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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Irak-Kurdistan: Reisebericht Juli 2007</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Internationale Politik und Regionen + Afghanistan + Bericht von Winfried Nachtwei + Stellungnahme</span>

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        <h1>
            Irak-Kurdistan: Reisebericht Juli 2007         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=3">Webmaster</a> am 8. August 2007 13:59:43 +02:00 (98698 Aufrufe)            </div>
            <div>    Folgenden Reisebericht Ã¼ber seine Reise mit Fraktionskollegin Claudia Roth nach Irak-Kurdistan verfasste jetzt Winfried Nachtwei:</div>
            <div>    <p>Winfried Nachtwei, MdB<br />Sicherheitspolitischer Sprecher<br />BÃ¼ndnis 90 / Die GrÃ¼nen im Bundestag</p><strong><p align="center">Im Irak: Insel der StabilitÃ¤t in einem Meer der Gewalt!</p><p align="center">Bericht von der ersten Delegationsreise deutscher Bundespolitiker nach Irakisch-Kurdistan seit dem Irakkrieg</p></strong><p align="center">23. bis 27. Juli 2007</p><em><p>Vom 23.-27. Juli 2007 besuchten Claudia Roth, MdB und Parteivorsitzende von BÃ¼ndnis 90/Die GrÃ¼nen, Dr. RenÃ© Wildangel, Fraktionsreferent Naher Osten/Islamische Staaten, und ich Irakisch Kurdistan. Mit dabei Katrin Sandmann, erfahrene Krisenreporterin und Leiterin Reportage bei N24 und BjÃ¶rn Blaschke, Mittelostkorrespondent von WDR/ARD. Andere Reporter mussten wegen der TÃ¼rkei-Wahl, der Geiselnahme in Afghanistan und der RisikoeinschÃ¤tzung eines Chefs kurzfristig absagen.</p><p>In <strong>Erbil</strong> (Arbil) waren GesprÃ¤chspartner aus dem Kurdistan Regional Government - Iraq (KRG) der</p><p>PrÃ¤sident der Kurdistan Region of Iraq Massud Barsani (Demokratische Partei Kurdistans/KDP), der Leiter der Abteilung AuswÃ¤rtige Beziehungen, Falah Mustafa Bakir, Umweltminister Dara M. Amin Saeed (Islamische Union), der Minister fÃ¼r Menschenrechte Dr.Yousif Aziz, die Ministerin fÃ¼r MÃ¤rtyrer und Opfer von Anfal, Chinar Saad, der stellv. Premierminister Omer Fatah; der Sprecher der Kurdischen Nationalversammlung Adnan Mufti (PUK) und weibliche Abgeordnete, der OberbÃ¼rgermeister von Erbil Nihad Salim, ein Vertreter des UNHCR, einige in Erbil arbeitende Deutsche wie Siggi Martsch, Ex-MdL der GrÃ¼nen aus NRW (&quot;Martsch International - German Busines Center&quot;) zusammen mit seinem Sohn Horst.</p><p>In <strong>Sulaimaniya</strong> Besuch der UniversitÃ¤t und GesprÃ¤che mit dem PrÃ¤sidenten Dr. Ali Saeed Mohammad, dem Dekan der Mediz. FakultÃ¤t und Studenten; Besuch des Khanzad Cultur &amp; Social Center for Women, Besuch des &quot;Roten Hauses&quot; (Folter- und Hinrichtungszentrum unter Saddam Hussein), GesprÃ¤ch mit dem StaatsprÃ¤sidenten des Irak, Jalal Talabani (Patriotische Union Kurdistans/PUK).</p><p>In <strong>Halabja</strong> kurz vor der iranischen Grenze Besuch des Friedhofs fÃ¼r die beim Giftgasangriff der irakischen Luftwaffe am 16. MÃ¤rz 1987 umgekommenen ca. 5000 Menschen, des demolierten Halabja-Memorials, GesprÃ¤che in der Zentrale der PUK mit ReprÃ¤sentanten des Ortes und Opfern sowie mit MitarbeiterInnen des unabhÃ¤ngigen Kommunalradios fÃ¼r Frauen und Jugendliche &quot;Dange Nwe Radio&quot;, das von WADI (Verband fÃ¼r Krisenhilfe + Solidarische Entwicklungszusammenarbeit in Frankfurt) unterstÃ¼tzt wird.</p><p>DarÃ¼ber hinaus GesprÃ¤che mit etlichen Kurden, die lange Zeit in Deutschland lebten und arbeiteten.</p><p>Wir sind die erste offizielle Delegation aus dem Bundestag im Irak seit dem Krieg 2003 und die ersten deutschen Bundespolitiker in Halabja Ã¼berhaupt.</p><p>Die Reise war ursprÃ¼nglich schon fÃ¼r Februar geplant. Sie musste damals aber angesichts der zugespitzten GeiselaffÃ¤re im Irak und massivster Sicherheitsbedenken der Bundesregierung abgesagt werden. Es heiÃŸt, auch in Irakisch Kurdistan sei grundsÃ¤tzlich mit EntfÃ¼hrungen und AnschlÃ¤gen zu rechnen. Aus Berliner Sicht besteht in der Region die hÃ¶chste polizeiliche GefÃ¤hrdungsstufe.</p><p>Claudia engagiert sich seit vielen Jahren zur Kurdenfrage, konnte den Nordirak aber nur nach dem Golfkrieg 1991 besuchen. Besuche als Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung wurden untersagt. Ich komme zum ersten Mal hierher.</p><p>(Vgl. auch unseren offiziellen Reisebericht, der sehr informativ die einzelnen GesprÃ¤che wiedergibt. Kurzbericht unter www.gruene-bundestag.de)</p></em><strong><p>RÃ¼ckblick</p><p>Vor zwanzig Jahren, im siebten Jahr des Irak-Iran-Krieges, begann das irakische Baath-Regime seine Vernichtungsoffensive gegen die kurdische Widerstandsbewegung und die von ihr kontrollierten Gebiete. Seit FrÃ¼hjahr 1987 wurden in einer &quot;Sperrzone&quot; sÃ¼dlich Erbil alle kurdischen DÃ¶rfer zerstÃ¶rt, ihre Bewohner vertrieben und in Sammellagern konzentriert. In April/Mai griff die irakische Luftwaffe Ã¼ber 100 Ortschaften in den Provinzen Erbil, Kirkuk und Sulaimaniya mit Giftgas an. In 1988 folgten nach dem groÃŸen Giftgasangriff auf Halabja bis September die &quot;Anfal-Offensiven&quot;. Zigtausende kurdische Frauen, MÃ¤nner und Kinder wurden deportiert, erschossen, in MassengrÃ¤bern im ganzen Land verscharrt. Nach SchÃ¤tzungen von Human Rights Watch kamen dabei bis zu 100.000 Kurden um`s Leben, nach kurdischen Angaben gelten 182.000 Menschen als verschwunden.</p></strong><strong><p>Vor zehn Jahren stand der kurdische &quot;Bruderkrieg&quot; in seinem vierten Jahr, wo sich die PUK mit dem iranischen, die KDP mit dem irakischen Regime verbÃ¼ndeten.</p></strong><strong><p>Vor vier Jahren lag der Sturz Saddam Husseins drei Monate zurÃ¼ck. Nach dem beispiellosen militÃ¤rischen Sieg der von den kurdischen Peshmerga unterstÃ¼tzten US-StreitkrÃ¤fte versagte die Besatzungsmacht vom Start an auf breiter Front beim Wiederaufbau. Erheblich anders in Irakisch Kurdistan: Die historische Chance des Saddam-Sturzes wird hier genutzt. Im Mai 2006 bilden PUK und KDP eine gemeinsame Regionalregierung. Von den insgesamt 42 Ministerien sind die zentralen Ministerien Verteidigung, Inneres, Justiz und Finanzen aber noch nicht vereinigt. In der irakischen Zentralregierung stellen die Kurden sieben Minister (u.a. AuÃŸen, Industrie, Wasser, Umwelt).</p></strong><strong><p>Heute: Die drei an die TÃ¼rkei und Iran angrenzenden Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaimaniya bilden die halbautonome Kurdistan Region mit ca. 4 Mio. Einwohnern - plus 741.000 Binnenvertriebe! Zum Nordirak gehÃ¶ren auÃŸerdem die Provinzen Ninawa (Mosul) und At-Tamim (Kirkuk) mit einer erheblich kritischeren Sicherheitslage.</p></strong><p>Im Mai kamen in Erbil bei einem Anschlag vor dem Innenministerium 19 Menschen und bei einem Autobombenanschlag 30-50 Menschen umÂ´s Leben. Im Juli fielen im Raum Kirkuk einem Anschlag auf einem Marktplatz mehr als 170 Menschen zum Opfer, in Kirkuk am Kulturzentrum der PUK 85 Menschen.</p><strong><p>Ankunft</p></strong><p>Landung in Erbil mit Austrian Airlines, die viermal pro Woche von Wien aus die Hauptstadt von Irakisch Kurdistan und der gleichnamigen Provinz anfliegt. (Von Sulaimaniya gibt es inzwischen Flugverbindungen nach Washington und Peking!) Beim RÃ¼ckflug ist auch Richard Perle dabei, einer der politisch-ideologischen Wegbereiter des Irakkrieges. Er verlÃ¤sst den Irak durch den leichteren &quot;Hinterausgang&quot;, wo man nicht mit den tÃ¤glichen Verwundeten- und Totentransporten konfrontiert ist. Drei Passagiermaschinen stehen auf dem Vorfeld. Ein schwerer US-Transporter landet.</p><p>Doppelempfang durch Backofenhitze von trockenen 45Â° und vier strahlende Abgeordnete der Kurdischen Nationalversammlung samt unseren z.T. deutsch sprechenden Betreuern vom BÃ¼ro fÃ¼r AuÃŸenbeziehungen der KRG. Auf der Fahrt in die Stadt ist der Bauboom unÃ¼bersehbar. Im Zentrum der Einmillionen-Stadt (Anfang der 90er Jahre noch 450.000) ist die Bebauung Ã¼berwiegend niedrig, sind viele StraÃŸen aufgerissen, wÃ¤chst eine SchnellstraÃŸe. Auf den StraÃŸen verkehren auffÃ¤llig viele Spritfresser - kein Wunder angesichts der immer noch sehr niedrigen Spritpreise. (Diese sind aber binnen drei Jahren von drei auf 85 Cent gestiegen.) Es gibt sichtbar viel Geld - angeblich auch aus der Beute des Krieges gegen das Saddam-Hussein-Regime 2003. Der Bauboom Ã¼berdeckt, dass praktisch nichts im Land produziert wird und auch die Landwirtschaft am Boden liegt.</p><p>Auch wenn Irakisch-Kurdistan als Teil des Irak gilt - vom Flughafen an sind nur Fahnen der Region (&quot;Ampel&quot; von gelber Sonne mit roten und grÃ¼nen Ober-/Unterbalken), nie die irakische Fahne und je nach Provinz die Parteifahnen von KDP und PUK zu sehen.</p><p>DreiÃŸig Meter Ã¼ber Erbil thront auf zehn Hektar der mÃ¤chtige Komplex der Zitadelle. Mit ihren Ã¼ber 8.000 Jahren soll sie einer der am lÃ¤ngsten bewohnten Orte der Welt sein. Die UNESCO nahm sie in das Weltkulturerbe auf. Zuletzt wohnten hier ca. 3.000 Menschen. Jetzt ist sie ein Geisterort, wo um das Kurdische Textil Museum mit seinen SchÃ¤tzen einer unter Saddam Hussein vernichteten Kultur einzelne grÃ¶ÃŸere GebÃ¤ude restauriert werden. Eines steht dem Goethe-Insitut in Aussicht.</p><strong><p>Sicherheit</p></strong><p>Zentrale GebÃ¤ude und auch das Hotel International Erbil sind durch Mauern aus Betonfertigteilen abgeschirmt, die bunt bemalt sind. Die EingÃ¤nge werden von einzelnen Uniformierten mit Kalaschnikov bewacht. Sie machen keinen angespannten Eindruck. Unser Konvoi aus vier Landcruisers wird in der Regel schon nach Blickkontakt durch gewunken. FÃ¼r unseren &quot;close protection&quot; sorgen einheimische SicherheitskrÃ¤fte (ehemalige Peshmerga), in Erbil sportliche AnzugtrÃ¤ger mit Sonnenbrille wie in Berlin, ab Sulaimaniya mit offen getragener MPi, in Halabja leicht militÃ¤risch verstÃ¤rkt.</p><p>Hiesige Deutsche mit Erfahrungen auch aus anderen Krisenregionen betonen, wie weitgehend ruhig und stabil es hier sei. Viele Familien von US-Offizieren wÃ¼rden hier leben. In der Tat: Im Unterschied z.B. zu Nord-Afghanistan gibt es hier einen gut organisierten Sicherheitsapparat, ein weitgehendes Gewaltmonopol - allerdings noch mit erheblichen rechtsstaatlichen Defiziten.</p><p>Bei den Fahrten Ã¼ber Land erleben wir einiges an Sicherheitsvorkehrungen und Risiken.</p><p>Immer wieder erzwingen StraÃŸenschwellen Niedriggeschwindigkeit, manchmal in dichter Folge. Solche Art Bremsen gibt es an jedem der hÃ¤ufigen Checkpoints, die alle 10/20 km auftauchen und sehr unterschiedlich &quot;betreut&quot; werden. Mal von einem lustlosen Soldaten in einem dÃ¼rftigen Unterstand, mal von ernsthaft kontrollierenden Soldaten. Unser Kommen ist in der Regel bekannt, so dass wir durch gewunken werden. Etwas krÃ¤ftiger sind die Checkpoints rund um Erbil. Insgesamt sind sie aber nur kontrollierfÃ¤hig, nicht verteidigungsfÃ¤hig.</p><p>Eindeutig das grÃ¶ÃŸte Risiko sind ÃœberholmanÃ¶ver: Ohne die Nachgiebigkeit der Entgegenkommenden und ein GespÃ¼r fÃ¼r Machthierarchien im StraÃŸenverkehr hÃ¤tten wir mehrere FrontalzusammenstÃ¶ÃŸe erlebt.</p><strong><p>Treffen in Erbil</p></strong><p>Ein enormer TÃ¼rÃ¶ffner sind Claudias freundschaftlich-hohes Ansehen bei den FÃ¼hrern der irakischen Kurden und die generelle Deutschfreundlichkeit auf kurdischer Seite, insbesondere bei den vielen mit deutschem Hintergrund. Der massive Dissens hinsichtlich des Irakkrieges ist bekannt, wird aber nicht ausgetragen und spielt auch kaum eine Rolle.</p><p>Bei den Ministern fÃ¼r Menschenrechte und die MÃ¤rtyrer und Opfer von Anfal steht die Frage der DorfzerstÃ¶rungen, <strong>Deportationen, MassengrÃ¤ber und seit 1987/88 Verschwundenen</strong> im Mittelpunkt. Bisher sind mehr als 50.000 Opfer der Anfal-Offensive registriert. Von mehr als doppelt so vielen Opfern fehlen die Namen. (Von ihnen gibt es nur die anonymen Zahlen der Einwohnerschaft ganzer DÃ¶rfer.) Die Kurden wurden damals erst zu MilitÃ¤rstÃ¼tzpunkten deportiert und dann erschossen und in MassengrÃ¤bern verscharrt. Diese befinden sich Ã¼berÂ´s ganze Land zerstreut und wurden bisher lÃ¤ngst nicht alle ausfindig gemacht. Die anderen MassengrÃ¤ber zu lokalisieren und die menschlichen Ãœberreste zu identifizieren, ist so dringend fÃ¼r die AngehÃ¶rigen wie fÃ¼r die hiesigen BehÃ¶rden nicht alleine zu bewÃ¤ltigen. (Seit den frÃ¼hen 90er Jahren begannen forensische Teams der US-amerikanischen Physicians for Human Rights mit der Ã–ffnung der MassengrÃ¤ber.</p><p>Im Juni 2003 grÃ¼ndeten ArchÃ¤ologen aus MÃ¼nster zum selben Zweck den Verein &quot;Archaeologists for Human Rights&quot;. AFHR wurde 2005 mit dem Menschenrechtspreis der Kurdischen Regierung ausgezeichnet. vgl. www.afhr.org) Hier wÃ¤re mehr internationale Hilfe angesagt.</p><p>Opferfamilien bekommen eine kleine Rente und UnterstÃ¼tzung bei der Gesundheitsversorgung.</p><p>Die Ministerin &quot;of Martyrs and victims of Anfal&quot; ist eine junge promovierte Soziologin und ehemalige Abgeordnete, deren Vater selbst ein &quot;MÃ¤rtyrer&quot; ist.</p><p>FÃ¼r den eloquenten und engagierten Menschenrechtsminister sind gegenwÃ¤rtig die Hauptthemen Gewalt gegen Frauen und der <strong>Umgang mit Terroristen</strong>. Human Rights Watch habe man fÃ¼r seine Untersuchungen zu den Haftbedingungen alle Informationen gegeben. Der Anfang Juli erschienene HWR-Report &quot;Caught in the Whirlwind: Torture and Denial of Due Process by the Kurdistan Security Forces&quot;, in dem den kurdischen SicherheitskrÃ¤ften vorgeworfen wird, Hunderte von Gefangenen zum Teil schon seit Jahren ohne Anklage gefangen zu halten und diese zu foltern, erfasse den Zeitraum April bis Oktober 2006. Seitdem habe sich die Situation erheblich verbessert. &quot;Wir sind besser als in Afghanistan.&quot;</p><p>Bei diesen MinisterInnen wie bei anderen GesprÃ¤chspartnerInnen sind immer wieder ein Thema die &quot;<strong>Ehrenmorde</strong>&quot; und der jÃ¼ngste Fall, wo im April nahe Mosul eine 17-jÃ¤hrige Yesidin von einer Gruppe MÃ¤nner, darunter einige Verwandte zu Tode gesteinigt wurde - &quot;weil&quot; sie eine Beziehung zu einem sunnitischen Muslim hatte und zum Islam Ã¼bergetreten war. Der Steinigung sahen Hunderte zu, manche nahmen es mit ihren Mobiltelefonen auf. SicherheitskrÃ¤fte waren vor Ort, griffen aber nicht ein. In Reaktion darauf wurden 23 yesidische Arbeiter von einer sunnitischen bewaffneten Gruppe ermordet.</p><p>FÃ¼r den GroÃŸraum Sulaimaniya dokumentierte das dortige Frauenzentrum allein 200 FÃ¤lle von &quot;Ehrenmorden&quot; an Frauen. In den 90er Jahren hatten diese Morde stark zugenommen, nachdem Saddam Hussein 1990 per Dekret Gewalttaten gegenÃ¼ber Frauen straffrei stellte, sofern diese &quot;zur Wiederherstellung der persÃ¶nlichen Ehre&quot; verÃ¼bt wurden.</p><p>Der Menschenrechtsminister betont, &quot;Ehrenmorde&quot; seien nichts anderes als Mord.</p><p>Das fÃ¼r November geplante <strong>Kirkuk-Referendum</strong> ist Dauerthema bei den GesprÃ¤chen. Lt. Art. 140 der irakischen Verfassung soll bis November 2007 in einem Referendum Ã¼ber die endgÃ¼ltige ZugehÃ¶rigkeit des traditionell multiethnischen Kirkuk zu Irakisch Kurdistan abgestimmt werden. Unter Saddam Hussein waren im &quot;kurdischen Jerusalem&quot; massiv Kurden vertrieben und Araber angesiedelt worden. Zugleich hat Kirkuk wegen seiner groÃŸen Ã–lvorkommen eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Den Anschluss von Kirkuk an die Kurden Region lehnen sowohl die meisten arabischen Parteien im Irak wie auch die Turkmenen ab. Die TÃ¼rkei sieht Kirkuk als Einstieg in einen kurdischen Staat, den man auf keinen Fall tolerieren will. Al Qaida und andere Terrorgruppen versuchen ihre Terrorkampagne unter dem Vorwand &quot;gegen die Vertreibung der Araber&quot; in den Norden auszuweiten. Die US-amerikanische Baker-Kommission empfahl eine langjÃ¤hrige Verschiebung des Referendums. Die in der Verfassung genannten ersten beiden Stufen des Referendumprozesses (Normalisierung und Zensus bis MÃ¤rz bzw. Juli 2007) sind noch nicht abgeschlossen.</p><p>Regierungsmitglieder verweisen darauf, dass man das Problem schon 2003 hÃ¤tte lÃ¶sen kÃ¶nnen, aber man wollte einen legalen Prozess. Arabische Familien, die unter dem alten Regime nach Kirkuk gebracht worden seien, wÃ¤ren Opfer. Diesen biete man Kompensation und Land in ihrer Herkunftsregion an. Man wolle einen legalen und friedlichen Prozess. Bei allem Beharren auf dem Referendum wird die Bereitschaft angedeutet, einer einmaligen Verschiebung zuzustimmen. Der kurdische PrÃ¤sident Barsani wendet sich gegen eine Verschleppung des Prozesses. Lt. SZ vom 2.8.07 erklÃ¤rte Barsani: &quot;Die Kurden werden in der Kirkuk-Frage weder nachgeben noch verhandeln. (...) Sollten wir in diesen verfassungsgemÃ¤ÃŸen Methoden enttÃ¤uscht werden, haben wir das Recht, andere Mittel zu wÃ¤hlen.&quot;</p><p>Das Ergebnis der<strong> Parlamentswahlen</strong> <strong>in der TÃ¼rkei</strong> am Sonntag vor unserer Reise wird von den GesprÃ¤chspartnern durchweg positiv bewertet. Damit sei zumindest das Risiko einer tÃ¼rkischen Intervention im Nordirak gegen die PKK mit ihren 3.-5.000 KÃ¤mpfern in den Kandilbergen erst einmal vom Tisch. Aber weiterhin bleiben viele Zehntausende tÃ¼rkischer Soldaten an der Grenze stationiert - und das Ziel des tÃ¼rkischen Generalstabs, das Referendum zu verhindern.</p><p>UngefÃ¤hr ein FÃ¼nftel der 22 Mio. Iraker sind <strong>auf der Flucht</strong>: mehr als 2 Mio. im Ausland, davon 1,2 Mio. in Syrien, 750.000 in Jordanien, 200.000 in den Golfstaaten; 2,2 Mio. Binnenvertriebene, davon allein 743.000 in Irakisch Kurdistan mit seinen vier Mio. Einwohnern! Allein in 2006 flohen 1,5 Mio. Menschen. Ein zentraler AuslÃ¶ser war im Februar 2006 der schwere Anschlag auf die Goldene Moschee von Samarra, eines der bedeutendsten schiitischen HeiligtÃ¼mer im Irak. 150.000 FlÃ¼chtlinge kamen danach in die Kurden Region. Lt. UNHCR ist die Lage der BinnenflÃ¼chtlinge in Irakisch Kurdistan dramatisch. Die Belastung fÃ¼r die Wirtschaft sei erheblich, die Arbeitslosigkeit gestiegen. Die Regionalregierung schrÃ¤nkte seit Anfang 2007 fÃ¼r Binnenvertriebene den Zugang erheblich ein.</p><p>Wenn angesichts dieser enormen Belastungen die deutsche Innenministerkonferenz im letzten November den Abschiebestopp fÃ¼r irakische FlÃ¼chtlinge aufhob, das Bundesamt fÃ¼r Migration und FlÃ¼chtlinge den FlÃ¼chtlingsstatus fÃ¼r mehr al 18.000 Iraker widerrief und Bayern sogar nach Kirkuk abschieben will, dann ist das menschlich und sicherheitspolitisch ignorant und verantwortungslos. VÃ¶llig zu Recht protestierte Human Rights Watch im Juli sehr deutlich dagegen: Angesichts der andauernden FlÃ¼chtlingskrise sei es die falsche Botschaft zu einem Zeitpunkt, wo der UNHCR die internationale Gemeinschaft dazu aufrufe, die Lasten der NachbarlÃ¤nder zu teilen.</p><strong><p>Kurdische Nationalversammlung</p></strong><p>In der Eingangshalle bewachen Soldaten in sehr traditioneller Tracht das GroÃŸbild des legendÃ¤ren KurdenfÃ¼hrers Mullah Mustafa Barsani, Vater des jetzigen PrÃ¤sidenten. Das kurdische Parlament besteht seit 1992. Es konnte mit der ersten freien Wahl in der Geschichte des Irak entstehen, nachdem die Westalliierten angesichts der blutigen Niederschlagung des Kurdenaufstandes 1991 und ausgehend von der VN-Sicherheitsrats-Resolution 688 nÃ¶rdlich des 36. Breitengrads eine Schutz- und Flugverbotszone durchgesetzt hatten. (Es war der erste Fall einer sog. &quot;humanitÃ¤ren Intervention&quot;.)</p><p>Die Nationalversammlung umfasst 111 Abgeordnete, davon 29 Frauen (die Quote liegt bei 25%). 14 Parteien sind in ihr vertreten. Die Islamische Union umfasst 15 Abgeordnete. Vertreten sind auch Minderheiten wie Assyrer, ChaldÃ¤er und Turkmenen. Der Sprecher der Nationalversammlung lÃ¤dt uns ganz selbstverstÃ¤ndlich ins Plenum ein, wo heute das Ã–lgesetz beraten wird. Es ist ein ganz besonderer Moment, als Claudia kurzfristig ein GruÃŸwort an die Abgeordneten richten darf: Es sei hÃ¶chste Zeit fÃ¼r eine erste offizielle Delegation aus dem Deutschen Bundestag. Angesichts unseres bevorstehenden Besuches in Halabja empfinde sie Scham, dass Chemiewaffen auch mit Bestandteilen aus Deutschland eingesetzt worden seien. Die PrÃ¤sidenten Barsani und Talabani wÃ¼rden zeigen, dass BrÃ¼cken gebaut werden kÃ¶nnen. &quot;Ich sehe hier viele Frauen. Die <strong>Frauen in Kurdistan</strong> sind Vorbild fÃ¼r</p><p>einen demokratischen Neubeginn im Irak. Die MÃ¤nner kÃ¶nnen stolz auf diese Frauen sein.&quot;</p><p>Beim GesprÃ¤ch mit Mitgliedern des Frauenausschusses betont die Vorsitzende Pakhshana Zangana, dass die weiblichen Abgeordneten eine Art Fraktion seien. Sie setzen sich fÃ¼r eine hÃ¶here Frauenbeteiligung gerade auch in der Exekutive ein. Die Gesellschaft sei in der Geschlechterfrage noch zurÃ¼ck geblieben. Wichtige Themen sind Zwangsheirat, GenitalverstÃ¼mmelung, &quot;Ehrenmorde&quot;. GegenwÃ¤rtig ist unter bestimmten Bedingungen noch eine Vielehe mit bis zu vier Frauen erlaubt. Mitglieder des Ausschusses wollen eine Gesetzesinitiative fÃ¼r strikte Monogamie - da ist aber z.B. die Islamische Union dagegen.</p><strong><p>Die PrÃ¤sidenten</p></strong><p>Bei allen offiziellen GesprÃ¤chen in Erbil begegnet uns das Doppelfoto der beiden PrÃ¤sidenten: der traditionelle Turban-Kopf von Barsani, der weiÃŸhaarige BrillentrÃ¤ger Talabani - ein Bild altersmilder Eintracht.</p><p>Der PrÃ¤sidentenpalast von Barsani liegt ca. 30 km entfernt von Erbil bei Shaqlawah auf der HÃ¶he inmitten eines auffÃ¤llig weitlÃ¤ufigen Sperrgebiets, das auch einen nicht einsehbaren MilitÃ¤rstÃ¼tzpunkt beherbergt.</p><p>Der 61-jÃ¤hrige Barsani ist ein freundlicher Herr mit Turban und kurdischer Pluderhose. Er freut sich offenkundig sehr Ã¼ber die Wiederbegegnung mit Claudia. Beim GesprÃ¤ch dabei ist eine Frauendelegation, mit der er zuvor Ã¼ber die brennenden Themen Zwangsheirat, &quot;Ehrenmorde&quot; und weiblicher GenitalverstÃ¼mmelung gesprochen hatte.</p><p>Der PrÃ¤sidentensitz von Talabani liegt auf viertel HÃ¶he Ã¼ber Sulaimaniya gegenÃ¼ber von einem groÃŸen Rastplatz. Der 74-jÃ¤hrige, wie ein gemÃ¼tlicher Herr erscheinende charismatische KurdenfÃ¼hrer und StaatsprÃ¤sident empfÃ¤ngt Claudia auf der Freitreppe strahlend mit offenkundig grÃ¶ÃŸter Freude. Unser Besuch sei fÃ¼r ihn eine Freude und Ehre. Mit dabei ist Hero Talabani, die sehr engagierte</p><p>Frau des PrÃ¤sidenten, die zugleich eine begeisterte FÃ¶rderin der KÃ¼nste ist.</p><p>Von den beiden PrÃ¤sidenten heiÃŸt es, dass sie tatsÃ¤chlich den alten und tiefen Konflikt zwischen den beiden Kurdenparteien Ã¼berwunden hÃ¤tten. Wie weit sich das unten fortsetzt und ob es nach Abschied der beiden halten wÃ¼rde, steht auf einem anderen Blatt.</p><strong><p>Die Zukunft des Irak</p></strong><p>Nirgendwo ist auch nur andeutungsweise der Wunsch nach einem eigenen Kurdenstaat zu hÃ¶ren.</p><p>Die kurdischen Politiker betonen ihren Willen, im fÃ¶deralen Gesamtstaat Irak bleiben zu wollen. Sie scheinen bereit, eine BrÃ¼ckenfunktion zwischen Sunniten und Schiiten einzunehmen. Wie tragfÃ¤hig und aussichtsreich diese BrÃ¼ckenfunktion ist, kann ich nicht beurteilen.</p><p>Eine harte Haltung in der Kirkuk-Frage kÃ¶nnte dem zuwider laufen.</p><p>Offen bleibt auch, wie die kurdischen Politiker tatsÃ¤chlich die Zukunftschancen eines fÃ¶deralen Irak einschÃ¤tzen und sich nicht auch auf einen Plan B fÃ¼r den Horrorfall eines auseinander brechenden Irak einstellen.</p><p>Die NachbarlÃ¤nder werden kritisch gesehen: Der Iran wolle einen schwachen Irak. Jeder Nachbarstaat unterstÃ¼tze seine jeweiligen VerbÃ¼ndeten.</p><strong><p>Deutsche PrÃ¤senz</p></strong><p>AuffÃ¤llig ist, wie viele Kurden mit deutscher Vergangenheit hier arbeiten. Angefangen beim OberbÃ¼rgermeister von Erbil Nihad Salim, geboren auf der Zitadelle, lange in Bonn lebend, deutscher StaatsbÃ¼rger, seit MÃ¤rz 2004 im Amt. Auf seinem Schreibtisch das Modell einer MÃ¼lltonne. Er fÃ¼hrte sie hier erfolgreich ein. Oder die vielen gut Deutsch sprechenden Kurden in FÃ¼hrungsfunktionen, die uns begegnen: direkt bei Barsani wie in der PUK-FÃ¼hrung. Die Deutschfreundlichkeit ist offenkundig.</p><p>Beklagt wird die minimale politische und wirtschaftliche PrÃ¤senz Deutschlands in Irakisch-Kurdistan - im Unterschied zu der vieler anderer LÃ¤nder. Eine chinesische Firma sei mit 10.000 Mobilfunkkunden gestartet, jetzt habe sie Ã¼ber eine Million. &quot;Warum engagiert Ihr Euch so im viel schwierigeren Afghanistan, warum nicht im viel aussichtsreicheren Irakisch Kurdistan?&quot;</p><p>Es gibt wohl einen Honorarkonsul. FÃ¼r ein Visum nach Deutschland mÃ¼ssen die Leute aber nach Bagdad oder Ankara! Aus dem Bundestag sind wir wahrhaftig die erste Delegation. Ansonsten gibt es hier eine Filiale der deutschen AGEF (Arbeitsgruppe Entwicklung und FachkrÃ¤fte im Bereich der Migration und Entwicklung), die Irak-RÃ¼ckkehrer bei der beruflichen Reintegration unterstÃ¼tzt. Ansonsten Ã¼berwiegend Fehlanzeige.</p><p>Die GrÃ¼nde fÃ¼r diese offizielle deutsche NichtprÃ¤senz sind mir bisher schleierhaft.</p><p>Man mÃ¶chte nicht mit den USA allein gelassen werden. GewÃ¼nscht wird mehr EU, eine angemessene diplomatische Vertretung Deutschlands und mehr unternehmerisches Engagement, UnterstÃ¼tzung z.B. im Bereich Berufsschulen (wo es vor allem an vernÃ¼nftiger Berufsausbildung bei Elektrikern, Kfz-Mechaniker etc. mangelt), in Umweltpolitik, bei der BewÃ¤ltigung der Kriegs- und Diktaturfolgen (Identifizierung von MassengrÃ¤bern und Toten, RÃ¼ckstÃ¤nde der Chemiewaffen, Minen, Gesundheitsversorgung fÃ¼r GeschÃ¤digte, Hilfen fÃ¼r Traumatisierte). Sehr hilfreich wÃ¤re eine deutsche Schule fÃ¼r die vielen Kinder, die in Deutschland aufgewachsen und nun mit ihren Eltern nach Irakisch Kurdistan gekommen sind.</p><strong><p>Inselwelten + Zufallsbegegnungen</p></strong><p>Im &quot;christlichen Viertel&quot; befindet sich der &quot;Deutsche Hof&quot; mit seiner typisch deutschen Speisekarte von Bratwurst bis verschiedenen Schnitzeln. Zum ersten Mal erlebe ich im Biergarten den kÃ¼hlenden Wasserstaub einer Freiluftklimanalage.</p><p>Auf dem Rasen vor dem Hotel Intercontinental Erbil und der groÃŸen FontÃ¤ne sprieÃŸt nach Sonnenuntergang ein Gartenlokal. Der starke Wind bleibt heiÃŸ. Wir rufen Martin Kobler an, den deutschen Botschafter im Irak und ehemaligen BÃ¼roleiter von Joschka Fischer. Sehr gern hÃ¤tten wir uns hier getroffen. Uns fehlen die ungeschminkten Einblickhilfen eines guten Botschafter-Briefing und die direkte RÃ¼ckkoppelung unserer Erfahrungen. Wir hegen den Verdacht, dass er uns nicht treffen durfte. Unser Wortwechsel ist so munter-herzlich wie ganz eigenartig. Denn scheinbar selbstverstÃ¤ndlich sprechen wir mit einem lieben Menschen, der gerade in einer Festung lebt, umgeben von der HÃ¶lle von Bagdad.</p><p>In der &quot;Kebap-Hitze&quot; des Mittags besuchen wir kurz zwei groÃŸe gepflegte Parks: gegenÃ¼ber dem Parlament den &quot;Sami Abdul Rahman-Park&quot;, benannt nach dem Vizepremierminister, der am 1. Februar 2004 bei dem Doppelanschlag gegen die Parteizentralen von KDP und PUK in Erbil umkam. An die 117 Opfer erinnert ein groÃŸes Mahnmal. Der &quot;Minare Park&quot; mit dem Stumpf des groÃŸen Minaretts aus dem 12. Jahrhundert.</p><p>Im SÃ¼dosten das GÃ¤stehaus der PUK auf einem Bergkamm auf 1.500 m mit grandiosem Rundumblick nach Sulaimaniya und in eine weite Berglandschaft, in der sich frÃ¼her das Hauptquartier der PUK befand. In der Umgebung wimmelt es an der BergstraÃŸe an RastplÃ¤tzen, die abends voll von Familien mit ihrem Grill belegt sind. Unser Gastgeber ist Dr. Kamal Fuad, heute mit leitender Funktion im PolitbÃ¼ro, frÃ¼her lange Zeit Vertreter der PUK in Westdeutschland, wohin er 1957 gekommen war. Er und andere PUK-Veteranen erinnern sich an PUK-Treffen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre in MÃ¼nster.</p><p>WÃ¤ren die Tische bei den kurdischen Gastgebern nicht so massiv - sie wÃ¼rden sich biegen angesichts der FÃ¼lle der Speisen.</p><p>Trotz Freitag kÃ¶nnen wir dank der hilfreichen PrÃ¤sidentengattin die Zamwa Gallery am Rand des Basars von Sulaimaniya besuchen und die ausgesprochen schÃ¶nen Kunstwerke kurdischer KÃ¼nstler bewundern. Der Versuch, im Basar Ã¶rtliche Besonderheiten zu erstehen, scheitert aber. Hier ist alles Importware.</p><p>Auf einer SchnellstraÃŸe bei Erbil Ã¼berholen uns mit HÃ¶chsttempo drei schwere Landcruiser mit verdunkelten Scheiben. Auf ihrer RÃ¼ckfront ein Schild &quot;stay back 100 meters!&quot; Es sind US-Amerikaner.</p><p>In unserem Hotel Intercontinental fallen die relativ vielen asiatischen GeschÃ¤ftsleute auf.</p><p>Bei einem Zwischenstopp zwischen Erbil und Sulaimaniya lÃ¤uft in einem LÃ¤dchen gerade die Ãœbertragung des Halbfinalspiels um den Asien-Cup zwischen Irak und SÃ¼dkorea. Die vier irakischen Treffer im ElfmeterschieÃŸen ernten kurdisch-deutschen Kollektivjubel. Inzwischen hat die irakische Mannschaft den Cup gegen Saudi-Arabien gewonnen.</p><p>Im &quot;Roten Haus&quot; in Sulaimaniya werden wir in einer ehemaligen Zelle plÃ¶tzlich mit &quot;GrÃ¼ÃŸ Gott&quot; angesprochen. Drei Deutsche sind zusammen mit ihrem kurdischen Freund aus Deutschland in Sulaimaniya zu Besuch: Sie erleben hier &quot;herrliche Menschen&quot; und eine tolle Gastfreundschaft, es gebe zwei Irak, Deutschland vertue hier Chancen. Wir bleiben in Kontakt.</p><strong><p>Sulaimaniya</p></strong><p>Aus SicherheitsgrÃ¼nden fahren wir nicht die 1,5-Stunden-Strecke Ã¼ber Kirkuk, sondern die doppelt so lange dauernde Ã¼ber Koi Sanjaq und Dukan-See. Einblicke in die <strong>UniversitÃ¤t Sulaimaniya</strong> geben ein GesprÃ¤ch mit dem PrÃ¤sidenten und einigen seiner Kollegen sowie ein Rundgang. Die Uni wurde 1968 gegrÃ¼ndet, 1981 nach Erbil verlegt und 1992 durch Entscheidung der neuen kurdischen Regionalregierung wiedererÃ¶ffnet. An den 22 Colleges der Uni studieren mehr als 15.000 junge Leute, davon 45% Frauen. Es gibt keinerlei StudiengebÃ¼hren. Die Studieren erhalten sogar eine gewisse UnterstÃ¼tzung. Nach Abschluss der 12-jÃ¤hrigen Schule haben die Absolventen insgesamt 50 FÃ¤cher zur Auswahl. Die Uni bemÃ¼ht sich, bei der Zuweisung der StudienplÃ¤tze individuelle WÃ¼nsche und Marktlage in Einklang zu bringen. Der grÃ¶ÃŸte Andrang herrscht in der Medizin. Die Medizinische FakultÃ¤t hat eine</p><p>Partnerschaft mit der Uni Dortmund. Die 50 ArbeitsplÃ¤tze im Internetraum sind voll besetzt. Claudia spricht spontan ein herzliches GruÃŸwort. Der Campus macht insgesamt einen recht ordentlichen Eindruck.</p><strong><p>Khanzad Cultural + Social Center for Women</p></strong><p>Hier sprechen wir mit der Leiterin Khandan M. Jaza. Das Frauenberatungs- und -bildungszentrum Khanzad wurde 1996 zur UnterstÃ¼tzung der Anfal-Frauen gegrÃ¼ndet und praktiziert Frauenselbsthilfe unabhÃ¤ngig von Parteien und MÃ¤nnern. Ein Schwerpunkt ist Hilfe fÃ¼r Frauen im GefÃ¤ngnis: Auf Ehebruch von Frauen stehen 3-8 Jahre GefÃ¤ngnis, auf Prostitution 1-8 Jahre. Hierzu hat Khanzad gerade eine umfangreiche Studie verÃ¶ffentlicht. FÃ¼r MÃ¤nner sind dieselben &quot;Delikte&quot; nicht strafbar. Festgenommene Frauen werden sofort von ihren Familien verstoÃŸen. Extremer Ausdruck dafÃ¼r sind die &quot;Ehrenmorde&quot;. Inzwischen hÃ¤tten sich die Bedingungen in den FrauengefÃ¤ngnissen erheblich verbessert. Es gibt auch KindergefÃ¤ngnisse fÃ¼r 7- bis 17-JÃ¤hrige. Weitere &quot;AuÃŸenprojekte&quot; sind: Frauensozialarbeit in Elendsvierteln und ein Literaturprojekt.</p><p>Im Zentrum bietet Khanzad Fahr-, Computer-, Sprach-, Literatur- und Fitnesskurse, Kunsthandwerk- Kurse und eine Cafeteria an. Gegliedert ist Khanzad in eine Social und eine Cultural Section.</p><p>Insgesamt ist man bemÃ¼ht, dass aus den eigenen Projekten welche der Regierung werden.</p><p>Bei Khanzad arbeiten 26 Frauen und ein Mann. UnterstÃ¼tzt wird das Zentrum von dem entwicklungspolitischen Verein <strong>Haukari e.V.</strong> aus Frankfurt. (<a href="http://www.haukari.de/">http://www.haukari.de/</a>) Schwerpunkt von Haukari (&quot;UnterstÃ¼tzung/SolidaritÃ¤t) ist Irakisch Kurdistan.</p><p>(Als weitere deutsche NGO engagiert sich &quot;<strong>Wings of Hope Deutschland</strong>&quot; im Irak, seit 2003 in Bagdad - inzwischen wegen der Sicherheitslage eingestellt - und seit 2005 in Irakisch Kurdistan. Schwerpunkt ist die therapeutische Hilfe fÃ¼r kriegstraumatisierte Kinder. Ihre Zahl wird von UNICEF auf etwa eine halbe Million geschÃ¤tzt. Ich bin der guten Arbeit von Wings of Hope erstmalig 1997 in Sarajevo begegnet. www.wings-of-hope.de)</p><strong><p>Terror-Ort &quot;Rotes Haus&quot;</p></strong><p>Die frÃ¼here Zentrale der Sicherheitsorgane unter Saddam Hussein ist ein Komplex aus mehrstÃ¶ckigen GebÃ¤uden, umgeben von einer hohen Mauer. Im Hof sind verschiedene Panzer, SchÃ¼tzenpanzer, Kanonen, MÃ¶rser etc. ausgestellt. In ehemaligen Zellen zeigen Fotos die Grausamkeiten des Regimes: ErschieÃŸungen, VerstÃ¼mmelungen, Dorfvernichtungen, MassengrÃ¤ber. Mit Figuren nachgebildet sind eine Frauenzelle und verschiedene Folterszenen. Ein stockdunkler schlauchartiger Gang ist rundum mit 182.000 kleinen Spiegeln und 5.000 kleinsten Lichtern gestaltet. Sie symbolisieren die Anfal-Opfer und die zerstÃ¶rten DÃ¶rfer.</p><strong><p>Halabja</p></strong><p>Ca. eineinhalb Stunden brauchen wir Ã¼ber Sayyid nach Halabja, das in einer fruchtbaren Ebene nÃ¶rdlich des Darbandikhan-Sees vor einer zur iranischen Grenze bis auf 2.000 m aufsteigenden Bergkette liegt. Die Siedlungen machen einen zunehmend Ã¤rmlicheren Eindruck. Bisher empfand ich in Irakisch Kurdistan einen erheblichen Abstand zu meinem Vergleichsland Afghanistan. Hier wachsen die Assoziationen.</p><p>Anfang 1988 lebten in Halabja ca. 60.000 Menschen. Zwei Stadtteile waren im Vorjahr schon von der irakischen Armee zerstÃ¶rt worden. Am 14. MÃ¤rz eroberten kurdische Peshmergas und iranische Truppen Halabja. Vom 16. MÃ¤rz an greift die irakische Luftwaffe drei Tage lang Halabja mit Chemiekampfstoffen (Nervengase Senfgas, Sarin, Tabun) an. Dem ersten Chemiewaffenangriff auf ZivilbevÃ¶lkerung in der Weltgeschichte fallen mindestens 5.000 Menschen zum Opfer, mindestens 10.000 werden verletzt. Viele sind ihr Leben lang geschÃ¤digt. Auch in der Folgegeneration hÃ¤ufen sich bestimmte SchÃ¤digungen. Es gibt Vermutungen, dass auch biologische und radioaktive Substanzen eingesetzt worden seien. Die Toten wurden damals schnellstmÃ¶glich in Bombenkratern und MassengrÃ¤bern beerdigt, vielfach ohne vorherige Feststellung ihrer IdentitÃ¤t.</p><p>Das Massaker lÃ¶st weltweit groÃŸe EmpÃ¶rung und Proteste aus. Anders die Regierungen: Die arabischen Staaten stÃ¼tzen das Baath-Regime. Die sozialistischen und islamischen LÃ¤nder (auÃŸer Iran) schweigen dazu. Der Westen unternimmt nichts Ernsthaftes. Das US-AuÃŸenministerium und die Defence Intelligence Agency verbreiten die Version, Iran sei fÃ¼r den Angriff verantwortlich gewesen. Das alles ist eine Ermutigung fÃ¼r das Regime von Saddam Hussein, den seit dem 23. Februar laufenden Vernichtungsfeldzug der &quot;Anfal-Kampagne&quot; unter FÃ¼hrung von Ali Hassan al-Majid (spÃ¤ter &quot;Chemie-Ali&quot; genannt) auszuweiten und bis September fortzusetzen. Human Rights Watch verÃ¶ffentlicht 1995 die Ã¼ber zwei Jahre recherchierte Studie &quot;Iraq`s Crime of Genocide: The Anfal Campaign Against the Kurds&quot; und bezeichnet damit die irakische KriegfÃ¼hrung als VÃ¶lkermord. Ali Hassan al-Maijd wurde inzwischen in Bagdad im Juni zum Tode verurteilt. Einige Offizielle befÃ¼rworten seine Hinrichtung in Halabja. Etliche Opfer und auch die Ministerin fÃ¼r Anfal-Opfer und MÃ¤rtyrer wenden sich dagegen.</p><p>Nach Beobachtung der Archaeologists for Human Rights gehÃ¶rt Halabja heute zu den Ã¤rmsten Regionen des Irak, die medizinischen Einrichtungen seien unzureichend. Die Ãœberlebenden und Hinterbliebenen des Giftgasangriffs wÃ¼rden seit Jahren marginalisiert und vernachlÃ¤ssigt. Die wachsende Unzufriedenheit habe sich in den Unruhen anlÃ¤sslich des 18. Jahrestag des Angriffs im vorigen Jahr gezeigt, an denen ca. 7.000 Menschen beteiligt gewesen sein sollen und wobei das Halabja-Memorial in Brand gesetzt wurde, das im August 2003 in Anwesenheit von Jalal Talabani, US-AuÃŸenminister Powell und dem Leiter der Coalition Provincial Authority Paul Bremer II. eingeweiht worden war.</p><p>Unser Konvoi nach Halabja umfasst heute neun Landcruisers wegen der verstÃ¤rkten Sicherheitskomponente. In Halabja sind unsere verschiedenen Besuchsorte von Soldaten nach auÃŸen abgesichert. Jetzt erinnert es mich langsam an einen PRT-Besuch in Nord-Afghanistan. Ob die stÃ¤rkere Polizei- und MilitÃ¤rprÃ¤senz einer kritischeren GefÃ¤hrdungslage geschuldet ist oder ob sie vielleicht auch Kontakte zwischen der BevÃ¶lkerung und uns verhindern soll, kann ich nicht beurteilen.</p><strong><p>Erste Station ist die PUK-Zentrale, wo uns der Ã¶rtliche Parteichef mitsamt dem BÃ¼rgermeister, anderen Offiziellen und fÃ¼nf Vertretern der &quot;Halabja Chemical Victims Society&quot; empfÃ¤ngt. An einer Wand hÃ¤ngt ein Poster, das den berÃ¼hmten Revolver mit dem verdrehten Lauf (AbrÃ¼stungsmahnmal der VN) zeigt, &quot;non violence&quot;. Halabja sei auÃŸer am 16. MÃ¤rz 1987 mehrfach von Saddam Hussein zerstÃ¶rt worden. Nach 1991 seien hier die Islamisten stark gewesen. (Ihre Herrschaft wurde erst 2003 von US-Truppen und Peshmergas beendet.) Deshalb sei der Aufbau sehr langsam voran gekommen. Die Stadt sei immer noch verletzt, Menschen immer noch krank. GeschÃ¤digte Kinder wÃ¼rden geboren. Er kritisiert die deutschen Firmen, die damals zur ChemierÃ¼stung des Regimes beigetragen hÃ¤tten. &quot;Im Namen des Volkes von Halabja: Herzlich willkommen.&quot;</p></strong><p>Claudia betont nachdrÃ¼cklich ihre Trauer Ã¼ber die Tausenden Opfer und auch ihre Scham Ã¼ber die Beihilfe deutscher Firmen. Ich stelle klar, dass es gerade die GrÃ¼nen waren, die ab 1987 immer wieder scharf gegen diese Art deutscher RÃ¼stungsexporte protestiert hatten; dass gerade Claudia Roth eine VerschÃ¤rfung der deutschen RÃ¼stungsexportrichtlinien durchgesetzt habe. Wir sÃ¤hen sehr wohl eine Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland,</p><p>Der 40-jÃ¤hrige Aras Abid Akram, einziger Ãœberlebender von einer 12-kÃ¶pfigen Familie: Eine schnelle Behandlung der physischen und psychischen Verletzungen wÃ¤re nÃ¶tig gewesen. Einen gewissen Hass gegen Deutsche gebe es schon wegen Beteiligung der deutschen Firmen. Warum sei bis heute nicht geholfen worden, warum? Dabei verfÃ¼ge Deutschland doch Ã¼ber gute Mediziner.</p><p>Ein LungengeschÃ¤digter: Schweden habe ein Krankenhaus hier errichtet. Er hoffe, dass wir nicht nur zu Halabja im Parlament sprechen wÃ¼rden, sondern dass auch was geschehe.</p><p>Dokumente und Fotos seien an NGOs gegangen.</p><p>Die zweite Station ist der<strong> Friedhof</strong> <strong>fÃ¼r die Opfer von 1987</strong>. Auf den Hunderten flachen Steinen stehen die Namen der Toten einer Familie. Es ist ein symbolischer Friedhof. Niemand weiÃŸ, in welchem der 78 MassengrÃ¤ber die Toten begraben wurden. Am Denkmal, der Silhouette eines Menschen, der die HÃ¤nde vor die Brust hÃ¤lt, legen wir ein Blumengebinde nieder. Ein Gebet wird gesprochen. Claudia spricht einige Worte, dann ich. Aras berichtet vom damaligen Angriff, wo er schon beim ersten Angriff, noch einer mit konventionellen Bomben, verletzt wurde. Er wisse nicht, warum er dann Ã¼berlebt habe. Die Fliehenden jedenfalls seien durch das Giftgas umgekommen. Normale Medikamente hÃ¤tten wenig geholfen. Die Halabja-Leute wÃ¼rden in Einsamkeit und Trauer leben.</p><p>Dritte Station: Das <strong>Halabja-Memorial</strong> in NÃ¤he der HauptstraÃŸe nach Sulaimaniya. Der vordere Teil der Dachkonstruktion ist verbrannt. Auf den schwarzen InnenwÃ¤nden des runden Memorials sind die Namen aller Opfer aufgefÃ¼hrt. Sogar hier gibt es BeschÃ¤digungen. Ein jÃ¼ngerer Mann, Verantwortlicher fÃ¼r das Memorial, gibt eine andere Version der damaligen Ausschreitungen: Islamisten hÃ¤tten sich unter die Demonstration fÃ¼r den Aufbau Halabjas gemischt und diese aufgewiegelt.</p><p>Vierte Station ist schlieÃŸlich der kleine Compound des unabhÃ¤ngigen <strong>Community Radios &quot;Dange Nwe&quot;/Neue Stimme</strong>. Die jungen Leute mÃ¶chten ausdrÃ¼cklich ohne Offizielle und Parteienvertreter nur mit uns sprechen. Unsere Begleiter mÃ¼ssen sich fÃ¼gen, machen dann aber wegen der RÃ¼ckfahrt Druck. Die Neue Stimme besteht seit 2005, hat 14 jÃ¼ngere MitarbeiterInnen, alles Ãœberlebende von 1987, und richtet sich in seinen acht Stunden Sendung pro Tag vor allem an Frauen und Jugendliche. Das Radio bringt Nachrichten, Talkshows, selbst produzierte Dokumentationen, Ratgebersendungen, kurdische, arabische, persische, tÃ¼rkische und internationale Musik sowie eine halbstÃ¼ndige Romanlesung. Die Neue Stimme gilt als der populÃ¤rste Sender in der Region und ist das erste Community Radio im Nahen Osten auÃŸerhalb Israels. Das Radio wird maÃŸgeblich von <strong>WADI e.V.</strong> (Verband fÃ¼r Krisenhilfe und Solidarische Entwicklungszusammenarbeit in Frankfurt, www.wadinet.de) unterstÃ¼tzt und beteiligt sich an der aktuellen Kampagne von WADI gegen GenitalverstÃ¼mmelung. Das zweite Projekt vor Ort ist ein Frauenzentrum. Nachdem 2005 Mobile Teams zur UnterstÃ¼tzung von Frauen in lÃ¤ndlichen Gebieten erstmalig die genitale VerstÃ¼mmelung (Female Genital Mutilation/FGM) von Frauen und MÃ¤dchen in der Region Germian meldeten, entwickelte sich daraus die von lokalen Frauen- und Menschenrechtsgruppen und WADI getragene Kampagne &quot;Stop FGM in Kurdistan&quot;. Eine Gesetzesinitiative gegen FGM erhielt UnterstÃ¼tzung von prominenten PolitikerInnen, darunter dem ParlamentsprÃ¤sidenten Mufti, und soll nach der Sommerpause eingereicht werden.</p><strong><p>Anmerkung zu den internationalen Beihilfen zur ChemiewaffenrÃ¼stung des Irak</p></strong><p>Nach Know-how und Materialien zur Entwicklung von Chemiewaffen erhielt der Irak aus den USA, Westdeutschland, GroÃŸbritannien, Frankreich und China. Vorstoffe kamen aus Singapur, Niederlanden, Ã„gypten, Indien, und BRD. Aus der Bundesrepublik waren beteiligt die Firmen Karl Kolb/Dreieich (wissenschaftliche LaborausrÃ¼stungen, bestimmte chemische Grundstoffe), Water Engineerimng Trading/Hamburg (Wasseraufbereitungsanlagen fÃ¼r den C-Waffen-Komplex in Samarra). Diese &quot;GeschÃ¤ftsbeziehungen standen im Kontext umfassender UnterstÃ¼tzungen auf den Feldern Nukleartechnik (H+H Metalform Drensteinfurt, Nukem Hanau u.a.), Waffen- und Munitionsanlagen (Ferrostaal Essen, Buderus, Mannesmann, Fritz Werner Industrie-AusrÃ¼stungen, Siemens u.a.), Raketentechnik + Hubschrauber (MBB MÃ¼nchen u.a.).</p><strong><p>Die GrÃ¼nen begannen schon bald nach ihrem Einzug in den Bundestag mit parlamentarischen Initiativen zum Komplex RÃ¼stungsexporte an Diktaturen: Im Juli 1984 Kleine Anfrage von Petra Kelly u.a. zur &quot;Herstellung chemischer Waffen im Ausland mit chemischen Anklagen aus Deutschland&quot; anlÃ¤sslich des Einsatzes von Senfgas und Tabun durch den Irak gegen den Iran (Drs.10/1710); im September 1984 Kl. Anfrage von Petra Kelly zu &quot;BemÃ¼hungen um Inspektion chemischer Anlagen im Irak&quot; (Drs. 10/2026); Antrag &quot;Stopp der RÃ¼stungsexporte in die LÃ¤nder des Nahen Ostens&quot; anlÃ¤sslich der Lizenzproduktion dt. Gewehre und Maschinengewehre in Saudi-Arabien (Drs. 10/4029); Kl. Anfrage von Otto Schily &quot;Dt.</p></strong><p>Waffenexporte in den Irak trotz eindeutiger Verbote durch das Kriegswaffenkontrollgesetz&quot; (Drs. 11/2477); Bundestagsreden von Otto Schily und Helmut Lippelt zu Giftgaseinsatz und Verfolgung der Kurden am 21.9.1988; (...). Im Februar 1989 (und nochmals im MÃ¤rz 1990) forderten die GrÃ¼nen in AntrÃ¤gen (Drs. 11/4010 und 11/6637) die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Untersuchung der Kontroll- und Genehmigungspraxis der Bundesregierung am Beispiel der Beteiligung dt. Unternehmen an der Planung und am Bau von Anlagen zur Herstellung von Chemischen und Biologischen Waffen im Iran, im Irak, in Libyen und Syrien. Die AntrÃ¤ge wurden nicht nur von den Regierungsfraktionen CDU/CSU und FDP, sondern auch von der SPD abgelehnt. Insgesamt war die Haltung der damaligen Bundesregierung: BeschÃ¶nigen, Mauern, &quot;Nichtwissen&quot;. Aber das war nicht alles: Es gab erhebliche Verdachtsmomente, dass die Bundesregierung unter Kohl und Genscher Ã¼ber den BND in die RÃ¼stungsgeschÃ¤fte verwickelt war.</p><p>(vgl. <em>Dokumentation &quot;GrÃ¼ne Initiativen gegen RÃ¼stungsexporte in den Nahen Osten&quot;, Schwerpunkt Irak, Bonn 1991</em>)</p><p>Die juristische Aufarbeitung brachte kaum Ergebnisse: In der Masse wurden Verfahren eingestellt; es gab wenige BuÃŸgeldbescheide, zweimal kÃ¼rzere Haftstrafen (H+H Metalform)</p><p>In die andere Richtung war die Justiz sanktionsfreudiger: Der Gesellschaft fÃ¼r bedrohte VÃ¶lker, die mehrfach fÃ¼r den Irak bestimmte Container Ã¶ffnen konnte, wurde eine Ordnungsbusse von bis zu einer Mio. DM angedroht fÃ¼r die Wiederholung des Vorwurfs der MittÃ¤terschaft. Medico International wurde 1992 zu einer Geldstrafe verurteilt, weil Medico ein Anti-Dot-Medikament an Kurdinnen und Kurden geliefert hatte, das nach einem Giftgaseinsatz helfen kann. Der Export sei &quot;widerrechtlich&quot; und &quot;genehmigungspflichtig&quot; gewesen.</p><strong><p>Wildes Kurdistan</p></strong><p>Ãœber eine Nebenstrecke (Zemuk, Balisan, Shaqlawah) fahren wir zurÃ¼ck nach Erbil: zunÃ¤chst vorbei an Kasernen mit etlichen aufgereihten GeschÃ¼tzen, dann durch sehr abwechslungsreiches Bergland, Ã¼bersÃ¤t mit einzelnen BÃ¤umen, ein Flusstal mit Freitagsurlaubern. Kleine Siedlungen werden immer Ã¤rmlicher, die HÃ¼tten liegen terrassenfÃ¶rmig am Hang. Unterwegs begegnet uns praktisch kein Fahrzeug. Nach endlosen Serpentinen Ã¶ffnet sich ein herrlicher Blick auf den Dukan-See. Danach durchqueren wir mehrfach offenkundige Erholungsorte.</p><strong><p>Konsequenzen</p></strong><p>- Die verbreitete Pauschalwahrnehmung des Irak ist bequem, aber falsch und sicherheits- wie friedenspolitisch fahrlÃ¤ssig und verantwortungslos. Die Reisewarnungen des AA mÃ¼ssen differenziert werden.</p><p>- Irakisch Kurdistan ist eine Insel relativer StabilitÃ¤t in einem Umfeld massivster Konflikte und Risiken. &quot;Die StabilitÃ¤t von Irakisch Kurdistan liegt im unmittelbaren Sicherheitsinteresse der Bundesrepublik und der EU. Dies kommt auch dem gesamten fÃ¶deralen Irak zugute, nicht zuletzt weil mittlerweile auch zahlreiche Araber in den Norden geflÃ¼chtet sind. Durch die umstrittene ZugehÃ¶rigkeit der unter Saddam Hussein zwangsarabisierten Stadt Kirkuk, Ã¼ber die ein Referendum entscheiden soll, drohen auch die Spannungen im Norden zu wachsen. Eine stÃ¤rkere UnterstÃ¼tzung Irakisch Kurdistans durch die EU und eine Begleitung der Reformprozesse wÃ¤re deshalb ein wichtiger Beitrag zu Deeskalation und Stabilisierung.&quot; (Reise-Kurzbericht) Diese CHANCEN zu nutzen, ist umso dringlicher, als die direkten HandlungsmÃ¶glichkeiten gegenÃ¼ber der heillos desastrÃ¶sen Entwicklung im arabischen Teil des Irak minimal sind.</p><p>- Notwendig sind ein deutsches Generalkonsulat in Erbil und erhÃ¶hte diplomatische und politische Kontakte.</p><p>- Ein erheblicher Bedarf besteht auf den Feldern Hochschulkooperation, akademischer Austausch, Berufsausbildung, deutsche Schule.</p><p>- Viele dringliche wie aussichtsreiche Ansatzpunkte gibt es fÃ¼r MaÃŸnahmen deutscher Entwicklungs-, Finanzieller und Technischer Zusammenarbeit, fÃ¼r das Engagement deutscher Unternehmen und einen stÃ¤rkeren Austausch auf zivilgesellschaftlicher Ebene.</p><p>- ÃœberfÃ¤llig sind UnterstÃ¼tzungen bei der BewÃ¤ltigung der Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft. Hier steht die Bundesrepublik angesichts der schÃ¤ndlichen Beihilfen in den 80er Jahren in Mitverantwortung: Bis zum 20. Jahrestag von Halabja am 16. MÃ¤rz 2007 muss einiges in die GÃ¤nge kommen.</p><p>Zusammengefasst: Wer zu Recht behauptet, die weitere Entwicklung im Irak sei fÃ¼r Deutschland und Europa von erheblichem Sicherheitsinteresse, muss wenigstens die <strong>CHANCEN NUTZEN</strong>, die es am Rand des Hexenkessels gibt! Angesichts der katastrophalen humanitÃ¤ren Entwicklung im Irak ist es zugleich ein Gebot verantwortlicher menschenrechtsorientierter AuÃŸenpolitik.<strong>DANKE</strong></p><ul><li><strong>RenÃ© Wildangel fÃ¼r sie hervorragende organisatorische und inhaltliche ReiseunterstÃ¼tzung!</strong></li><li><strong>Den Mitarbeitern des Department of Foreign Relations des Kurdistan Regional Government und Ziyad Goran vom BÃ¼ro fÃ¼r AuÃŸenbeziehungen der PUK fÃ¼r ihre professionelle und gastfreundliche UnterstÃ¼tzung und schÃ¼tzende Begleitung!</strong></li></ul></div>


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