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Artikel von Winfried Nachtwei für Zeitschriften u.ä.
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RIGA-KOMITEE GEGRÜNDET für die Gräber- und Gedenkstätte Riga im Wald von Bikernieki, der ersten Gedenkstätte für nach Osteuropa deportierte deutsche und österreichische Juden

Veröffentlicht von: Webmaster am 1. Juni 2000 20:50:20 +02:00 (12559 Aufrufe)
Am 23. Mai 2000 gründeten die Repräsentanten von dreizehn deutschen Groß-städten und der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin das „Deutsche Riga-Komitee". Beteiligt sind bisher Berlin, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Münster, Nürnberg, Osnabrück und Stuttgart.
Der Zusammenschluss will an das Schicksal der nach Riga verschleppten und dort ermordeten Juden erinnern und die Errichtung und Pflege der künftigen Gräber- und Gedenkstätte Riga unterstützen.

Im Bikernieki-Wald, am östlichen Stadtrand der lettischen Hauptstadt Riga, wurden zwischen 1941 und 1944 über 40.000 jüdische Menschen, politische Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene von den Nazis und ihren einheimischen Helfern erschossen. Ein großer Teil der Opfer stammte aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, von wo allein von Dezember 1941 bis Herbst 1942 mehr als 20.000 Juden in das Ghetto Riga deportiert worden waren.

55 Massengräber, eingefaßt durch normale Bordsteine, sind in dem hügeligen Waldgelände zu zählen. Sie liegen innerhalb der „Gruben", die als kleine Lichtungen mit schwächerer Vegetation erkennbar sind. Einzelne Bäume haben Einschuss-löcher, andere Brandnarben von den Leichenverbrennungen, die vor dem deutschen Rückzug 1944 durchgeführt wurden. Ein Gedenkstein aus sowjetischer Zeit trägt die Inschrift: „1941-1944 ermordeten deutsch-faschistische Okkupanten im Wald von Bikernieki auf grausame Weise 46.500 friedliche Bürger." Kein Wort davon, daß die meisten Opfer Juden waren. Nichts erinnert bisher an die vielen tausend hier erschossenen, verscharrten, verbrannten Deportierten, die einmal Nachbarn von nebenan waren, von denen an ihren Heimatorten oft nur ein „verschollen in Riga" bekannt ist.

Seit Jahren befindet sich das Gräberfeld in einem verwahrlosten Zustand.

Anfang der 90er Jahre begann die Stadt Riga mit der Anlage einer Gedenkstätte. Wegen Geldmangel musste das Vorhaben abgebrochen werden.

Auf private Initiative wurden im September 1996 auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Gedenksteine für die Deportierten des Hamburger, Kölner und Bielefelder Transports aufgestellt. Zur Realisierung trugen die Städte Bielefeld, Münster und Osnabrück bei.

Der Wald von Bikernieki blieb ein verlorener und vergessener Ort, wo inzwischen die Hinweistafel an der Straße verschwunden ist, wo Grabeinfassungen überwachsen und aus den Fugen sind.

1996 bildete sich in Wien auf Anregung von Herrn Erich Herzl, der Angehörige in Riga verloren hat, und dem „Schwarzen Kreuz" eine „Initiative Riga", die sich seitdem unter der Schirmherrschaft des österreichischen Bundespräsidenten und einem prominent besetzten „Ehrenkomitee" für eine würdige Gedenkstätte in Bikernieki engagiert.

Auf Grund der neuen Kriegsgräberabkommen mit osteuropäischen Staaten, die nun erstmalig auch Gräber von Deportierten zu den Kriegsgräbern zählen, übernahm der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" die Verantwortung für die Gestaltung der Gräber- und Gedenkstätte Bikernieki.

(Im Auftrag der Bundesregierung führt der Volksbund u.a. die „Anlage, Sicherung, Erhaltung und Pflege der Ruhestätten im Ausland" (§ 2 seiner Satzung) durch. 1991 legte der Volksbund in Riga einen der ersten deutschen Soldatenfriedhöfe in ganz Osteuropa an. Für seine Arbeit in Mittelost- und Osteuropa wurde der Volksbund aus dem Bundeshaushalt, Auswärtiges Amt, 1996 mit 7,5 Mio. DM, 1999 mit 8,2 Mio und 2000 mit 6,7 Mio. DM unterstützt.)

1997 begrüßten Staatsminister Schäfer vom Auswärtigen Amt und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignaz Bubis, das Projekt ausdrücklich. Inzwischen zeigten auch Überlebendenorganisationen in den USA starkes Interesse an dem Vorhaben.

In Kooperation mit der „Initiative Riga/Wien", der Stadt Riga, der lettischen Partner-organisation und Holocaust-Überlebenden konnte der Volksbund inzwischen die Voraussetzungen für den Bau der Gedenkstätte schaffen. Die Gesamtkosten des durch den Architekten Rysch geplanten Projekts sind mit 750.000 DM veranschlagt.

Trotz der schmerzhaften Reduzierung der Bundeszuschüsse für den Volksbund im Rahmen des Sparhaushaltes 2000 konnte erreicht werden, dass der Bund in 1999 und 2000 jeweils 275.000 DM für den Bau der Gedenkstätte zur Verfügung stellt. Die Bauarbeiten beginnen in diesem Jahr, die Einweihung ist für November 2001 geplant, sechzig Jahre nach Beginn der Deportationen.

Mit der künftigen Pflege der Gräber- und Gedenkstätte im Wald von Bikernieki durch lettische und deutsche Jugendliche soll eine Brücke der Erinnerung zwischen Deutschland und Lettland geschlagen werden. Die Gräberstätte Rumbula nach einer Renovierung ebenfalls von den Jugendlichen gepflegt werden. Hier wurden am 30. November und 8. Dezember 1941 über 26.000 Gefangene des lettisch-jüdischen Ghettos sowie die Insassen des ersten Deportationszuges aus Berlin erschossen.

Außerdem gibt der Volksbund ein Gedenkbuch in Auftrag, das versuchen soll die Namen aller Opfer zu dokumentieren.

Vor der Gründungsversammlung des Deutschen Riga-Komitees im Berliner Rathaus empfing Bundespräsident Johannes Rau die Teilnehmer.in Schloss Belevue. In der Gründungsurkunde erklären sich die Oberbürgermeister für ihre Heimatstädte bereit, „die Planung, Errichtung sowie die Übergabe der Gräber- und Gedenkstätte Riga im Jahr 2001 zu begleiten und zu den Baukosten (..) einen Beitrag von insgesamt 200.000 DM bis zum 31.3.2001 aufzubringen. Die Höhe des jeweiligen Beitrages (...) steht im Ermessen des einzelnen Mitglieds." Bei der Organisation und Durchführung seiner internationalen Jugendcamps für die Gedenkstätte Riga und in Lettland wird der Volksbund „eng mit den im Riga-Komitee zusammengeschlossenen Heimat-städten zusammenwirken." Bei der Aussprache wurde ausdrücklich betont, dass die Mitgliedschaft weiterer Heimatorte von nach Riga Deportierten möglich und gewünscht ist. (Zur Gründungsversammlung wurden zunächst nur die Herkunftsorte der Deportationszüge eingeladen. Die Verschleppten stammten aber aus den ganzen jeweiligen Gestapobezirken.)

Ich machte den Städten das Angebot, mit meinem Diavortrag „Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" (über das Schicksal der nach Riga Deportierten) gern für örtliche Veranstaltungen von Schulen und Volkshochschulen zur Verfügung zu stehen.

Das Erinnerungsprojekt Riga ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes, ja Ein-maliges: Es entstehen Brücken der Erinnerung zwischen Deutschland und Lettland, wo angesichts der vorherrschenden Erinnerung an die Sowjetzeit eine offene Erinne-rung an die NS-Zeit noch vielfach schwer fällt. Es entstehen Brücken der Erinnerung zwischen Alt und Jung, nicht anonym und unfassbar, sondern personalisierbar, mitfühlbar an Einzelschicksalen aus den jeweiligen Städten, an früheren Schülerin-nen und Schülern zum Beispiel. (vgl. Geschwister-Prenski-Gesamtschule in Lübeck, die Herta-Lebenstein-Realschule in Stadtlohn) Und schliesslich treffen bei dem Riga-Projekt Erinnerungskulturen zusammen, die bisher meist völlig getrennt voneinander existierten - hier die Erinnerung vor allem an die gefallenen und vermissten Soldaten, die Kriegsopfer, aber auch Kriegstäter waren, dort die Erinnerung an die Opfer von Verfolgung, Terror und Vernichtungskrieg. Das Projekt bietet die große Chance, eine Art von Erinnerung zu fördern, die nicht stehen bleibt bei der Stiftung von Gruppenidentitäten, sondern durch das Überschreiten von Gruppengrenzen Menschenrechtsbewusstsein stärken kann.

Danken möchte ich dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der sich mit seiner großen Erfahrung und hohem Engagement zur Aufgabe gemacht hat, den seit fast 60 Jahren verschollenen jüdischen Nachbarn von nebenan endlich eine würdiger Erinnerungsstätte zu schaffen.

Zu danken ist den Herkunftsorten der Deportationen, die sich am Riga-Komitee beteiligen

Danken will ich schließlich Rat und Verwaltung meiner Heimatstadt Münster, die mit Bielefeld und Osnabrück zu den ersten Städten bundesweit gehört, die die über Jahrzehnte abgebrochene Erinnerung an die verschleppten jüdischen Bürgerinnen und Bürger aufnahmen.

Es ist gut zu erfahren, wie vor zehn Jahren begonnene Erinnerungsarbeit und Spurensuche nun auf breitester Basis steht.

 

Berlin/Münster, 1. Juni 2000
Winfried Nachtwei, MdB

Herkunftsorte und Daten der Riga-Deportationen (mit der jeweiligen Region):

Deportationszüge mit jeweils ca. 1000 Menschen verließen

Berlin am 27.11.1941 und am 13., 19., 25.1., 18.8., 5.9., 3., 19. und 26.10. 1942; Nürnberg am 29.11.1941, Stuttgart 1.12., Wien 3.12.1941 und 11. und 26.1., 6.2. 1942 , Hamburg 4.12., Köln 7.12., Kassel 9.12., Düsseldorf 11.12., Münster/Osnabrück/ Bielefeld 13.12., Hannover 15.12.1941, Theresienstadt/Prag 9., 15.1.1942

Leipzig 21.1., Dortmund 27.1.1942.

Literatur-, Materialien- und Medienliste „Deportationen nach Riga 1941/42, Ghetto Riga 1941/44", Stand April 2000, 6 S., erhältlich über das Berliner Büro (030/227-72567, Fax -76016, winfried.nachtwei@bundestag.de) oder Münsteraner Büro (0251/662280, Fax 662296, winfried.nachtwei@wk.bundestag.de)


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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