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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Srebrenica vor 25 Jahren: Verweigerte Schutzverantwortung - AnstoÃŸ zur Schutzverantwortung. BeitrÃ¤ge aus dem Bosnien-Streit der GrÃ¼nen 1995 ff. - Erfahrungen und Lehren </title>
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    <span class="xar-mod-title">Irak + Artikel von Winfried Nachtwei fÃ¼r Zeitschriften u.Ã¤.</span>

    <table class="xar-width-auto">
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            Srebrenica vor 25 Jahren: Verweigerte Schutzverantwortung - AnstoÃŸ zur Schutzverantwortung. BeitrÃ¤ge aus dem Bosnien-Streit der GrÃ¼nen 1995 ff. - Erfahrungen und Lehren          </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 4. Juli 2020 19:13:27 +02:00 (30375 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Vor 25 Jahren wurde in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit und Politik, besonders erbittert bei den Gr&uuml;nen &uuml;ber die Schl&uuml;sselfrage gestriien: WAS TUN? angesichts des Bosnienkrieges, der Massaker, der&nbsp; ethnischen &quot;S&ouml;uberungen&quot; und des Tiefpunkts von Srebrenica. Hierzu einige meiner Stellungnahmen und Reden von 1995, 1996, 1998, 2006, 2010 und 2017 und Bem&uuml;hungen, nicht beim notwendigen Erinnern und Gedenken stehenzubleiben, sondern auch politisch zu lernen. </p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Srebrenica vor 25 Jahren: </strong></p>
<p align="center"><strong>Verweigerte Schutzverantwortung &ndash; Ansto&szlig; zur Schutzverantwortung</strong></p>
<p align="center"><strong>Beitr&auml;ge aus dem Bosnien-Streit der Gr&uuml;nen 1995 ff. &ndash; </strong></p>
<p align="center"><strong>Erfahrungen + Lehren </strong></p>
<p align="center">W. Nachtwei, 04./18.07.2020</p>
<p align="center">(Fotos <a href="http://www.facebook.com/winfried.nachtwei">www.facebook.com/winfried.nachtwei</a> )</p>
<ul>
<li>&Oslash; Was tun angesichts Krieg, ethnischer Vertreibungen, der Belagerng von Zivilbev&ouml;lkerung in Europa?</li>
<li>&Oslash; Wegesehen? Nur humanit&auml;r helfen? Scharf protestieren? Eingreifen &ndash; aber wie und mit welchen Wirkungen?</li>
<li>&Oslash; &bdquo;Nie wieder!&ldquo; und der politisch-praktische Ernstfall</li>
</ul>
<p><em><span style="text-decoration: underline;">Vormerkung</span></em><em>: Der 25. Jahrestag des Genozids von Srebrenica wurde in deutschen Medien recht breit thematisiert. Wie Deutschland damals &bdquo;internationale Verantwortung&ldquo; wahrnahm und sich &uuml;berwiegend raushielt, war kein Thema: Zumindest gab es damals in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit und Politik einen heftigen Streit um die obigen Schl&uuml;sselfragen, vor allem bei den Gr&uuml;nen. Hier einige Streitbeitr&auml;ge und Versuche, aus alledem zu lernen.</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(1) Bundestagssondersitzung 13. Juli 1995: Scharfe verbale Solidarit&auml;t!</span></strong></p>
<p>( <a href="http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/13/13049.pdf">http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/13/13049.pdf</a> )</p>
<p>Pr&auml;sidentin Dr. Rita S&uuml;ssmuth:</p>
<p>Die heutige Sondersitzung habe ich nach Art. 39 Abs. 3 Satz 3 des Grundgesetzes auf Verlangen der Fraktionen der CDU/CSU und F.D.P. einberufen.</p>
<p>Meine Damen und Herren, ich m&ouml;chte im Einvernehmen mit dem Hause vor Eintritt in die Tagesordnung eine Erkl&auml;rung zur Lage in Bosnien abgeben: Am Dienstag wurde die ostbosnische Stadt Srebrenica durch die bosnischen Serben brutal erobert.</p>
<p>Heute Morgen erfolgte ein weiterer Angriff gegen die UN-Schutzzone Å½epa. Die Zivilbev&ouml;lkerung in Ostbosnien leidet gro&szlig;e Not. Tote und Verletzte sind die Opfer dieser hasserf&uuml;llten Aggression. Zehntausende wurden erneut in die Flucht getrieben. Die Leiden und die Bedrohung der Bev&ouml;lkerung steigern sich ins Unermessliche.</p>
<p>Der Deutsche Bundestag verurteilt die Besetzung der UN-Schutzzone Srebrenica durch die bosnischen Serben und die Vertreibung, Einkesselung und Selektion der dortigen Bev&ouml;lkerung auf das sch&auml;rfste. Das gilt auch f&uuml;r die j&uuml;ngsten Angriffe auf Å½epa.</p>
<p>Wir erkl&auml;ren uns solidarisch mit den geschundenen Menschen. Ihr Leid und ihre verzweifelte Lage bewegen uns zutiefst. Alle M&ouml;glichkeiten f&uuml;r humanit&auml;re Hilfe m&uuml;ssen unverz&uuml;glich genutzt werden.</p>
<p>Die serbischen &Uuml;berf&auml;lle und die widerrechtliche Besetzung der UN-Schutzzone Srebrenica durch die bosnisch-serbische Armee stellen flagrante Verletzungen des V&ouml;lkerrechts und aller anderen, m&uuml;hsam zustande gebrachten Vereinbarungen mit den kriegf&uuml;hrenden Parteien dar. Sie sind ein Angriff auf die Vereinten Nationen als Institution der Internationalen Staatengemeinschaft und stellen die gesamte Mission der Schutztruppe UNPROFOR in Frage. Sie stehen auch massiv im Gegensatz zu den Friedensbem&uuml;hungen der Europ&auml;ischen Union. Auch die &Uuml;bergriffe gegen die Blauhelm-Einheiten in der Schutzzone, insbesondere die j&uuml;ngsten gegen die niederl&auml;ndischen UN-Soldaten, tragen zur weiteren Versch&auml;rfung der Lage in Bosnien bei.</p>
<p>Unterdessen eskaliert der Krieg weiter. Die serbischen Angriffe in dieser Woche zeigen, dass die bosnischen Serben nichts weniger planen als Vertreibung, Vernichtung der bosnisch-moslemischen Kultur auf dem Balkan und gezielten V&ouml;lkermord. Der Deutsche Bundestag stellt sich mit Entschiedenheit gegen die eklatante Verletzung des V&ouml;lkerrechts und des Friedensauftrags der UN-Schutztruppe in Bosnien.</p>
<p>Im Einklang mit der Resolution 1004 des Sicherheitsrates der UN vom 12. Juli 1995 fordern wir den sofortigen Abzug der bosnischen Serben aus Srebrenica und die volle Respektierung aller Schutzzonen. Wir fordern die sofortige Einstellung der K&auml;mpfe und Vertreibungen sowie die Aufnahme von Verhandlungen zur Umsetzung des Friedensplans der Kontaktgruppe.</p>
<p>Wir appellieren an die serbische F&uuml;hrung in Belgrad, nachweislich und glaubw&uuml;rdig ihren Einfluss auf die bosnischen Serben im Sinne dieser Zielsetzungen auszu&uuml;ben.</p>
<p>Der Deutsche Bundestag bef&uuml;rwortet den weiteren Verbleib der UN-Schutztruppe in Bosnien und den Fortbestand des UN-Mandats f&uuml;r die Schutzzonen in Bosnien-Herzegowina. Die Vorg&auml;nge in Srebrenica zeigen deutlich, welch katastrophale Entwicklung f&uuml;r die Zivilbev&ouml;lkerung eintreten w&uuml;rde, wenn die Blauhelme der Vereinten Nationen aus dieser Region abziehen m&uuml;ssten.</p>
<p>Unser wichtigstes Anliegen angesichts der andauernden blutigen K&auml;mpfe und der menschlichen Trag&ouml;die in Bosnien muss es bleiben, diesen Krieg zu beenden und den Menschen in ihrer Not und Verzweiflung zu helfen.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(2) Mein internes Beratungspapier &bdquo;Nach Srebrenica: Zusehen? Eingreifen? Oder was?&ldquo;</span></strong>27. Juli 1995 (ver&ouml;ffentlicht im &bdquo;<em>Maulwurf</em>&ldquo;, Zeitung von GAL/GR&Uuml;NEN M&uuml;nster August 1995)</p>
<p>&bdquo;In der ostbosnischen Enklave Srebrenica sind seit 1992 43.000 Menschen eingeschlossen und von Hilfsorganisationen nur unzureichend versorgt. Anfang Juli 1995 greifen Truppen des bosnischen Serbenf&uuml;hrers Ratko Mladic die UN-Schutzzone an. F&uuml;r die nur 200 niederl&auml;ndischen UN-Blauhelmsoldaten gibt es keine Verst&auml;rkung. Zur Entlastung angeforderte Luftangriffe kommen nicht zustande. Die Blauhelmsoldaten liefern den Angreifern die Fl&uuml;chtlinge aus: 23.000 Frauen und Kinder werden nach Tuzla gefahren. Hunderte m&auml;nnliche Gefangene werden au&szlig;erhalb des UNPROFOR-Lagers erschossen. 15.000 M&auml;nner versuchen sich im Fu&szlig;marsch &uuml;ber die Berge durchzuschlagen. Die Truppen der bosnischen Serben bringen etwa 8.000 Muslime aus Srebrenica auf der Flucht um.</p>
<p><strong>&bdquo;Innerer Frieden&ldquo;</strong></p>
<p>Am 30. Juni beschloss der Bundestag die Entsendung von Bundeswehreinheiten nach Ex-Jugoslawien. Aus den Reihen der Opposition sprachen auff&auml;llig viele Au&szlig;enpolitikerInnen und viele gerade derjenigen PolitikerInnen f&uuml;r die Regierungsvorlage, die seit Jahren besonders intensiv und menschlich mit den Angegriffenen verbunden sind. Zugleich war unverkennbar, dass vielen in Regierung und Koalition ziemlich mulmig zumute ist.</p>
<p>Die b&uuml;ndnisgr&uuml;ne Fraktion hat die Debatte mit wider Erwarten gro&szlig;er Geschlossenheit und zugleich Ehrlichkeit durchgestanden. Viele waren erleichtert, dass die Zerrei&szlig;probe an uns vor&uuml;ber ging. Zugleich standen viel mehr von uns, als nach au&szlig;en sichtbar wurde, in einem h&ouml;chstgradigen Gewissenskonflikt zwischen zwischenmenschlich-antifaschistischer und pazifistischer Grundhaltung und innergr&uuml;nen Erw&auml;gungen. Der innere Frieden, unser Parteifrieden blieb gewahrt.</p>
<p><strong>Naher Krieg</strong></p>
<p>V&ouml;llig entgegengesetzt die Entwicklung des nahen Krieges in Bosnien. Nach dem 30. Juni war schnell Schluss mit der relativen Entspannung nach der Massengeiselnahme von Blauhelmen. Die serbische Aggression eskalierte zur St&uuml;rmung von &bdquo;Schutzzonen&ldquo;, der Selektion, Massakrierung und Vertreibung tausender Menschen &ndash; unter den Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit, in Anwesenheit der internationalen &bdquo;Gemeinschaft&ldquo; in Gestalt von VN-Blauhelmen. Karadzic und General Mladic k&uuml;ndigten die Eroberung &bdquo;aller muslimischen Enklaven bis zum Herbst&ldquo; an, falls diese nicht &bdquo;vollst&auml;ndig entmilitarisiert&ldquo; w&uuml;rden.</p>
<p><strong>&nbsp;</strong></p>
<p><strong>Fischer`s &bdquo;Briefbombe&ldquo;</strong></p>
<p>In diesen Tagen der fortschreitenden serbischen Aggression entstand Joschkas Brief an die ParteifreundInnen, eine Woche vor der kroatischen Offensive, der R&uuml;ckgewinnung der Krajina, der Befreiung des belagerten Bihac und der serbischen Massenflucht.</p>
<p>Zu Recht sieht er die Folgen des zu diesem Zeitpunkt unaufhaltsam erscheinenden serbischen Sieges dramatisch. (...) In Europa sind Krieg und Vertreibung wieder zu einem erfolgversprechenden Mittel der Politik geworden. N&uuml;chtern beschreibt er das Versagen Westeuropas und der internationalen &bdquo;Gemeinschaft&ldquo;, in der es niemals einen politischen Willen, nur gegenl&auml;ufige Interessen gegen&uuml;ber dem Krieg in Ex-Jugoslawien gegeben habe.</p>
<p>Wider l&auml;ngeres &bdquo;Wegducken&ldquo; und &bdquo;Durchlavieren&ldquo; ruft Fischer dazu auf, der politischen Debatte nicht auszuweichen und Farbe zu bekennen. Auch ich beobachte seit Jahren dieses politische Wegducken in friedensbewegten und linken Kreisen, das sich oft hinter allen m&ouml;glichen Ausfl&uuml;chten verbirgt. H&ouml;chst engagierte Organisationen wie das Komitee f&uuml;r Grundrechte und der Bund f&uuml;r Soziale Verteidigung scheinen eher die Ausnahme von der Regel zu sein.</p>
<p>Ausgehend von der &ndash; zum Teil falschen &ndash; These, alle bisherigen Mittel wie Embargo, Schutzzonen, Kontrolle schwerer Waffen, Verhandlungsl&ouml;sungen h&auml;tten versagt, sieht Fischer nur noch die zugespitzte Alternative Weichen oder Widerstehen gegen&uuml;ber den verbliebenen Schutzzonen: Abzug oder milit&auml;rische Verteidigung. Er spricht sich f&uuml;r ihre milit&auml;rische&nbsp; Verteidigung aus, weil es zu ihr nur schlimmere Alternativen gebe.</p>
<p>Bei diesem Bekenntnis bleibt Fischer stehen, zu Umsetzungs- und Erfolgschancen nimmt er kaum noch Stellung. Hier setzen berechtigte Kritiken an. Kritiken hingegen, die seine konkrete Problemstellung (verzweifelte Lage der Schutzzonen) negieren und ihn zu einem Bef&uuml;rworter einer &bdquo;milit&auml;rischen Konfliktl&ouml;sung&ldquo; d&auml;monisieren, praktisieren eine Diskussionsunart, die nur die Gegnerbek&auml;mpfung im Sinn hat, in der Sache aber keinen Deut weiterbringt.</p>
<p>Bekenntnisdebatten um Grenzen des Pazifismus und Milit&auml;r gab es reichlich und meist fruchtlose. Ob jetzt nur noch Gewalt hilft oder Milit&auml;r weiter keine L&ouml;sung ist, angesichts der konkreten Kriegsrealit&auml;t in Bosnien zu &uuml;berpr&uuml;fen.</p>
<p><strong>Akute Schl&uuml;sselfragen</strong></p>
<p>Bei der Bundestagsdebatte hatten wir zur Tornado-Entsendung Stellung zu beziehen. Innenpolitische Erw&auml;gungen und die Perspektiven deutscher Au&szlig;enpolitik spielten dabei legitimerweise eine besondere Rolle. Die Argumente stimmen weiter.</p>
<p>In diesen Wochen m&uuml;ssen wir uns aber den Fragen stellen, zu denen die Gegner der Bundeswehrentsendung (also auch ich) in der Bundestagsdebatte nichts sagten, wozu wir auch keinerlei Antwort hatten:</p>
<p>Wie kann die Zivilbev&ouml;lkerung wirksam gesch&uuml;tzt und versorgt werden?</p>
<p>Wie kann die fortschreitende serbische Aggression gestoppt werden?</p>
<p>Wie kann der Totalabzug der Blauhelme verhindert, ihre Pr&auml;senz wirksamer gemacht werden?</p>
<p>Was hilft kurzfristig, was nur langfristig?</p>
<p>V&ouml;llig zu Recht insistieren wir auf den Einsatz nichtmilit&auml;rischer Druckmittel, einem wirksamen Embargo, dem Aufnahmeangebot an Kriegsdienstverweigerer und Deserteure ... Aber offenkundig k&ouml;nnen diese Ma&szlig;nahmen nur mittelfristig wirken. Grunds&auml;tzlich richtig ist die Forderung, Anti-Kriegsgruppen zu unterst&uuml;tzen. Der Haken daran ist nur, dass die in Serbien zzt. auch nach eigener Einsch&auml;tzung v&ouml;llig randst&auml;ndig sind; dass die in Bosnien alle den bosnischen Verteidigungskampf unterst&uuml;tzen.</p>
<p>Aber was hilft kurzfristig?</p>
<p>Das Bekenntnis, man habe kein Patentrezept und es gebe keine kurzfristigen L&ouml;sungen, ist richtig, entbindet aber nicht von der Verpflichtung, nach Antworten zu suchen.</p>
<p>Zurzeit bestehen f&uuml;r die &bdquo;Staatengemeinschaft&ldquo; bezogen auf den Blauhelmeinsatz folgende Optionen:</p>
<p>Weiter wie bisher mit starken Worten, viel Verhandeln und realer Tatenlosigkeit;</p>
<p>Abzug der Blauhelme und Aufhebung des Waffenembargos nach dem ehrlichen Eingest&auml;ndnis, dass man zu einem echten Schutz nicht bereit ist;</p>
<p>Evakuierung der Eingeschlossenen und Aufgabe der Schutzzonen;</p>
<p>Milit&auml;rische Verteidigung der letzten Schutzzonen und Schaffung eines Versorgungskorridors; offene Parteinahme f&uuml;r die Angegriffenen. (Hierzu ist kein westlicher Staat bereit)</p>
<p>Alle Optionen beinhalten Eskalationsrisiken, beim Blauhelmabzug w&auml;ren sie am gef&auml;hrlichsten. Ist die Lage so verfahren, dass es nur noch schlechte Handlungsm&ouml;glichkeiten gibt, nicht einmal mehr ein kleineres &Uuml;bel? Einsatz f&uuml;r die Menschenrechte, Solidarit&auml;t mit Opfern und Gewaltfreiheit: Wie bekommen wir das angesichts des Krieges in Bosnien noch in Einklang &ndash; ohne Wegsehen, ohne Ausfl&uuml;chte, ohne Kollaboration mit T&auml;tern, ohne Naivit&auml;ten und Beg&uuml;nstigung milit&auml;rischen Denkens?&ldquo;</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(3) Joschka Fischer`s zw&ouml;lfseitiger Brief vom 30. Juli 1995</span></strong></p>
<p>an die gr&uuml;ne Bundestagsfraktion und die Partei. Unter der &Uuml;berschrift &quot;<a title="Leitet Herunterladen der Datei ein" href="http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Gr%C3%BCne_Geschichte/JoschkaFischer_Die_Katastrophe_in_Bosnien_und_die_Konsequenzen_fuer_unsere_Partei_1995.pdf" target="_blank">Die Katastrophe in Bosnien und die Konsequenzen f&uuml;r unsere Partei B&Uuml;NDNIS 90/DIE GR&Uuml;NEN</a>&quot; pl&auml;dierte er f&uuml;r &bdquo;milit&auml;rischen Schutz der Schutzzonen am Boden und in der Luft&ldquo;: Im Wortlaut auf <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/1995/september/die-katastrophe-in-bosnien-und-die-konsequenzen-fuer-unsere-partei">https://www.blaetter.de/ausgabe/1995/september/die-katastrophe-in-bosnien-und-die-konsequenzen-fuer-unsere-partei</a></p>
<p>(<em>Vgl. Dokumente zum Krieg in Bosnien-Herzegowina, August bis September 1995, hg. vom AK V der Bundestagsfraktion B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen, Gerd Poppe, MdB, mit acht Reaktionen auf Joschkas Brief, f&uuml;nf parlamentarischen Initiativen, Initiativen zur humanit&auml;ren Hilfe und Reisebericht Sarajevo, Zagreb, Ljubljana, Belgrad, Presseerkl&auml;rungen und vier Diskussionsbeitr&auml;gen zum Bundeswehreinsatz</em>. &bdquo;Das w&auml;re blutiger Zynismus&ldquo; &ndash; Joschka Fischer &uuml;ber die Kritik an seinem Bosnien-Papier und den Pazifismus der Gr&uuml;nen, Interview im SPIEGEL 34/1995, <a href="http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/9207539">http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/9207539</a></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(4) Mein Brief an die FraktionskollegInnen </span></strong><strong><span style="text-decoration: underline;">&bdquo;In Sch&uuml;tzengr&auml;ben f&uuml;r Gewaltfreiheit? Debatte statt Glaubenskrieg um das Fischer-Papier!</span></strong><strong>&ldquo;</strong>vom 25.8.1995</p>
<p>Die Art und Weise vieler Reaktionen auf den Brief von Joschka Fischer n&ouml;tigt mich zu einem dringenden Zwischenruf.</p>
<p>Seit geraumer Zeit l&auml;uft die Ex-Jugoslawien-Debatte fast nur noch &uuml;ber die Medien, kaum noch in politischen Zusammenh&auml;ngen. Im ersten Halbjahr war unsere neue Bundestagsfraktion einer der wenigen Orte, wo zu Ex-Jugoslawien kontinuierlich, sehr kontrovers und ernsthaft diskutiert wurde. &nbsp;(&hellip;)</p>
<p>Inzwischen droht ein R&uuml;ckfall in die Streitunkultur der 80er Jahre!</p>
<p>Das Medienereignis des Joschka-Briefes zog unvermeidlich die Auseinandersetzung auf der Medienb&uuml;hne nach sich. Aus Sicht der fraktionsinternen Meinungsfindung war der Zeitpunkt der Ver&ouml;ffentlichung ung&uuml;nstig, angesichts der zugespitzten Lage in Ex-Jugoslawien sehr angemessen. Zugleich erwiesen sich die B&uuml;ndnisgr&uuml;nen damit als einzige Partei, die sich trotz allgemeiner Ratlosigkeit der dringend notwendigen Debatte um den Krieg in Ex-Jugoslawien stellt.</p>
<p>Viele Solidarisierungen mit seiner Intervention beweisen die altbekannte naive Milit&auml;rgl&auml;ubigkeit, zu der ich mehrfach das Notwendige gesagt habe.</p>
<p>Einige Kritiken an Joschkas Pr&auml;missen (z.B. alle nichtmilit&auml;rischen Mittel h&auml;tten versagt) und Schlussfolgerungen (z.B. Bekenntnis zur milit&auml;rischen Verteidigung der Schutzzonen, ohne Umsetzungs- und Erfolgschancen zu diskutieren) sind vollauf berechtigt.</p>
<p>Neben sehr ernsthaften Repliken auf Joschkas Brief wie denen des Komitees f&uuml;r Grundrechte und Demokratie oder von J&uuml;rgen Trittin gibt es aus den Reihen der verbliebenen Friedensbewegung, der Partei, ja sogar des Fraktionsvorstandes solche, die nach folgendem Muster vorgehen:</p>
<p>- Negiert wird, dass das Papier unmittelbar nach der St&uuml;rmung von Srebrenica und Zepa und angesichts der Karadzic-Ank&uuml;ndigung, die verbliebenen &acute;Schutzzonen` bis zum Herbst zu erobern, entstand und dies zur Schl&uuml;sselfrage machte.</p>
<p>- Stattdessen werden Joschka ausschlie&szlig;lich machttaktische und programmrevisionistische Motive Richtung 1998 unterstellt.</p>
<p>- Seine Forderung nach milit&auml;rischer Verteidigung der Schutzzonen wird umgeschminkt zur Forderung nach Milit&auml;rintervention, zur Bef&uuml;rwortung einer milit&auml;rischen L&ouml;sung des Konflikts.</p>
<p>- Stereotyp wird die &ndash; grunds&auml;tzlich richtige &ndash; Erkenntnis &acute;Milit&auml;r ist keine L&ouml;sung` wiederholt.</p>
<p>- Bei etlichen Wortmeldungen scheinen nur die eigenen Prinzipien und &acute;die Partei`, nicht aber die Schw&auml;chsten in diesem nahen Krieg zu interessieren.</p>
<p>wer so systematisch an der Sache vorbeidiskutiert, praktiziert Wegsehen durch Ausweichen.</p>
<p>Wer so sehr mit Pauschalisierungen, Unterstellungen und D&auml;monisierungen arbeitet, betreibt Gegnerbek&auml;mpfung, aber keine Sachauseinandersetzung.</p>
<p>Vor allem aber: Solche Argumentationsmuster diskreditieren ihre VerfasserInnen und schaden unserer Politik der Gewaltfreiheit, die sich eigentlich verteidigen wollen.</p>
<p>Statt st&auml;ndiger fruchtloser Bekenntnisdebatten brauchen wir konkrete Antworten auf konkrete Fragen. Nur wenn wir diese Debatte frei und ohne Sch&uuml;tzengr&auml;ben f&uuml;hren, haben wir eine Chance, unseren&nbsp; Einsatz f&uuml;r Menschenrechte, Solidarit&auml;t mit Opfern gegen Aggressoren und Gewaltfreiheit in Einklang zu bringen &ndash; ohne Wegsehen und Ausfl&uuml;chte, ohne Kollaboration mit T&auml;tern, ohne Naivit&auml;ten und Beg&uuml;nstigung milit&auml;rischen Denkens.&ldquo;</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(5) Der Streit um den Bosnien-Einsatz 1995-1998: Reden + Stellungnahmen von W. Nachtwei, </span></strong><a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;ptid=1&amp;catid=85&amp;aid=1161">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;ptid=1&amp;catid=85&amp;aid=1161</a></p>
<p>(a) Bundestagsrede &bdquo;Keine Tornados nach Bosnien&ldquo;, 30.06.1995</p>
<p>(b) Nach Srebrenica: Zusehen, Eingreifen oder was? August 1995</p>
<p>(c) Bundestagsrede &bdquo;Keine Bundeswehrbeteiligung an IFOR!&ldquo;, 06.12.1995</p>
<p>(d) Nach Bremen, Bonn und Dayton: 1996 Bew&auml;hrung f&uuml;r gewaltfreie Politik!&nbsp;</p>
<p>(e)Positionspapier 18.01.1996 und daraus folgende Resolution &bdquo;Bew&auml;hrung f&uuml;r gewaltfreie Politik&ldquo;, vom L&auml;nderrat in Erfurt am 11. Mai 1996 einstimmig verabschiedet</p>
<p>(f) Parlamentsinitiative f&uuml;r den Zivilen Friedensdienst von Gert Weisskirchen (SPD), Winfried Nachtwei und Rainer Eppelmann (CDU) 1996</p>
<p>(g) Reisebericht: Konfrontation mit der Kriegswirklichkeit &ndash; Bosnien-Reise der Vorst&auml;nde von Bundestagsfraktion und Partei (Kerstin M&uuml;ller, Joschka Fischer, Krista Sager, J&uuml;rgen Trittin, Marieluise Beck, W. Nachtwei, Gerd Poppe, Werner Schulz, Uli Fischer, Achim Schmillen und Journalisten von SZ, FR, taz, Focus, Spiegel, Oktober 1996</p>
<p>(h) Frieden muss von unten wachsen &ndash; Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung, Rede zum Start des ersten Ausbildungskurses, 20. Mai 1997</p>
<p>(i) Erstmals Ja zur Bundeswehrbeteiligung an SFOR! Bundestagsrede &nbsp;am 19.06.1998 und Entschlie&szlig;ungsantrag der Bundestagsfraktion</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(6) Streit um humanit&auml;r begr&uuml;ndete Milit&auml;reins&auml;tze </span></strong><strong>(Auszug aus W. Nachtwei, Pazifismus. Zwischen Ideal und politischer Realit&auml;t, Barbara Bleich /Jean-Daniel Strub (Hrg.), Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis, </strong>Bern, Stuttgart 2006, S. 308 ff., <a href="downloads/beitraege/Winfried_Nachtwei_Pazifismus.pdf">http://nachtwei.de/downloads/beitraege/Winfried_Nachtwei_Pazifismus.pdf</a> )</p>
<p>Mit den Balkankriegen der 90er Jahre kehrte der Krieg in einer Form nach Europa zur&uuml;ck, wie es kaum jemand noch f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte.</p>
<p>Unter der Parole &raquo;Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin&laquo; hatten Friedensbewegung und Gr&uuml;ne in den 80er Jahren dem Wettr&uuml;sten und der Kriegsgefahr zwischen den Bl&ouml;cken eine Absage erteilt und damit kriegsverh&uuml;tend wirken wollen. Angesichts des Paradigmenwechsels kriegerischer Gewalt &ndash; weg von zwischenstaatlichen hin zu innerstaatlichen Kriegen &ndash; griff das Wegschauen der internationalen Staatengemeinschaft nicht mehr. Es wurde von der Staatengemeinschaft gegen&uuml;ber dem angek&uuml;ndigten V&ouml;lkermord in Rwanda 1994 und anderswo mit verheerenden Konsequenzen praktiziert. Die Vereinten Nationen wurden mit Aufgaben betraut, f&uuml;r die sie nicht die Unterst&uuml;tzung und Mittel der Mitgliedsstaaten bereit gestellt bekamen.</p>
<p>Im Unterschied zum zweiten Golfkrieg entwickelte sich gegen&uuml;ber dem Krieg vor der Haust&uuml;r keine breite und sichtbare Massen-Friedensbewegung. Angesichts des moralisch hohen Anspruchs der Friedensbewegung war das entt&auml;uschend. Umso wichtiger waren Menschenrechts- und Friedensgruppen, die einen aktiven Pazifismus praktizierten, sowie etliche B&uuml;rgerInnen, darunter einige prominente Gr&uuml;ne, die politisch-praktische Solidarit&auml;t mit Friedenskr&auml;ften im ehemaligen Jugoslawien und mit Opfern von Krieg, Vergewaltigung und Vertreibung &uuml;bten. Wo Sarajevo drei Jahre eingekesselt und beschossen, wo Hilfstransporte nicht zu den Hilfsbed&uuml;rftigen durchgelassen, wo UNO-Schutzzonen zu Fallen wurden und Massenvergewaltigungen verbreitete Kriegstaktik war, da stie&szlig; aber auch gewaltfreie Solidarit&auml;t und Politik an ihre Grenzen.</p>
<p>Exemplarisch war, wie ich erst in der Friedensbewegung, dann im Bundestag trotz dieser Erfahrungen gegen ein milit&auml;risches Eingreifen und vor allem eine deutsche Beteiligung daran sprach: Angemahnt wurde Konsequenz und Koh&auml;renz des internationalen Krisenmanagements auf dem Balkan, darunter eine effektive Umsetzung von Sanktionsbeschl&uuml;ssen. Gewarnt wurde vor einer unkalkulierbaren Eskalation des Krieges bei einer milit&auml;rischen Intervention. Angeklagt wurde die Bundesregierung, den Balkankrieg f&uuml;r eine Militarisierung deutscher Au&szlig;enpolitik zu missbrauchen. Wo die eigene Regierung unter Imperialismus-Verdacht stand, erschien sie f&uuml;r glaubw&uuml;rdige Friedenspolitik generell ungeeignet zu sein.</p>
<p>F&uuml;r die aus den B&uuml;rgerbewegungen der DDR stammenden Vertreter von B&uuml;ndnis 90, die seit 1990 im Bundestag sa&szlig;en, waren diese Bef&uuml;rchtungen zweitrangig. Vor dem Hintergrund ihres Engagements f&uuml;r Frieden, Demokratie und Menschenrechte standen mehrheitlich die Schutzverpflichtung und die Bereitschaft zur &ndash; notfalls auch milit&auml;rischen und polizeilichen &ndash; Unterst&uuml;tzung der Vereinten Nationen im Mittelpunkt. Wo die Menschenrechte existenziell verletzt wurden, sahen sie die Pflicht zu handeln. Diese Schutzverpflichtung, die 2005 auf dem Weltgipfel der Vereinten Nationen von allen Staaten anerkannt wurde, war Anfang der 90er Jahre in Deutschland und innerhalb der B&uuml;ndnisgr&uuml;nen noch nicht mehrheitsf&auml;hig.</p>
<p>Die Jahre 1994 bis 1996 spielten f&uuml;r die Weiterentwicklung der Position eine wichtige Rolle. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts &uuml;ber die Zul&auml;ssigkeit von Auslandseins&auml;tzen der Bundeswehr und die Erfahrungen mit dem V&ouml;lkermord in Rwanda und dem Versagen der Vereinten Nationen in der Schutzzone von Srebrenica, setzten eine intensive Debatte in Gang. In Joschka Fischers Brief an die Partei und die Bundestagsfraktion und den darauf folgenden Reaktionen wird die Hitzigkeit der damaligen Auseinandersetzung deutlich. Sie gipfelte in dem Appell Ludger Volmers an Joschka Fischer: &raquo;Greif zur Waffe, fahr nach Sarajevo!&laquo;</p>
<p>Als die Spitzen von Gr&uuml;ner Fraktion und Partei im Herbst 1996 Bosnien-Herzegovina besuchten und sich als erste bundesdeutsche Partei mit der (Nach-)Kriegswirklichkeit vor Ort konfrontierten, zeichnete sich der Kurswechsel an der F&uuml;hrungsspitze ab.12 In den zerschossenen Ruinen von Mostar, am Hang oberhalb Sarajevos, von wo die serbischen &raquo;Snipers&laquo; drei Jahre lang tausende Zivilisten ermordet hatten, und beim katholischen Bischof von Banja Luka wurden uns Intensit&auml;t und Ausma&szlig; der Kriegsgewalt &ndash; und das Versagen Europas ihr gegen&uuml;ber &ndash; bewusst. Zugleich pr&auml;sentierten deutsche SFOR-Soldaten unter General Riechmann ein Milit&auml;r, das mit seinem Auftrag und Auftreten ganz und gar nicht dem Bild vom militaristischen Krieger-Milit&auml;r entsprach: Durch ein UNO-Mandat beauftragt und legitimiert zu Gewalteind&auml;mmung und Kriegsverh&uuml;tung statt Kriegf&uuml;hrung, verpflichtet zur Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der Mittel, erstaunlich &raquo;zivil&laquo; auftretende Staatsb&uuml;rger in Uniform, in vielem einer Polizei &auml;hnlicher als traditionellem Milit&auml;r.</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser Schl&uuml;sselerfahrungen verschoben sich die Einstellungen gegen&uuml;ber einem Bundeswehreinsatz im ehemaligen Jugoslawien. Noch in der Opposition vollzog die Bundestagsfraktion von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen am 19. Juni 1998 eine historische Wende: Sie stimmte mehrheitlich der Verl&auml;ngerung der Bundeswehrbeteiligung an SFOR, einem nach Kapitel VII der UNO-Charta mandatierten friedenssichernden Einsatz zu.</p>
<p>Damit ver&auml;nderte sich bei den B&uuml;ndnisgr&uuml;nen das Verh&auml;ltnis zur Gewaltfreiheit: Es bleibt der unbedingte Vorrang der Gewaltpr&auml;vention. Zur Eind&auml;mmung, Beendigung und Verh&uuml;tung illegitimer Gewalt kann rechtsstaatlich legitimierte und begrenzte Gewalt jedoch notwendig sein. Die B&uuml;ndnisgr&uuml;nen n&auml;herten sich damit den Normen der UNO-Charta an: an ihre Absage an die Gei&szlig;el des Krieges und an ihr Eintreten f&uuml;r den Weltfrieden und f&uuml;r die internationale Sicherheit, die zulassen, dass Waffengewalt allenfalls (aber auch nur) im gemeinsamen Interesse angewendet werden darf. Konnten die Gr&uuml;nen &uuml;ber lange Zeit beanspruchen, dass sie als einzige Partei radikalpazifistische Positionen vertritt, war das fortan vorbei. Die Partei der Kriegsdienstverweigerer stand vor der Aufgabe, ihr Verh&auml;ltnis zur Bundeswehr v&ouml;llig neu bestimmen zu m&uuml;ssen. Gleichzeitig galt es, den Vorrang ziviler Konfliktl&ouml;sungsans&auml;tze in operative Politik zu &uuml;bersetzen.</p>
<p><strong>(7) Interview mit </strong><a href="http://www.gruene.de"><strong>www.gruene.de</strong></a><strong> am 6. Juli 2010:</strong></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Nach dem Massaker von Srebrenica 1995</span></strong></p>
<p><a href="https://www.gruene.de/ueber-uns/35-gruene-jahre-35-gruene-geschichten/35-gruene-jahre-18-die-frage-der-militaerischen-gewalt.html">https://www.gruene.de/ueber-uns/35-gruene-jahre-35-gruene-geschichten/35-gruene-jahre-18-die-frage-der-militaerischen-gewalt.html</a></p>
<p><em>Bosnien, Kosovo, Afghanistan. Drei Auslandseins&auml;tze der Bundeswehr zwingen B&Uuml;NDNIS 90/DIE GR&Uuml;NEN zu heftigen Debatten &uuml;ber Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte. Sp&auml;testens seit dem Massaker von Srebrenica 1995 diskutiert die Partei immer wieder, ob und wann milit&auml;rische Gewalt notwendig ist, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern.</em></p>
<p><em>Wir sprachen mit Winfried Nachtwei &uuml;ber diesen schmerzhaften Prozess in der Partei, einschneidende Erlebnisse auf einer Bosnienreise und Pazifismus.</em></p>
<p><strong><em>Hast Du an einen Parteiaustritt gedacht, als die Gr&uuml;nen in den 90er Jahren die Frage der milit&auml;rischen Gewalt diskutierten?</em></strong></p>
<p>Winfried Nachtwei: Nein, das habe ich nicht. Weil ich als Alt-Friedensbewegter die Auseinandersetzung &uuml;ber den Umgang mit den Balkankonflikten intensiv mitf&uuml;hrte und wusste, dass es keine einfachen L&ouml;sungen gibt. Unser Anspruch einer gewaltfreien Au&szlig;enpolitik von Friedenssicherung, Friedensf&ouml;rderung und Gewaltverh&uuml;tung, und auf der anderen Seite die zugespitzte Konfliktsituation in Bosnien-Herzegowina, wo Zivilisten immer mehr mit massenm&ouml;rderischer Gewalt konfrontiert waren. Der schreckliche H&ouml;hepunkt war das Massaker von Srebrenica 1995. Die Partei stand also in dem Konflikt zwischen gewaltfreier Politik &ndash; bezogen auf die eigenen Mittel und Methoden &ndash; und der Frage, was zu tun ist, wenn extreme Gewalt Unbeteiligte und Unschuldige drangsaliert.<br /> <strong><em>Warst Du innerlich zerrissen?</em><br /> </strong>Winfried Nachtwei: Nat&uuml;rlich. Das betraf aber nicht nur mich pers&ouml;nlich oder die Gr&uuml;nen. Das ging auch anderen Parteien, der Gesellschaft und der verbliebenen Friedensbewegung so. Weil man die verschiedenen Perspektiven gesehen hat. Wir hatten &auml;u&szlig;erst intensive und zum Teil hitzige Debatten bei uns in M&uuml;nster, auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Bremen im Dezember 1995 und in der Bundestagsfraktion.<br /> <strong><em>Welche Argumente hatten die Gegner und die Bef&uuml;rworter von Milit&auml;reins&auml;tzen?</em></strong><br /> Winfried Nachtwei: Ich war damals auch Gegner einer milit&auml;rischen Beteiligung Deutschlands in Bosnien. Unsere Hauptargumente waren: 1. Nichtmilit&auml;rische M&ouml;glichkeiten der Konflikteind&auml;mmung wie etwa ein Spritembargo waren noch nicht ausgereizt. 2. Die Bundesregierung unter Verteidigungsminister R&uuml;he will das Milit&auml;r wieder zu einem normalen Mittel der deutschen Au&szlig;enpolitik machen. 3. Auch wenn es dringende Gr&uuml;nde f&uuml;r den Einsatz von Milit&auml;r geben mag, wie sieht am Ende die Wirksamkeit aus? Kommt man in eine weitere Eskalation und rutscht in einen Kriegssumpf hinein? Die Bef&uuml;rworter eines Milit&auml;reinsatzes sahen die Menschen in Srebrenica, in Sarajevo oder den anderen Enklaven. Sie wiesen auf die akute Bedrohung und das Morden hin und sagten: Du hast recht mit dem Misstrauen gegen die Regierung, aber es muss etwas Handfestes zum Schutz der Menschen geschehen. Es hatte ja schon tausende Tote gegeben. F&uuml;r Marieluise Beck und Gerd Poppe, die schon oft auf dem Balkan gewesen waren, stand dieser Solidarit&auml;ts- und Menschenrettungsaspekt im Vordergrund. Diese beiden Seiten prallten also aufeinander.<br /> <strong><em>Habt ihr schnell einen gemeinsamen Weg gefunden?</em></strong><br /> Winfried Nachtwei: Es war ein l&auml;ngerer Kampf. Wir hatten am 30. Juni 1995 noch eine Bundestagsdebatte &uuml;ber den Einsatz von Tornados in Bosnien, nachdem dort Blauhelmsoldaten als Geiseln genommen worden waren. Damals haben wir in der Fraktion &uuml;berwiegend einheitlich gegen diesen Einsatz gestimmt. Nach dem Massaker von Srebrenica schrieb dann aber Joschka Fischer einen zw&ouml;lfseitigen Brief, in dem er f&uuml;r den &bdquo;milit&auml;rischen Schutz der Schutzzonen am Boden und in der Luft&ldquo; pl&auml;dierte. Ich nannte das Papier &bdquo;Joschkas Briefbombe&ldquo; und es f&uuml;hrte zu einer Eskalation der innerparteilichen Diskussion. Ich fand aber, dass Joschka mit vielen Argumenten Recht hatte. Dennoch klammerte auch er das Abw&auml;gen der Wirksamkeit der Eins&auml;tze aus. Auf der anderen Seite gab es Gegenreaktionen von Ludger Vollmer und Angelika Beer, die Joschka abstempelten, als bef&uuml;rworte er jetzt grunds&auml;tzlich milit&auml;rische &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo;. Nach der BDK in Bremen 1995, die die traditionellen Positionen der Gewaltfreiheit noch einmal festzurrte, gab es im Bundestag am 6. Dezember 1995 eine Abstimmung &uuml;ber die Unterst&uuml;tzung einer UN-mandatierten SFOR-Truppe der NATO, die das Dayton-Abkommen absichern sollte. Hier hat sich die Fraktionsgemeinschaft schlie&szlig;lich aufgel&ouml;st. 22 der 49 Abgeordneten stimmten f&uuml;r den Einsatz, also gegen das Parteitags-Votum. An diesem Punkt war die bisherige Gemeinsamkeit zerbrochen.&ldquo;</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(8) &bdquo;Nie wieder!&ldquo; Nie wieder? Verantwortung zum Schutz vor Krieg und Massengewalt</span></strong>, in: Gerd Althoff/Eva-Bettina Krems/Christel Meier/Hans-Ulrich Thamer (Hg.). FRIEDEN &ndash; Theorien, Bilder, Strategien,&nbsp; Dresden 2019, S. 362-377 (Podcast des Vortrages, 12.08.2018 auf Deutschlandfunk Nova, <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/krisenpraevention-wie-man-frieden-schaffen-kann">https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/krisenpraevention-wie-man-frieden-schaffen-kann</a> )</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">(9) Kommentar zu dem Friedenspolitischen Leitbild in den Leitlinien &bdquo;Krisen verhindern, Konflikte bew&auml;ltigen, Frieden f&ouml;rdern</span></strong>&ldquo; der Bundesregierung von Juni 2017, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1482">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1482</a></p>
<p>Eine Kernforderung in der Diskussion um die Weiterentwicklung des Aktionsplans war seit Jahren die nach einem friedenspolitischen Leitbild. Bisherige Grundlagendokumente von Bundesregierungen und Koalitionen begn&uuml;gten sich mit Aussagen wie &bdquo;Deutsche Au&szlig;enpolitik ist Friedenspolitik&ldquo; (<em>basta!</em>) und der Feststellung, dass Deutschland im Rahmen des V&ouml;lkerrechts handle. Die Leitlinien beginnen mit den Kerns&auml;tzen in der Pr&auml;ambel von Grundgesetz und VN-Charta (Friedensauftrag und wider die Gei&szlig;el des Krieges). Die F&ouml;rderung des Friedens in der Welt geh&ouml;re zu den zentralen Staatszielen, aus ethischer Verpflichtung und aus eigenem Interesse. Frieden sei das h&ouml;chste Gut internationaler Beziehungen das in der VN-Charta verankerte allgemeine Gewaltverbot sei unverzichtbares Fundament jeder internationalen Ordnung. Deutsche Au&szlig;en-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik folge der Vision eines positiven, nachhaltigen Friedens, wie sie in der Agenda 2030 ihren Ausdruck gefunden habe.</p>
<p>Der Einsatz f&uuml;r die universellen und unteilbaren Menschenrechte (der b&uuml;rgerlichen und politischen, der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen) sei eine Querschnittaufgabe deutscher Politik.</p>
<p><em>(Zu legitimen Ordnungen, sozialem Zusammenhalt und Nachhaltigkeit; zu vereintem Europa)</em></p>
<p>Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte geh&ouml;re die &bdquo;Vermeidung von Krieg und Gewalt in den internationalen Beziehungen, das Verhindern von V&ouml;lkermord und schweren Menschenrechtsverletzungen und das Eintreten f&uuml;r bedrohte Minderheiten sowie f&uuml;r die Opfer von Unterdr&uuml;ckung und Verfolgung (...) zur deutschen Staatsraison.&ldquo;</p>
<p>Im Kasten zur Internationalen Schutzverantwortung hei&szlig;t es, die Bundesregierung unterst&uuml;tze zivile Ans&auml;tze im Rahmen des R2P-Konzepts. Ziviles Peacekeeping wird dabei als &bdquo;erprobte Methodik, um Menschen vor Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen zu sch&uuml;tzen&ldquo;, genannt.</p>
<p>Diese Aussagen zum Friedensauftrag stehen in engem Zusammenhang mit Sicherheitsverst&auml;ndnis der Leitlinien, wo neben dem Schutz der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und der Wahrung der Souver&auml;nit&auml;t und territorialen Integrit&auml;t Deutschlands und seiner Verb&uuml;ndeten die Dimension der menschlichen Sicherheit betont wird.</p>
<p>Mir ist aus den letzten Jahrzehnten kein Grundlagendokument der Bundesregierung bekannt, in dem der Friedensauftrag so durchdekliniert worden w&auml;re. Wenn man bedenkt, wie der Diskurs in der au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Community oft l&auml;uft, dann ist das schon ein (positiv) starkes St&uuml;ck. Dass die Vermeidung von Krieg und Gewalt in den internationalen Beziehungen und das Verhindern von V&ouml;lkermord zur deutschen Staatsraison erkl&auml;rt wird,&nbsp; bedeutet eine enorme Aufwertung, sozusagen eine H&ouml;chsteinstufung unter den f&uuml;r den deutschen Staat ma&szlig;geblichen Werten, Interessen und Verpflichtungen.</p>
<p>Bemerkenswert ist, dass die Schutzverantwortung im Wei&szlig;buch 2016 im Unterschied zum Wei&szlig;buch 2006 nicht einmal benannt wird.</p>
<p><em><span style="text-decoration: underline;">Anmerkung Juli 2020</span></em><em>: </em></p>
<p><em>Die politische Umsetzung der Schutzverantwortung in den Strukturen und F&auml;higkeiten der Bundesregierung hinkt noch erheblich hinter dem hohen Anspruch der Leitlinien her. </em></p>
<p><em>In der Programmatik der B&uuml;ndnisgr&uuml;nen ist die Schutzverantwortung seit dem BDK-Beschluss von 2012 fest verankert. In der deutschen Friedensbewegung wird die Schutzverantwortung unter Verweis auf Missbrauchsgefahren generell und die Libyen-Intervention speziell &uuml;berwiegend kritisch gesehen bis abgelehnt. Beispielhaft daf&uuml;r steht &bdquo;Sicherheitspolitik neu denken. Von der milit&auml;rischen zur zivilen Sicherheitspolitik &ndash; Ein Szenario bis zum Jahr 2040&ldquo;, das im Kontext der Evangelischen Landeskirche in Baden entstanden ist. Hier werden Srebrenica, der Bosnienkrieg mit seinen 100.000 Toten und der V&ouml;lkermord von Ruanda schlichtweg ausgeblendet.</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Weitere Beitr&auml;ge von W. Nachtwei</span></strong></p>
<p>- Srebrenica vor 25 Jahren (I): Es war V&ouml;lkermord in Europa &ndash; und die Regierungen und Gesellschaften (wir damals) lie&szlig;en es geschehen. <strong>&Uuml;bersichtsartikel, Dossiers, Chronologie</strong>, &nbsp;04./08.07.2020, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1644">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1644</a></p>
<p>- Srebrenica vor 25 Jahren (II): Verweigerte Schutzverantwortung &ndash; Ansto&szlig; zur Schutzverantwortung. <strong>Beitr&auml;ge aus dem Bosnien-Streit der Gr&uuml;nen</strong> 1995 ff. &ndash; Erfahrungen + Lehren, &nbsp;04./08.07.2020, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1645">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1645</a></p>
<p>- Srebrenica (III) - <strong>Was damals geschah</strong>: Dokumente, Videos, Zeitzeugenberichte, Ausz&uuml;ge von &bdquo;Die letzten Tage von Srebrenica&ldquo; (David Rohde/1997), Juli 2020), <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1647">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1647</a></p>
<p>- <strong>Medienberichte zum 25. Jahrestag</strong> des Srebrenica-Genozid Juli 2020 (IV) + Report des UN-Generalsekret&auml;rs &bdquo;The fall of Srebrenica&ldquo; (1999), <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1648">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1648</a></p>
<p><strong>- Reisebericht <strong>Kurzvisite von Bundeskanzler Kohl am</strong> <strong>23. Dezember 1997 in Sarajevo, </strong></strong><a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1162">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1162</a></p>
<p>- Bericht der Studienreise &bdquo;<strong>Friedensarbeit auf dem Balkan</strong> - Zivile Konfliktbearbeitung im ehemaligen Jugoslawien. Teilbericht Bosnien &amp; Herzegowina&ldquo;, 7.-14. April 2002, <a href="druck/druck%20Friedensarbeit%20auf%20dem%20Balkan.htm">http://nachtwei.de/druck/druck%20Friedensarbeit%20auf%20dem%20Balkan.htm</a></p>
<p>- Brief an den Generalinspekteur zum <strong>Ende des Bosnien-Einsatzes</strong> der Bundeswehr 2012, Aufmerksamkeit und Dank f&uuml;r erfolgreiche Friedenssicherung vor unserer Haust&uuml;r! <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1164">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1164</a> &nbsp;</p>
<p><em>&nbsp;</em></p></div>


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