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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Kosovo-Krieg vor zwei Jahren: Begann alles mit einer LÃ¼ge? - Zum Streit um die Informationspolitik der Bundesregierung</title>
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    <span class="xar-mod-title">Kosovo + Bericht von Winfried Nachtwei</span>

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            Kosovo-Krieg vor zwei Jahren: Begann alles mit einer LÃ¼ge? - Zum Streit um die Informationspolitik der Bundesregierung         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 12. März 2001 19:10:22 +02:00 (37439 Aufrufe)            </div>
            <div>    Vor zwei Jahren beteiligte sich die Bundesrepublik Deutschland erstmalig an einem Kriegseinsatz. Die Auseinandersetzung darÃ¼ber ist abgeflaut, aber lÃ¤ngst nicht beendet. Soll es ein tatsÃ¤chliches Lernen und friedenspolitische Konsequenzen aus diesem Krieg geben, dann ist eine genaue AufklÃ¤rung der Kriegsursachen und -begrÃ¼ndungen, der Folgen und Ergebnisse des Krieges gerade aus der zeitlichen Distanz unabdingbar. Es mag politisch naiv klingen: Die Bereitschaft zur selbstkritischen Aufarbeitung muss bei BefÃ¼rwortern und Kritikern des Kosovo-Krieges vorhanden sein. Dabei darf es nicht um Rechthaberei und die Neuinszenierung alter Debatten gehen. Im Mittelpunkt muss die Wahrheitsfindung stehen.</div>
            <div>    Im Januar besch&auml;ftigte die DU-Munition als ein Aspekt der Kriegsfolgen die &Ouml;ffentlichkeit. Mit dem WDR-Beitrag <strong>&bdquo;Es begann mit einer L&uuml;ge&quot;</strong> (vollst&auml;ndiges Textmanuskript unter <a href="http://www.wdr.de/online/news/kosovoluege">www.wdr.de/online/news/kosovoluege</a>) erreichte die Auseinandersetzung um die Rechtfertigung der NATO-Luftangriffe und die Informationspolitik der Bundesregierung Anfang Februar einen neuen H&ouml;hepunkt. Die WDR-Journalisten Angerer und Werth warfen der Bundesregierung, insbesondere Minister Scharping, aber auch Minister Fischer und Kanzler Schr&ouml;der vor, die Zustimmung von Bundestag und &Ouml;ffentlichkeit zur deutschen Beteiligung an den NATO-Luftangriffen mit Manipulationen und L&uuml;gen gewonnen zu haben. Dies sei entscheidend f&uuml;r die Kriegsf&uuml;hrungsf&auml;higkeit der NATO gewesen. <p>Der Film wurde von Bundesregierung und einer gro&szlig;en Koalition im Bundestag schnell als &bdquo;Machwerk&quot; abgestempelt und nicht der Auseinandersetzung f&uuml;r wert befunden. Eine erste Debatte fand in der Aktuellen Stunde des Bundestages am 16. Februar statt. Nichts desto weniger wirkte der ARD-Beitrag gerade im Umfeld der Gr&uuml;nen und auch bei Unterst&uuml;tzern des damaligen Regierungskurses hochgradig irritierend. Der Film zielt auf die Glaubw&uuml;rdigkeit rot-gr&uuml;ner Spitzenpolitiker, die damals f&uuml;r viele ausschlaggebend war bei der schwierigen und schmerzhaften Entscheidung, die NATO-Luftangriffe trotz erheblicher Bedenken mitzutragen. </p><p>Der WDR-Film ist der vorl&auml;ufige H&ouml;hepunkt einer Serie von Publikationen von Kritikern des NATO-Krieges (Loquai, Lutz/Cremer, K&uuml;ntzel, Els&auml;sser u.a.), die angesichts der allgemeinen Verdr&auml;ngung des Themas in der breiten Presse weniger zur Sprache kommen, aber die kritische Diskussion um den Kosovokrieg dominieren und Gegner des NATO-Krieges reichlich mit Argumentationsmaterial ausstatten. Demgegen&uuml;ber sind die meisten Unterst&uuml;tzer des Regierungskurses bei Detailauseinandersetzungen in der Regel &uuml;berfordert. Weitestgehend allein gelassen von den rot-gr&uuml;nen Spitzen und der Bundesregierung &uuml;berwiegt deshalb das Wegducken vor der kritischen Aufarbeitung des Kosovokrieges. Schon jetzt haben die periodisch auftauchenden Zweifel und Vorw&uuml;rfe zu einer deutlichen <strong>Delegitimierung des NATO-Einsatzes</strong> und zur Best&auml;tigung seiner Gegner gerade in gr&uuml;n-roten und friedensbewegten Kreisen gef&uuml;hrt. </p><p>Die verbreitete Haltung, nach dem Alptraum der ersten deutschen Kriegsbeteiligung schnell einen <strong>Schlussstrich</strong> zu ziehen und nach vorn zu schauen, war angesichts der Anforderungen der Balkanpolitik und der &auml;u&szlig;ersten Beanspruchung durch Regierungs- und Koalitionspraxis naheliegend, erweist sich aber zusehends als kurzsichtig und irrig. Der Kampf um die Interpretation des Krieges und die Kriegsschuld l&auml;uft einseitig auf Hochtouren und zersetzt die Glaubw&uuml;rdigkeit von Rot-Gr&uuml;n in der elementaren Frage von Krieg und Frieden. Das darf nicht weiter hingenommen werden! Dem kann aber nur sinnvoll und wirksam begegnet werden mit r&uuml;cksichtsloser Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber, was wirklich wa(h)r in und um diesen Krieg, der auch einer um die &ouml;ffentliche Meinung war.</p><p><strong>Die laufende &ouml;ffentliche Diskussion um Manipulation und Wahrheit beim Kosovokrieg ist in mehrfacher Hinsicht verengt</strong>:</p><ul><li>&uml; Die Kritik fixiert sich auf wenige Komplexe wie Racak, Rambouillet und Annex B, &bdquo;Hufeisenplan&quot;. Damit werden exemplarisch generelle Botschaften transportiert. Vorgeschichte und Gesamtkontext werden in der Regel ausgeblendet und komplexere Realit&auml;ten vereinfacht. Dadurch werden sie systematisch falsch bzw. &uuml;berbewertet, vor allem in ihrer Bedeutung f&uuml;r politische Entscheidungsprozesse von Parlament und Regierung. Racak zum Beispiel wurde h&ouml;chst gegens&auml;tzlich gewertet: die US-Regierung sah darin einen Kriegsgrund, f&uuml;r die europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten und insbesondere Fischer war Racak ein Ansto&szlig; zu verst&auml;rkten Verhandlungsbem&uuml;hungen.</li><li>&uml; Im Visier stehen einzig und allein Scharping, die Bundesregierung sowie NATO und UCK. Praktisch nicht thematisiert werden die offene und verdeckte Propaganda des fr&uuml;heren serbischen Regimes, das sich durch die Aussperrung internationaler Medien das Bildmonopol &uuml;ber Kosovo und Serbien sicherte, das Verhalten der Medien auch als Wassertr&auml;ger der Propaganda der Kriegsparteien, verzerrende Darstellungen mancher Kritiker des NATO-Krieges.</li><li>&uml; Verfasst sind die &bdquo;Enth&uuml;llungen&quot; durchweg von Autoren ohne eigene Regionalerfahrung. General a.D. Loquai, von der Bundesregierung zur OSZE in Wien abgeordnet, war durch Einblick in interne Berichte noch am n&auml;chsten am Konflikt. Auff&auml;llig ist schlie&szlig;lich die oft einseitige Quellenauswertung, indem nur die NATO und Bundesregierung &bdquo;belastende&quot;, aber nicht &bdquo;entlastende&quot; Aussagen herangezogen und bewertet wurden. </li><li>&uml; Sehr verbreitet ist ein &quot;Besserwissen&quot; aus dem Nachhinein, wo die Unsicherheiten der damaligen Informationslage ignoriert, &Auml;u&szlig;erungen und Entscheidungen aus ihrem Kontext gel&ouml;st und mit dem heutigen Kenntnisstand beurteilt werden. </li><li>&uml; Auf vielen Veranstaltungen erlebte ich inzwischen, wie hoch engagierte kritische Besch&auml;ftigung mit dem Kosovokrieg meist einherging mit einem auff&auml;lligen Desinteresse gegen&uuml;ber der Nachkriegsentwicklung im Kosovo und der friedlichen Oktoberrevolution in Serbien. </li><li>&uml; Insgesamt sind die &bdquo;Enth&uuml;llungspublikationen&quot; vom Duktus und der Beweisf&uuml;hrung her oft reine Dokumente der Anklage. Solche sind legitim und notwendig als Ansto&szlig; eines Prozesses der Wahrheits- und Urteilsfindung. Kommt die Anklage hingegen als fertiges Urteil daher bzw. wird sie so missverstanden, ger&auml;t die vermeintliche Aufkl&auml;rung zum blo&szlig;en Tribunal, in dem nur noch Belege f&uuml;r das fertige Vor-Urteil gesucht werden. </li></ul><p>Ein <strong>fundiertes Urteil</strong> setzt voraus, damalige &Auml;u&szlig;erungen mit dem damaligen und heutigen Stand der Kenntnisse &uuml;ber den Konfliktverlauf, wie er sich nach Auswertung verschiedenster und vor allem unabh&auml;ngiger Quellen darstellt, zu konfrontieren. Nur so l&auml;sst sich beweiskr&auml;ftig &uuml;berpr&uuml;fen, von wem damals nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit gesagt, von wem wie manipuliert, gelogen wurde oder von wem ohne manipulative Absicht, aber vielleicht fahrl&auml;ssig Aussagen gemacht wurden, die sich sp&auml;ter als falsch oder &uuml;berzogen darstellten. </p><p>Im Folgenden versuche ich zur fundierteren Urteilsfindung beizutragen durch eine teilweise </p><p><strong>&Uuml;berpr&uuml;fung der Informationspolitik der Bundesregierung</strong>&nbsp; </p><ul><li>&uml; entlang den Behauptungen des ARD-Beitrages,</li><li>&uml; an den Reden von Scharping und Fischer zur Konflikt- und Menschenrechtslage vor dem Bundestag und den Stellungnahmen der Bundesregierung in Fraktion und Verteidigungsausschuss, </li><li>&uml; an den Stellungnahmen der Regierung zur NATO-Kriegf&uuml;hrung und zu Kriegsfolgen und -ergebnissen.</li></ul><p>Ich st&uuml;tze mich u. a. auf den 433-Seiten Report der OSZE &bdquo;Kosovo/Kosova. As Seen, As told&quot; &uuml;ber die Menschenrechtsermittlungen der OSZE Kosovo Verification Mission vom Oktober 1998 bis Juni 1999 (www.osce.org) und den Report der Independent International Commission on Kosovo (IICK), der im Oktober 2000 dem VN-Generalsekret&auml;r vorgelegt wurde (<a href="http://www.kosovocommission.org/reports">www.kosovocommission.org/reports</a>). Die Zusammensetzung der Kommission, ihre Zusammenarbeit mit einer F&uuml;lle von Menschenrechtsorganisationen, Institutionen und Regierungen (allein die US- und jugoslawische Regierung verweigerten diese) und die Differenziertheit ihrer Urteile macht diesen Report zu einer besonders wichtigen und unverzichtbaren Beurteilungshilfe. Angesichts der Dominanz akademischer Fernanalysen in der kritischen Auseinandersetzung um den Kosovokonflikt ist es sinnvoll, gerade auch Berichte von Landeskundigen und Betroffenen zur Kenntnis zu nehmen: des FAZ-Balkan-Korrespondenten Matthias R&uuml;b (Kosovo - Ursachen und Folgen eines Kriegs in Europa, dtv M&uuml;nchen November 1999), von Beqe Cufaj (Kosova - R&uuml;ckkehr in ein verw&uuml;stetes Land, Wien 2000), von Bardhyl Hoti/Frank Nordhusen (Entkommen - Tagebuch eines &Uuml;berlebenden aus dem Kosovo, Berlin November 2000).</p><h3>Zum ARD-Beitrag &bdquo;Es begann mit einer L&uuml;ge&quot;</h3><p>&bdquo;Vorlage&quot; des Beitrages Jo Angerer und Matthias Werth ist offenkundig die faktenorientierte Polemik &bdquo;Kriegsverbrechen - die t&ouml;dlichen L&uuml;gen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt&quot; von J&uuml;rgen Els&auml;sser (tribunal, konkret Verlag, Hamburg 2000). Bei etlichen Friedensgruppen ist der Film inzwischen ein verbreitetes Veranstaltungsmedium geworden. Das &bdquo;Komitee kritischer Journalistinnen und Journalisten e.V.&quot; beurteilte in einem Offenen Brief an Bundeskanzler Schr&ouml;der den ARD-Beitrag als &bdquo;perfekte Dokumentation&quot;, die &bdquo;Scharpings L&uuml;genberichte allesamt an Ort und Stelle &uuml;berpr&uuml;ft&quot; habe mit dem Ergebnis, dass &bdquo;Scharpings zu Herzen gehende Berichte &uuml;ber die serbischen Greuel gegen die Albaner im Kosovo vor und zur Zeit des NATO-Krieges allesamt erstunken und erlogen waren.&quot;</p><p>In einer gemeinsamen Presseerkl&auml;rung vom 1. M&auml;rz werfen Norbert Bl&uuml;m, Heiner Geissler, Friedhelm Brebeck (langj&auml;hriger ARD-Korrespondent), Donika Gervalla und Rupert Neudeck dem Film Manipulationen und F&auml;lschungen vor und rufen den Deutschen Presserat auf zu &uuml;berpr&uuml;fen, wie weit dieser TV-Film &bdquo;den Kriterien des journalistischen Ethos&quot; entspreche. Matthias R&uuml;b bezeichnete den Film in einem ausf&uuml;hrlichen FAZ-Beitrag als &bdquo;strengen Fall von Bulldozer-Journalismus&quot;. (1.3.2001)</p><h3>(1) (K)eine humanit&auml;re Katastrophe?</h3><p>Entgegen Scharpings Behauptung von einer humanit&auml;ren Katastrophe im Kosovo drei Tage nach Beginn der NATO-Luftangriffe behaupten Angerer und Werth unter Bezugnahme auf OSZE, interne Lageberichte des BMVg, Loquai und eine US-Diplomatin, eine humanit&auml;re Katastrophe habe weder bestanden noch gedroht. In Wirklichkeit habe es sich um einen B&uuml;rgerkrieg gehandelt, in dem die Gewalt eher von der UCK ausgegangen sei. (vgl. Els&auml;sser S. 37 ff.)</p><p><strong>Richtig</strong> ist, dass zumindest zeitweilig die Br&uuml;che des Waffenstillstandes vor allem von der UCK ausgingen. Die BBC-Dokumentation &bdquo;Bomben und Moral&quot; (ARD 23.8.2000) konstatiert eine Eskalationsstrategie der UCK, die terroristische Antiterroreins&auml;tze der serbischen Kr&auml;fte gegen die kosovo-albanische Zivilbev&ouml;lkerung bewusst einkalkuliert habe, um dar&uuml;ber die NATO zum Eingreifen zu veranlassen. </p><p><strong>Unber&uuml;cksichtigt</strong> bleibt, dass lt. UNHCR (Mitte M&auml;rz) seit Januar 1999 150.-200.000 Menschen aus ihren H&auml;usern vertrieben worden sind. Allein am 15. M&auml;rz w&auml;hrend der Pariser Verhandlungen habe es in der Podujere-Region 25-40.000 neue Fl&uuml;chtlinge gegeben. Am 23. M&auml;rz befanden sich 69.500 kosovo-albanische Fl&uuml;chtlinge in Anrainerstaaten. </p><p><strong>V&ouml;llig unerw&auml;hnt</strong> bzw. im Urteil unber&uuml;cksichtigt bleibt der Erfahrungs- und Wahrnehmungshintergrund des an Flucht, Vertreibungen und T&ouml;tungen &bdquo;reichen&quot; Jahres 1998: Das UNHCR sch&auml;tzte im August 1998 ca. 260.000 interne und 200.000 externe Fl&uuml;chtlinge. Lt. IICK kamen bis September 1998 ca. 1.000 Zivilisten um, lt. R&uuml;b mindestens 2.000 Kosovoalbaner, davon die H&auml;lfte Frauen, Alte, Kinder. Im selben Zeitraum seien nach serbischen Angaben 120 Polizisten umgekommen. Insgesamt seien 450 D&ouml;rfer und Siedlungen dem Erdboden gleichgemacht und mehr als 40.000 H&auml;user und Wohnungen zerst&ouml;rt worden. </p><p>&bdquo;Wer sp&auml;ter behauptet, die Vertreibungen und Massaker im Kosovo h&auml;tten erst nach Beginn der Luftangriffe der NATO angefangen, hat den Kriegssommer 1998 entweder vergessen oder verdr&auml;ngt. Begonnen hatten Krieg, Massaker und systematische Vertreibung im Kosovo gut ein Jahr, bevor die erste Bombe der NATO fiel.&quot; (S. 117) </p><p>Wendepunkt waren die Ereignisse im Raum Drenica, wo die UCK - bis dahin eher eine &bdquo;politisch motivierte Terrororganisation&quot; (Erich Reiter, Der Krieg um das Kosovo, Mainz 2000, S. 44) - erstmalig einen gr&ouml;&szlig;eren Raum kontrollierte und immer mehr zu einer von breiten Bev&ouml;lkerungsgruppen unterst&uuml;tzten Guerillabewegung wurde. Nach UCK-&Uuml;berf&auml;llen auf serbische Polizeipatrouillen, denen vier Polizisten zum Opfer fielen, f&uuml;hrte die serbische Sonderpolizei vom 28.2.-5.3.1998 eine erste gr&ouml;&szlig;ere Operation durch. Dabei wurden mehr als 80 Kosovo-Albaner get&ouml;tet, unter ihnen viele Frauen, Kinder und alte Menschen. In keiner Weise vereinbar mit legitimer Terrorbek&auml;mpfung war die hohe Zahl an unbeteiligten zivilen Opfern und die Anwendung der Sippenhaftung: Alle m&auml;nnlichen Mitglieder zweier f&uuml;hrender und der UCK-Unter&shy;st&uuml;tzung verd&auml;chtiger Familien wurden erschossen. Parallelen zeigten sich zur fr&uuml;hen Phase des Kriegs in Bosnien, wo Freisch&auml;rlergruppen &bdquo;ethnische S&auml;uberungen&quot; einleiteten, indem sie f&uuml;hrende Familien, die ie traditionelle Dorfgemeinschaft zusammenhielten, t&ouml;teten oder verschleppten. (Reiter S. 45)</p><p>R&uuml;b berichtet aus Decan mit seinen einstmals 6.000 Einwohnern, das seine &bdquo;ethnische S&auml;uberung&quot; zehn Monate vor den NATO-Luftangriffen erlebte.</p><p>Der VN-Sicherheitsrat verurteilte in mehren Resolutionen das Verhalten beider Seiten, erstmalig am 31.3.1998. In der Resolution 1199 vom 23.9.1998 &auml;u&szlig;erte der Sicherheitsrat seine ernste Sorge &bdquo;&uuml;ber die j&uuml;ngsten heftigen K&auml;mpfe im Kosovo und insbesondere &uuml;ber die exzessive und wahllose Gewaltanwendung seitens der serbischen Sicherheitskr&auml;fte und der jugoslawischen Armee, die zu zahlreichen Opfern unter der Zivilbev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt haben und nach Sch&auml;tzung des Generalsekret&auml;rs die Ursache f&uuml;r die Vertreibung von mehr als 230.000 Menschen waren.&quot; Mit &bdquo;tiefer Sorge&quot; nennt er die &bdquo;zunehmende Zahl von Binnenvertriebenen (...), von denen nach Sch&auml;tzung des UNHCR bis zu 50.000 Menschen ohne Unterkunft und andere Mittel zur Deckung ihrer Grundbed&uuml;rfnisse sind&quot;. Beunruhigt &bdquo;&uuml;ber die sich abzeichnende humanit&auml;re Katastrophe&quot; bezeichnet der Sicherheitsrat die Situation im Kosovo als eine &bdquo;Bedrohung des Friedens und der Sicherheit in der Region&quot;. (Reiter S. 216 f.). Das war der entscheidende sachliche Hintergrund der Bundestagsentscheidung vom 16. Oktober 1998 - unabh&auml;ngig von der machtpolitischen Erpressungssituation, in der sich Schr&ouml;der und Fischer noch vor Amtsantritt der neuen rotgr&uuml;nen Bundesregierung gegen&uuml;ber den USA befanden.</p><h3>(2) NS-Vergleiche</h3><p>Den Scharping-Behauptungen (28.3.99) von einem KZ im Stadion von Pristina, von Lehrererschie&szlig;ungen vor den Augen der Kinder und dem &bdquo;S&quot; auf serbischen Wohnungst&uuml;ren widersprechen &ouml;rtliche Augenzeugen. </p><p>Die Bundesregierung hat inzwischen erkl&auml;rt, keine verifizierbaren Angaben zu einem KZ im Kosovo zu haben. Allerdings erkl&auml;rten am 1. M&auml;rz Bl&uuml;m u.a., dass alle Bewohner gewusst h&auml;tten, dass &bdquo;n&ouml;rdlich des Stadions tausende Kosovaren zum Abtransport f&uuml;r den Zug nach Blace/ Mazedonien konzentriert waren.&quot; Lt. IICK geh&ouml;rte zu den T&ouml;tungsarten ab Sp&auml;tm&auml;rz 1999 auch die planm&auml;&szlig;ige Erschie&szlig;ung von Rechtsanw&auml;lten, &Auml;rzten, politischen F&uuml;hrern. Der OSZE-Report konstatiert, serbische H&auml;user seien markiert worden, damit sie nicht Ziel von Angriffen w&uuml;rden. </p><p>Ohne Originalzitat, sondern nur indirekt durch die scharfe Verurteilung durch Loquai kommt Fischers angeblicher &bdquo;Auschwitz-Vergleich&quot; zur Sprache. Diese Methode wird wohl nicht von ungef&auml;hr gew&auml;hlt. Denn ein Fischer-Zitat, das eindeutig und fernsehgeeignet eine Gleichsetzung von Auschwitz und serbischer Politik im Kosovo beinhalten w&uuml;rde, ist schwer beizubringen und mir bisher nicht bekannt. </p><p>Dokumentiert sind Fischer-&Auml;u&szlig;erungen wie &bdquo;Ich habe nicht nur &acute;Nie wieder Krieg&acute; gelernt, sondern auch &acute;Nie wieder Auschwitz&acute;&quot; (Welt 8.4.1999). Eine solche Formulierung ist sehr interpretationsf&auml;hig: Indem sie zugespitzt das Dilemma zwischen Gewaltfreiheit und Schutz gegen schwere Menschenrechtsverletzungen markiert und die Grundforderung &quot;den Anf&auml;ngen wehren&quot; erhebt, ist sie zutreffend. Indem sie Raum l&auml;sst f&uuml;r die Interpretation einer Parallelisierung, ist sie fahrl&auml;ssig und sachlich falsch. Allerdings hat Fischer in mehreren Interviews klargestellt, dass er &bdquo;keine Parallelisierung zwischen Auschwitz und den aktuellen Ereignissen&quot; vornehmen wolle. (Allgemeine J&uuml;dische Wochenzeitung 29.4.1999) </p><p>Eine ausdr&uuml;ckliche Parallelisierung formulierte Fischer aber z.B. am 15. April 1999 im Bundestag, wo er von einer &bdquo;rohen Form von Faschismus&quot; wie in den 30er Jahren sprach. &Uuml;ber die Angemessenheit solcher historischer Bez&uuml;ge l&auml;sst sich wahrhaftig streiten. Sie sind &auml;u&szlig;erst problematisch, weil sie verk&uuml;rzte Interpretationen und Assoziationen (Milosevic = Hitler) beg&uuml;nstigen. Sie allerdings als &bdquo;neue Auschwitzl&uuml;ge&quot; zu denunzieren und kampagnenm&auml;&szlig;ig zu attackieren, ist propagandistisch gekonnt, aber auch demagogisch durch und durch. (vgl. die Gro&szlig;anzeige von VVN und Auschwitz-&Uuml;berlebenden in der FR) Dass VVN und manche andere Kriegsgegner gleichzeitig die deutsche Kriegsbeteiligung in Kontinuit&auml;t zum Nazi-Krieg gegen Serbien setzten und manche sogar von einem &bdquo;Vernichtungskrieg&quot; gegen Jugoslawien sprachen, zeigt die Verlogenheit dieser Vorw&uuml;rfe. (Dokumentation von Peter Gingold und Ulrich Sander/VVN &bdquo;Gegen eine neue Art der Auschwitz-L&uuml;ge&quot;) Das o.g. Komitee kritischer Journalisten bringt daf&uuml;r das aktuellste Beispiel: Die Regierung habe den Krieg begr&uuml;ndet mit der Verhinderung einer humanit&auml;ren Katastrophe. &bdquo;&Auml;hnlich hatte Hitler 1939 den deutschen &Uuml;berfall auf Polen mit der Sorge um die `armen Volksdeutschen` begr&uuml;ndet.&quot;</p><h3>(3) Massaker oder Gefecht in Rogovo?</h3><p>Laut Scharping (27.3.99) h&auml;tten serbische Kr&auml;fte am 29. Januar 1999 in Rogovo ein Massaker an unschuldigen Zivilisten ver&uuml;bt. Das illustrierte er mit Fotos. Die Filmautoren behaupten unter Verweis auf einen Lagebericht des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg), einen deutschen Polizeibeamten und OSZE-Beobachter und westliche TV-Aufnahmen, dass es sich nicht um ein Massaker an Zivilisten, sondern ein Gefecht unter Bewaffneten gehandelt habe. </p><p>Der umfassende OSZE-Report (S. 184) best&auml;tigt, dass einige der 24 toten Kosovaren Uniformen getragen h&auml;tten und bei ihnen Waffen gefunden worden w&auml;ren. W&auml;hrend es sich nach Darstellung der serbischen Polizei um ein Gefecht mit UCK-K&auml;mpfern gehandelt habe, nachdem diese eine Polizeipatrouille &uuml;berfallen und einen Polizisten get&ouml;tet h&auml;tten, stellte sich der Sachverhalt nach Aussagen kosovarischer Dorfbewohner komplizierter dar: Demnach sei es abseits der Schie&szlig;erei mit UCK-K&auml;mpfern zu willk&uuml;rlichen Erschie&szlig;ungen mehrerer Unbeteiligter gekommen, darunter auch eines Lehrers. </p><p>Die Schie&szlig;erei am 29.1.1999 in Rogovo war weder ein ausschlie&szlig;liches Massaker an Zivilisten noch ein &bdquo;normales&quot; B&uuml;rgerkriegsgefecht, sondern ein Gemenge von Guerilla-&Uuml;berfall, Aufstandsbek&auml;mpfung und Erschie&szlig;ung Unbeteiligter. Dieses Konfliktmuster war mit unterschiedlichen Gewichtungen typisch seit Februar 1998. Die IICK beschreibt es &bdquo;both as an armed insurgency and counter-insurgency, and as a war (against civilians) of ethnic cleaning&quot;.</p><h3>(4) &quot;Hufeisenplan&quot;</h3><p>Am 7.4.1999 spricht Scharping erstmalig in der &Ouml;ffentlichkeit den serbischen &bdquo;Operationsplan Hufeisen&quot; an, nach dem seit Oktober 1998 die Vertreibung der kosovarischen Bev&ouml;lkerung vorbereitet und seit Januar 1999 ins Werk gesetzt worden sei. Die Filmautoren behaupten, der Vertreibungsplan sei &bdquo;schlicht eine Erfindung des deutschen Verteidigungsministeriums&quot;. Das in einer Brosch&uuml;re des BMVg als Beweis f&uuml;r die &bdquo;planm&auml;&szlig;ige Vertreibung der Zivilbev&ouml;lkerung&quot; angef&uuml;hrte Dorf Randubrava sei - so ein Augenzeuge - am 25.3.99 nach den Luftangriffe der NATO auf Befehl der UCK verlassen worden und erst danach von serbischen Kr&auml;ften beschossen worden. Das zweite &bdquo;Beweis-Dorf&quot; sei schon im Juni 1998 zerst&ouml;rt worden. General Loquai habe im BMVg von Fachleuten erfahren, dass dort kein Hufeisenplan vorgelegen habe, sondern nur eine Darstellung der Ereignisse im Kosovo. </p><p>Richtig ist, dass bisher keine Beweise f&uuml;r die tats&auml;chliche Existenz eines Operationsplanes &bdquo;Hufeisen&quot; vorgelegt wurden. Vor der &Ouml;ffentlichkeit (8.4.1999) und im Verteidigungsausschuss berichtete der Generalinspekteur von einer serbisch-jugoslawischen Operation &bdquo;Hufeisen&quot;, &uuml;ber deren Grundz&uuml;ge Geheimdienstinformationen vorl&auml;gen und die sich im aktuellen Vorgehen der serbischen Kr&auml;fte zeige. Die Details des Plans seien nicht bekannt. Mit anderen Worten: Dem BMVg lag kein &bdquo;Hufeisenplan&quot;, sondern nur Indizien f&uuml;r einen solchen Plan vor. </p><p>F&uuml;r die Parlamentarier spielte der &bdquo;Hufeisenplan&quot; eine untergeordnete Rolle, weil sie um seinen Status wussten und die Entscheidungen &uuml;ber die deutsche Beteiligung an den NATO-Luftangriffen lange vorher gefallen war. Eine erheblich gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung hatte &bdquo;er&quot; allerdings f&uuml;r die breite &Ouml;ffentlichkeit, da er als der Beweis f&uuml;r eine serbische Vertreibungsstrategie gewertet wurde.</p><p>Nach Einsch&auml;tzung der IICK ist bisher ungekl&auml;rt, ob ein solcher Plan existierte. Sehr klar sei allerdings, dass es eine vors&auml;tzliche und organisierte Anstrengung gab, einen Gro&szlig;teil der Kosovaren zu vertreiben und dass eine solche massive Operation nicht ohne Planung und Vorbereitung durchgef&uuml;hrt werden kann. Von M&auml;rz bis Juni 1999 seien insgesamt 863.000 Menschen aus dem Kosovo vertrieben worden, 590.000 seien im Land auf der Flucht gewesen. Die Vertreibungen und Deportationen seien geplant und koordiniert gewesen. W&auml;hrend bis M&auml;rz zwei Z&uuml;ge pro Tag mit jeweils drei Waggons von Pristina nach Mazedonien fuhren, waren es ab M&auml;rz zeitweilig drei bis vier zus&auml;tzliche Z&uuml;ge mit jeweils 13-20 Waggons. Alle diese Menschen seien von serbischen Kr&auml;ften zum Verlassen ihrer H&auml;user gezwungen worden. Nur ein kleiner Teil sei in direkter Folge der NATO-Angriffe geflohen. </p><p>Der OSZE-Report schlie&szlig;t aus dem Muster der Massenvertreibung (zwischen 24.3. und 2.4.99 177.500 in Anrainerstaaten und allein am 3.4. weitere 130.000 nach Albanien und Mazedonien), dass diese offensichtlich geplant gewesen seien. Unklar sei aber, ob eine Totalvertreibung, eine Reduzierung der kosovarischen Bev&ouml;lkerung auf eine &bdquo;beherrschbare Zahl&quot; oder eine R&auml;umung aller Gebiete mit UCK-Pr&auml;senz beabsichtigt gewesen sei. (S. 98 ff.) Die Art und Weise des serbischen Vorgehens zeige, dass es nicht einfach um legitime Aufstandsbek&auml;mpfung, sondern um Vertreibung gegangen sei. Anders schildert der OSZE-Report auch den Fall des Dorfes Randubrava: Am 27. M&auml;rz sei serbische Polizei einger&uuml;ckt, habe die Bev&ouml;lkerung vertrieben und das Dorf beschossen. (S. 337)</p><h2>Zusammengefasst:</h2><p><strong>Die ARD-Dokumentation suggeriert, die humanit&auml;ren Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die NATO-Intervention seien manipuliert und erlogen gewesen, es habe weder eine serbische Vertreibungspolitik gegeben, noch habe eine humanit&auml;re Katastrophe gedroht. Der Bundesregierung wird pauschal betr&uuml;gerischer Vorsatz unterstellt. Um das zu &bdquo;beweisen&quot;, wird &auml;u&szlig;erst verk&uuml;rzt und einseitig mit vorhandenen Erkenntnissen umgegangen. Systematisch ausgeblendet wird, dass vor dem Hintergrund der Erfahrungen vor allem des Bosnienkrieges und des Gewaltjahres 1998 und angesichts der Zuspitzungen seit Jahresbeginn 1999 eine Neuauflage der K&auml;mpfe und Vertreibungen des Vorjahres auf einem noch schlimmeren Niveau bef&uuml;rchtet werden musste - und das nach einem Jahr intensiver Versuche der &bdquo;Staatengemeinschaft&quot;, den Konflikt einzud&auml;mmen. Die apodiktischen Behauptungen und scharfen Verurteilungen in der &bdquo;Dokumentation&quot; stehen im krassen Gegensatz zur Selektivit&auml;t der Urteilsbegr&uuml;ndung. Der Film begn&uuml;gt sich nicht mit einer scharfen Kritik an der Informationspolitik der Bundesregierung. Seine Botschaft l&auml;uft faktisch auf eine Leugnung serbischer Kriegsverbrechen und schwerster Menschenrechtsverletzungen hinaus. </strong></p><p>&nbsp;</p><p>Neudeck und R&uuml;b verweisen auf die Tatsache, dass der Beitrag inzwischen vielfach vom Belgrader Privatsender YU-Info ausgestrahlt wurde. Dieser wird von der &bdquo;Jugoslawischen Linken&quot; unter der Milosevic Gattin Mira Markovic kontrolliert und h&auml;lt dem alten System die Treue.</p><h2>I. Die Bundesregierung gegen&uuml;ber dem Parlament &uuml;ber die Menschenrechts- und Konfliktlage</h2><p>Ausgewertet wurden Bundestagsreden der Minister Fischer und Scharping vom 25. und 26. M&auml;rz, 15. und 22. April, 5. und 7. Mai 1999 sowie Stellungnahmen der Bundesregierung vor dem Verteidigungsausschuss und in der Fraktion von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen zwischen Oktober 1998 und April 1999 nach meinen pers&ouml;nlichen Aufzeichnungen. </p><p>Die im <strong>Bundestag</strong> von Fischer und Scharping vorgebrachten Tatsachenbehauptungen werden durch die o.g. unabh&auml;ngigen Berichte &uuml;berwiegend best&auml;tigt. Allerdings sind die am 25. M&auml;rz und 15. April von Scharping genannten Fl&uuml;chtlingszahlen &uuml;berzogen - ca. 535.000 externe Fl&uuml;chtlinge laut UNHCR statt 900.000 lt. Scharping. In derselben Bundestagssitzung berichtet er von besonderen Brutalit&auml;ten: Leichen seien mit Baseballschl&auml;gern zertr&uuml;mmert, K&ouml;pfe abgeschlagen worden. Bei beiden Ministern spielen die bisherigen Erfahrungen mit den fr&uuml;heren Balkankriegen, insbesondere dem Bosnienkrieg und seinen 200.000 Toten, der gro&szlig;serbischen Politik Milosevic und seiner Vertragsuntreue, den Fehlern der internationalen Staatengemeinschaft sowie der Konfliktverlauf von 1998 eine hervorragende Rolle. Von der UCK und ihrer provozierenden Rolle in der Konfliktentwicklung ist keine Rede. Die Schuldzuweisung ist schwarz - wei&szlig;. </p><p>Gegen&uuml;ber der Presse griffen Vertreter der Bundesregierung und insbesondere Scharping streckenweise zu einem rhetorischen und moralischen overkill. Bez&uuml;ge zum Nationalsozialismus werden im Parlament wenig hergestellt: Scharping spricht einmal von der &bdquo;Fratze der Kriege der ersten Jahrhunderth&auml;lfte&quot; (25.3.99), Fischer einmal von einer &bdquo;rohen Form von Faschismus&quot;, der darauf setze, &bdquo;dass das eigene Volk das wichtigste ist und deswegen andere V&ouml;lker vertrieben, unterdr&uuml;ckt und massakriert werden d&uuml;rfen.&quot; (15.4.99) Fischers Grundmotiv ist die Gegen&uuml;berstellung des &bdquo;Europas der Integration und der Menschenrechte&quot; und des &bdquo;Europas des Nationalismus und der Gewalt&quot;, des Europas der Zukunft und der Vergangenheit. </p><p>Im <strong>Verteidigungsausschuss</strong> und in der <strong>Fraktion</strong> war die Konfliktdarstellung mehr von aktuellen Fakten bestimmt und differenzierter. Die Rolle der UCK wurde n&uuml;chtern dargestellt. Schon am 18.11.1999 war von einer Zunahme der Auseinandersetzungen zwischen serbischen Kr&auml;ften und UCK die Rede. Die UCK zeige ein zunehmend aggressives Verhalten. Sie erhalte neue Waffen, Fernmeldemittel und Uniformen vor allem aus dem Norden Albaniens und auch aus den albanischen Streitkr&auml;ften. Man versuche auf beide Seiten und insbesondere die kosovo-albanische Seite m&auml;&szlig;igend einzuwirken. Angesichts des in der UCK verbreiteten warlord-Systems sei das aber nur begrenzt m&ouml;glich. Den starken Geldzufluss an die UCK aus Deutschland wolle man &uuml;ber die Innenministerkonferenz beschneiden. Das sei wegen anderer Firmierung der Spendensammlungen juristisch schwierig. Bayern habe aber schon entsprechende Konsequenzen gezogen.&nbsp; Im Parlamentsinfo des BMVg 48/98 wurde die Einsch&auml;tzung von SACEUR (NATO-Oberkommando Europa) wiedergegeben, dass es ein Zeitfenster von zwei bis vier Monaten f&uuml;r eine politische L&ouml;sung gebe. Sonst werde die Wiederaufnahme der K&auml;mpfe im Fr&uuml;hjahr unausweichlich.</p><p>Am 19.1.1999, also vier Tage nach Racak, sprach Fischer in der Fraktion von einer dramatischen Zuspitzung. Beide Seiten w&uuml;rden Extremforderungen vertreten und seien der Kriegslogik verhaftet. Am 21.1.1999 konstatierte er in einem pers&ouml;nlichen Gespr&auml;ch, dass sich die Lage in Richtung einer Bosnien-Situation entwickle. Die USA tendierten zu unilateralem Vorgehen. Was k&auml;me aber nach Luftschl&auml;gen? Das Beispiel des Irak zeige die Fragw&uuml;rdigkeit eines solchen Vorgehens. Notwendig sei eine Gesamtregelung f&uuml;r den Kosovo und den Balkan. Auf allerh&ouml;chster Ebene von Kontaktgruppe und VN-Sicherheitsrat m&uuml;sse auf eine Kosovo-Konferenz mit allen Parteien hingewirkt werden.</p><p>Am 17.3.1999 hei&szlig;t es, die jugoslawischen Streitkr&auml;fte w&uuml;rden vermehrt die serbischen Sicherheitskr&auml;fte durch den Einsatz schwerer Waffen unterst&uuml;tzen. Personal der KVM werde zunehmend von Angeh&ouml;rigen der serbischen Kr&auml;fte und der serbischen Bev&ouml;lkerung verbal und vereinzelt durch k&ouml;rperliche Gewalt bedroht. Das AA berichtet, es komme immer wieder zu einem bestimmten Verhaltensmuster, wo die UCK provoziere und serbische Kr&auml;fte mit unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Mitteln zur&uuml;ckschl&uuml;gen. Dadurch bestehe die Gefahr einer Eskalation. Eine humanit&auml;re Katastrophe k&ouml;nne unmittelbar bevorstehen. Ich zitiere die letzten drei Lageberichte des BMVg wonach Provokationen vor Ort im wesentlichen von der UCK ausgingen. </p><p>Am 24.3.1999 hei&szlig;t es, nach Angaben des UNHCR bef&auml;nden sich zurzeit mindestens 250.000 Menschen auf der Flucht, am letzten Wochenende sei ihre Zahl um 20.000 gestiegen. Nach letzten OSZE-Beobachtungen habe die jugoslawische Armee die festgelegten Obergrenzen weit &uuml;berschritten und mit Aktionen begonnen, die man als &bdquo;abschnittsweise S&auml;uberung&quot; des Kosovo bezeichnen m&uuml;sse. </p><p>Am 29.3.1999 werden Erkenntnisse &uuml;ber Misshandlungen, Massaker und Vertreibungsaktivit&auml;ten vorgetragen. Die jugoslawischen Kr&auml;fte verfolgten eine Taktik der verbrannten Erde, die bewusst auf die Vertreibung der kosovo-albanischen Bev&ouml;lkerung ausgerichtet zu sein scheint. Gezielt werde Jagd auf ihre politische und intellektuelle F&uuml;hrungsschicht gemacht. Meldungen &uuml;ber Massenhinrichtungen h&auml;uften sich, seien aber nicht verifiziert.</p><p>Am 14.4.1999 wird von einem Schema berichtet, nach dem jugoslawische Einheiten D&ouml;rfer umstellten, die Bewohner auf Pl&auml;tzen zusammentrieben und Identit&auml;tsnachweise vernichteten. H&auml;user w&uuml;rden gepl&uuml;ndert und in Brand gesteckt. Die Zahlen zu den Fl&uuml;chtlingen seien h&ouml;chst unsicher und schwankend. Von 250.000 bis 400.000 Binnenvertriebenen sei die Rede.</p><h2>II. Die Bundesregierung zur NATO-Kriegf&uuml;hrung, ihren Folgen und Ergebnissen</h2><p>Im Laufe des Krieges verschlechterte sich die Informationslage des Parlaments zusehends. &bdquo;Ob die NATO nach inzwischen mehr als zehn Wochen Luftangriffen den serbischen Gewalt- und Machtapparat tats&auml;chlich geschw&auml;cht hatte, ob dieser kurz vor dem Auseinanderbrechen stand oder weitgehend unbeeindruckt blieb, konnte ic auch als Mitglied des Verteidigungsausschusses nicht fundiert beurteilen. Die Hinweise auf die beschr&auml;nkte Bewegungsfreiheit der serbischen Armee, ihre Nachschub- und Rekrutierungsprobleme sowie hohe Desertionsraten wurden uns Woche f&uuml;r Woche pr&auml;sentiert. Sie &auml;nderten aber kaum etwas an unserer erschreckenden Uninformiertheit.&quot; (W. Nachtwei: Widerspr&uuml;che, Glaubw&uuml;rdigkeitsl&uuml;cken und Verantwortung - die Gr&uuml;nen zwischen Antikriegsprotest und Kriegsbeteiligung, Juni 1999)</p><p>Als der Verdacht aufkam, dass uranabgereicherte Munition verwandt wurde, reagierte das Ministerium auf unsere Fragen ab April 1999 zun&auml;chst &auml;u&szlig;erst schleppend und lakonisch mit dem Hinweis, die Bundeswehr setze solche Munition nicht ein und &uuml;ber ihre Verwendung durch die USA wisse man nichts. Aus der milit&auml;rischen F&uuml;hrung der Bundeswehr erfuhren wir gleichzeitig, dass man sehr wohl &uuml;ber differenziertere Erkenntnisse verf&uuml;gte.</p><p>Interne Fragen zur Kriegf&uuml;hrung, Zielauswahl etc. wurden unzureichend beantwortet. Insgesamt empfand ich beim Ministerium eine Mischung von tats&auml;chlicher Unwissenheit, die aus dem unpartnerschaftlichen Macht- und Informationsgef&auml;lle in der NATO resultierte, und eine Haltung des Nichtwissenwollen gerade gegen&uuml;ber den Alliierten.</p><p>Nachtr&auml;glich stellte sich heraus, dass die milit&auml;rische Wirksamkeit der NATO-Luftangriffe gegen&uuml;ber den serbischen Kr&auml;ften auch im Verteidigungsausschuss v&ouml;llig &uuml;bertrieben dargestellt worden, dass ihre katastrophalen Wirkungslosigkeit gegen&uuml;ber den serbischen Vertreibungskr&auml;ften besch&ouml;nigt worden war. Ob dies nach &bdquo;bestem&quot; Wissen und Gewissen oder bewusst geschah, kann ich nicht beurteilen.</p><p>Im Unterschied zu etlichen anderen NATO-Staaten begn&uuml;gte sich die Bundesregierung mit einer nur partiellen Auswertung des Krieges und sperrte sich bisher gegen eine umfassende (selbst-)kritisch Bilanz des Krieges, insbesondere seiner verschiedenen Folgen und Ergebnisse. In einer Auswertungsbrosch&uuml;re des BMVg hei&szlig;t es lapidar, die humanit&auml;re Katastrophe sei beendet worden. Dass das erste Ziel, eine humanit&auml;re Katastrophe zu verhindern, v&ouml;llig verfehlt wurde, war nicht der Erw&auml;hnung wert. In K&uuml;rze wird die Antwort der Bundesregierung auf eine Gro&szlig;e Anfrage der PDS zum Kosovokrieg erscheinen. Es ist zu hoffen, dass dann endlich geleistet wird, was bisher vers&auml;umt wurde.</p><p>Eine gut recherchierte <strong>Zusammenstellung der unmittelbaren Kriegsfolgen</strong> beinhaltet der IICK-Report: Nach Auswertung der Z&auml;hlungen und Sch&auml;tzungen verschiedener Organisationen kommt die IICK zu der Schlussfolgerung, zwischen 24. M&auml;rz und 19. Juni 1999 seien im Kosovo ca. 10.000 Menschen get&ouml;tet worden, der weitaus gr&ouml;&szlig;te Teil von ihnen Kosovo-Albaner, die serbischen Kr&auml;ften zum Opfer gefallen seien. Zu besonders vielen T&ouml;tungen sei es im Sp&auml;tm&auml;rz und Mitte April gekommen. Dabei seien Dorfbewohner und Familienangeh&ouml;rige &bdquo;exemplarisch&quot; exekutiert worden. M&auml;nner wurden separiert und erschossen, ebenfalls prominentere Kosovo-Albaner. Massengr&auml;ber seien zum Teil zerst&ouml;rt worden.</p><p>Zwischen M&auml;rz und Juni 1999 gab es 590.000 interne und 863.000 externe Fl&uuml;chtlinge/Vertriebene. Die Fl&uuml;chtlingszahlen explodierten regelrecht bis Anfang April. Die serbischen Kr&auml;fte h&auml;tten laut R&uuml;b zehntausende H&auml;user, H&ouml;fe und Wohnungen gepl&uuml;ndert und zerst&ouml;rt. Der IICK-Report berichtet auch von der Zerst&ouml;rung von ca. hundert Hospit&auml;lern und Apotheken. Die NATO-Luftschl&auml;ge h&auml;tten die Angriffe auf die kosovarische Zivilbev&ouml;lkerung nicht provoziert. Sie h&auml;tten aber ein Umfeld geschaffen, das eine solche Operation durchf&uuml;hrbar machte. Angesichts der Vorgehensweise der serbischen Kr&auml;fte weist IICK darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der Menschen in direkter Folge der NATO-Bomben geflohen sei.</p><p>Die insgesamt 10.484 Kampfeins&auml;tze der NATO-Luftwaffen h&auml;tten nur relativ &bdquo;geringe Wirkung&quot; bei der jugoslawischen Armee gehabt. Nach jugoslawischen Quellen seien ca. 600 jugoslawische Soldaten get&ouml;tet worden, davon 300 im Kampf mit der UCK. (R&uuml;b nennt bis 5.000 durch Luftangriffe get&ouml;tete jugoslawisch/serbische Soldaten, Polizisten, Paramilit&auml;rs nach NATO-Angaben.) Lt. Human Right Watch seien in 90 Vorf&auml;llen ca. 500 Zivilisten den NATO-Angriffen zum Opfer gefallen. Das jugoslawische Au&szlig;enministerium meldete 495 zivile Tote und 820 Verletzte.</p><p>Die NATO habe 59 Br&uuml;cken, 9 gr&ouml;&szlig;ere Stra&szlig;en, 7 Flugpl&auml;tze und die meisten Telekommunikations-&Uuml;bertragungseinrichtungen zerst&ouml;rt. Zwei Drittel der gro&szlig;en Industriebetriebe seien nahezu zerst&ouml;rt worden. 70% der Stromversorgung und 80% der &Ouml;lraffineriekapazit&auml;t wurden ausgeschaltet. Die &ouml;kologischen Folgen wurden von der Balkan Task Force der UNEP untersucht. Demnach gab es in Pancevo, Novi Sad und anderen Orten lokal begrenzte schwere Umweltsch&auml;den. Dabei war nicht immer klar, was davon durch eine Vernachl&auml;ssigung der Umwelt in der Vorkriegszeit verursacht worden war.</p><p>Spekulativ, aber nichts desto weniger wichtig, ist die &Uuml;berlegung, welche Folgen ein milit&auml;risches Nicht-Eingreifen der NATO im M&auml;rz 1999 gehabt h&auml;tte - hinsichtlich der Eskalation von bewaffneten K&auml;mpfen, Vertreibung und Flucht im Kosovo, des Fl&uuml;chtlingszustroms in die Anrainerstaaten, einer zunehmenden Destabilisierung der ganzen Region, der Autorit&auml;t der &quot;Staatengemeinschaft&quot; in Gestalt von VN, OSZE, NATO, EU usw..</p><p><strong>Schon dieser kurze &Uuml;berblick bekr&auml;ftigt erneut unsere Schlussfolgerung, das der Kosovokrieg in jeder Hinsicht ein abschreckendes Beispiel ist und in keiner Weise Modell sein kann. </strong></p><h2>Schlussfolgerung</h2><p>In der Bundesrepublik ist der Kosovo-Krieg und die deutsche Beteiligung daran, h&ouml;chst unzureichend aufbereitet worden. Das gilt f&uuml;r alle Seiten. </p><p>Gerade angesichts des hohen moralischen Anspruchs der Kriegsbeteiligung m&uuml;sste seine kritische &Uuml;berpr&uuml;fung und Aufbereitung selbstverst&auml;ndlich sein. Sie wird um so dringlicher, als die Zweifel an diesem Krieg, an seiner Legitimit&auml;t, Legalit&auml;t, seiner Durchf&uuml;hrung und seinen Wirkungen keineswegs ausger&auml;umt sind. Sie ist unumg&auml;nglich, wenn der friedenspolitische Anspruch von Rotgr&uuml;n nicht hohl sein soll. Untauglich zur Wahrheitsfindung sind Tribunale und Filme wie der WDR-Beitrag. </p><p><strong>Notwendig ist die Berufung einer unabh&auml;ngigen und hochrangigen Kommission zur &Uuml;berpr&uuml;fung des Kosovo-Krieges und der deutschen Beteiligung daran. </strong></p><p>Bisher vorliegende Untersuchungsberichte der OSZE, der IICK, des britischen Parlaments und der NATO-Parlamentarierversammlung k&ouml;nnen ihre Arbeit erleichtern, aber keineswegs &uuml;berfl&uuml;ssig machen.</p><p><strong>Hinweis: </strong></p>Weitere pers&ouml;nliche Stellungnahmen zur Beteiligung am Kosovo-Krieg, aber auch zu den bisherigen friedenspolitischen Konsequenzen (z. B. meine &Uuml;bersicht &bdquo;Gewaltvorbeugung konkret: Unterst&uuml;tzung internationaler Ma&szlig;nahmen der Krisenpr&auml;vention und Friedenserhaltung durch die Bundesregierung&quot;) finden sich auf meiner Homepage (<a href="/">www.nachtwei.de</a>).</div>


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