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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: VOR 20 JAHREN: Drohender BÃ¼rgerkrieg in Mazedonien! GewalteindÃ¤mmung von oben - mit AuÃŸenminister Joschka Fischer in Albanien + Kosovo</title>
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    <span class="xar-mod-title">Internationale Politik und Regionen + Afghanistan + Bericht von Winfried Nachtwei</span>

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            VOR 20 JAHREN: Drohender BÃ¼rgerkrieg in Mazedonien! GewalteindÃ¤mmung von oben - mit AuÃŸenminister Joschka Fischer in Albanien + Kosovo         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 7. April 2021 14:53:06 +02:00 (37772 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Vor 20 Jahren erneute Gewalteskalation auf dem Balkan, in Mazedonien: Bloss nicht noch ein Balkankrieg! Am 6. April 2001 konnte ich Au&szlig;enminister Fischer und seine Delegation zu Intensivgespr&auml;chen in Tirana und Pristina begleiten. Hier mein Bericht von einem Tag hinter den Kulissen. &nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center">VOR 20 JAHREN</p>
<p align="center"><strong>Gewalteind&auml;mmung von oben </strong></p>
<p align="center"><strong>Mit Joschka Fischer in Albanien und Kosovo</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB, 11.04.2001</p>
<p><em>In den Jahren 2000 und 2001 kam es in der Nachbarschaft des Kosovo, im Presevotal und in Mazedonien, zu neuen Gewaltausbr&uuml;chen. Ab Februar 2001 sickerten ethnisch-albanische Bewaffnete aus dem Kosovo nach Mazedonien ein und organsierten sich mit der Zeit als mazedonische UCK. </em></p>
<p><em>Beg&uuml;nstigt durch den Wechsel zur Demokratie in Belgrad gab es nun&ndash; erstmalig in den Balkankrisen - ein koh&auml;rentes internationales Krisenengagement, wo konsequent auf die Hauptverantwortung der Konfliktparteien bei der Konfliktbearbeitung und eine politische L&ouml;sung gedr&auml;ngt und wo Eskalationskalk&uuml;le von Gewaltakteuren durchkreuzt wurden. In beiden F&auml;llen gelang es, eine Gewaltexplosion zu verhindern. In Mazedonien w&auml;re es andernfalls mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit zu einem B&uuml;rgerkrieg mit grenz&uuml;berschreitender Wirkung gekommen. Die UN-mandatierten Kriseneins&auml;tze von NATO und sp&auml;ter EU stoppten die Kriegsgewalt auf dem Balkan. Dass politische Friedlosigkeit fortbestand und bisher kein nachhaltiger Frieden entstand, lag an verschiedenen politischen Akteuren. Der politische Nachteil dieser erfolgreichen Kriegsverh&uuml;tung war ihre &bdquo;Unsichtbarkeit&ldquo;. Funktionierender vorbeugender Brandschutz, nicht brennende H&auml;user bringen keine Bilder, haben keinen Nachrichtenwert. Dass erfolgreich weitere Balkankriege verhindert wurden, ist deshalb kaum bewusst.</em></p>
<p><strong><em>Kontext laut meinen Pers&ouml;nlichen Aufzeichnungen</em></strong><em> (Kladde XIII)</em></p>
<p><em>Am 7. M&auml;rz 2001 tauchte das Thema zunehmender Gewalt in Mazedonien erstmalig im Verteidigungsausschuss auf.&nbsp; Bei der 1. Lesung des umfassenden Antrags der von SPD und Gr&uuml;nen zur Zivilen Krisenpr&auml;vention am 15. M&auml;rz bezieht sich SPD-Kollegin Uta Zapf deutlich auf die Zuspitzung in Mazedonien.</em></p>
<p><em>Am 28. M&auml;rz befasst sich der Verteidigungsausschuss erstmalig ausf&uuml;hrlich mit der Mazedonien-Krise. Sch&auml;tzungsweise 300 K&auml;mpfer sollten sich in Nordmazedonien befinden. Zum gro&szlig;en Teil Freisch&auml;tler der Ex-UCK. Im Kosovo gebe es breite Solidarisierung mit der mazedonischen UCK. Je robuster KFOR gegen die UCK vorgehe, desto mehr gelte das als Parteinahme. </em></p>
<p><em>Bei der mazedonischen Regierung bestehe die Gefahr, dass diese sich in eine Wagenburg zur&uuml;ckziehe und nur auf die milit&auml;rische Karte setze, &nbsp;&nbsp;</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Der Kurzbesuch</span></strong></p>
<p><strong>6. April 2001</strong> hatte ich die seltene Gelegenheit, Au&szlig;enminister Joschka Fischer zu politischen Gespr&auml;chen in Tirana und Pristina zu begleiten. Zwei Tage vorher hatte ich im Verteidigungsausschuss von dem geplanten Besuch geh&ouml;rt und nachgefragt. Ein Tag sp&auml;ter kam vom AA die Zustimmung zu meiner Mitreise.</p>
<p>9.00 Uhr Start unserer Challenger ab Berlin-Tegel nach Tirana.</p>
<p><strong>Hauptthema der Gespr&auml;che</strong> bei diesem eint&auml;gigen Besuch war die konzertierte Eind&auml;mmung der nationalistischen Gewalt albanischer Extremisten in Mazedonien und im Kosovo. Die albanische Regierung soll in ihrem europaorientierten regionalen Stabilit&auml;tskurs best&auml;rkt und unterst&uuml;tzt, die kosovoalbanischen Politiker sollen zu einem aktiven Vorgehen gegen extremistische Gewalt und zu mehr Geduld und Vernunft in ihrem Unabh&auml;ngigkeitsstreben gedr&auml;ngt werden. Die Gespr&auml;che fanden unmittelbar vor der Unterzeichnung des &bdquo;Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens&ldquo; zwischen Mazedonien und der EU am 9. April in Luxemburg statt.</p>
<p>Mitglieder der Delegation sind neben Au&szlig;enminister Joschka Fischer Ministerialdirektor Pauls, Beauftragter f&uuml;r den Stabilit&auml;tspakt S&uuml;dosteuropa, Dr. Michael Schaefer, Leiter Sonderstab Westlicher Balkan., Martin Kobler, Leiter Ministerb&uuml;ro, Andreas Michaelis, Sprecher AA, und andere. Nach zweieinhalb Stunden und einigen Platzrunden Landung in Tirana.</p>
<p><strong>Auf dem Weg nach Tirana</strong> ist die Fahrtstrecke einschlie&szlig;lich des kurzen &ndash; und einzigen &ndash; Autobahnst&uuml;cks f&uuml;r den Staatskonvoi gesperrt. Die leicht h&uuml;gelige Landschaft ist &uuml;bers&auml;t mit runden Erdbunkern zwischen zwei und sechs Metern Durchmesser aus der Zeit antiimperialistischer Rundum- und Volksverteidigung. Viele Gro&szlig;plakate sind leer. Ein AA-Beamter erh&auml;lt im Wagen die Meldung, bei einer Durchsuchungsaktion in einer kroatischen Bank in Mostar sei es zu erheblichen Ausschreitungen gegen Vertreter der internationalen Gemeinschaft gekommen. Wachposten und Personensch&uuml;tzer tragen hier wie auch in Pristina auff&auml;llig oft Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehre &ndash; ein Hinweis auf die bl&uuml;hende Gewaltkultur. Im Kosovo finden die Polizeisirenen des Staatskonvois sogar bei KFOR-Fahrzeugen kaum Beachtung. UN-Spezialpolizisten k&auml;mpfen uns mit Brutalo-Fahrweise durch den dichten Verkehr.</p>
<p><strong>Gespr&auml;chspartner sind</strong> in Tirana nach dem Briefing durch den deutschen Botschafter Au&szlig;enminister Prof. Milo, Premierminister Meta und Staatspr&auml;sident Prof. Meidani. Im 25 Flugminuten entfernten Pristina sind es der Kommandeur des Kosovo Protection Corps und ehemalige UCK-General Ceku, der neue KFOR-Kommandeur, der norwegische&nbsp; Generalleutnant Shiaker, die Vertreterin der Kosovo-Serben im &bdquo;Interim Administrative Council&ldquo; Frau Trajkovic, der Sonderbeauftragte des VN-Generalsekret&auml;rs Hans Haekkerup und die albanischen Parteif&uuml;hrer Rugova, Thaci und Haradinaj. Die Gespr&auml;che im 30-45-Minutentakt verlaufen sehr dicht, man kommt immer sofort zur Sache.</p>
<p>Mit den albanischen Spitzenpolitikern und den internationalen Repr&auml;sentanten ist es ein Dialog auf der Basis grunds&auml;tzlicher &Uuml;bereinstimmung. Man spricht auf einer Wellenl&auml;nge.</p>
<p>Fischer lobt ausdr&uuml;cklich die Rolle Albaniens in der Mazedonien-Krise. Die kosovo-albanischen Parteif&uuml;hrer und der KPC-Kommandeur haben sich hingegen zun&auml;chst Klartext vom deutschen Au&szlig;enminister anzuh&ouml;ren. Mir kommen streckenweise Assoziationen zu einer Pr&uuml;fungssituation.</p>
<p><strong>Fischers Botschaft</strong> lautet: Die Gewaltakte albanischer Extremisten seien ein historischer Fehler. In Mazedonien gebe es sicher noch Anlass zu Ver&auml;nderungen, die albanischen Mazedonier d&uuml;rften sich nicht als B&uuml;rger zweiter Klasse f&uuml;hlen. Aber heute sei eine ganz andere Lage als 1999. Heute gebe es keinerlei Rechtfertigung mehr f&uuml;r die Anwendung von Gewalt. Die Zeit des bewaffneten Kampfes sei endg&uuml;ltig vorbei. Wer die territoriale Integrit&auml;t von Staaten infrage stelle, setze die Region in Brand.</p>
<p>Das Europa der Integration k&ouml;nne solche Gewaltauseinandersetzungen nicht hinnehmen. Jeder, der nach Europa wolle, m&uuml;sse dieselben Prinzipien beachten. Gewalt gegen und Unterdr&uuml;ckung von Minderheiten seien damit unvereinbar. Die EU sei zu langandauernden Anstrengungen bereit. Bedingung sei allerdings der strikte Gewaltverzicht.</p>
<p>Man habe nicht gegen den gro&szlig;serbischen Nationalismus gek&auml;mpft, um nun einen gro&szlig;albanischen zu bekommen. Den Albanern drohe ein dramatischer Verlust an Sympathie und Unterst&uuml;tzung seitens der internationalen Gemeinschaft.</p>
<p>Er nennt Beispiele des funktionierenden Zusammenlebens von Mehrheiten und Minderheiten in Europa.</p>
<p>Sehr eindeutig und eindringlich appelliert Fischer an Rugova, Thaci und Haradinaj: Die</p>
<p>Isolation der Extremisten sei von h&ouml;chster Bedeutung und sie h&auml;tten dabei eine hervorragende Verantwortung. Die Lage der Minderheiten im Kosovo sei furchtbar. Das m&uuml;sse sich &auml;ndern. Wenn der Eindruck entstehe, dass vom Kosovo Gewalt und gro&szlig;albanischer Extremismus ausgehe, dann werde die L&ouml;sung der Fragen, die ihnen besonders am Herzen l&auml;gen, erst recht unm&ouml;glich. Wenn sie hingegen klug ihre Interessen verfolgen und R&uuml;cksicht auf die Interessen der Nachbarn nehmen w&uuml;rden, k&ouml;nne die Geschichte f&uuml;r sie einen positiven Verlauf nehmen. Notwendig seien Geduld, vertrauensbildende Prozesse, funktionierende Wirtschaft, Respektierung von Minderheitenrechten &ndash; und nicht der Griff zur Waffe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Kosovo-Serben fordert Fischer auf, sich aktiv am Aufbau der Selbstverwaltung und an den kommenden Wahlen zu beteiligen.</p>
<p>Die mazedonischen Albaner m&uuml;ssen am 9. April bei der Unterzeichnung des &bdquo;Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens&ldquo; zwischen Mazedonien und der EU in Luxemburg auf jeden Fall dabei sein.</p>
<p><strong>Die albanischen Spitzenpolitiker</strong> wirken &uuml;berzeugt und &uuml;berzeugend in ihrer europ&auml;ischen Orientierung und ihrer aktiven Politik gegen&uuml;ber albanischem Extremismus. F&uuml;r diesen sei albanisches Territorium keine Basis, betont man angesichts der Medienberichte, von Albanien seien Bewaffnete nach Mazedonien eingesickert. In der sehr gebirgigen Grenzregion brauche man aber auch internationale Unterst&uuml;tzung zu ihrer besseren &Uuml;berwachung.</p>
<p>Zugleich verweisen sie auch auf interne Ursachen des Konflikts. Wenn die albanischen Mazedonier im Dialog mehr Rechte bek&auml;men, sei eine Explosion zu vermeiden.</p>
<p><strong>Die kosovo-albanischen Spitzenvertreter</strong> distanzieren sich von der Gewalt, sprechen f&uuml;r Minderheitenschutz und Dialog. Auch wenn die Vokabeln stimmen, so klingen ihre Ausf&uuml;hrungen weder &uuml;berzeugt noch &uuml;berzeugend. Hier scheinen erhebliche Verst&auml;ndigungsprobleme anzudauern.</p>
<p><strong>Ein deutscher General</strong> im KFOR-Stab spricht zwei Probleme an:</p>
<p>Den Dissens in KFOR um die Haftdauer f&uuml;r an der Grenze zu Mazedonien festgenommene Kosovo-Albaner. W&auml;hrend der deutsche Befehlshaber diese strikt nach deutschem Recht nicht l&auml;nger als 72 Stunden festhalten will, will COMKFOR aus Sicherheitsgr&uuml;nden eine l&auml;ngere Inhaftierung.</p>
<p>Die bisherige Formulierung des Bundestagsmandats erschwere in Einzelf&auml;llen die Handlungsf&auml;higkeit. Deutsche Offiziere im KFOR-Stab d&uuml;rften z.B. nicht an Verhandlungen in der Ground Savety Zone teilnehmen.</p>
<p><strong>Am Rande</strong> ergeben sich einige Gespr&auml;che mit deutschen Polizisten und Soldaten, darunter dem Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents, General Langheld aus Augustdorf/NRW, und einem h&ouml;heren BGS-Offizier der Special-Operations-Einheit von UNMIK, vergleichbar einem deutschen SEK.</p>
<p><strong>Auf dem Weg</strong> zwischen Flughafen Pristina und Innenstadt sind im Unterschied zu Sarajevo nur vereinzelt kriegszerst&ouml;rte H&auml;user zu sehen. Ein gr&ouml;&szlig;erer Kasernenkomplex und eine Gro&szlig;kesselanlage liegen in Tr&uuml;mmern. Zwei orthodoxe Kirchen sind mit S-Deaht abgesperrt und in der Nacht mit Scheinwerfern angestrahlt.</p>
<p><strong>Medienresonanz</strong>: Bei den Treffen der Spitzenpolitiker und ihren Pressekonferenzen in Tirana und Pristina herrscht gro&szlig;er&nbsp; Medienandrang. Am n&auml;chsten Tag zur&uuml;ck in Deutschland finde ich nur in der SZ eine 22-Zeilenmeldung von AP.</p>
<p>Wer ahnt schon, dass sich hinter dieser 08/15-Meldung &uuml;ber eine allt&auml;glich erscheinende Au&szlig;enminister-Visite aktive Friedenspolitik auf h&ouml;cster Ebene verbirgt, ein wichtiger Beitrag zur Gewaltverh&uuml;tung in einer kriegstr&auml;chtigen Region?</p>
<p>Was und wie hinter den Kulissen zwischen den &bdquo;M&auml;chtigen&ldquo; gesprochen wird, ob dabei aneinander vorbei geredet wird oder wirklich ein konstruktiver Dialog mit politischer Wirkung entsteht, bleibt f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit in der Regel verschlossen. Wahrgenommen werden vorrangig die &ouml;ffentlichen verbalen Zeichen und Positionierungen.</p>
<p>Umso aufschlussreicher war f&uuml;r mich , Joschka Fischer bei seiner diplomatischen Alltagsarbeit zu erleben, wo seine politische Klarheit und &Uuml;berzeugungskraft in H&ouml;chstform waren, beim Zuh&ouml;ren, im Dialog, beim Klartextreden, im Eintreten f&uuml;r das Europa der Integration, der Minderheitenrechte und gegen die nationalistische Gewalt. Aktive Friedenspolitik auf h&ouml;chster Ebene.</p></div>


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