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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: &quot;Ehrlichkeit mit blinden Flecken&quot; Kommentar zum Afghanistanbericht der Bundesregierung</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Presse-Link + Interview</span>

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        <h1>
            &quot;Ehrlichkeit mit blinden Flecken&quot; Kommentar zum Afghanistanbericht der Bundesregierung         </h1>
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       <div class="xar-mod-content">
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 14. Dezember 2010 23:40:09 +02:00 (230631 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Winfried Nachtwei kommentiert den &quot;Fortschrittsbericht Afghanistan&quot; der Bundesregierung, mit dem diese erstmalig eine von den GrÃ¼nen seit vier (!) Jahren geforderte Bestandsaufnahme vorlegt.</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Ehrlichkeit mit blinden Flecken Â - </strong><strong>Kurzkommentar zum â€žFortschrittsbericht Afghanistan&quot; der Bundesregierung</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB a.D. (14.12.2010)</p>
<p><strong>(1) Informationsgehalt</strong></p>
<p>Am 13. Dezember 2010 verÃ¶ffentlichte die Bundesregierung ihren â€žFortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestages&quot;. Dass zeitgleich Minister zu Guttenberg mit Gattin beim Truppenbesuch in Mazar auftraten und Bilderbotschaften lieferte, ist mit Sicherheit kein Zufall.</p>
<p>Der Bericht ist mit seinen 108 Seiten die bisher bei weitem detaillierteste und informativste Bestandsaufnahme der Bundesregierung zum internationalen und deutschen Afghanistan-Engagement. Umfassend wie nie zuvor werden Stand und MaÃŸnahmen der FÃ¶rderung von Staatlichkeit und RegierungsfÃ¼hrung dargestellt. Er ist eine hoch aktuelle Hilfe zum genaueren Hinsehen. Der Bericht macht plastisch deutlich â€žNichts ist einfach in Afghanistan&quot;.</p>
<p>Er bietet die Chance, die EngfÃ¼hrungen der gÃ¤ngigen Afghanistan-Debatten zu Ã¼berwinden (Fixierungen auf MilitÃ¤rfragen, AusrÃ¼stung, Abzug, insgesamt deutsche Selbstbezogenheit) und sie zu politisieren.</p>
<p>Da der Bericht eine Fundgrube ist, sollte er nicht wegen seiner Schwachpunkte vorschnell beiseite getan werden. Auch fÃ¼r Gegner des MilitÃ¤reinsatzes bietet der Bericht reichlich Stoff zu verschiedenen Seiten des zivilen Aufbaus.</p>
<p>Er verdient und braucht sorgfÃ¤ltige Auseinandersetzung - nicht zuletzt wegen der auÃŸergewÃ¶hnlichen Gemeinschaftsleistung von 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihnen ist fÃ¼r ihr Engagement stellvertretend fÃ¼r ihre Kolleginnen und Kollegen ausdrÃ¼cklich zu danken. Sie tun ihre Arbeit unter sehr erschwerten Bedingungen.</p>
<p><strong>(2) Zeitpunkt</strong></p>
<p>Der Bericht soll eine Bestandsaufnahme des deutschen Afghanistan-Engagements bringen. Dass diese jetzt kommt, ist ein Fortschritt. Dass sie erst jetzt an der Schwelle des 10. (!) Einsatzjahres kommt, ist ein Skandal. Im Bundestag erhoben erstmalig die GrÃ¼nen vor mehr als vier Jahren die Forderung nach einer offenen und selbstkritischen Bilanzierung.<a name="_ftnref1" href="index.php/articles/news/1021#_ftn1">[1]</a> Im Sommer 2006 kehrte der Krieg erkennbar in Teile des Landes zurÃ¼ck, als die ISAF-SÃ¼d-Erweiterung mit verlustreichen KÃ¤mpfen einherging. Unsere wiederholten Forderungen nach einer Wirksamkeitsbewertung des deutschen Engagements fanden bei der GroÃŸen Koalition von CDU/CSU und SPD jahrelang kein GehÃ¶r. Das Ã¤nderte sich erst mit der verÃ¤nderten GroÃŸwetterlage nach dem Luftangriff von Kunduz und dem Wechsel der SPD in die Opposition. Jetzt forderte die SPD gemeinsam mit den GrÃ¼nen eine Evaluierung des Engagements durch eine UnabhÃ¤ngige Kommission. Dies ging der CSU/CSU-FDP-Koalition zu weit. Stattdessen erstellten die Ressorts unter Leitung von Botschafter Steiner den Fortschrittsbericht. Kurz vor Fertigstellung des Berichts fÃ¼hrte der AuswÃ¤rtige Ausschuss am 23. November eine Ã–ffentliche AnhÃ¶rung Ã¼ber â€žKriterien zur Bewertung des Afghanistan-Einsatzes&quot; durch.</p>
<p>Angesichts der aktuellen Afghanistan-Debatte in der SPD mÃ¼ssen sich ihre frÃ¼heren Minister fragen lassen, warum in ihrer Amtszeit ein solcher Bericht nicht zustande kam.</p>
<p><strong>(3) Ehrlichkeit</strong></p>
<p>Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung fÃ¼r Afghanistan, Botschafter Michael Steiner, betont, es sei ein ehrlicher Bericht. In der Tat ist der Bericht deutlich realitÃ¤tsnÃ¤her, nÃ¼chterner und kritischer als alle seine viel schmaleren VorgÃ¤ngerberichte. Klar benannt werden die Verschlechterung der Sicherheitslage seit 2006, die massive Korruption und politische Blockaden von KriegsfÃ¼rsten wie aus den Reihen der Regierung. Wo Fortschritte benannt werden, wird nicht verschwiegen, wie weit zurÃ¼ck sie insgesamt noch sind.</p>
<p>Die afghanische Regierung wird zu Recht ausgesprochen kritisch beurteilt. Wahlbetrug, Korruption, und Klientelismus werden ohne diplomatische RÃ¼cksichtnahme klar beim Namen genannt.Â  Betont wird zu Recht der Grundsatz der <em>local ownership</em>. Soweit, so richtig.</p>
<p>Die Kritik der afghanischen VerhÃ¤ltnisse geht aber einher mit einem fast vollstÃ¤ndigen Verzicht auf Selbstkritik - an der Politik der Staatengemeinschaft, des Westens, der Bundesrepublik.</p>
<p>Zugestanden wird, dass es beim deutschen Engagement â€žzuweilen auch unrealistische Zielsetzungen&quot; gegeben habe und dass es in weiten Landesteilen eine ungenÃ¼gende PrÃ¤senz nationaler und internationaler SicherheitskrÃ¤fte gegeben habe. Damit hat es sich aber auch.</p>
<p>SchÃ¶n geschrieben wird weiterhin die deutsche Lead-Rolle beim Polizeiaufbau und der dabei zutage tretenden grandiosen UnterschÃ¤tzung der Herausforderung Polizeiaufbau.</p>
<p>Ãœbergangen werden die langjÃ¤hrigen und politisch nicht ausgetragenen strategischen Dissense zwischen VerbÃ¼ndeten (Gegnerfixierung vs. BevÃ¶lkerungsorientierung), die Kumpanei mit alten Warlords und Kriegsverbrechern, die Zersplitterungen und DiskontinuitÃ¤ten eines internationalen Stabilisierungseinsatzes, die verpassten Chancen der ersten Jahre, die verbreitete Ignoranz gegenÃ¼ber dem ersten Gebot des â€ž<em>do no harm</em>&quot;.</p>
<p>Diese SchrÃ¤glage wurde dadurch vorprogrammiert, dass die Koalition eine unabhÃ¤ngige Kommission ablehnte und eine hausinterne Bestandsaufnahme in Auftrag gab. Auch von kompetenten und verantwortungsbewussten Beamten kann nicht erwartet werden, dass sie in einem Ã¶ffentlichen Dokument ihren Dienstherrn umfassend kritisieren. Wie sÃ¤he der Bericht aus, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne interne und politische RÃ¼cksichtnahmen hÃ¤tten schreiben kÃ¶nnen?</p>
<p>Diese gespaltene Ehrlichkeit und faktische Selbstgerechtigkeit schmÃ¤lert erheblich die Aussagekraft und GlaubwÃ¼rdigkeit des Berichts.</p>
<p><strong>(4) Wirksamkeit</strong></p>
<p>In der Vergangenheit gab keine systematischen Wirksamkeitsbewertungen des gesamten deutschen Afghanistan-Engagements, sondern Ã¼berwiegend Â Ereignis-, TÃ¤tigkeits- und Input-Berichte und politische Bewertungen, die stark vom Interesse an Selbstrechtfertigung geprÃ¤gt waren. Die Grundmelodie war â€žes gibt Probleme, aber wir sind auf dem richtigen Weg.&quot; Eine positive Ausnahme waren die Untersuchungen von Jan Koehler und anderen zur deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Nordost-Afghanistan von 2007 und 2009.<a name="_ftnref2" href="index.php/articles/news/1021#_ftn2">[2]</a></p>
<p>Der Fortschrittsbericht bringt viel Material zur Wirksamkeitsbewertung, vor allem bei Wiederaufbau und Entwicklung, Afghanischen SicherheitskrÃ¤ften. Insgesamt fehlt aber die Systematik einer umfassenden Wirksamkeitsbewertung, wie sie von Kanada, Niederlanden, USA und ISAF in ihren jeweiligen Berichten und Assessments vorgemacht wird: Ausgangslage (<em>baseline</em>), Ã¼berprÃ¼fbare Zwischenziele, Benchmarks und Fortschrittsindikatoren.<a name="_ftnref3" href="index.php/articles/news/1021#_ftn3">[3]</a></p>
<p>Dieser Mangel schmÃ¤lert strukturell die Aussagekraft (â€žEhrlichkeit&quot;) des Berichts.</p>
<p><strong>(5) Eigene KrÃ¤fte und eigener Handlungsbedarf</strong></p>
<p>Eine Bestandsaufnahme ist kein Selbstzweck. Sie dient der ÃœberprÃ¼fung der eigenen Politik, des eigenen KrÃ¤fte- und Ressourceneinsatzes, um die gesetzten Zwecke auch bestmÃ¶glich zu erreichen.</p>
<p>Die eigenen KrÃ¤fte werden nur lÃ¼ckenhaft thematisiert:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Nicht angesprochen werden der Personalumfang deutscher Entwicklungszusammenarbeit (230 deutsche und internationale Experten, 1.100 lokale KrÃ¤fte bei den DurchfÃ¼hrungsorganisationen; dazu Hilfsorganisationen und NGO`s), der deutschen Diplomatie (unverantwortlich spÃ¤rlich) und die Rekrutierungsvoraussetzungen und -probleme in der EZ, Diplomatie, Polizei.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Offen bleibt, ob der jetzige Umfang des Bundeswehrkontingents ausreicht, Ã¼ber die nÃ¤chsten Jahre auch eine tatsÃ¤chliche Ãœbergabe in Verantwortung zu ermÃ¶glichen.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Nicht angesprochen bzw. schÃ¶n geredet werden Anspruch und hinterher hinkende Wirklichkeit von Ressort- und zivil-militÃ¤rischer Zusammenarbeit (comprehensive approach, vernetzte Sicherheit), das bisherigen Fehlen von integrierter Lage und Erfahrungslernen.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Praktisch ausgeblendet bleibt die RÃ¼ckkehrerproblematik der inzwischen zigtausenden MÃ¤nner und Frauen, die inzwischen in Afghanistan in verschiedenen Uniformen oder in Zivil im Einsatz waren: Sie lÃ¤sst das Land und seine Menschen in der Regel nicht mehr los. Tausende haben dort krasse Gewalt erfahren - passiv und aktiv -, viele Hundert wurden kÃ¶rperlich und seelisch verwundet. Dutzende Familien haben ihren Ehemann, Vater, Sohn verloren. In der Heimat erfahren die RÃ¼ckkehrer Ã¼berwiegend Desinteresse, sogar bei entsendenden Institutionen. Ihr Erfahrungspotenzial bleibt weitgehend ungenutzt.</p>
<p>Kein Wort, welche Voraussetzungen hierzulande geschaffen werden mÃ¼ssen, um den Bundeswehreinsatz glimpflichÂ  u n dÂ  verantwortbar reduzieren zu kÃ¶nnen, um zivile und polizeiliche Aufbauhilfe Ã¼ber 2014 hinaus aufrecht erhalten zu kÃ¶nnen.</p>
<p><strong>(6) Fortsetzung des Fortschrittsberichts</strong></p>
<p>Trotz seiner LÃ¼cken ist der Bericht ein wichtiger Fortschritt. Er wÃ¼rde entwertet, bliebe er eine Einmalleistung. Er muss der Auftakt sein fÃ¼r halbjÃ¤hrliche Berichte, gegliedert nach Zwischenzielen, Benchmarks und Fortschrittsindikatoren. Eine ungeschÃ¶nte und wirklich ehrliche Evaluierung ist zwingend auf die Einbeziehung unabhÃ¤ngiger Expertise angewiesen. Eine bloÃŸe AnhÃ¶rung ist da vÃ¶llig unzureichend.</p>
<p>Alle Wirksamkeitsbewertung bleibt Schall und Rauch, wenn sie sich nicht in entsprechenden politischen AuftrÃ¤gen niederschlÃ¤gt: Das nÃ¤chste Mandat muss klar, ehrlich, erfÃ¼llbar und umfassend sein, d.h. Ã¼ber die militÃ¤rischen Aufgaben und KrÃ¤fte hinaus auch wesentliche Aufbauziele definieren und ausstatten. Eine bloÃŸe Fortschreibung des bisherigen Mandats wÃ¼rde diesem dringenden Erfordernis nicht gerecht.</p>
<p><strong>Im Einzelnen </strong>(zu ausgewÃ¤hlten der insgesamt 27 Kapitel)</p>
<p><strong>I. Sicherheit</strong></p>
<p>- Nachdem sich die Bundesregierung jahrelang damit begnÃ¼gte, nur ereignisbezogen zur Sicherheitsentwicklung zu berichten, werden jetzt erstmalig Trends Ã¼ber die Jahre dokumentiert. Endlich beschrÃ¤nkt man ich nicht auf SicherheitsvorfÃ¤lle als einzige Indikatoren der Sicherheitslage, sondern nimmt fÃ¼r den Norden die aussagekrÃ¤ftigere Kategorie Stufen der Bewegungsfreiheit der Entwicklungszusammenarbeit.</p>
<p>- Die SÃ¤tze â€žDie stetig wachsende MilitÃ¤rprÃ¤senz hat bisher nicht zu einer signifikanten und nachhaltigen Verbesserung er Sicherheitslage gefÃ¼hrt&quot; und â€žEine der zentralen Ursachen fÃ¼r den Anstieg er sicherheitsrelevanten ZwischenfÃ¤lle liegt im Truppenaufwuchs der ISAF und der weiteren Steigerung der Operationsdichte und -tempo begrÃ¼ndet&quot; sind eigentlich ein Offenbarungseid. Sie legen den Umkehrschluss nahe, dass SicherheitsvorfÃ¤lle mit einer Reduzierung des ISAF-Umfangs abnehmen wÃ¼rden.</p>
<p>- Zentrale Informationen zur Relation KrÃ¤fte - Raum bleiben unerwÃ¤hnt: Die Provinz KunduzÂ Â  entspricht in der FlÃ¤che Rheinland Pfalz, nur mit einer schwierigen Geographie und schwacher Verkehrsinfrastruktur. Hierhin wurden anfangs 400 Soldaten mit Stabilisierungsauftrag geschickt, â€žnetto&quot; als 100 bis 200. Was konnten die erreichen? Oder die AusmaÃŸe der ISAF-Region Nord, immerhin 1.200 x 400 km!</p>
<p>- Die Konfliktgeschichte des keineswegs harmlosen Kunduz wird deutlich. Ausgeblendet bleiben die â€žeigenen&quot; BeitrÃ¤ge zum Abdriften dieser frÃ¼heren Hoffnungsprovinz: der Verlust der Initiative vor Ort und die â€žEntfernung&quot; vom Auftrag, die â€žverschlossenen Augen&quot; in Berlin gegenÃ¼ber der sich ausweitenden Aufstandsbewegung 2007 bis 2009, die Strukturen von SelbsttÃ¤uschung, RealitÃ¤tsverlust und TÃ¤uschung.</p>
<p>- An Beispielen aus dem Unruhedistrikt Chahar Darreh wird ungeschÃ¶nt die Wirklichkeit des Guerilla- und Terrorkrieges beschrieben. Nicht unerwÃ¤hnt bleiben sollte dabei, dass trotz des richtigen Verzichts auf einen <em>body-count</em> bei den Gefechten AufstÃ¤ndische in erheblicher Zahl getÃ¶tet werden. Nachdem unter Minister Jung das Wort Krieg tabu war, ist jetzt der Eindruck verbreitet, als sei auch im Norden flÃ¤chendeckend Krieg. Fakt ist die krasse Verschiedenheit der Konfliktlage: Von den 123 Distrikten herrscht in acht offener Guerillakrieg, in den anderen mehr oder weniger viel GewaltkriminalitÃ¤t, aber kein Krieg.</p>
<p>- In den Kapiteln zu den afghanischen SicherheitskrÃ¤ften gibt es dank des entwickelten militÃ¤rischen Benchmark- und Kriteriensystems hilfreiche Informationen zur Wirksamkeit und potenziellen Nachhaltigkeit der AufbauunterstÃ¼tzung fÃ¼r ANA und ANP. Markiert wird die massive Ausbilder- und Partnering-LÃ¼cke im Norden, wo das dritte â€žAusbildungs- und Schutz&quot;-Bataillon von ISAF (Task Force) nicht in Sicht ist.</p>
<p>- Die deutsche Polizeihilfe hat mit der Errichtung mehrerer Ausbildungszentren einen neuen Schub bekommen. Sehr sinnvoll ist der umfassendere deutsche Ansatz, der Infrastrukturprojekte und Alphabetisierungskurse einbezieht und einhergeht mit praktischer RechtsstaatsfÃ¶rderung.</p>
<p>- Der Blick auf den Gesamtbeitrag der Staatengemeinschaft zur StabilitÃ¤t und Sicherheit (7. Kapitel) ist rosig und realitÃ¤tsfern: Ãœbergangen wird der lang andauernde Fehlstart von EUPOL und die InkohÃ¤renz der verschiedenen nationalen PRT-Modelle. Nicht zur Sprache kommt der strategische Schwerpunkt von ISAF im SÃ¼den, wo seit dreieinhalb Jahren ein hochintensiver Guerilla- und Terrorkrieg tobt, wo die US-Anstrengungen gigantisch und opferreich sind, wo die das RÃ¼ckgewinnen und Halten von Taliban-kontrollierten Gebieten noch schwieriger und langwieriger als erwartet ist. Oder andererseits das positive Beispiel der NiederlÃ¤nder im sÃ¼dlichen Uruzgan.</p>
<p>Nicht einmal angedeutet wird der erhebliche praktische Dissens unter VerbÃ¼ndeten und zwischen ISAF und UNAMA in Bezug auf das Ausschalten der mittleren FÃ¼hrungsebenen der AufstÃ¤ndischen.</p>
<p>- Im FrÃ¼hsommer 2011 kommt die Stunde der Wahrheit. Dann wird sich zeigen, ob die enorme Kraftanstrengung von 2010 Wirkung zeigt - oder der Anstieg der SicherheitsvorfÃ¤lle ungebremst so weiter geht. In dem verhalten-hoffnungsvolle Tenor des Fortschrittsberichts hÃ¶re ich auch ein Pfeifen im Walde.</p>
<p>- Wichtig sind die Bindung der ÃœbergabeprÃ¼fungen an abgestimmte und nachvollziehbare Kriterien und die AnkÃ¼ndigung eines verstÃ¤rkten zivilen Ressourceneinsatz beim zivilen Aufbau parallel zur Reduzierung internationaler StreitkrÃ¤fte.</p>
<p><strong>II. Staatswesen und RegierungsfÃ¼hrung</strong></p>
<p>- Ausgeblendet wird hier der strategische Fehler etlicher Staaten, vor allem der USA, einer Ã¼berwiegend kurzsichtigen bis zynischen Politik gegenÃ¼ber alten Warlords und Kriegsverbrechern. Damit wurde von vorneherein die StÃ¤rkung von afghanischer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit konterkariert und sabotiert.</p>
<p>- Ausgesprochen informativ und hilfreich sind die Kapitel zur AusÃ¼bung der Regierungsgewalt in den Provinzen und zum Aufbau einer funktionsfÃ¤higen staatlichen Verwaltung. Enorm wichtig, wenn auch sehr spÃ¤t sind die jÃ¼ngsten Anstrengungen zur FÃ¶rderung von Verwaltungskompetenz auf unteren Ebenen, wo Staat von den Menschen direkt erfahren wird. Die Bundesregierung kann sich zugute halten, dass sie die hervorragende NGO â€žThe Liaison Office&quot; nicht erst seit 2008, sondern indirekt Ã¼ber Swiss Peace und Heinrich BÃ¶ll Stiftung schon seit 2003 unterstÃ¼tzt. Das war ein seltener Fall von Weitsicht.</p>
<p>- Sehr sinnvoll - aber auch wieder sehr spÃ¤t - sind die jÃ¼ngsten CIM-Programme fÃ¼r deutsch-afghanische Experten und die zweite Generation gut ausgebildeter Deutsch-Afghanen.</p>
<p>- Ã„uÃŸerst beunruhigend sind die Ergebnisse der jÃ¼ngsten Afghanistan-Umfrage von ARD, ABC, BBC und Washington Post. Afghaninnen und Afghanen bewerten wohl die Lage und Zukunft ihres Landes um vieles besser als die Ã–ffentlichkeiten in den ISAF-LÃ¤ndern und Deutschland. Das Ansehen des Westens hat ein Allzeittief erreicht. Die frÃ¼her relativ hohe Zustimmung zum deutschen Engagement im Norden hat einen Absturz erlebt. Wenn im Nordosten tatsÃ¤chlich 39% der Befragten AnschlÃ¤ge auf NATO-Einheiten befÃ¼rworten, dann ist das eine Katastrophe und ein verheerender Verlust an LegitimitÃ¤t. (Die Frage ist nur, inwieweit eine Beragung von 1.691 Afghaninnen und Afghanen in den 34 Provinzen dieses ausgesprochen fragmentierten und gegensÃ¤tzlichen Landes wirklich als reprÃ¤sentativ gelten kann.) Andererseits ist bemerkenswert, dass in der Kriegs- und Opiumprovinz Helmand, dem Schwerpunkt der ISAF- und US-Operationen, die Gesamtzufriedenheit der Menschen von 44 auf 71% gestiegen sein soll.</p>
<p>- Im Kapitel â€žWahrung der Menschenrechte&quot; stellt zu Recht die wirksame und mutige Arbeit der UnabhÃ¤ngigen Menschenrechtskommission mit ihrer Vorsitzenden Dr. Samir Samar heraus. Ob inzwischen aber noch von einem langsamen, aber stetigen Fortschritt bei der Einhaltung er Menschenrechte gesprochen werden kann, wird von vielen bezweifelt. Berichtet wird von einem rollback bei Menschen- und Frauenrechten.</p>
<p>- Viel zu wenig Aufmerksamkeit finden in Deutschland demokratische und zivilgesellschaftliche Strukturen und AktivitÃ¤ten in Afghanistan. Wer weiÃŸ hierzulande schon von den fast flÃ¤chendeckenden GemeindeentwicklungsrÃ¤ten, den mutigen Frauen und MÃ¤nnern in NGOÂ´s und Netzwerken. Besonders wichtig,Â  aber auch schwierig sind Ausbildungshilfen beim JustizaufbauÂ  angesichts der drei parallel existierenden Rechtssysteme. Die von Deutschland gefÃ¶rderte Armenrechtsberatung und Rechtsalphabetisierung wird von Beteiligten als sehr erfolgreich bewertet. Das alles ist unspektakulÃ¤r und medial unsichtbar, fÃ¼r die FÃ¶rderung von legitimer Governance aber von strategischer Bedeutung. Hier wie auf anderen Feldern gibt der Fortschrittsbericht keinen Aufschluss darÃ¼ber, ob solche MaÃŸnahmen als Tropfen auf dem heiÃŸen Stein verdampfen oder noch gewisse bleibende Wirkungen haben. Und was tun andere LÃ¤nder auf diesem Feld? In wie vielen Distrikten und Provinzen finden Ã¼berhaupt solche MaÃŸnahmen statt?</p>
<p>- Ungeschminkt wird die schamlose Bereicherung durch hohe FunktionstrÃ¤ger benannt und das mangelhafte Interesse der afghanischen politischen FÃ¼hrung an einer nachhaltigen BekÃ¤mpfung der Korruption kritisiert. Andere Formen der Korruption auf Seiten der Internationalen bleiben demgegenÃ¼ber auÃŸen vor. Es ist zu hoffen, dass die Umorganisation der Gehaltszahlungen der afghanischen SicherheitskrÃ¤fte das Unterschlagungsrisiko auch so verringert, wie es behauptet wird.</p>
<p>(16. Reintegration, VerstÃ¤ndigung und Ausgleich mit der Insurgenz; 20. Staatsfinanzen)</p>
<p>- Â Bemerkenswert ist, welch relativ kleinen Teil am Gesamtumsatz des aus Afghanistan stammenden Heroins (65 Mrd. US-Dollar) die Taliban mit 130 Mio. US-Dollar einstreichen. Offen bleibt in dem Kapitel , ob die Rolle Deutschlands bei der DrogenbekÃ¤mpfung mehr als marginal ist.</p>
<p>- Bemerkenswert positiv ist die Entwicklung auf dem Feld der Staatseinnahmen. Dass die afghanische Finanzverwaltung deutlich oberhalb der fÃ¼r Afghanistan relevanten Vergleichsgruppe von LÃ¤ndern eingestuft wird, ist Ã¼berraschend.</p>
<p><strong>III. Wiederaufbau und Entwicklung</strong></p>
<p>- Angesichts der Ausgangslage Afghanistans ist vielerorts nicht von Wiederaufbau, sondern richtigerÂ  von Aufbau die Rede.</p>
<p>- In der deutschen BevÃ¶lkerung ist die die Vorstellung nicht wenig verbreitet, â€žwir haben doch nichts mit Afghanistan zu tun!&quot; Abgesehen von der Dimension internationaler kollektiver Sicherheit hat Deutschland historisch sehr wohl und sehr positiv mit Afghanistan zu tun.</p>
<p>Was hierzulande Ã¼berwiegend vergessen ist, ist in Afghanistan unvergessen und in sehr guter Erinnerung: Die deutsche Entwicklungshilfe seit den 60er Jahren, die Polizeihilfe seit 1969, die Arbeit verschiedener Hilfsorganisationen (Welthungerhilfe seit 1980) und mutiger Einzelpersonen (z.B. die Dortmunder OP-Schwester Karla Schefter seit 1989). Diese gute Vergangenheit wirkt als Bonus und Chance bis heute.</p>
<p>- In diesem Abschnitt sind noch am ehesten Wirkungen des deutschen Engagements zu identifizieren, insbesondere bei Wasser- und Energieversorgung, Infrastruktur, Bildungswesen und Gesundheitsversorgung. Die Ergebnisse hier sind beachtlich.</p>
<p>- Sehr deutlich wird die katastrophale Ausgangslage im Bildungswesen. Exemplarisch fÃ¼r Fortschritte stehen in jÃ¼ngster Zeit die inzwischen fÃ¼nf mit deutscher Hilfe errichteten Teacher Training Centers imÂ  Nordosten und Norden, wo bisher 45.000 Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet wurden. Das sind bleibende Wirkungen! Recht spÃ¤t ging man an die Berufsbildung ran.</p>
<p>Die UnterstÃ¼tzungen im Hochschulbereich haben einen guten Ruf, sind aber erheblich ausbaufÃ¤hig.</p>
<p>- Afghanistan gehÃ¶rt immer noch zu den LÃ¤ndern mit den weltweit schlechtesten Gesundheitsindikatoren. Der RÃ¼ckgang der Kindersterblichkeit unter 5 Jahre steht beispielhaft fÃ¼r die RelativitÃ¤t von Erfolgen: Seit 2001 ging sie um 25% auf 161 pro 1.000 zurÃ¼ck. Im OECD-Raum liegt die Rate bei 5,7%.</p>
<p>- Die afghanische BevÃ¶lkerung ist mit 49% unter 15 Jahren eine der jÃ¼ngsten der Welt. Das ist eine groÃŸe Herausforderung und Chance: Eine besser gebildete und weniger von Krieg geprÃ¤gte jÃ¼ngere Generation. Zugleich ist es ein erhebliches Risiko und Sprengstoff, wenn die jungen Menschen ohne Perspektive bleiben. Spannend sind die Angaben zum gesellschaftlichen Wandel.</p>
<p>Â </p>
<p>Â </p>
<hr size="1" />
<p><a name="_ftn1" href="index.php/articles/news/1021#_ftnref1">[1]</a> Brief von JÃ¼rgen Trittin und Winfried Nachtwei vom 5. September 2006 an die Minister Steinmeier, Jung, Wieczoreck-Zeul, SchÃ¤uble</p>
<p><a name="_ftn2" href="index.php/articles/news/1021#_ftnref2">[2]</a> Jan BÃ¶hnke/Jan Koehler/Christoph ZÃ¼rcher: Assessing the Impact of Development Cooperation in North East Afghanistan 2005-2009. Final Report, Bonn 2010</p>
<p><a name="_ftn3" href="index.php/articles/news/1021#_ftnref3">[3]</a> Winfried Nachtwei: Stellungnahme zum Interfraktionellen Fragenkatalog zur Ã¶ffentlichen AnhÃ¶rung â€žKriterien der Bewertung des Afghanistan-Einsatzes&quot; des AuswÃ¤rtigen Ausschusses am 23. November 2010</p>
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