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Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Bericht von Winfried Nachtwei
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Eigene Geschichte im Vordergrund statt falsche Kontinuitäten: Hauptfeldwebel Lagenstein statt General Emmich - Kasernenumbenennung und neuer Traditionserlass der Bundeswehr

Veröffentlicht von: Nachtwei am 31. März 2018 22:48:53 +02:00 (9516 Aufrufe)

Am 28. März fand eine politisch positive Nachricht in die erste Reihe der aktuellen Berichterstatung: Der nach 36 Jahren aktualisierte und geschärfte Traditionserlass der Bundeswehr setzt die über 60-jährige eigene Geschichte der Bundeswehr in den Vordergrund. Bekräftigt wurde dieser Vorsatz durch eine besondere Kasernenumbenennung: Erstmalig wurde eine Kaserne nach einem gefallenen Bundeswehrsoldat benannt, nach dem 31-jährigen Feldjäger und Personenschützer Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein. Er fiel am 28. Mai 2011 in Taloqan/NO-Afghanistan zusammen mit einem Deutschen und sieben Afghanen einer ferngezündeten Sprengfalle zum Opfer, mehr als zehn Menschen wurden dabei zum Teil schwer verwundet. 

Kasernen-Umbenennung und neuer Traditionserlasse der Bundeswehr: Hauptfeldwebel Lagenstein statt General Emmich –

eigene Geschichte im Vordergrund statt falsche Kontinuitäten

Winfried Nachtwei, MdB a.D. (März 2018)

(Fotos auf www.facebook.com/winfried.nachtwei )

Am 28. März 2018 wurde die bisherige Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover, Sitz der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr, bei einem feierlichen Appell in Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne umbenannt. Erstmalig wurde damit eine Bundeswehrkaserne nach einem im Einsatz gefallenen Bundeswehrsoldaten benannt.

Vorher fand im Scharnhorst-Saal eine Feierstunde statt, bei der Generalinspektor Volker Wieker, Schulkommandeur Oberst Dirk Waldau und Dr. Klaus Naumann, Mitglied im Beirat Innere Führung, moderiert von Prof. Dr. Manfred Görtemaker zur Tradition der Bundeswehr sprachen. Anschließend unterzeichnete Verteidigungsministerin Dr. Ursula von der Leyen den neuen Traditionserlass der Bundeswehr. Angesichts der seit den 90er Jahren gravierend veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen löst der neue Erlass den Traditionserlass von 1982 ab. (vgl. https://www.bmvg.de/de/aktuelles/ministerin-benennt-kaserne-in-hannover-um-23320 mit Bericht, Reden von Ministerin und Kommandeur und Erlass)

Hierzu ein Radio-Interview von Barbara Knopf/BR mit mir am 29. März „Neuer Traditionserlass: Die Bundeswehr auf der Suche nach ihrer Identität. Was bedeutet die Umbenennung einer Kaserne und ein neuer Traditionserlass für das Selbstverständnis der Bundeswehr?“ ( https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kulturwelt/bundeswehr-kaserne-traditionserlass-armee-100.html , Bayern 2, kulturWelt)

Der 31-jährige Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein

vom Feldjägerbataillon 5./152 (Bremen) war bei seinem vierten Auslandseinsatz 2011 Personenschützer des damaligen Kommandeurs des Regionalkommandos ISAF Nord, Generalmajor Markus Kneip. Bei einem hochrangigen Sicherheitstreffen beim Gouverneur der nordostafghanischen Provinz Takhar in Taloqan fiel er am 28. Mai 2011 einem Anschlag mit einem ferngesteuerten Sprengsatz zum Opfer. Mit ihm starben Major Thomas Thole (43), engster Mitarbeiter des Regionalkommandeurs, General Daoud Daoud, Polizeichef von Nordafghanistan, Shah Jahan Nuri, Polizeichef von Taloqan und fünf afghanische Polizisten. Teilweise schwer verwundet wurden General Kneip und fünf weitere Bundeswehrsoldaten sowie der Gouverneur der Provinz, Abdul Jabar Taqwa, und etliche weitere afghanische Mitarbeiter. Besonders schwer verwundet wurde die Dolmetscherin von General Kneip, Oberleutnant Soraya Alekozei. Die 56-jährige Deutsch-Afghanin soll die erste Soldatin der Bundeswehr sein, die im Einsatz, ihrem sechsten in Afghanistan, durch gegnerische Einwirkung verwundet wurde. Sie machte über 30 Operationen durch. (vgl. die ehrlichen, äußerst bewegenden Erinnerungen einer besonders starken Frau: „Sie konnten mich nicht töten. Als Afghanin im Einsatz für die Bundeswehr“, Berlin 2014)

Am 3. Juni 2011 fand in der Epiphaniaskirche in Hannover eine kirchlich-staatliche Trauerfeier für Major Thomas Toli, Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein und dem Hauptmann Markus Matthes (DSO Stadtallendorf) statt. Letzterer war am 25. Juni in Chahar Darreh einem IED-Anschlag zum Opfer gefallen war. (General Kneip und seine Dolmetscherin kamen am 28. Mai von der Trauerfeier für Hauptmann Matthes aus Kunduz nach Taloqan.) Ich erlebte die Trauerfeier wieder als tief aufwühlend: Die Bilder der Gefallenen im Altarraum. Die jeweils sechs Feldwebeldienstgrade und Offiziere der Totenwache an jedem Sarg, alle durch Alter, Dienstgradgruppe und oft auch persönlich den Toten besonders nahe. Die vielen Trauergäste, die selbst in Afghanistan waren oder sein werden, und jetzt den Tod, den Verlust besonders tief spüren. Redner, die die Toten in Erinnerung rufen und etwas wiederaufleben lassen. Das die Zeit verlangsamende, würdige Trauerritual. Das Trompetensolo mit dem „Lied vom guten Kameraden“, als die Särge aus der Kirche getragen werden und hunderte Trauernde - Uniformierte grüßend - Abschied nehmen. Jede solcher Trauerfeiern ist mir zugleich eine Gewissensprüfung: WOFÜR? Tun „wir“ politische Auftraggeber wirklich alles dafür, dass dieser Einsatz auch Wirkung hat und Sinn macht?

(Am 1. Juni hatte ich mich in einem Trauer- und Solidaritätsschreiben an General Kneip, die Soldatinnen und Soldaten und Angehörigen gewandt. Die Schlusssätze: „Umso mehr haben Sie alle Aufmerksamkeit und Unterstützung aus Deutschland verdient – unabhängig vom legitimen politischen Streit um den Afghanistaneinsatz. Sie haben vor allem Anspruch auf eine Politik, die sich der Riesenaufgabe Afghanistan ehrlich und konsequent, mir Realismus und Ehrgeiz stellt, die ihrer Grundpflicht zum klaren und erfüllbaren Auftrag naschkommt.“)

Die Initiative zu der Kasernenumbenennung

ging 2014 von Angehörigen der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr aus. Die Kaserne trug den Namen von Otto von Emmich, Kommandierender General des X. Armee-Korps in Hannover, das 1914 eine erste große Operation (Eroberung von Lüttich) führte, und der nordfranzösischen Stadt Cambrai, wo im November 1917 die erste große Panzerschlacht der Geschichte stattfand (mit rund 95.000 Verwundeten, Gefallenen und Gefangenen) und die von den deutschen Truppen 1918 beim Rückzug niedergebrannt wurde.

Schulkommandeur Oberst Dirk Waldau berichtet in seiner Rede, dass Emmich und Cambrai für heutige Soldaten zeitlich und inhaltlich zu weit weg seien und keine Identifikation geboten hätten:

„Wir haben Namensvorschläge gesammelt, von Regionen, von Personen, und dann miteinander und ohne Ansehen vom Amt und Stellung darüber diskutiert. Dabei haben wir unbewusst auch unser heutiges berufliches Selbstverständnis geklärt und geschärft.

Wir wollten einen Namen finden, der uns einen Bezug zu unserem heutigen soldatischen Dienst erlaubt, der uns etwas sagt, der uns motiviert, der uns auch stolz machen kann.

Der Vorschlag Hauptfeldwebel Lagenstein war schnell da. (…)

Hauptfeldwebel Lagenstein bleibt uns als ein Maßstäbe setzender Unteroffizier mit Portepee in Erinnerung, der in außergewöhnlichem Maße zur Menschenführung befähigt war. Durch seine mitreißende Art, seine Freude an und in der Verantwortung sowie sein Führen von vorn ist er ein herausragendes Vorbild für die nachwachsenden Feldwebelgenerationen. Dabei blieb er stets bescheiden im Auftreten, konsequent und unbeirrbar in der Auftragserfüllung.

Hauptfeldwebel Lagenstein ist im März 2011 an diese Schule versetzt worden und sollte nach der Rückkehr aus Afghanistan in der Ausbildung der angehenden Vorgesetzten seine Aufgabe finden – er war dafür vorbildlich geeignet.

Auch wenn er als Berufsunteroffizier zur Feldjägertruppe gehört, können sich die Angehörigen der Dienststellen des Sanitätsdienstes und der anderen hier dienenden Truppengattungen mit ihm als Person sicher und eindeutig identifizieren. Er steht für Werte, die, losgelöst von Barett- oder Kragenspiegelfarbe, universell gültig sind und jeden Soldaten unmittelbar betreffen und binden: Pflichtbewusstsein, Führungswillen, Verantwortungsgefühl, Tapferkeit.

Sein Lebenslauf, seine militärische Profession und seine Leistung im Einsatz in Afghanistan haben uns überzeugt, die von ihm gelebten Werte sind auch unsere Werte, sie bestimmen unser Selbstverständnis – so soll unsere Kaserne heißen.“

Vorbildhaft im Einsatz

Wenige Wochen vor dem Anschlag im Mai 2011 war ich bei einem 16. Afghanistanbesuch in Mazar Generalmajor Kneip und Major Tholi, möglicherweise auch Hauptfeldwebel Lagenstein und Oberleutnant Alekozai begegnet. General Daoud war uns erstmalig 2004 in Kunduz begegnet.

Hauptfeldwebel Lagenstein ist der erste im Einsatz gefallene Feldjäger. Seine Todesart ist typisch für asymmetrische bewaffnete Konflikte: Er war der 23. Bundeswehrsoldat, der in Afghanistan bis Mai 2011 durch eine Sprengfalle getötet wurde – bei 34 durch unmittelbare Feindeinwirkung Gefallenen der Bundeswehr bis dahin in Afghanistan.

Tobias Lagenstein steht für mich exemplarisch für die dutzenden Personenschützer, deren Wachsamkeit, Professionalität, Entschlossenheit und höchste Einsatzbereitschaft ich in Einsatzgebieten, insbesondere in Afghanistan kennen und enorm schätzen gelernt habe.

Er steht beispielhaft für die Portepee-Unteroffiziere als Rückgrat des ISAF-Einsatzes; für die Soldatinnen und Soldaten, die sich unter hoher Belastung und höchstem Risiko für mehr Sicherheit in einem kriegsgeschundenen Land, im Auftrag des deutschen Parlaments und im Dienste der Vereinten Nationen einsetzten, im Sinne der internationalen kollektiven Sicherheit und menschlicher Solidarität.

Zu begrüßen ist, dass mit Hauptfeldwebel Lagenstein ein Soldat von der Basis der Bundeswehr für seinen Höchsteinsatz, den Einsatz seines Lebens, geehrt wird.

In den zurückliegenden Jahrzehnten setzten viele nach vermeintlichen Weltkriegs“helden“ benannte Kasernen falsche Zeichen von Kontinuität zwischen der Wehrmacht, dem willigen Werkzeug eines monströsen Staatsverbrechens, und der Bundeswehr als Armee im und für den demokratischen Rechtsstaat. (Eine meiner ersten Bundestagsreden hielt ich am 12.10.1995 zum SPD-Antrag für die Umbenennung der Generaloberst-Dietl- und General-Kübler-Kasernen in Füssen und Mittenwald, siehe Anlage) Nach etlichen Kasernenumbenennungen tragen inzwischen elf die Namen von Männern des militärischen und des Rettungswiderstandes und fünf von Ex-Wehrmachtsgeneralen, die sich um den Aufbau der Bundeswehr verdient gemacht haben. Bei sechs Kasernennamen (z.B. Lent-K. in Rotenburg/Wümme, Marseille-K. in Appen, Schulz-Lutz-K. in Munster) ist die Traditionswürdigkeit nicht gegeben bzw. sehr umstritten.

Vor diesem Hintergrund ist die jetzige Kasernenumbenennung in Hannover ein sehr wichtiger und überfälliger Schritt. Diese Positivnachricht wird heute mal nicht von einer

Negativnachricht verdrängt und gelangt in die erste Reihe der aktuellen Berichterstattung.

Lernen aus dem Einsatz

Das vorbildhafte, gar traditionswürdige Verhalten der einzelnen Soldaten ist das eine. Das andere bleibt das lebensnotwendige selbstkritische Lernen aus den Einsätzen. So die Beurteilung des „Sicherheitsvorfalls“ des Angriffs auf das hochrangige Sicherheitstreffen in Taloqan 2011. Nach der Schilderung von Marco Seliger muss es im Vorfeld erhebliche Fehler in der Sicherheitsanalyse, Risikobewertung und Geheimhaltung, also vermeidbare Sicherheitslücken gegeben haben. (M. Seliger, Sterben für Kabul, Hamburg 2011, S. 193 ff.)

Hinzu kam der ständige Zielkonflikt zwischen Selbstschutz einerseits und Vertrauensbildung zum Zweck besserer Auftragserfüllung andererseits. Als mich am 28. Mai bei einer Afghanistan-Tagung bei Bonn die schockierende Anschlagsnachricht erreichte, berichtete ein seit längerem in Nordostafghanistan arbeitender Forscher vom Kontext in Taloqan: Der Gouverneur, ein intellektueller Mujahedin, sei außergewöhnlich zugänglich, sein Büro stehe einfach allen Bürgern offen. Die Beziehung zum deutschen Provincial Advisory Team (PAT) sei eng und vertrauensvoll.

Der neue Traditionserlass

Die Kasernenumbenennung bekräftigt zugleich die Kernbotschaft des gegenüber 1982 aktualisierten und präzisierten Traditionserlasses, dass die inzwischen 62-jährige Geschichte der Bundeswehr selbst im Vordergrund ihrer Traditionsbildung und –pflege stehen soll: zur Orientierung im Rahmen des heutigen wertegebundenen Auftrages und zur Stärkung von Identifikation und Zusammenhalt. Das Verhältnis zur Wehrmacht wie zur NVA ist klar und eindeutig: Als zentrale Gewaltorgane zweier – sehr unterschiedlicher – Diktaturen sind diese Streitkräfte und ihre Verbände ausdrücklich nicht traditionswürdig, auch nicht einzelne ihrer Soldaten allein wegen besonderer militärisch-handwerklicher Leistungen. Einzelne Angehörige der Wehrmacht und NVA können aber bei vorbildlicher soldatisch-ethischer Haltung und nach Einzelfallprüfung in das „Traditionsgut“ der Bundeswehr aufgenommen werden. Auf einem anderen Blatt steht der Umgang mit Wehrmacht, NVA, früheren deutschen Streitkräften (und ausländischen Streitkräften und bewaffneten Kräften) im historisch-politischen Unterricht und der militärfachlichen Lehre und Ausbildung, wo es um Erinnerungswertes und Lehrreiches geht. Hierbei ist der jeweilige historische und politische Zusammenhang zu berücksichtigen. Ansonsten ist meines Erachtens die historische und fachliche Auseinandersetzung frei.

Der neue Erlass richtet sich an die Führungskräfte der verschiedenen Ebenen.

Im Beirat für Fragen der Inneren Führung wie auch beim Bundeswehrverband fand der Erlass starken Zuspruch. Besonderen Dank verdient deshalb Oberst i.G. Sven Lange als verantwortlicher Referatsleiter FüSK III 3.

Fokus bundeswehreigene Tradition

Der Anspruch wird seit Jahren immer wieder beschworen, aber erstaunlich wenig in die Tat umgesetzt. Entscheidend ist jetzt die Umsetzung: vor allem auf der Ebene der Verbände als Hauptträger der Traditionsbildung und –pflege, als Führungsaufgabe, in historisch-politischem Unterricht, mit Regionalausstellungen, Förderung von Verbands- und Einsatzgeschichten etc. Ohne ausreichend Zeit dafür wird es mit der Umsetzung nichts werden.

Gespannt sein darf man auf die Ergebnisse der Bottom-up-Prozesse zur Traditionsbildung, wie sie in den letzten Monaten in den Verbänden, Teilstreitkräften und Organisationsbereichen gelaufen sind. Ich persönlich bekam Einblick in den Prozess „Tradition und Identifikation im Heer“, wo ich bei mehreren Veranstaltungen (Dresden, Calw) als Externer referieren konnte.

Beim Podiumsgespräch in der Hannoveraner Feierstunde thematisierte Klaus Naumann die vielen wegen der fortgesetzten Umstrukturierungen „gebrochenen Verbandsgeschichten“ in der Bundeswehr. General Wieker bekräftige die Feststellung: Wir seien in der Vergangenheit Großmeister in Umbenennungen gewesen. Viele Traditionslinien in der Bundeswehr seien dadurch zerstört worden. Das sei eine Führungsfehlleistung gewesen.

Wo Individualisierung und die galoppierende Revolution der sozialen Kommunikation Fragmentierungen fördern und soziale Zusammenhalte schwächen, darf Traditionsbildung nicht ihrerseits soziales Auseinanderdriften und wuchernde Parallelwelten befördern. Die Verbände und Truppengattungen sind zentrale, dürfen aber auf keinen Fall die einzigen Orte von Traditionsbildung sein. Gemäß der Grunderfahrung „Keiner schafft`s allein“ sollte Traditionsbildung auch weitere Zusammenhalte (in konzentrischen Kreisen) in den Blick nehmen, zuerst andere Akteure des vernetzten Ansatzes. Die Traditionsarmut etlicher anderer Akteure (angefangen bei der Polizei) wird das erschweren, aber nicht unmöglich machen. Die fünf Tage des Peacekeepers seit 2013 zeigen das.

Bisher interessierte die Traditionspflege in der Bundeswehr in Medien und Politik fast nur, wenn was „passiert“ war, wenn Verdacht auf verklärende Kontinuitätspflege zur Wehrmacht bestand. Die Parlamentsarmee Bundeswehr und ihre Staatsbürger in Uniform haben einen Anspruch darauf, dass ihre politischen Auftraggeber den Prozess der Traditionsbildung und Selbstvergewisserung in der Bundeswehr nicht nur reaktiv, sondern auch aktiv und konstruktiv begleiten.

Für Vorträge im Rahmen des Konsultationsprozesses „Tradition und Identifikation im Heer“ habe ich vor dem Hintergrund meiner vielen Begegnungen mit Bundeswehr exemplarisch „Anregungen zur bundeswehreigenen Traditionspflege aus politischer Sicht“ zusammengestellt und mit Geschichten und Bildern illustriert, überwiegend in chronologischer Reihenfolge. Hierbei stehen wegen der Vortragsanlässe Beispiele aus den Einsätzen des Heeres im Mittelpunkt, kommen Beispiele aus Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis, Sanitätswesen und Grundbetrieb zu kurz. (Der Vortrag und die Dokumentation „Beispielhaft im Einsatz – bis zum scharfen Ende. Begegnungen mit Bundeswehr in Einsatzgebieten (Auswahl): Bosnien, Kosovo, Afghanistan 1996, 2001/03/05/09, 2010/11/12/15“ist erhältlich über winfried@nachtwei.de , die Kurzfassung des Vortrags unter http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1517 )

Hier die Beispiele und Vorschläge in Stichworten:

(1) Aufbauphase Bundeswehr, Grunderfahrung Kameradschaft, Kriegsteilnehmer als Vorgesetzte, erste deutsche Wehrpflichtarmee in und für Rechtsstaat, Staatsbürger in Uniform.

(2) Internationale Hilfseinsätze ab Agadir, seit 1960 über 130

(3) Katastrophenhilfe Inland, Sturmflut 1962

(4) Kalter Krieg/Abschreckung: Paradigmenwechsel zum Auftrag + Wille zur Kriegsverhütung, enorme Aufrüstung, Extremrisiko der „atomaren Heimatverteidigung“ (teils vorbildhaft, teils erinnerungswert).

(5) Balkan, Luftbrücke Sarajevo 7/1992-1/1996, mehrfach unter Beschuss

(6) Hang von Sarajevo 1996: jahrelange Verdrängung, (zu) späte Einsicht (Legitimation von Intervention zum Schutz vor Massengewalt)

(7) Begegnung verschiedener Welten: Grüne Spitzendelegation (Fischer, Trittin, Müller) trifft Bw-IFOR-Offiziere unter General Riechmann, die überzeugt für Kriegsverhütung im UN-Auftrag wirken.

(8) Zugriffsoperationen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher in Bosnien, Raum Foca 1998-2000 (KSK)

(9) Bilanz 17 Jahre Bw-Beteiligung an BOS-Einsatz: Auftrag Kriegsverhütung voll (und gewaltarm) erfüllt – und weitgehend vergessen.

(10) KFOR-Einmarsch Sommer 1999: jubelnde Bevölkerung, Entschlossenheit von BG Harff, Totalvertreibung der KOS-Albaner verhindert, der KOS nur zum Teil.

(11) KFOR-HQ mit GLt Klaus Reinhardt: erster dt. Force Commander einer NATO-Truppe, steile Lernkurve der Bw; vorbildhaft bez. Führen durch Auftrag, Führen von vorn.

(12) Ruine des Erzengelkloster bei Prizren: Von HFw geführte 19 dt. KFOR-Soldaten evakuierten im März 2004 rechtzeitig sechs serbische Mönche vor marodierender Menge – beispielhafte Einzeltat. Gesamtverhalten von KFOR bei Märzunruhen sehr umstritten.

(13) Multinationale Vertrauensbildung im Rahmen von Open Skies, ZVBw in Geilenkirchen als internationales Kompetenzzentrum

(14) Gedenkstein in Sukhumi/Abchasien (Georgien) für die am 8.10.2001 mit ihrem Hubschrauber abgeschossenen neun UNOMIG-Soldaten aus sieben Ländern, darunter OStArzt Dieter Eissing, erster durch feindliche Einwirkung getöteter Bundeswehrsoldat.

(15) Transall und CH-53, die existentiell notwendigen Lastenträger und ihre äußerst verlässlichen Besatzungen

(16) Afghanistan, PRT Kunduz: Konsens, dass keiner es alleine schafft (keine nur militärische, nur diplomatische oder nur entwicklungspolitische Lösung), Notwendigkeit des ressortübergreifend-vernetzten Ansatzes; Kommandeure kritisieren immer wieder zu Recht die quantitative Schwäche der zivilen Komponenten.

(17) DEU ISAF Einsatzkontingent Ehrenkodex: „Wir respektieren das afghanische Volk, seine Kultur und Religion. Afghanistan verdient die Perspektive einer friedlichen und sozialen Zukunft. (…)

(18) Besuch in Kunduz Anfang Mai 2007, Koranschule: Talibs über Bundeswehrsoldaten „die verhalten sich anständig!“ Hoffnungsprovinz!? Selbstmordanschlag auf dem Markt von Kunduz (drei Bw-Soldaten und sieben afg. Zivilisten getötet), Wendepunkt.

(19) Protest- und Solidaritätsresolution der Rechtsgelehrten, Ältestenvertreter, Lehrer- und Schülerschaft, Handwerksgenossenschaft der Provinz Kunduz nach dem Anschlag: „Die Anwesenheit des dt. PRT in der Provinz Kunduz ist so notwendig wie das Wasser zum Leben.“

(20) Erinnerungstafel an der Ali Chapan High School in Mazar-e Sharif, Hilfsprojekt von „Lachen Helfen e.V.“, der Hilfsinitiative von Soldaten (ab 1996) und Polizisten (ab 2009) für Kinder in Krisen- und Kriegsgebieten: Engagement über den dienstlichen Auftrag hinaus

(21) Kunduz Platte Okt. 2008, PRT-Kommandeur: „Wir haben die Initiative verloren“; in Berlin Realitätsverweigerung (schlechte Tradition).

(22) BILD-online 30.01.2009: „Tötung von Drogenhändlern in Afghanistan - Deutscher verweigert Killer-Befehl“; General Ramms, Oberbefehlshaber Allied Joint Force Command Brunssum widerspricht NATO-OB General Craddock.

(23) Patrouille Chahar Darreh., LOC Banana, 29.04.2009, komplexer Hinterhalt, Sergej Motz erster im Kampf gefallener Bw-Soldat.

(24) Gespräch mit Soldaten der QRF 3 nach Gefecht bei Basoz/Chahar Darreh am 04. Juni 2009.

(25) Zugführer HFw Jan Hecht (QRF 3) und Unterführer-Kameraden über ihre Gefechtserfahrungen und die Bewährung der Mannschaftsdienstgrade.

(26) Zeitzeugengespräch bei der Internationalen Tagung Militärgeschichte 2017 in Potsdam mit gefechtserfahrenen Soldaten und Führern der QRF 5 (Highway Triangel/Baghlan 2010)

(27) Operation Halmazag Ende 2010

(28) Sanitätsdienst im Einsatz: qualitativ höchstwertig, funktionierende Rettungskette; das hat viele Leben gerettet und viele Heilungen ermöglicht. Ihre Verlässlichkeit ist elementar für die Einsatzmotivation.

(29) Soraya Alekozei, deutsch-afghanische Dolmetscherin von RC Generalmajor Kneip, am 28. Mai 2011 lebensgefährlich verwundet, verdankt ihr Überleben ihren Ärzten im Bw-Krankenhaus Koblenz. Sie steht zugleich für die unverzichtbare Brückenarbeit der Sprachmittler insgesamt.

(30) Erfolgreiche Zugriffsoperationen des KSK 2009/2010/2012

(31) Gefechtsbild von Stuart Brown über eine reale Gefechtssituation des KSK in Baghlan

(32) Kernaussagen des Berichts der vom Autor geleiteten Unabhängigen G36-Kommission zu Schusswaffengebrauch und Gefechtsverhalten in allen Einsätzen bis 2014. Bei der Befragung von über 150 gefechtserfahrenen Soldaten begegneten uns Männer „von hoher Professionalität und Ernsthaftigkeit. Die traten ausgesprochen verantwortungsbewusst und besonnen auf. Dass zur Erfüllung des militärischen Auftrages immer auch die besondere Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung gehört, ist für unsere Soldaten offenkundig eine Selbstverständlichkeit.“ Die Angehörigen der Kampftruppe zeigten sich viel mehr als Staatsbürger in Uniform, als es von außen oft vermutet wird.

(33) Motivation von Einsatzsoldaten, wieder in Einsatz zu gehen: gute Kameradschaft 95%, sinnvoller Auftrag 82% (Befragung des 22. ISAF-Kontingents 2010, SOWI/ZMSBw)

(34) Trauerfeiern für Gefallene, Wald der Erinnerung beim Einsatzführungskommando bei Potsdam: Gefallene in bleibender Erinnerung

(35) Talibanbesetzung von Kunduz im Okt. 2015 nach dem ISAF-Abzug: Schock, „alles umsonst?“

(36) „Aus 15 Jahren Afghanistan gelernt? Die bitteren Lektionen“, Titel des DBwV-Mitgliedermagazin Februar 2017.

(37) Paul-Löbe-Haus des Bundestages, Sitzungssaal des Verteidigungsausschusses mit Wehrbeauftragtem: die wichtige Errungenschaft der Parlamentsbeteiligung bei Auslandseinsätzen; der nirgendwo angezweifelte Primat der Politik, der in der Praxis aber oft unzureichend ausgefüllt wurde (Strategieschwäche und Vorrang der Mikrokontrolle, lange mangelnder Realismus, Schönrednerei + nie durchgesetzte Bilanzierungen)

(38) Innere Führung, Staatsbürger in Uniform und freie Debatte: Anspruch und Wirklichkeit. Zentrales Forum des freien und kritischen Wortes z.B. der Bundeswehrverband. Ansonsten ist das freie und kritische öffentliche Wort von Offizieren ziemlich risikobehaftet; das Fehlen der Generale im öffentlichen Diskurs.

(39) „Armee im Aufbruch“ (2014): Debattenanstöße junger Offiziere aus der Kampftruppen, die teilweise Anstoß erregt hatten.

(40) Positiver politischer Traditionsbruch: Erstmalig ein Weißbuch nach einem fachöffentlichen Konsultationsprozess (ähnlich bei den nach folgenden Leitlinien „Krisen verhindern, Frieden fördern“ der Bundesregierung

(41) In besonderer Erinnerung: Peter Struck. Verteidigungsminister 2001-2005, beispielhafte Führungspersönlichkeit

(42) Neuere Einsätze: Integrierte UN-Friedensmissionen: z.B. die für deutsche Öffentlichkeit praktisch „unsichtbaren“ Militärbeobachter und Military Experts on Mission in Darfur, Südsudan, Westsahara (Anforderungsprofil)

(43) Bisher höchste deutsche Dienstgrade bei einer UN-Mission: Brigadegeneral Kay Brinkmann und Oberstleutnant Karl Tillmann bei UNAMA/Afghanistan.

(44) Erste deutsche Kontingentbeteiligung bei einer UN-Mission: MINUSMA in Mali.

(45) Einsatzrückkehrer: Aufmerksamkeit, Unterstützung, Fürsorge – nach der Ignoranz der ersten Jahre heute breites Engagement durch Dienstherrn und freiwillig; Großpräsentation des Netzwerks der Hilfe mit 30 verschiedenen Initiativen und Organisationen, z.B. Oberst-Schöttler-Versehrtenstiftung.

Vor der Bundeswehr: Vorbildhaftes bzw. Erinnerungswertes (kurz)

(46) Gute Tradition Kriegsgräberpflege in Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seiner Jugendarbeit

(47) Stabsgebäude DE-NL Corps in Münster, früher Sitz Befehlshaber im Wehrkreis VI: Aufstellung von 14 Divisionen gegen die europäischen Nachbarn (und 16 Reserve-Polizeibataillone); vor 30 Jahren erstellte der Autor vor einer Reise nach Belarus eine Dokumentation über Spuren des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion im Münsterland: enorme militärische „Leistung“ im Dienste eines gigantischen Staatsverbrechens.

(48) Weniger bekannt: Karte der Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD (A bis D) im Krieg gegen die Sowjetunion: mobile Massenvernichtung direkt hinter den Fronttruppen.

(49) Vormarschstrecke der 16. Panzerdivision aus Münster („Speerspitze der 6. Armee“): Ukraine, Stalingrad, 128 kamen nach der Gefangenschaft zurück. (Mit dem Abtreten der Kriegsgeneration zunehmend vergessen. Für die wichtige Erinnerung an die Geschichte solcher regionaler Wehrmachtsverbände könnten historisch-kritische Untersuchungen hilfreich sein. Die gibt es aber bisher nirgendwo!)

(50) Erinnerung an Generalmajor Henning von Tesckow, Kopf und Herz des militärische Widerstandes, im Einsatzführungskommando

(51) Rettungswiderstand, z.B. Major Karl Plagge, Feldwebel Anton Schmid

(52) Politischer Widerstand von unten: die Sanitätsfeldwebel und Medizinstudenten der „Weißen Rose“/Geschwister Scholl, 1943 hingerichtet (das Auditorium der Sanitätsakademie der Bw wurde 2012 nach Hans Scholl benannt)

(53) Jagdflieger Franz Stigler schoss am 20.12.1943 über Jever einen stark beschädigten und  wehrlosen US-Bomber B17 nicht ab, sondern geleitete ihn außerhalb der Reichweite der deutschen Flak: Ritterliches Verhalten, in USA sehr bekannt, in Deutschland ast gar nicht.

Über den Tellerrand: Vorbildhaftes bei anderen

(54) 20 Jahre DE-NL Corps: Ehemalige Kriegsgegner nirgendwo so dicht zusammen und integriert

(55) Bewährung der niederländischen Streitkräfte in der südafghanischen Provinz Uruzgan (Schlacht im Chora-Tal Juni 2007, dabei ein Kompaniechef mit Srbrenica-Erfahrung)

(56) Vorbildliche Multinationalität im Einsatz: US-Hubschraubersatzungen retten 2010 trotz heftigem Beschuss deutsche Verwundete beim Karfreitagsgefecht bei Kunduz.

Traditionen im Werden

(57) Regionalausstellung der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall: hervorragend.

(58) Militärgeschichtliche Sammlung der DSK, früher PzBrigade 14 in Stadtallendorf.

(59) Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne in Hannover: am 28. Mai 2011 in Taloqan gefallener Feldjäger (der 23. dt. Gefallene durch Sprengfallen in Afghanistan).

(60) Ressortübergreifende Zusammenarbeit: Feldjäger unterstützen Polizeiausbildung 2012 in Nord-AFG (Focused District Development).

(61) Keiner schafft`s allein: Vernetzter Ansatz pragmatisch vor Ort, bei Common Effort Übungen seit 2011:Tradition im Werden.

(62) 5. Tag des Peacekeepers 2017: neue Tradition mit Hoffnungspotenzial

(63) Präambel der UN-Charta: Die Grundregeln für internationale kollektive Sicherheit und Weltfrieden, laut Grundgesetz auch gültig für deutsche Politik.

ANHANG

Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 13/61 vom 12.10.1995, Tagesordnungspunkt 13:

Antrag der Abgeordneten Hans Büttner (Ingolstadt), Gerd Andres und

weiterer Abgeordneter der Fraktion der SPD: Umbenennung der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen und der General-Kübler-Kaserne in Mittenwald, Drucksache 13/1628 ( http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/13/13061.asc )

Redner:

Hans Büttner (Ingolstadt) SPD 5248 B, 5259 A

Benno Zierer CDU/CSU 5250 A

Winfried Nachtwei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 5251 B

 Dr. Gregor Gysi PDS 5251 D

Hildebrecht Braun (Augsburg) F.D.P. 5252 B

Gerhard Zwerenz PDS 5253 C

Volker Rühe, Bundesminister BMVg 5254 C

 Gerald Häfner BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 5256 A

Walter Kolbow SPD 5256 B

Kurt J. Rossmanith CDU/CSU 5256 D

 Walter Kolbow SPD 5257 B

S. 05251

(…) Ich darf abschließend sagen: Die CDU/CSU-Fraktion legt keinen gesteigerten Wert darauf, die bestehende Benennung zu ändern. Zwingender Anlaß besteht nicht. Vielen Dank.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU -- Zuruf von der SPD: Unverschämtheit, so eine Rede hier zu halten!)

Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Als nächster spricht der Kollege Winfried Nachtwei.

Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Guten Morgen!

Herr Kollege Zierer, Sie fragen, ob es kein wichtigeres Thema gibt. Natürlich gibt es viele wichtige

Themen. Allerdings ist Traditionspflege für die Bundeswehr insofern enorm wichtig, weil es da um eigenes Selbstverständnis und eigene Identität geht. Das hat natürlich ganz stark mit der eigenen

Vergangenheit zu tun. Zweitens geht es hier, glaube ich, den meisten im Saale nicht darum, die Traditionspflege bei der Bundeswehr pauschal zu diffamieren. Da müssen wir genau hinschauen. Das werde auch ich versuchen.

(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Ihnen geht es um etwas ganz anderes, um die Presseerklärung von dem Büttner!)

Vor wenigen Wochen erlebte ich in meiner Heimatstadt Münster, dass ein General pensioniert wurde,

der auf fast 40 Dienstjahre ohne Krieg stolz war. Das ist angesichts der langen deutschen Militärgeschichte, denke ich, ein sehr erfreuliches Novum. In den Traditionsrichtlinien der Bundeswehr von 1982 heißt es: In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.

Am 5. Januar dieses Jahres gab Minister Rühe der größten Kaserne in Berlin den Namen von Julius Leber. Diese begrüßenswerten Bemühungen um demokratisches Selbstverständnis und demokratische Traditionspflege in der Bundeswehr werden allerdings z. B. durch solche Namen konterkariert.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)

Die Belege dafür, dass die Namen gerade von General Dietl und Kübler im Rahmen einer solchen Traditionspflege völlig ungeeignet sind, sind gerade vom Kollegen Büttner genannt worden, auch nach den letzten Studien des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Ich brauche sie nicht zu wiederholen. General Winfried Wolf hat als Kenner ähnliche Ausführungen dazu gemacht.

Wir müssen allerdings feststellen: Das Ministerium prüft inzwischen sieben Jahre diesen ganzen Komplex. Ich habe den Eindruck, man versteckt sich im Grunde hinter dem, was lokal an unzweifelhafter Zustimmung zu diesen Namen vorhanden ist.

Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Herr Nachtwei, gestatten Sie eine Zwischenfrage von Herrn Gysi?

Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, bitte schön.

Dr. Gregor Gysi (PDS): Zu den beiden Namen haben Sie ausreichend Stellung genommen. Aber Ihr Vorredner hat darauf hingewiesen, dass man die Wehrmacht sehr differenziert beurteilen müsse und dass viele dachten, dass sie sozusagen die Heimat verteidigen, obwohl sie in Wirklichkeit missbraucht wurden, um einem System zu dienen. Er hat dabei insbesondere Herrn Rommel hervorgehoben.

 Würden Sie mir in der Annahme folgen, dass, wenn man in Afrika kämpft, man ahnt, dass man nicht seine Heimat verteidigt, weil man das eigentlich nur in der Heimat kann? Wenn man nach Polen, in die Sowjetunion und in viele andere Länder marschiert, muß man zumindest davon ausgehen, dass

man einen Eroberungskrieg führt.

(Beifall bei der PDS -- Widerspruch bei der CDU/CSU)

Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Eine kurze Antwort darauf: Grundsätzlich ja. Ich will jetzt aber nichts zur Wehrmacht sagen. Es geht hier um konkrete Namen. Ich glaube, da kommt man weiter.

(Beifall bei der SPD -- Dr. Erich Riedl [München] [CDU/CSU]: So eine Scheinheiligkeit! Sie waren in Kuba, in Angola, in Mosambik!)

-- Herr Riedl, darf ich um Ruhe bitten? -- Danke schön.

Allerdings muss ich feststellen, dass diese beiden Kasernennamen nicht einfach nur als Fall von vielleicht militaristischer Folklore abgetan werden können, sondern daß sie auch etwas wie die Spitze eines Eisberges sind. Wenn wir uns Kasernennamen insgesamt ansehen, müssen wir feststellen, dass ein großer Teil dieser Kasernen nach sogenannten Helden des Ersten Weltkrieges, von Kolonialkriegen und anderen sogenannten Helden des Zweiten Weltkrieges benannt ist. Sehr viele Namen wurden aus der hitlerschen Traditionsoffensive von 1936/1937 übernommen und dann

beibehalten.

Wenn solche Namen als Kasernennamen gewählt werden, hat das Symbolkraft; denn die Bezeichnung von Kasernen nach bestimmten Personen soll schlichtweg Vorbilder markieren. Wenn man solche Art von Kriegshelden in Mengen als Vorbilder darstellt, soll man sich allerdings nicht wundern, dass sich an der Basis in einzelnen Einheiten Beunruhigendes tut. Das wurde im letzten Bericht des Wehrbeauftragten dargestellt, und zwar in dem Kapitel ,,Traditionspflege".

Herr Minister Rühe, meiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass Sie in Sachen Kasernennamen endlich Führungsstärke beweisen. Dafür wäre die Umbenennung dieser beiden Kasernen ein sehr wichtiger erster Schritt.

Ansonsten muss sich der Eindruck aufdrängen, dass Ihr Eintreten für eine demokratische Traditionspflege in der Bundeswehr nicht ganz ernst gemeint ist.

 Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)

Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Das Wort hat jetzt der Kollege Hildebrecht Braun.

Hildebrecht Braun (Augsburg) (F.D.P.): Wertes Präsidium!

Die Deutschen sind schon ein undankbares Volk. Da kämpfen die Generäle Kübler und Dietl jahrelang mit großem Erfolg. Sie besiegen den bösen Feind reihenweise, der einfach nicht verstehen will, dass es der göttlichen Vorsehung entsprechen soll, wenn deutsche Soldaten sein Land besetzen.

Sie sorgen für einen Ruf der neugebildeten 1. Gebirgsdivision wie Donnerhall. Sie stellen den Primat der Politik nicht in Frage, sondern lesen dem Führer die Wünsche von den Lippen ab -- und das auch noch mit glühendem Herzen. -- Und dann das! Da kommen 50 Jahre später Politiker und wünschen, dass Kasernen, die man in den 60er Jahren nach den früheren Helden der Truppe benannt hat, umbenannt werden.

 Von 443 deutschen Kasernen tragen nur 40 die Namen von Soldaten der ehemaligen Wehrmacht. Von diesen Soldaten waren 13 allerdings Angehörige des militärischen Widerstands. Die anderen 27 Namen schaffen uns mehr Probleme als die Namen der verbleibenden 416 Kasernen zusammen.

(Beifall bei Abgeordneten der F.D.P., Der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

(…)


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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