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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: 10. Jahrestag des Kosovo-Luftkrieges: Politisch-persÃ¶nlicher RÃ¼ckblick eines beteiligten Abgeordneten</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Presse-Link + Interview</span>

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        <h1>
            10. Jahrestag des Kosovo-Luftkrieges: Politisch-persÃ¶nlicher RÃ¼ckblick eines beteiligten Abgeordneten         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 23. März 2009 23:55:36 +02:00 (168895 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Zum 10. Jahrestag des Beginns des NATO-Luftkrieges gegen die Bundesrepublik Jugoslawien am 24. MÃ¤rz erklÃ¤rt <strong>Winfried Nachtwei</strong>, sicherheitspolitischer Sprecher:</p></div>
            <div>    <p><strong>Am 24. MÃ¤rz 1999 begannen die NATO-Luftangriffe auf Serbien. Sie sind bis heute sehr umstritten. Nach einer Kette ungenutzter Chancen erschienen sie als notwendiges Ãœbel, um in dem zugespitzten Konflikt das Allerschlimmste, die Totalvertreibung der Kosovo-Albaner, zu verhindern. Sie wurden zugleich abschreckendes Beispiel einer verspÃ¤teten KrisenbewÃ¤ltigung, eines MilitÃ¤reinsatzes ohne VN-Mandat und einer LuftkriegfÃ¼hrung, die mit der Zeit vermehrt auf zivile Infrastruktur zielte.</strong></p>
<p>FÃ¼r die Kosovo-Albaner gingen die Luftangriffe zunÃ¤chst mit einer forcierten Massenvertreibung durch die serbischen KrÃ¤fte einher. Das erklÃ¤rte Ziel der NATO-Operation, die serbische FÃ¼hrung zum politischen Einlenken zu bewegen und eine humanitÃ¤re Katastrophe zu verhindern, wurde in den ersten Wochen verfehlt. Nach 78 Tagen des NATO-Luftkrieges konnte der Abzug der serbischen KrÃ¤fte erreicht werden und endete die serbische Gewaltherrschaft Ã¼ber das Kosovo. Das ermÃ¶glichte die RÃ¼ckkehr der vielen Hunderttausenden Vertriebenen und lÃ¤utete das Ende des Milosevic-Regimes und seiner Kriegspolitik ein. Die Luftangriffe kamen aber auch der UCK zugute, die zum Teil terroristisch agierte und mitverantwortlich war fÃ¼r die Vertreibung vieler Kosovo-Serben am Ende des Krieges.</p>
<p>Die von der rot-grÃ¼nen Koalition verantwortete erste Kriegsbeteiligung der Bundeswehr war eine ZÃ¤sur bundesdeutscher AuÃŸenpolitik. Sie stand im Widerspruch zur friedenspolitischen Programmatik von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen von 1998 und war fÃ¼r unsere aus der Friedensbewegung stammende Partei, aber auch fÃ¼r viele Friedensgruppen eine ZerreiÃŸprobe sondergleichen. Viele langjÃ¤hrige WeggefÃ¤hrten wandten sich damals von den GrÃ¼nen ab.</p>
<p>Auf deutscher Seite war die Kriegsbeteiligung motiviert durch den Willen, angesichts der ca. 1000 Gewaltopfer im Kosovo des Jahres 1998 und der verschÃ¤rften humanitÃ¤ren Situation ein erneutes europÃ¤isches Versagen wie beim Bosnien-Krieg mit seinen 200.000 Todesopfern zu vermeiden. Wer vom Kosovo-Krieg spricht, darf von der dreijÃ¤hrigen Belagerung Sarajevo und dem Massenmord von Srebrenica nicht schweigen. Der Kosovo-Krieg begann nicht erst am 24. MÃ¤rz 1999.</p>
<p>Die von dem grÃ¼nen AuÃŸenminister Joschka Fischer gefÃ¼hrte deutsche AuÃŸenpolitik stand in dem Mehrfach-Dilemma zwischen Schutz vor schwersten Menschenrechtsverletzungen, Achtung des UN-Mandatsgebots fÃ¼r MilitÃ¤reinsÃ¤tze, einem Regierungsantritt zu einem Zeitpunkt, als der Karren der internationalen Kosovo-Politik schon tief im Dreck steckte, und BÃ¼ndniszwÃ¤ngen. Die GlaubwÃ¼rdigkeit rot-grÃ¼ner Kosovo-Politik wurde dadurch beeintrÃ¤chtigt, dass bei der Rechtfertigung der Luftangriffe teilweise moralisch Ã¼berzogen wurde. Mit dem sog. â€žFischer-Pan&quot; trug der deutsche AuÃŸenminister wesentlich dazu bei, eine Eskalation in einen Bodenkrieg zu vermeiden und den Weg fÃ¼r einen Waffenstillstand zu ebnen.</p>
<p>Der Krieg bis zum 19. Juni 1999 kostete im Kosovo insgesamt ca. 10.000 Menschen das Leben, der weitaus grÃ¶ÃŸte Teil davon waren Kosovo-AlbanerInnen, die serbischen KrÃ¤ften zum Opfer fielen. Laut Human Rights Watch wurden durch die NATO-Luftangriffe ca. 500 Zivilpersonen getÃ¶tet. Die Jugoslawische Armee zÃ¤hlte 600 Tote, davon die HÃ¤lfte durch KÃ¤mpfe mit der UCK.</p>
<p>Initiativen der grÃ¼nen Bundestagsfraktion zu einer Ã¶ffentlichen und selbstkritischen Aufarbeitung des Kosovo-Krieges fanden in der Bundesregierung kein GehÃ¶r. Nichtsdestoweniger wurden in der politischen Praxis damals zentrale politische Lehren gezogen:</p>
<p>Deutschland initiierte den grenzÃ¼berschreitenden StabilitÃ¤tspakt zur wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Friedenskonsolidierung; in den FÃ¤llen Montenegro, Presevotal und Mazedonien konnten 2000/2001 erfolgreich kriegerische Eskalationen verhindert werden; Rot-GrÃ¼n legte in den Folgejahren besonderen Wert auf die UN-Mandatierung von AuslandseinsÃ¤tzen; forciert wurde der Aufbau einer Infrastruktur zivile KrisenprÃ¤vention und von militÃ¤rischen und zivilen FÃ¤higkeiten im Rahmen der EuropÃ¤ischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP).</p>
<p>Die Erfahrungen mit der Regierungsverantwortung in schwierigsten Zeiten schlugen sich auch in der Programmentwicklung von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen nieder. Wir mussten erkennen, dass dort prinzipielle Gewaltfreiheit nicht durchhaltbar ist, wo man politische Mitverantwortung fÃ¼r das staatliche Gewaltmonopol und den Schutz der BÃ¼rgerInnen vor illegaler Gewalt trÃ¤gt. Gewaltfreiheit bleibt ein zentraler Grundwert auch fÃ¼r staatliche Politik, muss aber anders buchstabiert werden: als Gewalt- und KrisenprÃ¤vention, als Schutz vor illegaler Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, als Minimierung und rechtsstattliche Einhegung von staatlicher Gewalt, als Politik gegen Gewaltursachen, als FÃ¶rderung von FriedensfÃ¤higkeiten.</p>
<p>In dem Abschlussbericht ihrer Friedens- und Sicherheitspolitischen Kommission haben BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen als einzige Partei eine (selbst-)kritische Auswertung der eigenen Kosovo-Politik (und auch Afghanistan- und Irak-Politik) vorgelegt.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">PersÃ¶nliche Worte:</span></p>
<p>Als Mitglied des Verteidigungsausschusses und der rot-grÃ¼nen Koalition trug ich erhebliche Mitverantwortung fÃ¼r diesen Kurs. Noch bei der Bundestagsabstimmung Ã¼ber die â€žDeutsche Beteiligung an den von der NATO geplanten begrenzten und in Phasen durchzufÃ¼hrenden Luftoperationen zur Abwendung einer humanitÃ¤ren Katastrophe im Kosovo-Konflikt&quot; am 16. Oktober 1998 stimmte ich zusammen mit Kerstin MÃ¼ller, Volker Beck und Ludger Volmer mit Enthaltung, weil wir einerseits die von VN-GeneralsekretÃ¤r Kofi Annan geschilderte, sich anbahnende humanitÃ¤re Katastrophe sahen und andererseits die elementare Verpflichtung auf das VÃ¶lkerrecht. Als fÃ¼nf Monate spÃ¤ter dieser Beschluss ohne eine erneute Bundestagsbefassung â€žaktiviert&quot; wurde, stimmte ich mit den KollegInnen trotz erheblicher Zweifel den NATO-Luftangriffen zu.</p>
<p>Damit enttÃ¤uschte ich etliche MitstreiterInnen aus Friedensbewegung und GrÃ¼nen zutiefst.</p>
<p>Mir war damals von Anfang an bewusst, dass wir, dass ich mit der UnterstÃ¼tzung der NATO-Angriffe schuldig wurden. Aber ich sah zu dem Zeitpunkt keine verantwortbare Alternative. Wenn ich bei den vielen hitzigen Veranstaltungen damals nach Alternativen im Hier und Jetzt fragte, bekam ich nie eine Ã¼berzeugende Antwort. Nach dem europÃ¤ischen Wegsehen wÃ¤hrend des Bosnien-Krieges durfte es ein â€žzweites Bosnien&quot; im Einflussbereich europÃ¤ischer Politik nicht geben. Das war seit dem Bosnien-Besuch von Fraktions- und Parteispitze im Herbst 1996 fÃ¼r mich ein kategorischer Imperativ.</p>
<p>Zugleich waren mir die WidersprÃ¼che des NATO-Einsatzes bewusst, den ich mir keineswegs als â€žhumanitÃ¤re Intervention&quot; zu verharmlosen suchte: der jahrelange Vorlauf einer vernachlÃ¤ssigten KrisenprÃ¤vention; die kriegsgeschichtliche Erfahrung mit der begrenzten politischen Wirksamkeit von LuftwaffeneinsÃ¤tzen; die anfÃ¤ngliche Erfolglosigkeit der Luftangriffe, unter denen die Massenvertreibungen an Fahrt gewannen; die Eigendynamik eines Krieges, dem die militÃ¤rischen Ziele ausgingen und der sich immer mehr einer parlamentarischen Kontrolle entzog.</p>
<p>Wo ich nur die Alternative zwischen einem groÃŸen Ãœbel, den Luftangriffen, und einem unertrÃ¤glichen Ãœbel, der Totalvertreibung, sah, da wurden die Konsequenzen und Lehren umso wichtiger:</p>
<p>Zuerst die offene transparente Aufarbeitung. Dann die UnterstÃ¼tzung der Friedenskonsolidierung und des Aufbaus im Kosovo, in den jugoslawischen Nachfolgestaaten. SchlieÃŸlich die Entwicklung neuer PrÃ¤ventions- und FriedensfÃ¤higkeiten in Deutschland und Europa, die FÃ¶rderung von VN-Treue und VN-FÃ¤higkeiten.</p>
<p>Es galt, den Kosovo-Krieg nicht zum PrÃ¤zedenzfall werden zu lassen, sondern eine Wiederholung solcher Art von â€žKrisenbewÃ¤ltigung&quot; durch fÃ¤higere zivile KrisenprÃ¤vention und einen effektiven Multilateralismus zu vermeiden.</p>
<p>Dass zwei Jahre spÃ¤ter in Mazedonien ein beginnender BÃ¼rgerkrieg gestoppt und ein weiterer Balkankrieg verhindert werden konnte, war ein deutlicher Fortschritt. Der einzige Nachteil dabei: Dieser friedens- und sicherheitspolitische Erfolg fand nur den Bruchteil der Aufmerksamkeit, den Kriege finden.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Die folgenden Stellungnahmen und Berichte </span>geben Aufschluss Ã¼ber den Prozess der Aufarbeitung des Kosovo-Krieges.</p>
<ul>
<li>Abschlussbericht der Friedens- und sicherheitspolitischen Kommission von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen, Berlin 2008: <a href="downloads/FriSiKoBerichtKosovo.pdf">FriSiKoBerichtKosovo.pdf</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: Kosovo ein Jahr nach den MÃ¤rzunruhen: viel Stagnation und wichtige Fortschritte, Berlin 2005: <a href="downloads/bericht/kosovo_bericht_200503.pdf">http://www.nachtwei.de/downloads/bericht/kosovo_bericht_200503.pdf</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: Polizeimission auf dem Balkan: Gewaltexplosion im Kosovo, Berlin 2004: <a href="downloads/civpol_eu_un_04_2004.pdf">http://www.nachtwei.de/downloads/civpol_eu_un_04_2004.pdf</a></li>
<li>Heiko HÃ¤nsel/Heinz-GÃ¼nter Stobbe: Die deutsche Debatte um den Kosovo-Krieg: Schwerpunkte und Ergebnisse. Versuch einer Bilanz nach drei Jahren, hrsg. von der Heinrich BÃ¶ll Stiftung, Berlin 2002: <a href="http://www.boell.de/alt/downloads/europa/kosovo.pdf">http://www.boell.de/alt/downloads/europa/kosovo.pdf</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: Kosovo-Krieg vor zwei Jahren: Begann alles mit einer LÃ¼ge?Â  Zum Streit um die Informationspolitik der Bundesregierung, Berlin 2001: <a href="index.php/articles/277">http://www.nachtwei.de/index.php/articles/277</a></li>
<li>Bundestagsfraktion BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen: Materialsammlung zum zweiten Jahrestag der militÃ¤rischen Intervention der NATO im ehemaligen Jugoslawien, MÃ¤rz 2001: <a href="http://www.gruene-bundestag.de/cms/archiv/dokbin/31/31094.reader_kosovo.pdf">http://www.gruene-bundestag.de/cms/archiv/dokbin/31/31094.reader_kosovo.pdf</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: VorschlÃ¤ge zur Aufarbeitung des Kosovo-Krieges und der deutschen Beteiligung daran, Berlin 2001: <a href="index.php/articles/news/669">http://www.nachtwei.de/index.php/articles/news/669</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: Bilanz des Kosovo-Krieges: Nicht wieder wegsehen, Berlin 2000: <a href="http://www.gruene-partei.de/cms/themen/dokbin/182/182748.bilanz_des_kosovokrieges_nicht_wieder_we.pdf">http://www.gruene-partei.de/cms/themen/dokbin/182/182748.bilanz_des_kosovokrieges_nicht_wieder_we.pdf</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: <a href="index.php/articles/news/827">WidersprÃ¼che, GlaubwÃ¼rdigkeitslÃ¼cken und Verantwortung - Die GrÃ¼nen zwischen Anitkriegsprotest und Kriegsbeteiligung</a>, 9.Juni 1999 unter <a href="../../../../../">www.nachtwei.de</a>.</li>
<li>Vera Gaserow: <a href="index.php/info/828">aus richtigen GrÃ¼nden das Falsche getan</a>, in: Frankfurter Rundschau 16. April 1999 unter <a href="../../../../../">www.nachtwei.de</a></li>
<li>Winfried Nachtwei: ErklÃ¤rung zur Abstimmung am 16. Oktober 1998 von Winfried Nachtwei, Kerstin MÃ¼ller und Volker Beck (Plenarprotokoll 13/248): <a href="downloads/ErklaerungAbstimmung161098.pdf">ErklaerungAbstimmung161098.pdf</a></li>
</ul></div>


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