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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Wider das schnelle Vergessen: Am Hang von Sarajevo und das &quot;GelÃ¶bnis von Banja Luka&quot; - unsere SchlÃ¼sselerfahrungen im Oktober 1996</title>
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    <span class="xar-mod-title">Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Internationale Politik und Regionen + Afghanistan + Bericht von Winfried Nachtwei + Stellungnahme</span>

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            Wider das schnelle Vergessen: Am Hang von Sarajevo und das &quot;GelÃ¶bnis von Banja Luka&quot; - unsere SchlÃ¼sselerfahrungen im Oktober 1996         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 22. Oktober 2016 20:25:43 +02:00 (45046 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Am 22. Oktober 1996 standen wir am Hang von Sarajevo, blickten auf die Stadt, die &uuml;ber drei Jahre belagert + beschossen worden war. HIER erreichte auch mich erst, was ich seit Jahren &uuml;ber die Medien wusste, aber nie ganz an mich rangelassen hatte. &quot;Kein zweites Bosnien im Einflussbereich europ&auml;ischer Politik!&quot; war das Gel&ouml;bnis. Dazu der SZ-Bericht von Christiane Schl&ouml;tzer-Scotland und mein Reisebericht.</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Am Hang von Sarajevo und das &bdquo;Gel&ouml;bnis von Banja Luka&ldquo;:</strong><strong> Schl&uuml;sselerfahrungen f&uuml;r gr&uuml;ne und deutsche </strong></p>
<p align="center"><strong>Friedens- und Sicherheitspolitik &ndash; Wider das schnelle Vergessen</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, 22.10.2016</p>
<p><strong>Am 22. Oktober 1996, heute vor 20 Jahren, standen wir, Mitglieder einer Spitzendelegation von Gr&uuml;ner Fraktion und Partei, am Hang von Sarajevo. Wir blickten hinunter auf die Stadt der Olympischen Winterspiele von 1984, die 1992 bis 1996 1.425 Tage von serbischen Kr&auml;ften belagert und beschossen worden war. Etwa 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder,&nbsp; verloren dabei ihr Leben.</strong></p>
<p>Hier einige Erinnerungsst&uuml;cke wider das Vergessen einer j&uuml;ngeren Vergangenheit, an die zu erinnern friedens- und sicherheitspolitisch dringend ist.</p>
<p>(<strong>Fotos</strong> dazu auf <a href="http://www.facebook.com/winfried.nachtwei">www.facebook.com/winfried.nachtwei</a> )</p>
<p><strong>(1) &bdquo;Rumrutschen in der Mausefalle&ldquo;, </strong>Seite Drei-Artikel von Christiane Schl&ouml;tzer-Scotland&nbsp; in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 28. Oktober 1996 (weitere umfangreiche Artikel erschienen in der FR &bdquo;Wer hier war, denkt anders&ldquo;, taz &bdquo;Schweigeminute beim Blick auf Sarajevo&ldquo;, SPIEGEL &bdquo;Gutes Gewissen&ldquo; und Focus &bdquo;Hahnenk&auml;mpfe in Bosnien&ldquo;) sowie</p>
<p><strong>(2) mein Reisebericht</strong> &bdquo;<strong><em>Konfrontation mit der Kriegswirklichkeit</em></strong><em>: Bosnien-Reise der Vorst&auml;nde von Bundestagsfraktion und Partei von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen</em>&ldquo; vom November 1996.</p>
<p><strong>(3) Reise&uuml;bersicht und mein Vortragsangebot</strong> &bdquo;Gr&uuml;ne Bosnien-Reise vor 20 Jahren: Schl&uuml;sselerfahrungen und was daraus wurde &ndash; Bilanz und Lehren angesichts heutiger Krisenst&uuml;rme&ldquo; unter <a href="http://www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1426">www.nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1426</a> &nbsp;Ein Angebot gerade f&uuml;r J&uuml;ngere, f&uuml;r die die Balkankriege weit weg sind.</p>
<p><strong>(4) Zusammenfassung der dreifachen Schl&uuml;sselerfahrung</strong> in meinem Beitrag &bdquo;Von Belgrad bis Kabul: &Uuml;ber milit&auml;rische Interventionen zum Frieden?&ldquo; in: Gernot Erler (Gh.), Warum Frieden machbar ist &ndash; Kriegsverh&uuml;tung und Friedensstrategien seit dem 1. Weltkrieg, Freiburg/Herder 2014, S.&nbsp; 126.</p>
<p><strong>(5) Anmerkung</strong>: Am 27. September 2012 endete der Bundeswehreinsatz in Bosnien-Herzegowina (UNPROFOR/IFOR/SFOR/ALTHEA). Es war der erste gro&szlig;e und mit 17 Jahren l&auml;ngste deutsche Einsatz im Auftrag der UN.</p>
<p>Dass der Auftrag &quot;Absicherung des Friedensvertrages von Dayton&quot; nach einem verheerenden Krieg unter Nachbarn mit &uuml;ber 100.000 Todesopfern erfolgreich erf&uuml;llt und ein Wiederaufflammen von Kriegsgewalt verhindert wurde (in 50% der Waffenstillst&auml;nde weltweit kommt es binnen f&uuml;nf Jahren zu solchen R&uuml;ckf&auml;llen),</p>
<p>- dass hierbei 63.500 Bundeswehrsoldaten zum Einsatz kamen,</p>
<p>- dass 18 Soldaten bei diesem Einsatz ihr Leben verloren, keiner durch feindliche Einwirkung,</p>
<p>- dass es nach Erkenntnis der von mir in 2015 geleiteten G36-Kommission beim deutschen Bosnieneinsatz kein einziges Feuergefecht gab und nur wenige Warnsch&uuml;sse gemeldet wurden,</p>
<p>alles das ist wenig bekannt, oft vergessen und auch verdr&auml;ngt. Eine so erfolgreiche und gewaltarme Friedenssicherung im Auftrag der UN passt offenbar auch nicht ins Weltbild von &bdquo;Linken&ldquo;, f&uuml;r die jeder Bundeswehreinsatz gleich Kriegseinsatz ist. (Mein Brief dazu vom 3. Oktober 2012 <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1164">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1164</a> )</p>
<p><strong>(1) </strong>Die Reise der Gr&uuml;nen durch Bosnien und das Gel&ouml;bnis von Banja Luka</p>
<p><strong>Rumrutschen in der Mausefalle</strong></p>
<p><strong>Konfrontiert mit der Realit&auml;t im Land, m&uuml;ssen die Gegner von NATO-Milit&auml;reins&auml;tzen zunehmend erkennen, dass die harte Front nicht mehr zu halten ist</strong></p>
<p>Von Christiane Schl&ouml;tzer-Scotland (S&uuml;ddeutsche Zeitung 28. Oktober 1996)</p>
<p><strong>Sarajewo</strong>, 27. Oktober &ndash; Der Abgeordnete Winni Nachtwei kann sich gut an den 6. Dezember vor einem Jahr erinnern. Damals stand er am Rednerpult des Bundestags und begr&uuml;ndete, warum er als Pazifist eine Beteiligung der Bundeswehr an der internationalen Truppe in Bosnien auf keinen Fall billigen k&ouml;nne. Nun blickt Nachtwei im Nieselregen von einer leichten Anh&ouml;he herab erstmals auf die zerschossene bosnische Hauptstadt Sarajewo. Die H&uuml;gelkette, auf der die Granatwerfer der serbischen Angreifer standen, liegt hinter ihm, auch die Bergh&ouml;hen auf der gegen&uuml;berliegenden Seite sind im Dunst gut zu erkennen. &bdquo;Das war eine Mausefalle&ldquo;, sagt der Abgeordnete Nachtwei. Die Umstehenden schweigen betreten &ndash; bis einer seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle halten kann. &bdquo;Und ihr wolltet Papierblumen abwerfen, mit sch&ouml;nen Gr&uuml;&szlig;en von der gr&uuml;nen Partei&ldquo;, h&ouml;hnt Joschka Fischer. Ein heftiger Wortwechsel mit Kerstin M&uuml;ller, der Fraktionssprecherin&nbsp; der Linken, folgt. Der Rest der kleinen Gruppe im Regen bleibt stumm. Sechs Tage lang hat der Fraktionschef Joschka Fischer die gesamte F&uuml;hrungscrew der Gr&uuml;nen durch Bosnien reisen lassen. &Uuml;ber kein Thema haben die Gr&uuml;nen im letzten Jahr so gestritten wie &uuml;ber die Milit&auml;reins&auml;tze der NATO im ehemaligen Jugoslawien. Fischer hatte f&uuml;r den Einsatz gestimmt, die Mehrheit der Bundestagsfraktion dagegen. Bis heute ist die Partei in zwei Lager gespalten. K&uuml;nftig k&ouml;nnten die Fronten br&ouml;ckeln. Denn der Trip durch das zerst&ouml;rte Land wurde zu einer Art Damaskus-Erlebnis f&uuml;r die deutschen Gr&uuml;nen.</p>
<p><strong>Freundliche Neugier</strong></p>
<p>Im kroatischen Trogir scheint noch die Sonne, als Fischer und seine Truppe zum deutschen Kontingent der IFOR-Soldaten eintreffen. Zum ersten Mal wird hier eine Delegation der Gr&uuml;nen empfangen. Fischer dr&auml;ngte auf den Besuch bei der Bundeswehr gleich zu Beginn der Reise. Mit freundlicher Neugier bestaunt man sich gegenseitig. Brigadegeneral Friedrich Riechmann f&uuml;hrt durchs hochmoderne Feldlazarett. Junge Sanit&auml;terinnen &uuml;berraschen die Gr&uuml;nen mit dem Wunsch, direkt in Bosnien humanit&auml;re Hilfe leisten zu d&uuml;rfen&nbsp; statt in Kroatien Verb&auml;nde zu wickeln. Vor allem&nbsp; Br&uuml;cken und Stra&szlig;en haben deutsche Soldaten in Bosnien gebaut. Daraus schlie&szlig;t Milit&auml;rgegner J&uuml;rgen Trittin in Trogir, all dies h&auml;tte auch das Technische Hilfswerk besorgen k&ouml;nnen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Parteichef der Gr&uuml;nen von Bosnien noch nichts gesehen. Ein Bundeswehrhubschrauber der IFOR-Truppen tr&auml;gt die Gr&uuml;nen &uuml;ber niedergebrannte D&ouml;rfer hinweg nach Mostar. Wie schwierig der Wiederaufbau einer Zivilgesellschaft in der zwischen Kroaten und Muslimen geteilten Stadt, erfahren Fischer und seine Freunde gleich nach der Ankunft. Der kroatische B&uuml;rgermeister Ivan Prskalo l&auml;&szlig;t den Termin mit den Besuchern platzen. Auch der bosnische B&uuml;rgermeister Safet Orucevic erscheint zun&auml;chst nicht, weil Prskalo ihm gesagt hat, das Treffen mit den deutschen Parlamentariern finde nicht statt. Der Sonderbeauftragte der EU in Mostar, der Brite Martin Garrod, gibt dann als erster den Gr&uuml;nen die eindringliche Mahnung mit, dass der br&uuml;chige Frieden in Bosnien nur halten kann, wenn die am 20. Dezember zu Ende gehende IFOR-Mission verl&auml;ngert wird. Diese Botschaft wird in Sarajewo zum Refrain.</p>
<p>Der Verkehr flie&szlig;t wieder in den Stra&szlig;en der geschundenen Hauptstadt. In den halb ausgebrannten Plattenbauten Sarajewos wird jeder halbwegs bewohnbare Raum genutzt. Volle W&auml;scheleinen spannen sich vor dunklen Fensterh&ouml;hlen &uuml;ber die Hochhausbalkons. &bdquo;Ich kriege eine G&auml;nsehaut, wenn ich das sehe&ldquo;, sagt Werner Schulz, der parlamentarische Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen. Schulz ist in der DDR aufgewachsen. Weil er keine Waffe in die Hand nehmen wollte, diente er als Baudsoldat. In Sarajewo sagt er: &bdquo;Ich sch&auml;me mich. Wir h&auml;tten hier viel fr&uuml;her eingreifen m&uuml;ssen&ldquo;.</p>
<p><strong>Heftige Spannungen</strong></p>
<p>Michael Steiner, der stellvertretende Koordinator f&uuml;r den zivilen Wiederaufbau in Bosnien-Herzegowina, ist ein vielbesch&auml;ftigter Mann. Aber Steiner nimmt sich einen ganzen langen Abend Zeit f&uuml;r die Oppositionspolitiker aus Deutschland. Ohne die IFOR-Truppen, sch&auml;rft er den Gr&uuml;nen ein, h&auml;tten nicht einmal die j&uuml;ngsten Parlamentswahlen in Bosnien stattfinden k&ouml;nnen, weil Soldaten die W&auml;hlersch&uuml;tzten. In den IFOR-Chor stimmen selbst Kirchenm&auml;nner ein. &bdquo;Wer das B&ouml;se nicht stoppt, tr&auml;gt auch Schuld&ldquo;, predigt der katholische Kardinal Puljic bei einer Audienz i seinem Amtszimmer den Gr&uuml;nen. Der serbische Priester Jovanovic &uuml;berrascht die Besucher in seiner Privatwohnung mit nicht weniger deutlichen Worten. &bdquo;Warum seid ihr nicht fr&uuml;her gekommen?&ldquo; will Jovanovic wissen.</p>
<p>Zumindest bei der kleinen j&uuml;dischen Gemeinde (die in der 1395 Tage langen Belagerung Sarajewos zwei Drittel ihrer 1500 Mitglieder durch Flucht verlor) erwarten die Gr&uuml;nen Ressentiments gegen deutsche Soldaten. Doch Gemeindechef Danilo Nikolic kann damit nicht dienen. Der 59j&auml;hrige sagt, ihm seien auch deutsche Soldaten auf bosnischem Boden willkommen, wenn sie den Frieden bewahrten.</p>
<p>Als die Gr&uuml;nen Sarajewo wieder verlassen, sind bereits einige Weltbilder ins Wanken geraten. Doch die eigentliche Katharsis steht den Reisenden noch bevor. Ort des Geschehens: Tuzla.</p>
<p>Die zweitgr&ouml;&szlig;te Stadt Bosniens ist jetzt das Zentrum der Fl&uuml;chtlinge aus der einstigen UN-Schutzzone Srebrenica. Als die serbischen Kriegsherrn im Juli 1995 Srebrenica eroberten und die UN dem Morden tatenlos zuschaute, forderte Joschka Fischer seine Partei erstmals dazu auf, ihr Prinzip der Gewaltlosigkeit zu &uuml;berdenken. Nun sitzen Fischer und seine Kontrahenten in der Bosnien-Debatte, J&uuml;rgen Trittin und Kerstin M&uuml;ller, im Rathaus von Tusla gemeinsam vor dem B&uuml;rgermeister von Srebrenica. Der ist nur noch ein Exil-B&uuml;rgermeister, weil er vor 15 Monaten gewaltsam aus seiner Stadt vertrieben wurde. Der UNO, sagt B&uuml;rgermeister Fahrudin Salihovic, w&uuml;rde er nicht mehr vertrauen. &bdquo;Dieses Vertrauen hat uns 11 000 Menschenleben gekostet&ldquo;. In diesem Gespr&auml;ch stellt Trittin keine einzige Frage.</p>
<p>Beim anschlie&szlig;enden Besuch in einem Fl&uuml;chtlingscamp fehlt der Parteichef der Gr&uuml;nen. Auf Kinderzeichnungen an den W&auml;nden sind Hubschrauber und Panzer zu erkennen. &bdquo;IFOR &ndash; Ay Low Yu&ldquo; steht in ungelenkem Englisch auf einem Buntstift-Blatt. Eine Mutter erz&auml;hlt von den f&uuml;nf Kindern, die sie auf der Flucht verloren hat. F&uuml;nf hat sie noch. Die glauben nicht, da&szlig; ihr Vater tot ist. &bdquo;Der ist im Wald&ldquo;, sagen sie. &bdquo;Das denken viele Kinder&ldquo;, erkl&auml;rt eine Psychologin.</p>
<p>In dieser Nacht in Tuzla trifft sich die zw&ouml;lfk&ouml;pfige Expeditionsgruppe der Gr&uuml;nen zur Krisensitzung. Die Spannungen zwischen Linken und Realos sind unertr&auml;glich geworden. Die Debatte wird grunds&auml;tzlich. Nun geht es nicht mehr nur um Bosnien und darum, was die Fraktion machen soll, wenn Verteidigungsminister Volker R&uuml;he im Dezember vom Bundestag die Zustimmung zu einem Nachfolgemandat f&uuml;r die IFOR-Truppen haben m&ouml;chte. Bis weit nach Mitternacht diskutieren die Gr&uuml;nen in Tuzla &uuml;ber ihr Verh&auml;ltnis zur NATO und &uuml;ber die eigene Regierungsf&auml;higkeit.</p>
<p>Der Ort der Debatte, eine Hotelbar, hat hohe Glasw&auml;nde. Von au&szlig;en ist zu sehen, wie Kerstin M&uuml;ller eine Zigarette nach der anderen anz&uuml;ndet. Als Fischer das Glashaus verl&auml;&szlig;t, hat er einen Zettel dabei, auf dem er sechs Punkte als Res&uuml;mee der Reise festgehalten hat. F&uuml;nf Punkte sind unstrittig, einer nicht. Das ist der Punkt zwei auf der Liste.</p>
<p>Auf ein Nachfolgemandat f&uuml;r IFOR k&ouml;nne man nicht verzichten, hat Fischer formuliert. Seine Sprecherkollegin von der Parteilinken hadert erkennbar mit sich selbst. Ein milit&auml;rischer Schutz zur Umsetzung der zivilen Forderungen aus dem Dayton-Abkommen sei sicherlich n&ouml;tig, sagt sie jetzt. Nur wer soll das machen, wenn nicht die NATO? &bdquo;Das ist das Dilemma&ldquo;, sagt Kerstin M&uuml;ller matt.</p>
<p>Fischer hat sich wieder einmal selbst korrigiert. Noch vor der Reise wollte er eine Neuauflage der Bosnien-Debatte bei den Gr&uuml;nen vermeiden, um des lieben Parteifriedens willen. Den R&uuml;he-Vorschlag abzulehnen, das schien ihm leicht zu sein, da R&uuml;he nun erstmals deutsche Soldaten direkt in Bosnien und nicht mehr in Kroatien stationieren will. Diese Argumentation allerdings ist auf der Reise zusammengebrochen. Jetzt sagt Fischer: &bdquo;Meldet sich Deutschland aus der Verantwortung f&uuml;r Bosnien ab, dann meldet sich Europa ab.&ldquo; Damit ist neuer Streit bei den Gr&uuml;nen programmiert. Doch der k&ouml;nnte anders ausgehen als bisher. Dies hat viel mit der letzten Station der&nbsp; Reise zu tun, zu der Fischer &bdquo;am liebsten die ganze Fraktion mitgenommen h&auml;tte&ldquo;. Es ist noch einmal ein Seelenhirte, der den Gr&uuml;nen ins Gewissen redet. Der Mann scheint au&szlig;ergew&ouml;hnliche Kraft zu haben. Franjo Komarica, dem Bischof von Banja Luca in der Serbischen Republik, blieben nur zehn Prozent seiner einst 110 000 Gl&auml;ubigen. Die &uuml;brigen sind geflohen oder tot. Komarica widerstand bislang allem Druck der Karadzic-Clique und harrt in Banja Luka aus. Er versammelt die schon reichlich ersch&ouml;pften Gr&uuml;nen wie eine Familie um seinen mit kardinalrotem Tuch bedeckten Tisch. &bdquo;Warum hat Europa diesen neuen Faschismus und Rassismus nicht verhindert?&ldquo; fragt der Bischof auf deutsch seine Besucher. Die versinken immer tiefer in den St&uuml;hlen. Trittin, der sich fast die ganze Reise irgendwie panzern konnte, sagt sp&auml;ter, der Bischof habe ihn &bdquo;sehr beeindruckt&ldquo;.</p>
<p>Der Abgeordnete Winni Nachtwei hat sich bei dem Gespr&auml;ch mit Franjo Komarica laufend Notizen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt ist f&uuml;r Nachtwei schon klar, dass er einem IFOR-Einsatz &bdquo;aus heutiger Sicht&ldquo; zustimmen k&ouml;nnte. Der Bischof bittet die Gr&uuml;nen zum Schluss noch, ihn nicht zu entt&auml;uschen. Fischer nickt. Nachtwei sagt:&ldquo; Das war das Gel&ouml;bnis von Banja Luka.&ldquo;</p>
<p><strong>(2) </strong><strong>Reisebericht &bdquo;Konfrontation mit der Kriegswirklichkeit: Bosnien-Reise der Vorst&auml;nde von Bundestagsfraktion und Partei von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen im Oktober 1996&ldquo;</strong></p>
<p>von Winni Nachtwei (November 1996)</p>
<p><em>Vom 20.-25. Oktober 1996 besuchten die Vorst&auml;nde von Bundestagsfraktion und Partei B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen Bosnien-Herzegowina. Zur 18-k&ouml;pfigen Delegation geh&ouml;rten Kerstin M&uuml;ller, Joschka Fischer, Krista Sager, J&uuml;rgen Trittin, Marieluise Beck, Gerd Poppe, Werner Schulz, Uli Fischer. Achim Schmillen, Eva Biehler ich und Journalisten von SZ, FR, Spiegel und Focus. Stationen der Reise waren Zagreb, Split und Trogir, Mostar, Sarajevo, Tuzla und Banja Luka. Es war die erste Reise dieser Art seitens einer deutschen Partei durch Bosnien.</em></p>
<p>&bdquo;Ziel der Reise war, vor Ort Stand und Perspektiven des Friedensprozesses in Bosnien zu erkunden und dabei auch die bisherigen eigenen Positionen selbstkritisch zu &uuml;berpr&uuml;fen. Die &ouml;ffentliche Wiedergabe unserer Reiseeindr&uuml;cke durch die Medien war zu Teilen extrem interessengeleitet: fixiert auf die Pazifismus-Milit&auml;rfrage und die Konfliktthemen, ignorant gegen&uuml;ber der Mehrheit unserer Konsenspunkte, die elementar sind f&uuml;r eine wirklich friedensf&ouml;rdernde Politik gegen&uuml;ber/in Ex-Jugoslawien.</p>
<p>Angesichts der entt&auml;uschenden Tatsache, dass die Reise schon wieder f&uuml;r innerparteiliche Machtk&auml;mpfe instrumentalisiert wird, ist es umso notwendiger, zun&auml;chst mal unsere Erfahrungen ungeschminkt zu benennen und zur Diskussion zu stellen. Darauf haben die FraktionskollegInnen, haben die Mitglieder unserer Partei, haben die Freundinnen in den Friedens- und Solidarit&auml;tsgruppen zu aller erst Anspruch. F&uuml;r die Mehrheit der Delegation - auch f&uuml;r mich - war es der erste Besuch im bosnischen Kriegsgebiet.</p>
<p>Das Ausma&szlig; und vor allem die Intensit&auml;t der Zerst&ouml;rungen ist schockierend. Die toten Obstplantagen von Mostar, die zerhackten und enthaupteten H&auml;user, die zerschossenen und ausgebrannten Hochh&auml;user von Sarajewo, das auf dem Pr&auml;sentierteller unter den Gesch&uuml;tzen, M&ouml;rsern und Scharfsch&uuml;tzen der serbischen Belagerer lag - Zeichen f&uuml;r die hartn&auml;ckige Zerst&ouml;rungswut im Krieg und die Wehrlosigkeit der angegriffenen Bosniaken.</p>
<p>Am Hang &uuml;ber Sarajewo und beim Bischof von Banja Luka, dem gro&szlig;en Humanisten, f&uuml;hle ich es am eindringlichsten: die Scham dar&uuml;ber, wie unzureichend unsere Solidarit&auml;t, die Solidarit&auml;t Europas mit den Angegriffenen gewesen war. (Solidarit&auml;t verstehe ich umfassend politisch, nicht reduziert aufs Milit&auml;rische) Gegen&uuml;ber den &Uuml;berlebenden wagt es kaum jemand, b&uuml;ndnisgr&uuml;ne Einw&auml;nde gegen die NATO- und Bundeswehr-Eins&auml;tze aus den letzten Jahren zur Sprache zu bringen.</p>
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<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Auszug aus den Reisenotizen:</span></strong></p>
<p>&bdquo;Mit Iliza erreichen wir den ersten Vorort von Sarajevo. Hier ist alles zerst&ouml;rt, Wohnh&auml;user, Gesch&auml;fte, Betriebe, alles &ndash; w&uuml;st.</p>
<p>Sarajevo ist wirklich eine Gro&szlig;stadt mit etlichen Hochh&auml;usern bis ca. 20 Stockwerken. Die meisten sind vom 5./6. Stock an gro&szlig;fl&auml;chig zerrissen, durchsichtig, gel&ouml;chert, geschw&auml;rzt, verbogene Tr&auml;ger, Glaszacken, wehender Vorhang.</p>
<p>Durch den fr&uuml;her serbisch kontrollierten Stadtteil Grbavica auf eine Stra&szlig;e am Hang, wo Sarajevo`s Altstadt zu unseren F&uuml;&szlig;en liegt, Moscheen, Kirchen, Synagogen. Vom Hang oberhalb dieser Stra&szlig;e schossen serbische Gesch&uuml;tze, M&ouml;rser, Panzer wie sie wollten in die Stadt hinein. Sarajevo auf dem Pr&auml;sentierteller, wehrlos in der Mausefalle &ndash; und das drei Jahre lang!</p>
<p>Hier packt es mich: Schmerz, Scham &hellip;</p>
<p>Joschka stichelt gegen Kerstin: Da h&auml;tten Zollbeamte sicher was geholfen, mit Zollstock &hellip;.</p>
<p>Sp&auml;ter sagt er mir, dass er sich hier gesch&auml;mt habe, nicht eher f&uuml;r`s Eingreifen gewesen zu sein. Das solle ihm nicht wieder passieren.</p>
<p>Unten die v&ouml;llig ausgebrannte Nationalbibliothek. In der Altstadt der kleine Markt, wo die verheerende Granate explodierte. (&hellip;)</p>
<p>In Banja Luka Gespr&auml;ch mit dem katholischen Bischof Franjo Komarica, der uns sehr freundlich begr&uuml;&szlig;t.</p>
<p>Als er die Trag&ouml;die mit dem &bdquo;Verlust des Glaubens&ldquo; begr&uuml;ndet, ist er mir noch so ein Glaubensfixierter. Aber angesichts seines Glaubensverst&auml;ndnisses kann ich ihm dann besser folgen. Europa &bdquo;segnete die Trag&ouml;die&ldquo;. &ldquo;Prinzipien traten hinter Interessen zur&uuml;ck. Wir leisten unerbittliche Arbeit von Vers&ouml;hnung, Vers&ouml;hnung, Vers&ouml;hnung und Wiederaufbau. Feinde zu lieben, ist gar nicht so einfach. Wir haben geschrieen: keine Waffen, keine Waffen! Was ist das um Gottes willen! Unsere Schreie stie&szlig;en auf taube Ohren! Ihr habt das zugelassen, diesen Neofaschismus. Warum habt ihr das zugelassen?&ldquo; Joschka nennt Gr&uuml;nde, warum wir jahrelang gegen milit&auml;risches Eingreifen waren. J&uuml;rgen schweigt. &bdquo;Was k&ouml;nnt Ihr Gro&szlig;en uns sagen?&ldquo; Jedes Wort kommt mir gegen&uuml;ber diesem herzlichen, inbr&uuml;nstigen, verzweifelten, starken Menschen so flach und billig vor.</p>
<p>&bdquo;Ich will noch in der Dunkelheit eine Kerze anz&uuml;nden! Das Gesetz des Dschungels ist erkennbar in Europa. Das macht mir Sorgen. Ich flehe Euch an: Verhindert das andere Bosnien in Europa!&ldquo; Die letzten Gespr&auml;che waren f&uuml;r uns schon Routine.</p>
<p>Jetzt sind wir im Bann, im Innersten angesprochen, gepackt, aufgew&uuml;hlt. Jeden von uns sieht er beim Reden intensiv und einzeln, nicht fl&uuml;chtig an.</p>
<p>Mir steigen die Gef&uuml;hle die Brust hoch in die Augen, auch andere k&ouml;nnen die Tr&auml;nen kaum halten. Diese Dreiviertelstunde ist der zusammenfassende H&ouml;hepunkt unserer Reise.&ldquo;</p>
<p>Die S&uuml;ddeutsche Zeitung berichtete in ihrer Reportage zur Gr&uuml;nen-Bosnien-Reise &uuml;ber dieses Zusammentreffen als das &bdquo;Gel&ouml;bnis von Banja Luka&ldquo;. (SZ 28.10.1996)</p>
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<p>Alle Bosnien-Erfahrenen sagen: Beim <strong>materiellen</strong> <strong>Wiederaufbau</strong>, bei der Wiederherstellung von Infrastruktur und Wohnungen sind enorme Fortschritte gemacht worden. Es wird angepackt. Die Realit&auml;t der <strong>ethnischen</strong> <strong>Teilung</strong> des Landes und der notorischen <strong>Nichtkooperation</strong> derjenigen, die weiter an der Macht sind und in der Regel nur durch internationalen Druck an einen Tisch gebracht werden. Die F&ouml;deration existiert bisher nur auf dem Papier, manches Ministerium nur aus Minister, Stellvertreter und Hausmeister. Zum Beispiel das gemeinsame Telefonnetz. Es lie&szlig;e sich binnen zwei Tagen bewerkstelligen, die Verhandlungen laufen aber seit acht Monaten. Grund: Man will die jeweiligen Telefonnetze als Kommunikationsnetze f&uuml;r einen neuen Krieg-vorhalten.</p>
<p>Die nicht wenigen mutigen, aber noch machtlosen <strong>nicht</strong>-<strong>nationalistischen</strong> <strong>Personen</strong> <strong>und</strong> <strong>Gruppen</strong>: von der unabh&auml;ngigen Zeitung Oslobodenje &uuml;ber die B&uuml;rgerforen, in der 120.000-Einwohner-Stadt Tuzla mit 15.000 registrierten Mitgliedern (landesweit im Alternativen B&uuml;rgerparlament zusammenarbeitend), bis zu den Oppositionsparteien im Pale-Parlament; bewundernswert ausdauernde europ&auml;ische Akteure wie z.B. bei der bisherigen WEU-Polizei in Mostar oder die Leute des Balkan Peace Team. Hoch angesehen sind hier Marieluise Beck und Gerd Poppe wegen ihres unerm&uuml;dlichen Engagements f&uuml;r die Opfer und die multiethnischen Gruppen w&auml;hrend des Krieges.</p>
<p>Die <strong>Bundeswehr</strong> pr&auml;sentiert sich bei dieser ersten so hochrangigen Begegnung mit den B&uuml;ndnisgr&uuml;nen selbstbewusst, locker, kommunikativ und ziemlich perfekt, von altdeutschem Militarismus keine Spur, voll angekommen in der Rolle des &quot;Sch&uuml;tzers, Helfers, Retters&quot;. Die - vor allem im internationalen Vergleich - auff&auml;llige &quot;Zivilit&auml;t&quot; der Bundeswehroffiziere ist f&uuml;r solche Delegationsteilnehmerinnen eine positive &Uuml;berraschung, die bisher fast gar nicht mit Bundeswehrangeh&ouml;rigen zu tun hatten. F&uuml;r mich ist es eine Seite der realen Bundeswehr, aber l&auml;ngst nicht die ganze, und erst recht nicht ihre Entwicklungsperspektive.</p>
<p>Die enorme <strong>Diskrepanz</strong> <strong>zwischen</strong> <strong>den</strong> <strong>milit&auml;rischen</strong> <strong>und</strong> <strong>zivilen</strong> <strong>Instrumenten</strong> und Bem&uuml;hungen: Das Milit&auml;r ist f&uuml;r die Aufgabe des Auseinanderhaltens der Kriegsparteien gut ausgestattet und agiert dabei trotz sehr multinationaler Zusammensetzung einheitlich. Die Instrumente der zivilen Implementierung, des materiellen und institutionellen Wiederaufbaus sowie die nicht erzwingbare Zusammenf&uuml;hrung der Gruppen und Menschen sind oft unkoordiniert, schwerf&auml;llig (EU und Weltbank), unzureichend ausgestattet und ausgebildet. Die International Police Task Force hat z.B. nur eine beratende Funktion, ihr Aufbau l&auml;uft schleppend.</p>
<p>Die Verseuchung des Landes mit <strong>Minen</strong> ist gro&szlig;fl&auml;chig und &auml;u&szlig;erst heimt&uuml;ckisch. IFOR r&auml;umte bisher nur die eigenen Verbindungswege, f&uuml;r die Fl&auml;chenr&auml;umung ist &quot;die&quot; zivile Seite zust&auml;ndig. Das Fehlen einer mit allen Beteiligten abgestimmten Strategie, unzureichende personelle Ausstattung sowie Finanzierungsl&uuml;cken behindern die Aufnahme umfassender Minenr&auml;umaktionen.</p>
<p>Die <strong>R&uuml;stungskontrolle</strong> kommt nur m&uuml;hsam voran. Alle Seiten wollen unbedingt alle M&ouml;glichkeiten der vereinbarten Obergrenzen aussch&ouml;pfen, &quot;underreporting&quot; (falsche Datenmeldungen) sind an der Tagesordnung. In Konkurrenz zu islamischen Staaten f&ouml;rdern die USA im Rahmen ihres &quot;train &amp; equipment&quot;-Programms den Aufbau der bosnischen Armee. Die Bundeswehr leistet Ausbildungshilfen in den Bereichen Sanit&auml;tswesen, Kampfmittelr&auml;umung und -beseitigung, R&uuml;stungskontrolle, Search &amp; Rescue, Innere F&uuml;hrung.</p>
<p><strong>Europa</strong> sei nach Aussage verschiedener Gespr&auml;chspartner trotz seines real hohen Engagements recht wenig angesehen, die USA hingegen wegen ihrer dynamischen Politik und ihres Milit&auml;rpotentials am meisten. Die zweith&ouml;chsten Erwartungen richteten sich auf Deutschland. Schon angesichts der Tatsache, dass z.B. britische IFOR-Soldaten ihren Sold in DM ausgezahlt bekommen, liegt diese Erwartung nahe.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Erste</span></strong><span style="text-decoration: underline;"> <strong>Schlussfolgerungen</strong></span></p>
<p>1. An der <strong>multiethnischen</strong> <strong>Perspektive</strong> muss unbedingt festgehalten werden. Auch wenn es streckenweise aussichtslos erscheint: Ein &quot;Realismus&quot;, der sich mit der heutigen Dominanz nationalistischen Gruppendenkens abfindet und die Dreiteilung absegnet, h&auml;tte real verheerende Folgen. Neue Vertreibungen, blutige Grenzen, ein Gazastreifen in Europa, Ermutigung f&uuml;r alle nationalistisch Kr&auml;fte in Europa, die auf ethnische Separierung und &quot;S&auml;uberung&quot; setzen. Es w&auml;re ein Verrat an den multiethnischen und multikulturellen Menschen und Gruppen, die es wahrhaftig noch gibt und die Zeit brauchen.</p>
<p>Angesichts der vielen offenen Wunden und Rechnungen, angesichts der Vorherrschaft der &quot;alten K&ouml;pfe&quot; wird der Friedensprozess auch innerhalb des zweiten Jahres nach Dayton noch nicht selbsttragend werden k&ouml;nnen. Bosnien braucht das europ&auml;ische Engagement noch &uuml;ber Jahre!</p>
<p>2. Eine massenweise und zwangsweise Abschiebung der <strong>Fl&uuml;chtlinge</strong> in den n&auml;chsten Monaten w&uuml;rde nach eindeutiger Aussage aller Gespr&auml;chspartnerInnen die glimmende Kriegsglut wieder anfachen! Die Fl&uuml;chtlinge, die beim Wiederaufbau schon wegen ihrer Altersstruktur und Ausbildung gebraucht werden, k&ouml;nnen nur zur&uuml;ck, wenn ihre Sicherheit in ihren Herkunftsorten gew&auml;hrleistet und Wohnraum und ein entmintes Umfeld zur Verf&uuml;gung stehen. Solche R&uuml;ckkehrbedingungen gibt es fast nirgendwo.</p>
<p>Insofern f&auml;llt der Beschluss der Innenminister-Konferenz und die Position von Innenminister Kanther allen Friedensbem&uuml;hungen in den R&uuml;cken!</p>
<p>3. Der <strong>Wiederaufbau</strong> <strong>von</strong> <strong>Infrastruktur</strong> <strong>und</strong> <strong>Wohnungen</strong> ist beschleunigt fortzuf&uuml;hren, die Entminung endlich im gro&szlig;en Stil voranzubringen. Wie allerdings angesichts der fr&uuml;heren sozialistischen Wirtschaft und der Dominanz billiger Importwaren ein eigener produzierender Sektor entstehen soll, steht in den Sternen.</p>
<p>4. Am wichtigsten f&uuml;r einen irgendwann selbsttragenden Friedensproze&szlig;, aber auch am schwierigsten ist die Aufgabe, die <strong>ethnischen</strong> <strong>Gruppen</strong> <strong>wieder</strong> <strong>zusammenzuf&uuml;hren</strong>, funktionierende gemeinsame Institutionen zu schaffen und die Grenzen zwischen den Gebieten und Gruppen durchl&auml;ssiger zu machen.</p>
<p>Daf&uuml;r ist die St&auml;rkung der nicht-nationalistischen und demokratischen Kr&auml;fte von strategischer Bedeutung!</p>
<p>Flexibler Einsatz der wirtschaftlichen Wiederaufbauhilfe, Unterst&uuml;tzung unabh&auml;ngiger Medien, Engagement der Stiftungen, Einsatz von Fachleuten desschleunigst aufzubauenden Zivilen Friedensdienst zur Unterst&uuml;tzung einheimischer Projekte... sind die elementaren Ansatzpunkte. Hier sind die Bundesregierung und die EU, die Parteien und gesellschaftlichen Kr&auml;fte, NGO's und Friedensgruppen ganz anders gefordert!</p>
<p>Wir B&uuml;ndnisgr&uuml;nen m&uuml;ssen unsere andauernden Bekenntnisse zur zivilen Konfliktbearbeitung ganz anders in die Tat umsetzen.</p>
<p>Allerdings wird der demokratische und rechtsstaatliche (Wieder-)Aufbau so lange blockiert bleiben, wie die Hauptkriegsverbrecher nicht aus dem Verkehr gezogen sind.</p>
<p>5. Die <strong>Aufgabe</strong> <strong>des</strong> <strong>Auseinanderhaltens</strong> <strong>der</strong> <strong>Kriegsparteien:</strong></p>
<p>Nachdem alle Kriegsparteien den Vertrag von Dayton unterschrieben hatten, bekam IFOR den Auftrag, die Umsetzung des milit&auml;rischen Teils von Dayton abzusichern. F&uuml;r dieses nahezu klassische Peacekeeping-Mandat wurde IFOR so &quot;robust&quot; ausgestattet, dass sie ggfs. in der Lage war, Vertragsbr&uuml;chige zur Einhaltung der Vereinbarungen zu zwingen. (Ganz im Gegensatz zu UNPROFOR, die angesichts widerstreitender Interessen und unzureichender Ausstattung im noch brennenden Krieg v&ouml;llig &uuml;berfordert war, bzw. wurde)</p>
<p>Vor diesem Hintergrund war der NATO-gef&uuml;hrte IFOR-Einsatz der vergangenen Monate erfolgreich. Die Vertragsparteien haben sich weitgehend an die Auflagen des Vertrages von Dayton gehalten. Kapitel-VII-Ma&szlig;nahmen im Sinne von Kampfhandlungen mussten nicht unternommen werden. Zu einer Eskalation (u.a. von mir in der Dezember-Debatte bef&uuml;rchtet) ist es nicht gekommen. Die multinationale Truppe hat mit ihrer Pr&auml;senz und ihrem Engagement den psychologischen und milit&auml;rischen Sicherheitsrahmen geschaffen, dass sich die Menschen in Sarajewo, in ihren jeweiligen Gebieten (zumindest auf den Stra&szlig;en) wieder gefahrlos bewegen k&ouml;nnen, dass es wieder Strom, Heizung, immer mehr wiederhergestellte Wohnungen gibt, dass Wahlen stattfinden konnten ...</p>
<p>Unter den o.a. Bedingungen hat auch die Bundeswehr ihren Auftrag im Rahmen des IFOR-Mandats gut erf&uuml;llt. Bef&uuml;rchtungen, dass historisch begr&uuml;ndete Vorbehalte gegen eine Beteiligung deutscher Soldaten die IFOR-Mission gef&auml;hrden k&ouml;nnten, haben sich nicht bewahrheitet. Ob es bei einem Kampfeinsatz zu einer Mobilisierung anti-deutscher Ressentiments auf serbischer Seite gekommen w&auml;re, bleibt spekulativ.</p>
<p>Das sind Tatsachen, auch wenn sie uns in unserer grunds&auml;tzlich kritischen bis ablehnenden Haltung gegen&uuml;ber dem Milit&auml;r irritieren.</p>
<p>Die Behauptung, die Pionier- und Transportleistungen h&auml;tte im Wesentlichen auch das Technische Hilfswerk erbringen k&ouml;nnen, verkennt die Gef&auml;hrlichkeit des Einsatzgebietes und die M&ouml;glichkeiten des THW. Sie ist ein krampfhafter Versuch, dieser Irritation auszuweichen. (Die bei aller Begrenztheit und Kostspieligkeit konstruktiv-deeskalierende Rolle von IFOR scheint auch unter Friedensbewegten kaum noch strittig zu sein)</p>
<p>Zugleich ist unverkennbar, wie der IFOR-NATO-Einsatz f&uuml;r andere politische Interessen instrumentalisiert wurde: zur &Uuml;berwindung der &quot;Sinnkrise&quot; der NATO nach Zusammenbruch des Ostblocks und zur Abdr&auml;ngung der UN. Die Bundesregierung nutzt den Bosnien-Einsatz erfolgreich f&uuml;r ihr Bem&uuml;hen, mit den &quot;Krisenreaktionskr&auml;ften&quot; schrittweise ein Interventionspotential f&uuml;r Kampfeins&auml;tze weltweit aufzubauen und daf&uuml;r unter dem Image des humanit&auml;ren Einsatzes die gesellschaftliche Akzeptanz zu erh&ouml;hen.</p>
<p>6. Eine <strong>IFOR-Nachfolge </strong>im Sinne einer kleineren, aber weiterhin &quot;robust&quot; ausger&uuml;steten multinationalen Truppe ist unverzichtbar - nach Auffassung aller Gespr&auml;chspartner und auch <strong>aller </strong>Reiseteilnehmer. Sie h&auml;tte aber vor allem die Aufgabe einer psychologischen Stabilisierung. Bei Abzug der multinationalen Truppe w&uuml;rden die bewaffneten Auseinandersetzungen wieder losgehen. Daf&uuml;r sprechen alle Tatsachen: Konfliktherde, Konfliktbereitschaft und Vorherrschaft des Macht-Denkens, riesige Mengen an Kleinwaffen.</p>
<p>Eine solche Art von IFOR-Nachfolge geht deutlich &uuml;ber den bisherigen programmatischen Rahmen der B&uuml;ndnisgr&uuml;nen hinaus.</p>
<p>Das Ansehen und die Glaubw&uuml;rdigkeit der UN ist am Boden. Das fr&uuml;here Versagen der &quot;internationalen Gemeinschaft&quot; wird - so verk&uuml;rzt das auch ist - ihr zugeschoben. Au&szlig;erdem verf&uuml;gt die UN nicht &uuml;ber die notwendige Kommandostruktur. Im Moment w&uuml;rde von einer autorit&auml;tslosen UN-Truppe, die gegen den Willen vor allem der Bosniaken zum Einsatz k&auml;me, keine abhaltende, sondern h&ouml;chstwahrscheinlich eine destabilisierende Wirkung ausgehen. (Zu einem Peacekeeping-Einsatz geh&ouml;rt sowieso unverzichtbar die Zustimmung aller Konfliktparteien).</p>
<p>Die derzeitige Schw&auml;che der UN ist nicht innerhalb eines Monats r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen. Allerdings w&auml;re es &auml;u&szlig;erst sch&auml;dlich f&uuml;r eine wirkliche Friedenspolitik, sich mit dieser Besch&auml;digung der UN abzufinden. Sie, bzw. ihre Regionalorganisationen, m&uuml;ssen unbedingt gest&auml;rkt werden, so dass sie m&ouml;glichst bald zu effektiven friedenssichernden Eins&auml;tzen in der Lage ist. Hier haben wir einen Vorschlag noch zu entwickeln.</p>
<p>Zur nochmaligen Erinnerung und Bekr&auml;ftigung: Die milit&auml;rische Absicherung wird aber zu einer Zementierung der ethnischen Teilung und zu einem Fass ohne Boden, wenn nicht schleunigst der R&uuml;ckstand bei der zivilen Implementierung aufgeholt wird!</p>
<p>7. Unsere Haltung gegen&uuml;ber dem <strong>Antrag der Bundesregierung zu Post-IFOR </strong>im Dezember kann keine Ein-Punkt-Entscheidung sein. Sie muss die gesamte Politik der Bundesregierung gegen&uuml;ber Ex-Jugoslawien einbeziehen und die politischen Folgen f&uuml;r die von uns gewollte Zivilisierung der Au&szlig;enpolitik einkalkulieren. Realit&auml;tst&uuml;chtige Vorschl&auml;ge f&uuml;r die Stabilisierung des Friedensprozesses in Ex-Jugoslawien sind zu verbinden mit unseren Perspektiven einer wirklich friedenssichernden Au&szlig;enpolitik.</p>
<p>Nach der Extremsituation und -auseinandersetzung vor einem Jahr, nach zehn Monaten Erfahrungen mit Dayton sollten wir jetzt besser in der Lage sein, eine m&ouml;glichst einhellige Position zu erarbeiten.</p>
<p><strong>(4) Die Schl&uuml;sselerfahrungen von Sarajevo und Banja Luka</strong></p>
<p>&bdquo;(&hellip;) Im Herbst 1996 besuchte ich mit einer Spitzendelegation von gr&uuml;ner Partei und Fraktion Bosnien &amp; Herzegowina. Tief uneinig waren wir uns, was notwendig und angemessen sei gegen&uuml;ber der exzessiven Gewalt auf dem Balkan. Die Reise wurde zu einem dreifachen Schl&uuml;sselerlebnis: Am Hang von Sarajevo realisierten wir politisch und menschlich, was wir jahrelang &uuml;ber die Medien erfahren &ndash; aber nicht an uns heran gelassen hatten. Von hier hatten die Belagerer drei Jahre lang in die Stadt geschossen, auf Zivilisten. Zehntausend Menschen waren den Belagerern zum Opfer gefallen. Hier kamen wir nicht um die Einsicht herum, dass in bestimmten Situationen Milit&auml;r zum Schutz vor Massengewalt legitim und notwendig sein kann. Wir begegneten bei IFOR Milit&auml;rs, z.B. dem Bundeswehr-General Friedrich Riechmann, die im Auftrag der Vereinten Nationen (VN) Auftrag Gewalt eind&auml;mmen und Krieg verh&uuml;ten sollten - grundverschieden von traditionellem Krieger-Milit&auml;r. Schlie&szlig;lich bekr&auml;ftigten die Begegnungen vor Ort unsere langj&auml;hrige grunds&auml;tzliche Position von der Dringlichkeit und dem Nachholbedarf ziviler Krisenpr&auml;vention und Friedensf&ouml;rderung. (An dieser Grunderfahrung hatten begleitende Journalisten keinerlei Interesse.)</p>
<p>Die Balkan-Erfahrungen ver&auml;nderten die au&szlig;en- und friedenspolitische Programmatik der Gr&uuml;nen. Bewusst blieb uns aber, dass der Einsatz milit&auml;rischer Gewalt ein besonders teures, riskantes, ggfs. auch opferreiches und t&uuml;ckisches Mittel ist. (&hellip;)&ldquo;</p>
<p>&nbsp;</p>
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