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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Srebrenica vor 20 Jahren: &quot;Nie wieder!&quot; und der Ernstfall. Die Zeugin, der Streit, die Lehren</title>
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    <span class="xar-mod-title">Irak + Artikel von Winfried Nachtwei fÃ¼r Zeitschriften u.Ã¤.</span>

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            Srebrenica vor 20 Jahren: &quot;Nie wieder!&quot; und der Ernstfall. Die Zeugin, der Streit, die Lehren         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 26. Juli 2015 15:50:18 +02:00 (33489 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Mit Srebrenica kehrte V&ouml;lkermord nach Europa zur&uuml;ck. Reichlich Anlass zu selbstkritischer R&uuml;ckbesinnung, vor allem aber zum LERNEN. Dazu einige Dokumente, angefangen bei Joschkas &quot;Brief-Bombe&quot; vom 30. Juli 1995, und Angebote.</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Srebrenica vor 20 Jahren: &bdquo;Nie wieder!&ldquo; und der Ernstfall</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB a.D. (Juli 2015)</p>
<p><strong>Die Zeugin &ndash; Christine Schmitz, deutsche Krankenschwester in Srebrenica,</strong></p>
<p>DIE SEITE DREI der S&Uuml;DDEUTSCHEN am 10. Juli 2015. (&bdquo;Die Zeugin&ldquo; von Stefan Klein, <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/srebrenica-die-zeugin-1.2558950?reduced=true">http://www.sueddeutsche.de/politik/srebrenica-die-zeugin-1.2558950?reduced=true</a> )</p>
<p>Im M&auml;rz 1995 war die Mitarbeiterin der &bdquo;&Auml;rzte ohne Grenzen&ldquo; aus Tschetschenien zur&uuml;ckgekehrt. Als Ersatz f&uuml;r eine erkrankte Person traf sie am 24. Juni zusammen mit einem australischen Arzt in Srebrenica ein. Am 6. Juli begann der Angriff der bosnisch-serbischen Armee auf die Enklave. Eine Evakuierung war wegen der Bombardierungen nicht m&ouml;glich. Sie und der Arzt waren die einzigen internationalen und unabh&auml;ngigen Helfer vor Ort. Sie erlebten die niederl&auml;ndischen UN-Soldaten, die jede medizinische Hilfe verweigerten und keinen einzigen Schuss zur Verteidigung der Enklave abgaben; den Abzug von zehn-, vielleicht f&uuml;nfzehntausend &nbsp;Menschen, die versuchten sich durch serbische Linien und vermintes Gel&auml;nde die 80 km nach Tuzla durchzuschlagen; den R&uuml;ckzug einiger Tausend, haupts&auml;chlich Frauen und Kinder, auf ein verlassenes Fabrikgel&auml;nde im Weiler Potocari. Hier begegnete Christine Schmitz General Mladic, den sie aufforderte, die Patienten nicht wegschaffen zu lassen. Er reagierte ungehalten &ndash; aber die Patienten blieben. Dann begannen die Selektionen, Deportationen &hellip;</p>
<p>&bdquo;Wenn Christine Schmitz heute an Potocari zur&uuml;ckdenkt, dann findet sie, dass es damals durchaus m&ouml;glich gewesen w&auml;re, den Massenmord zu erkennen, der da in Vorbereitung war. Es fehlte ja nicht an Indizien. (&hellip;)&ldquo;</p>
<p><strong>&bdquo;Die Verlorenen&ldquo; &ndash; </strong>Chronik eines angek&uuml;ndigten Massenmordes des H&ouml;rfunk-Journalisten Matthias Fink in der ZEIT vom 9. Juli 2015 (<a href="http://www.zeit.de/2015/28/massaker-von-srebrenica-serbien-1995-vorhersehen-verhinderung#comments">http://www.zeit.de/2015/28/massaker-von-srebrenica-serbien-1995-vorhersehen-verhinderung#comments</a> ), Autor von &bdquo;Srebrenica. Chronologie eines V&ouml;lkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanovic&ldquo;, Verlag Hamburger Edition.</p>
<p><strong>&bdquo;Die Lehren aus Srebrenica, 20 Jahre danach&ldquo;</strong>,</p>
<p>Voll zutreffender Gastkommentar von Philipp Rotmann und Sarah Brockmeier vom Global Public Policy Institute (GPPi) in der WELT am 30. Juni 2015</p>
<p><a href="http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article143296971/Die-Lehren-aus-Srebrenica-20-Jahre-danach.html">http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article143296971/Die-Lehren-aus-Srebrenica-20-Jahre-danach.html</a></p>
<p><strong>Deutlich besser als ihr medialer Ruf: UN-Friedensoperationen, ihre Wirksamkeit und Erfolgsbedingungen</strong></p>
<p>J&uuml;ngste Berichte (Hochrangige Gruppe f&uuml;r Friedensmissionen) und Studien (Peter Rudolf, SWP-Aktuell Juli 2015) zeigen erhebliche LERN-Bem&uuml;hungen auf internationaler Ebene&nbsp; (<a href="http://www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1365">www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1365</a> ). Nachdem der Brahimi-Report von 2000 hierzulande kaum wahrgenommen wurde, nachdem mehr als zwanzig Jahre deutsche Beteiligungen an internationalen Kriseneins&auml;tzen durch die politischen Auftraggeber keine systematische Bilanzierung erfuhren, ist die Beachtung der j&uuml;ngsten internationalen Erfahrungen und Lessons Learned dringlicher denn je. Insbesondere sollten sie in den Prozess Wei&szlig;buch 2016 einflie&szlig;en.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">R&uuml;ckblicke</span></strong></p>
<p>(1)&nbsp;&nbsp; Bundestagssondersitzung 13. Juli 1995</p>
<p>(2)&nbsp;&nbsp; Mein Beratungspapier &bdquo;Nach Srebrenica: Zusehen? Eingreifen? Oder was?&ldquo; 27. Juli 1995</p>
<p>(3)&nbsp;&nbsp; Joschka Fischers Brief vom 30. Juli 1995 (Link)</p>
<p>(4)&nbsp;&nbsp; Mein Brief an die FraktionskollegInnen, 25. August 1995</p>
<p>(5)&nbsp;&nbsp; Offener Brief von Kerstin M&uuml;ller, Claudia Roth, J&uuml;rgen Trittin, Ludger Vollmer vom 31. Oktober 1995 (Link)</p>
<p>(6)&nbsp;&nbsp; Interview mit <a href="http://www.gruene.de">www.gruene.de</a> 15 Jahre nach Srebrenica</p>
<p><strong>(1) In einer Bundestagssondersitzung am 13. Juli 1995</strong> zum Jahressteuergesetz nimmt der Bundestagspr&auml;sident zu Bosnien Stellung: die Einnahme der Enklave Srebrenica wird auf`s Sch&auml;rfste verurteilt, der Bundestag erkl&auml;rt seine &bdquo;volle Solidarit&auml;t&ldquo; mit den Opfern.</p>
<p><strong>(2) Am 27. Juli 1995</strong> verbreite ich intern mein Beratungspapier</p>
<p><strong>Nach Srebrenica: Zusehen? Eingreifen? Oder was?</strong></p>
<p>(ver&ouml;ffentlicht im &bdquo;<em>Maulwurf</em>&ldquo;, Zeitung von GAL/GR&Uuml;NEN M&uuml;nster August 1995)</p>
<p><em>&bdquo;In der ostbosnischen Enklave Srebrenica sind seit 1992 43.000 Menschen eingeschlossen und von Hilfsorganisationen nur unzureichend versorgt. Anfang Juli 1995 greifen Truppen des bosnischen Serbenf&uuml;hrers Ratko Mladic die UN-Schutzzone an. F&uuml;r die nur 200 niederl&auml;ndischen UN-Blauhelmsoldaten gibt es keine Verst&auml;rkung. Zur Entlastung angeforderte Luftangriffe kommen nicht zustande. Die Blauhelmsoldaten liefern den Angreifern die Fl&uuml;chtlinge aus: 23.000 Frauen und Kinder werden nach Tuzla gefahren. Hunderte m&auml;nnliche Gefangene werden au&szlig;erhalb des UNPROFOR-Lagers erschossen. 15.000 M&auml;nner versuchen sich im Fu&szlig;marsch &uuml;ber die Berge durchzuschlagen. Die Truppen der bosnischen Serben bringen etwa 8.000 Muslime aus Srebrenica auf der Flucht um.</em></p>
<p><strong><em>&bdquo;Innerer Frieden&ldquo;</em></strong></p>
<p><em>Am 30. Juni beschloss der Bundestag die Entsendung von Bundeswehreinheiten nach Ex-Jugoslawien. Aus den Reihen der Opposition sprachen auff&auml;llig viele Au&szlig;enpolitikerInnen und viele gerade derjenigen PolitikerInnen f&uuml;r die Regierungsvorlage, die seit Jahren besonders intensiv und menschlich mit den Angegriffenen verbunden sind. Zugleich war unverkennbar, dass vielen in Regierung und Koalition ziemlich mulmig zumute ist.</em></p>
<p><em>Die b&uuml;ndnisgr&uuml;ne Fraktion hat die Debatte mit wider Erwarten gro&szlig;er Geschlossenheit und zugleich Ehrlichkeit durchgestanden. Viele waren erleichtert, dass die Zerrei&szlig;probe an uns vor&uuml;ber ging. Zugleich standen viel mehr von uns, als nach au&szlig;en sichtbar wurde, in einem h&ouml;chstgradigen Gewissenskonflikt zwischen zwischenmenschlich-antifaschistischer und pazifistischer Grundhaltung und innergr&uuml;nen Erw&auml;gungen. Der innere Frieden, unser Parteifrieden blieb gewahrt.</em></p>
<p><strong><em>Naher Krieg</em></strong></p>
<p><em>V&ouml;llig entgegengesetzt die Entwicklung des nahen Krieges in Bosnien. Nach dem 30. Juni war schnell Schluss mit der relativen Entspannung nach der Massengeiselnahme von Blauhelmen. Die serbische Aggression eskalierte zur St&uuml;rmung von &bdquo;Schutzzonen&ldquo;, der Selektion, Massakrierung und Vertreibung tausender Menschen &ndash; unter den Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit, in Anwesenheit der internationalen &bdquo;Gemeinschaft&ldquo; in Gestalt von VN-Blauhelmen. Karadzic und General Mladic k&uuml;ndigten die Eroberung &bdquo;aller muslimischen Enklaven bis zum Herbst&ldquo; an, falls diese nicht &bdquo;vollst&auml;ndig entmilitarisiert&ldquo; w&uuml;rden.</em></p>
<p><strong><em>Fischer`s &bdquo;Briefbombe&ldquo;</em></strong></p>
<p><em>In diesen Tagen der fortschreitenden serbischen Aggression entstand Joschkas Brief an die ParteifreundInnen, eine Woche vor der kroatischen Offensive, der R&uuml;ckgewinnung der Krajina, der Befreiung des belagerten Bihac und der serbischen Massenflucht.</em></p>
<p><em>Zu Recht sieht er die Folgen des zu diesem Zeitpunkt unaufhaltsam erscheinenden serbischen Sieges dramatisch. (...) In Europa sind Krieg und Vertreibung wieder zu einem erfolgversprechenden Mittel der Politik geworden. N&uuml;chtern beschreibt er das Versagen Westeuropas und der internationalen &bdquo;Gemeinschaft&ldquo;, in der es niemals einen politischen Willen, nur gegenl&auml;ufige Interessen gegen&uuml;ber dem Krieg in Ex-Jugoslawien gegeben habe.</em></p>
<p><em>Wider l&auml;ngeres &bdquo;Wegducken&ldquo; und &bdquo;Durchlavieren&ldquo; ruft Fischer dazu auf, der politischen Debatte nicht auszuweichen und Farbe zu bekennen. Auch ich beobachte seit Jahren dieses politische Wegducken in friedensbewegten und linken Kreisen, das sich oft hinter allen m&ouml;glichen Ausfl&uuml;chten verbirgt. H&ouml;chst engagierte Organisationen wie das Komitee f&uuml;r Grundrechte und der Bund f&uuml;r Soziale Verteidigung scheinen eher die Ausnahme von der Regel zu sein.</em></p>
<p><em>Ausgehend von der &ndash; zum Teil falschen &ndash; These, alle bisherigen Mittel wie Embargo, Schutzzonen, Kontrolle schwerer Waffen, Verhandlungsl&ouml;sungen h&auml;tten versagt, sieht Fischer nur noch die zugespitzte Alternative Weichen oder Widerstehen gegen&uuml;ber den verbliebenen Schutzzonen: Abzug oder milit&auml;rische Verteidigung. Er spricht sich f&uuml;r ihre milit&auml;rische&nbsp; Verteidigung aus, weil es zu ihr nur schlimmere Alternativen gebe.</em></p>
<p><em>Bei diesem Bekenntnis bleibt Fischer stehen, zu Umsetzungs- und Erfolgschancen nimmt er kaum noch Stellung. Hier setzen berechtigte Kritiken an. Kritiken hingegen, die seine konkrete Problemstellung (verzweifelte Lage der Schutzzonen) negieren und ihn zu einem Bef&uuml;rworter einer &bdquo;milit&auml;rischen Konfliktl&ouml;sung&ldquo; d&auml;monisieren, praktisieren eine Diskussionsunart, die nur die Gegnerbek&auml;mpfung im Sinn hat, in der Sache aber keinen Deut weiterbringt.</em></p>
<p><em>Bekenntnisdebatten um Grenzen des Pazifismus und Milit&auml;r gab es reichlich und meist fruchtlose. Ob jetzt nur noch Gewalt hilft oder Milit&auml;r weiter keine L&ouml;sung ist, angesichts der konkreten Kriegsrealit&auml;t in Bosnien zu &uuml;berpr&uuml;fen.</em></p>
<p><strong><em>Akute Schl&uuml;sselfragen</em></strong></p>
<p><em>Bei der Bundestagsdebatte hatten wir zur Tornado-Entsendung Stellung zu beziehen. Innenpolitische Erw&auml;gungen und die Perspektiven deutscher Au&szlig;enpolitik spielten dabei legitimerweise eine besondere Rolle. Die Argumente stimmen weiter.</em></p>
<p><em>In diesen Wochen m&uuml;ssen wir uns aber den Fragen stellen, zu denen die Gegner der Bundeswehrentsendung (also auch ich) in der Bundestagsdebatte nichts sagten, wozu wir auch keinerlei Antwort hatten:</em></p>
<p><em>Wie kann die Zivilbev&ouml;lkerung wirksam gesch&uuml;tzt und versorgt werden?</em></p>
<p><em>Wie kann die fortschreitende serbische Aggression gestoppt werden?</em></p>
<p><em>Wie kann der Totalabzug der Blauhelme verhindert, ihre Pr&auml;senz wirksamer gemacht werden?</em></p>
<p><em>Was hilft kurzfristig, was nur langfristig?</em></p>
<p><em>V&ouml;llig zu recht insistieren wir auf den Einsatz nichtmilit&auml;rischer Druckmittel, einem wirksamen Embargo, dem Aufnahmeangebot an Kriegsdienstverweigerer und Deserteure ... Aber offenkundig k&ouml;nnen diese Ma&szlig;nahmen nur mittelfristig wirken. Grunds&auml;tzlich richtig ist die Forderung, Anti-Kriegsgruppen zu unterst&uuml;tzen. Der Haken daran ist nur, dass die in Serbien zzt. auch nach eigener Einsch&auml;tzung v&ouml;llig randst&auml;ndig sind; dass die in Bosnien alle den bosnischen Verteidigungskampf unterst&uuml;tzen.</em></p>
<p><em>Aber was hilft kurzfristig?</em></p>
<p><em>Das Bekenntnis, man habe kein Patentrezept und es gebe keine kurzfristigen L&ouml;sungen, ist richtig, entbindet aber nicht von der Verpflichtung, nach Antworten zu suchen.</em></p>
<p><em>Zurzeit bestehen f&uuml;r die &bdquo;Staatengemeinschaft&ldquo; bezogen auf den Blauhelmeinsatz folgende Optionen:</em></p>
<p><em>Weiter wie bisher mit starken Worten, viel Verhandeln und realer Tatenlosigkeit;</em></p>
<p><em>Abzug der Blauhelme und Aufhebung des Waffenembargos nach dem ehrlichen Eingest&auml;ndnis, dass man zu einem echten Schutz nicht bereit ist;</em></p>
<p><em>Evakuierung der Eingeschlossenen und Aufgabe der Schutzzonen;</em></p>
<p><em>Milit&auml;rische Verteidigung der letzten Schutzzonen und Schaffung eines Versorgungskorridors; offene Parteinahme f&uuml;r die Angegriffenen. (Hierzu ist kein westlicher Staat bereit)</em></p>
<p><em>Alle Optionen beinhalten Eskalationsrisiken, beim Blauhelmabzug w&auml;ren sie am gef&auml;hrlichsten. Ist die Lage so verfahren, dass es nur noch schlechte Handlungsm&ouml;glichkeiten gibt, nicht einmal mehr ein kleineres &Uuml;bel? Einsatz f&uuml;r die Menschenrechte, Solidarit&auml;t mit Opfern und Gewaltfreiheit: Wie bekommen wir das angesichts des Krieges in Bosnien noch in Einklang &ndash; ohne Wegsehen, ohne Ausfl&uuml;chte, ohne Kollaboration mit T&auml;tern, ohne Naivit&auml;ten und Beg&uuml;nstigung milit&auml;rischen Denkens?&ldquo;</em></p>
<p><strong>(3) Joschka Fischer`s zw&ouml;lfseitiger Brief vom 30. Juli 1995</strong></p>
<p>an die gr&uuml;ne Bundestagsfraktion und die Partei. Unter der &Uuml;berschrift &quot;<a title="Leitet Herunterladen der Datei ein" href="http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Gr%C3%BCne_Geschichte/JoschkaFischer_Die_Katastrophe_in_Bosnien_und_die_Konsequenzen_fuer_unsere_Partei_1995.pdf" target="_blank">Die Katastrophe in Bosnien und die Konsequenzen f&uuml;r unsere Partei B&Uuml;NDNIS 90/DIE GR&Uuml;NEN</a>&quot; pl&auml;dierte er f&uuml;r &bdquo;milit&auml;rischen Schutz der Schutzzonen am Boden und in der Luft&ldquo;.</p>
<p>(<em>Vgl. Dokumente zum Krieg in Bosnien-Herzegowina, August bis September 1995, hg. vom AK V der Bundestagsfraktion B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen, Gerd Poppe, MdB, mit acht Reaktionen auf Joschkas Brief, f&uuml;nf parlamentarischen Initiativen, Initiativen zur humanit&auml;ren Hilfe und Reisebericht Sarajevo, Zagreb, Ljubljana, Belgrad, Presseerkl&auml;rungen und vier Diskussionsbeitr&auml;gen zum Bundeswehreinsatz</em>.)</p>
<p><strong>(4) Winni Nachtwei: Brief an die FraktionskollegInnen vom 25.8.1995</strong></p>
<p><strong>&bdquo;In Sch&uuml;tzengr&auml;ben f&uuml;r Gewaltfreiheit? Debatte statt Glaubenskrieg um das Fischer-Papier! </strong></p>
<p>Die Art und Weise vieler Reaktionen auf den Brief von Joschka Fischer n&ouml;tigt mich zu einem dringenden Zwischenruf.</p>
<p>Seit geraumer Zeit l&auml;uft die Ex-Jugoslawien-Debatte fast nur noch &uuml;ber die Medien, kaum noch in politischen Zusammenh&auml;ngen. Im ersten Halbjahr war unsere neue Bundestagsfraktion einer der wenigen Orte, wo zu Ex-Jugoslawien kontinuierlich, sehr kontrovers und ernsthaft diskutiert wurde.</p>
<p>(&hellip;)</p>
<p>Inzwischen droht ein R&uuml;ckfall in die Streitunkultur der 80er Jahre!</p>
<p>Das Medienereignis des Joschka-Briefes zog unvermeidlich die Auseinandersetzung auf der Medienb&uuml;hne nach sich. Aus Sicht der fraktionsinternen Meinungsfindung war der Zeitpunkt der Ver&ouml;ffentlichung ung&uuml;nstig, angesichts der zugespitzten Lage in Ex-Jugoslawien sehr angemessen. Zugleich erwiesen sich die B&uuml;ndnisgr&uuml;nen damit als einzige Partei, die sich trotz allgemeiner Ratlosigkeit der dringend notwendigen Debatte um den Krieg in Ex-Jugoslawien stellt.</p>
<p>Viele Solidarisierungen mit seiner Intervention beweisen die altbekannte naive Milit&auml;rgl&auml;ubigkeit, zu der ich mehrfach das Notwendige gesagt habe.</p>
<p>Einige Kritiken an Joschkas Pr&auml;missen (z.B. alle nichtmilit&auml;rischen Mittel h&auml;tten versagt) und Schlussfolgerungen (z.B. Bekenntnis zur milit&auml;rischen Verteidigung der Schutzzonen, ohne Umsetzungs- und Erfolgschancen zu diskutieren) sind vollauf berechtigt.</p>
<p>Neben sehr ernsthaften Repliken auf Joschkas Brief wie denen des Komitees f&uuml;r Grundrechte und Demokratie oder von J&uuml;rgen Trittin gibt es aus den Reihen der verbliebenen Friedensbewegung, der Partei, ja sogar des Fraktionsvorstandes solche, die nach folgendem Muster vorgehen:</p>
<p>- Negiert wird, dass das Papier unmittelbar nach der St&uuml;rmung von Srebrenica und Zepa und angesichts der Karadzic-Ank&uuml;ndigung, die verbliebenen &acute;Schutzzonen` bis zum Herbst zu erobern, entstand und dies zur Schl&uuml;sselfrage machte.</p>
<p>- Stattdessen werden Joschka ausschlie&szlig;lich machttaktische und programmrevisionistische Motive Richtung 1998 unterstellt.</p>
<p>- Seine Forderung nach milit&auml;rischer Verteidigung der Schutzzonen wird umgeschminkt zur Forderung nach Milit&auml;rintervention, zur Bef&uuml;rwortung einer milit&auml;rischen L&ouml;sung des Konflikts.</p>
<p>- Stereotyp wird die &ndash; grunds&auml;tzlich richtige &ndash; Erkenntnis &acute;Milit&auml;r ist keine L&ouml;sung` wiederholt.</p>
<p>- Bei etlichen Wortmeldungen scheinen nur die eigenen Prinzipien und &acute;die Partei`, nicht aber die Schw&auml;chsten in diesem nahen Krieg zu interessieren.</p>
<p>wer so systematisch an der Sache vorbeidiskutiert, praktiziert Wegsehen durch Ausweichen.</p>
<p>Wer so sehr mit Pauschalisierungen, Unterstellungen und D&auml;monisierungen arbeitet, betreibt Gegnerbek&auml;mpfung, aber keine Sachauseinandersetzung.</p>
<p>Vor allem aber: Solche Argumentationsmuster diskreditieren ihre VerfasserInnen und schaden unserer Politik der Gewaltfreiheit, die sich eigentlich verteidigen wollen.</p>
<p>Statt st&auml;ndiger fruchtloser Bekenntnisdebatten brauchen wir konkrete Antworten auf konkrete Fragen. Nur wenn wir diese Debatte frei und ohne Sch&uuml;tzengr&auml;ben f&uuml;hren, haben wir eine Chance, unseren &nbsp;Einsatz f&uuml;r Menschenrechte, Solidarit&auml;t mit Opfern gegen Aggressoren und Gewaltfreiheit in Einklang zu bringen &ndash; ohne Wegsehen und Ausfl&uuml;chte, ohne Kollaboration mit T&auml;tern, ohne Naivit&auml;ten und Beg&uuml;nstigung milit&auml;rischen Denkens.&ldquo;</p>
<p><strong>(5) Offener (Antwort-)Brief von Kerstin M&uuml;ller, Claudia Roth, J&uuml;rgen Trittin und Ludger Vollmer vom 31. Oktober:</strong></p>
<p>&nbsp;&quot;<a title="Leitet Herunterladen der Datei ein" href="http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Gr%C3%BCne_Geschichte/Wohin_fuehrt_die_Forderung_nach_einer_militaerischen_Interventionspflicht_gegen_Voelkermord.pdf" target="_blank">Wohin f&uuml;hrt die Forderung nach einer milit&auml;rischen Interventionspflicht gegen V&ouml;lkermord</a>&quot;.</p>
<p><strong>(6) Interview mit </strong><a href="http://www.gruene.de"><strong>www.gruene.de</strong></a><strong> am 6. Juli 2010:</strong></p>
<p><strong>Nach dem Massaker von Srebrenica 1995</strong></p>
<p><a href="https://www.gruene.de/ueber-uns/35-gruene-jahre-35-gruene-geschichten/35-gruene-jahre-18-die-frage-der-militaerischen-gewalt.html">https://www.gruene.de/ueber-uns/35-gruene-jahre-35-gruene-geschichten/35-gruene-jahre-18-die-frage-der-militaerischen-gewalt.html</a></p>
<p><em>Bosnien, Kosovo, Afghanistan. Drei Auslandseins&auml;tze der Bundeswehr zwingen B&Uuml;NDNIS 90/DIE GR&Uuml;NEN zu heftigen Debatten &uuml;ber Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte. Sp&auml;testens seit dem Massaker von Srebrenica 1995 diskutiert die Partei immer wieder, ob und wann milit&auml;rische Gewalt notwendig ist, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. </em></p>
<p><em>Wir sprachen mit Winfried Nachtwei &uuml;ber diesen schmerzhaften Prozess in der Partei, einschneidende Erlebnisse auf einer Bosnienreise und Pazifismus.</em></p>
<p><strong><em>Hast Du an einen Parteiaustritt gedacht, als die Gr&uuml;nen in den 90er Jahren die Frage der milit&auml;rischen Gewalt diskutierten?</em></strong></p>
<p>Winfried Nachtwei: Nein, das habe ich nicht. Weil ich als Alt-Friedensbewegter die Auseinandersetzung &uuml;ber den Umgang mit den Balkankonflikten intensiv mitf&uuml;hrte und wusste, dass es keine einfachen L&ouml;sungen gibt. Unser Anspruch einer gewaltfreien Au&szlig;enpolitik von Friedenssicherung, Friedensf&ouml;rderung und Gewaltverh&uuml;tung, und auf der anderen Seite die zugespitzte Konfliktsituation in Bosnien-Herzegowina, wo Zivilisten immer mehr mit massenm&ouml;rderischer Gewalt konfrontiert waren. Der schreckliche H&ouml;hepunkt war das Massaker von Srebrenica 1995. Die Partei stand also in dem Konflikt zwischen gewaltfreier Politik &ndash; bezogen auf die eigenen Mittel und Methoden &ndash; und der Frage, was zu tun ist, wenn extreme Gewalt Unbeteiligte und Unschuldige drangsaliert.<br /> <strong><em>Warst Du innerlich zerrissen?</em><br /> </strong>Winfried Nachtwei: Nat&uuml;rlich. Das betraf aber nicht nur mich pers&ouml;nlich oder die Gr&uuml;nen. Das ging auch anderen Parteien, der Gesellschaft und der verbliebenen Friedensbewegung so. Weil man die verschiedenen Perspektiven gesehen hat. Wir hatten &auml;u&szlig;erst intensive und zum Teil hitzige Debatten bei uns in M&uuml;nster, auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Bremen im Dezember 1995 und in der Bundestagsfraktion.<br /> <strong><em>Welche Argumente hatten die Gegner und die Bef&uuml;rworter von Milit&auml;reins&auml;tzen?</em></strong><br /> Winfried Nachtwei: Ich war damals auch Gegner einer milit&auml;rischen Beteiligung Deutschlands in Bosnien. Unsere Hauptargumente waren: 1. Nichtmilit&auml;rische M&ouml;glichkeiten der Konflikteind&auml;mmung wie etwa ein Spritembargo waren noch nicht ausgereizt. 2. Die Bundesregierung unter Verteidigungsminister R&uuml;he will das Milit&auml;r wieder zu einem normalen Mittel der deutschen Au&szlig;enpolitik machen. 3. Auch wenn es dringende Gr&uuml;nde f&uuml;r den Einsatz von Milit&auml;r geben mag, wie sieht am Ende die Wirksamkeit aus? Kommt man in eine weitere Eskalation und rutscht in einen Kriegssumpf hinein? Die Bef&uuml;rworter eines Milit&auml;reinsatzes sahen die Menschen in Srebrenica, in Sarajevo oder den anderen Enklaven. Sie wiesen auf die akute Bedrohung und das Morden hin und sagten: Du hast recht mit dem Misstrauen gegen die Regierung, aber es muss etwas Handfestes zum Schutz der Menschen geschehen. Es hatte ja schon tausende Tote gegeben. F&uuml;r Marieluise Beck und Gerd Poppe, die schon oft auf dem Balkan gewesen waren, stand dieser Solidarit&auml;ts- und Menschenrettungsaspekt im Vordergrund. Diese beiden Seiten prallten also aufeinander.<br /> <strong><em>Habt ihr schnell einen gemeinsamen Weg gefunden?</em></strong><br /> Winfried Nachtwei: Es war ein l&auml;ngerer Kampf. Wir hatten am 30. Juni 1995 noch eine Bundestagsdebatte &uuml;ber den Einsatz von Tornados in Bosnien, nachdem dort Blauhelmsoldaten als Geiseln genommen worden waren. Damals haben wir in der Fraktion &uuml;berwiegend einheitlich gegen diesen Einsatz gestimmt. Nach dem Massaker von Srebrenica schrieb dann aber Joschka Fischer einen zw&ouml;lfseitigen Brief, in dem er f&uuml;r den &bdquo;milit&auml;rischen Schutz der Schutzzonen am Boden und in der Luft&ldquo; pl&auml;dierte. Ich nannte das Papier &bdquo;Joschkas Briefbombe&ldquo; und es f&uuml;hrte zu einer Eskalation der innerparteilichen Diskussion. Ich fand aber, dass Joschka mit vielen Argumenten recht hatte. Dennoch klammerte auch er das Abw&auml;gen der Wirksamkeit der Eins&auml;tze aus. Auf der anderen Seite gab es Gegenreaktionen von Ludger Vollmer und Angelika Beer, die Joschka abstempelten, als bef&uuml;rworte er jetzt grunds&auml;tzlich milit&auml;rische &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo;. Nach der BDK in Bremen 1995, die die traditionellen Positionen der Gewaltfreiheit noch einmal festzurrte, gab es im Bundestag am 6. Dezember 1995 eine Abstimmung &uuml;ber die Unterst&uuml;tzung einer UN-mandatierten SFOR-Truppe der NATO, die das Dayton-Abkommen absichern sollte. Hier hat sich die Fraktionsgemeinschaft schlie&szlig;lich aufgel&ouml;st. 22 der 49 Abgeordneten stimmten f&uuml;r den Einsatz, also gegen das Parteitags-Votum. An diesem Punkt war die bisherige Gemeinsamkeit zerbrochen.&ldquo;</p></div>


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