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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: &quot;Effizienter, aber nicht wirksamer&quot;: Nachtwei zur Bundeswehrreform</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Interview</span>

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        <h1>
            &quot;Effizienter, aber nicht wirksamer&quot;: Nachtwei zur Bundeswehrreform         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 4. Oktober 2010 14:12:55 +02:00 (139360 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Winfried Nachtwei nimmt ausfÃ¼hrlich zu der bevorstehenden Bundeswehrreform Stellung und kritisiert ihre fundamentalen LÃ¼cken: Sie sei eine Insel-LÃ¶sung ohne friedens- und sicherheitspolitischen Mehrwert.</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Effizienter, aber nicht wirksamer - Mutige Bundeswehrreform mit fundamentalen LÃ¼cken</strong></p>
<p align="center">Anmerkungen zur aktuellen Bundeswehrreform</p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB a.D.<a name="_ftnref1" href="#_ftn1">[1]</a> (3.10.2010)</p>
<p>Im Jahr 2000 legte die WeizsÃ¤cker-Kommission einen sehr fundierten Bericht zur Reform der Bundeswehr vor. Minister Scharping wischte ihn beiseite und bestimmte seine â€žEckpfeiler&quot;. Im Jahr 2003 erlieÃŸ Minister Struck die vertraulich erarbeiteten Verteidigungspolitischen Richtlinien, im Jahr 2006 Minister Jung das WeiÃŸbuch. Jedes Mal wurde mit dieser Erarbeitungs- und VerkÃ¼ndigungsmethode eine breite sicherheitspolitische Debatte verhindert. Unser regelmÃ¤ÃŸiger Widerspruch blieb wirkungslos. Die Debatte war offenkundig nicht gewollt. Die Folge war ein vager und oberflÃ¤chlicher sicherheitspolitischer Konsens, der mit der VerschÃ¤rfung des Afghanistaneinsatzes zunehmend brÃ¶ckelte und inzwischen in einer tiefen Kluft zwischen Regierungspolitik und BevÃ¶lkerungsmeinung landete.</p>
<p>Dieses Mal besteht eine bessere Chance fÃ¼r die lange geforderte, breitere sicherheitspolitische Debatte und VerstÃ¤ndigung. Es wurden verschiedene Optionen einer kÃ¼nftigen Bundeswehr (mit PrÃ¤ferenz fÃ¼r Modell 4) vorgelegt. Mit einem Minister zu Guttenberg sind bessere Voraussetzungen gegeben als mit seinen VorgÃ¤ngern. Sein ausdrÃ¼cklicher Wunsch einer offenen und breiten Debatte muss sich aber in der Praxis beweisen. Die bessere Chance wÃ¤re schnell wieder vertan, wenn die Debatte beschrÃ¤nkt bliebe auf die - inzwischen sowieso entschiedene - Frage der Wehrform und das Stationierungskonzept, wenn gleichzeitig durch Ausplanungen einer neuen Struktur Fakten geschaffen wÃ¼rden.</p>
<p>Meine Anmerkungen sind ein Diskussionsbeitrag nicht zur ganzen Breite der anlaufenden Bundeswehrreform, sondern nur zu den Aspekten, die zu wenig zur Sprache kommen. Der Beitrag steht unter dem Vorbehalt, dass ich wegen meiner Halbdistanz zur Tagespolitik jetzt einiges mÃ¶glicherweise nicht mehr mitbekomme (â€žPensionÃ¤rsrisiko&quot;). Umso mehr bin ich fÃ¼r GegeneinwÃ¤nde und VerbesserungsvorschlÃ¤ge offen.</p>
<p>Ausgangspunkt ist der <strong>Kabinettsbeschluss</strong> vom 7. Juni 2010: â€ž<em>Das Bundesministerium der Verteidigung prÃ¼ft im Rahmen der derzeitigen ReformÃ¼berlegungen die Optimierung der Strukturen der Bundeswehr an den Erfordernissen der BefÃ¤higung zum Einsatz. In diese Ãœberlegungen sind auch die Organisation und Zusammensetzung der StreitkrÃ¤fte, einschlieÃŸlich des Personalumfangs der verschiedenen Statusgruppen einbezogen. Gleichzeitig obliegt dem BMVg - zusammen mit allen anderen Ressorts der Bundesregierung - auch zur Konsolidierung des Bundeshaushaltes und zur Einhaltung der verfassungsrechtlich vorgegebenen Schuldenbremse beizutragen.&quot; Das BMVg soll zusammen mit der Strukturkommission prÃ¼fen,&quot; welche Folgen eine deutliche Reduzierung der StreitkrÃ¤fte um bis zu 40.000 Berufs- und Zeitsoldaten fÃ¼r die sicherheitspolitische HandlungsfÃ¤higkeit Deutschlands, die Einsatz- und BÃ¼ndnisfÃ¤higkeit, Fragen der Beschaffung, die Strukturen und den Gesamtumfang der Bundeswehr sowie die Wehrform und deren Ausgestaltung hÃ¤tte&quot;</em>.</p>
<p>Mit anderen Worten: Das Spardiktat stand an erster Stelle. Das widersprach der â€žreinen Lehre&quot;, wonach der sicherheitspolitische Bedarf Ausgangspunkt sein mÃ¼sse, war aber taktisch nicht unklug. Denn nur harte Haushaltsvorgaben haben das Gewicht, eingefahrene Denkweisen und Interessen aufzubrechen.</p>
<p><strong>Grundtenor</strong> der Reform ist: Die Bundeswehr soll stringenter auf den Einsatz ausgerichtet werden, sie soll kleiner, flexibler und effizienter werden. Dieser Anspruch ist nicht neu. Ihn hatten vorhergehende ReformanlÃ¤ufe, zuletzt die Transformation der Bundeswehr, genauso.</p>
<p>Die Anforderung liegt auf der Hand angesichts der erheblichen Schwierigkeiten, das jeweils erforderliche Personal und Material fÃ¼r die politisch beschlossenen EinsÃ¤tze zur VerfÃ¼gung zu stellen und wirksam zu machen. Von auÃŸen ist nicht nachvollziehbar, warum eine Truppe von 250.000 Soldaten mit der Entsendung von ca. 7.000 die Grenze der Belastbarkeit erreicht hat. Die bisherige nationale Zielvorgabe von 14.000 Soldaten fÃ¼r bis zu fÃ¼nf parallele StabilisierungseinsÃ¤tze liegt auÃŸerhalb jeder Umsetzung. Von innen sind die vielen, die EinsatzfÃ¤higkeiten behindernden Strukturen (WasserkÃ¶pfe, Doppelstrukturen), AblÃ¤ufe und Denkweisen nicht nachvollziehbar. Sie beeintrÃ¤chtigen zugleich die Einsatzmotivation.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Zusammenfassung</span></strong></p>
<p><strong>Eine Effizienzsteigerung der Bundeswehr ist dringend notwendig. Die Reduzierung der Bundeswehr um 40.000 Berufs- und Zeitsoldaten, die Aussetzung der Wehrpflicht und der Ãœbergang zur Freiwilligenarmee, die Straffung von FÃ¼hrung und Strukturen bedeuten eine regelrechte UmwÃ¤lzung der StreitkrÃ¤fte und sind ein mutiges Unterfangen.</strong></p>
<p><strong>Zugleich greift ein ausschlieÃŸlich bundeswehrimmanenter Modernisierungsansatz zu kurz. Der Frage nach dem besseren WIE muss die Frage nach dem WOFÃœR vorausgehen und die Frage nach besserer WIRKSAMKEIT folgen. Eine bloÃŸ fixere und schlagkrÃ¤ftigere Interventionsarmee kann nicht das Ziel sein.</strong></p>
<p><strong>Der Bezug auf das WeiÃŸbuch von 2006 reicht dafÃ¼r ganz und gar nicht aus. Schon damals hatte es erhebliche MÃ¤ngel.<a name="_ftnref2" href="#_ftn2"><strong>[2]</strong></a> Und seitdem sind gravierende und ernÃ¼chternde Erfahrungen hinzugekommen: Der ISAF-Einsatz ist weiter denn je von seinem Stabilisierungsziel entfernt und wurde zunehmend AufstandsbekÃ¤mpfung. Auf der taktischen Ebene stehen Bundeswehrsoldaten in einem asymmetrischen Krieg, der militÃ¤risch nicht zu gewinnen ist. AuslandseinsÃ¤tze, UN-Friedenssicherung und Statebuilding weltweit stecken in einer umfassenden Wirksamkeits- und Akzeptanzkrise. Der im WeiÃŸbuch viel beschworene Ansatz der vernetzten Sicherheit und des Comprehensive Approach ist vor allem Anspruch und nur spÃ¤rliche Wirklichkeit.</strong></p>
<p><strong>Um das WOFÃœR der kÃ¼nftigen Bundeswehr zu prÃ¤zisieren und ihre friedens- und sicherheitspolitische Wirksamkeit zu verbessern, wÃ¤re es unabdingbar, die Erfahrungen der bisherigen AuslandseinsÃ¤tze und UN-Friedensmissionen auszuwerten und alle im Kontext des Comprehensive Approach relevanten Ressorts und Akteure miteinzubeziehen. Dass dies unterbleibt, ist Ausdruck einer sicherheitspolitischen Selbstzufriedenheit und ein schwerer strategischer Fehler. FÃ¼r ihn trÃ¤gt der politische Auftraggeber mit seinem beschrÃ¤nkten Kabinettsbeschluss die Verantwortung. </strong><strong>Damit setzt sich die StrategieschwÃ¤che des bundesdeutschen sicherheitspolitischen Diskurses fort, der bisher vor allem um die WIE-Fragen AusrÃ¼stung, Einsatzregeln, Wehrform - und inzwischen auch Stationierung - kreist und die Fragen des klaren und erfÃ¼llbaren Auftrages, der aussichtsreichen Strategie und ausgewogenenen politisch-zivil-militÃ¤rischen FÃ¤higkeiten und Anstrengungen weitgehend ausspart.<a name="_ftnref3" href="#_ftn3"><strong>[3]</strong></a></strong></p>
<p><strong>In der Konsequenz heiÃŸt das: Auch mit einer effizienteren Bundeswehr wÃ¤re der Afghanistaneinsatz kaum erfolgreicher und akzeptierter. Auch eine Effizienzsteigerung wird das Risiko nicht mindern, dass BundeswehreinsÃ¤tze in Zukunft in die Falle eines Politikersatzes geraten kÃ¶nnen.</strong></p>
<p><strong>Der jetzige Reformanlauf ist ambitioniert, als InsellÃ¶sung aber StÃ¼ckwerk.</strong></p>
<p><strong>FÃ¼r eine verantwortliche deutsche Friedens- und Sicherheitspolitik und einen groÃŸen Mehrheitskonsens ist es unabdingbar, die umfassendere sicherheitspolitische Debatte jetzt zu fÃ¼hren. Die Chance dafÃ¼r darf nicht wieder vertan werden!</strong></p>
<p><strong>(1) </strong><strong>Werte, Interessen, Verantwortung</strong></p>
<p><strong>Sicherheits- </strong><strong>und Friedenspolitik</strong> gehÃ¶ren untrennbar zusammen. Ihre fundamentalen Ziele sind Kriegs- und KrisenverhÃ¼tung (und -eindÃ¤mmung), Schutz vor illegaler Gewalt und FriedensfÃ¶rderung.</p>
<p>Entstanden aus den Erfahrungen mit den Weltkriegen der ersten HÃ¤lfte des 20. Jahrhunderts ist das <strong>System der Vereinten Nationen</strong> der entscheidende normative und konzeptionelle Rahmen von zeitgemÃ¤ÃŸer und zukunftsfÃ¤higer Sicherheits- und Friedenspolitik. Das muss viel deutlicher auch das â€žNarrativ&quot; sein. UN-Dokumente wie â€ž<em>Eine sicherere Welt: Unsere gemeinsame Verantwortung</em>&quot; (2004), â€ž<em>In grÃ¶ÃŸerer Freiheit: Auf dem Weg zu Entwicklung, Sicherheit und Menschenrechten fÃ¼r alle</em>&quot; (2005) entfalten den Bezugsrahmen umfassender kollektiver Sicherheit und gemeinsamer Verantwortung bei der BewÃ¤ltigung der Bedrohungen internationaler Sicherheit Diese Dokumente bieten viel mehr an friedens- und sicherheitspolitischer Klarheit und Orientierung, an Weiterentwicklung von Multilateralismus als viele Dokumente auf nationaler Ebene. Sie sind ein Gegenmittel gegen wachsende Trends einer kurzsichtigen Renationalisierung von Sicherheitspolitik, wo bei der Fokussierung auf nationale Sicherheitsinteressen kollektive Sicherheitsinteressen in den Hintergrund treten.</p>
<p>Mit dem Kosovo-Krieg und dem eskalierten Afghanistaneinsatz verbreitete sich der Eindruck, als sei Krieg wieder ein Mittel deutscher AuÃŸenpolitik. Dieser Eindruck wurde nicht dadurch gemindert, dass seit 1998 alle Koalitionsvereinbarungen betonen, deutsche AuÃŸenpolitik sei Friedenspolitik.</p>
<p>Fakt bleibt aber der <strong>Friedensauftrag</strong> des Grundgesetzes: Deutschland soll â€žals gleichberechtigtes Glied in einem Vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen&quot; (PrÃ¤ambel); der Bund kann sich â€žzur Wahrung des Friedens (...) einem System kollektiver Sicherheit einordnen&quot; (Art. 24 GG); friedensstÃ¶rende Handlungen und Angriffskriege sind verfassungswidrig (Art. 26). Das VÃ¶lkerrecht ist auch in Deutschland unmittelbar gÃ¼ltiges Recht.</p>
<p>Die <strong>UN-Charta</strong> erklÃ¤rt die Ãœberwindung der â€žGeiÃŸel des Krieges&quot; und die Friedenssicherung zur zentralen Aufgabe. Sie erlaubt vom internationalen Gewaltverbot nur zwei Ausnahmen: den Fall der nationalen bzw. kollektiven Selbstverteidigung und bei Bedrohung der internationalen Sicherheit und des Weltfriedens. Mit der <em>responsibility to protect</em> ist seit 2005 die Schutzverpflichtung der Staatengemeinschaft im Fall schwerster Menschenrechtsverbrechen hinzugekommen.</p>
<p>Sicherheitspolitische Kernaufgabe des deutschen Staates ist, die BÃ¼rgerInnen der Bundesrepublik, ihre offene Gesellschaft und ihre Lebensgrundlagen vor illegitimer Gewalt zu schÃ¼tzen. Grundlegende <strong>deutsche</strong> <strong>Sicherheitsinteressen</strong> sind:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Wahrung der staatlichen SouverÃ¤nitÃ¤t, der materiellen und politischen Lebensgrundlagen einer komplexen, abhÃ¤ngigen und verwundbaren Gesellschaft im europÃ¤ischen und globalen Umfeld;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Wahrung und StÃ¤rkung der politischen und sozialen Menschenrechte, des VÃ¶lkerrechts, der Herrschaft des Rechts als Voraussetzung einer stabileren Umwelt;</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Multilaterale Einbindung und Beteiligung Deutschlands an Systemen kollektiver Sicherheit - UN, EU, NATO, OSZE - und Entwicklung eines effektiven Multilateralismus.</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Sicherung und Erweiterung des europÃ¤ischen StabilitÃ¤tsraums.</p>
<p>Deutsche Sicherheitsinteressen sind in hohem MaÃŸe deckungsgleich mit <strong>europÃ¤ischen Sicherheitsinteressen</strong>. Weitere Sicherheitsinteressen wÃ¤ren im Hinblick auf Herausforderungen, Regionen und Akteure zu konkretisieren.</p>
<p>Als Mitglied der Staaten- und VÃ¶lkergemeinschaft auf den Ebenen UN, EU, NATO und OSZE steht Deutschland Ã¼ber die Wahrung der unmittelbaren eigenen Sicherheitsinteressen hinaus in <strong>Mitverantwortung</strong> fÃ¼r internationale kollektive Sicherheit. Diese Mitverantwortung und politisch vereinbarten Verpflichtungen wahrzunehmen, ist zugleich im weitsichtigen Sicherheitsinteresse Deutschlands.</p>
<p><strong>(2) Risiken, Bedrohungen - und Chancen</strong></p>
<p>Als <strong>Bedrohung der internationalen Sicherheit</strong> gilt <em>â€žjedes Ereignis und jeder Prozess, der zum Tod vieler Menschen oder zur Verringerung von Lebenschancen fÃ¼hrt und der die Staaten als das tragende Element des internationalen Systems untergrÃ¤bt&quot;</em>.<a name="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a> Es geht um Bedrohungen fÃ¼r menschliche Sicherheit und die Sicherheit von Staaten.</p>
<p>Die Hochrangige Gruppe nennt sechs Gruppen von Bedrohungen:</p>
<p>- â€ž<em>wirtschaftliche und soziale Bedrohungen, einschlieÃŸlich Armut, Infektionskrankheiten und UmweltzerstÃ¶rung,</em></p>
<p><em>- zwischenstaatliche Konflikte,</em></p>
<p><em>- innerstaatliche Konflikte, einschlieÃŸlich BÃ¼rgerkrieg, VÃ¶lkermord und andere massive Greueltaten,</em></p>
<p><em>- nukleare, radiologische, chemische und biologische Waffen,</em></p>
<p><em>- Terrorismus,</em></p>
<p><em>- grenzÃ¼berschreitende organisierte KriminalitÃ¤t</em>.&quot;</p>
<p>Die multidimensionalen Bedrohungen sind heute mehr denn je miteinander verknÃ¼pft, grenzÃ¼berschreitend, dynamisch, unÃ¼bersichtlich und schwer berechenbar. Nichtstaatliche Akteure haben enorm an Bedeutung gewonnen. Weit entfernte Konflikte kÃ¶nnen sich schnell und erheblich auf europÃ¤ische und deutsche Sicherheit auswirken.</p>
<p><strong> Bedrohungen deutscher Sicherheit</strong>: Die Unversehrtheit und Existenz der Bundesrepublik wird auf mittlere Frist von keiner Macht bedroht. Die FÃ¤higkeit zu einer raumgreifenden Offensive gegen das Gebiet der Bundesrepublik hat sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verflÃ¼chtigt. Sie wÃ¼rde im schlimmsten Fall sehr viele Jahre zur â€žRekonstitution&quot; brauchen (die NATO geht von einer Vorwarnzeit von 10 Jahren aus). Der Fall <strong>Landesverteidigung</strong> kann auf absehbare Zeit ausgeschlossen werden. FÃ¼r Randbereiche der EU und NATO kann allerdings ein militÃ¤rischer Angriff nicht ausgeschlossen werden.</p>
<p>Unterhalb groÃŸer militÃ¤rischer Bedrohungen sind aber viele Risiken und Bedrohungen denkbar, die die Sicherheit der Bundesrepublik und ihrer BÃ¼rger beintrÃ¤chtigen kÃ¶nnen - mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit und Schadenswirkung.</p>
<p>- RÃ¤ume ohne funktionierende Ordnung (z.B. gescheiterte/scheiternde Staaten), die zu RÃ¼ckzugs- und Ausgangsgebieten von Gewaltakteuren, organisierter KriminalitÃ¤t und Terrorismus werden kÃ¶nnen.</p>
<p>- Heutige Gesellschaften sind in hohem MaÃŸe auf eine ungestÃ¶rte Energieversorgung und freie Handelswege angewiesen. Das gilt insbesondere fÃ¼r eine Handelsnation wie die Bundesrepublik. Das ist eine Frage nationaler und internationaler kollektiver Sicherheit zugleich.</p>
<p>- Zunehmend risikobehaftet sind kritische Infrastruktur und Informationsraum, national wie global. Hier wÃ¤chst ein fÃ¼r die Sicherheit und StabilitÃ¤t von Staaten und Gesellschaften erhebliches Bedrohungspotenzial heran. Dazu gehÃ¶ren Cyber-Attacken (vgl. der auf Industriesteuerungen zielende Stuxnet-Virus) wie auch Ã¼ber globalisierte Medien vermittelte Eskalationen von Feindbildern und Konfrontationen (Mohammed-Karrikaturen vor Jahren, jetzt die beabsichtigte Ã¶ffentliche Koranverbrennung).</p>
<p>- Neu aufgenommen werden sollte in den Katalog von Risiken &amp; Bedrohungen friedensstÃ¶rendes Agieren und kontraproduktives Wirken der â€žeigenen Seite&quot; (do no harm). Beispiele dafÃ¼r sind z.B. der <em>global</em><em> </em><em>war on terror</em>, der Terrorismus nicht eindÃ¤mmte, sondern eher als Brandbeschleuniger wirkte, AufrÃ¼stung, bedenkenlose RÃ¼stungsexporte, unzureichend mandatierte und ausgestattete Friedensmissionen, kontraproduktive Wirkungen von zu lange dauernden StabilisierungseinsÃ¤tzen.</p>
<p>Risiko- und Bedrohungsanalysen mÃ¼ssen ergÃ¤nzt werden um <strong>Chancenanalysen</strong>: Nur wo Friedensprozesse, -potenziale und -akteure identifiziert und unterstÃ¼tzt werden, kann das Hinterherhecheln bloÃŸer Krisenreaktion Ã¼berwunden werden, wird wirksame KrisenprÃ¤vention und systematische FriedensfÃ¶rderung mÃ¶glich.</p>
<p><strong>(3) Auftrag und Aufgaben</strong></p>
<p>GrundsÃ¤tzlich gilt: Seit Ende des Ost-West-Konflktes erleben wir die Umstellung von Verteidigung auf Sicherheit. Den heutigen Risiken und Bedrohungen kann wirksam nur mit einem Ansatz von gemeinsamer, umfassender und gewaltvorbeugender Sicherheit begegnet werden. Der Primat der politischen KonfliktlÃ¶sung und zivilen KrisenprÃ¤vention darf nicht nur Rhetorik sein, er muss auch die politische Praxis bestimmen.</p>
<p>NÃ¼chterne Identifizierung von Risiken und Bedrohungen ist das eine. Das andere ist, wie und mit welchen Mitteln diesen Risiken und Bedrohungen vorgebeugt, wie sie minimiert und abgewehrt werden sollen und wer dazu beauftragt und befugt ist. Das hat sich nach Kompetenz und LegalitÃ¤t zu richten, wird aber oft durcheinander geworfen. Die Formulierung im WeiÃŸbuch von 2006 lieÃŸ Interpretationen zu, wonach Ressourcen- und Seewegsicherung BundeswehreinsÃ¤tze legitimieren kÃ¶nne. Ein BundesprÃ¤sident stolperte Ã¼ber eine Ã¤hnliche Formulierung. Aus der Breite heutiger Risiken und potenzieller Bedrohungen erwÃ¤chst keineswegs eine AllzustÃ¤ndigkeit von MilitÃ¤r. MilitÃ¤r (genauer: militÃ¤rische Gewalt) darf auÃŸerhalb der Landes- und BÃ¼ndnisverteidigung nur eingesetzt werden, wenn der UN-Sicherheitsrat eine Bedrohung von internationaler Sicherheit und Weltfrieden feststellt, wenn kollektive Sicherheit betroffen ist. (Das hat er im Fall der Piratenbedrohung am Horn von Afrika festgestellt.)</p>
<p>Diese klare Grenzziehung wird unterlaufen, wo der (nationale) Verteidigungsbegriff entgrenzt wird, weg vom Territorium hin zur Verteidigung partikularer (Sicherheits)Interessen und tendenziell globaler VorwÃ¤rtsverteidigung. Unter Minister Struck hatte die Ausweitung des Verteidigungsbegriffs begonnen, in den Verteidigungspolitischen Richtlinien wie mit seinem geflÃ¼gelten Wort von der â€ž<em>Verteidigung deutscher Sicherheit am Hindukusch</em>&quot;. Sie wurde im WeiÃŸbuch der GroÃŸen Koalition und im Bericht des Generalinspekteurs zur Bundeswehrreform fortgesetzt: â€ž<em>Verteidigung unseres Landes ist heute und in Zukunft vor allem BÃ¼ndnisverteidigung an und jenseits der Ã¤uÃŸeren Grenzen des BÃ¼ndnisgebietes</em>&quot;. Auch wenn es nicht so gemeint sein mag: Wo die â€žerweitere Landes-/BÃ¼ndnisverteidigung&quot; den Begriff der kollektiven Sicherheit beiseite drÃ¤ngt, ist das ein TÃ¼rÃ¶ffner fÃ¼r die SelbstermÃ¤chtigung von MilitÃ¤reinsÃ¤tzen und eine RÃ¼ckkehr zum â€žRecht&quot; des StÃ¤rkeren.</p>
<p>Es gibt wohl keinen Bereich staatlichen Handelns in Deutschland, der gesetzlich so vage fixiert ist wie der <strong>Auftrag</strong><strong> und die Aufgaben der Bundeswehr</strong>. Dabei geht es hier um eine besonders teure, riskante und ggfs. opferreiche Option staatlichen Handelns. Das Grundgesetz bestimmt nur den Rahmen: Friedensauftrag, Verbot der Vorbereitung von Angriffskriegen, unmittelbare Geltung des VÃ¶lkerrechts, StreitkrÃ¤fte zur Verteidigung, Kann-Beitrag zu kollektiver Sicherheit. Der neuere Realauftrag der Bundeswehr - Beitrag zu internationaler KrisenbewÃ¤ltigung im UN-Auftrag jenseits der Landesverteidigung - ist im Wortlaut des Grundgesetzes nicht klar erkennbar, sondern nur mit Hilfe des Urteils des Bundesverfassungsgerichts von 1994 aus dem Art. 24, 2 ableitbar.</p>
<p>Zu einzelnen <strong>Aufgaben der Bundeswehr</strong>:</p>
<p>- Die Erstaufgabe â€žinternationale KonfliktverhÃ¼tung und -bewÃ¤ltigung - einschlieÃŸlich des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus&quot; ist ein Sammelbegriff, der ein breites Spektrum von politischen, wirtschafts- und entwicklungspolitischen, polizeilichen bis zu militÃ¤rischen MaÃŸnahmen von der Beobachtermissionen Ã¼ber StabilisierungseinsÃ¤tze bis zur Friedenserzwingung, im Klartext EinsÃ¤tze kriegerischer MilitÃ¤rgewalt beinhalten kann. Im eskalierten Afghanistaneinsatz zeigen sich - neben strategischen Fehlern der Vergangenheit - die SchwÃ¤chen der jetzigen Strukturen. Verfehlt wÃ¤re es aber, den Afghanistaneinsatz zum alleinigen MaÃŸstab der kÃ¼nftigen Bundeswehr zu machen, den Einsatz von kriegerischer Gewalt zum Normalfall zu erklÃ¤ren oder angesichts des Abrutschens in einen Guerillakrieg kÃ¼nftig StabilisierungseinsÃ¤tze fÃ¼r obsolet zu erklÃ¤ren. Beide Fehler vermeidet der GI-Bericht. StabilisierungseinsÃ¤tze werden weiterhin im Vordergrund stehen (mÃ¼ssen). Dieses Einsatzspektrum wird am meisten benÃ¶tigt, hat die grÃ¶ÃŸten Erfolgschancen und ist hinsichtlich der Kosten und mÃ¶glichen Opfer noch am ehesten verantwortbar. Bei StabilisierungseinsÃ¤tzen haben UnterstÃ¼tzung von Demilitarisierung und Sicherheitssektorreform, Ausbildungshilfe und Beratung inzwischen eine SchlÃ¼sselrolle. Sie sind BrÃ¼ckenaufgaben zu selbsttragender Sicherheit.</p>
<p>Ausgesprochen riskant und tÃ¼ckisch sind FriedenserzwingungseinsÃ¤tze. Sehr fraglich ist, was MilitÃ¤r Ã¼berhaupt zu einer wirksamen BekÃ¤mpfung von internationalem Terrorismus leisten kann. Der US-Weg von vermehrten Spezial- und DrohneneinsÃ¤tzen ist weder erfolgversprechend noch mit dem VÃ¶lkerrecht vereinbar.</p>
<p>- Im Jahr 2005 bekannte sich die UN-Generalversammlung zur <em>responsibility to protect, </em>die zuallererst Vorbeugung fordert, im Ã¤uÃŸersten Fall aber auch militÃ¤rische Intervention bedeuten kann. Seit einigen Jahren spielt diese Schutzverpflichtung in der Staatengemeinschaft eine immer geringere Rolle. Eine Bundesregierung muss hierzu Farbe bekennen.</p>
<p>- Das Vorhalten und Ãœben von Tornado-Jagdbombern fÃ¼r den Einsatz der letzten in Deutschland lagernden Atombomben ist weder sicherheitspolitisch noch ethisch zu rechtfertigen.</p>
<p>- Partnerschaft und Kooperation sind in der Tat eine militÃ¤rische Daueraufgabe, wenig spektakulÃ¤r, nichtsdestoweniger von nicht zu unterschÃ¤tzender vertrauensbildender und integrativer Wirkung.</p>
<p>- Die UnterstÃ¼tzung humanitÃ¤rer Hilfsaktionen und Katastrophenhilfe im Ausland ist eine subsidiÃ¤re â€žRestaufgabe&quot; der Bundeswehr. Richtigerweise ist hier als erstes internationale zivile Katastrophenhilfe gefragt. Trotzdem stellt sich die Frage, ob spezifische militÃ¤rische FÃ¤higkeiten (Luftbeweglichkeit, Transport, Logistik) nicht stÃ¤rker die zivile Katastrophenhilfe unterstÃ¼tzen sollten, ohne dabei einer Militarisierung von Katastrophenhilfe Vorschub zu leisten. UnÃ¼bersehbar ist die Zunahme von Mega-Naturkatastrophen. Der Klimawandel wird das verschÃ¤rfen. Diese Katastrophen haben neben der humanitÃ¤ren zunehmend eine sicherheitspolitische Dimension. Die JahrhundertÃ¼berschwemmung in Pakistan zeigt es exemplarisch: Naturkatastrophen kÃ¶nnen auch zu Bedrohungen von internationaler Sicherheit werden.<a name="_ftnref5" href="#_ftn5">[5]</a></p>
<p>Diese wenigen Anmerkungen zeigen, dass die Aufgabenbestimmung der Bundeswehr viel zu vage ist. Auch wenn in den Bericht des GI Erfahrungen deutscher AuslandseinsÃ¤tze einflieÃŸen. Es fehlt das Fundament <strong>einer systematischen und Ã¶ffentlich zugÃ¤nglichen Auswertung</strong> von 20 Jahren deutscher Beteiligung an multilateraler Friedenssicherung. Diese, von den GrÃ¼nen seit 1999 immer wieder gefordert, ist Ã¼berfÃ¤llig:</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Was wurde erreicht, was nicht? Was kann MilitÃ¤r zur Friedenssicherung und KrisenbewÃ¤ltigung beitragen, was nicht?</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Was mÃ¼ssen andere Ressorts und Akteure, was muss vor allem die Politik beitragen? Was kÃ¶nnen Ã¼berhaupt externe Akteure zu Friedenssicherung und -konsolidierung, zu Stabilisierung, KonfliktlÃ¶sung und Statebuilding beitragen?</p>
<p>-Â Â Â Â Â Â Â Â Â  Was hilft in welchen Konflikten von auÃŸen, was schadet vielleicht mehr, was ist Kampf gegen WindmÃ¼hlenflÃ¼gel?</p>
<p>Eine solche Auswertung ist umso dringlicher, weil Ã¼berzogene Erwartungen an militÃ¤rische KrisenbewÃ¤ltigung vor allem in der Ã–ffentlichkeit, auch in der Politik - am wenigsten unter MilitÃ¤rs - unterschwellig noch recht verbreitet sind. Eine notorische Verweigerung von Wirksamkeitsevaluierungen leistete dem Vorschub.</p>
<p>Besonders hilfreich wÃ¤ren die bisher zu wenig zur Kenntnis genommen Erfahrungen der UN-Friedens-sicherung (Brahimi-Report 2000, Capstone Doktrin 2008, Charting New Horizon for UN Peacekeeping)<a name="_ftnref6" href="#_ftn6">[6]</a>.</p>
<p>Eine <strong>Grunderfahrung</strong> ist doch, dass militÃ¤rische FriedenseinsÃ¤tze bestenfalls groÃŸe Gewalt eindÃ¤mmen und Zeit kaufen kÃ¶nnen fÃ¼r politische KonfliktlÃ¶sung und FÃ¶rderung von selbsttragender Sicherheit, dass eindimensionale MilitÃ¤reinsÃ¤tze aussichtslos sind, dass nur multidimensionale, diplomatisch-zivil-polizeilich-militÃ¤rische Friedenssicherung Aussicht auf Wirkung hat. Eine andauernde Erfahrung ist, dass unklare Mandate und unzureichende personelle und materielle Ausstattung Missionserfolge verhindern.</p>
<p>Vor diesem reichhaltigen Erfahrungshintergrund mÃ¼ssten die komplementÃ¤ren Aufgaben von Diplomatie, Bundeswehr, Polizei und Rechtsstaatshilfe, Entwicklungszusammenarbeit, die Strukturen einer verbesserten Ressortzusammenarbeit genauer bestimmt und abgegrenzt werden.</p>
<p><strong> Auf eine Auswertung der AuslandseinsÃ¤tze und eine genauere Aufgabendefinition der zivilen und militÃ¤rischen SÃ¤ulen zu verzichten, ist ein fundamentaler Mangel der gegenwÃ¤rtigen Bundeswehrreformdebatte.</strong></p>
<p>Meiner Meinung nach sind fÃ¼r eine klarere Auftrags- und Aufgabenbestimmung der Bundeswehr eine <strong>GrundgesetzprÃ¤zisierung und/oder ein Bundeswehraufgabengesetz</strong> unverzichtbar.</p>
<p>MilitÃ¤reinsÃ¤tze sind jenseits der territorialen Landes- und BÃ¼ndnisverteidigung ausschlieÃŸlich zulÃ¤ssig zur Gewalt- und KriegsverhÃ¼tung/-eindÃ¤mmung und internationalen Rechtsdurchsetzung im Dienste kollektiver Sicherheit im Rahmen des UN-Systems. In diesem Sinne mÃ¼sste das Grundgesetz endlich prÃ¤zisiert und UN-kompatibel gemacht werden. Damit wÃ¼rde ein klarer Trennungsstrich gezogen zu Interventionen fÃ¼r partikulare Machtinteressen und zu Vorstellungen von â€žKrieg als Mittel der Politik&quot;.</p>
<p>Zugleich darf eine solche GG-Ã„nderung bzw. Gesetzesinitiative kein TÃ¼rÃ¶ffner fÃ¼r den Einsatz bewaffneter StreitkrÃ¤fte im Innern sein. Das Risiko scheint mir heute geringer als in der vorherigen Legislaturperiode.</p>
<p>Mit einer genaueren gesetzlichen Grundlage ist es nicht getan. <strong>Bundesregierung und Bundestag</strong> stehen in der Pflicht, AuslandseinsÃ¤tze nicht nur sicherheitspolitisch zu begrÃ¼nden und Ã¼ber viele Zeilen aus BeschlÃ¼ssen internationaler Organe abzuleiten. Sie mÃ¼ssen klare Mandate mit realistischen und Ã¼berprÃ¼fbaren Zielen und Exitkriterien beschlieÃŸen und die dafÃ¼r notwendigen personellen und materiellen Ressourcen zur VerfÃ¼gung stellen. Bisher waren Mandate in der Regel ziemlich abstrakt formuliert, mit hehren Zielen, aber dÃ¼nnem RealitÃ¤tsbezug.<a name="_ftnref7" href="#_ftn7">[7]</a> Um die TragfÃ¤higkeit und Transparenz von Einsatzentscheidungen zu verbessern, sind Kriterien fÃ¼r AuslandseinsÃ¤tze sinnvoll und hilfreich.<a name="_ftnref8" href="#_ftn8">[8]</a> ÃœberfÃ¤llig sind <strong>umfassende Mandate</strong>, die Ã¼ber das MilitÃ¤rische auch die politischen, polizeilichen und zivilen Ziele und Aufgaben definieren und die dafÃ¼r notwendigen Ressourcen bereitstellen. (s. folgenden Abschnitt)</p>
<p><strong>(4) Multilateral und multidimensional</strong></p>
<p>Wenn die <strong>Vereinten Nationen</strong> fÃ¼r deutsche Politik wirklich so bedeutsam sind, wie immer wieder und vor allem bei der Bewerbung fÃ¼r einen nichtstÃ¤ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat behauptet wird, dann ist umso unverstÃ¤ndlicher, ja beschÃ¤mender, wie sehr deutsche Politik UN-Friedenssicherung im Tropenregen bzw. in der DÃ¼rre stehen lÃ¤sst: Deutschland gehÃ¶rt wohl zu den groÃŸen Geldgebern der UN-gefÃ¼hrten Missionen. Beim Personal (Soldaten, Polizisten, Zivilisten) liegt Deutschland aber an 44. Stelle (Ende August 2010), hinter Mongolei, Peru, Ã–sterreich, Russland, Guatemala, aber immerhin vor Fiji. Die UN-gefÃ¼hrten Missionen sind in vielen Krisen- und Kriegszonen oft der aller letzte Rettungsanker, wegen mangelhafter personeller und materieller Ausstattung aber oft Ã¼berfordert. Sie befinden sich gegenwÃ¤rtig in einer massiven Krise. Unter Rot-GrÃ¼n gehÃ¶rte es zu den grÃ¼nen Absichten, die UN-gefÃ¼hrten Missionen zu stÃ¤rken. Davon ist bei der jetzigen Regierung keine Rede. Es reicht nicht, wenn die UN fast nur als Legitimationsinstanz fÃ¼r EinsÃ¤tze erscheint.</p>
<p>VÃ¶llig richtig sind eine verstÃ¤rkte Arbeitsteilung und VerbundlÃ¶sungen im Rahmen der <strong>EuropÃ¤ischen Union</strong><strong>,</strong> wo nicht jeder alles kÃ¶nnen muss. Es spricht viel dafÃ¼r, dass nur Ã¼ber gemeinsame Hardware ein Mehr an EuropÃ¤ischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu erreichen ist. Allerdings gibt es einen Konflikt zwischen Integration und deutschem Parlamentsvorbehalt. Nicht von ungefÃ¤hr wurden im Parlamentsbeteiligungsgesetz deutsche Anteile an stÃ¤ndigen Hauptquartieren vom Parlamentsvorbehalt ausgenommen. Arbeitsteilung funktioniert nur, wenn sie verlÃ¤sslich ist. Das impliziert gegenseitige AbhÃ¤ngigkeit und ggfs. einen hÃ¶heren Einsatzdruck.</p>
<p>Bis auf nationale EvakuierungseinsÃ¤tze sind alle anderen Einsatzaufgaben der Bundeswehr multilateral eingebunden. Mitbedacht und Ã¼berprÃ¼ft werden mÃ¼ssen die von der Bundesrepublik eingegangenen internationalen Verpflichtungen: Welchen Sinn machen die jetzigen Konstruktionen von NATO Response Force und EU Battlegroups? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem neuen Strategischen Konzept der NATO, das diese im November beschlieÃŸen will und das bisher den Parlamenten und der Ã–ffentlichkeit nicht zugÃ¤nglich ist?</p>
<p>Internationale KrisenbewÃ¤ltigung, GewaltverhÃ¼tung und -eindÃ¤mmung, politische KonfliktlÃ¶sung und Friedenskonsolidierung brauchen dringend <strong>KohÃ¤renz</strong><strong> der Ziele, ein bestmÃ¶gliches </strong><strong>Zusammenwirken</strong> politischer, militÃ¤rischer, ziviler und polizeilicher Akteure und <strong>Ausgewogenheit</strong><strong> ziviler und militÃ¤rischer FÃ¤higkeiten und KapazitÃ¤ten</strong>. Das ist die richtige Grunderkenntnis hinter integrierten UN-Missionen, dem Aktionsplan â€žZivile KrisenprÃ¤vention, KonfliktlÃ¶sung und Friedenskonsolidierung&quot;, dem <em>Comprehensive Approach</em> und <em>vernetzter Sicherheit</em> (jeweils mit unterschiedlichen Akzenten).</p>
<p>Die ressort- und akteursÃ¼bergreifende Dimension wird im GI-Bericht angesprochen: als Einordnung in einen â€žganzheitlichen Ansatz&quot;, entsprechend dem â€žKonzept der Vernetzten Sicherheit&quot;. Bei diesem Querverweis bleibt es dann aber auch. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass solche Verweise so richtig wie wirkungslos sind.</p>
<p>MilitÃ¤rs mÃ¼ssen mit ihren VorschlÃ¤gen bei ihren Leisten bleiben. Ein GI kann keine Empfehlungen zur StÃ¤rkung der diplomatischen FÃ¤higkeiten, z.B. fÃ¼r die subnationale operative Ebene oder fÃ¼r die schnellere VerfÃ¼gbarkeit von PolizeikrÃ¤ften, Rechtsstaats- und Verwaltungspersonal machen. Das ist die Aufgabe der federfÃ¼hrenden AuÃŸen- und Sicherheitspolitik, des Primats der Politik. Diese Ebene der Politik ist jetzt in der Pflicht, sich zur Ã¼berfÃ¤lligen Bundeswehrreform zu verhalten und sie einzubetten in eine Reform der Politik und Strukturen der Ã¤uÃŸeren Sicherheit insgesamt. Allen BeschwÃ¶rungen des <em>Comprehensive Approach</em> in den letzten Jahren zum Trotz erteilte das Bundeskabinett einen PrÃ¼fantrag zur Bundeswehrreduzierung und -reform, als sei dies eine bloÃŸe Ressortangelegenheit. Das ist der politische Geburtsfehler! Wenn Bundeswehr besser ihre EinsÃ¤tze bewÃ¤ltigen, also zur internationalen KonfliktverhÃ¼tung und -bewÃ¤ltigung beitragen soll, dann dÃ¼rfen die anderen wesentlichen Ressorts, ihre FÃ¤higkeiten und KapazitÃ¤ten dabei nicht ausgeblendet werden. Wo StabilisierungseinsÃ¤tze ein sichereres Umfeld fÃ¼r die SchlÃ¼sselaufgabe FÃ¶rderung von Governance und Statebuilding schaffen sollen, kÃ¶nnen die Verantwortlichen hierfÃ¼r nicht auÃŸen vor gelassen werden. Nach aller Erfahrung ist es naiv zu meinen, die Ressorts wÃ¼rden hier schon gemeinsam an einem Strang ziehen und ihre jeweiligen Hausaufgaben erledigen.<a name="_ftnref9" href="#_ftn9">[9]</a></p>
<p><strong>Das alles lÃ¤uft auf eine isolierte Bundeswehrreform hinaus, auf eine InsellÃ¶sung. Eine Bundeswehrreform ohne gleichzeitige Reform der Strukturen und FÃ¤higkeiten umfassender Sicherheitspolitik bleibt StÃ¼ckwerk, bringt keinen friedens- und sicherheitspolitischen Mehrwert und verstÃ¤rkt vielmehr die strukturelle MilitÃ¤rlastigkeit von Sicherheitspolitik. Wo parallel sogar im Haushaltsentwurf des AA fÃ¼r 2011 die Mittel fÃ¼r Zivile KrisenprÃ¤vention im engeren Sinne massiv gekÃ¼rzt werden, wird dieser Reformansatz doppelt kurzsichtig. Die Bundeswehr steht damit weiter in Gefahr, als LÃ¼ckenbÃ¼ÃŸer eingesetzt, ja missbraucht zu werden, weil sie eben als einzige staatliche Institution Ã¼ber breite, flexible FÃ¤higkeiten und zahlreiche, schnell einsatzfÃ¤hige KrÃ¤fte verfÃ¼gt. Das ist verantwortungslos gegenÃ¼ber den entsandten Soldaten, die in ihrem hoch belastenden und riskanten Einsatz einen selbstverstÃ¤ndlichen Anspruch darauf haben, dass ihr Auftrag aussichtsreich ist und Sinn macht.</strong></p>
<p><strong>(5) Auftrags-, einsatz- und wirkungsorientiert</strong></p>
<p>FÃ¼r die Bestimmung des <strong>Umfangs der Bundeswehr</strong> (militÃ¤rischer Teil) sind folgende Faktoren ausschlaggebend: Die aus Auftrag und Aufgaben abgeleitete, politisch gesetzte nationale Zielvorgabe fÃ¼r EinsÃ¤tze der Bundeswehr (<em>level of ambition</em>: was soll Bundeswehr mit welchen UmfÃ¤ngen Ã¼ber welche ZeitrÃ¤ume leisten kÃ¶nnen) im Kontext deutscher BeitrÃ¤ge/Verpflichtungen; ein potenzieller Einsatzrythmus, der DurchhaltefÃ¤higkeit und Sozial-/FamilienvertrÃ¤glichkeit miteinander vereinbart; die zur VerfÃ¼gung stehenden Haushaltsmittel. Nicht ausschlaggebend dÃ¼rfen Standortinteressen sein. (Diese sind der Hintergrund fÃ¼r hÃ¶here Umfangforderungen aus Union und SPD.)</p>
<p>Aus den vorherigen AusfÃ¼hrungen ergibt sich die Konsequenz, dass zusÃ¤tzlich ein <em>level of ambition civil</em> fÃ¼r zivile und polizeiliche KrÃ¤fte mit abgestufter VerfÃ¼gbarkeit in StabilisierungseinsÃ¤tzen bestimmt werden muss. Wenn Bundeswehr einen Umfang in der GrÃ¶ÃŸenordnung von 160.000 Soldatinnen und Soldaten hÃ¤tte, mÃ¼ssten <strong>zivile und polizeiliche StabilisierungskrÃ¤fte</strong> einen Umfang von einigen Tausend Personen habe. Ausgehend von den KrÃ¤fterelationen militÃ¤risch-polizeilich-zivil bei UN-gefÃ¼hrten Friedensmissionen, den EU-Anforderungen im Rahmen der zivilen Planziele und einem ausreichenden Rotationsbedarfs halte ich eine - gegriffene - GrÃ¶ÃŸenordnung von 5.000 fÃ¼r angemessen, wenn man den Auftrag Stabilisierung von Post-Conflict-LÃ¤ndern als ressortÃ¼bergreifende Gemeinschaftsaufgabe ernst nimmt. Dass sie unter den heutigen Bedingungen struktureller MilitÃ¤rlastigkeit utopisch erscheint, spricht nicht gegen ein solches Ziel.</p>
<p>Den Begriff Einsatzorientierung schlage ich vor, um den Begriff <strong>Auftragsorientierung</strong> zu ergÃ¤nzen. AuffÃ¤llig bei der bisherigen Diskussion um Einsatzorientierung ist nÃ¤mlich, dass sie Ã¼berwiegend um die - natÃ¼rlich zentrale - Frage des Selbstschutzes kreist, die Frage nach der Wirksamkeit der AuftragserfÃ¼llung (in Afghanistan sichereres Umfeld und Schutz der ZivilbevÃ¶lkerung) aber auffÃ¤llig zu kurz kommt.</p>
<p><strong>Auftrags- und Wirkungsorientierung</strong> leidet nicht nur unter notorischen Diskrepanzen zwischen Auftrag und Ressourcen, nicht nur unter einem Mangel an Ã¼berprÃ¼fbaren Zielen. Sie wird immer wieder durch ein hierarchisches Berichtswesen beeintrÃ¤chtigt, in dem SchÃ¶nfÃ¤rberei strukturell angelegt zu sein scheint. Monitoring und Evaluierungen durch unabhÃ¤ngige Institutionen, mÃ¼ssen eingefÃ¼hrt bzw. gestÃ¤rkt werden. Das Amt des Wehrbeauftragten, das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr und die Stiftung Wissenschaft und Politik spielen dabei eine unverzichtbare Rolle.</p>
<p>Dreh- und Angelpunkt fÃ¼r aussichtsreiche EinsÃ¤tze ist ihre LegitimitÃ¤t in den Augen der BevÃ¶lkerung einer Krisenregion. Um die Zustimmung der BevÃ¶lkerung zu gewinnen und zu halten, ist eine genaue Kenntnis und Beachtung des lokalen politischen und gesellschaftlichen Umfelds zwingend erforderlich. HierfÃ¼r bedarf es breiter interkultureller Kompetenz, ausreichender Sprachmittler, interkultureller Einsatzberater, FeldnachrichtenkrÃ¤fte und human intelligence. Wo es an diesen FÃ¤higkeiten mangelt, hilft auch die beste materielle AusrÃ¼stung nicht. Sie wird zum Marder im Porzellanladen.</p>
<p>Die Wirksamkeit von EinsÃ¤tzen wird durch DiskontinuitÃ¤t erheblich gemindert. Aus GrÃ¼nden der SozialvertrÃ¤glichkeit ist die Einsatzdauer viel kÃ¼rzer, als es der AuftragserfÃ¼llung eigentlich gut tut. Gerade kennt man sich vor Ort und mit wichtigen Akteuren aus, kommen schon die nÃ¤chsten. Zu oft versuchen Nachfolger jeweils das Rad neu zu erfinden. Bisher gibt es z.B. in den PRT`s kein institutionalisiertes GedÃ¤chtnis. Erfahrungs- und Wirksamkeitsverluste sind damit vorprogrammiert. Abertausende Soldaten, Hunderte Polizisten, Entwicklungshelfer und Diplomaten aus Deutschland waren in Afghanistan. Ihre Erfahrungen, Kompetenz und Verbundenheit mit diesem Land und seinen Menschen kÃ¶nnte ganz anders genutzt werden.</p>
<p><strong>(6) Freiwillig und attraktiv</strong></p>
<p>Die Aussetzung der Rest-Wehrpflicht und der Ãœbergang zur Freiwilligenarmee (nicht Berufsarmee) waren schon lange Ã¼berfÃ¤llig. Sie sind nichtsdestoweniger mutig und erfreulich. Wo jetzt insgesamt mehr auf Freiwilligkeit gesetzt wird, ist dies ein <strong>Fortschritt an Demokratie</strong> und eine groÃŸe Chance.</p>
<p>Aber es ist schon ein PhÃ¤nomen, wie wir mit unseren Argumenten gegen die Wehrpflicht und fÃ¼r eine Freiwilligenarmee (seit 2004 fÃ¼r Freiwilligen Kurzdienst fÃ¼r MÃ¤nner und Frauen) Ã¼ber viele Jahre gegen Mauern der WehrpflichtglÃ¤ubigen redeten. Und wie jetzt unter einem neuen Burgherrn die Mauern fallen, die allermeisten Wehrpflichtverteidiger kampflos beigeben oder umschwenken, unsere Argumente zum groÃŸen Teil Ã¼bernommen werden. Grund nicht nur zur Genugtuung: Es ist ein Beispiel, wie dicht immer wieder Dogmatismus und Opportunismus beieinander liegen. Welchen Aufstand hÃ¤tte es gegeben, wenn sich Rot-GrÃ¼n so etwas erlaubt hÃ¤tte!</p>
<p>Mit der reinen Freiwilligkeit wird sich das Bewerberpotenzial der Bundeswehr verschieben, verstÃ¤rkt unter den Bedingungen des Ã¼berwiegend abgelehnten Kampfeinsatzes in Afghanistan. Umso mehr kommt es auf sorgfÃ¤ltige Personalauswahl, politische und ethische Bildung und vor allem eine sorgfÃ¤ltige FÃ¼hrerausbildung an.</p>
<p>Neben Besoldung, Vereinbarkeit von Familie und Dienst, Versorgung und FÃ¼rsorge gehÃ¶ren zur <strong>AttraktivitÃ¤t</strong> einer Freiwilligenarmee sozialvertrÃ¤gliche Einsatzrythmen, sinnvolle (klare und erfÃ¼llbare) AuftrÃ¤ge, verantwortbare Einsatzbedingungen und nicht zuletzt eine glaubwÃ¼rdige politische und militÃ¤rische FÃ¼hrung.</p>
<p>FÃ¼r Mannschaftsdienstgrade sollte die MÃ¶glichkeit erweitert werden, sich fÃ¼r mehr als vier Jahre zu verpflichten. Wenn Mannschaftsdienstgrade heutzutage in der Regel nach einem Einsatz entlassen werden, bedeutet das nicht nur einen stÃ¤ndigen Erfahrungsverlust. Es ist zugleich auch sehr riskant, weil ausscheidende Soldaten dann allein mit ihren belastenden Kampferfahrungen fertig werden mÃ¼ssen.</p>
<p>Angesichts des hohen Anteils von Zeitsoldaten wÃ¤chst die Zahl von - Ã¼berwiegend jÃ¼ngeren - Veteranen mit Einsatzerfahrungen und -belastungen. Sie haben Anspruch auf Aufmerksamkeit, verlÃ¤ssliche FÃ¼rsorge und UnterstÃ¼tzung. Sie links liegen zu lassen, wÃ¼rde nicht nur gegen die FÃ¼rsorgepflicht des Dienstherrn verstoÃŸen. Es kÃ¶nnte darÃ¼ber hinaus fÃ¼r die Gesellschaft fatale Folgen haben.</p>
<p>Mit einer Reduzierung der Zahl der Zeit- und Berufssoldaten werden etliche Soldaten freigesetzt. Zu prÃ¼fen wÃ¤re, wieweit vorzeitig ausscheidende Soldaten nicht zum Aufbau einer schnell verfÃ¼gbaren Reserve fÃ¼r zivile FriedenseinsÃ¤tze beitragen kÃ¶nnten. VielfÃ¤ltige zivil-militÃ¤rische Erfahrungen aus KriseneinsÃ¤tzen kÃ¶nnten somit weiter genutzt werden.</p>
<p><strong>(7) Innere FÃ¼hrung, StreitkrÃ¤fte und Gesellschaft</strong></p>
<p>Die Innere FÃ¼hrung mit dem Leitbild des StaatsbÃ¼rgers in Uniform gilt zu Recht als Markenzeichen der Bundeswehr. Bundeswehrsoldaten sollen nicht bloÃŸe Gewaltspezialisten und Instrumente von Politik sein. Soldaten sollen denken. Sie mÃ¼ssen davon Ã¼berzeugt sein (kÃ¶nnen), dass â€žihr Auftrag politisch notwendig, militÃ¤risch sinnvoll und moralisch gerechtfertigt&quot; ist. (Weisung des GI zur Politischen Bildung) Aber es steht nicht gut um die Innere FÃ¼hrung, wenn Ã¼ber Jahre die Ãœberzeugungskraft der politischen FÃ¼hrung erodierte, sich Zweifel an der Sinnhaftigkeit von EinsÃ¤tzen ausbreiteten und viele einen Mangel offener Diskussionskultur in der Bundeswehr erleben.</p>
<p>Die Innere FÃ¼hrung steht mit dem eskalierten Afghanistaneinsatzes inzwischen unter einer <strong>Belastungs- und BewÃ¤hrungsprobe</strong> sondergleichen.</p>
<p>Erstmalig in der Geschichte der Bundeswehr stehen Hunderte ihrer Soldaten in den Provinzen Kunduz und Baghlan alltÃ¤glich in Feuerwechseln und Gefechten. Sie werden beschossen und angesprengt, verwundet, getÃ¶tet, sie schieÃŸen, tÃ¶ten, verwunden. Hinterhalte, SprengstoffanschlÃ¤ge ohne RÃ¼cksicht auf Zivilopfer, AufstÃ¤ndische, die in der ZivilbevÃ¶lkerung untertauchen und sich an keine Regeln des humanitÃ¤ren VÃ¶lkerrechts halten, sind eine Versuchung zur Radikalisierung der Wahrnehmung und Kampfweise. Da den Auftrag â€žUnterstÃ¼tzung und Schutz der BevÃ¶lkerung&quot; nicht aus den Augen zu verlieren, nicht alle afghanischen MÃ¤nner als potenzielle Feinde zu sehen, nicht zu schnell, aber auch nicht zu spÃ¤t zu schieÃŸen, bedarf besonderer StÃ¤rke, UnterscheidungsfÃ¤higkeit und Besonnenheit. KÃ¤mpfen kÃ¶nnen, ohne zum Killer zu werden oder dran zu zerbrechen. Das sollen junge MÃ¤nner in den Zwanzigern, Mannschaftsdienstgrade, Feldwebel, einzelne Oberleutnante und Hauptleute auf die Reihe kriegen.</p>
<p>Sie sollen es hinbekommen, wo sie gleichzeitig aus der Heimat fÃ¼r ihren Einsatz eher UnverstÃ¤ndnis und Ablehnung als RÃ¼ckhalt und Anteilnahme erfahren. Wo sie und ihre AngehÃ¶rigen zu spÃ¼ren kriegen, was politisches FÃ¼hrungsversagen eingebrockt hat: Das Abdriften eines zunÃ¤chst gewaltarmen Stabilisierungseinsatzes, das Umkippen der anfÃ¤nglichen Zustimmung zum Afghanistaneinsatz in mehrheitliche Ablehnung.</p>
<p>Immer mehr Soldaten und auch hÃ¶here Offiziere zweifeln, ob ein Einsatzerfolg unter den gegebenen Voraussetzungen Ã¼berhaupt erreichbar ist. Immer weniger kÃ¶nnen noch aus Ãœberzeugung gehorchen. Viele sind zurÃ¼ckgeworfen auf ihre professionelle Berufseinstellung, ja auf die Kameradschaft als letzte Motivation und allerletzten Halt.</p>
<p>Diese Zweifel Ã¤uÃŸern sich in der anschwellenden Zahl an ErlebnisbÃ¼chern von Soldaten. Dass sich hÃ¶here Offiziere bisher trotz der auch unter ihnen verbreiteten Zweifel nicht Ã¤uÃŸern, ist kein gutes Zeichen. In der Ã–ffentlichkeit kÃ¶nnten Offiziere und Unteroffiziere aus ihrer Erfahrung eben als StaatsbÃ¼rger in Uniform wichtige DiskussionsbeitrÃ¤ge leisten. Bisher wurde das von einer wenig souverÃ¤nen militÃ¤rischen und politischen FÃ¼hrung weniger toleriert als sanktioniert.</p>
<p>Die tÃ¤glichen Kampferfahrungen werden Tausende junger Bundeswehrsoldaten nicht mehr loslassen und verÃ¤ndern. Eine wachsende Zahl ist seelisch verwundet. In der Bundeswehr entsteht eine Kluft zwischen jungen Soldaten mit massenhafter Gewalterfahrung und den Ã„lteren und hÃ¶heren Dienstgraden, denen so was erspart blieb. Die <strong>Kluft zwischen Einsatzwelt und Heimat</strong> vertieft sich, kann fÃ¼r manche unÃ¼berbrÃ¼ckbar werden.</p>
<p>ZusÃ¤tzlich verschwindet Bundeswehr seit Jahren zunehmend aus der FlÃ¤che und damit aus der Ã¶ffentlichen Wahrnehmung. WÃ¤hrend die Soldaten insgesamt kaum weniger Teil der zivilen Gesellschaft sind als andere Berufsgruppen, wÃ¤chst die <strong>Distanz der Gesellschaft zu den StreitkrÃ¤ften</strong>. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht geht das seit Jahren sinkende Interesse in der Gesellschaft an den StreitkrÃ¤ften noch mehr zurÃ¼ck. Die Frage â€žgehe ich zum Bund oder mache ich Zivildienst&quot; beschÃ¤ftigt kÃ¼nftig keine ganzen JahrgÃ¤nge mehr, sondern nur noch einzelne. (Das ist natÃ¼rlich kein Argument pro Wehrpflicht.)</p>
<p>Proteste gegen Auftritte von Bundeswehr im Ã¶ffentlichen Raum sind zwiespÃ¤ltig: Als politische MeinungsÃ¤uÃŸerung sind die vÃ¶llig legitim. Wo eine ÃœberhÃ¶hung, ja VerklÃ¤rung des MilitÃ¤rischen stattfindet, sind sie berechtigt. FragwÃ¼rdig wird es da, wo die Bundeswehr aus dem Ã¶ffentlichen Raum hinter die Kasernenmauern verdrÃ¤ngt werden soll. Sie â€žaus den Augen, aus dem Sinn&quot; zu schaffen, lÃ¤uft dem Anspruch von Parlamentsarmee und StaatsbÃ¼rger in Uniform zuwider und ist friedens- wie demokratiepolitisch kontraproduktiv. Egal wie man zu einzelnen EinsÃ¤tzen und MilitÃ¤r insgesamt steht: An der Integration der StreitkrÃ¤fte in der Gesellschaft mÃ¼ssen alle ein Interesse haben.</p>
<p>Die Frage der Inneren FÃ¼hrung und der Integration der Bundeswehr in die Gesellschaft ist nicht einfach nur eine Aufgabe der BundeswehrfÃ¼hrung und -angehÃ¶rigen. Es ist inzwischen immer mehr auch eine Herausforderung fÃ¼r Politik und Gesellschaft. Hier muss man sich einiges Neues einfallen lassen, jenseits der alten Rituale und Bekenntnisse. Innere FÃ¼hrung fÃ¤ngt oben, bei der strategischen Kompetenz, bei der GlaubwÃ¼rdigkeit und Ãœberzeugungskraft der politischen FÃ¼hrung an.</p>
<p>FÃ¼r Soldaten gilt die Grundpflicht zum treuen Dienen. (Â§ 7 Soldatengesetz) Die Auftraggeber Bundesregierung und Bundestag stehen in der Grundpflicht zum klaren, erfÃ¼llbaren und verantwortbaren Auftrag.</p>
<p>Wo es um eine zentrale Weichenstellung der deutschen Sicherheitspolitik geht, muss jetzt die Chance einer <strong>breiteren friedens- und sicherheitspolitischen Debatte und VerstÃ¤ndigung</strong><strong> in Politik und Gesellschaft</strong> genutzt werden. Bisher wurden solche Chancen regelmÃ¤ÃŸig verspielt, bzw. verhindert. Debatten blieben in Expertenzirkeln und TeilÃ¶ffentlichkeiten stecken: bei BundeswehrangehÃ¶rigen und sicherheitspolitischen Vereinigungen, bei interessierten Kreisen der Kirchen. Dass die GrÃ¼nen friedens- und sicherheitspolitische Debatten besonders intensiv und mit Risiko fÃ¼hrten, spricht fÃ¼r die Ernsthaftigkeit der GrÃ¼nen, ist aber ein schwacher Trost.</p>
<p>Gerade weil der Afghanistaneinsatz inzwischen fÃ¼r fast alle eine heiÃŸe Kartoffel ist, muss die Debatte angegangen werden. Unrealistisch ist die Erwartung, eine breite Debatte in der Gesellschaft wie zu Zeiten des Streits um die sog. NachrÃ¼stung initiieren zu kÃ¶nnen. MÃ¶glich und notwendig ist aber ein Diskussionsprozess, in dem gezielt alle Gruppierungen und TeilÃ¶ffentlichkeiten mit friedens- und sicherheitspolitischer Interesse und Offenheit zusammengebracht werden.<a name="_ftnref10" href="#_ftn10">[10]</a></p>
<p><strong>Was kann, was soll eine kÃ¼nftige Bundeswehr zu einer zukunftsfÃ¤higen, wirksamen Friedens- und Sicherheitspolitik im Rahmen des UN-Systems beitragen? Was sollen und mÃ¼ssen andere Ressorts und Akteure beitragen, wenn selbsttragende Stabilisierung nur durch FÃ¶rderung von Governance anzunÃ¤hern ist? Was muss die - lange Ã¼berfÃ¤llige - friedens- und sicherheitspolitische Strategie der Bundesrepublik beinhalten?</strong></p>
<p><strong>Diese Fragen dÃ¼rfen nicht der Spitze des BMVg oder Parteitagen der Koalitionsparteien Ã¼berlassen bleiben. Sie gehen alle StaatsbÃ¼rgerinnen und -bÃ¼rger an, in Zivil und in Uniform!</strong></p>
<p>Â </p>
<p>Â </p>
<hr size="1" />
<p><a name="_ftn1" href="#_ftnref1">[1]</a> Mitglied des Bundestages und des Verteidigungsausschusses 1994-2009, sicherheits- und abrÃ¼stungspolitischer Sprecher von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen im Bundestag 2002-2009; Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft fÃ¼r die Vereinten Nationen und von â€žGegen Vergessen - FÃ¼r Demokratie&quot;, Mitglied in den BeirÃ¤ten â€žZivile KrisenprÃ¤vention&quot; beim AuswÃ¤rtigen Amt&quot; und fÃ¼r Fragen der Inneren FÃ¼hrung beim Bundesministerium der Verteidigung, AG â€žGerechter Frieden&quot; von â€žJustitia et Pax&quot;, Kommission â€žEuropÃ¤ische Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr&quot; am Institut fÃ¼r Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der UniversitÃ¤t Hamburg/IFSH.</p>
<p><a name="_ftn2" href="#_ftnref2">[2]</a> Alexander Bonde/Winfried Nachtwei: Nicht zukunftsfÃ¤hig - ein WeiÃŸbuch im RÃ¼ckwÃ¤rtsgang, Stellungnahme zum Entwurf des WeiÃŸbuchs der Bundesregierung zur Sicherheitspolitik Deutschlands und der Zukunft der Bundeswehr, 15. Juni 2006, <a href="index.php/articles/353">www.nachtwei.de/index.php/articles/353</a>; Dokumentation des FachgesprÃ¤chs der Bundestagsfraktion von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen â€žWeiÃŸbuch in der Kontroverse&quot; am 29.9.2006 in Berlin, <a href="downloads/fraktion/20060929_fachgespraech-weissbuch.pdf">www.nachtwei.de/downloads/fraktion/20060929_fachgespraech-weissbuch.pdf</a></p>
<p><a name="_ftn3" href="#_ftnref3">[3]</a> Vgl. Klaus Naumann: Einsatz ohne Ziel? Die PolitikbedÃ¼rftigkeit des MilitÃ¤rischen, Hamburg 2008.</p>
<p><a name="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> Eine sicherere Welt: Unserer gemeinsame Verantwortung, Bericht der Hochrangigen Gruppe fÃ¼r Bedrohungen, Herausforderungen und Wandel an die UN-Generalversammlung, Dezember 2004, A/59/565 <a href="http://www.un.org/Depts/german/gs_sonst/a-59-565.pdf">www.un.org/Depts/german/gs_sonst/a-59-565.pdf</a></p>
<p><a name="_ftn5" href="#_ftnref5">[5]</a> HansjÃ¶rg Strohmeyer: Spenden allein reicht nicht - Megakatastrophen nehmen zu - warum wir ein globales Hilfsnetzwerk brauchen, ZEIT 19.8.2010. Der Autor leitet die Abteilung fÃ¼r strategische Planung des UN-NothilfebÃ¼ros in New York.</p>
<p><a name="_ftn6" href="#_ftnref6">[6]</a> Brahimi-Bericht <a href="http://www.un.org/Depts/german/sr/sr_sonst/a55305.pdf">www.un.org/Depts/german/sr/sr_sonst/a55305.pdf</a>; UN Peacekeeping Operations Capstone Doctrine <a href="http://www.pbpu.unlb.org/pbps/library/capstone_doctrine_ENG.pdf">www.pbpu.unlb.org/pbps/library/capstone_doctrine_ENG.pdf</a>; A New Partnership Agenda: Charting the New Horizon for UN Peacekeeping <a href="http://www.un.org/en/peacekeeping/newhorizon.shtml">www.un.org/en/peacekeeping/newhorizon.shtml</a>; Tagung der DGVN zu &quot;Brahimi plus 10, <a href="http://www.dgvn.de/">www.dgvn.de</a></p>
<p><a name="_ftn7" href="#_ftnref7">[7]</a> Das letzte deutsche ISAF-Mandat vom Februar 2010 spricht noch von der Aufgabe Friedensbewahrung, wo der (Minimal)Frieden in den Provinzen Kunduz und Baghlan seit 2008/9 verloren ist und â€žFriedenswiederherstellung&quot;, â€žFriedenserzwingung&quot; (UN-Sprache) und Kampfeinsatz/AufstandsbekÃ¤mpfung die RealitÃ¤t sind.</p>
<p><a name="_ftn8" href="#_ftnref8">[8]</a> Der differenzierteste Vorschlag wurde von der Friedens- und Sicherheitspolitischen Kommission von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen 2008 erarbeitet.: GrÃ¼ne Prinzipien fÃ¼r internationales Krisenengagement und AuslandseinsÃ¤tze, in: Abschlussbericht, <a href="http://www.boell-rlp.de/Thema/Archiv/frisikoabschlussbericht.pdf">www.boell-rlp.de/Thema/Archiv/frisikoabschlussbericht.pdf</a></p>
<p><a name="_ftn9" href="#_ftnref9">[9]</a> Vgl. den 3. Umsetzungsbericht der Bundesregierung zum â€žAktionsplan Zivile KrisenprÃ¤vention, KonfliktlÃ¶sung und Friedenskonsolidierung, BT-Drs. 17/2300 vom 25.6.2010; W. Nachtwei: WachstumsschwÃ¤che bei FriedensfÃ¤higkeiten - Kurzkommentar zum 3. Umsetzungsbericht, Juni 2010, und Stellungnahme zu den Fragen der AnhÃ¶rung â€žErfahrungen und Perspektiven der Zivilen KrisenprÃ¤vention&quot; im Unterausschuss Zivile KrisenprÃ¤vention und vernetzte Sicherheit des Bundetags am 14. Juni 2010, <a href="../../../../../">www.nachtwei.de</a>; Plattform zivile Konfliktbearbeit/Forum Menschenrechte: Stillschweigender Abschied vom Aktionsplan Zivile KrisenprÃ¤vention? <a href="http://www.konfliktbearbeitung.net/">www.konfliktbearbeitung.net</a>; Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE): Zivile KrisenprÃ¤vention: notwendig, nicht lÃ¤stig, Bonn/Berlin September 2010.</p>
<p><a name="_ftn10" href="#_ftnref10">[10]</a> Winfried Nachtwei: FÃ¼r eine Kultur des Hinsehens, in: LOYAL 03/2010. Berichte und Stellungnahmen von W. Nachtwei zu Krisenregionen und Krisenengagements 1996-2010 unter <a href="../../../../../">www.nachtwei.de</a>, zuletzt: Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr - von der Stabilisierung zur AufstandsbekÃ¤mpfung, eine Zwischenbilanz, August 2010.</p>
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<p class="xar-quote">
Hin weis:&#160;
                <em>    <p>Stellungnahme &quot;<a href="downloads/position/2010-oktober_komm-bundeswehrreform_nachtwei.pdf"><strong>Effizienter, aber nicht wirksamer - Mutige Bundeswehrreform mit fundamentalen LÃ¼cken</strong></a>&quot; als PDF-Datei.</p></em></p>


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                        </div>
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