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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Nachtwei: Rede zum Antikriegstag 2007 in Biberach</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Internationale Politik und Regionen + Vereinte Nationen (UNO) + Libanon</span>

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        <h1>
            Nachtwei: Rede zum Antikriegstag 2007 in Biberach         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 1. September 2007 20:49:16 +02:00 (70958 Aufrufe)            </div>
            <div>    AnlÃ¤sslich des Antikriegstages 2007 hielt Winfried Nachtwei in Biberach folgende Rede:</div>
            <div>    <p align="center">&nbsp;</p><p align="center">Rede zum Antikriegstag 2007 in Biberach</p><strong><p align="center">&quot;Gewalt verhindern, Frieden fÃ¶rdern: Herausforderungen einer praktischen Friedenspolitik&quot;</p></strong><p align="center">von Winfried Nachtwei, MdB</p><p>Liebe BÃ¼rgerinnen, liebe BÃ¼rger,</p><p>Ich danke Ihnen fÃ¼r Ihre Bereitschaft, sich heute an den 68. Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs zu erinnern - und sich mit den Konsequenzen fÃ¼r die Politik heute auseinanderzusetzen. </p><p>Danke dem FriedensbÃ¼ndnis fÃ¼r die Einladung an jemanden wie mich, der aus der Friedensbewegung kommt, auch noch Mitglied einiger Friedensgruppen ist, der aber als Politiker unter Friedensbewegten auch umstritten ist. </p><p>Ich denke aber, einiges aus dem politisch-praktischen BemÃ¼hen um GewaltverhÃ¼tung und FriedensfÃ¶rderung berichten zu kÃ¶nnen.</p><strong><p>Heute vor 68 Jahren</p></strong><p>ErÃ¶ffnet wurde der Krieg gegen Polen am 1. September 1939 um 4.40 Uhr mit einem Bombenangriff auf das StÃ¤dtchen Wielun, in dem keinerlei MilitÃ¤r lag. Die ersten Bomben trafen das Krankenhaus und den Marktplatz. Ein Kompaniechef aus Westfalen: &quot;Unser Radio bringt im Wehrmachtsbericht: Wielun wurde genommen. (...) Wielun bot einen grauenhaften Anblick. Die Stadt war durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuss vÃ¶llig zerstÃ¶rt. Der Markt war ein wilder TrÃ¼mmerhaufen mit zahlreichen Toten.&quot; </p><p>Die deutsche Luftwaffe bombardierte und beschoss vo Anfang an die FlÃ¼chtlinge auf den verstopften StraÃŸen, jede Menschenansammlung, sogar Schlangen vor GeschÃ¤ften. Auf Menschen, die sich schwimmend Ã¼ber die Weichsel zu retten versuchten, wurden aus Tieffliegern Handgranaten geworden. </p><p>An diesem 1. September Ã¶ffnete bei Danzig das KZ Stutthof seine Tore: jetzt als StÃ¤tte zur Vernichtung der polnischen FÃ¼hrungsschicht. (1944 wurde Stutthof ein StÃ¼tzpunkt im Programm zur Vernichtung der europÃ¤ischen Juden.)</p><p>Der 1. September war der Auftakt zu einem Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die europÃ¤ischen Nachbarn und eigene BÃ¼rger, wie es bisher in der Geschichte ohne Beispiel war. </p><p>An meinem Hauptarbeitsplatz in Berlin im Reichstag/Bundestag empfinde ich vor allem bei Besuchen aus Osteuropa , wie sich dort in einem Umkreis von ein, zwei Kilometern deutsche, europÃ¤ische und Weltgeschichte konzentriert: die Planungsorte von Krieg und Massenvernichtung; der Endkampf 1945, das Krepieren Hunderter junger Soldaten im Reichstag - und dann die Frontlinie der Ost-West-Konfrontation. Zugleich empfinde ich dort unverÃ¤ndert das GlÃ¼ck und die historische Chance des heutigen Europa - und das umso mehr, als ich als 46er zum ersten Friedensjahrgang seit vielen Generationen gehÃ¶re.</p><strong><p>Zentrale Lehren</p></strong><p>Europa und Deutschland konnten nur durch die Truppen der Sowjetunion und der Westalliierten vom Nazismus befreit werden.</p><p>Trotzdem ist es so Ã¼blich wie verkÃ¼rzt, militÃ¤rische VerteidigungsfÃ¤higkeit als die zentrale Lehre aus der Nazi-Aggression zu nehmen. </p><p>Die zentralen Lehren mÃ¼ssen an den Erfahrungen und Fehlern von vor 1939 ansetzen, der Vorgeschichte von Krieg, Gewaltherrschaft und Gleichschaltung, den AnfÃ¤ngen im Innern und international. Die zentrale Lehre bleibt: Den AnfÃ¤ngen wehren!</p><p>Als zentrale Lehren wurden gezogen: </p><ul><li>die GrÃ¼ndung der Vereinten Nationen als neuer Anlauf zu gemeinsamer Friedenssicherung weltweit;</li><li>das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit der Vorrangstellung der Menschenrechte, der Unantastbarkeit der MenschenwÃ¼rde und der Friedenspflicht;</li><li>die europÃ¤ische Integration auf dem Kontinent der Kriege;</li><li>in den 70er und 80er Jahren kamen Entspannung, RÃ¼stungskontrolle und AbrÃ¼stung hinzu, mit der OSZE kooperative Sicherheit auch unter Kontrahenten.</li></ul><strong><p>Neue Herausforderungen</p></strong><p>Mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation verschoben und Ã¤nderten sich die friedens- und sicherheitspolitischen Herausforderungen:</p><p>Innerstaatliche Gewaltkonflikte traten in den Vordergrund, gekennzeichnet von schwachen und zerfallenden Staaten, privatisierter Gewalt, von Milizen, Warlords, Kindersoldaten, Organisierter KriminalitÃ¤t, Terrorgruppen. Opfer wurden jetzt immer mehr die ZivilbevÃ¶lkerung. Manche Konflikte eskalierten bis zu &quot;ethnischen SÃ¤uberungen&quot; und VÃ¶lkermord. </p><p>&quot;Stell Dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin&quot; war die richtige Losung er Friedensbewegung der 80er Jahre. </p><p>Jetzt wurde der Satz &quot;Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner guckt und geht hin&quot;, zur neuen Herausforderung. Zum Beispiel die internationale Nichtbeachtung des zivilen Widerstandes der Kosovo-Albaner unter Rugova, die VerschÃ¤rfung der Gewalt in 1998, damals von der Bundestagsmehrheit ignoriert. Zum Beispiel der ankÃ¼ndigte VÃ¶lkermord in Ruanda.</p><p>Eine zweite Herausforderung ist die die ausufernde Privatisierung der Gewalt &quot;von oben&quot;: der zunehmende Unilateralismus, das StÃ¶rfeuer gegen RÃ¼stungskontrolle und AbrÃ¼stung. </p><p>SchlieÃŸlich die Herausforderungen durch die globalen Risiken der KlimaerwÃ¤rmung und globalen Ungleichheit, darin die Millionenmassen perspektivloser junger MÃ¤nner. DemgegenÃ¼ber erscheint mir grenzÃ¼berschreitender Terrorismus eher eine Bedrohung von zweitrangiger Bedeutung zu sein. </p><strong><p>Aufstieg der PrÃ¤vention</p></strong><p>Seit Jahrzehnten gehÃ¶rt die Vorbeugung von Krisen und Gewaltkonflikten zu den Kernforderungen von Friedensbewegung und Friedensforschung. </p><p>Seit Ende der 90er Jahren wurde die KrisenprÃ¤vention - strukturell und operativ - auch zunehmend Thema offizieller Regierungspolitik. Ich erinnere mich an Worte des damaligen Verteidigungsministers RÃ¼he nach seiner RÃ¼ckkehr aus Mostar im Verteidigungsausschuss: &quot;Auch BrÃ¼cken aus Beton bringen noch keinen Frieden&quot;. Angesichts des nationalistischen Betons in den KÃ¶pfen der Machthaber wurde der Wandel in den KÃ¶pfen von unten zum Dreh- und Angelpunkt. Hier setzte der Zivile Friedensdienst an, dessen EinfÃ¼hrung zunÃ¤chst an Entwicklungsminister Spranger (CSU) scheiterte, der dann mÃ¶glich wurde mit den Koalitionswechseln zu RotgrÃ¼n erst in NRW und dann im Bund. Vor etwas mehr als 10 Jahren, im Mai 1977 startete der erste Kurz fÃ¼r FriedensfachkrÃ¤fte. </p><p>An 1998/99 wurde dann schrittweise eine Infrastruktur Zivile Konfliktbearbeitung aufgebaut: </p><p>Ihre wichtigsten Instrumente sind </p><ul><li>das Zentrum Internationale FriedenseinsÃ¤tze (ZIF) in Berlin, der Zivile Friedensdienst (ZFD), das zivik-Programm zur UnterstÃ¼tzung von gesellschaftlichen Friedenspotenzialen in Konfliktregionen;</li><li>die Verankerung der KrisenprÃ¤vention in der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt und die Deutsche Stiftung Friedensforschung;</li><li>und ab 2004 der Aktionsplan Zivile KrisenprÃ¤vention der Bundesregierung, mit dem FriedensfÃ¤higkeiten systematisch gefÃ¶rdert werden sollen und der in seiner Art weltweit einmalig war.</li></ul><p>Aber das alles wÃ¼rde nur wenig bringen, wenn so was nur auf nationaler Ebene liefe. </p><p>Unter der schwedischen PrÃ¤sidentschaft beschloss die EU im Jahr 2001 ein PrÃ¤ventionsprogramm gegen gewaltsame Konflikte. Auf dieser Grundlage wurden verschiedene FÃ¤higkeiten zur KrisenprÃ¤vention und Friedenskonsolidierung aufgebaut und die &quot;Zivilen Planziele 2008&quot; aufgestellt. </p><p>Auf Ebene der Vereinten Nationen wird KrisenprÃ¤vention besonders umfassend angegangen. </p><p>Der Fortschrittsbericht von Kofi Annan vom Juli 2006 behandelt die ganze Spannweite von Dialogforen Ã¼ber internationale Kontrolle des Handels mit Kleinwaffen und Konfliktrohstoffen bis zur Vorbeugung globaler Krisen. Mich wundert immer wieder, wie wenig diese Dokumente einer im besten Sinne umfasssend-kollektiven Friedens- und Sicherheitspolitik hierzulande Beachtung finden. </p><strong><p>Gute Beispiele</p></strong><p>Immer wieder hÃ¶re ich den Einwand: &quot;SchÃ¶n und gut. Aber sind das nicht wieder nur schÃ¶ne Worte und Versprechen?&quot; Hier einige Beispiele fÃ¼r wirksame und auch hoffnungsvolle GewaltprÃ¤vention und FriedensfÃ¶rderung: </p><ul><li>Schon fast wieder vergessen ist, was die OSZE gerade in Nachfolgestaaten der Sowjetunion, z.B. den baltischen Staaten, zur gewaltfreien Regulierung von Minderheitenkonflikten geleistet hat.</li><li>Nach dem Kosovo-Krieg 1999 gab es einige krisenhafte Zuspitzungen, deren kriegerische Eskalation dann aber - im Unterschied zu den Vorjahren - verhindert werden konnte: Montenegro, Presevo-Tal, Mazedonien. </li><li>Nach schlimmsten Kriegsjahren im Kongo waren die Wahlen im vorigen Jahr ein riskantes SchlÃ¼sselereignis im langwierigen Friedensprozess. Bei aller medialen und politischen Fixierung auf die EU-MilitÃ¤rmission kommt das Hauptverdienst am weitgehend friedlichen Wahlenablauf der vitalen kongolesischen Zivilgesellschaft zu, die durch die katholische Kirche, die EU und viele andere unterstÃ¼tzt wurde. </li><li>In vielen Krisenregionen begegne ich FriedensfachkrÃ¤ften, die im Rahmen des Ziviler Friedensdienstes sogar in Afghanistan, im besonders wilden Badaghshan kompetent und wirksam fÃ¼r friedliche KonfliktlÃ¶sungen arbeiten.</li></ul><strong><p>Was not tut: Vorrang fÃ¼r Zivil!</p></strong><p>AbrÃ¼stung und RÃ¼stungskontrolle mÃ¼ssen endlich wieder heraus aus ihrem Schattendasein. </p><p>Bei Atomwaffen ist nicht - wie in den 80er Jahren - der groÃŸe Atomweltkrieg die Gefahr. Aber angesichts der zunehmenden Verbreitung von Atomwaffen wÃ¤chst das Risiko, dass Atomwaffen auch mal eingesetzt werden. Auch wenn aus Deutschland die groÃŸe Masse an Atomwaffen abgezogen sind - die noch hier lagernden US-Atomwaffen und die deutsche nukleare Teilhabe daran untergraben die GlaubwÃ¼rdigkeit der deutschen Nichtverbreitungspolitik. Sie mÃ¼ssen endlich weg!</p><p>Dass AuslandseinsÃ¤tze der Bundeswehr umstritten sind, ist gut so. Dadurch stehen Politik und Regierung unter hohem Rechtfertigungsdruck. Sie mÃ¼ssen nachweisen, dass solche EinsÃ¤tze in Ãœbereinstimmung stehen mit dem Friedensauftrag des Grundgesetzes. Sie mÃ¼ssen garantieren, dass Bundeswehr nur im Rahmen des UNO-Systems zum Einsatz kommt. </p><p>Friedenschancen mÃ¼ssen viel mehr wahrgenommen und genutzt werden. FriedenskrÃ¤fte sind ganz anders zu fÃ¶rdern. Viel Energie wird immer wieder auf Risiko- und Bedrohungsanalysen verwendet. ÃœberfÃ¤llig sind Chancenanalysen! Meine jÃ¼ngste Erfahrung dazu: Eine Reise mit Claudia Roth in den Nord-Irak, nach Irakisch Kurdistan. Was aus der Ferne als ein einziges unterschiedsloses Gewaltchaos erscheint, ist aus der NÃ¤he gesehen eine Insel relativer StabilitÃ¤t in einem Meer der Gewalt. Hier kÃ¶nnte man Stabilisierungs- und Friedenschancen nutzen und ausbauen. Von staatlich deutscher Seite geschieht da aber bisher praktisch nichts. </p><p>So gut die neuen Instrumente der KrisenprÃ¤vention sind, so schwach sind sie noch. Zarte Pllanzen! Gerade im Vergleich zu den KapazitÃ¤ten des MilitÃ¤rs erfahre ich stÃ¤ndig das krasse MissverhÃ¤ltnis, die regelrechte UnterernÃ¤hrung der zivilen FÃ¤higkeiten. Die Ironie der Geschichte ist, dass MilitÃ¤rs inzwischen oft am eindringlichsten die StÃ¤rkung ziviler FÃ¤higkeiten einfordern. </p><p>Notwendig ist, </p><p>z.B. die Aufstockung der FriedensfachkrÃ¤fte im Rahmen des ZFD von 140 auf 500;</p><p>z.B. die UnterfÃ¼tterung des Aktionsplans mit entsprechend Personal und Finanzmitteln;</p><p>z.B. die Aufstellung Ziviler Planziele. </p><p>Ein Handicap all dieser BemÃ¼hungen fÃ¼r mehr PrÃ¤vention ist die enorm verbreitete Fixierung auf das MilitÃ¤rische und die mangelnde Sichtbarkeit der zivilen FriedensfÃ¶rderung. Sie ist unspektakulÃ¤r, prozess- und dialogorientiert, im Erfolgsfall nicht recht beweisbar. Diese Hindernisse lassen sich nur mit einer professionellen Friedensberichterstattung abbauen und Ã¼berwinden. Das &quot;Peace Counts Project - Der Frieden zÃ¤hlt&quot; von Michael Gleich und einem Netzwerk von Journalisten und Fotografen ist ein erster erfolgreicher Schritt in diese Richtung. </p><p>Seit Jahren bin ich viel in Krisenregionen unterwegs. Es ist immer wieder zum Verzweifeln: Die Kompliziertheit der Konflikte zu erleben, die gewachsenen Verfeindungen, die regelrechten Gewaltkulturen, die Verwundungen und ZerstÃ¶rungswillen. </p><p>Zugleich begegne ich dort, auf dem Balkan, in Afghanistan, im Kongo und anderswo immer Menschen, die sich dadurch nicht abschrecken lassen, die engagiert, geduldig, mutig, mit Witz und Kompetenz an Frieden arbeiten. </p><p>Solche Friedenspraktiker, solche Friedensanstifter zeigen: Frieden ist mÃ¶glich. Sie machen Hoffnung. </p><p>&nbsp;</p></div>


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