dichten Fu&szlig;g&auml;ngerverkehr zum Arbat-Platz: In der Unterf&uuml;hrung sind mindesten 20 Portraitmaler am Werk. In der anschlie&szlig;enden breiten Fu&szlig;g&auml;ngerzone massenweise k&uuml;nstlerische Umtriebe in Gesch&auml;ften und auf der Stra&szlig;e, echt buntes, allen Vorstellungen vom grauen Osten widersprechendes Leben. &Uuml;berhaupt gef&auml;llt uns Moskau bei der heutigen Kurzvisite viel, viel mehr als vor neun Jahren, als das Stadtbild noch von Parolen gepr&auml;gt war. Jetzt ist`s eine stressige, aber &auml;u&szlig;erst lebendige Riesenstadt mit Sch&ouml;nheiten. Zugleich springen die endlosen Wohnmaschinen ins Auge, getrennt von gro&szlig;z&uuml;gigen Stra&szlig;enz&uuml;gen und Parkanlagen. Wie weit sind wir hier weg vom kleinen und &uuml;berschaubaren M&uuml;nster &ndash; und wohl wie nahe der Zukunft eines Gro&szlig;teils der Menschheit.</p>
<p>Knappe zwei Stunden Flug nach Berlin-Sch&ouml;nefeld (&hellip;) Gegen Mitternacht zur&uuml;ck in M&uuml;nster. Wir haben das Gef&uuml;hl, als seien wir mehrere Wochen fort gewesen!</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">&nbsp;</span></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auswertungsgespr&auml;ch eine Woche sp&auml;ter</span></strong>: (&hellip;) Zufriedenheit mit Programm, Organisation und Leitung hoch und allgemein. Mit dem IBB und Joachim als unsrem Reiseleiter waren wir ausgezeichnet bedient. Wir k&ouml;nnen beide dringend weiterempfehlen!</p>
<p>Dass wir fast nur Kontakte mit der mittleren Generation hatten, lag schlichtweg an der Ferienzeit. Auff&auml;llig war aber die recht hochrangige Zusammensetzung unserer sowjetischen Gespr&auml;chspartner. Zumindest auf der Gewerkschaftsschiene waren wir die erste (teil-)gr&uuml;ne Gruppe in Belorussland. Einige bem&auml;ngeln, dass die sowjetische Seite relativ wenig Neugier gezeigt habe gegen&uuml;ber den Verh&auml;ltnissen und den Politik-Alternativen in der BRD. Aber vielleicht hing das auch damit zusammen, dass wir durch h&auml;ufige Vergleichsfragen (&bdquo;bei uns wird das so gemacht/diskutiert, wie bei Ihnen?&ldquo;) der Neugier das Wasser abgruben, die andere Seite unter Rechtfertigungszwang setzten. Denn immer wieder wurde deutlich, dass wir vorne waren in Problembewusstsein, ihnen ihr Bild vom technisch-wissenschaftlich-etc.-fortschrittlichen Westen ankratzten.</p>
<p>Unverkennbar war auch die Konsensorientierung auf sowjetische Seite (&bdquo;das Gemeinsame betonen, das Trennende hintanstellen&ldquo;), die Betonung von Einheit, die wir ja auch aus der hiesigen traditionellen Szene kennen. Demgegen&uuml;ber bei uns, in der links.-alternativen Szene eher Dissens-Orientierung, Primat der kritischen Abgrenzung.</p>
<p>Auch wenn manche Gespr&auml;chspartner nicht frei waren von ideologischer Phraseologie, auch wenn zu Perestroika stellenweise vorsichtig formuliert wurde (sich nicht zu weit aus dem Fenster h&auml;ngen), so waren die Gespr&auml;che insgesamt doch offen und ergiebig.</p>
<p>Sehr zufrieden konnten wir schlie&szlig;lich mitunserer eigenen Vorbereitung sein, mit dem vorz&uuml;glich klappenden Wechsel der Verantwortlichkeiten bei den verschiedenen Besuchen und Gespr&auml;chen, mit unseren Gastgeschenken.</p>
<p><strong>Die Begegnungsreise wird einiges nach sich ziehen:</strong></p>
<p>- Artikel werden gemacht f&uuml;r die Tages- und Alternativpresse und andere Publikationen,</p>
<p>- ein Dia-Vortrag wird zusammengestellt, auf eigenen Veranstaltungen pr&auml;sentiert sowie anderen Gruppen angeboten. Er soll erg&auml;nzt werden um Bilder zum Vernichtungskrieg, so dass damit ein weiterer Vortrag (&bdquo;Krieg gegen die SU&ldquo;) zur Verf&uuml;gung steht;</p>
<p>-. eine Ausstellung f&uuml;r den Info-Stand</p>
<p>- Veranstaltung im November zu Vernichtungskrieg und Aktualisierungen;</p>
<p>- Aktivit&auml;ten zu den offiziellen Veranstaltungen zum Volkstrauertag;</p>
<p>- Materialpakete an die Deutsch-Lehrerinnen, global family, den belarussischen Schriftstellerverband und das Friedenskomitee;</p>
<p>- die Einladung, Bewirtung usw. von Pawel</p>
<p>M&uuml;nster, September 1988&nbsp;&nbsp;&nbsp; Winni Nachtwei</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Pressever&ouml;ffentlichungen</span></strong></p>
<p>- Ganzseitiger Artikel in &bdquo;Wetscherni Minsk&ldquo; (Minsker Abendzeitung), Zeitung des Minsker Stadtkomitees der Kommunistischen Partei Wei&szlig;russlands (240.000 Auflage) zum &bdquo;Internationalen Gedenktag f&uuml;r die Opfer des Faschismus&ldquo;, 10.9.1988</p>
<p>- Westf&auml;lische Nachrichten 13,10.1988, M&uuml;nstersche Zeitung 21.10.1988</p>
<p>- Stadtblatt M&uuml;nster 12.11.1988, Raster 49/1988 (Sch&uuml;lerzeitung Gymnasium D&uuml;lmen)</p>
<p>- Gr&uuml;ne Zeitung 11/1988</p>
<p>- KlarText Nr. 14, hrsg. vom AK &bdquo;&Uuml;berleben durch Abr&uuml;stung&ldquo; M&uuml;nster</p>
<p><strong><em><span style="text-decoration: underline;">Nachbemerkung </span></em></strong><em><span style="text-decoration: underline;">(2018):</span></em></p>
<p><em>Am 17. Oktober 1988, zwei Monate nach unserem Besuch in Chatyn bei Minsk, erfuhr ich in der Tagesschau von dem mutma&szlig;lichen, in M&uuml;nster lebenden Kriegsverbrecher Boleslavs Maikovskis. Dem ehemaligen Hauptmann der lettischen Hilfspolizei wurde vorgeworfen, ma&szlig;geblich an der Ermordung von 170 Einwohnern des ostlettischen Dorfes Audrini im Januar 1942 beteiligt gewesen zu sein. Vor dem Chatyn-Hintergrund wurde ich hellh&ouml;rig, fand in meinem Archiv Dokumente zu Audrini und gab sie an den WDR weiter. Kurz sp&auml;ter machte mich Paul Wulff auf den Bericht des M&uuml;nsteraners Siegfried Weinberg aufmerksam, der im Dezember 1941 mit dem &bdquo;Bielefelder Transport&ldquo; ins Ghetto Riga deportiert worden war. So kamen die Steine ins Rollen: Erster Riga-Besuch im Sommer 1989, noch zur sowjetischen Zeit, aber bei aufbrandender Unabh&auml;ngigkeitsbewegung; am 12.12.1988 mein erster Vortrag &bdquo;Verschollen in Riga&ldquo; &ndash; am 48. Jahrestag der M&uuml;nster-Deportation; 1990-1994 Beobachtung des Maikovskis-Prozesses am Landgericht M&uuml;nster; &bdquo;Entdeckung&ldquo; der Villa ten Hompel, Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei im Wehrkreis VI und seine Verwicklung in die Bewachung der Deportationsz&uuml;ge und Aufstellung von Reserve-Polizei-Bataillonen f&uuml;r den Kriegs- und Vernichtungseinsatz &hellip; </em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">ANHANG </span></strong>(Ausz&uuml;ge):</p>
<p><strong>Kriegsspuren &ndash; </strong>Dokumentation&uuml;ber</p>
<p><strong>Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und anderer Kriege gegen Russland in M&uuml;nster </strong>(1988)</p>
<p>Unter <a href="http://www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1539">www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1539</a> &nbsp;</p></div>


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