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Interview
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Interview zu PTBS: "Riesenproblem mit ausgeschiedenen Soldaten" in LOYAL 10/2012

Veröffentlicht von: Nachtwei am 13. Oktober 2012 20:25:35 +02:00 (18742 Aufrufe)

Keine Zeitschrift widmet sich so sehr den seelisch Verwundeten wie LOYAL, das Monatsmagazin des Reservistenverbandes. Titelthema im Oktober ist "Kriegstrauma - der peinigende Kampf mit den Erinnerungen". Einzelbeiträge schildern das "Leben in Therapie", das "Netzwerk der Hilfe" mit seinen aktuellen Fortschritten, schließlich die Flut an Suiziden unter US-Soldaten (ca. einer pro Tag) und vor allem unter US-Veteranen (schätzungsweise 18 pro Tag!). Abschließend das Interview, das Lorenz Hemicker mit mir als dem Leiter der AG PTBS beim Beirat für Fragen der Inneren Führung führte.

Ein „Riesenproblem" mit ausgeschiedenen Soldaten

Interview mit Winfried Nachtwei, Leiter der Arbeitsgemeinschaft „PTBS" beim 13. Beirat für Fragen der Inneren Führung

Herr Nachtwei, in den USA  bringt sich im Schnitt jeden Tag ein aktiver Soldat um. Bei den Veteranen wird die Zahl der Selbstmorde noch deutlich höher geschätzt. Droht Deutschland mit seinen Soldaten ein ähnliches Schicksal?

Das denke ich nicht. Die Belastungen der amerikanischen Soldaten in den Auslandseinsätzen sind noch einmal erheblich größer als die der Bundeswehr. Schon die Einsatzdauer übersteigt die der deutschen Soldaten um ein Mehrfaches. Aber daraus lassen sich in keiner Weise beruhigende Schlussfolgerungen ziehen.

Mit wie vielen seelisch verwundeten Bundeswehrsoldaten rechnen Sie?

Präzise Zahlen gibt es nicht. Die wenigen Untersuchungen, die bislang vorgenommen wurden, liegen mit ihren Ergebnissen weit auseinander. Das Autorenpaar Tegtmeier („PTBS - Das unsichtbare Leid") hält eine Größenordnung von bis zu 30 000 psychisch geschädigten Soldaten für möglich. Das lässt die Dimension des Problems erahnen.

Die Zahlen der Bundeswehr liegen deutlich niedriger, schon deshalb, weil lange Zeit nur behandelte Erkrankungsfälle statistisch erfasst wurden. Warum wurden die seelischen Verwundungen nicht früher präziser ausgewertet?

Über viele Jahre haben die Verantwortlichen im Sanitätsbereich die Herausforderung schlichtweg unterschätzt, teils wurde die Situation von der Führung sogar bewusst beschönigt. Hinzu kam, dass die politischen Kontrolleure, zu denen auch ich gehörte, nicht früh genug Alarm geschlagen haben. Inzwischen lassen sich bei der Erfassung Fortschritte beobachten. So werden seit letztem Jahr immerhin Erstbehandlungen und Wiedervorstellungen voneinander unterschieden. Aber das reicht noch nicht aus. Ich sehe nach wie vor erheblichen Nachholbedarf.

Posttraumatische Belastungsstörungen erfahren in der Truppe inzwischen mehr Aufmerksamkeit. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Andere seelische Erkrankungen werden laut Auskunft Betroffener weiterhin tabuisiert. Warum?

Zwei Aspekte spielen dabei eine Rolle. Einmal laufen psychische Verwundungen dem Selbstbild und dem Anspruch vieler Soldaten entgegen. Soldaten wollen und sollen stark, mutig und tapfer sein. Psychische Verwundungen aber bedeuten Schwäche, Ängste, Verzweiflung. Hinzu kommt, dass seelische Probleme für Soldaten schlicht karrieregefährdend sein können.

Inzwischen sind die gesetzlichen Grundlagen für eine bessere Versorgung von traumatisierten Soldaten geschaffen worden. Woran hapert es bei der Versorgung der Betroffenen jetzt noch?

Der schwerwiegendste Engpass bleibt die versorgungsmedizinische Begutachtung. Im Sanitätsamt der Bundeswehr gab es Anfang dieses Jahres hierfür nur drei Dienstposten - bei 3600 Gutachten im Jahr. Die meisten Gutachten müssen nach wie vor von zivilen Ärzten erstellt werden. Das dauert lange und geschieht oft nach Aktenlage. Eine Verbesserung der Situation ist kaum in Sicht, weil der Bundeswehr auf Jahre hinaus ausreichend geschulte medizinische Fachleute fehlen werden. Hinzu gesellen sich dann auch noch Mentalitätsprobleme.

Was meinen Sie damit?

Ich will keine Pauschalvorwürfe erheben. Aber Betroffenen zufolge ziehen sich etliche Mitarbeiter und Soldaten im Verwaltungsapparat nach wie vor häufig auf die Vorschriften zurück und haben zuwenig die Fürsorgepflicht gegenüber den verwundeten Soldaten im Blick. Das haben noch längst nicht alle verstanden und ist zugegebenermaßen anstrengender, weil mit mehr Widerständen verbunden. Aber es ist die verdammte Pflicht des Dienstherrn, verlässlich für seine Soldaten zu sorgen.

Das Verteidigungsministerium hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Situation für Betroffene zu verbessern. Dazu zählt auch das so genannte Psychosoziales Netzwerk, über das jeder aktive Soldat bei seelischen Problemen einen ortsnahen  Ansprechpartner finden soll. Bewährt es sich?

Auf jeden Fall ist es ein sehr hilfreicher Schritt, angefangen von der festen Adresse des PTBS-Beauftragten bis hin zur Präsenz in den Bundeswehrstandorten. In der Vergangenheit fehlte es vielerorts an einem festen Ansprechpartner, genauso wie an Psychologen. Auch der Bundeswehr-Sozialdienst ist häufig überfordert. Im Verteidigungsministerium ist hinsichtlich dieser Punkte wohl auch verstärkter Handlungsbedarf festgestellt worden. Aber zwischen der Feststellung von Handlungsbedarf und Handeln liegen bekanntlich oft Welten.

Das Psychosoziale Netzwerk ist für aktive Soldaten da. Wie kümmert sich die Bundeswehr um ausgeschiedene Soldaten?

Das ist ein Riesenproblem. Denn um diejenigen mit dem höchsten Erkrankungsrisiko kümmert sich der Dienstherr bisher am allerwenigsten: junge Soldaten, kurz dienende Mannschaftsdienstgrade, die am häufigsten in Gefechte und Hinterhalte geraten und bei denen PTBS oder eine andere seelische Verwundung erst Jahr nach dem Ausscheiden hervorbrechen. Umso wichtiger sind die Hilfsangebote von Selbsthilfegruppen und des Reservistenverbands, der ja inzwischen in der Fläche stärker präsent ist als die Bundeswehr selbst, und die Realisierung einer „Versorgung aus einer Hand" für ehemalige Soldaten.

Unter seelischen Verwundungen leiden häufig nicht nur die Soldaten. Wer kümmert sich um co-traumatisierte Familienangehörige?

Die Streitkräfte beginnen langsam damit, entsprechende Angebote für Familien anzubieten. Um die Angehörigen ausgeschiedener Soldaten aber kümmert sich nach wie vor niemand. Wir haben vorgeschlagen regionale Netze ziviler Einrichtungen mit den Angeboten der Bundeswehr zusammenzuführen. Hier ist gesellschaftliche Mitverantwortung gefragt. Das allein aber reicht nicht aus. Die Bundeswehr steht hier noch vor gewaltigen Aufgaben.

Sie haben über viele Jahre den Umgang der Streitkräfte mit ihren seelisch verwundeten Soldaten kritisch beobachtet und kommentiert. Wie lautet ihr Fazit bis hierhin?

Die Aufmerksamkeit für Geschädigte, Hinterbliebene und Familienangehörige hat sich gegenüber der Situation vor vier, fünf Jahren um einiges verbessert. Es gibt inzwischen viele Menschen, die sich innerhalb und außerhalb der Bundeswehr für sie einsetzen. Aber insgesamt nimmt der Staat die Fürsorgepflicht nach wie vor nicht ausreichend wahr. Die Dringlichkeit der praktizierten Fürsorge ist noch längst nicht in allen Köpfen angekommen. Das andere ist die sicherheitspolitische Ebene. Ein elementarer, unverzichtbarer Teil umfassender Fürsorge ist es, dass die Einsatzaufträge nicht nur legal und sicherheitspolitisch nachvollziehbar, sondern auch erfüllbar und sinnvoll sind. Der Soldat muss den Sinn seines Einsatzes erfahren können. Davon sind wir weit entfernt.

Das Gespräch führte Lorenz Hemicker

Geboren 1946 in Wulfen, von 1994 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags, davon die letzten sieben Jahr sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen. Seit 2011 Leiter der AG PTBS" beim 13. Beirat Innere Führung.


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Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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