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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Viel beschworen + nicht erreicht: Die breite sicherheits- und friedenspolitische Debatte - Hemmnisse und AnsÃ¤tze</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Presse-Link + Interview</span>

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            Viel beschworen + nicht erreicht: Die breite sicherheits- und friedenspolitische Debatte - Hemmnisse und AnsÃ¤tze         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 8. Juli 2012 15:38:02 +02:00 (126970 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Minister Thomas de MaiziÃ¨re betont so sehr die Notwendigkeit einer breiten sicherheitspolitischen Debatte wie kaum einer seiner VorgÃ¤nger. BundesprÃ¤sidenten fordern eine solche Debatte seit 2000! Als jahrelanger Debattenredner habe ich erfahren, warum die breitere Debatte nicht zustande kommt - und wo AnsÃ¤tze wÃ¤ren. Hier DiskussionsbeitrÃ¤ge dazu von 2008 bis 2012.</p></div>
            <div>    <p><!--[if gte mso 9]><xml> Normal   0   21         false   false   false                             MicrosoftInternetExplorer4 </xml><![endif]--><!--[if gte mso 9]><xml> </xml><![endif]--><!--[if !mso]> 
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<p>Seit Jahren beschworen und nicht erreicht:</p>
<p align="center"><strong>Die breite sicherheits- und friedenspolitische Debatte</strong></p>
<p>Hemmnisse und AnsÃ¤tze</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auszug aus Brief an Minister de MaiziÃ¨re vom Januar 2012</span></strong></p>
<p>Wiederholt, u.a. beim Beirat Innere FÃ¼hrung am 9.9.2011, haben Sie die Notwendigkeit betont, Ã¼ber die bisherige Elitendebatte hinaus zu einer <strong>breiteren sicherheitspolitischen Debatte in Deutschland</strong> zu kommen. Diese Forderung ist seit vielen Jahren Konsens in der sicherheitspolitischen Community. Neu und ausgesprochen erfreulich ist, dass ein Bundesminister dies als sein Anliegen formuliert.</p>
<p>Seit meiner Bundeswehrdienstzeit ab 1965, insbesondere seit der Friedensbewegung der frÃ¼hen 80er Jahren war ich in verschiedenen ZusammenhÃ¤ngen und aus sich verÃ¤ndernden Perspektiven aktiv an der friedens- und sicherheitspolitischen Debatte beteiligt, seit meiner Mitgliedschaft im Bundestag so sehr als â€žWanderer zwischen den Welten&quot; wie wenige andere Politiker. Die Auseinandersetzung vor allem um den Kosovo-Luftkrieg und den Afghanistaneinsatz waren dabei regelrechte politische â€žKampfeinsÃ¤tze&quot;. Dabei wurden mir sowohl die Begrenzungen der bisherigen friedens- und sicherheitspolitischen Debatten, als auch ihre MÃ¶glichkeiten und Chancen deutlich. VielfÃ¤ltige Rahmenbedingungen behindern und erschweren eine solche Debatte, angefangen bei der UnÃ¼bersichtlichkeit und vermeintlichen Ferne sicherheitspolitischer Risiken und dem Strukturwandel Ã¶ffentlicher Kommunikation. Umso wichtiger wÃ¤re es,</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  von politischen Akteuren selbst verursachte Debattenhemmnisse zu reduzieren (neben der dominierenden Insidersprache und der Ritualisierung des politischen Streits vor allem Debattenverhinderungen â€žvon oben&quot;: beispielhaft dafÃ¼r unter Rot-GrÃ¼n das Ãœbergehen des WeizsÃ¤cker-Berichts 2000 und der Erlass der geheim erarbeiteten Verteidigungspolitischen Richtlinien 2003)</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  vorhandene Chancen zu nutzen (z.B. Querkommunikation zwischen den friedens- und sicherheitspolitischen Zirkeln und Parallelwelten, konzertierte Nutzung der Erfahrungskompetenzen von militÃ¤rischen, polizeilichen und zivilen RÃ¼ckkehrern, vermehrte Wahrnehmung der konzeptionellen und operativen Lessons Learned der VN-Welt)</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  zentrale Streitpunkte fÃ¼r einen sicherheitspolitischen KlÃ¤rungsprozess zu identifizieren und anzupacken (z.B. Verteidigungsbegriff, Haltung zum Krieg angesichts einer RÃ¼ckkehr des Krieges â€žvon unten&quot;, GrundgesetzprÃ¤zisierung, nationale und kollektive Sicherheitsinteressen, SpannungsverhÃ¤ltnis zwischen einer â€žKultur der ZurÃ¼ckhaltung&quot; und internationaler Verantwortung, Grenzen eines extern gestÃ¼tzten Statebuilding, vernetzter Ansatz und seine Umsetzung auf verschiedenen Ebenen)</p>
<p>Eine mÃ¶glichst breite friedens- und sicherheitspolitische Debatte ist kein Selbstzweck. Sie soll ein Mehr an sicherheitspolitischem Interesse und Konsens in Politik und Gesellschaft bewirken. Ohne einen solchen Debattenprozess werden sich der Akzeptanzverlust von AuslandseinsÃ¤tzen und Krisenengagements und generell der Gewichtsverlust von (internationaler) Sicherheitspolitik in der deutschen Politik fortsetzen - mit entsprechenden Folgen fÃ¼r politische DurchhaltefÃ¤higkeit und internationale HandlungsfÃ¤higkeit wie auch fÃ¼r die Innere FÃ¼hrung und die Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr.</p>
<p>Einzelne Ihrer VorgÃ¤nger scheuten eine breitere sicherheitspolitische Debatte. Dazu haben Sie ersichtlich keine Veranlassung. Hinzu kommt, dass trotz aller parteipolitischen Kontroversen und Neigungen in der Debatte, sich im Taktischen zu verlieren, unter den AuÃŸen- und Sicherheitspolitikern fast aller Fraktionen des Deutschen Bundestages inzwischen ein breiter sicherheitspolitischer Konsens gewachsen ist.</p>
<p><a name="_GoBack"></a><strong><span style="text-decoration: underline;">Diskussionsbeitrag: Minister de MaiziÃ¨re warnt vor leichtfertigem Umgang mit dem Begriff â€žKrieg&quot; - Rolle rÃ¼ckwÃ¤rts in alte BeschÃ¶nigungsrhetorik? Wider die Kriegstrommeln aus verschiedenen Richtungen! (25. Januar 2012)</span></strong></p>
<p><em>Pax-Christi-PrÃ¤sident Bischof Algermissen erklÃ¤rt im Vorfeld der VerlÃ¤ngerung des Afghanistanmandats, in Deutschland sei â€žKrieg wieder zu einer Handlungsoption geworden.&quot; Er â€žrÃ¤t&quot; den Abgeordneten â€žzur Beendigung des Krieges&quot;.</em></p>
<p><em>Verteidigungsminister de MaiziÃ¨re in einem Interview mit Andre Spangenberg von dapd zu Afghanistan: â€žFrÃ¼her haben wir den Begriff â€žKrieg&quot; vermieden, weil wir gesagt haben, wir wollen nicht, dass das so gefÃ¤hrlich aussieht. (...) Jetzt dÃ¼rfen wir nicht vor lauter Eifer, dass wir das realistisch beschreiben, Begriffe verwenden, mit denen wir eigentlich etwas anderes meinen und meinen sollen.&quot; SchlieÃŸlich werde Krieg vÃ¶lkerrechtlich als eine Auseinandersetzung zwischen zwei Staaten und kÃ¤mpfenden Soldaten mit Kombattantenstatus definiert. â€žDas haben wir hier nicht. Wir haben eine asymmetrische Auseinandersetzung.&quot; Zudem habe die internationale Gemeinschaft ein UNO-Mandat, um am Hindukusch einen bestimmten Auftrag zu erfÃ¼llen. Und das sei nicht das, was man landlÃ¤ufig als Krieg bezeichnet. (â€žZur Sicherheit&quot; von Stephan LÃ¶wenstein, 19.1.2012, <a href="http://faz-community.faz.net/blogs/sicherheit/archive/2012/01/19/abzug-ohne-grossen-bahnhof.aspx">http://faz-community.faz.net/blogs/sicherheit/archive/2012/01/19/abzug-ohne-grossen-bahnhof.aspx</a> )</em></p>
<p><strong>(1) MÃ¼ÃŸiger Streit?</strong></p>
<p>Einsatzsoldaten im Raum Kunduz und Baghlan erscheint ein Streit um den angemessenen Begriff fÃ¼r ihren Einsatz, ihre Situation mÃ¼ÃŸig: Sie erleben Guerilla- und Terrorkrieg, AufstandsbekÃ¤mpfung, asymmetrische KriegfÃ¼hrung. Manche Gegner des Afghanistaneinsatzes halten den Streit ebenfalls fÃ¼r mÃ¼ÃŸig: FÃ¼r sie ist jeder MilitÃ¤reinsatz ein Kriegseinsatz.</p>
<p>Trotzdem ist ein Streit um die angemessene Begriffswahl weder Ã¼berholt noch Ã¼berflÃ¼ssig. Im Gegenteil, der Streit ist notwendig, um die RealitÃ¤ten von Gewaltkonflikten und des Eingreifens in sie wahrheitsgemÃ¤ÃŸ und ohne irrefÃ¼hrende BeiklÃ¤nge zu beschreiben und zu bewerten. Er ist Ã¼berfÃ¤llig, weil sich in der â€žKriegsdebatte&quot; um den Afghanistaneinsatz zunehmende friedenspolitische Desorientierung zeigt - von einer schleichenden â€ž Rehabiltierung&quot; des Krieges â€žvon unten&quot; einerseits bis zu einer faktischen Missachtung und Abwendung von UN-Friedenssicherung andererseits. Ein klÃ¤render Streit ist nicht zuletzt unerlÃ¤sslich, um bestmÃ¶glich zu internationaler kollektiver Sicherheit, GewaltverhÃ¼tung und FriedensfÃ¶rderung beitragen zu kÃ¶nnen und dafÃ¼r mehr gesellschaftliche VerstÃ¤ndigung und Akzeptanz zu erreichen.</p>
<p>(PersÃ¶nlich: Ich nehme die â€žKriegsdebatte&quot; nicht zum ersten Mal auf: Nach vielen Reiseberichten und Stellungnahmen seit 2001 erstelle ich seit 2007 â€žMaterialien zur Sicherheitslage Afghanistans&quot;, um die Konfliktlage so genau wie mÃ¶glich zu erfassen. Seit Oktober 2008 verfasste ich mehrere BeitrÃ¤ge zur â€žKriegsdebatte&quot;. Als jemand, der zu deutschem Kolonialkrieg in SÃ¼dwestafrika und zum Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geforscht hat und der als Vorstandsmitglied der Dt. Gesellschaft fÃ¼r die Vereinten Nationen deren Zielen, insbesondere der UN-Friedenssicherung verpflichtet ist, liegt mir an Unterscheidung. MeinungsÃ¤uÃŸerungen von gesinnungsstarker Unterschiedslosigkeit nerven mich besonders. Das Risiko, als Mitverantwortlicher fÃ¼r den Afghanistaneinsatz selbst in Selbstrechtfertigungen zu verfallen, ist mir bewusst.)</p>
<p><strong>(2) Krieg ist ...</strong></p>
<p>Minister de MaiziÃ¨re geht angesichts des Afghanistaneinsatzes auf Distanz zur inzwischen selbstverstÃ¤ndlichen Verwendung des Begriffes â€žKrieg&quot;. Er hat Recht mit seinem BemÃ¼hen um Differenzierung. Auch wenn das holperig geschieht: Denn ob ein gewaltsamer Konflikt als Krieg zu bezeichnen ist, macht sich nicht daran fest, ob er zwischen Staaten und â€žsymmetrisch&quot; stattfindet. BÃ¼rgerkriege, Guerilla- und â€žkleine Kriege&quot;, â€žNeue Kriege&quot; (als Sammelbegriff fÃ¼r innerstaatliche Kriege) machen das deutlich. Selbst in zwischenstaatlichen Kriegen gehÃ¶rt asymmetrische KriegfÃ¼hrung immer dazu.</p>
<p>Krieg ist (in Anlehnung an die Definition des AK Kriegsursachenforschung AKUF) ein organisierter gewaltsamer Massenkonflikt, wo mindestens auf einer Seite regulÃ¤re StreitkrÃ¤fte kÃ¤mpfen, ein MindestmaÃŸ an zentral organisierter KriegfÃ¼hrung besteht und bewaffnete Operationen mit einer gewissen KontinuitÃ¤t erfolgen. Ziele von Kriegen sind, Konflikte mit Hilfe umfassender tÃ¶dlicher Waffengewalt auszutragen und zu entscheiden, Gegner militÃ¤risch zu schlagen, um ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen, sie zu beherrschen und auszubeuten.</p>
<p>Die Menschheit von der â€žGeiÃŸel des Krieges&quot; zu befreien, Krieg als Mittel von Politik zu Ã¤chten und Frieden zu sichern, ist deshalb oberstes Anliegen der 1945 gegrÃ¼ndeten Vereinten Nationen. Das Grundgesetz Ã¼bernahm das mit dem Friedensauftrag, dem Verbot des Angriffskrieges und der Bindung an kollektive Sicherheit in das nationale Recht.</p>
<p>Angesichts der AllgemeingÃ¼ltigkeit von VÃ¶lkerrecht und Menschenrechten sind deshalb Kriege Ausdruck von Politikversagen und massivste Verletzung von Menschenrechten, immer ein groÃŸes Ãœbel und nie â€žgerecht&quot; oder â€žhumanitÃ¤r&quot;.</p>
<p>Der Zweite Weltkrieg ist zugleich das bekannteste Beispiel dafÃ¼r, dass Krieg zur Verteidigung gegen einen Angriff auch gerechtfertigt sein kann. Ohne den Krieg der Alliierten hÃ¤tte es keine Befreiung von der beispiellosen Naziterrorherrschaft gegeben. Vor diesem Erfahrungshintergrund formulierte die UN-Charta zwei Ausnahmen vom internationalen Gewaltverbot: die Selbstverteidigung gegen einen Angriff, die Abwehr einer, vom UN-Sicherheitsrat festgestellten Bedrohung fÃ¼r internationale Sicherheit und Weltfrieden. UN-mandatierte ZwangsmaÃŸnahmen zur Wahrung oder Wiederherstellung von Frieden dienen der GewalteindÃ¤mmung und internationalen Rechtsdurchsetzung. Als solche kÃ¶nnen sie bis zum Einsatz kriegerischer MilitÃ¤rgewalt gehen. Der Ost-Kongo ist eine Konfliktregion, wo die Notwendigkeit und RechtmÃ¤ÃŸigkeit des Einsatzes von UN-Gewalt zum Schutz von ZivilbevÃ¶lkerung gegen Milizen offenkundig ist.</p>
<p><strong>(3) Ende der BeschÃ¶nigung</strong></p>
<p>Bundeswehrsoldaten mit Afghanistanerfahrung waren erleichtert und dankbar, als Minister zu Guttenberg die harten RealitÃ¤ten beim Namen nannte: â€žin Teilen des Landes kriegsÃ¤hnliche ZustÃ¤nde&quot;, in der Sprache des humanitÃ¤ren VÃ¶lkerrechts ein â€žnicht-internationaler bewaffneter Konflikt.&quot; Er brach mit dem SchÃ¶nsprech seines VorgÃ¤ngers, Minister Jung, der unverdrossen nur von Stabilisierungseinsatz gesprochen hatte, als ISAF und Bundeswehr im Raum Kunduz zunehmend mit einem Guerilla- und Terrorkrieg konfrontiert wurden.</p>
<p>Zu Guttenberg ersparte sich aber jede weitere Differenzierung und leistete damit einer Ã¶ffentlichen Wahrnehmung Vorschub, wonach in Afghanistan alles Krieg sei und Bundeswehr dort Krieg fÃ¼hre.</p>
<p><strong>(4) Statt Friedensmission jetzt Krieg fÃ¼r Frieden?</strong></p>
<p>Afghanistan ist mit Schwarz-WeiÃŸ-Sichten nicht zu erfassen. HÃ¶chst unterschiedliche Konfliktkonstellationen und -intensitÃ¤ten bestehen nebeneinander.</p>
<p>- Wo Soldatinnen und Soldaten immer wieder beschossen und angesprengt werden, wo sie selbst schieÃŸen, verwunden, tÃ¶ten, um selbst zu Ã¼berleben, wo ein â€žentweder die oder wir&quot; herrscht, da ist fÃ¼r Soldaten Krieg. (Marco Seliger schildert in seinem Reportagebuch â€žSterben fÃ¼r Kabul&quot; eindringlich diesen Krieg vor Ort und seine jahrelange VerdrÃ¤ngung und Vertuschung in Berlin.)</p>
<p>- Solche (Klein)Kriegsituationen gab es fÃ¼r Bundeswehr- und ISAF-Soldaten in den ersten Jahren von ISAF (fast) nicht. Sie eskalierten ab 2006 erst im SÃ¼den, in Helmand, Kandahar und Uruzgan stellenweise zu offenen Feldschlachten. Im Norden eskalierteÂ  die zunÃ¤chst vereinzelte Gewalt ab 2007 vor allem in den Provinzen Kunduz und Baghlan. Hier gewannen AufstÃ¤ndische in einer Handvoll Distrikte Initiative und dann die Vorherrschaft. Diese Distrikte wurden Guerillakriegsgebiete. FÃ¼r die Masse der Ã¼ber 100 Distrikte im Norden, der sich Ã¼ber eine FlÃ¤che von halb Deutschland erstreckt, galt das nicht. Hier gab es GewaltkriminalitÃ¤t, bestand aber keine Kriegsituation. Hier waren und sind Aufbau und Entwicklung mÃ¶glich.</p>
<p>- Die Kriegssituation auf der taktischen Ebene einzelner Distrikte Ã¤ndert nichts an dem strategischen, mit Resolutionen des UN-Sicherheitsrates alljÃ¤hrlich bekrÃ¤ftigten Doppelauftrag von ISAF und Bundeswehr: verhindern, dass Afghanistan erneut zu einem sicheren Hafen fÃ¼r internationalen Terrorismus wird; Sicherheits- und StabilisierungsunterstÃ¼tzung beim Aufbau verlÃ¤sslicher Staatlichkeit, also insgesamt Beitrag zu internationaler kollektiver Sicherheit (und nicht â€žVerteidigung Deutschlands am Hindukusch&quot;).</p>
<p>- Der strategische Stabilisierungsauftrag findet seinen Niederschlag in den Einsatzregeln, die nach dem VerhÃ¤ltnismÃ¤ÃŸigkeitsgrundsatz sehr ausdifferenziert sind, in der MultinationalitÃ¤t von fÃ¼nfzig Truppenstellernationen, in der grundsÃ¤tzlichen BevÃ¶lkerungsorientierung (und nicht Gegnerfokussierung), in der Einsicht und dem offiziellen Konsens, dass der Konflikt mit den AufstÃ¤ndischen und Taliban bei noch so vielen taktischen Siegen militÃ¤risch nicht zu lÃ¶sen ist und MilitÃ¤r nur zum geringeren Teil zur KonfliktlÃ¶sung beitragen kann, dass FÃ¶rderung legitimer Staatlichkeit der Dreh- und Angelpunkt ist. Der SicherheitsunterstÃ¼tzungsauftrag schlÃ¤gt sich in der Verpflichtung und Notwendigkeit nieder, sich bei der DurchfÃ¼hrung des ISAF-Mandats eng mit der afghanischen Regierung, dem Sonderbeauftragten des UN-GeneralsekretÃ¤rs und vielen anderen Akteuren abzustimmen.</p>
<p>- Der strategische Auftrag wird verfolgt mit einem breiten Spektrum an militÃ¤rischen MaÃŸnahmen, die von der AusbildungsunterstÃ¼tzung Ã¼ber Peacekeeping bis zur AufstandsbekÃ¤mpfung und KampfeinsÃ¤tzen reichen.</p>
<p>- Verkompliziert und konterkariert wird die angemessene Benennung des ISAF-Einsatzes dadurch, dass taktische und strategische Ebene meist nicht unterschieden werden und die Erfahrungen der taktischen Ebene oft dominieren; dass der ISAF-Einsatz von einzelnen Mitgliedsstaaten explizit als Krieg verstanden und von den USA auch teilweise so gefÃ¼hrt wurde. Der von der CIA gefÃ¼hrte geheime Drohnenkrieg ist Krieg auÃŸerhalb des VÃ¶lkerrechts und Extrembeispiel fÃ¼r eine asymmetrische KriegfÃ¼hrung der StÃ¤rke.</p>
<p>- Die bisherigen Begriffe von â€žFriedens- und Stabilisierungseinsatz&quot;, â€žFriedenswahrung&quot;, â€žKrieg&quot; beschreiben nur unzureichend den Charakter des ISAF-Einsatzes. Ich meine, dass er am angemessensten - und immer noch umstÃ¤ndlich - als <span style="text-decoration: underline;">Stabilisierungsmission zwischen Friedenssicherung und AufstandsbekÃ¤mpfung</span><em> </em>zu beschreiben ist.</p>
<p>(In persÃ¶nlichen GesprÃ¤chen mit Bundeswehrsoldaten ist mir nie jemand begegnet, der gemeint hÃ¤tte, man solle und kÃ¶nne die AufstÃ¤ndischen insgesamt niederkÃ¤mpfen und militÃ¤risch besiegen. Alle stimmten der Unterscheidung von taktischer Kriegssituation in Teilen des Einsatzgebietes und strategischem SicherheitsunterstÃ¼tzungsauftrag zu.)</p>
<p><strong>(5) GefÃ¤hrliche Konsequenzen eines unterschiedslosen Kriegs-Geredes</strong></p>
<p>In Geschichte und Gegenwart wurden und werden Kriege in der Regel verharmlost und beschÃ¶nigt. Das erste Opfer von Kriegen ist die Wahrheit. In Anbetracht dieser Grunderfahrung klingt es von vorneherein ehrlich und eindeutig, im Falle Afghanistans von Krieg zu sprechen. ÃœberfÃ¤llig war es, den Guerilla- und Terrorkrieg wahr- und ernstzunehmen, in den Bundesregierung und Bundestag deutsche Soldatinnen und Soldaten befahlen, und daraus die menschlichen und politischen Konsequenzen zu ziehen - Anerkennung, verlÃ¤ssliche UnterstÃ¼tzung und FÃ¼rsorge, bestmÃ¶gliche Ausstattung, ehrliche ÃœberprÃ¼fung der Einsatzwirkung, klarer und erfÃ¼llbarer Auftrag.</p>
<p>Trotzdem: Leichtfertig und pauschal fÃ¼r Afghanistan den Krieg auszurufen, kann - vielfach ungewollt - sehr Probematisches befÃ¶rdern:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Die Illusion von militÃ¤rischer KonfliktlÃ¶sung: wo mit besserer AusrÃ¼stung, lockereren Einsatzregeln, offensiverer Vorgehensweise die AufstÃ¤ndischen als besiegbar und Verhandlungsversuche unnÃ¶tig erscheinen; eine WiederannÃ¤herung an den Irrweg des â€žWar on Terror&quot;;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  eine alltÃ¤gliche GewÃ¶hnung an und die schleichende Rehabilitierung von Krieg;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  eine Entkriminalisierung von TerrorkÃ¤mpfern, zu deren Taktik Massaker an Polizisten und Zivilisten, der Einsatz von Kindern als SelbstmordattentÃ¤tern und von IED`s als faktischen Antipersonenminen gehÃ¶ren, und ihre Aufwertung zu Kombattanten;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  eine pauschale Abwertung der UN und ihrer BemÃ¼hungen um internationale Friedenssicherung; â€žFriedenseinsÃ¤tze&quot; gelten in manchen ZusammenhÃ¤ngen als zweitrangig und minderwertig, der Begriff scheint manchmal â€žverbrannt&quot;;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  eine umfassende (Selbst-)Abschreckung: Wo unterschiedslos Krieg herrscht, ist die Entsendung von Entwicklungshelfern, von Polizeiausbildern, die personelle UnterstÃ¼tzung von Staatsaufbau selbstverstÃ¤ndlich nicht mehr zu verantworten; wo Krieg ist, schwindet zugleich die Aufmerksamkeit fÃ¼r die vielen Pflanzen und Inseln von Aufbau, FriedensfÃ¶rderung; Bad News schlagen immer Better News;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  AuflÃ¶sung des relativen friedens- und sicherheitspolitisches Konsenses in Deutschland: Wenn die einen, vermeintliche Kriegsrealisten, UN-FriedenseinsÃ¤tze als Illusion oder IrrefÃ¼hrung abtun, wenn andere (wie nicht nur die LINKE) UN-EinsÃ¤tze pauschal als KriegseinsÃ¤tze denunzieren, dann schwindet die politische und gesellschaftliche Basis fÃ¼r eine deutsche Beteiligung an internationaler KrisenbewÃ¤ltigung und Friedenssicherung.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Ein Teil derjenigen, die einen Sofortabzug fordern (darunter die sehr kleine â€žGrÃ¼ne Friedensinitiative&quot;), sehen und brandmarken den â€žKrieg der NATO&quot;, beschweigen aber den Krieg der AufstÃ¤ndischen und ihre Intervention aus Pakistan. Sie ignorieren dabei die EinschÃ¤tzungen und BeschlÃ¼sse der UN. Im Unterschied zu politisch unparteilichen, aber den Menschen verbundenen Hilfsorganisationen und NGO`s ergreifen diese Kriegsgegner mit ihrer EinÃ¤ugigkeit - unausgesprochen und sicherlich ungewollt - sehr wohl Partei. Dass gerade demokratische und ReformkrÃ¤fte in Afghanistan bei einem Sofortabzug die Explosion des jetzigen bewaffneten Konflikts hin zu einem BÃ¼rgerkrieg fÃ¼rchten, also noch viel mehr als weniger Krieg, nimmt diese Art von â€žKriegsgegnern&quot; nicht zur Kenntnis.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Â Wo Parallelen mit dem Zweite Weltkrieg gezogen, wo KontinuitÃ¤ten zwischen dem deutschen Krieg gegen die europÃ¤ischen Nachbarn und dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan gezogen werden (z.B. in dem TV-Beitrag â€žTÃ¶ten fÃ¼r den Frieden&quot; von Tilman Jens am 24. Januar  2012 auf 3sat), lÃ¤uft das auf eine Relativierung des deutschen Staatsverbrechens hinaus.</p>
<p><strong>(6) Genauer Hinsehen, Chancen nutzen, legitime Staatlichkeit fÃ¶rdern</strong></p>
<p>Bischof Algermissen â€žrÃ¤t zur Beendigung des Krieges&quot; und fordert â€žumfassende und konsequente Hilfe fÃ¼r Afghanistan&quot; Das ist nach mehr als dreiÃŸig Kriegsjahren und zehn Jahren deutschem und internationalem Engagement richtig gemeint, aber nicht wirklich hilfreich.</p>
<p>Wer zur GewalteindÃ¤mmung im KonfliktknÃ¤uel Afghanistan, zur FriedensfÃ¶rderung in einer kriegszerrÃ¼tteten Gesellschaft beitragen will, muss schon GENAUER HINSEHEN.</p>
<p>Das tut zum Beispiel - nach dem Beschluss grÃ¼ner Fachgremien - der EntschlieÃŸungsantrag der Bundestagsfraktion von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen zur VerlÃ¤ngerung des ISAF-Mandats, der am 26. Januar zur Abstimmung steht. (BT-Drs. 17/8466 vom 25.1.2012)</p>
<p>Der Antrag betont die deutsche und grÃ¼ne Mitverantwortung fÃ¼r die Entwicklung in Afghanistan Ã¼ber 2014 hinaus. Er verfÃ¤llt nicht in die verbreitete MilitÃ¤rfixiertheit und stellt die FÃ¶rderung legitimer und verlÃ¤sslicher Staatlichkeit vor allem auf subnationaler Ebene und die Arbeit fÃ¼r politische KonfliktlÃ¶sung an die erste Stelle.</p>
<p>Â </p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auszug: Vortrag zu Vernetzter Sicherheit aus Sicht des Parlaments, BAKS November 2011</span></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(6.) Forderung nach Vernetzung und Kooperation als kommunikative Herausforderung</strong></p>
<p>Dank der deutschen Parlamentsbeteiligung kommen KriseneinsÃ¤tze im Bundestag und darÃ¼ber in der Ã–ffentlichkeit so oft und breit zur Sprache wie in wenigen anderen nationalen Parlamenten. Die Voraussetzungen fÃ¼r eine Ã¶ffentliche Kommunikation und einen demokratischen Diskurs zur Friedens- und Sicherheitspolitik sind damit vergleichsweise gut.</p>
<p>In der parlamentarischen Praxis werden diese MÃ¶glichkeiten allerdings nur unzureichend genutzt. Angefangen bei der SchlÃ¼sselfrage des WOFÃœR von KriseneinsÃ¤tzen - und damit des WOFÃœR von Vernetzung und Kooperation.</p>
<p>Im Hinblick auf den erweiterten Auftrag der Bundeswehr jenseits der Landes- und BÃ¼ndnisverteidigung besteht wohl ein weitgehender Konsens (nur mit VN-Mandat, nur multinational). Bisher gelang es aber nicht, diesem erweiterten Auftrag mit einer PrÃ¤zisierung im Grundgesetz eine klare und unmissverstÃ¤ndliche Verfassungsbasis zu geben - und damit zugleich einen Interventionismus fÃ¼r Partikularinteressen auszuschlieÃŸen.</p>
<p>Beim WofÃ¼r des Afghanistaneinsatzes wurde zu lange verkannt, dass gute und hehre, abstrakte Ziele wohl die internationale und nationale Konsensbildung erleichtern, fÃ¼r einen erfolgreichen Einsatz aber ganz und gar nicht ausreichen. Der braucht klare, kohÃ¤rente, realitÃ¤tsnahe, erfÃ¼llbare Ziele. Wo die nicht erkennbar sind, wo also auch keine Fortschritte â€žmessbar&quot; sind, da macht sich trotz aller sicherheitspolitischen Rechtfertigungen de facto Sinnlosigkeit breit.</p>
<p>Trotz zahlloser Debatten um AuslandseinsÃ¤tze schaffte es das Parlament nicht, hierÃ¼ber eine breitere sicherheitspolitische Debatte und VerstÃ¤ndigung in der Ã–ffentlichkeit zu fÃ¶rdern.</p>
<p>Ein grundsÃ¤tzliches Handicap ist die mangelnde Sichtbarkeit des umfassenden Ansatzes, der vielen Akteure von multidimensionalen KriseneinsÃ¤tzen. Nahezu unverÃ¤ndert dominiert in der Ã–ffentlichkeit eine militÃ¤rlastige Wahrnehmung, wo das MilitÃ¤rische, Gewaltereignisse und Bad News breiteste Aufmerksamkeit finden - und Aufbauleistungen, Fortschritte in Friedensprozessen, Good News nur einen Bruchteil davon. Die militÃ¤rlastige Wahrnehmung bedeutet fÃ¼r das MilitÃ¤r eine Falle: Ihm wird zumindest unterschwellig eine Durchsetzungs- und ProblemlÃ¶sungskompetenz und damit faktisch die Hauptverantwortung fÃ¼r Gelingen oder Scheitern eines Einsatzes zugesprochen - und das, wo MilitÃ¤rs hierzulande schon lange betonen, dass man mit militÃ¤rischen KriseneinsÃ¤tzen im besten Fall Zeit kaufen, aber keine Konflikte lÃ¶sen kann.</p>
<p>Die â€žMilitÃ¤rlastigkeit in Zivil&quot; wurde auch durch eine Parlamentsbeteiligung bei AuslandseinsÃ¤tzen begÃ¼nstigt, bei der nur die militÃ¤rische Beteiligung zustimmungspflichtig ist - und die anderen Komponenten im Schatten bleiben. Seit Jahren debattiert der Bundestag bei KriseneinsÃ¤tzen wohl zunehmend ihre zivile und polizeiliche Dimension. Solche Debatten werden aber Ã¼ber die FachÃ¶ffentlichkeit hinaus kaum wahrgenommen.</p>
<p>Auch fÃ¼r sicherheitspolitische Journalisten ist der vernetzte Ansatz kaum ein Thema. Bei ihnen fanden AusrÃ¼stungsmÃ¤ngel beim deutschen ISAF-Kontingent hundertmal mehr Aufmerksamkeit als zum Beispiel die jahrelange personelle Unterausstattung auf dem Feld des Statebuilding.</p>
<p>Zwischen den verschiedenen Akteuren des umfassenden Ansatzes besteht ein enormes GefÃ¤lle an Sichtbarkeit, AttraktivitÃ¤t, jeweiliger Ã–ffentlichkeitsarbeit, journalistischer Erreichbarkeit und medialer â€žVerkÃ¤uflichkeit&quot;. Eine umfassende und ressortÃ¼bergreifende Kommunikationsstrategie mÃ¼sste dem entgegenwirken. Sie ist bisher nicht in Sicht.</p>
<p>Â </p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auszug: Vortrag zur BILANZ AUSLANDSEINSÃ„TZE</span></strong></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">NÃ¼rnberg 6/2011</span></strong></p>
<p>(9)<strong> Ã–ffentliche Kommunikation: </strong>Der Gegenstand ist komplex und fern von den Lebenswelten hierzulande, strittig und zugleich mit viel Gesinnung belegt.</p>
<p>Insgesamt wurde der Stellenwert der Ã¶ffentlichen Kommunikation bei AuslandseinsÃ¤tzen und insbesondere in asymmetrischen Konflikten erheblich unterschÃ¤tzt.</p>
<p>Um Zustimmung in Parlament und Ã–ffentlichkeit zu gewinnen, wurden nÃ¼chtere sicherheitspolitische BeweggrÃ¼nde weniger, humanitÃ¤re eher mehr betont. Im Fall Kosovo wurden das tatsÃ¤chliche Motiv SchutzverantwortungÂ  teilweise mit einem moralischen over-kill kommuniziert. Der Afghanistaneinsatz wurde besonders hÃ¤ufig mit dem unbestreitbaren Fortschritt der MÃ¤dchenschulen gerechtfertigt, obwohl damit ein StreitkrÃ¤fteeinsatz nicht legitimiert werden kann.</p>
<p>Statt die riskante KomplexitÃ¤t eines Stabilisierungseinsatzes in Afghanistan offen und konkret zu vermitteln, wurde sie jahrelang lieber weich gezeichnet. DafÃ¼r steht das Bild des â€žEntwicklungshelfers mit dem Gewehr.&quot; Gerade in der Zeit der sich verschÃ¤rfenden Lage seit 2007 verbot das Ministerium den Einsatzsoldaten das offene Wort gegenÃ¼ber den Medien.Â  Der Umgang mit dem â€žK-Wort&quot; (Krieg) verlief in zweifacher Weise Ã¤uÃŸerst kontraproduktiv.<a name="_ftnref1" href="#_ftn1">[1]</a> Unter Minister Jung wurde die KriegsrealitÃ¤t der Soldaten in Kunduz seit 2008/2009 geleugnet und mit dem Stabilisierungsauftrag schÃ¶ngeredet. Das zerstÃ¶rte GlaubwÃ¼rdigkeit. Minister zu GuttenbergÂ  nannteÂ  dann die kriegerische Situation der Soldaten in Kunduz zu Recht beim Namen. Diese â€žneue Ehrlichkeit&quot; leistete aber in ihrer PauschalitÃ¤tÂ  einer Wahrnehmung Vorschub, als sei in ganz Afghanistan Krieg und Auftrag der Bundeswehr jetzt Krieg. Verbreitet wurde jetzt das Bild, als sei Bundeswehr von Anfang an im Krieg gewesen. Die Rede war von einer â€žKriegslÃ¼ge&quot; seit 2002. Dieser Geschichtsverdrehung im Namen der â€žEhrlichkeit&quot; wurde kaum widersprochen.Â  Nicht geleistet wurde die Differenzierung zwischen der taktischen Situation von Soldaten, die mit Guerilla- und Terrorkrieg konfrontiert sind und wo es um â€ždie oder wir&quot; geht, und dem strategischen Auftrag, der weiterhin SicherheitsunterstÃ¼tzung und Stabilisierung lautet und eben nicht, einen Krieg zu gewinnen. Nicht geleistet wurde die Differenzierung zwischen den (Klein)Kriegszonen einerseits und den ruhigeren Gebieten andererseits, wo Aufbau weiter mÃ¶glich ist.</p>
<p>Ein weiterer Kommunikationsmangel ist bei Afghanistan bis heute die deutsche und militÃ¤rfixierte Nabelschau. Ausgeblendet blieb die Entwicklung anderer Regionen, weitgehend unbeachtet die Arbeit der Polizisten und Entwicklungshelfer, die Leistungen und Lasten anderer Nationen. Ãœber Jahre klopfte sich die Bundesregierung als â€ždrittgrÃ¶ÃŸter ISAF-Truppensteller&quot; auf die Schulter. Dass der deutsche Anteil an ISAF von anfÃ¤nglich einem FÃ¼nftel auf weniger als ein Zwanzigstel zurÃ¼ckging, wurde geflissentlich Ã¼bergangen.</p>
<p>Und schlieÃŸlich verzichtete die Bundeskanzlerin jahrelang darauf, sich zu Afghanistan zu Ã¤uÃŸern und sichtbar FÃ¼hrungsverantwortung zu Ã¼bernehmen. Ihre erste RegierungserklÃ¤rung zu Afghanistan erfolgte nach dem Luftangriff von Kunduz im September 2009 unmittelbar vor der Bundestagswahl. Der Afghanistan-Pakistan-Beauftragte erst des AuswÃ¤rtigen Amtes, dann der Bundesregierung hatte offenkundig nie die Aufgabe, die deutsche und internationale Afghanistanpolitik gegenÃ¼ber der Ã–ffentlichkeit zu kommunizieren. Die deutsche Afghanistanpolitik war lange durch Gesichtslosigkeit und weitgehenden FÃ¼hrungsverzicht gekennzeichnet.</p>
<p>Viel zu wenig bedacht wurde, dass terroristischeÂ  AktivitÃ¤ten wesentlich auf Ã¶ffentliche Meinung und politisch-psychologische Wirkung zielen und durch den medialen Alltag des bad-news-Mechanismus verstÃ¤rkt werden. Dass nach AnschlÃ¤gen und Verlusten immer wieder und primÃ¤r das - zweifellos wichtige - Thema unzureichenderÂ  AusrÃ¼stung und Bewaffnung dominierte, war so kurzsichtig wie wehrlos. Eine Neigung zur HÃ¼hnerhaufen-Kommunikation wirkte des Ã¶fteren wie friendly fire.</p>
<p>Auf dem Feld der Ã¶ffentlichen Kommunikation blieben Regierung und Parlament gemeinsam hinter den hohen Anforderungen zurÃ¼ck.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Artikel in LOYAL 3</strong>/<strong>2010</strong></p>
<p align="center"><strong><span style="text-decoration: underline;">FÃ¼r eine Kultur des Hinsehens</span></strong></p>
<p>Der gestandene Mann war BergetruppfÃ¼hrer in Kunduz. Er gehÃ¶rte immer zu den ersten, die zu einem Anschlagsort kamen, zerfetzte Kameraden und Kinder erlebten. â€žVielleicht habe ich ja mal das GlÃ¼ck, dass ich ehrlich berichten kann, was ich im Einsatz erlebt habe.&quot; Hierzulande stÃ¶ÃŸt er auf breites Desinteresse - oder ein â€ždas tun Sie fÃ¼r A 10?&quot; aus dem Mund eines BÃ¼rgermeisters.</p>
<p>BundesprÃ¤sident KÃ¶hler hatte bei seiner Rede auf der Kommandeurtagung der Bundeswehr am 10. Oktober 2005 in Bonn auf Seiten der Gesellschaft ein â€žfreundliches Desinteresse&quot; gegenÃ¼ber der Bundeswehr konstatiert und eine â€žbreite gesellschaftliche Debatte - Ã¼ber die AuÃŸen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik unseres Landes&quot; eingefordert.</p>
<p>Mein Eindruck ist, dass inzwischen das â€žfreundliche Desinteresse&quot; oft zu einer Haltung der kalten Schulter abgekÃ¼hlt ist. Seit Jahren gab es immer wieder kurzatmige Debatten um neue EinsÃ¤tze (Kongo, Libanon), regelrechte â€žBlitzdebatten&quot; nach AnschlÃ¤gen oder skandaltrÃ¤chtigen Ereignissen. Eine breite sicherheitspolitische Debatte kam aber nicht zustande. Ob der Luftangriff von Kunduz und der Streit um die Afghanistan-Ã„uÃŸerungen von BischÃ¶fin KÃ¤ÃŸmann da eine Wende bringen, ist noch lÃ¤ngst nicht ausgemacht.</p>
<p>Das gesellschaftliche Desinteresse macht nicht nur BundeswehrangehÃ¶rigen und Sicherheitspolitikern zu schaffen. Noch breiteres Desinteresse erleben in der Regel Polizisten im Auslandseinsatz. Nicht selten bekommen sie zu hÃ¶ren, sie seien auf einem gut bezahlten Abenteuertrip gewesen, wÃ¤hrend Kollegen ihre Arbeit hÃ¤tten mitmachen mÃ¼ssen. Und was Entwicklungshelfer in Afghanistan trotz alledem immer noch schaffen, wird in der Regel gar nicht erst zur Kenntnis genommen.</p>
<p>Ich habe dieses Desinteresse auch in friedenspolitisch interessierten Kreisen immer wieder erfahren: in den 90er Jahren vor dem Golfkrieg, gegenÃ¼ber dem Krieg in Bosnien und vor Beginn des Kosovo-Luftkrieges, stÃ¤ndig beim Thema zivile KrisenprÃ¤vention.</p>
<p>Mit dem verbreiteten Desinteresse haben schlieÃŸlich auch die Gegner von AuslandseinsÃ¤tzen und insbesondere des Afghanistaneinsatzes zu kÃ¤mpfen. Obwohl ihre â€žRaus&quot;-Forderungen so populÃ¤r wie nie sind, bleibt ihre gesellschaftliche MobilisierungsfÃ¤higkeit ausgesprochen schwach.</p>
<p>Das verbreitete Desinteresse und der Mangel an breiter Debatte sind politisch gefÃ¤hrlich und unverantwortlich.Â  FÃ¼r StaatsbÃ¼rger in Uniform reicht es nicht, wenn sie durch groÃŸe Parlamentsmehrheiten in riskante EinsÃ¤tze entsandt werden. Sie und ihre AngehÃ¶rigen sind auch auf die Akzeptanz und Zustimmung in der BevÃ¶lkerung angewiesen. Eine Sicherheitspolitik, die nicht in der Gesellschaft verankert ist und auf einem gesellschaftlichen Grundkonsens basiert, ist in ihrer internationalen HandlungsfÃ¤higkeit massiv beeintrÃ¤chtigt. AuÃŸen- und Sicherheitspolitik, die Friedenspolitik sein will, ist heute mehr denn je auf LegitimitÃ¤t angewiesen: bei der eigenen BevÃ¶lkerung, bei den in den Einsatz geschickten Soldaten und Polizisten, bei der BevÃ¶lkerung der Einsatzgebiete. Die Ironie: WÃ¤hrend in Afghanistan die KÃ¶pfe und Herzen der Menschen gewonnenÂ  werden sollen, hat man sie hierzulande immer mehr verloren.</p>
<p>Schon im Jahr 2000 rief BundesprÃ¤sident Rau auf der Kommandeurtagung in Leipzig zu einer breiten Debatte Ã¼ber deutsche Sicherheits- und Friedenspolitik auf. Die vielen Rufe in sicherheitspolitischen, aber auch friedensbewegten KreisenÂ  nach einer breiten und vor allem klÃ¤renden Debatte werden aber weiter folgenlos verhallen, solange nicht die Hemmnisse und Chancen identifiziert und angegangen werden.</p>
<p><strong>Hemmnisse und WiderstÃ¤nde</strong></p>
<p>Das verÃ¤nderte weltpolitische, gesellschaftliche und mediale Umfeld: Auch wenn die Bedeutung von AuÃŸen- und Sicherheitspolitik in der globalisierten Welt zugenommen hat, so hat sie doch in der Wahrnehmung der meisten Menschen an Gewicht verloren. Der Blick richtet sich mehr nach innen, Sicherheitsrisiken werden heute in Deutschland primÃ¤r sozial buchstabiert. Risiken und Bedrohungen fÃ¼r deutsche und europÃ¤ische Sicherheit sind diffus, abstrakt, unÃ¼bersichtlich, die persÃ¶nliche Betroffenheit ist viel weniger greifbar. Die Bundeswehr ist aus weiten Teilen des Landes â€žverschwunden&quot;, die Erfahrungswelten driften extrem auseinander - hier oft individualisierte SpaÃŸgesellschaft, im Einsatzgebiet Extremarmut, ja tÃ¤glicher Terrorkrieg. Die TerroranschlÃ¤ge von Madrid, Bali, London etc werden in einer Mischung aus VerdrÃ¤ngung und sinnvoller Gelassenheit weniger als Teil einer umfassenden Bedrohung, sondern eher als Katastrophen wahrgenommen, die immer wieder passieren. Um das knappe Gut Aufmerksamkeit der Medien und der BÃ¼rger konkurrieren immer mehr â€žVerkÃ¤ufer&quot; in steigendem Tempo. Die Sogwirkungen von Internet und Unterhaltungsindustrie gehen mit einer Individualisierung und Privatisierung von Interessen einher, erschweren per Saldo politisches Interesse. Der Trend zu Dramatisierung, Personalisierung und schnellen Themenwechseln auch in der politischen Berichterstattung fÃ¶rdern Hektik und OberflÃ¤chlichkeit. Exemplarisch war, wie die Bild-Zeitung am 25. Oktober 2006 mit der VerÃ¶ffentlichung der TotenschÃ¤del-Fotos von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan die Vorlage des WeiÃŸbuches am selben Tag regelrecht aus der Medienwahrnehmung schoss.</p>
<p>Politische VersÃ¤umnisse und Fehler: In BundestagswahlkÃ¤mpfen wurden heikle Fragen der AuÃŸen- und Sicherheitspolitik lieber gemieden - so 1998 angesichts der zugespitzten Kosovo-Krise, so 2009 angesichts eines Afghanistan auf der Kippe. Irak 2002 war eher eine Ausnahme. Verteidigungsminister wurden in denÂ  meisten FÃ¤llen nicht nach Fachkompetenz ausgewÃ¤hlt. Unter den vier letzten waren zwei Kommunikationsversager. Vor diesem Hintergrund war es wenig verwunderlich, dass sich bisher alle Minister notorisch weigerten, Chancen fÃ¼r eine breite Debatte zu schaffen und zu nutzen: Im Jahr 2000 wischte Verteidigungsminister Scharping den Bericht der WeizsÃ¤cker-Kommission beiseite; Minister Struck erlieÃŸ 2003 die geheim erarbeiteten Verteidigungspolitischen Richtlinien; Minister Jung tat dasselbe mit dem WeiÃŸbuch 2006. Eine umfassende Bilanzierung des Kosovo-Einsatzes, des Kongo- und des Afghanistan-Einsatzes, der AuslandseinsÃ¤tze insgesamt verweigerte bisher jede Bundesregierung. Die verdruckste und beschÃ¶nigende Regierungskommunikation vor allem zum eskalierenden Afghanistaneinsatz trug maÃŸgeblich zu seiner Akzeptanzkrise bei. Â In Deutschland, wo die Parlamentsbeteiligung bei AuslandseinsÃ¤tzen so ausgeprÃ¤gt ist wie in kaum einem anderen Land, ist das alles auch ein Versagen des Bundestages. Ich kann mich an etliche heiÃŸe Bundestagsdebatten zu AuslandseinsÃ¤tzen erinnern. Insgesamt blieben wir aber zu oft im Klein-Klein stecken, gefangen oft in einer Sprache, die schon die Fraktionskollegen kaum noch erreichte, geschweige die breitere Ã–ffentlichkeit. Diese Defizite sind Ausdruck auch eines Mangels an StrategiefÃ¤higkeit und Ãœberzeugungskraft in der â€žpolitischen Klasse&quot;. Hinzu kommt eine sicherheitspolitische Ã–ffentlichkeits- und Bildungsarbeit, wo Jugendoffiziere die Hauptlast der Basisarbeit tragen, wo das AuswÃ¤rtige Amt sich trotz seiner FederfÃ¼hrung bei AuslandseinsÃ¤tzen fein zurÃ¼ckhÃ¤lt.</p>
<p>Fragmentierung der politischen Diskurse: Es ist ja nicht so, dass es keine Debatten gegeben hÃ¤tte. Aber sie blieben meist in TeilÃ¶ffentlichkeiten stecken, die weitgehend beziehungslos nebeneinander ihre Diskurse pflegen. Die Kirchen entwickelten in sorgfÃ¤ltigen Diskussionsprozessen ihre Friedensdenkschriften (2000 und 2007) - und blieben praktisch ohne Echo. Rege ist die VeranstaltungstÃ¤tigkeit des Bundeswehrverbandes, der Gesellschaft fÃ¼r Wehr- und Sicherheitspolitik, des Reservistenverbandes. Die BÃ¼ndnisgrÃ¼nen stritten auf vielen Parteitagen, darunter zwei Sonderparteitagen, mit vollem Risiko und streckenweise stellvertretend fÃ¼r die Gesellschaft Ã¼ber AuslandseinsÃ¤tze und lieÃŸen durch eine friedens- und sicherheitspolitische Kommission eine selbstkritische Standortbestimmung erarbeiten. Aber bis auf wenige Ausnahmen bleibt man Ã¼berwiegend unter sich. Hinzu kommt die Gleichzeitigkeit hÃ¶chst unterschiedlicher Bilder von MilitÃ¤r heutzutage - vom traditionellen Kriegerbild bis zum â€žbewaffneten Entwicklungshelfer&quot;-Image und der komplexen RealitÃ¤t von Stabilisierung im VN-Auftrag dazwischen.</p>
<p>Die MobilisierungsschwÃ¤che der - Ã¤uÃŸerst heterogenen - Friedensbewegung zu Afghanistan hat mehrere GrÃ¼nde: Um Massenprotest zu mobilisieren, braucht es breite Betroffenheit, klare Fronten und eine Dramaturgie der Zeit. Das war bei dem Irakkrieg 1991 wie 2003 gegeben. Heute erscheint der Hindukusch trotz alledem weit weg. Auf die SchlÃ¼sselfrage, was nach einem Sofortabzug komme, kann die â€žRaus&quot;-Fraktion die BefÃ¼rchtung nicht entkrÃ¤ften, dass dann alles schnell viel schlimmer wÃ¼rde. Nachdem Gegner des deutschen Afghanistaneinsatzes diesen seit acht Jahren alarmistisch als Kriegseinsatz denunzierten, sind jetzt, wo der Einsatz in Kunduz tatsÃ¤chlich kriegerisch geworden ist, ihre Warnrufe kaum noch steigerungsfÃ¤hig. Die Protestlage kÃ¶nnte sich aber schnell Ã¤ndern, wenn AngehÃ¶rige von Gefallenen und Verwundete auf die StraÃŸe gehen wÃ¼rden.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Ein ZurÃ¼ck zur ÃœberhÃ¶hung des MilitÃ¤rischen wie in frÃ¼heren Zeiten wird und soll es nicht geben. Interesse und Debatte brauchen Streit, nicht KonformitÃ¤tsdruck und KonsensgesÃ¼lze. Breite gesellschaftliche Debatten lassen sich nicht â€žmachen&quot;, nur begÃ¼nstigen. Sie sind abhÃ¤ngig von Ã¤uÃŸeren Faktoren, die kaum beeinflussbar sind. Realistischerweise geht es heute darum, bisherige Inseln und Pfade sicherheitspolitischer Debatten zu verbreitern, zu verbinden und zu verstetigen. HierfÃ¼r ist eine Querkommunikation zwischen den sicherheits- und friedenspolitisch interessierten Kreisen unerlÃ¤sslich, eine Ãœberwindung von ideologischen Wagenburgen. Die KlÃ¤rung der zivil-militÃ¤rischen Beziehungen ist dabei von zentraler Bedeutung. Als notorischer Wanderer zwischen den Welten habe ich erfahren, welche Potenziale an produktiver Zusammenarbeit und gegenseitiger ErgÃ¤nzung noch ungenutzt sind.</p>
<p>Jahr fÃ¼r Jahr arbeiten im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland Tausende Soldaten und Zivilexperten, Hunderte Polizisten in Krisenregionen weltweit. Hinzu kommen zahllose Projekte engagierter BÃ¼rger. Sie alle verdienen und brauchen Aufmerksamkeit, Anerkennung und UnterstÃ¼tzung Â - unabhÃ¤ngig von der politischen Bewertung eines einzelnen Einsatzes, aber auch ehrlich im UmgangÂ  mit dem existentiellen Einsatz von Soldaten. Ihnen gegenÃ¼ber stehen alle staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen in der Verantwortung. Auch hier ist eine â€žKultur des Hinsehens&quot; gefordert, ist bÃ¼rgerschaftliches Engagement gefragt. Kommunen kÃ¶nnen dazu besonders beitragen.</p>
<p>Diese Abertausenden Frauen und MÃ¤nner in Uniformen und in Zivil verfÃ¼gen Ã¼ber reiche Erfahrungen und oft auch Herzblut in friedens- und sicherheitspolitischer Praxis. Dieses Potenzial muss ganz anders zur Geltung kommenÂ  - bei der Politikberatung, in der Ã¶ffentlichen Diskussion, bei der sicherheitspolitischenÂ  Bildungsarbeit an der Basis. Kurzsichtig ist, dass etliche Ressorts ihren Praktikern MaulkÃ¶rbe verpassen. Dabei kÃ¶nnen gerade einsatzerfahrene Soldaten, Polizisten, Entwicklungsexperten die MÃ¶glichkeiten, FÃ¤hrnisse und Grenzen multinationaler KrisenbewÃ¤ltigung und FriedensfÃ¶rderung, das Faszinierende trotz aller Probleme so konkret, persÃ¶nlich und glaubwÃ¼rdig vermitteln wie niemand sonst. Wo Sicherheitspolitik heute NormalbÃ¼rger strukturell Ã¼berfordert, sind solche persÃ¶nlichen ZugÃ¤nge umso wichtiger. Das gilt es, systematisch zu fÃ¶rdern. Ich habe jedenfalls mit solchen Friedenspraktikern durchweg beste Erfahrungen gemacht. Sie sind oft motivierende HoffnungstrÃ¤ger in einem Umfeld, wo man verzweifeln kÃ¶nnte.</p>
<p>Bundesregierung und Bundestag stehen in der Bringschuld, sicherheitspolitische(s) Interesse und Debatte nach KrÃ¤ften zu fÃ¶rdern und nicht zu behindern. Mit meinen Ã¼ber`s Internet verbreiteten Berichten aus den Einsatzgebieten habe ich dazu einen anerkannten, aber begrenzten Beitrag geliefert. Um zu einem sicherheitspolitischen Konsens zu kommen, ist die SchlÃ¼sselfrage zu klÃ¤ren, wie Deutschland wirksam zu internationaler Sicherheit und Friedenssicherung beitragen will, welchen Stellenwert StreitkrÃ¤fte dabei haben sollen - und welche Kosten und Opfer Politik und GesellschaftÂ  bereit sind zu tragen. ÃœberfÃ¤llig sind unabhÃ¤ngige Bilanzierungen deutscher Beteiligungen an internationaler KrisenbewÃ¤ltigung und die Entwicklung einer deutschen Sicherheitsstrategie in einem Ã¶ffentlichen Prozess. Ein jÃ¤hrlicher, lesbar verfasster Bericht der Bundesregierung zur deutschen Sicherheitspolitik kÃ¶nnte sie in ganz anderer Weise transparent und diskutierbar machen.</p>
<p>In den letzten Jahren verlorenes Vertrauen lÃ¤sst sich nur mit Klarheit, Ehrlichkeit und vollemÂ  Einsatz zurÃ¼ckgewinnen. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe, wo die Bundeskanzlerin, der AuÃŸen- und Verteidigungsminister und der Bundestag voran gehen mÃ¼ssen.</p>
<p>Â </p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auszug: BRIEF AN BUNDESPRÃ„SIDENT HORST KÃ–HLER 2005</span></strong></p>
<p>Â </p>
<p>fÃ¼r Ihre Rede bei der 40. Kommandeurtagung der Bundeswehr in â€žunserem&quot; ehemaligen Plenarsaal in Bonn mÃ¶chte ich Ihnen sehr danken.</p>
<p>Ich tue das als jemand, der seit Anfang der 80er Jahre in der Friedensbewegung aktiv war, der seit 1994 alle Bundestagsentscheidungen Ã¼ber AuslandseinsÃ¤tze der Bundeswehr intensiv mit beraten und der den Streit um den Auftragwandel der Bundeswehr ganz vorne ausgefochten hat.</p>
<p>Es geht nicht darum, dass ich mit allen Ihren Wertungen Ã¼bereinstimmen wÃ¼rde.</p>
<p>Danken mÃ¶chte ich Ihnen fÃ¼r zwei wesentliche Botschaften, die Sie vor allem an das Parlament, die Bundesregierung und die Parteien richten:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Ihr Aufruf zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte Ã¼ber AuÃŸen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Ihre Aufforderung zu einem auÃŸen- und sicherheitspolitischen Gesamtkonzept.</p>
<p>Das â€žfreundliche Desinteresse&quot; gegenÃ¼ber der Bundeswehr erlebe auch ich - allerdings als Teil eines sinkenden auÃŸen- und sicherheitspolitischen Interesses insgesamt. Krass trat dies wÃ¤hrend des Bundestagswahlkampfes zutage, als AuÃŸen- und Sicherheitspolitik in der Ã¶ffentlichen Auseinandersetzung praktisch keine Rolle spielte. Irritierend wird es deutlich im Hinblick auf die Transformation der Bundeswehr, die hiermit ihren radikalsten Umbau seit ihrer GrÃ¼ndung erlebt. Fragen von Krieg und Frieden sind fundamental und kÃ¶nnen Ã¼ber den Ausgang von Wahlen entscheiden. Wenn es aber um die strategische und politisch-praktische KlÃ¤rung des VerhÃ¤ltnisses der deutschen Gesellschaft und Politik zu Krieg und Frieden geht, bleibt es ein Thema der Fachzirkel.</p>
<p>Ihr VorgÃ¤nger im Amt, BundesprÃ¤sident Johannes Rau rief in seiner Rede vor der 38. Kommandeurtagung am 14. November 2000 in Leipzig zu einer breiten Diskussion Ã¼ber Fragen deutscher und europÃ¤ischer Sicherheitspolitik auf. In jÃ¼ngster Zeit mehren sich die Stimmen fÃ¼r eine breite gesellschaftliche Debatte - und VerstÃ¤ndigung - zur AuÃŸen- und Sicherheitspolitik. Auch ich drÃ¤nge darauf bei jedem meiner VortrÃ¤ge. Die Rufe nach einer klÃ¤renden Debatte werden aber so lange folgenlos verhallen, wie wir nicht Hemmnisse und WiderstÃ¤nde identifizieren und angehen.</p>
<p>Als Hemmnisse und WiderstÃ¤nde erfahre ich:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Zuerst und am naheliegendsten die geschrumpfte persÃ¶nliche Betroffenheit. Heutige Sicherheitsrisiken sind diffus, zunÃ¤chst weiter entfernt und werden kaum noch als Bedrohung wahrgenommen. Die Bundeswehr hat viele Standorte aufgegeben und die Zahl der Einberufungen zum Wehrdienst enorm reduziert. Dadurch ist die Bundeswehr immer weniger sichtbar und spÃ¼rbar. Auch konservativere und traditionell militÃ¤rnÃ¤here BevÃ¶lkerungskreise sind lÃ¤ngst von diesem Desinteresse erfasst.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  AnfangsbefÃ¼rchtungen hinsichtlich der AuslandseinsÃ¤tze haben sich nicht bestÃ¤tigt. Die Masse der EinsÃ¤tze haben ein eher positives Image, sind weit weg und kaum strittig.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  In meinem politischen Spektrum kommt ein Vermeidungsmotiv hinzu: Was uns mehrere existenzielle Auseinandersetzungen gekostet und Wunden hinterlassen hat, ist bei nicht wenigen zu einem verdrÃ¤ngten Konflikt geworden. Daran Ã¤ndert auch unsere programmatische Aufarbeitung kaum etwas.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Erfahrungen mit und Einstellungen zum MilitÃ¤r entwickeln sich immer mehr auseinander: In der Wahrnehmung und den Einstellungen breiter BevÃ¶lkerungs-, Journalisten- und Politikerkreise dominiert noch das alte Bild vom MilitÃ¤r. Erfahrungen mit der â€žneuen&quot; (UN) Bundeswehr, ihren FriedenseinsÃ¤tzen, ihrem grundlegend erweiterten Anforderungsprofil haben nur relativ wenige. Wer versteht schon, wie Bundeswehr im Rahmen von ISAF militÃ¤rische SchwÃ¤che durch kluge Einsatztaktik in politische StÃ¤rke verwandelt und dadurch am besten zur Friedenskonsolidierung betrÃ¤gt. In der ARD-Dokumentation von Ulrich Wickert zu 50 Jahren Bundeswehr wurde diese Ungleichzeitigkeit der MilitÃ¤rbilder besonders deutlich.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Auf Seiten der Exekutive dominieren das Interesse an der auÃŸen- und sicherheitspolitischen Handlungsfreiheit und der Vorrang internationaler Verpflichtungen - z.T. verbunden mit einem Misstrauen gegenÃ¼ber der sicherheitspolitischen Urteilskraft der Fraktionen. Gute Gelegenheiten zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte wurden regelmÃ¤ÃŸig nicht wahrgenommen - anlÃ¤sslich des Berichts der WeizsÃ¤cker-Kommission in 2000 oder der Verteidigungspolitischen Richtlinien 2003. Die Bundesregierung begnÃ¼gte sich mit ad-hoc-Entscheidungen und -Diskussionen um die Weiterentwicklung der deutschen Sicherheitspolitik. Das ist die eine Seite des DemokratiedefizitsÂ  in der deutschen AuÃŸen- und Sicherheitspolitik.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Die andere Seite des Demokratiedefizits ist das beziehungslose Nebeneinander, ja die teilweise Auseinanderentwicklung der Kreise mit auÃŸen-, sicherheits- und friedenspolitischem Interesse und Kompetenz. Zu Zeiten der groÃŸen Friedensbewegung in den 80er Jahren gab es bei aller Konfrontation verbreitetes Interesse aneinander. Heute ist die geschrumpfte Friedensbewegung marginalisiert, zu Teilen zurÃ¼ckentwickelt auf antimilitÃ¤rische Fundamentalpositionen, nur z.T. weiterentwickelt zu konstruktiver und professioneller Friedensarbeit und -lobby.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  SchlieÃŸlich die Sprache: Schon im Bundestag erreichen die Sicherheits- und Verteidigungspolitiker kaum noch ihre anderen Kollegen. Die stÃ¤ndige Betonung von KontinuitÃ¤t und Konsens bedeutet Konfliktvermeidung und lÃ¤hmt eher die Debattenfreude statt sie zu beflÃ¼geln.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Hervorragende Chancen fÃ¼r breitere Erfahrungs-, Lern- und Diskussionsprozesse werden vÃ¶llig unzureichend genutzt: Nach mehr als zehn Jahren KriseneinsÃ¤tzen haben wir in Deutschland unter Soldaten, Polizisten, Diplomaten, zivilen Helfern und FriedensfachkrÃ¤ften ein enormes Erfahrungspotenzial. Das bleibt weitestgehend ungenutzt.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Noch mehr als die militÃ¤rische Seite der AuÃŸen- und Sicherheitspolitik leidet ihre zivile Dimension unter Nichtbeachtung, Desinteresse und medialer â€žUnsichtbarkeit&quot;. Wo die AuslandseinsÃ¤tze wenigstens durch den Parlamentsvorbehalt immer wieder zu einem politischen Thema werden, finden die - hervorragenden - AuslandseinsÃ¤tze deutscher Polizisten und das ganze Feld der zivilen KrisenprÃ¤vention und Friedenskonsolidierung nur marginale Beachtung. Es ist strukturell besonders schwer vermittelbar. FriedensfÃ¶rderung und zivile KonfliktlÃ¶sung sind unspektakulÃ¤r. Ihre Erfolge sind nicht sichtbar und kaum beweisbar. Mit dem Peace-Counts-Project wurden wohl Fortschritte hin zu einer Friedensberichterstattung erzielt, aber noch lÃ¤ngst kein Durchbruch.</p>
<p>Die breite gesellschaftliche Debatte zur AuÃŸen- und Sicherheitspolitik ist nichts desto weniger Ã¼berfÃ¤llig.</p>
<p>Damit diese mÃ¶glich wird, sind zuerst Parlament, Bundesregierung und Parteien in der Pflicht, BeitrÃ¤ge zu einer auÃŸen- und sicherheitspolitischen Gesamtkonzeption zur Diskussion - und nicht sofort zur Abstimmung - zu stellen. SchlÃ¼sselfragen wie nach der Rolle des MilitÃ¤rs in der deutschen AuÃŸen- und Sicherheitspolitik, seiner LeistungsfÃ¤higkeiten und Grenzen, nach dem VerhÃ¤ltnis von kollektiven und deutschen Sicherheitsinteressen etc. sind offen zu stellen und nicht zu verkleistern.</p>
<p>Notwendig ist die Mobilisierung der vielen Erfahrungspotenziale in der Gesellschaft und eine Vernetzung derjenigen Gruppen, Institutionen etc., denen an einer VerstÃ¤ndigung Ã¼ber deutsche AuÃŸen- und Sicherheitspolitik gelegen ist. Die jÃ¼ngsten Kontroversen zur zivil-militÃ¤rischen Zusammenarbeit kÃ¶nnen hierfÃ¼r Ansatzpunkte bieten.</p>
<p>Â </p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Diskussionsbeitrag: Lauter Lichter unterm Scheffel: Frieden sichtbar machen </span></strong><span style="text-decoration: underline;">(MÃ¤rz 2008)</span></p>
<p><strong>Problemstellung</strong></p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Trotz aller AuslandseinsÃ¤tze der Bundeswehr: Der Primat der Kriegs- und GewaltverhÃ¼tung ist in der deutschen Gesellschaft + und auch in der Politik weitgehend Konsens.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Aber: Kriegs- und GewaltverhÃ¼tung sind viel aussichtsreicher und nachhaltiger, wenn sie nicht bloÃŸ reaktiv sind, sondern mit aktiver ziviler FriedensfÃ¶rderung (Zivile Konfliktbearbeitung/ZKB) einhergehen: Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor!</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Dieser friedenspolitische Anspruch wird konterkariert durch den faktischen Vorrang von MilitÃ¤r, Gewalt, Krieg - bei der Verteilung von finanziellen/personellen Ressourcen, von ForschungskapazitÃ¤ten, von Ã¶ffentlicher Aufmerksamkeit. Die Ã¶ffentliche Berichterstattung ist gewalt- und militÃ¤rfixiert. Das gilt auch fÃ¼r die Wahrnehmung des breiten Publikums. Gewaltnachrichten und -geschichten dringen durch und kommen breit an.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  KriegsverhÃ¼tung und FriedensfÃ¶rderung, Friedensprozesse und Friedensakteure finden demgegenÃ¼ber - abgesehen von charismatischen PersÃ¶nlichkeiten wie dem Dalai Lama - nur marginale Aufmerksamkeit. Das gilt auch fÃ¼r die Masse der auÃŸen- und sicherheitspolitischen Fachjournalisten. Das gilt irritierenderweise auch fÃ¼r groÃŸe Teile derjenigen, die sich als militÃ¤rkritisch und friedensbewegt verstehen. Die Zustimmung zur Zivilen Konfliktbearbeitung verharrt meist auf der Gesinnungsebene und einer diskussionslosen Zustimmung. Die ZKB-Lobby bleibt schwach, es fehlt damit an gesellschaftlichem Druck fÃ¼r Friedensinvestitionen und FriedensfÃ¤higkeiten. Die friedenspolitische Sende- und SehschwÃ¤che hat ihre GrÃ¼nde: Es fÃ¤ngt an mit der geringen Sichtbarkeit von ziviler AuÃŸenpolitik generell, die reduziert bleibt auf Bilder von Konferenzen und Treffen von Regierungschefs und AuÃŸenministern. Verbreitet ist eine Art friedenspolitischer Analphabetismus, wo Frieden als eine Frage der Gesinnung, des guten Willens und vielleicht nur als Sache naiver â€žGutmenschen&quot; erscheint - und nicht als eine Frage von Interessen und Kosten, von FÃ¤higkeiten, KapazitÃ¤ten, Fachleuten, Investitionen und konkreten Projekten. Zivile Konfliktbearbeitung (Friedensprozesse, Friedensakteure) ist im immer schÃ¤rferen Konkurrenzkampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit medial schwer â€žverkÃ¤uflich&quot;, weil sie leiser, langsamer, weniger sichtbar ist: eher prozessorientiert und komplex, oft unspektakulÃ¤r und hinter den Kulissen stattfindend. Es mangelt ihr an anziehenden Bildern. Ihre Wirksamkeit und ihre Erfolge sind weder direkt sichtbar noch beweisbar. Der verhinderte GroÃŸbrand hat keinen Nachrichtenwert und erst recht keine Bilder, der Feuerwehreinsatz umso mehr. â€žEin Baum, derÂ  fÃ¤llt, macht mehr Krach als ein Wald, der wÃ¤chst.&quot; (Tibetisches Sprichwort) Hinzu kommt der fehlende â€žStreitfaktor&quot;, der in der Politik erst Aufmerksamkeit schafft.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Zugleich hat zivile FriedensfÃ¶rderung auch eine - zzt. eher schlummernde - AttraktivitÃ¤t: Viele fÃ¼hlen sich von den vielen bad news der Gewaltnachrichten Tag fÃ¼r Tag angeÃ¶det, Ã¼berfordert, ohnmÃ¤chtig, schalten ab. Dagegen kann FriedensfÃ¶rderung Hoffnung und Mut machen.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  <strong>Die relative Unsichtbarkeit der zivilen FriedensfÃ¶rderung ist ein strukturelles Handicap und ein Haupthindernis dafÃ¼r, dass ihr Wachstum weit hinter dem Bedarf zurÃ¼ck ist. Aber diese â€žUnsichtbarkeit&quot; istÂ  kein Schicksal. Sie kann mit besonderer ProfessionalitÃ¤t und besonderem Einsatz reduziert werden.</strong></p>
<p><strong>Erfahrungen</strong></p>
<p>(a) Es gibt eine enorme und <span style="text-decoration: underline;">ermutigende Vielfalt an Friedenspraktikern</span>, Friedensakteuren, potenzialen und -kompetenzen - in Deutschland, in Europa, in verschiedensten Krisenregionen. Im Unterschied zur GroÃŸorganisation MilitÃ¤r verteilen sich diese Friedensakteure auf eine Vielzahl kleiner, mittlerer und grÃ¶ÃŸerer, nationaler und internationaler Nichtregierungs- und Regierungsorganisationen.</p>
<p>Die Ã–ffentlichkeitsarbeit und Publizistik dazu ist insgesamt noch zersplittert, von sehr begrenzter Reichweite und mit vielen weiÃŸen Flecken: Sie beschrÃ¤nkt sich oft auf die kleinen Kreise der Mitglieder und Spender der jeweiligen TrÃ¤ger-/Entsendeorganisationen bzw. ein spezialisiertes Fachpublikum.</p>
<p>Viele Friedensakteure arbeiten abseits jeder Ã–ffentlichkeitsarbeit. Ob Friedenspraktiker zuhause Interessierten von ihren plastischen Erfahrungen berichten, ist ihnen selbst oder ihren TrÃ¤gerorganisationen Ã¼berlassen. Ein groÃŸes friedenspolitisches Erfahrungs- und Bildungspotenzial bleibt so weitgehend ungenutzt.</p>
<p>(Vergleichsweise gigantisch ist demgegenÃ¼ber die militÃ¤rnahe sicherheitspolitische Fach-Publizistik: Gesponsert vom Verteidigungsministerium und der RÃ¼stungsindustrie findet in einer Vielzahl opulent gestalteter Publikationen ein stÃ¤ndiger intensiver Erfahrungsaustausch und Lernprozess statt. Ich schÃ¤tze das Volumen dieser Publizistik auf das mehr als Hundertfache der Friedenspublizistik. Allerdings ist sie Ã¼berwiegend nach innen und an politische EntscheidungstrÃ¤ger gerichtet. Ihre gesellschaftliche Breitenwirkung hÃ¤lt sich in Grenzen.)</p>
<p>(b) Es gibt <span style="text-decoration: underline;">erfolgreiche Friedensprozesse</span> - doch wenigen sind sie bewusst oder bekannt. Die Rolle der OSZE bei/nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Vertrauensbildung und EntspannungÂ  durch RÃ¼stungskontrolle im OSZE-Raum, EU-Erweiterung, die verhinderten Gewalteskalationen von Montenegro/Presevotal/Mazedonien 2000/2001, Aceh, die historisch einmalig hohe Zahl an (UN-)vermittelten WaffenstillstÃ¤nden/FriedensschlÃ¼ssen seit 1995, der RÃ¼ckgang an bewaffneten Konflikten in den letzten zwei Jahrzehnten. Hiervon erfuhren bestenfalls speziell Interessierte.</p>
<p>(c) <span style="text-decoration: underline;">Potenziell groÃŸe Zielgruppe</span>: Viele Menschen mÃ¼ssten von ihrer Einstellung her eigentlich fÃ¼r ZKB erreichbar sein - auch wenn man von den Meinungsmehrheiten gegen KriegseinsÃ¤tze diejenigen abzieht, die jedwede internationale Verantwortung ablehnen und einem isolationistischen â€žohne mich&quot; anhÃ¤ngen.</p>
<p>(d) Im Unterschied zu Bewegungen + Initiativen auf den Feldern Umwelt, Menschenrechte, Eine Welt und humanitÃ¤re Hilfe ist Friedensarbeit/Friedenspolitik <span style="text-decoration: underline;">weniger anziehend fÃ¼r Spender</span> - und zugleich mehr durch politisch-ideologische Auseinandersetzungen beeintrÃ¤chtigt und fragmentiert (Orientierung mehr auf IdentitÃ¤tspolitik als ProblemlÃ¶sung). Im Unterschied zu der vom BMZ gefÃ¶rderten entwicklungspolitischen Bildungsarbeit im Inland gibt es eine vergleichbare friedenspolitische Bildungsarbeit nicht. Allerdings gibt es eine auÃŸenpolitische Bildungsarbeit an den Schulen. Die wird aber nicht vom AuswÃ¤rtigen Amt gefÃ¶rdert, sondern von den Jugendoffizieren der Bundeswehr mit Schwerpunkt Sicherheitspolitik geleistet. Ihre Jahresberichte dokumentieren seit Jahren einen friedenspolitischen Bildungsnotstand an den Schulen.</p>
<p>(e<span style="text-decoration: underline;">) Fortschritte</span>: Deutlich positiv hat sich die Ã–ffentlichkeitsarbeit auf den Feldern Ziviler Friedensdienst (ZFD) und Zentrum Internationale FriedenseinsÃ¤tze (ZIF) entwickelt: Die Quartalszeitung â€žFrieden braucht Fachleute&quot; und die Wanderausstellung des ForumZFD, die Weltkarte und die homepage des ZIF sind Vorbilder an Informationsgehalt, Anschaulichkeit, ProfessionalitÃ¤t.</p>
<p>Mit dem Peace-Counts-Project von Michael Gleich und KollegInnen entstand erstmalig eine professionelle Friedensberichterstattung, die mit guter Medienresonanz bewies, wie spannend, attraktiv, faszinierend die Arbeit von â€žFriedensmachern&quot; ist. Sie war nur mÃ¶glich, weil geduldige und genaue Reportagen engagierter Medienprofis vom AuswÃ¤rtigen Amt Ã¼ber drei Jahre gefÃ¶rdert wurden. (www.peacecounts.org) Expertise kam zudem vom bewÃ¤hrten TÃ¼binger Institut fÃ¼r FriedenspÃ¤dagogik.</p>
<p>Inzwischen ist die â€žPhase II&quot; der â€ž<strong>tour de paix</strong>&quot; angelaufen: Die Peace-Counts-Reportagen Ã¼ber erfolgreiche â€žFriedensmacher&quot; und konstruktive KonfliktlÃ¶sungen weltweit sollen nun im Laufe von drei Jahren in insgesamt 12 Konfliktregionen zurÃ¼cktransportiert werden. Erste Station des Programms aus Ausstellung, Workshops mit Lehrern und Multiplikatoren war Sri Lanka. Die Resonanz war bestens.</p>
<p>Partner von Peace Counts Procect sind das Bonn International Center for Conversion, das Projekt zivik des Instituts fÃ¼r Auslandsbeziehungen, die GTZ, das Institut fÃ¼r FriedenspÃ¤dagogik, die Agentur Zeitenspiegel, die Dt. UNSECO-Kommission, der WDR, Paul Hahn Fotografie und â€žzivil&quot;, die Zeitschrift fÃ¼r Frieden und Gewaltfreiheit der evangelischen Zivildienstseelsorge. Auf www.peace-counts.org und der CD-Rom â€žDie Erfolge der Friedensmacher&quot; sind best practise Beispiele zu finden aus Afghanistan, Bosnien-Herzegowina, Brasilien, Deutschland, Georgien, Israel/PalÃ¤stina, Japan, Mali, Mazedonien, Nordirland, Ã–sterreich, Philippinen, Ruanda, Sri Lanka, Sudan, SÃ¼dafrika, Tansania, TÃ¼rkei, Uganda, USA, Zypern. Â â€žPeace Counts on Tour - Peace Education in Conflict Regions&quot;,Â  Station Colombo/Sri Lanka Feb 2007, Dokumentation und Bericht.</p>
<p>In kleinerem Rahmen habe ich ausgezeichnete Erfahrungen mit meinen Veranstaltungen zur ZKB gemacht (zusammen z.B. mit einer Friedensfachkraft und einem Polizisten und gestÃ¼tzt auf Folien): Die Besucher waren durchweg bass erstaunt Ã¼ber das, was sich alles tut.</p>
<p>(f) Der erste Umsetzungsbericht zum Aktionsplan Zivile KrisenprÃ¤vention der Bundesregierung vom Mai 2006 kÃ¼ndigte eine <span style="text-decoration: underline;">Kommunikationsstrategie</span> zur ZKB an. Zwei Jahre danach ist kein Umsetzungsschritt bekannt. Im Gegenteil: Die Bundesregierung schaffte nicht einmal eine anschauliche Publikation des Aktionsplans.</p>
<p>(g) ZIF, ZFD, zivik, CIVPOL, DSF, FriEnt, PDF, TLO, EN.CPS, CHG, RoCS, EPLO, GPPAC, ZFDiD: Diese AbkÃ¼rzungen stehen fÃ¼r Bausteine und Instrumente einer Infrastruktur fÃ¼r ZKB, wie sie seit 1999 gewachsen, aber kaum bekannt sind. (Zentrum Internationale FriedenseinsÃ¤tze, Ziviler Friedensdienst, Projekt Zivile Konfliktbearbeitung zur UnterstÃ¼tzung zivilgesellschaftlicher Akteure, Zivilpolizeiliche AuslandseinsÃ¤tze, Deutsche Stiftung Friedensforschung, Gruppe Friedensentwicklung, Provincial Development Fund, Tribal Liaison Office, European Network for Civil Peace Services, Civilian Headline Goals/Zivile Planziele der EU, Role of Civil Society in European Civilian Crisis Management, European Peacebuilding Liaison Office, Global Partnership fort he Prevention of Armed Conflict, ZFD in Deutschland)</p>
<p><strong>Schlussfolgerungen und Optionen</strong></p>
<p>(a)Â Â Â  Angesichts der Zersplitterung zwischen verschiedenen Akteuren der ZKB ist ein Ã¼ber die Plattform ZKB hinausgehendes Informationsnetzwerk notwendig.</p>
<p>(b)Â Â  Gesammelt und systematisch zugÃ¤nglich gemacht werden sollten Erfahrungsberichte von interessanten Friedensprojekten. Projekte, Akteure, Prozesse von aktueller, spezifischer, exemplarischer Bedeutung sollen medial aufbereitet werden.</p>
<p>(c)Â Â Â  ÃœberfÃ¤llig wÃ¤re eine Zielgruppenanalyse: Welche gesellschaftliche Gruppen wÃ¤ren am ehesten wie erreichbar?</p>
<p>(d)Â Â  Friedensberichterstattung braucht Zeit, Geduld, EinfÃ¼hlungsvermÃ¶gen. Das gibt es im Medien-Normalbetrieb immer weniger. Ein unabhÃ¤ngiges Recherche- und JournalistenbÃ¼ro (z.B. â€žPeace-News&quot;) kÃ¶nnte aktuelle Berichte und Meldungen fÃ¼r Medien und Redaktionen aufbereiten. (siehe vergleichbare andere Institutionen)</p>
<p>(e)Â Â Â  In der AuÃŸen- und Sicherheitspolitik dominieren bisher Risiko- und Bedrohungsanalysen. AuÃŸenpolitik, die Friedenspolitik sein will, braucht aber vor allem auch die Identifizierung und Analyse von Chancen, von Friedenspotenzialen und -akteuren. Das ist eine Aufgabe vor allem der Friedens- und Konfliktforschung (DSF) wie auch der wissenschaftlichen Politikberatung (SWP).</p>
<p>(f)Â Â Â Â  Erste Kooperationspartner wÃ¤ren die Deutsche Stiftung Friedensforschung, Institut fÃ¼r FriedenspÃ¤dagogik TÃ¼bingen, Peace Counts Project, FriEnt, Ressortkreis KrisenprÃ¤vention und Beirat, Plattform ZKB.</p>
<p>(g)Â Â Â  Ein offenes GroÃŸproblem ist, wie medial vermittelten interkulturellen Konflikteskalationen entgegengewirkt, wie zumindest ein eigenes ungewolltes Anheizen vermieden werden kann. Immerhin kÃ¶nnen globale Lauffeuer wie der Karikaturenstreit das binnen Wochen millionenfach wegspÃ¼len, was anderweitig in mÃ¼hsamer VerstÃ¤ndigungsarbeit aufgebaut wurde.</p>
<p><strong>Beispiele fÃ¼r Friedensmacher-Bilder, die hÃ¤ngen bleiben</strong></p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  â€žSie waren Todfeinde&quot;: Die lachende Runde der gerade vereidigten nordirischen Regierung aus Katholiken und Protestanten</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  â€žOuvertÃ¼re&quot;: Tanzende Polizisten anlÃ¤sslich der ErÃ¶ffnung der Polizeiakademie in Kabul 2002</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  â€žEndgÃ¼ltig offen&quot;: Ã–ffnung des Schlagbaums am deutsch-polnischen GrenzÃ¼bergang in Zittau im Dezember 2007</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Aceh-Jubel; WaffenzerstÃ¶rung</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Versammlung von StammesÃ¤ltesten in Ost-Afghanistan (TLO)</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Community Peacebuilding Training mit Cornelia in Badaghshan</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Der 1. ZFD-Kurs</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  Friedensmacher-PersÃ¶nlichkeiten: Brahimi, Aktion VÃ¶lkerrecht (Jugendliche aus Heidelberg), Elena Gulmadova aus Tadschikistan in Mazedonien, die Ex-Terroristen Joe Doherty (IRA) und Peter McGuire (UDA)</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â  AbrÃ¼stungszusammenarbeit deutsch-russisch: Einweihung der Chemiewaffenv</div>


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