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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: &quot;Afghanistaneinsatz auf der Klippe im Nebel&quot; Mein Artikel in &quot;EuropÃ¤ischer Sicherheit &amp; Technik&quot; 2/21. SOFORT RAUS!? - und dann Durchbruch zum Frieden? Oder &quot;nach uns die Sintflut&quot;?</title>
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    <span class="xar-mod-title">Irak + Artikel von Winfried Nachtwei fÃ¼r Zeitschriften u.Ã¤.</span>

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            &quot;Afghanistaneinsatz auf der Klippe im Nebel&quot; Mein Artikel in &quot;EuropÃ¤ischer Sicherheit &amp; Technik&quot; 2/21. SOFORT RAUS!? - und dann Durchbruch zum Frieden? Oder &quot;nach uns die Sintflut&quot;?         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 4. Februar 2021 19:00:44 +02:00 (74258 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Laut US-Taliban-Abkommen vom Februar 2020 sollen bis Ende April alle internationalen Truppen (und zus&auml;tzlich alle nicht-diplomatischen Kr&auml;fte) Afghanistan verlassen. Im Gegenzug sollen die Taliban gew&auml;hrleisten, dass internationale Terrorgruppen von Afghanistan aus nicht mehr die Sicherheit der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten bedrohen k&ouml;nnen. Noch 85 Tage! K&ouml;nnen/wollen die Taliban ihre Zusage einhalten? Was w&auml;ren die Folgen eines kurzfristigen Komplettabzuges in Anbetracht der Welle von Anschl&auml;gen und gezielten T&ouml;tungen vor allem von demokratischen Kr&auml;ften in den letzten Monaten? W&uuml;rde er die Verhandlungen, Kompromissfindung f&ouml;rdern, Schritte zu mehr Frieden bringen - oder einen Absturz, wie es die Afghanen schon Mal ab 1992 erlitten haben? Nr. 2 der Reihe &quot;Bilanz 20 Jahre AFG-Einsatz&quot;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Afghanistaneinsatz auf der Klippe im Nebel </strong>(aktuelle Nachtr&auml;ge folgen)</p>
<p align="center">Winfried Nachtwei (18.01./04.02.2021)</p>
<p align="center"><em>(ver&ouml;ffentlicht in &bdquo;Europ&auml;ische Sicherheit &amp; Technik&ldquo; 2/2021 etwas gek&uuml;rzt) </em></p>
<p>Vor 19 Jahren begann mit dem multinationalen Afghanistaneinsatz der gr&ouml;&szlig;te, komplizierteste, teuerste und bei weitem opferreichste Kriseneinsatz der (westlichen) Staatengemeinschaft, der NATO und Deutschlands, legitimiert durch den UN-Sicherheitsrat, begleitet von der politischen UN-Mission UNAMA. Ausschlaggebende Ziele waren B&uuml;ndnissolidarit&auml;t mit den am 11. September 2001 terroristisch angegriffenen USA,&nbsp; die Verfolgung der Drahtzieher der Terrorangriffe und die Beseitigung des &bdquo;sicheren Hafens&ldquo; internationaler Terrorgruppen in Afghanistan. Nach dem schnellen Sturz des Talibanregimes kam &ndash; als strukturelle Terrorprophylaxe - die Stabilisierung, F&ouml;rderung verl&auml;sslicher Staatlichkeit und Entwicklung in einem von 23 Kriegs- und Terrorjahren zerr&uuml;tteten Land hinzu.</p>
<p>2015/16 scheiterte der erste Anlauf, den multinationalen Milit&auml;reinsatz insgesamt zu Ende zu bringen.&nbsp; Die beratende ISAF-Nachfolgemission Resolute Support musste verl&auml;ngert und wieder etwas mehr in die Fl&auml;che gebracht werden.</p>
<p>Am 29. Februar 2020 vereinbarte die Trump-Administration im Alleingang vertraglich mit den Taliban den Abzug aller internationalen Streitkr&auml;fte einschlie&szlig;lich allen nicht-diplomatischen Personals, privater Sicherheitsdienste, Ausbilder und Berater bis zum 30. April 2021, gebunden an die Zusage der Taliban, dass von Afghanistan keine Bedrohung mehr f&uuml;r die USA und ihre Verb&uuml;ndeten ausgehen w&uuml;rde. Angek&uuml;ndigt wurde die Aufnahme innerafghanischer Friedensverhandlungen f&uuml;r den 10. M&auml;rz. Diese begannen in Doha nach heftigem Gezerre um gegenseitige Gefangenenfreilassungen aber erst am 12. September.</p>
<p>Die mangelnde Zug&auml;nglichkeit weiter Landesteile, immer weniger Sensoren in der Fl&auml;che und die exzessive Geheimhaltung unter der Trump-Administration behindern gegenw&auml;rtig ein differenziert-realistisches Lagebild.</p>
<p>Tage nach dem Amtsantritt des neuen US-Pr&auml;sidenten, wenige Wochen vor dem NATO-Verteidigungsministertreffen und keine zweieinhalb Monate vor dem vereinbarten Abzugstermin sind die Perspektiven des NATO-Einsatzes und die Zukunft Afghanistans an Ungewissheiten und krassen Risiken kaum zu &uuml;berbieten.</p>
<p><strong>Internationale Streitkr&auml;fte und zivile Kr&auml;fte</strong></p>
<p>2011, in der Hochphase breiter Aufstandsbek&auml;mpfung, umfasste ISAF &uuml;ber 130.000 Soldaten, davon 90.000 US-Kr&auml;fte. Anfang 2015 starteten die Nachfolgemission Resolute Support &nbsp;mit dem ausdr&uuml;cklichen &bdquo;non-combat&ldquo;-Auftrag, die Spitzenebene der afghanischen Streitkr&auml;fte (Ministerium, Corps, zentrale Schulen) zu beraten und zu unterst&uuml;tzen (auch z.B. durch Lufttransport, Aufkl&auml;rung). Weiterer Auftrag von RSM waren Schutz und ggfs. Evakuierung angezeigter ziviler Kr&auml;fte der internationalen Gemeinschaft (&bdquo;in extremis support&ldquo;). Bei dem Talibanangriff auf das deutsche Generalkonsulat in Mazar-e Sharif im November 2016 konnte die gesamt Belegschaft in Sicherheit gebracht werden.</p>
<p>Im Auftrag der Bundesregierung arbeiten zzt. in Afghanistan noch 23 deutsche Polizeiberater und eine niedrige zweistellige Zahl von internationalen Entwicklungsexperten mit &uuml;ber 1.000 Ortskr&auml;ften. Trotz der prek&auml;ren Lage laufen noch mehr EZ-Projekte, als von au&szlig;en wahrgenommen wird. Beispielhaft daf&uuml;r steht das Programm Technische und berufliche Bildung (TVET) in Kabul und Nordafghanistan, seit 2011 gef&ouml;rdert von der Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau/KfW in Kooperation mit PEM Consult mit berufsbildenden Schulen/Akade-mien in Kabul, Kunduz, Taloqan und &ndash; am gr&ouml;&szlig;ten &ndash; der TVET-Campus Takhta Pul bei Mazar () oder die Schullandschaft Jaghori, seit vielen Jahren unterst&uuml;tzt vom seit 1980 (!) bestehenden Freundeskreis Afghanistan.<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> Sie stehen f&uuml;r lokal eingebettete Projekte mit unmittelbarem, greifbarem Nutzen f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung, die laut Meta-Review zur internationalen Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan am besten funktioniert haben.<a title="" href="#_ftn2">[2]</a></p>
<p>Flankierend zu RSM agiert die US-Operation Freedom`s Sentinel (OFS) mit dem Doppel-auftrag Counterterrorism-Operationen gegen Al Qaida, IS und Verb&uuml;ndete und &uuml;ber die RSM-Beratung hinaus auch die Stellung von Combat-Enablers wie Luftnahunterst&uuml;tzung und Aufkl&auml;rung f&uuml;r die afghanischen Sicherheitskr&auml;fte (ANDSF).</p>
<p>Stationiert sind die internationalen Streitkr&auml;fte in der &bdquo;Nabe&ldquo; Kabul und vier &bdquo;Speichen&ldquo; mit den Train, Advise, Assist Commands (TAAC) Capital (T&uuml;rkei), North (Deutschland), East (USA), South (USA), West (Italien). Die Koalitionskr&auml;fte umfassten im Juni 2020 rund 16.000 Soldaten aus 38 Staaten. Im Januar 2021 umfassen RSM und OFS rund 12.000 Soldaten. Die angezeigten US-Kr&auml;fte&nbsp; gingen von 12.000 im Februar 2020 &uuml;ber 8.600 im Juli auf 2.500 im Januar 2021 zur&uuml;ck. Zu den zehn in 2020 geschlossenen US-Basen geh&ouml;ren Tarin Kowt/Uruzgan, Camp Shaheen/Balkh und Maimanah/Faryab. Auf Kandahar Airfield, dem fr&uuml;her gr&ouml;&szlig;ten NATO-St&uuml;tzpunkt, soll sich nur noch eine Handvoll US-Soldaten befinden.<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> .Zweitgr&ouml;&szlig;ter Truppensteller ist Deutschland mit rund 1.060 Soldaten, gefolgt von Gro&szlig;britannien, Italien, Georgien, Rum&auml;nien und der T&uuml;rkei. Die Nordregion umfasst allein eine Fl&auml;che der halben Bundesrepublik. Das TAAC-N mit seinen 22 Nationen ber&auml;t das 209. ANA-Corps in Mazar-e Sharif und das 217. Corps in Kunduz. Im letzten November wurde das st&auml;ndige deutsche Beraterteam aus Camp Pamir in Kunduz abgezogen. Eine flexible Beratung des 217. Corps (auch mit &bdquo;fly to advise&ldquo;) findet weiterhin statt.</p>
<p>Bisher war schon ein Handicap der Beratungst&auml;tigkeit, dass sie weit entfernt war von der Umsetzungs- und Einsatzrealit&auml;t der Brigaden und Kandaks. Die Corona-Pandemie erschwert sie noch mehr, erlaubt kaum noch die sonst so wichtigen pers&ouml;nlichen Kontakte.</p>
<p>Die Afghan Air Force, die ANA Special Forces (eine Art spezialisierte Infanterie) und die F&auml;higkeit zum Gefecht der verbundenen Waffen stehen f&uuml;r besondere Fortschritte beim Aufbau der ANA, der zugleich seit Jahren eine erhebliche &bdquo;Schwundrate&ldquo; zu schaffen macht.</p>
<p>Wieweit die US-Streitkr&auml;fte mit einem Kontingent wie in der Startphase 2001 die notwendigen Enabler (close air support, Lufttransport, Spezialkr&auml;fte etc.) f&uuml;r die Verb&uuml;ndeten und vor allem die ANDSF noch ausreichend stellen k&ouml;nnen, ist sehr zu bezweifeln &ndash; auch wenn die real f&uuml;r Afghanistan zur Verf&uuml;gung stehenden Kr&auml;fte weit &uuml;ber den angezeigten Zahlen liegen und wenn man die auf Al Udeid Air Base/Katar stationierten Kampfflugzeuge sowie rund 10.000 US-Contractors hinzuz&auml;hlt.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a></p>
<p>Im deutschen&nbsp; RSM-Kontingent wird ein m&ouml;glicher kurzfristiger Abzug vorbereitet,&nbsp; milit&auml;rische F&auml;higkeiten sollen bisher nicht zur&uuml;ckverlegt worden sein. Was sonst etliche Monate brauchen w&uuml;rde, k&ouml;nnte auch in einigen Wochen geschafft werden, dann aber nicht mehr so ordnungsgem&auml;&szlig; wie sonst.</p>
<p>Das Mandat von UNAMA verl&auml;ngerte der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 2513 vom 15.09.2020 bis zum 17.09.2021. Im Dezember 2019 umfasste UNAMA mit seinen 26 UN-Country-Team-Mitgliedern &uuml;ber 1.200 Personen, davon 833 Ortskr&auml;fte, 310 Internationale und 68 UN-Volunteers (Oktober 2020 270 Internationale, davon 5 Deutsche).</p>
<p><strong>Verhandlungsprozess</strong></p>
<p>17 Jahre lang hatten die USA und die ISAF-Truppensteller sich &ndash; abgesehen von einzelnen Sondierungen auch von deutscher Seite - nicht ernsthaft um eine Verhandlungsl&ouml;sung mit den Taliban bem&uuml;ht.&nbsp; Viel zu lange dominierte auf Seite der st&auml;rksten Milit&auml;rmacht der Welt die Illusion, eine Aufstandsbewegung wie die Taliban milit&auml;risch besiegen zu k&ouml;nnen. Verhandlungsbereitschaft entstand erst, als die strategische Schw&auml;che und schrumpfende Durchhaltef&auml;higkeit von Regierung und NATO un&uuml;bersehbar war. Auch wenn das US-Taliban-Abkommen unter Verdacht stand, in erster Linie den USA unter Trump einen gesichtswahrenden Abzug&nbsp; erm&ouml;glichen zu sollen, wurde es als T&uuml;r&ouml;ffner zu einem Verhandlungsprozess genutzt.</p>
<p>Alle Erfahrungen mit Friedensprozessen gerade in B&uuml;rgerkriegen zeigen, dass angesichts langj&auml;hriger beidseitiger Verfeindung Kompromissf&auml;higkeit und Einigungen nicht in wenigen Monaten zu schaffen sind und Zeit brauchen.</p>
<p>Die Twitter-Ank&uuml;ndigung des US-Pr&auml;sidenten, das US-Kontingent zu Weihnachten mehr als zu halbieren, gab den Taliban weiter Auftrieb.</p>
<p>Im Auftrag des Ausw&auml;rtigen Amtes unterst&uuml;tzt ein Team der in solchen Prozessen sehr erfahrenen Berliner Berghof-Foundation das Verhandlungsteam der Afghanischen Republik.</p>
<p>Deutsche Mediationsexperten berichteten aus Doha, dass dort die gegnerischen Parteien im Unterschied zu anderen Friedensprozessen immerhin respektvoll und ernsthaft miteinander sprechen w&uuml;rden. Dass sich die Parteien nach zwei Monaten auf Verfahrensregeln einigen und &uuml;ber Themen der k&uuml;nftigen Agenda austauschen konnten, gilt als relativer Erfolg. Im Januar k&ouml;nnte damit begonnen werden, &uuml;ber substantielle Themen zu sprechen.<a title="" href="#_ftn5">[5]</a>&nbsp; Der von den Vertretern der Republik, der Bev&ouml;lkerung und international breit geforderte umfassende Waffenstillstand wird von den Taliban kategorisch abgelehnt. Hier k&ouml;nnte eine Rolle spielen, dass Talibank&auml;mpfer dann zu offenen Gegnern der Verhandlungen wie den IS &uuml;berlaufen k&ouml;nnten.</p>
<p><strong>(Un-)Sicherheitslage</strong></p>
<p>Die verbreitete Hoffnung, mit den Verhandlungen w&uuml;rden Terror und Krieg in Afghanistan nachlassen, wurde bitter entt&auml;uscht. Die Koalitionskr&auml;fte blieben seit dem Abkommen wohl weitestgehend von Angriffen verschont. Die Angriffe auf die ANDSF und damit auch auf die Bev&ouml;lkerung wurden hingegen sogar intensiviert.</p>
<p>Tagesmeldungen TOLONEWS 15. Januar: Bei einem Angriff auf einen Au&szlig;enposten im Distrikt Imam Shahib in der Provinz Kunduz wurden 12 Polizisten get&ouml;tet und &uuml;ber zehn verwundet.<a title="" href="#_ftn6">[6]</a> Bei einem Drohnenangriff auf das 217. Corps in Kunduz soll ein Milit&auml;rflugzeug besch&auml;digt worden sein. Nach dem Freitagsgebet griff in Kunduz eine w&uuml;tende Menge begleitet von einem Imam das lokale Radio Zhora an und zerst&ouml;rte die Einrichtung. Zwei weitere Stationen konnten gesch&uuml;tzt werden. In den letzten 24 Stunden habe es in 21 der 34 Provinzen Zusammenst&ouml;&szlig;e zwischen ANDSF und Aufst&auml;ndischen gegeben. Am Vortag: In 2020 gab es 130 Gewaltakte gegen Journalisten in Afghanistan. F&uuml;nf Nachrichtensprecher, drei Reporter, ein Kameramann und ein Fahrer wurden ermordet. In sechs Monaten wurden zehn Radiostationen zum Schweigen gebracht.</p>
<p>Die UN meldete f&uuml;r den Zeitraum 13. Juli bis 12. November 2020 10.439 Sicherheitsvorf&auml;lle (plus 18% gegen&uuml;ber dem Vorjahreszeitraum), davon 63% bewaffnete Zusammenst&ouml;&szlig;e (plus 38%) und 389 Mordanschl&auml;ge (plus 21%). Die vermehrten Mordanschl&auml;ge gegen Personen der Zivilgesellschaft blieben meist ohne Bekennererkl&auml;rung. Laut Brookings Afghanistan Index<a title="" href="#_ftn7">[7]</a> fielen 2020 mehr als 10.000 afghanische Soldaten und Polizisten, also rund 30-40 pro Tag. Die meisten Sicherheitsvorf&auml;lle gab es in den Provinzen Kandahar, Helmand, Nangarhar und Balkh, der fr&uuml;heren Stabilit&auml;tsinsel&nbsp; um Mazar-e Sharif. Der Oktober 2020 war der Monat mit den meisten bewaffneten Zusammenst&ouml;&szlig;en seit Beginn der Z&auml;hlung in 2007.</p>
<p>Laut Global Terrorism Index (2020) entfielen 2019 41% aller Terroropfer weltweit auf Afghanistan.&nbsp; Die h&ouml;chste Zahl an Terrortoten gab es mit 500 in der Provinz Kunduz, ein Anstieg um 77% gegen&uuml;ber dem Vorjahr.<a title="" href="#_ftn8">[8]</a></p>
<p>Die Corona-Pandemie brachte die Konfliktparteien nicht zusammen, obwohl sie f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung eine extreme zus&auml;tzliche Bedrohung darstellt. Laut Bericht des Afghanistan Analysts&nbsp; Network vom Oktober 2020 sei sch&auml;tzungsweise ein Drittel der Bev&ouml;lkerung infiziert. Die Todesrate liege wahrscheinlich bei Hunderttausenden und &uuml;bertreffe damit wahrscheinlich die Gesamtzahl aller Kriegs- und Terrortoten in Afghanistan seit 2001.<a title="" href="#_ftn9">[9]</a></p>
<p><strong>Perspektiven: Ausblick im Nebel</strong></p>
<p>Ob die neue US-Administration zur NATO-Verteidigungsministerkonferenz Mitte Februar ihre Afghanistanstrategie gekl&auml;rt hat, ist ungewiss und keineswegs zwingend. Absehbar ist aber, dass unter einem Pr&auml;sident Biden keine Kehrtwende zur&uuml;ck zu einem massiveren Einsatz geben wird. Als Vizepr&auml;sident unter Obama hielt er den damaligen Surge f&uuml;r falsch. Der designierte Nationale Sicherheitsberater Jack Sullivan votierte im August f&uuml;r einen Truppenabzug innerhalb der ersten 100 Tage von Bidens Amtszeit, Biden selbst f&uuml;r den Verbleib von einigen tausend US-Spezialkr&auml;ften f&uuml;r Antiterroroperationen.</p>
<p>F&uuml;r eine Verschiebung des Abzugsdatums k&ouml;nnte ins Feld gef&uuml;hrt werden, dass laut UN-Bericht vom 30.04.2020<a title="" href="#_ftn10">[10]</a> die Verbindungen zwischen Taliban und Al Qaida noch keineswegs gekappt sein sollen und dass die innerafghanischen Gespr&auml;che erst mit sechs Monaten Versp&auml;tung begannen. Sollte man sich nicht einigen, k&ouml;nnten die Taliban bei Verbleib internationaler Truppen &uuml;ber den 30. April hinaus den Waffenstillstand gegen&uuml;ber den Koalitionskr&auml;ften aufk&uuml;ndigen. Dar&uuml;ber k&ouml;nnte der ganze Verhandlungsprozess zusammenbrechen. Doha-Insider sehen aber bei den Taliban ein gro&szlig;es Interesse, das Abkommen mit den USA in der Grundstruktur zu erhalten.</p>
<p>Ein kompletter Blitzabzug zum 30. April w&uuml;rde die &uuml;berlebensnotwendigen Beratungs-, Nachschub- und Finanzierungsinfusionen f&uuml;r die ANDSF und den afghanischen Staat &auml;u&szlig;erst erschweren, vielleicht unm&ouml;glich machen. Die ANDSF w&auml;ren vermehrt den Taliban ausgeliefert. Die Gefahr gilt als &bdquo;sehe real&ldquo;, dass dies in einen entfesselten B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hren k&ouml;nnte. Auch wenn sich Geschichte nicht einfach wiederholt, dr&auml;ngt sich die Erinnerung an 1992 auf.<a title="" href="#_ftn11">[11]</a> Im Bewusstsein der afghanischen Geschichte sollen sich, wie es hei&szlig;t, Machthaber und Fraktionen auf ein solches Szenario vorbereiten. Auf der Hand liegt, dass ein&nbsp; solcher Super-GAU wieder massenweise Menschen in die Flucht treiben w&uuml;rde &ndash; und das sicher nicht in Richtung USA.</p>
<p>Das w&auml;re ein Mehrfach-Desaster: f&uuml;r die kriegsgepr&uuml;ften Menschen in Afghanistan, f&uuml;r die regionale und internationale Sicherheit, f&uuml;r die UN wie die NATO und die Bundesrepublik. Es w&auml;re nicht zuletzt ein Totalschaden f&uuml;r die Glaubw&uuml;rdigkeit westlicher und auch deutscher Sicherheitspolitik.</p>
<p>Auch wenn die Klippe des 30. April umschifft werden k&ouml;nnte, bliebe die Schere zwischen einem Verhandlungsprozess, der sicher nicht in 2021 zu einem Ergebnis kommt, und einer deutlich fr&uuml;her endenden internationalen Truppenpr&auml;senz. Hier k&auml;me es dann wesentlich darauf an, die Vertrauensbildung zwischen den Parteien zu f&ouml;rdern und ihnen Unterst&uuml;tzungs-angebote zu machen, die das k&uuml;nftige Afghanistan existentiell braucht.&nbsp; Die Taliban haben den dringenden Bedarf internationaler Unterst&uuml;tzung deutlich signalisiert. Die EU hat mit ihren &bdquo;Schlussfolgerungen zum Friedensprozess in Afghanistan und zur k&uuml;nftigen Unterst&uuml;tzung der EU f&uuml;r die Befriedung und Entwicklung des Landes&ldquo; vom Mai 2020 ein klares, aber auch nicht bedingungsloses Angebot macht.<a title="" href="#_ftn12">[12]</a></p>
<p>Nach Auffassung der Bundesregierung soll die deutsche Stabilisierungs- und Entwicklungs-unterst&uuml;tzung weiter laufen. Diese k&ouml;nnte auf eine gewisse personelle Pr&auml;senz im Land nicht verzichten. Daf&uuml;r m&uuml;sste ein Arrangement jenseits des US-Taliban-Abkommens gefunden werden, das auch die Sicherheit der Entsandten auch vor der extremen Kriminalit&auml;t gew&auml;hrleistet. Wie soll das gehen?</p>
<p><strong>Hausaufgaben</strong></p>
<p>Bei der im M&auml;rz anstehenden Mandatsdebatte zu RSM geht es um die Schl&uuml;sselfrage, wie Deutschland am wirksamsten den Verhandlungsprozess unterst&uuml;tzen und zur Verh&uuml;tung eines entfesselten B&uuml;rgerkrieges wie ab 1992 beitragen kann. Angesichts der &auml;u&szlig;erst ungewissen und kritischen Lageentwicklung kommt es vor allem auf die flexible Gestaltung des Mandats und eine geb&uuml;hrende Beachtung der zivilen Komponenten, insbesondere auch der polizeilichen an. Mehr Beachtung und Unterst&uuml;tzung ben&ouml;tigen auf jeden Fall UNAMA und die UN-Nebenorgane und &ndash;Sonderorganisationen. Angesichts der wuchernden Unsicherheit und Herausforderungen muss ihr &bdquo;letztes Netz&ldquo; erhalten und gest&auml;rkt werden.</p>
<p>Zigtausende deutsche Frauen und M&auml;nner arbeiteten seit 2002 in Afghanistan im &ouml;ffentlichen Auftrag und nahmen dabei gro&szlig;e Belastungen und Risiken in Kauf. F&uuml;r ihre Leistungen erfuhren sie hierzulande in der Gesellschaft zu wenig Anerkennung. Ihnen, vor allem denjenigen, die als Soldaten verwundet zur&uuml;ckkehrten, die dort Kameraden verloren, stellt sich jetzt die Frage &bdquo;War alles umsonst?&ldquo; Sie alle d&uuml;rfen mit dieser schmerzhaften Frage nicht allein gelassen werden, Sie brauchen dazu von ihren politischen Auftraggebern eine ehrliche und glaubw&uuml;rdige Kommunikation. Dazu geh&ouml;rt auch, endlich aus dem Afghanistaneinsatz bestm&ouml;glich zu lernen.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Vortragsangebot</span>: &bdquo;19 Jahre deutscher Afghanistaneinsatz im vernetzten Ansatz: Erfahrungen, Bilanz, Perspektiven &ndash; war alles umsonst?&ldquo; (illustriert, auch online)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Zur Person</span>: Winfried Nachtwei, Beirat Innere F&uuml;hrung/BMVg und Zivile Krisenpr&auml;vention der Bundesregierung, Vorstand Dt. Gesellschaft f&uuml;r die Vereinten Nationen und &bdquo;Gegen Vergessen &ndash; F&uuml;r Demokratie&ldquo;, 1994-2009 MdB (Gr&uuml;ne) und Mitglied des Verteidigungsausschusses, 20 Afghanistanbesuche</p>
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<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a>&nbsp; Zu TVET vgl. <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1669">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1669</a> &nbsp;; zum FKA</p>
<p>&nbsp;<a href="https://www.fk-afghanistan.de/files/Info80.pdf">https://www.fk-afghanistan.de/files/Info80.pdf</a> &nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Vgl. <a href="https://peacelab.blog/2020/06/afghanistan-der-ansatz-viel-hilft-viel-ist-gescheitert">https://peacelab.blog/2020/06/afghanistan-der-ansatz-viel-hilft-viel-ist-gescheitert</a></p>
</div>
<div>
<p>3 <a href="https://www.washingtonpost.com/world/asia_pacific/afghanistan-us-base-closures/2020/11/26/66c5d1c6-2df8-11eb-9dd6-2d0179981719_story.html">https://www.washingtonpost.com/world/asia_pacific/afghanistan-us-base-closures/2020/11/26/66c5d1c6-2df8-11eb-9dd6-2d0179981719_story.html</a> &nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Anthony CordesmanThe Biden Transition and the Real Impact of U.S. Force Cuts in Afghnistan, CSIS 01.12.2020, <a href="https://www.csis.org/analysis/biden-transition-and-real-impact-us-force-cuts-afghanistan">https://www.csis.org/analysis/biden-transition-and-real-impact-us-force-cuts-afghanistan</a> &nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Hans-Joachim Giessmann, Latest developments in the Afghan peace process: A commentary, 21.12.2020, <a href="https://berghof-foundation.org/news/latest-developments-in-the-afghan-peace-process-a-commentary">https://berghof-foundation.org/news/latest-developments-in-the-afghan-peace-process-a-commentary</a> &nbsp;&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref6">[6]</a> <a href="https://tolonews.com/afghanistan-16925">https://tolonews.com/afghanistan-16925</a></p>
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<p><a title="" href="#_ftnref7">[7]</a> <a href="https://www.brookings.edu/research/afghanistan-index/">https://www.brookings.edu/research/afghanistan-index/</a> &nbsp;</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref8">[8]</a> Global Terrorism Index 2020, Institute for Economics and Peace, <a href="https://www.visionofhumanity.org/wp-content/uploads/2020/11/GTI-2020-web-1.pdf">https://www.visionofhumanity.org/wp-content/uploads/2020/11/GTI-2020-web-1.pdf</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref9">[9]</a> Bill Byrd, Covis-19 in Afghanistan (8): The political economyrepercussions of Covid-19 and the aud response, 14.10.2020, <a href="https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/economy-development-environment/covid-19-in-afghanistan-8-the-political-economy-repercussions-of-covid-19-and-the-aid-response/">https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/economy-development-environment/covid-19-in-afghanistan-8-the-political-economy-repercussions-of-covid-19-and-the-aid-response/</a> &nbsp;</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref10">[10]</a> UN-Report Sicherheitsrat S/2019/481 vom 30.04.2020,&nbsp; <a href="https://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D/s_2019_481.pdf">https://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D/s_2019_481.pdf</a> &nbsp;; Bill Roggio, AfghanAir Force kills 15 Al Qaida operatives in Helmand, 29.12.2020, <a href="https://www.longwarjournal.org/archives/2020/12/afghan-air-force-kills-15-al-qaeda-operatives-in-helmand.php">https://www.longwarjournal.org/archives/2020/12/afghan-air-force-kills-15-al-qaeda-operatives-in-helmand.php</a> &nbsp;. Am 24.10.2020 gab der afghanische Innenminister bekannt, dass ANDSF Abu Muhsin Al-Misri, einen h&ouml;heren Kommandeur von Al Qaida auf dem Indischen Subkontinent, get&ouml;tet h&auml;tten, so im Bericht des UN-Generalsekret&auml;rs zur Situation in Afghanistan an den Sicherheitsrat vom 09.12.2020.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref11">[11]</a> Als Moskau 1992 die Finanz- und Milit&auml;rhilfe f&uuml;r Kabul einstellte, folgte kurz sp&auml;ter der Zusammenbruch des Najibullah-Regimes. Das staatliche Gewaltmonopol zersplitterte in Einfluss-gebiete vieler Warlords und ihrer Milizen. Die Herrschaft der Mudschaheddin st&uuml;rzte das Land in einen B&uuml;rgerkrieg, der besonders hart in Kabul ausgetragen wurde. Die in der kommunistischen Zeit nahezu unversehrte Hauptstadt wurde jetzt von den &bdquo;Befreiern&ldquo; in Schutt und Asche bombardiert. Bei den K&auml;mpfen in Kabul kamen 60.000 bis 80.000 Menschen um`s Leben. Die B&uuml;rgerkriegszeit gilt im kollektiven Ged&auml;chtnis der Afghanen bis heute als die schlimmste aller Zeiten.</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref12">[12]</a> Schlussfolgerungen des Rates der EU, 29.05.2020, <a href="https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2020/05/29/council-adopts-conclusions-on-the-afghanistan-peace-process-and-future-eu-support-for-peace-and-development-in-the-country/">https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2020/05/29/council-adopts-conclusions-on-the-afghanistan-peace-process-and-future-eu-support-for-peace-and-development-in-the-country/</a> &nbsp;</p>
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