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Bericht von Winfried Nachtwei
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Brücken der Erinnerung zwischen Nationen + Generationen: 2. Gedenk- und Erinnerungsreise von Städtevertretern des Dt. Riga-Komitees nach Riga (Bericht)

Veröffentlicht von: Nachtwei am 15. August 2017 14:59:50 +01:00 (1922 Aufrufe)

Das Dt. Riga-Komitee ist ein einzigartiges Netzwerk von inzwischen 57 Städten, um die Erinnerung an über 25.000 jüdische Nachbarn wachzuhalten, die 1941/42 aus dem "Reich" in das Rigaer Ghetto deportiert und dort zum größten Teil ermordet worden waren. Organisiert vom Volksbund Dt. Kriegsgräberfürsorge besuchten jetzt VertreterInnen von 25 Städten Orte des NS-Terrors in Riga. 50 Jahre lang waren sie nahezu vergessen.

Brücken der Erinnerung zwischen Nationen + Generationen:

Zweite gemeinsame Gedenk- und Erinnerungsreise aus

Städten des Deutschen Riga-Komitees 3.-6. Juli 2017 nach Riga

Winfried Nachtwei (14.08.2017)

(Fotos www.facebook.com/winfried.nachtwei )

Sie waren Nachbarn von nebenan.

Über 25.000 jüdische Menschen wurden ab Ende November 1941 bis Oktober 1942 in das von Nazi-Deutschland besetzte Riga verschleppt: sieben Transporte aus Berlin, je einer aus Nürnberg/Würzburg/Bamberg, Stuttgart, Hamburg/Lübeck/Kiel, Köln, Kassel, Düsseldorf, Münster/ Osnabrück/Bielefeld, Hannover, Leipzig, Dortmund, vier Transporte aus Wien, drei aus Theresienstadt - und im Juni 1944 rund 5.000 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz.

Bis Anfang der 90er Jahre waren das „Reichsjudenghetto“ Riga und das organisierte Morden dort in West und Ost weitestgehend unbekannt.

Mit Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gründete sich im Jahr 2000 das Deutsche Riga-Komitee als Zusammenschluss von – zunächst 13 – Herkunftsstädten der Riga-Deportationen. Die Städte machten sich zur Aufgabe, die Erinnerung an ihre verschleppten und ermordeten Bürger zu fördern und lebendig zu halten. Inzwischen gehören 57 Städte zu diesem in der deutschen Erinnerungskultur einzigartigen Zusammenschluss.

Nach der Einweihung der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki am 30. November 2001 fand 2010 eine erste gemeinsame Gedenk- und Erinnerungsreise des Komitees nach Riga statt. Anfang Juli 2017, 75 Jahre nach den Riga-Deportationen, folgte die zweite Reise mit Delegationen aus 25 Städten, darunter auch Wien und Brünn.

Zu der 66-köpfigen Delegation gehörten etliche Bürgermeister, aktive und ehemalige Abgeordnete, leitende Mitarbeiter von Stadtverwaltungen, Stadtarchiven, Erinnerungsorten, des Volksbundes, ein Staatssekretär, die stellvertretende Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes für Beziehungen zu jüdischen Organisationen und – erstmalig - mehrere Nachkommen von in Riga Verschollenen sowie Teilnehmer einer integrierten deutsch-lettisch-österreichischen Jugendbegegnung (je drei aus Bremen und Lettland, je zwei aus Berlin und Österreich). Wolfgang Wieland, Stellvertretender Präsident des Volksbundes, Nachfolger von Prof. Volker Hannemann, leitete die Delegation. Die Organisation lag in der Hand von Thomas Rey und Sigrun Andree, Projektleiter und Projektkoordinatorin des Volksbundes, unterstützt von Janis Racins, dem Länderbeauftragten des Volksbundes in Lettland. Die historisch-fachliche Leitung lag bei Matthias M. Ester vom Geschichtskontor Münster.

Über die Reise erschienen so viele Berichte und Artikel wie über keine Riga-Erinnerungsreise zuvor. (Links am Schluss)

Im Anhang ( www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1489 ) Berichte zu weiteren Erinnerungsorten in Riga, die bei einem zweieinhalb-tägigen Riga-Besuch nicht alle aufgesucht werden können, aber von Interesse sind.

Stationen der Reise

(1) Empfang beim deutschen Botschafter Rolf Schütte

(2) die ersten Gedenksteine an die Deportationen aus Hamburg, Hannover, Köln und Münster auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Smerlis

(3) die ehemalige Große Choral Synagoge an der Gogolstraße

(4) das ehemalige Ghetto in der Moskauer Vorstadt

(5) offizielle Gedenkfeier am Mahnmal an der ehemaligen Großen Synagoge an der Gogolstraße anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 4. Juli

(6) die Massengräber und die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

(7) Gespräche im Jüdischen Zentrum und Besuch des Museums „Juden in Lettland“

(8) Vortrag von Matthias Ester „Riga – eine europäische Erinnerungslandschaft des 20. Jahrhunderts“ im Haus der Lettischen Gesellschaft

(9) Kranzniederlegung am Freiheitsdenkmal und Stadtrundgang

(10) Gespräch mit Margers Vestermanis in der Kleinen Gilde

(11) Empfang durch die Stadt Riga

(12) Rangierbahnhof Skirotava

(13) Ehemaliges Lager Jungfernhof an der Daugava

(14) Gedenkstätte an der Stelle des früheren „Arbeitserziehungslagers“ Salaspils

(15) Massengräber und Gedenkstätte in Rumbula

(16) Schlussbemerkung

(17) Links zu weiteren Artikeln

(1) Empfang der Delegation in der Residenz des deutschen Botschafters in Mezaparks

Botschafter Rolf Schütte begrüßt auch die israelische Botschafterin, die Bürgermeister von Brünn, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, von Salaspils und Jelgava. Er drückt seine besondere Freude über die Teilnahme vieler junger Leute an der Reise aus.

„In eine Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt, die über die grauenhaften Geschehnisse jener Zeit aus eigener Erfahrung berichten können, ist die Gedenk- und Erinnerungsarbeit umso wichtiger. Unser Augenmerk sollte dabei besonders auf der Frage liegen, wo Unrecht beginnt. Denn der Holocaust begann nicht in Auschwitz und auch nicht in Rumbula, Bikernieki oder im Konzentrationslager Kaiserwald, sondern unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 mitten in Deutschland, als die Diskriminierung und Verfolgung der Juden, aber sehr bald auch anderer Minderheiten wie der Sinti und Roma oder der Homosexuellen, von politisch Andersdenkenden und Behinderten begann, die in den Konzentrationslagern und in den Massenerschießungen endete.“

Wolfgang Wieland erläutert, warum sich der Volksbund der Erinnerung an die Deportationsopfer angenommen habe. Jean-Claude Juncker sagte einmal: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der soll auf Soldatenfriedhöfe gehen!“ Aber dabei habe man ein großes Problem. Diejenigen, deren Gräber man pflege, schufen zugleich die Voraussetzungen dafür, dass der Mord an den europäischen Juden möglich wurde. „Wir verbinden die Trauer mit der Scham darüber, was hier geschehen ist.“ Deshalb pflege man in Riga Gedenkorte.

(2) Auf dem Rückweg besuchten Delegationsmitglieder den Neuen Jüdischen Friedhof in Smerlis. Hier waren am 8. September 1996 auf private Initiative erste drei Gedenksteine für die aus dem Raum Hamburg, Köln und Münster/Osnabrück/Bielefeld nach Riga deportierten jüdischen Menschen eingeweiht worden. Im Jahr 2000 folgte ein vierter Gedenkstein für die tausend aus Hannover Verschleppten. Im hinteren Teil des Friedhofs befindet sich auch das Grab von Alexander Bergmann, dem am 12. Januar 2016 verstorbenen langjährigen Vorsitzenden des Vereins der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands. (s. Anhang)

4. Juli, Tatorte, Gedenkorte – Topographie des Terrors

Am 1. Juli 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Riga. Am 4. Juli, heute vor 76 Jahren, erreichte der beginnende Nazi-Terror einen ersten Höhepunkt, an der

(3) Großen Choral Synagoge an der Gogola iela 25. 1871 errichtet stand sie beispielhaft für den sozialen Aufstieg der Juden in Riga, wo ihr Bevölkerungsanteil 1935 bei 11,3% lag (in Deutschland zu der Zeit zwischen 0,5 und 1%).

Teile der Bevölkerung begrüßten die einmarschierenden Wehrmachtssoldaten als „Befreier“. Ein Hintergrund waren die traumatischen Erfahrungen mit einem Jahr sowjetischer Besatzung, die eine Woche vor dem deutschen Überfall in eine Massendeportation nach Sibirien und während des Rückzuges der Roten Armee in Mordaktionen der sowjetischen Geheimpolizei gipfelte. (vgl. im Anhang Bericht zum Okkupationsmuseum)

Ermutigt durch die neue Besatzungsmacht wurden sofort militant antisemitische und antikommunistische Kräfte, lettische Selbstschutzverbände und ein Kommando unter dem 31-jährigen Ex-Polizeioffizier und Jura-Studenten Viktor Arajs aktiv. 15 Mann des Kommando Arajs riegelten die Synagoge an der Gogolstraße ab, in die sich rund 300 litauische Juden geflüchtet hatten, und trieben weitere Juden aus der Nachbarschaft in das Gotteshaus. Türen und Fenster wurden vernagelt, die Synagoge in Brand gesetzt. Rund 400 Menschen wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Niedergebrannt wurden an diesem Tag auch die anderen Synagogen der Stadt – bis auf die in der Altstadt, wo das Feuer Nachbarhäuser bedroht hätte. Diese Verbrechen geschahen öffentlich, blieben unbestraft. Das hatte Signalwirkung.

Nach dem Krieg wurden die Trümmer der Choral Synagoge zugeschüttet und von einer Grünanlage überdeckt.

Ende 1992 wurde an den restaurierten Grundmauern der Synagoge das erste Holocaust-Mahnmal Lettlands eingeweiht. Am 31. März 1993 legten hier Teilnehmer der ersten deutschen Gruppen-Erinnerungsreise (aus dem Münsterland und Niedersachsen) nach Riga erstmalig Kränze für die Opfer der Judenvernichtung nieder. Ruth G. aus Hannover, deren Großeltern nach Riga verschleppt wurden und nie mehr zurückkehrten, war 1993 dabei. Die 84-Jährige ist heute wieder dabei.

Im rechten Winkel zum Mahnmal erhebt sich seit 4. Juli 2007 eine schräge Wand, gestützt von Streben: Es ist das Denkmal der Judenretter, einzelner Menschen, die sich gegen eine kippende Wand stemmen. 270 MENSCHEN, denen über 400 jüdische Menschen ihr Überleben verdankten. An ihrer Spitze der Hafenarbeiter Janis Lipke und seine Frau Johanna. Sie allein halfen 55 Ghettohäftlingen zu überleben.

(4)Ehemaliges Ghetto in der Moskauer Vorstadt

Über die Ludzas iela, die Längsachse des früheren Ghettos (Leipziger Straße), fahren wir in das Viertel, halten ein Haus vor der Nr. 56, dem inzwischen renovierten Gebäude der früheren Kommandantur. In dem ärmlichen Arbeiterviertel der Moskauer Vorstadt lebten ursprünglich rund 10.000 Menschen. Ab der zweiten Augusthälfte 1941 entstand hier das Rigaer Ghetto, wurden hier 30.000 Rigaer Juden zusammengepfercht. Gezeigt wird eine Seite aus der „Deutschen Zeitung im Ostland“ vom 25. Oktober 1941: Eine ganz normale deutsche Zeitungsseite mit dem „Spielplan der Rigaer Oper“ etc., dazwischen ein Artikel, in dem sich der Autor zynisch über die Insassen des Ghettos auslässt.

Einen Tag vorher hatte der Chef der Ordnungspolizei in Berlin per Schnellbrief an die unterstellten Behörden im Reich die geplante „Evakuierung“ von Juden zum „Arbeitseinsatz im Osten“ mitgeteilt. Nach Minsk und Riga sollten insgesamt 50.000 Juden „evakuiert“ werden, in Zügen zu jeweils 1.000 Personen aus den Räumen Berlin, Leipzig/Dresden, Hamburg, Hannover, Münster/Osnabrück/Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln Kassel, Stuttgart, Nürnberg, Wien und Theresienstadt.

„Höherer SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord“ (HSSPF) wurde am 10. November 1941 der SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln. Vom Reichsführer SS Heinrich Himmler erhielt er den Befehl, „Platz zu schaffen“ für die angekündigten Deportationszüge. Jeckeln war als HSSPF Russland Süd (Ukraine) verantwortlicher Planer und Organisator mehrerer Großmassaker an der dortigen örtlichen jüdischen Bevölkerung, so in Dnjepropetrowsk mit 11.000 und in Babi Jar bei Kiew mit mehr als 33.000 Todesopfern.

Am 30. November 1941 frühmorgens rückten deutsche und lettische Kräfte über die Ludzas iela in das Ghetto ein. Die Menschen wurden aus den Häusern getrieben und mussten Marschkolonnen bilden. Erst wurde gebrüllt, dann geprügelt, schließlich geschossen.

1991 berichtete uns Margers Vestermanis, wie er diesen Tag als 16-Jähriger erlebt hatte: Er bekam den Befehl, zusammen mit einem Kameraden Kinderleichen aufzusammeln und auf einem Schlitten zum Alten Jüdischen Friedhof zu bringen. Das war am „Rigaer Blutsonntag“, als im Wald von Rumbula allein 15.000 Menschen ermordet wurden. (s. auch Nr. 15)

Nördlich der Ludzas iela bestand noch zwei Jahre das sogenannte „Kleine Ghetto“ mit wenigen tausend noch arbeitsfähigen lettischen Juden. Südlich der Ludzas iela wuchs ab Ankunft des Kölner Transports am 10. Dezember 1941 binnen einiger Wochen das „Reichsjudenghetto“. (Aufgelöst am 2. November 1943 war es das einzige über längere Zeit bestehende „Reichsjudenghetto“ im ganzen Osten.)

Weiter über die Ludzas iela bis zur zweiten Straße rechts: die Vilanu iela, zur Ghettozeit Bielefelder Straße genannt nach dem Transport, der hier untergebracht wurde. Die fünfstöckige Nr. 7 ist mit einer Plane verhüllt und wird offenbar renoviert. Das Gebäude hieß mal „B 7“. Als wir 1991 bei den Dreharbeiten zum ersten Film über die Riga-Deportationen mit Irmgard Ohl und Ewald Aul, Überlebenden des „Bielefelder Transports“, in die Straße hineinfuhren, erkannten sie spontan „ihr Haus“. Im ersten Stock mussten sie zu acht in zwei Räumen leben.

Matthias zeigt ein Foto mit SchülerInnen der jüdischen Volksschule in der Münsteraner Marks-Haindorf-Stiftung aus dem Jahr 1940. 15 dieser Menschen wurden nach Riga deportiert, nur zwei, Irmgard Ohl und Ewald Aul, kehrten zurück. In ihren Erinnerungen beschreibt Irmgard Ohl die erbärmlichen Essensrationen, „oft stinkend und verdorben“.

Knappe 100 Meter weiter schließt ein kleiner Park an die Vilanu iela an:

Der Alte jüdische Friedhof . Er bestand seit 1725. Beerdigungen fanden hier bis in die späten 1930er Jahre statt. Am 4. Juli 1941 wurde auch hier gewütet. Alle Gebäude wurden mitsamt den Friedhofsangestellten und ihren Familien sowie in der Umgebung ergriffenen Juden, insgesamt etwa 50 Menschen, verbrannt.

In der Ghettozeit wurden am Rand des Friedhofs immer wieder Menschen erschossen, insbesondere vom Ghettokommandanten Krause. Insgesamt wurden hier über 1.000 in den Häusern und Straßen des Ghettos getötete Juden verscharrt.

Nach dem Krieg wurden viele Grabsteine als Baumaterial missbraucht und der eingeebnete  Friedhof „Park der kommunistischen Brigaden“ genannt. Seit 1992 heißt der Park wieder „Alter Jüdischer Friedhof“. 1994 wurde hier ein Gedenkstein errichtet und an die Geschichte des Ortes erinnert – auch mit Hilfe einer Spendensammlung in Deutschland.

Ehemaliger „Blechplatz“ an der Kreuzung Liksnas/Virsaisu iela (Prager/Düsseldorfer/ Kölner Str.): Hier fanden zur Ghettozeit die Appelle statt, hier stand der Galgen, hier nahmen am 5. Februar und 15. März 1942 die sogenannten „Dünamünde-Aktionen“ ihren Anfang. Es hieß, in der Fischkonservenfabrik in Dünamünde gebe es ein leichteres Arbeitskommando. Mehrere tausend Menschen wurden bei großen Appellen aussortiert und auf Lkw verfrachtet. In einem kleinen Betriebsgebäude direkt neben dem Blechplatz hatten Häftlingsfrauen immer wieder die Aufgabe, eintreffende große Mengen an Kleidungs- und Gepäckstücken zu sortieren. Wenige Tage nach dem Appell wurden Befürchtungen zur Gewissheit: Die Frauen entdeckten Kleidungstücke von Verwandten, verdreckt, mit Blutspuren. Es gab kein Arbeitskommando in Dünamünde! Die Menschen waren in den „Hochwald“ gebracht und dort erschossen worden. Dünamünde war für die reichsdeutschen Juden eine Zäsur. Damit begann auch für sie die Massenvernichtung.

Ergänzend berichte ich von dem Urteil des Landgericht Hamburg gegen Gerhard Maywald. Er galt als die rechte Hand des Kommandeurs des Einsatzkommandos 2, als Initiator und Hauptselektierer der Dünamünde-Aktion, als Erbauer der Lager Salaspils bei Riga und Trostenez bei Minsk. Das Landgericht Hamburg 1977: Es sei nicht feststellbar gewesen, ob Dünamünde „kraft tatbezogener Merkmale als Mord zu werten ist. (...) Es ist nicht bewiesen, dass die von Maywald selektierten Opfer heimtückisch getötet worden sind, weil nicht aufgeklärt werden konnte, ob eine möglicherweise versuchte Täuschung über ihr Schicksal erfolgreich war. Entsprechendes gilt für die Frage, ob die Opfer grausam getötet wurden, da Einzelheiten über den Vorgang der Tötung nicht bekannt geworden sind." Mit anderen Worten bedeutete das, solange keiner der Getöteten berichten kann, dass die Tötung grausam war, kann auch keine Grausamkeit angenommen werden! Das war die dem Urteil zu Grunde liegende „Logik“. Am Ende wurde Maywald zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Absitzen der Reststrafe wurde ihm erlassen, weil ihm durch 15-jährige Ermittlungen schon genug Unbill widerfahren sei.

Vorbei am heute zugebauten Blechplatz biegt nach links (südlich) die Sarkana iela ab. In dem dreistöckigen Backsteinbau auf der rechten Seite lebten jüdische Hannoveraner, unter ihnen Else und Max Fürst, die Großeltern des mitreisenden Michael Fürst.

(Beobachtungen vom April 2015: Relativ viele Wohnhäuser (überwiegend aus Holz, vereinzelt Steinbauten) sind völlig runtergekommen, unbewohnt, Fenster mit Brettern vernagelt. Freiflächen mehren sich, z.T. mit Sichtblenden abgeschirmt, vereinzelt Neubauten. Ausnahme ist die Totalrenovierung der Nr. 56 in der Ludzas iela: Der frühere Sitz der Ghetto-Kommandantur war in den 90er Jahren völlig heruntergekommen. Etliche Großwohnhäuser aus der Nachkriegszeit. Erstmalig fallen mir einige Kinderspielplätze auf. Trotz der z.T. verheerenden Bausubstanz macht das Viertel insgesamt einen aufgeräumten Eindruck. In zehn Jahren könnte es hier sehr anders aussehen.

Bis auf den steinernen Davidsstern am Rand des Viertels mit Informationen zur Geschichte des Alten Jüdischen Friedhofs erinnert nichts an die düstere Vergangenheit dieses Ortes – keine Informationstafel, kein Wort, dass hier von Dezember 1941 bis Herbst 1943 das am längsten existierende „Reichsjudenghetto“ bestand.)

(5) Gedenkveranstaltung zum heutigen Holocaust-Gedenktag am Mahnmal Gogol Straße

Einige hundert Menschen füllen den Platz. Bei früheren Gedenkfeiern (erstmalig war ich 1993 hier anlässlich des 1. Welttreffens der Lettischen Juden) war es auch ein Wiedersehen der Überlebenden von Ghetto und KZ. Heute sind laut Margers Vestermanis nur noch zwei Ghetto-Überlebende anwesend.

Es sprechen die Parlamentspräsidentin Inara Murniece (Nationale Allianz), die israelische Botschafterin, Premierminister Maris Kucinskis, Außenminister Edgars Rinkevics, der stellvertretende Oberbürgermeister, der Ghetto- und KZ-Überlebende Margers Vestermanis (92 Jahre), und Michal Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, für den Zentralrat der Juden in Deutschland und das Deutsche Riga-Komitee. Ein Rabbiner spricht das Totengebet.

Zum Holocaust-Gedenktag sind heute lettische Fahnen mit Trauerband gehisst.

(6) Die Massengräber und die Gedenkstätte im Wald von Bikenieki

Die Massengräber befinden sich nördlich und – zum größeren Teil südlich – der durch den Wald von Bikerniekie im Osten der Stadt führenden Bikernieku iela. (Diese biegt von der Brivibas galve kurz hinter der Kreuzung mit der Gustava Zemgala galve rechts ab) Die meisten der insgesamt 55 Massengräber und die Gedenkstätte befinden sich südlich der Straße. Mehrere Buslinien halten in der Nähe (Haltestelle Kapi). GPS-Daten: 56°57´52.12“N, 24°12´42.28“E.

Rückblick: Seit Sommer 1941 fanden im „Hochwald“ immer wieder Erschießungen statt. Der Wald wurde der größte Mordplatz im deutsch besetzten Lettland. Die größte Opfergruppe waren jüdische Männer und Frauen, Greise und Kinder. Erschossen wurden hier aber auch tausende von politischen Aktivisten und Gefangenen und fast 10.000 sowjetische Kriegsgefangene. Mindestens 35.000 Menschen wurden in den Massengräbern verscharrt. Als 1944 die Rote Armee näher rückte, mussten Gefangene die Massengräber öffnen, und die Leichen verbrennen.[1] Die Menschen sollten spurlos vernichtet werden. Noch heute sind an umstehenden Bäumen Brandspuren von damals zu sehen.

Genau vor 28 Jahren, am 9. Juli 1989, waren meine Frau und ich zum ersten Mal hier: Es war ein verlorener und vergessener Ort! Der Gedenkstein ohne ein Wort für die jüdischen Opfer, in den folgenden Jahren häufig umgekippt.

Erst mit dem Unabhängigkeitsprozess öffnete sich die Erinnerung. Der Rigaer Architekt Sergejs Rizs legte im Auftrag des Rigaer Stadtrates 1987 einen ersten Entwurf für eine würdige Gedenkstätte vor. In der Nachwendezeit fehlte das Geld. Erich Herzl aus Wien – er hatte seine Eltern in Riga verloren – gründete 1996 die „Initiative Riga“ und drängte mit Unterstützung des österreichischen „Schwarzen Kreuz“ auf eine würdige Gedenkstätte in Riga. Mit dem Ende Januar 1996 in Kraft getretenen Kriegsgräberabkommen der Bundesregierung mit Lettland engagierte sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zunehmend für ein würdiges Gedenken an die in Riga ermordeten jüdischen Menschen. Volksbund-Präsident Karl-Wilhelm Lange initiierte den Städte-Zusammenschluss des Deutschen Riga-Komitees unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau. Gemeinsames Engagement ermöglichte die Einweihung der Gedenkstätte Bikernieki am 30. November 2001, 60 Jahre nach dem Rigaer Blutsonntag.

Die früheren Nachbarn von nebenan, die namenlos Ermordeten, Verbrannten, Verscharrten, die aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland Verdrängten – sie wurden mit dieser Gedenkstätte zurückgeholt aus dem Vergessen, aus diesem zweiten Tod. Mit den 5.000 dicht gedrängten, kleinen und größeren Granitsteinen erhalten sie symbolisch etwas Individualität zurück.

Gedenken: Die Delegation versammelt sich in der Mitte der Gedenkstätte.

Lina Medaj aus Bremen, Teilnehmerin der dt.-lett.-öst. Jugendbegegnung, trägt das Gedicht „Wenn die Gewalt den Verstand ablöst“ vor. (Carina Claus, Workcamp-Teilnehmerin 2010, hatte das Gedicht verfasst und bei der ersten Gedenkreise vorgetragen.)

- Obwohl es längst zu Ende ist,

den Schrecken man wohl nie vergisst.

- Hier in diesem Quader,

fließt nun die Namensader.

- Sie überleben alle Epochen,

da sie einst von Bürgermeistern eingeschlossen.

Als Hitler die Juden gejagt,

hat keiner nach dem Sinn gefragt.

- Refrain:

Lasst uns neue Brücken bauen,

lasst uns nacheinander schauen.

Hand in Hand die Welt regieren,

nicht den Verstand durch Krieg verlieren.

- Erhebt die Stimmen, öffnet die Augen,

wir müssen nur daran glauben.

- Wir müssen ALLE danach streben,

endlich ohne Krieg zu leben.

- Die wenigen Helden mussten sterben,

sie durften keine Gegner werden.

- Der Rest hatte die Augen fest verschlossen,

die Menschen wurden kalt erschossen.

- Hat`s denn niemand gestört?

Hat niemand ihre Schreie gehört?

- Familien wurden getrennt,

Kindern ihre Eltern genommen,

sah denn keiner die Tränen, die über Gesicht geronnen?

- Refrain:

55 Grabfelder mit Tausenden von Opfern

Erinnern daran, was damals geschah,

was vorerst keiner kommen sah.

- Nun stehen wir hier vereint,

arbeiten Hand in Hand

und Land mit Land.

- Auch heute kann ich`s nicht verstehen,

wenn Menschen andre Menschen quälen.

- Dabei ist es doch so leicht,

schau doch, wie dein Gegenüber dir gleicht.

Refrain

Spielende Kinder sollten unser Vorbild sein,

denn sie nehmen keine Festung ein.

- Sie verstehen, sie sind klüger,

sie erkennen, das wir sind Schwestern und Brüder.

Anschließend legen in Anwesenheit offizieller Delegationen europäischer Botschaften und vieler lettischer Gäste verschiedene Repräsentanten und TeilnehmerInnen der internationalen Jugendbegegnung am Gedenkstein Kränze und Blumen nieder.

Auf dem Gedenkstein aus schwarzem Marmor in Hebräisch, Lettisch, Russisch, Deutsch steht die Inschrift

„ACH ERDE, BEDECKE MEIN BLUT NICHT, UND MEIN SCHREIEN FINDET KEINE RUHESTATT! Hiob 16; 18“

Bei der Einweihung der Gedenkstätte 2001 hatten Städtevertreter 21 Bronzehülsen mit den Namenslisten ihrer in Riga verschollenen Bürger in den Gedenkstein und Namensschrein gestellt. Der Gedenkstein ist heute übersät mit kleinen, oft beschrifteten Steinen.

Der starke Regen verkürzt unsere Anwesenheit auf der Gedenkstätte. (Jenseits der von der Gedenkstätte hinaufführenden Stufen liegen rechts und links vom Weg die Massengräber, auf jedem steht ein großer unbehauener Granitstein.) Die Delegationsmitglieder suchen die Gedenksteine ihrer Städte auf und hinterlegen dort Steine, Blumen, Fotos, kurze Texte. Am Münsteraner Stein sind es Christoph Spieker, Horst Wiechers, Matthias M. Ester, Angela Nachtwei-Hanak und ich. Auf der Rückseite zweier Fotos aus dem Ghetto: „WIR VERGESSEN EUCH NICHT! Im Gedenken an unsere ermordeten Mitbürger, Christoph Spieker für die Stadt Münster“.

Am Bremer Stein legen Frau Nolle, Geschäftsführerin des Volksbundes in Bremen, und vier Bremer Jugendliche mitgebrachte Steine nieder. Jeder sagt dazu einige Worte, erzählt was zum Hintergrund eines Steines. Am Stuttgarter Stein legt die Stadtarchivarin von Leutkirch im Allgäu Fotos von Fritz und Lilly Gollowitsch und Steine aus der Eschach nieder.

(7) Haus der Jüdischen Gemeinde in der Skolas iela

Hier empfängt uns Gita Umanovska, Geschäftsführerin des Rates der Jüdischen Gemeinden Lettlands.

Das Gebäude des ehemaligen Jüdischen Theaters wurde 1903 errichtet. Nach der deutschen Okkupation wurde es zu einem Soldatenheim der Wehrmacht. Von dieser befreit war hier in der folgenden sowjetischen Okkupation erst ein Radiosender für ganz Lettland, dann ein Zentrum zum Studium des Marxismus-Leninismus. Im Großen Saal für 500 Personen fanden auch Parteitage der Kommunistischen Partei Lettlands statt.

1988 kamen hier mehrere hundert Juden zur Neugründung der Jüdischen Gemeinde zusammen. Diese war bis dahin verboten. Ende der 80er Jahre gründete sich auch der „Verein der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands“ (LEGU).

(1993 traf hier die erste deutsche Besuchergruppe mit den Sprechern des Vereins zusammen. Beim 1. Welttreffen der Lettischen Juden im Juni 1993 entstand hier die gemeinsame Initiative von Ghetto-Überlebenden und deutschen Freunden für eine würdige Entschädigung der Holocaust-Überlebenden im Baltikum. Kurz vorher war bekannt geworden, dass ehemalige Angehörige der lettischen Waffen-SS aus Deutschland eine Kriegsversehrtenrente bekamen. Alexander Bergmann, Vereinsvorsitzender seit 1993, wurde zum energischen und unermüdlichen Sprecher der jahrzehntelang vergessenen und gedemütigten Holocaust-Überlebenden im Baltikum. Tausende Menschen aus Deutschland erlebten ihn als eindringlichen Zeitzeugen und authentischen Botschafter wider das Vergessen und die Unmenschlichkeit. 1997 konnte mit Hilfe des American Jewish Committee und vieler Abgeordneter des US-Kongresses eine deutsche Rente für die osteuropäischen Holocaust-Überlebenden durchgesetzt werden.)

Das Gebäude beherbergt große Säle, aber wenig Platz zum Arbeiten. Als Soziales Zentrum habe man hier 2.500 Klienten. Unterstützung gebe es vor allem aus den USA und von der Claims Conference, die Bundesmittel erhält. Hier gibt es Angebote für Jugendliche, ein Kulturzentrum, einen Chor, das Jüdische Museum.

Wie viele Juden es in Lettland gibt? Je nachdem, wie man zähle. Für die hiesige Gemeinde sei die Herkunft ausschlaggebend. Demnach gebe es in Lettland rund 10.000 Juden. „Wir sind ein Volk, dessen Religion das Judentum ist.“ Die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Nordosteuropa gebe es in Lettland.

Vorgestellt wird das Projekt „Sicherung von Tagebuchfragmenten von Opfern des Holocaust und des 2. Weltkrieges in Lettland“, gefördert von der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), getragen gemeinsam vom Museum „Juden in Lettland“, vom „Ghetto-Museum“ und „Lipke Memorial“. Im Herbst sollen die Tagebuchfragmente auf Lettisch erscheinen. Drei TeilnehmerInnen der internationalen Jugendbewegung tragen aus den Tagebuchfragmenten vor.

Anna Hatzkelsohn (1923-12.1941, Rumbula), Tagebuch seit 1934, der Vater kämpfte 1918 für die lettische Unabhängigkeit:

„1934, 4.6.: In den Synagogenwird gepredigt, dass man für Lettland kämpfen soll und die lettische Nationalhymne gesungen. Ich habe Lettland lieb. Man gibt den Juden viele Rechte und die Juden dürfen hier Geschäfte gründen und arbeiten. (…)

  22.10. Die Menschen werden Tiere. Sie zerfleischen einander. (…)

1935, 12.2. Ich habe so viel Sonne, dass ich gern anderen Leuten etwas davon geben möchte. (…)

1938, 25.11. Kultur ist Bluff. Sie ist nur eine dünne Haut, unter der der wirkliche Mensch, das wilde Tier, verborgen ist. (…)

1939, 24.6. Ich möchte fruchtbar arbeiten, dichten – und kann es nicht. Es ist leer in mir. Ich fürchte, ich werde nie, nie Schriftstellerin werden können.“

Hannah Bloha (1922-1941), aus Strenci/Nordlettland, Tagebuch von 28.1.-17.7.1941

„Mein Atem ist dabei, in Tränen zu ersticken. (…) Wenn ich nur leicht sterben könnte! (…) Die deutschen Truppen sind da. Wunderbare junge Männer. Alle lächeln mich an, ich kann es wirklich nicht fassen! Habe mit vielen von ihnen auf der Straße gesprochen. Bin glücklich und unglücklich zugleich. Ich möchte einem jeden von ihnen sagen: Erschieß mich, ich bin ein Hund! (…) Mein Weg führt nun weder nach vorn noch zurück. Jetzt bin ich auf einmal so einsam auf der Welt wie nie zuvor. Man hat mich gestern auf der Straße angesprochen und mir gesagt, ich soll lieber verschwinden statt vor aller Augen herumzulaufen, es sei doch bekannt, wie heutzutage die Stimmung sei. In der Tat, eigentlich soll ich nur noch abwarten, bis ich geholt werde. Es ist schon eigenartig, dass ich noch bis zu diesem Zeitpunkt so einfach herumspazieren kann.“

Sheina Gram (1926-1941), aus Preili/Lettgallen

„Donnerstag, 3. Juli: Seit zwei Tagen leben wir zusammen mit den Deutschen. (..) Am zweiten Tag haben die Deutschen alle Läden überfallen und ausgeraubt. Sie sind in die Synagoge eingebrochen, haben die Thora-Schriftrollen auf den Boden geschmissen und mit Füßen zertreten. Auf den Straßen habe sie randaliert. Wir alle haben jetzt große Angst. (…)

Freitag, 25. Juli: Am frühen Morgen um fünf Uhr versammeln wir uns auf dem Marktplatz. Wir werden mit den Namen aufgerufen und danach zum Torfabbau gebracht. Der Ort ist 10 km entfernt. (…) Es ist eine schwere körperliche Arbeit. Im Minutentakt kommt der Förster zu uns und treibt uns an. Um sieben Uhr am Abend endet die Arbeit. Wir dürfen in einer Scheune übernachten. 

Sonntag, 27. Juli: Das ist der blutige Sonntag für alle Juden Lettlands.

Am Morgen: Alle Juden, die in der Düna-Straße wohnen, müssen ihre besten Kleider anziehen, Lebensmittel mitnehmen und ihre Wohnungen verlassen. Die Wohnungen werden durchsucht. Um zwölf Uhr werden alle Juden in die Synagoge geschickt. Eine Gruppe der jungen Juden muss hinter dem Friedhof Gräber schaufeln. Dann werden noch weitete Juden von zwei anderen Straßen in die Synagoge getrieben. Um halb vier nachmittags werden alle Juden hinter den Friedhof verjagt und dort erschossen. Insgesamt 250 Juden, darunter Männer, Frauen und Kinder. Es ist schrecklich. Ein solches Ende habe ich nicht erwartet. Ein Haufen von Gebliebenen erwartet jede Minute den Tod. (…)

Donnerstag, 31. Juli: Es wird das Juden-Ghetto eingerichtet. (…) Die Wohnungen, die einst den Juden gehörten, müssen die jüdischen Mädchen für diejenigen, die die Inhaber der Wohnungen getötet haben, aufräumen. Als die Wohnung meiner getöteten Freundin Meri Plagowa aufgeräumt wird, gehe ich dorthin. Ich sammle ihre Portraitfotos auf und möchte diese bei mir aufbewahren. Ich kann es kaum glauben, dass meine Freunde, die Familie Plagow, schon tot sind …

Freitag, 8. August: (…) Keiner weiß, wann unser Leid sein Ende nehmen wird. Ich spüre aber, dass mir das Allerschlimmste nun naht.“

Recherche-Projekt „Steine für Bikernieki“ der Klasse 7a des Bundesgymnasiums Wien 19/Döblinger Gymnasium, vorgestellt von den Schülern Luka Doneus und Matthias Cantini: Die SchülerInnen erforschten die Schicksale der ehemaligen Schüler Dr. Oskar Hirsch und Robert Suback (beide Jahrgang 1879), die am 11. und 26. Januar 1942 nach Riga deportiert worden waren (insgesamt wurden aus Wien 4.000 Menschen nach Riga verschleppt). Steine vom Schulweg der beiden Ex-Schüler hatten Luka und Matthias am Wiener Gedenkstein in Bikernieki niedergelegt[2]

An Herbert Goldschmidt, den ehemaligen Bürgermeister von Magdeburg, erinnert Dieter Steinecke, Landesvorsitzender des Volksbundes in Sachsen-Anhalt. Goldschmidt war Stellvertreter von Oberbürgermeister Ernst Reuter. Er wurde 1942 nach Riga deportiert, wo er 1943 starb.

Im zweiten Stock befindet sich das seit 1989 von Margers Vestermanis aufgebaute Museum „Juden in Lettland“. Direktor Ilya Lensky gibt eine Einführung.Das Museum vermittelt einen intensiven Eindruck von der Vielfalt jüdischen Lebens und Wirkens in der Vorkriegs-zeit und erschüttert mit seinen Zeugnissen zur Vernichtung jüdischen Lebens durch die deutschen Nazis, Mordexperten und ihre lettischen Verbündeten. (www.jewishmuseum.lv)

(8) 5. Juli, „Riga – eine europäische Erinnerungslandschaft des 20. Jahrhunderts“ Vortrag von Matthias Ester im Haus der Lettischen Gesellschaft am Wöhrmannschen Park. (Die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Gesellschaft stand für das Streben nach lettischer Staatlichkeit und wurde zu einem nationalen Zentrum der Letten.)

Riga ist eine multikulturelle und multiethnische Stadt. 1935 waren 77% der Bevölkerung ethnische Letten, 8,8% Russen, 4,9% Juden und 3,3% Deutsche. 1989 war der russische Anteil auf 34% gestiegen, der jüdische Anteil auf 0,9%, der deutsche auf 0,1% gesunken. In Riga sind 48% der Bevölkerung russischstämmig, 47% lettisch. Minderheitenpolitik und Erinnerungspolitik waren in der Vergangenheit Hauptstreitpunkte mit der EU.

- Das Freiheitsdenkmal; die vielfach gebrochene Geschichte Lettlands, markiert von den Jahren 1918 (erstmalige Unabhängigkeit), 1940 (erste sowjetische Okkupation), 1941 (deutsche Okkupation), 1944 (zweite sowjetische Okkupation) und 1989/91 (zweite Unabhängigkeit).

- Ort des früheren Lenin-Denkmals auf dem Brivibas bulvaris vor dem Hotel Latvija: Als Riga 2014 Europäische Kulturhauptstadt war, standen hier vier verschiedene Denkmäler für verschiedene historische Phasen.

- Das Denkmal der „Lettischen Schützen“ neben dem wiederaufgebauten Schwarzhäupter-haus.

- Das 1985 errichtete sowjetischen Siegesdenkmal im Stadtteil Pardaugava auf der anderen Seite der Daugava ist zentraler Gedenkort für die ethnischen Russen. (Am 8. Mai 2014 kamen hier über 100.000 Menschen zum „Tag des Sieges“ der Sowjetunion über Nazi-Deutschland zusammen.)

- Die ehemalige KGB-Zentrale an der Kreuzung Brivibas iela und Stabu iela: Für Russischstämmige sei das Gebäude kein Thema. (An dem Gebäude kommen wir mehrfach mit dem Bus vorbei. Der früher dunkel-düstere Bau wurde inzwischen zumindest äußerlich renoviert. Siehe Anhang)

- Lipke Memorial auf der Daugava-Insel Kipsala, Mazais Balasta dambis 8, unmittelbar an das Grundstück der Familie Lipke anschließend (s. Anhang).

- Das Ghetto-Museum im Speicherviertel in der Nähe der Markthallen. (s. Anhang)

(9) Kranzniederlegung der Delegation am Freiheitsdenkmal

Das seit 1935 bestehende 42 m hohe Freiheitsdenkmal am Brivibas-(Freiheits-)Boulevard überstand alle Okkupationen unbeschadet. Im Sockel Skulpturengruppen „Wächter des Vaterlandes“, „Mutter Lettland“, „Arbeit und Familie“. Die Freiheitsgestalt auf der Spitze des Obelisk (im Volksmund Milda) hält über ihrem Kopf drei Sterne für Kurland, Livland und Lettgallen als die historischen Regionen Lettlands und blickt nach Westen.

Der Ort ist für Versammlungen, Hochzeitspaare, Schulabsolventen ganz besonders beliebt. Zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung lag vor dem Denkmal ein Meer an Blumen.

(10) Gespräch mit Margers Vestermanis in der Kleinen Gilde

Die Umarmung gestern an der Gogolstraße durch die lettische Parlamentspräsidentin, immerhin Angehörige der Nationalpartei, sei nicht so harmlos gewesen. Sie sprach über die jüdische Tragödie und den lettischen Schuldanteil daran.

Lettische Schutzmannschafts-Bataillone (Schuma) waren ab 1941 auch in Weißrussland eingesetzt sowie bei der Bewachung des Warschauer Ghettos. Sie entstanden aus freiwilligen Selbstschutzkräften und waren der Wehrmachtskommandantur unterstellt. Ein Wehrmachtskommandeur organisierte eine Entmannungsaktion gegen 53 jüdische Männer. In Libau wurden erste Geiselerschießungen durch ganz normale Wehrmachtsoffiziere der Stadtkommandantur befohlen.

Zur Zeit der Sowjetunion war die Einstellung, dass es keinen Holocaust gegeben habe, „alle haben gleich gelitten“. Auf Massengräbern der Juden war eine entsprechende Kennzeichnung verboten.

Was geschah in der ersten Nacht der deutschen Okkupation in Riga?

Eine Rede im lettischen Radio gab den Auftakt. Die Einsatzgruppe A von Sicherheitspolizei und SD war noch nicht aufgestellt. Es gab Waffendurchsuchungen, Kolbenschläge auf Köpfe, wilde Erschießungen. „Noch nicht organisierter Holocaust der Meute!“

In den Folgewochen verhaftete die lettische Hilfspolizei Männer, darunter seinen älteren Bruder, ein begnadeter Musiker.

Der Bericht des Chefs der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, vom 15. Oktober 1941 meldete, dass in Lettland bis dahin 30.025 Juden und 1.843 „Kommunisten“ erschossen worden seien (davon in Riga-Stadt und –Land 6.378, in Libau 11.860, in Dünaburg 9.845).[3] Diese Aktionen liefen noch nicht unter deutscher Führung. Es reichte ein „Wink mit dem Zaunpfahl“. Befehle und Weisungen dazu sind nicht bekannt. Außerdem: Auf dem Land hätte der SD die Juden auch nie ausfindig machen können.

In bestimmten Gegenden wurden Juden ausgeraubt, blieben jedoch am Leben, flohen in den Wald.

„Die Täter blieben bei uns anonym.“ Arajs sei sozusagen als schwarzes Schaf „anerkannt“.[4] Ein Beispiel für Leugnung und Verklärung sei der Fall Herbert Cukurs, Fliegerheld des unabhängigen Lettland, als Adjutant von Arajs an Massenerschießungen beteiligt. Er schoss in die nach Rumbula ziehenden Kolonnen hinein. Ein Musical über diesen „Nationalheld“ lief 2014/15 mit großem Erfolg in der Akademie der Wissenschaften. Hiergegen protestierte er. Auch die deutsche Botschafterin intervenierte beim Akademiepräsidenten.

„Wir bemühen uns, den Judenrettern Namen zu eben.“ Die Täter blieben anonym. Ein Großteil der Handlanger floh nach Westdeutschland (und wurde da auch nicht belangt). Man verfüge massenweise über Namen auf Karteikarten – aber es gelte nach wie vor „auf keinen Fall Namen nennen!“

Zurück zu der Umarmung bei der Gedenkfeier. Dafür gebe es ein russisches Bild: Jemand öffnet die Arme zur Umarmung, hält in der Achselhöhle aber noch einen Stein.

Stehend, gestützt auf seinen Stock, spricht der 92-jährige Margers Vestermanis zu und mit uns.

(Bei anderer Gelegenheit berichtet M. Vestermanis von seinem zentralen Projekt, einem Buch über die Judenretter in Lettland. Inzwischen seien fast 600 identifiziert. Ein Kapitel gebe es auch zu „Helfern im grau-grünen Waffenrock“ (Wehrmacht). Das Buch werde in Lettisch erscheinen, eine deutsche Übersetzung sei in Aussicht.

Angesprochen werden auch „Ghetto- und KZ.-Lieder aus Lettland und Litauen“, aufgezeichnet, gesammelt, erklärt und mit Begleitung versehen von Johanna Spector, Wien 1947. 15 Lieder, teils in Deutsch, teils in Jiddisch. Johanna Spector (1915-2008) stammte aus Libau, verlor alle Angehörigen in der Nazizeit, wanderte in die USA aus und wurde Ethnomusikwissenschaftlerin, Filmemacherin und Professorin. Über ein Wiener Antiquariat habe ich gerade das einzige vorrätige Exemplar erworben. (Auszug s. Anlage.)

(11) Empfang durch den stellvertretenden Oberbürgermeister von Riga, Andris Ameriks, und Guntis Gailitis, Leiter der städtischen „Denkmalagentur Riga“.

Besonders gewürdigt wird das Engagement der deutsch-österreichisch-lettischen Jugendgruppe. Hannovers Bürgermeister Thomas Hermann überreicht seinem Rigaer Amtskollegen Gastgeschenke, bedankt sich für die große Gastfreundschaft und spricht die Hoffnung aus, den Rigaer Oberbürgermeister demnächst in der niedersächsischen Landeshauptstadt begrüßen zu können. Dr. Roland Müller, Direktor des Stadtarchivs Stuttgart, überreicht dem stellv. Oberbürgermeister Gastgeschenke der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Herzlich-freundschaftlich ist die Begegnung mit dem mir seit Anfang der 90er Jahre bekannten Rigaer Architekten Sergejs Rizs, dem Ideengeber und Planer der Gedenkstätten in Bikernieki und Rumbula. Ein Alt-Berliner vergleicht ihm gegenüber die Gedenkstätte Bikernieki mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin: die Gedenkstätte Bikernieki sei einzigartig.

(12) Rangierbahnhof Skirotava, südöstlich vom Stadtzentrum stadtauswärts zwischen Kengarags und Rumbula. Am 14. Juni 1941 wurden von hier über 15.424 Menschen Richtung Sibirien (Raum Krasnoyarsk, Tomsk, Omsk) deportiert (zeitgleich auch 21.000 aus Litauen und 11.000 aus Estland), am 25. März 1949 weitere 42.125.

Am frühen Morgen des 30. November 1941 traf hier ein erster Zug aus dem Reich mit 1.053  Menschen aus Berlin ein. Alle wurden sofort im nahen Wald von Rumbula – vor den Rigaer Juden – erschossen. Bis Anfang Februar 1942 trafen hier 20 weitere Züge ein.

Vom Düsseldorfer Transport (Abfahrt 11. Dezember 1941) ist noch der Bericht des Leiters des polizeilichen Begleitkommandos, des Hauptmann der Schutzpolizei Paul Salitter erhalten.[5] In Skirotava kreuzen sich die Wege der Opfer des stalinistischen und nazistischen Terrors.

An die letzteren erinnert hier kein Wort.

(13) Ehemaliges Lager Jungfernhof (Jumpravmuiza) an der Daugava

(Im Südosten des Stadtzentrums an der Ausfallstraße Maskavas iela ungefähr in Höhe des eineinhalb km entfernten Bahnhofs Skirotava vorm ehemaligen Flugfeld nach rechts/Süden, die kleine Parallelstraße Mazjumpravas iela/Klein-Jungfernhof querend zum Fluss)

Ende 1941 befand sich hier ein verfallener Gutshof mit Gutshaus, drei Holzscheunen und fünf kleineren Gebäuden und Ställen. Er sollte ein SS-Gutshof werden. In der Nähe war ein Militärflughafen Rumbula geplant.

Am 2. Dezember traf der zweite Deportationszug aus dem Reich in Riga ein – mit 1.008 Menschen aus Nürnberg/Franken, davon 200 aus Würzburg.[6] Erhalten ist der Bericht des Würzburger Ehepaars Georg und Käthe Fries. Nur sie überlebte.

Da im Ghetto kein Platz war, wurden die Ankömmlinge nach Jungfernhof getrieben. Einfachste Unterbringungsvoraussetzungen fehlten. Es gab keine Türen und keinen Ofen, die Fenster offen, das Dach defekt. Schnee fegte durch die Scheune. Am 4. Dezember traf der nächste Transport mit 1013 Menschen aus dem Raum Stuttgart ein, dann am 6. Dezember 1.001 aus Wien, am 9. Dezember 964 aus Hamburg/Lübeck/Danzig[7]. Im harten Winter 1941/42 starben allein 800-900 Menschen. Das Lager war von keinem Zaun, sondern einer mobilen Postenkette der lettischen Hilfspolizei umgeben. Wer die Lagergrenze überschritt, wurde sofort erschossen.

Der Hamburger Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach gehörte mit seiner Frau Charlotte und den Kindern Ruth, Noemi und Sarah zu den Jungfernhof-Gefangenen. Im Lager galt er als große moralische Autorität: Er organisierte Schulunterricht, suchte Schwerkranke auf und beging die Chanukka-Feier (jüdisches Lichterfest) für die Kinder in der großen Männerbarracke. Am 26. März 1942 fand auch in Jungfernhof eine Dünamünde-Aktion statt. Ihr fielen 1.700-1.800 Menschen zum Opfer, unter ihnen die ganze Familie Carlebach. Von den rund 4.000 Jungfernhof-Häftlingen überlebten 148.

Bei einem ersten Besuch hier im Jahr 1991 war das Gelände verwildert, dazwischen Gebäudereste. Jetzt zieht sich ein kleines Naherholungsgebiet am Fluss lang, mit Wiese, Radweg, einem Teich. Im Abstand von knapp 100 Metern zwei Gebäuderuinen (nur Fundamente und Mauerreste), der größere auf einer leichten Anhöhe (ehemaliges Gutshaus?) aus Backsteinen, das kleinere aus gröberen Steinen. In einem Info-Container gibt es Informationen zum Naherholungsgebiet. Kein Wort zur Geschichte dieses Ortes.

Matthias Ester stellt die Frage in den Raum, ob hier nicht irgendeine Erinnerung festgehalten werden sollte. Zu welcher Gemeine gehört dieser Ort, wer ist hier Grundeigentümer? Eine Delegationsteilnehmerin aus Wien spricht an, dass Wien dazu eine Initiative ergreifen könne. Die Zusammenarbeit zwischen Wien und Riga sei gut.

Sinnvoll wäre eine Rücksprache mit den Städten, aus denen Transporte nach Jungfernhof gegangen seien. Aber sei nicht Skirotava dringlicher?

In Hamburg wie auch in Würzburg laufen Projekte zur Deportationsgeschichte:

- Im heutigen Lohsepark in der Hamburger Hafen-City standen früher Teile des Hannoverschen Bahnhofs. Von hier wurden ab 1940 7.700 Juden, Sinti und Roma in 20 Transporten nach Belzec, Lodz, Minsk, Riga, Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Hier entsteht das „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“.

- In Würzburg führt seit 2011 ein „Weg der Erinnerung“ vom Sammelplatz der damaligen Deportation zum Verladebahnhof Aumühle. Dort so ein Gedenkort errichtet werden, viele Kommunen aus Unterfranken sind seien daran beteiligt.

(14) „Arbeitserziehungslager Salaspils“ (Kurtenhof)

(Maskavas iela weiter stadtauswärts, 20 km von Riga)

Das „Arbeitserziehungslager“ (AEL) war faktisch kaum von einem KZ zu unterscheiden. Es war zugleich ein erweitertes Polizeigefängnis, wohin auch „Schutzhäftlinge“ kamen, wenn das Zentralgefängnis überfüllt war.

Errichtet wurde das Lager im Winter 1941/42 vor allem von jüdischen Männern aus dem Ghetto, von 500 Männern des Kölner, Kasseler und Bielefelder Transports.

Verantwortlich waren hier SS-Sturmbannführer Rudolf Lange und Gerhard Maywald. Vorgesehen war das AEL für Letten, Russen, Sinti und Roma, Partisanenverdächtige, politische Häftlinge, auch Kinder aus „Bandenbekämpfungszonen“ („Bandenkinder“). 

Die Sterblichkeit in Salaspils war extrem hoch.

Ab 1945 nutzten die Sowjets das Lager als Kriegsgefangenenlager; ca. 500 Meter links vom Eingang befindet sich eine anonyme Grabstelle.

1967 wurde hier eine monumentale Gedenkstätte eröffnet. Der große Betonbalken am Lagereingang wirkt wie ein Schlagbaum zwischen der Welt des Lebens und des Todes. Auf ihn stehen die Worte: „Hinter diesem Tor stöhnt die Erde.“ Sieben gigantische Steinplastiken symbolisieren Gequälte, Mutter, Widerstand und Solidarität…

Besonders aufwühlend für Besucher ist der Gedenkstein für die vielen in Salaspils ermordete Kinder. Der Stein ist mit Püppchen, Spielzeug etc. geschmückt.

(15) Massengräber und Gedenkstätte Rumbula

Von der mehrspurige Maskavas iela führt von Riga aus linker Hand eine kurze Stichstraße in das Wäldchen von Rumbula. Von den Gedenksteinen am Eingang schlängelt sich ein Weg in das Wäldchen. Auf einer Lichtung ein Feld mit kleinen, mittleren und größeren Granitsteinen (wie in Bikernieki), auf denen die Namen der jeweiligen Familienmitglieder eingraviert sind. Aus ihrer Mitte wächst eine wie ein Wurzelgeflecht gestaltete Menora (siebenarmiger Leuchter). Umgeben ist die Lichtung von mehreren großen Gevierten: die Massengräber. Der Einzelstein mit dem Bild der zehnjährigen Geneka Koch („ermordet in diesem Wald, zusammen mit ihren Eltern und ihrem vierjährigen Bruder. Niemand hat vergessen, niemand wird vergessen“) ist seit einigen Jahren verschwunden. [8]

Rückblick: November 1941: Der HSSPF Ostland und Rußland Nord, Friedrich Jeckeln, hatte die Umgebung Rigas nach einem geeigneten Ort für die geplante „Aktion“ absuchen lassen und war dabei auf das Wäldchen zwischen dem kleinen Bahnhäuschen Rumbula und der Maskavas iela gestoßen. Fachleute in seinem Stab berechneten den Raumbedarf an Gruben und planten in sie hineinführende Rampen. Damit sollte der Mordprozess beschleunigt werden.[9]

Es war ein eiskalter Wintertag, der 30. November 1941. Die Marschkolonnen aus dem Ghetto wurden seitlich von lettischer Hilfspolizei bewacht, vorne und hinten von deutschen Kräften. Unterwegs wurden Menschen, die nicht mehr konnten, sofort erschossen. Das vorbereitete Gelände war abgesperrt. Zuerst mussten sich die Menschen bis auf die Unterwäsche entkleiden, dann noch letzte Wertgegenstände in Holzkisten werfen, dann über die Rampen in die Gruben steigen, sich hinlegen. Hier wurden sie von einem kleinen Trupp von Männern es Einsatzkommando 2 erschossen. Für die Schützen stand reichlich Schnaps bereit. Laut Zeugenaussagen in einem späteren Prozess soll es auf dem Gelände von Uniformierten gewimmelt haben. Das war Jeckeln`s Methode: Viele in die Mitwisserschaft einbeziehen – und damit in die Mithaftung. Von 8.15 bis 19.45 Uhr wurden in Rumbula 15.000 Menschen ermordet. Am Abend sei die Mordaktion schon Stadtgespräch gewesen, bald später berichteten darüber der britische und sowjetische Rundfunk.

Ein Soldat, der im Stabsgebäude des Einsatzkommando 2 (Ecke Raina bul./Reimersa iela) als Dolmetscher arbeitete, berichtete mir vor Jahren, wie er den Abend dieses „Rigaer Blutsonntag“ erlebt hatte: Das Erschießungskommando kam zurück, verdreckt und angetrunken, und zog sich zurück in die Kantine im Keller. Schon bald habe er deutsche Sauflieder gehört wie „In München steht ein Hofbräuhaus“.

Am 8. Dezember folgte eine weitere „Aktion“. Das Reichssicherheitshauptamt in Berlin berichtete in seiner „Ereignismeldung UdSSR“ Nr. 155: „Die Zahl der in Riga verbliebenen Juden – 29.500 – wurde durch eine vom HSSPF Ostland durchgeführte Aktion auf 2.500 verringert.“ Die Adressaten dieser Meldung wussten, was „verringert“ bedeutete.

Damit war „Platz geschaffen“ für die angekündigten Deportationszüge aus dem Reich.

Der damalige Führer des Einsatzkommandos 2, Dr. Rudolf Lange, nahm Ende Januar 1942 als einziger höherer SS-Offizier des Ostens an der Wannsee-Konferenz in Berlin teil und war mit gerade 31 Jahren der jüngste Teilnehmer.

 Seit den 60er Jahren begannen Rigaer Juden damit, gegen die Widerstände der sowjetischen Bürokratie die Gräberstätte würdiger zu gestalten. Sie konnten 1964 einen Gedenkstein durchsetzen, auf dem „Den Opfern des Faschismus“ auch in Hebräisch geschrieben war. Gedenkveranstaltungen am letzten Sonntag im November wurden aber notorisch von Parteiorganen und KGB gestört, durch Musik, durch Übergriffe.

(16) Schlussbemerkungen

Sehr erfreulich war die Zusammensetzung der Delegation mit offiziellen städtischen Repräsentanten, etlichen Zuständigen für Erinnerungs- und Gedenkkultur – und erstmalig Vertretern aus Brünn und Wien, Angehörigen von Riga-Deportierten und einer internationalen Jugendgruppe. Gute Zeichen waren, dass der deutsche Botschafter an ungewöhnlich vielen Stationen des Besuches teilnahm und einige Teilnehmer der 1. Gedenkreise wieder dabei waren.

Der Zeitansatz mit zwei vollen Tagen vor Ort (mit individuellen Verlängerungsmöglich-keiten) ist notwendig und hat sich bewährt.

Der deutliche Berücksichtigung auch der Erinnerungsgeschichte und ihrer verschiedenen Perspektiven waren Schritte zu einer europäischen Erinnerungskultur.

Bei der 1. Komitee-Reise 2010 nahmen an der Gedenkveranstaltung in Bikernieki noch etliche Ghetto- und KZ-Überlebende teil. Jetzt waren an der Gogolstraße einschließlich Margers Vestermanis noch zwei Ghetto-Überlebende dabei - und engagierte junge Leute.

Die 2. Gedenk- und Erinnerungsreise des Riga-Komitees war eine der Stabübergabe.

Ganz herzlichen Dank dem Team des Volksbundes und Matthias Ester, dass sie mit ihrer hohen Organisations- und Fachkompetenz und sehr angenehmen Art den Rahmen für eine unvergessliche Reise schufen!

Am letzten Tag unserer Reise, dem 6. Juli, hielt Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in München den Vortrag „Auschwitz morgen – Die Zukunft der Erinnerung“. Äußerst empfehlenswert! (Links s. unten)

Fünf Wochen nach unserer Reise bin ich zum Internationalen Workcamp des Volksbundes in Münster eingeladen. Bei den jungen Leuten aus elf Nationen berichte ich zu den Riga-Deportationen und der Gedenkreise. Sie werden im nächsten Jahr dorthin reisen und Grabstätten, darunter auch Bikernieki, pflegen.

(17) LINKS zu

- Berichte und Artikel zur 2. Gedenkreise des Riga-Komitees

- Artikeln zum Deutschen Riga-Komitee

- Zur Zukunft der Erinnerung

unter www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1489



[1] Andrej Angrick, Die Operation 1005 – Einebnen der Massengräber in und um Riga vor dem Abzug der Wehrmacht, Vortrag beim 3. Symposium des Dt. Riga-Komitees am 22.09.2016 in Osnabrück. „1005“ war der Codename für alle Aktionen zur Beseitigung von Massengräbern außerhalb des Reichs nach Aktenzeichen. Akribische Verfahren der Vertuschung und restlosen Spurenvernichtung, wo nach den Leichenverbrennungen die Knochen zerkleinert, gesiebt, zerstoßen und auf Straßen verstreut wurden – die dritte Stufe der Massenvernichtung nach der physischen und dem Auslöschen der Erinnerung. Im Rahmen von 1005 gab es fünf „fliegende Kommandos“, drei davon im Baltikum. Die Rede war von „Figuren“, nicht von „Leichen“. Die bei der „Enterdung“ eingesetzten Häftlinge wurde alle selbst nach kurzer Zeit erschossen. Von den verantwort-lichen Männern wurde kein einziger von einem deutschen Gericht verurteilt.

[3] Hans-Heinrich Wilhelm, Die Einsatzgruppe A der Sicherpolizei und des SD 1941/42, Frankfurt/M. 1996, S. 114

[4] Das Kommando Arajs umfasste im Juli 1941 rund 100 Mann und wuchs bis 1943 auf 1.219 Mann (Vestermanis). Ihm sollen direkt mindestens 26.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.

[6] 518 aus Nürnberg, 118 aus Bamberg, 95 aus Fürth, 46 aus Bayreuth, 26 aus Coburg (…); vgl. Ekkehard Hübschmann, Die Deportation von Juden aus Franken nach Riga, http://www.agfjg.de/deportationen/huebschmann2004a.pdf  ; http://www.agfjg.de/deportat.htm

[7] Mindestens 726 aus Hamburg, 88 aus Lübeck, 38 aus Kiel , 4 aus Bad Schwartau (..).

[9]  Hoch organisierter Massenmord: Der „Rigaer Blutsonntag“ vor 75 – der monströse Tatverlauf laut Landgericht Hamburg, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1439


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

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