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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Mehr Verantwortung - wofÃ¼r und wie? Kommentar zum WeiÃŸbuch 2016 (erw. Fassung)</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Internationale Politik und Regionen + Vereinte Nationen (UNO) + Stellungnahme</span>

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            Mehr Verantwortung - wofÃ¼r und wie? Kommentar zum WeiÃŸbuch 2016 (erw. Fassung)         </h1>
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       <div class="xar-mod-content">
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 4. August 2016 11:38:45 +02:00 (160441 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Zum neuen &quot;Wei&szlig;buch 2016 zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr&quot; gab es ab 13. Juli einige Schnellkommentare und manche Schnellsch&uuml;sse. Dann war Sommerpausen-Ruhe, in die Nizza, T&uuml;rkei, M&uuml;nchen, Ansbach, Kabul ... hineinplatzten. Hier mein ggb. dem 13. Juli erheblich erweiterter Kommentar zum Wei&szlig;buch, vorrangig zum sicherheitsplitischen Teil 1.&nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Mehr Verantwortung &ndash; wof&uuml;r und wie?</strong></p>
<p align="center"><strong>Kommentar zum Wei&szlig;buch 2016 zur Sicherheitspolitik</strong></p>
<p align="center"><strong>und zur Zukunft der Bundeswehr</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei MdB a.D. (13. Juli/Anfang August 2016)</p>
<p><em>Dies ist die erweiterte Fassung meines Kommentars zum Wei&szlig;buch 2016 vom 13. Juli. Er konzentriert sich vorrangig auf den sicherheitspolitischen Teil I des Wei&szlig;buches (Teil II Zur Zukunft der Bundeswehr). Beitr&auml;ge zum Start des Wei&szlig;buch-Prozesses im Februar 2015 unter </em><a href="http://www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1342"><em>www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1342</em></a><em> ; Kommentar &bdquo;Buntbuch statt Wei&szlig;buch&ldquo; unter </em><a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1361"><em>http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1361</em></a></p>
<p><strong>Statt einer Vorbemerkung</strong></p>
<p>Der ehemalige Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler hielt auf dem Festakt der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r die Vereinten Nationen (DGVN) zum 70-j&auml;hrigen Jubil&auml;um der Vereinten Nationen am 21. Oktober 2015 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Ged&auml;chtnis-Kirche die Festrede vor ca. 500 G&auml;sten. Es war eine nachdenkliche, selbstkritisch-ehrliche, ermutigende Rede an die Regierungen und Zivilgesellschaften, die Chancen der Vereinten Nationen endlich besser zu nutzen.</p>
<p>Im vergangenen Jahrzehnt h&auml;tten wir &bdquo;<em>eine Interventionspolitik gesehen, die einem angesichts ihrer Kurzsichtigkeit und, ja, Inkompetenz den Atemverschl&auml;gt. Die Leidtragenden sind jetzt Millionen Frauen, M&auml;nner und Kinder besonders im Nahen Osten &ndash; und nat&uuml;rlich muss die Suppe wieder vor allem die VN ausl&ouml;ffeln</em>.&ldquo; Die Liste der globalen Herausforderungen, die sich um Staatsgrenzen nicht scheren, sei lang: Terrorismus, Ebola, Klimawandel, Migration &hellip; &bdquo;<em>All diese Themen rufen nach einer global governance, deren Ziel sich nicht mehr darauf beschr&auml;nkt sicherzustellen, dass die nationalstaatlichen Boote nicht miteinander kollidieren, sondern welche die Weltpolitik in dem einen Boot koordiniert, in dem alle V&ouml;lker l&auml;ngst sitzen. Diese Tatsache erfordert, den Begriff des nationalen Interesses neu zu denken, denn unsere Interessen sind l&auml;ngst so sehr miteinander verwoben, dass es tats&auml;chlich so etwas wie ein globales Interesse, ein globales Gemeinwohl gibt</em>.&ldquo; Die VN seien das &bdquo;<em>dickste aller Bretter, das es zu bohren gilt. Langsam und geduldig, an vielen Stellen gleichzeitig. (&hellip;) Es w&auml;re (..) ein Fehler, die VN nur unter der Bedingung ernst zu nehmen, dass sie sich reformiert. Erst umgekehrt wird ein Schuh daraus: wenn die Mitgliedsstaaten den Multilateralismus und damit die Vereinten Nationen wieder ernst nehmen und echtes politisches Kapital investieren, dann wird es auch zu Reformen kommen k&ouml;nnen.</em>&ldquo;</p>
<p>Die Rede verdiente &ndash; so meine anschlie&szlig;ende Reaktion - breiteste Beachtung, nicht zuletzt auch beim damals laufenden Wei&szlig;buchprozess des Verteidigungsministeriums.<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> (In den Tagesmedien erhielt sie null Beachtung!)</p>
<p>(1) <strong>&Ouml;ffnung</strong>: Erstmalig entstand mit dem Wei&szlig;buch 2016 ein sicherheitspolitisches Grundlagendokument der Bundesregierung unter Mitberatung und Konsultation einer gro&szlig;en Zahl von sicherheits- und au&szlig;enpolitischen Fachleuten. Das war ein wichtiger Fortschritt. Als Teilnehmer vieler Workshops erlebte ich diesen Prozess als anregend und Beitrag zu einer vertieften sicherheitspolitischen Debattenkultur. Eine &Ouml;ffnung zu gegen&uuml;ber milit&auml;rischer Sicherheitspolitik fundamental ablehnenden Kreisen wurde meines Wissens nicht versucht.</p>
<p>(2) <strong>Fehlende Gesamtstrategie</strong>: Ein vielfach kritisierter fundamentaler Mangel war der Ansatz eines Ressortdokuments, wo &ndash; wie bei fr&uuml;heren Wei&szlig;b&uuml;chern - die umfassende sicherheitspolitische Analyse nur in milit&auml;risch verengte Schlussfolgerungen f&uuml;r die Bundeswehr m&uuml;ndet. Damit kann einer Fehlwahrnehmung Vorschub geleistet werden, als solle jedwede Sicherheitsbedrohung milit&auml;risch beantwortet werden. Gef&ouml;rdert wird eine solche Fehlinterpretation durch die verbreitete Milit&auml;rlastigkeit von &ouml;ffentlicher Wahrnehmung und Debatte, wo zugleich politische und zivile Krisenbew&auml;ltigung kaum Beachtung finden.</p>
<p>Wo aber grunds&auml;tzlich Konsens besteht &uuml;ber ein umfassendes Verst&auml;ndnis von kollektiver &nbsp;Sicherheitspolitik, wo staatliche und menschliche Sicherheit aufeinander angewiesen sind, wo der Primat bei der politischen Konfliktl&ouml;sung liegt und Milit&auml;r diese in bestimmten F&auml;llen &bdquo;nur&ldquo; absichern und unterst&uuml;tzen kann, m&uuml;sste das zentrale Grundlagendokument zur deutschen Sicherheitspolitik eigentlich ein ressortgemeinsames &nbsp;unter Federf&uuml;hrung des Ausw&auml;rtigen Amtes oder des Kanzleramtes sein. (vgl. Positionspapier der Kommission &bdquo;Europ&auml;ische Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr&ldquo; am IFSH <a href="https://ifsh.de/file-IFSH/IFSH/pdf/aktivitaeten/BW-Kommission_Weissb%C3%BCcher.pdf">https://ifsh.de/file-IFSH/IFSH/pdf/aktivitaeten/BW-Kommission_Weissb%C3%BCcher.pdf</a> )</p>
<p>Offenbar besteht aber in der Bundesregierung, insbesondere beim Kanzleramt, ein beharrlicher Unwille gegen&uuml;ber einer solchen sicherheitspolitischen Gesamtstrategie. Wenn die Rahmenbedingungen so sind, wie sie sind, kann deshalb nicht die Alternative sein, ganz auf die Erarbeitung von Ressortdokumenten zu verzichten.</p>
<p>Allerdings: Indem das Wei&szlig;buch zum &bdquo;obersten sicherheitspolitischen Grundlagendokument Deutschlands&ldquo; mit einer strategischen Standort- und Kursbestimmung erkl&auml;rt wird und vom Kabinett verabschiedet wurde, ist das Wei&szlig;buch deutlich mehr als ein Ressortdokument. Das zeigt sich auch darin, dass das Ausw&auml;rtig Amt wesentlich beim sicherheitspolitischen Teil I mitgeschrieben hat und der gesamtstaatliche Ansatz von Sicherheitspolitik so umfassend und konkretisiert betont wird wie nie zuvor.</p>
<p><strong>(3) Deutschlands Rolle in der Welt und sicherheitspolitisches Selbstverst&auml;ndnis </strong>(S. 22 ff.)</p>
<p>&bdquo;Deutschland ist bereit, sich fr&uuml;h, entschieden und substanziell als Impulsgeber in die internationale Debatte einzubringen, Verantwortung zu leben und F&uuml;hrung zu &uuml;bernehmen.&ldquo;</p>
<p>Wo die Welt vielf&auml;ltig unsicherer ist, das relative Gewicht Deutschlands &ndash; und insbesondere die internationalen Erwartungen an die Bundesrepublik &ndash; und die Handlungsm&ouml;glichkeiten gewachsen sind, da ist die &Uuml;bernahme von mehr Verantwortung in der internationalen Politik richtig und legitim. Die &Uuml;berwindung einer oftmals nur reaktiven Haltung und eines Versteckens im Multilateralismus ist meines Erachtens schon l&auml;nger &uuml;berf&auml;llig.</p>
<p>Das Mehr an Verantwortung gilt f&uuml;r die Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik insgesamt, die an den Friedensauftrag des Grundgesetzes und das V&ouml;lkerrecht gebunden ist. Falsch w&auml;re es &ndash; und aus dem Wei&szlig;buchtext ist es auch nicht ableitbar -, dies mit einem Mehr an Milit&auml;reins&auml;tzen, gar einem &bdquo;Primat des Milit&auml;rischen&ldquo; gleichzusetzen. Das Wei&szlig;buch betont mehrfach, dass die Bundeswehr Beitr&auml;ge zur deutschen Sicherheitspolitik leiste &ndash; nicht mehr und nicht weniger. Gerade Bundeswehroffiziere dr&auml;ngen vor dem Hintergrund ihrer Einsatzerfahrungen seit Jahre darauf, dass der Primat der Politik strategischer und weniger oberfl&auml;chlich und halbherzig wahrgenommen wird.</p>
<p><strong>(4) Deutschlands Werte und sicherheitspolitische Interessen </strong>(S. 24 ff.)</p>
<p>Die Wertebindung deutscher Sicherheitspolitik (Pr&auml;ambel des Grundgesetzes, Friedensgebot nach Art. 26 GG, Menschenw&uuml;rde, Rechtsstaatlichkeit; V&ouml;lkerrecht, Schutz universaler Menschenrechte) wird kurz benannt. Widerspr&uuml;che und Dilemmata, die bei dem hohen Anspruch einer so ausdr&uuml;cklich wertegebundenen Politik immer wieder auftreten,&nbsp; werden nicht angesprochen, so dass der Wertebezug schnell als Sonntagsrede wahrgenommen und nicht ernst genommen werden kann.</p>
<p>Die ersten aufgef&uuml;hrten sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands (Schutz der eigenen B&uuml;rgerInnen und der nationalen Souver&auml;nit&auml;t und der Verb&uuml;ndeten, Aufrechterhaltung der regelbasierten internationalen Ordnung auf Grundlage des V&ouml;lkerrechts), sind legitim&nbsp; und geh&ouml;ren zu den staatlichen Grundpflichten. Sie sind komprimiert zusammengefasst im Amtseid der Mitglieder Bundesregierung.<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> Humanit&auml;re und Nichtregierungsorganisationen sind demgegen&uuml;ber nicht priorit&auml;r dem Schutz der eigenen B&uuml;rger, sondern dem Wohl (aller) bed&uuml;rftigen Menschen verpflichtet.</p>
<p>Als weitere sicherheitspolitische Interessen werden genannt</p>
<p>- der Wohlstand der eigenen B&uuml;rgerinnen &bdquo;durch Prosperit&auml;t unserer Wirtschaft und freien sowie ungehinderten Welthandel&ldquo; (<em>ohne den Zusatz von 2006 &bdquo;und dabei die Kluft zwischen armen und reichen Weltregionen &uuml;berwinden zu helfen&ldquo;)</em></p>
<p>- &bdquo;F&ouml;rderung des verantwortungsvollen Umgangs mit begrenzten Ressourcen und knappen G&uuml;tern in der Welt&ldquo; (<em>neu gegen&uuml;ber 2006</em>)</p>
<p>- &bdquo;Vertiefung der europ&auml;ischen Integration und Festigung der transatlantischen Partnerschaft.&ldquo;</p>
<p>Die Anregung von Horst K&ouml;hler, angesichts der Verwobenheit elementarer nationaler Interesse auch auf ein globales Gemeinwohl hin zu orientieren (&auml;hnlich die Bisch&ouml;fliche Kommission &bdquo;Justitia et Pax&ldquo;), wurde nicht aufgenommen.</p>
<p>Die Verh&uuml;tung von V&ouml;lkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnischen S&auml;uberungen und Kriegsverbrechen (die Tatbest&auml;nde der Responsibility to Protect/RtoP, auf die die VN-Generalversammlung 2005 die Staaten verpflichtete) wird nicht als explizites nationales Sicherheitsinteresse Deutschlands genannt. Im Unterschied zum Wei&szlig;buch 2006 (S. 44) wird die RtoP heute nicht einmal mehr benannt &ndash; auch nicht bei den strategischen Priorit&auml;ten &bdquo;Vorbeugen und Eind&auml;mmen von Krisen und Konflikten&ldquo; und &bdquo;Engagement f&uuml;r die regelbasierte internationale Ordnung&ldquo;.In Anbetracht der beanspruchten &ndash; und in Deutschland viel selbstbelobigten - &bdquo;Lehren aus der Geschichte&ldquo; klafft hier eine eklatante L&uuml;cke der Verantwortung. Nach der internationalen und deutschen Diskussion &uuml;ber die RtoP in den letzten Jahren ist das eine Flucht aus der Verantwortung durch Wegsehen.</p>
<p><strong>(5) Das sicherheitspolitische Umfeld </strong>(S. 28 ff.)</p>
<p>Es ist noch &bdquo;komplexer, volatiler sowie dynamischer und damit immer schwieriger vorhersehbar geworden.&ldquo; Das hei&szlig;t im Klartext: staatliche und B&uuml;rgersicherheit zu gew&auml;hrleisten, Ursachen von Risiken und Bedrohungen zu bek&auml;mpfen, wird immer schwieriger. Angesichts des &uuml;blichen &bdquo;Wir-schaffen-das&ldquo;-Grundtenors von Regierungsdokumenten wird nicht einmal angedeutet, was seit geraumer Zeit mein Eindruck ist: Die sicherheitspolitischen Akteure und Verantwortlichen sind mit der Dichte, Dynamik und Komplexit&auml;t der Krisenverwicklungen l&auml;ngst an der Grenze der Leistungsf&auml;higkeit &ndash; bei aller Professionalit&auml;t, mit der Einzellagen noch bew&auml;ltigt werden.</p>
<p>Die Analyse der internationalen Ordnung im Umbruch (a) und der Herausforderungen f&uuml;r die deutsche Sicherheitspolitik (b) ist differenziert, realistisch &ndash; und ausgesprochen beunruhigend.</p>
<p>(a)&nbsp;&nbsp;&nbsp; Treiber des Umbruchs (Globalisierung, Digitalisierung, Kr&auml;fte der Antiglobalisierung, von oft radikalem Nationalismus, Extremismus, religi&ouml;sem Fanatismus), Multipolarit&auml;t und Machtdiffusion, Infragestellung der regelbasierten euro-atlantischen Friedens-und Stabilit&auml;tsordnung, Europ&auml;isches Projekt unter Druck;</p>
<p>(b)&nbsp;&nbsp; Internationaler Terrorismus, Herausforderungen aus dem Cyber- und Informationsraum, Renaissance zwischenstaatlicher Konflikte, fragile Staatlichkeit und schlechte Regierungsf&uuml;hrung, weltweite Aufr&uuml;stung und Proliferation von Massenvernichtungswaffen, Gef&auml;hrdung der Kommunikations- und Transportlinien und Sicherheit der Rohstoff- und Energieversorgung, Klimawandel, unkontrollierte und irregul&auml;re Migration, Pandemien und Seuchen.</p>
<p>Dass hierbei allerdings der soziale und politische Sprengstoff der weltweit wachsenden Ungleichverteilung von Einkommen, Verm&ouml;gen, Lebenschancen und Macht (Ungerechtigkeit treibt Unfrieden) nur in Einzelaspekten angetippt, aber insgesamt au&szlig;er Acht gelassen wird, ist v&ouml;llig unverst&auml;ndlich. Immerhin hatte Entwicklungsminister M&uuml;ller den Sachverhalt bei zwei gemeinsamen Veranstaltungen mit der Verteidigungsminister<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> vehement angesprochen: Er fragte, ob es auf Dauer gut gehen k&ouml;nne, dass weltweit 10% 90% des Verm&ouml;gens besitzen, dass 70 Personen so viel besitzen wie 3,5 Mrd., dass 20% der Weltbev&ouml;lkerung 80% der Ressourcen verbrauchen, die namentlich aus den Entwicklungsl&auml;ndern k&auml;men.</p>
<p>Nichtsdestoweniger verdient die Analyse des sicherheitspolitischen Umfeldes breite Wahrnehmung, Debatte und Bem&uuml;hen um tragf&auml;hige L&ouml;sungsvorschl&auml;ge. Allzu oft werden die genannten Herausforderungen aber noch verdr&auml;ngt oder es bleibt bei ritualisierten &bdquo;Antworten&ldquo;.</p>
<p>Eine sicherheits- und friedenspolitische Analyse, die Ans&auml;tze f&uuml;r Pr&auml;vention finden will, &nbsp;darf sich nicht mit der Erfassung von Risiken und Bedrohungen begn&uuml;gen, sondern muss unbedingt auch Chancen, konstruktive Prozesse und Akteure identifizieren.</p>
<p><strong>Zu einzelnen Herausforderungen:</strong></p>
<p>- <strong>Russland</strong>, das die &bdquo;europ&auml;ische Friedensordnung offen in Frage&ldquo; stelle und die strategische Rivalit&auml;t betone, sei eine &bdquo;Herausforderung f&uuml;r die Sicherheit auf dem Kontinent&ldquo;. Zugleich gebe es aber ein &bdquo;breites Spektrum gemeinsamer Interessen und Beziehungen&ldquo;. Nachhaltige Sicherheit in und f&uuml;r Europa gebe es &bdquo;nicht ohne belastbare Kooperation mit Russland&ldquo;. (Die Wahrnehmung der gegenw&auml;rtigen russischen Politik durch die Bundesregierung ist damit auff&auml;llig differenzierter als die Wahrnehmung der deutschen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik in manchen Stellungnahmen aus der Friedensbewegung.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a>)</p>
<p>- Zur &bdquo;<strong>effektiven Bek&auml;mpfung des transnationalen Terrorismus</strong>&ldquo; werden ziemlich dieselben Empfehlungen gegeben, wie sie z.B. der Bundestag im November 2001 flankierend zum Enduring-Freedom-Mandat beschlossen hatte. Der &bdquo;Sch&ouml;nheitsfehler&ldquo;: Der &bdquo;war on terror&ldquo;, von dem sich die rot-gr&uuml;ne Koalition damals &bdquo;positiv&ldquo; distanziert hatte, wurde strategisch wie menschlich ein Desaster. Der transnationale Terrorismus heute ist so umfangreich, stark und gef&auml;hrlich wie nie zuvor! Nicht von ungef&auml;hr bezeichnete der VN-Sicherheitsrat IS am 20. November 2015 als eine &bdquo;weltweite und beispiellose Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit&ldquo;.</p>
<p>- <strong>Fragile Staatlichkeit</strong> und schlechte Regierungsf&uuml;hrung, Krisenbogen von Nordafrika &uuml;ber Sahelzone, Nahost bis Zentralasien: Die St&auml;rkung legitimer staatlicher Strukturen entspricht dem strategischen Ansatzpunkt &bdquo;F&ouml;rderung verl&auml;sslicher Staatlichkeit&ldquo; im Aktionsplan Zivile Krisenpr&auml;vention von 2004. Unerw&auml;hnt bleiben hier die Gro&szlig;probleme, dass extern gest&uuml;tztes Statebuilding begrenzt wirksam ist, sehr voraussetzungsreich ist und enorm Zeit braucht.</p>
<p>- <strong>Radikalisierungspotenziale als Folge mangelnder Entwicklungsperspektive</strong> in rasch wachsenden Gesellschaften (Kasten S. 44): Hier spricht das &ndash; BMZ im &ndash; Wei&szlig;buch sehr zu Recht das gigantische Problem der jungen, besonders armen Gesellschaften mit schwacher Staatlichkeit an, die ihrer Jugend kaum bis keine Perspektive bieten k&ouml;nnen, womit ein stark erh&ouml;htes Konfliktrisiko vorprogrammiert ist. Verschiedene sinnvolle Projekte der deutschen EZ hierzu sind mir bekannt. Insgesamt liegen aber die Anstrengungen der Internationalen Gemeinschaft noch weit hinter dieser Herausforderung zur&uuml;ck.</p>
<p><strong>- Ein blinder Fleck</strong> der Analyse sind die Gro&szlig;fehler, Krisentreiber, Unglaubw&uuml;rdigkeiten, kontraproduktiven Wirkungen aus den &bdquo;eigenen Reihen&ldquo; &ndash; von einem desastr&ouml;sen &bdquo;war on terror&ldquo; &uuml;ber Doppelmoral bis zu entwicklungsverhindernder Handelspolitik. Wie auch bei den &bdquo;Fortschrittsberichten Afghanistan&ldquo; fehlt notorisch eine selbstreflexive, selbstkritische Dimension. Fehler machen &bdquo;nur die anderen&ldquo;.</p>
<p><strong>(6) Deutschlands strategische Priorit&auml;ten</strong></p>
<p>- Neu und sinnvoll ist die <strong>erste Priorit&auml;t</strong> Gew&auml;hrleistung gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge, St&auml;rkung von Resilienz und Robustheit ggb. Gef&auml;hrdungen. Wo Gef&auml;hrdungsursachen oft nur l&auml;ngerfristig oder gar nicht (weil in der Vergangenheit liegend) bek&auml;mpft werden k&ouml;nnen und Verwundbarkeiten von stark vernetzten Gesellschaften zunehmen, ist die Reduzierung von Verwundbarkeiten hier und heute von erheblicher Bedeutung.</p>
<p>- Unter <strong>Priorit&auml;t 2</strong> &bdquo;St&auml;rkung von Zusammenhalt und Handlungsf&auml;higkeit in NATO und EU&ldquo; werden nur die altbekannten b&uuml;ndnispolitischen Glaubenss&auml;tze wiederholt. &bdquo;B&uuml;ndnissolidarit&auml;t ist Teil deutscher Staatsr&auml;son&ldquo; h&ouml;rt sich stark an. Indem aber kein Wort zu den realen Herausforderungen f&uuml;r B&uuml;ndnissolidarit&auml;t heutzutage verloren wird (unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen, unterschiedliche Betroffenheiten durch bestimmte Krisenregionen, unterschiedliche Vorstellungen von zivilen und milit&auml;rischen Komponenten der Sicherheitspolitik), klingt ein solcher Abschnitt eher wie ein Rufen im Walde.</p>
<p>- Einen im Vergleich zu 2006 deutlich h&ouml;heren Stellenwert hat als <strong>Priorit&auml;t 3</strong> die ungehinderte Nutzung von Informations-, Kommunikations-, Versorgungs-, Transport- und Handelslinien sowie die Sicherheit der Rohstoff- und Energieversorgung. Die Sicherheits-, ja z.T. Systemrelevanz der internationalen Austauschwege ist unbestreitbar. Ihre ungehinderte Nutzung ist aber prim&auml;r eine Frage internationaler kollektiver Ordnungs- und Sicherheitspolitik &ndash; und darf kein Einfallstor f&uuml;r &bdquo;Kanonenbootpolitik&ldquo; f&uuml;r Partikularinteressen nach dem &bdquo;Recht des St&auml;rkeren&ldquo; sein. Eine solche Interpretation liegt nahe, wenn in Teilen der sicherheitspolitischen Community unterschiedslos von &bdquo;Verteidigung deutscher Interessen mit milit&auml;rischen Mitteln&ldquo; die Rede ist.</p>
<p>- Als <strong>vierte Priorit&auml;t</strong> betont wird das fr&uuml;hzeitige Erkennen, Vorbeugen und Eind&auml;mmen von Krisen und Konflikten. Pr&auml;vention habe grunds&auml;tzlich Vorrang. Nachhaltige Pr&auml;vention und Stabilisierung gelinge nur auf der Grundlage lokaler Eigenverantwortung. Der krisenpr&auml;ventive Ansatz hat gegen&uuml;ber 2006 deutlich an Gewicht gewonnen. Zugleich wird er auch konditioniert: &bdquo;<em>Deutschland&nbsp; muss sich entsprechend seiner Betroffenheit und M&ouml;glichkeiten an der Pr&auml;vention, Stabilisierung und Nachsorge von Krisen und Konflikten beteiligen.</em>&ldquo; Das ist eine plausible Priorisierung. Eine unterschiedslose Beteiligung an jedweder Krisenbew&auml;ltigung w&auml;re weder sinnvoll noch leistbar. Wenn das aber hie&szlig;e, Deutschland w&uuml;rde sich nur an der Vorbeugung und Verhinderung von Massengewalt und drohendem V&ouml;lkermord beteiligen, wenn die eigenen sicherheitspolitischen Interessen betroffen sind, w&auml;re das eine fundamentale Absage an einen Kern internationaler Verantwortung &ndash; und eine Missachtung einer zentralen Lehre aus der deutschen V&ouml;lkermord-Geschichte.</p>
<p>Die <strong>Ert&uuml;chtigung von Partnern</strong> (Staaten wie Regionalorganisationen) und der F&ouml;rderung legitimer und tragf&auml;higer staatlicher Strukturen gilt als wichtiges Instrument der Krisenvorbeugung und &ndash;eind&auml;mmung (S. 52 ff.). Grunds&auml;tzlich richtig. Hierbei m&uuml;ssen aber die insgesamt ern&uuml;chternden Erfahrungen von Sicherheitssektorreformen mitbedacht werden. Blo&szlig;er Export von Polizei- und Milit&auml;r&ldquo;handwerk&ldquo; ohne politische Einbettung, ohne Orientierung auf B&uuml;rgersicherheit und legitime Staatlichkeit ist nicht nachhaltig und eher kontraproduktiv. Wer hier wirklich nachhaltig wirken will, braucht einen praktizierten ganzheitlichen Ansatz und langen Atem.</p>
<p>Hier h&auml;tten Internationale Polizei- und Rule-of-Law-Missionen besondere Erw&auml;hnung und Betonung verdient: wo der internationale Ruf deutscher Fachkr&auml;fte besonders gut, die Nachfrage nach ihnen hoch &ndash; die Entsendung aber ausgesprochen zur&uuml;ckhaltend ist. Trotz aller Akzeptanz von Polizeiaufbau- und Rechtsstaatshilfe in Bundesregierung und Bundestag ist das Interesse daran und erst recht der politische Wille dazu ausgesprochen schwach, geradezu schattenhaft. Die angek&uuml;ndigte Bund-L&auml;nder-Vereinbarung zu Internationalen Polizeimissionen dauert und dauert. Solange diese strategische F&auml;higkeitsl&uuml;cke im deutschen Krisenengagement nicht entschieden angegangen wird, bleiben die Aussichten auf eine nachhaltige Wirkung von Stabilisierungseins&auml;tzen sehr beschr&auml;nkt.<a title="" href="#_ftn5">[5]</a></p>
<p>- Priorit&auml;t 5 ist das &bdquo;Engagement f&uuml;r die regelbasierte internationale Ordnung&ldquo;. Wer richtigerweise von dieser Priorit&auml;t spricht, d&uuml;rfte von der strukturellen wirtschaftlichen und sozialen Unordnung in der Welt nicht schweigen.</p>
<p><strong>- Ein schwerer Mangel</strong> ist, dass die St&auml;rkung der Vereinten Nationen f&uuml;r die Bundesregierung keine strategische Priorit&auml;t besitzt &ndash; und erst im folgenden Kapitel bei den sicherheitspolitischen Handlungsfeldern Deutschlands auftaucht Das ist aus mehreren Gr&uuml;nden kurzsichtig und friedens- und sicherheitspolitisch unverantwortlich:</p>
<p>- Wenn &bdquo;unser sicherheitspolitisches Selbstverst&auml;ndnis durch die Lehren aus unserer Geschichte gepr&auml;gt ist&ldquo; (1. Zeile 1. Kapitel des Wei&szlig;buches), dann m&uuml;sste bewusst sein, dass die Vereinten Nationen die erste und globale Konsequenz aus dem von Deutschland verbrochenen Weltkrieg und V&ouml;lkermorden war und bleibt.</p>
<p>&nbsp;- Wo die globalen Sicherheitsherausforderungen enorm zunehmen und zugleich konfrontative Multipolarit&auml;t um sich greift, da kommt es umso mehr auf die VN an, ihre Normen, ihre Erfahrungen, ihre Organisationen und Missionen. Wo sich vor allem die westlichen Staaten aus den VN-Missionen zur&uuml;ckgezogen haben &ndash; und damit ein Zweiklassen-Peacekeeping bef&ouml;rderten -, ist eine verst&auml;rkte Unterst&uuml;tzung der VN-Friedenssicherung mehr als &uuml;berf&auml;llig.</p>
<p>Versch&auml;rfend kommt hier die ausdr&uuml;ckliche &Ouml;ffnung zu Auslandseins&auml;tzen im Rahmen von &bdquo;Ad-hoc-Kooperationen&ldquo; au&szlig;erhalb von Systemen kollektiver Sicherheit hinzu. (Kap. 8) Das k&ouml;nnte der klaren Norm der VN-Charta zuwiderlaufen, wonach Einsatz milit&auml;rischer Gewalt au&szlig;erhalb der Landes- und B&uuml;ndnisverteidigung nur mit Mandat des VN-Sicherheitsrats zul&auml;ssig ist. &bdquo;Coalitions of the Willing&ldquo; ohne VN-Auftrag w&uuml;rden die VN und damit globale kollektive Sicherheit elementar schw&auml;chen.</p>
<p>Dass bisherige kritische Stellungnahmen zum Wei&szlig;buch, insbesondere aus dem friedensbewegten Spektrum, selbst die VN-Dimension deutscher Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik weitestgehend ignorieren, ist ein friedenspolitisches Armutszeugnis.</p>
<p><strong>(7) Sicherheitspolitische Gestaltungsfelder </strong>(S. 55 ff.)</p>
<p><strong>F&uuml;r die nationale Ebene</strong> bringt das Wei&szlig;buch etliche weiterf&uuml;hrende Innovationen:</p>
<p><strong>F&ouml;rderung der Strategief&auml;higkeit</strong>: seit Jahren im sicherheitspolitischen Diskurs gefordert, jetzt Vorschl&auml;ge dazu (2006 kein Thema). Der Bundessicherheitsrat soll unter Wahrung des Ressortprinzips zu einem &bdquo;strategischen Impulsgeber&ldquo; werden. Seine umstrittene Rolle bei R&uuml;stungsexport-Entscheidungen ist meines Erachtens kein &uuml;berzeugendes Gegenargument. Wo w&auml;re sonst der geeignete Ort einer strategischen Er&ouml;rterung in der Bundesregierung?</p>
<p>- &bdquo;Ausbau und Verkn&uuml;pfung der Kompetenzen in strategischer Vorausschau, Steuerung und Evaluierung&ldquo;, durch &bdquo;institutionalisiertes Lernen Handlungs- und Adaptionsf&auml;higkeit erh&ouml;hen&ldquo;: F&uuml;r mich geh&ouml;rt die mangelnde institutionalisierte Lernf&auml;higkeit und &ndash;bereitschaft auf der politischen und strategischen Ebene zu den ern&uuml;chterndsten Erfahrungen meiner Abgeordnetent&auml;tigkeit. Eine wichtige Ank&uuml;ndigung also.</p>
<p>- F&ouml;rderung strategischer Kontinuit&auml;t und Koh&auml;renz durch regelm&auml;&szlig;ige Aktualisierung strategischer Dokumente, wo m&ouml;glich versehen mitmessbaren Kriterien als Voraussetzung von Evaluierung, Nachfolgedokument zum Aktionsplan Zivile Krisenpr&auml;vention von 2004.</p>
<p><strong>Nachhaltige Gestaltung von Sicherheit</strong> bedeute, die &bdquo;Sicherheit von Staaten, Menschen und nachfolgenden Generationen&ldquo;, die &bdquo;vielf&auml;ltigen Zusammenh&auml;nge von Sicherheit und Entwicklung zu verkn&uuml;pfen&ldquo;.</p>
<p>- Wohl erstmalig in einem Wei&szlig;buch wird angek&uuml;ndigt, den Personalumfang und die Personalentwicklung &bdquo;der mit au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Aufgaben betrauten Ressorts (&hellip;) strategisch anzulegen (&hellip;) und im Rahmen der zur Verf&uuml;gung stehenden finanziellen Ressourcen bedarfsgerecht nachhaltig zu finanzieren.&ldquo; (S. 58)&ldquo; Auch wenn die notorische Unausgewogenheit der diplomatischen, zivilen, milit&auml;rischen und polizeilichen Kapazit&auml;ten bei fr&uuml;heren Krisenengagements nicht thematisiert wird &ndash; hiermit besteht ein Ankn&uuml;pfungspunkt, den bisherigen Nachholbedarf gerade bei den nichtmilit&auml;rischen F&auml;higkeiten anzugehen.</p>
<p><strong>Weiterentwicklung des vernetzten Ansatzes</strong>: die Informationen von Lagezentren auf strategischer und operativer Ebene zu vernetzten, zu teilen und f&uuml;r die Politik zu b&uuml;ndeln, gemeinsame Ausbildung und &Uuml;bungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren f&uuml;r das Handeln im gesamten Krisenzyklus zu f&ouml;rdern, ist sinnvoll und wurde tendenziell auch in Stellungnahmen aus dem Beirat Zivile Krisenpr&auml;vention gefordert. Voraussetzung einer produktiven, Vereinnahmung vermeidenden Vernetzung ist aber Zielklarheit, sind kompatible Ziele auf der operativen Ebene und die Respektierung unterschiedlicher Mandate und Organisationskulturen. Andernfalls wird das erhebliche Gef&auml;lle zwischen Anspruch und Praxis des vernetzten Ansatzes fortbestehen.<a title="" href="#_ftn6">[6]</a></p>
<p>Im Abschnitt zu den Leitprinzipien f&uuml;r die Bundeswehr der Zukunft wird die Einbindung der Bundeswehr in ein koordiniertes gemeinsames Krisenmanagement und ihre Beitr&auml;ge dazu in allen Krisen- und Konfliktphasen betont. (S. 99)</p>
<p><strong>Sicherheitsvorsorge und der</strong> <strong>Verantwortung f&uuml;r Stabilit&auml;t und Sicherheit des internationalen Umfeldes</strong> (einschlie&szlig;lich menschliche Sicherheit):</p>
<p>&bdquo;<em>Mit fr&uuml;hzeitigem und umfassendem Handeln wirkt Deutschland auf internationaler Ebene darauf hin, Konfliktursachen zu beseitigen sowie den Aufbau von tragf&auml;higen Institutionen und Strukturen zur friedlichen Konfliktaustragung zu f&ouml;rdern.</em>&ldquo;</p>
<p>Auch hier wird der Vorrang pr&auml;ventiver Probleml&ouml;sung betont und dass sich zivile und milit&auml;rische Instrumente erg&auml;nzen. Von einem ausdr&uuml;cklichen Vorrang ziviler Mittel &ndash; und dem Einsatz milit&auml;rischer Gewalt als &auml;u&szlig;erstem und sch&auml;rfstem Mittel (der problematische Begriff der &bdquo;ultima ratio&ldquo;) - ist keine Rede. Im Gegenteil: Auch in Zukunft werde es &bdquo;<em>immer wieder Situationen geben, in denen erst ein robustes, v&ouml;lkerrechtlich legitimiertes milit&auml;risches Eingreifen der Diplomatie den Weg zu akzeptablen politischen L&ouml;sungen freimacht</em>.&ldquo; (S. 61) Hierzu gibt es erheblichen Streit- und Kl&auml;rungsbedarf: Vor dem Hintergrund der VN-Charta und historischer Erfahrungen sind solche Situationen in der Tat nicht auszuschlie&szlig;en und m&ouml;glich. Zugleich &auml;ndert das nichts daran, dass immer zuerst und hartn&auml;ckig an und f&uuml;r diplomatische L&ouml;sungen gearbeitet werden muss, dass Milit&auml;rinterventionen in B&uuml;rgerkriege und/oder gegen Aufstandsbewegungen ein hohes Risiko des Scheiterns, ja der Konfliktversch&auml;rfung beinhalten, dass die allermeisten robust mandatierten VN-Friedensmissionen nach einer &ndash; insbesondere &uuml;ber VN-Vermittler &ndash; erreichten Verst&auml;ndigung zwischen Konfliktparteien zum Einsatz kamen. Etliche VN-Missionen sind aber inzwischen in der prek&auml;ren Situation von &bdquo;weder Krieg noch Frieden&ldquo;, wo es realiter keinen Frieden zu sichern gibt, sondern ein R&uuml;ckfall in den Gro&szlig;krieg zu verhindern und Frieden m&uuml;hsam zu gewinnen gilt.</p>
<p>Bei der Stabilisierung des internationalen Umfelds seien der &bdquo;<em>Aufbau legitimer und tragf&auml;higer staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen&ldquo;, die &bdquo;Gew&auml;hrleistung menschlicher Sicherheit sowie die M&ouml;glichkeit selbstbestimmter und nachhaltiger Entwicklung gleichrangige Ziele</em>&ldquo;. Auch hier wird die Notwendigkeit ausreichender au&szlig;en-, entwicklungspolitischer und polizeilicher Mittel betont.</p>
<p>Angek&uuml;ndigt wird die Aufstellung ziviler Expertenteams, &bdquo;<em>die fr&uuml;hzeitig und mit kurzem zeitlichen Vorlauf in Krisengebiete entsandt werden k&ouml;nnen und somit unsere Reaktions- und Deeskalationsf&auml;higkeit erh&ouml;hen</em>.&ldquo; Diese Ma&szlig;nahme ist zentral und &uuml;berf&auml;llig und soll der &bdquo;Verf&uuml;gbarkeitsfalle&ldquo; entgegenwirken, wo bisher in akuten Krisenf&auml;llen au&szlig;er THW in erster Linie Bundeswehrkr&auml;fte schnell und flexibel verf&uuml;gbar waren. Hier k&ouml;nnten sinnvolle Einsatzm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Kr&auml;fte eines zivilen Peacekeeping bestehen.<a title="" href="#_ftn7">[7]</a></p>
<p><strong>Bei den internationalen Gestaltungsfeldern</strong> werden als erstes die Vereinten Nationen (auf eineinhalb Seiten, mit einem Foto vom Abr&uuml;stungsdenkmal der VN: dem verknotete Revolverlauf) thematisiert. (S. 62 f.) Vorrangiges Ziel deutscher Politik sei, das System der VN durchsetzungsf&auml;higer zu machen, die VN weiter zu st&auml;rken und zur effizienteren Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu bef&auml;higen.&ldquo; Etwas konkreter als im Wei&szlig;buch 2006 sind die deutschen Beitr&auml;ge zur VN-Unterst&uuml;tzung beschrieben:</p>
<p>- St&auml;rkung der materiellen und personellen Beitr&auml;ge und &Uuml;bernahme von F&uuml;hrungsverant-wortung in VN-Missionen,</p>
<p>- &Uuml;bernahme zus&auml;tzlicher Verantwortung im Rahmen politischer Prozesse, z.B. durch Mediatoren, Beitr&auml;ge zur Pr&auml;vention und zum Krisenmanagement,</p>
<p>- im Rahmen der VN-SR-Resolution 1325 Verbesserung der Partizipation von Frauen in allen Phasen des Konfliktzyklus.</p>
<p>Weit in den Schatten gestellt wird das VN-Kapitel dann aber durch die Kapitel zu NATO und EU. (S. 64-77)</p>
<p>Das &bdquo;einzigartige sicherheitspolitische Konsultations-, Kooperations- und Verhandlungsform&ldquo; der OSZE und ihre zentrale Rolle bei er L&ouml;sung des Ukraine-Konflikts werden besonders herausgestellt sowie wichtige Ma&szlig;nahmen zu ihrer St&auml;rkung genannt. (S. 77-79). Weitere internationale Gestaltungsfelder sind bi- und multilaterale Partnerschaften und Ad-hoc-Kooperationen (s.o.) sowie R&uuml;stungskontrolle, Abr&uuml;stung, Nichtverbreitung (S. 82). (<em>Anm.: Mangels Kapazit&auml;ten hierzu keine Kommentierung</em>)</p>
<p><strong>Faktisch</strong> <strong>nicht angesprochen</strong> wird das zentrale sicherheitspolitische &bdquo;Gestaltungsfeld&ldquo; der letzten mehr als 20 Jahre &ndash; die deutsche Beteiligung an internationalen Kriseneins&auml;tzen.</p>
<p>Im NATO-Kapitel begn&uuml;gt sich das Wei&szlig;buch mit den Feststellungen:</p>
<p>&bdquo;<em>Die Stabilisierungseins&auml;tze der Allianz zum Beispiel in Afghanistan und auf dem Balkan zeigen, dass Eind&auml;mmung und Bew&auml;ltigung von Konflikten in einem komplexen Sicherheitsumfeld ein langfristiges und verl&auml;ssliches Engagement erfordern, um Stabilisierungsfortschritte zu erhalten und zu verstetigen</em>.&ldquo; (S. 65) Und im Fazit:</p>
<p>&bdquo;<em>Die Eins&auml;tze, insbesondere in Afghanistan, wurden zunehmend robuster und verlangten eine Priorisierung der Aufwendungen f&uuml;r ein angemessene Ausstattung der eingesetzten Truppe. Die Bundeswehr wurde zur Armee im Einsatz</em>.&ldquo; (S. 137)</p>
<p>Das ist tats&auml;chlich alles!</p>
<p>Vor dem Hintergrund der vielf&auml;ltigen, in der breiteren &Ouml;ffentlichkeit kaum bekannten &nbsp;Einsatzerfahrungen w&auml;re es m&ouml;glich gewesen, konkreter darzulegen, was mit dem Einsatz von Streitkr&auml;ften, was mit dem Einsatz milit&auml;rischer Gewalt im VN-Auftrag (nicht) geleistet werden kann, was die M&ouml;glichkeiten, Kosten, Risiken, ggfs. T&uuml;cken sind. Diese Basisinformation wird nicht erbracht.<a title="" href="#_ftn8">[8]</a></p>
<p>W&auml;hrend in Bosnien nach dem Vertrag von Dayton ein ausgesprochen gewaltarmer Stabilisierungseinsatz milit&auml;risch erfolgreich zu Ende ging (Verh&uuml;tung neuer Kriegsgewalt), geriet der ISAF-Stabilisierungseinsatz zu Aufstandsbek&auml;mpfung, waren Bundeswehrsoldaten erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik mit einem opferreichen Terror- und Guerillakrieg konfrontiert. Die gerade in den letzten Jahren st&auml;ndig steigende Zahl von Zivilopfern im Kontext des bewaffneten Konflikts in Afghanistan f&uuml;hren vor Augen, dass ISAF kein sicheres Umfeld hinterlie&szlig;. Die 15 Jahre des Afghanistaneinsatzes &nbsp;waren voller Erfahrungen und schmerzhafter Lehren, Teilfortschritten wie auch herben Ern&uuml;chterungen &ndash; z.B. im Hinblick auf das kollektive politische F&uuml;hrungsversagen bei diesem Einsatz. Sicher ist in das Wei&szlig;buch einiges von diesen Erfahrungen eingeflossen. Dass die Erfahrungen der letzten zehn Jahre milit&auml;risch-zivil-polizeilicher Kriseneins&auml;tze aber nicht explizit ausgef&uuml;hrt werden (das Wei&szlig;buch 2006 brachte zumindest noch drei Seiten zu den Auslandseins&auml;tzen), ist eine strategische L&uuml;cke und ein Fall von Lernverweigerung. Wie will man verantwortlich das vielbeschworene Mehr an Verantwortung schultern, wenn man sich nicht klar mit den Leistungen, Schw&auml;chen und Fehlern der Sicherheitspolitik der letzten zehn Jahre auseinandersetzt? Wie kommt das bei den Tausenden Frauen und M&auml;nner an, die von Bundesregierung und Bundestag in belastende und z.T. hoch riskante Eins&auml;tze entsandt wurden?</p>
<p>Die Tatsache, dass beim Review-2014-Prozess des Ausw&auml;rtigen Amtes die Auslandseins&auml;tze, f&uuml;r die das AA immerhin die Federf&uuml;hrung hat, weitgehend ausgeklammert wurden, ist kein Grund, dass auf Seiten des Verteidigungsministeriums &auml;hnlich zu machen.</p>
<p>(8) <strong>Chance zu weiterer Debatte und Kursbestimmung</strong></p>
<p>Jahrelang beklagten au&szlig;en-, friedens- und sicherheitspolitische Kreise das Fehlen einer breiteren Debatte und Verst&auml;ndigung zur internationalen Politik und Verantwortung Deutschlands.</p>
<p>Das Wei&szlig;buch bietet reichlich Denk- und Streitstoff und damit Anst&ouml;&szlig;e zu einer gr&uuml;ndlicheren Debatte. Zeitlich g&uuml;nstig trifft sich das mit dem Debattenprozess &bdquo;<em><span style="text-decoration: underline;">PeaceLab2016 &ndash; Krisenpr&auml;vention weiter denken</span></em>&ldquo; zu den geplanten Leitlinien &bdquo;<em>Krisenengagement und Friedensf&ouml;rderung der Bundesregierung</em>&ldquo;, die das Bundeskabinett im n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr beschlie&szlig;en soll. <a title="" href="#_ftn9">[9]</a></p>
<p>Die H&auml;ufung n&auml;her r&uuml;ckender Krisen und Kriege, die zunehmende Gef&auml;hrdung des friedlichen und demokratischen Zusammenlebens in Deutschland und Europa durch rechtspopulistische Grundstr&ouml;mungen, transnationalen Terrorismus etc. erfordert dringend eine ernsthaftere, selbstkritischere&nbsp; und ergebnisorientierte Form der politischen Auseinandersetzung, mehr Ringen um demokratischen Dialog und Verst&auml;ndigung, zumindest Kl&auml;rung.</p>
<p>Ritualisierte Formen des (partei)politischen Schlagabtausches, Pflege &uuml;berkommener Weltbilder, einfache Antworten und Alleinvertretungsanspr&uuml;che machen wohl &bdquo;Sinn&ldquo;, um in un&uuml;bersichtlichen Zeiten Orientierung zu behalten. Wo Frieden zunehmend verloren geht und seine Voraussetzungen br&ouml;ckeln, wo die Zukunft von Demokratie in Europa nicht mehr sicher ist, sind solche Verhaltensweisen v&ouml;llig kontraproduktiv.</p>
<p>Unter der ersten Welle der Stellungnahmen zum Wei&szlig;buch waren etliche &bdquo;Schnellsch&uuml;sse&ldquo;.</p>
<p>Die schnell in der Sommerpause verebbte Debatte k&ouml;nnte dann noch aufleben und produktiv werden,</p>
<p>- wenn alle Beteiligten sich um genaueres Hinsehen, Hinh&ouml;ren und Dialogf&auml;higkeit bem&uuml;hen und mehr nach Probleml&ouml;sungen suchen w&uuml;rden,</p>
<p>- wenn im PeaceLab-Debattenprozess L&uuml;cken und Fragw&uuml;rdigkeiten des Wei&szlig;buches thematisiert w&uuml;rden,</p>
<p>- wenn ca. ein halbes Jahr nach Ver&ouml;ffentlichung des Wei&szlig;buches bei einer gr&ouml;&szlig;eren Veranstaltung (ggfs. mit einer begleitenden Publikation)&nbsp; eine &ouml;ffentliche Bilanz des Wei&szlig;buchprozesses gezogen w&uuml;rde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<div><br clear="all" /><hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a><a href="http://www.dgvn.de/fileadmin/user_upload/DOKUMENTE/Vortraege/Festakt_K%C3%B6hler/Festakt_70_Jahre-RedeK%C3%B6hler.pdf">http://www.dgvn.de/fileadmin/user_upload/DOKUMENTE/Vortraege/Festakt_K%C3%B6hler/Festakt_70_Jahre-RedeK%C3%B6hler.pdf</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Art. 56 GG: &bdquo;Ich schw&ouml;re, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erf&uuml;llen und Gerechtigkeit gegen jedermann &uuml;ben werde.&ldquo;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> An 8. September 2015 beim Wei&szlig;buch-Kolloquium zu Entwicklung und Sicherheit, am 6. Juni 2016 bei der Konferenz &bdquo;Entwicklung, Sicherheit, Frieden&ldquo; im BMZ.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Kooperation f&uuml;r den Frieden, Antwort auf das Wei&szlig;buch, 13. Juli 2016 <a href="http://www.koop-frieden.de/fileadmin/Pressemitteilungen/Erklaerungen_2016/Weissbuch_Final.pdf">http://www.koop-frieden.de/fileadmin/Pressemitteilungen/Erklaerungen_2016/Weissbuch_Final.pdf</a> ;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Vgl. Winfried Nachtwei, Internationale Polizeimissionen als Element deutscher Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, in: Siller/Stierle/Wehe, Handbuch Polizeimanagement (erscheint Ende 2016); ders., Mehr deutsche Polizei in UN-Friedenseins&auml;tzen, in: Vereinte Nationen 2/2015,&nbsp; <a href="http://www.dgvn.de/veroeffentlichungen/publikation/einzel/mehr-deutsche-polizei-in-un-friedenseinsaetzen/">http://www.dgvn.de/veroeffentlichungen/publikation/einzel/mehr-deutsche-polizei-in-un-friedenseinsaetzen/</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref6">[6]</a> Winfried Nachtwei, Die Bundeswehr, der Comprehensive Approach und die &ouml;ffentliche Kommunikation in Deutschland, Thesenpapier zum Expertengespr&auml;ch &bdquo;ISAF Lessons Learned&ldquo; am 21. Juni 2016 im Deutschen Bundestag, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1412">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1412</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref7">[7]</a> Christine Schweitzer, Vorrang f&uuml;r gewaltfreie Intervention: Das zivile Peacekeeping st&auml;rker nutzen, <a href="http://www.peacelab2016.de/peacelab2016/debatte/friedenseinsaetze/article/vorrang-fuer-gewaltfreie-intervention-das-zivile-peacekeeping-staerker-nutzen/">http://www.peacelab2016.de/peacelab2016/debatte/friedenseinsaetze/article/vorrang-fuer-gewaltfreie-intervention-das-zivile-peacekeeping-staerker-nutzen/</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref8">[8]</a> Winfried Nachtwei, Lehren aus 20 Jahren deutscher Beteiligung an internationalen Interventionen, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1312">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1312</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref9">[9]</a> Blog zum Debattenprozess: <a href="http://www.peacelab2016.de/peacelab2016/">http://www.peacelab2016.de/peacelab2016/</a> , weitere Infos auf <a href="http://www.nachtwei.de">www.nachtwei.de</a></p>
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