Frieden     Sicherheit    Abrüstung
Logo

www.nachtwei.de

Genauer Hinsehen: Sicherheitslage Afghanistan (Lageberichte + Einzelmeldungen) bis 2016
Navigation Themen
Navigation Publ.-Typ
Publikationstyp
•  Pressemitteilung (316)
•  Veranstaltungen (6)
•  Pressespiegel (19)
•  Bericht (273)
•  Artikel (158)
•  Aktuelle Stunde (2)
•  Antrag (58)
•  Presse-Link (108)
•  Interview (57)
•  Rede (109)
•  Große Anfrage (4)
•  Kleine Anfrage (31)
•  Fragestunde (1)
•  Tagebuch (48)
•  Offener Brief (23)
•  Persönliche Erklärung (6)
•  Veranstaltungstipp (6)
•  Vortrag (15)
•  Stellungnahme (60)
•  Weblink (17)
•  Aufruf (5)
•  Dokumentiert (35)

Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung

Browse in:  Alle(s) » Meine Themen » Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung

Entschieden für Frieden - 20 Jahre forumZFD: ein großer Grund zum Feiern!

Veröffentlicht von: Nachtwei am 19. Juni 2016 14:19:02 +02:00 (4279 Aufrufe)

1996 war im kriegszerstörten Bosnien & Herzegowina der Bedarf an gesellschaftlicher Friedensförderung, am Aufbau eines Zivilen Friedensdienstes offenkundig. Doch ideologische Vorbehalte des damaligen dt. Entwicklungsministers blockierten das. Inzwischen waren über 1100 ZFD-Fachkräfte in zig Ländern im Einsatz, der ZFD ist längst bei allen Bundestagsparteien anerkannt. Hier mein Bericht zum 20-Jährigen des forumZFD und Dokumente aus der politischen Geschichte des ZFD.  

ENTSCHIEDEN FÜR FRIEDEN

20 Jahre forumZFD: ein großer Grund zum Feiern

Winni Nachtwei, MdB a.D. (Juni 2016)

Am 4. Juni feierten im Friedenshaus „Am Kölner Brett“ in Köln Ehrenfeld 200 Gäste und 70 internationale MitarbeiterInnen das zwanzigjährige Bestehen des forumZFD (Ziviler Friedensdienst). Bericht zur Jubiläumsfeier (mit Videos der Reden + der Gesprächsrunde) unter http://www.forumzfd.de/Stimmen_zum_Jubilaeum , Fotos auch auf www.facebook/winfried.nachtwei

Ausgesprochen gern nehme ich an der Feier teil. Deutlich erinnere ich mich an die Anfänge  in den frühen 90er Jahren, an die zivilgesellschaftliche Initiative, den Versuch eines fraktionsübergreifenden Antrages angesichts des akuten Bedarfs in Bosnien & Herzegowina, die Blockade durch den CSU-Entwicklungsminister, die Förderung des ersten Ausbildungsgangs Zivile Konfliktbearbeitung ab Mai 1997 durch das Land NRW, dann die Institutionalisierung des ZFD ab 1999. Bei zig Besuchen in Krisenländern lernte ich ZFD-Kräfte immer wieder als diejenigen kennen, die besonders dicht an den dortigen Konflikten und den Menschen dran waren, die mit Ausdauer und Zuversicht an den Friedenschancen arbeiteten.

In den 20 Jahren seit 1996 haben die GründerInnen, MitarbeiterInnen und UnterstützerInnen des forumZFD etwas geschaffen, was höchste Anerkennung – und viel mehr Aufmerksamkeit + Unterstützung - verdient: Aufgebaut wurden Fähigkeiten professioneller gesellschaftlicher Friedensförderung, die es vorher so nicht gab. Helga + Konrad Tempel, Heinz Wagner, Tilman Evers, Cornelia Brinkmann und andere – Pioniere in Peacebuilding von unten!

Eine Freude war es, Ihnen wieder zu begegnen. Eine doppelte Freude war es, festzustellen, dass der Stab von vielen Jüngeren übernommen wurde.

Zurzeit arbeiten 70 Friedensfachkräfte des forumZFD auf dem Westbalkan in Bosnien & Herzegowina, Serbien, Kosovo + Mazedonien, in Israel/Palästina + Libanon, Kambodscha + auf den Philippinen und in mehreren deutschen Kommunen. (Für das forumZFD und die anderen acht friedens- und entwicklungspolitischen Organisationen des „Konsortium Ziviler Friedensdienst“ arbeiten zzt. knapp 300 Fachkräfte in 39 Ländern. Sie werden vom BMZ mit 42 Mio. Euro gefördert. Seit Gründung des ZFD 1999 wurden mehr als 1.100 Fachkräfte in 39 Länder entsandt.)

Die Broschüre „Ziviler Friedensdienst wirkt! 20 Jahre forumZFD“ präsentiert einzelne Projekte und Erfolgsgeschichten: https://www.ziviler-friedensdienst.org/de/aktuelles/ziviler-friedensdienst-wirkt-20-jahre-forumzfd

In dem kleinen Buch „Entschieden für Frieden. Rückblick auf 20 Jahre Forum Ziviler Friedensdienst“ zeichnen drei Gründungsmitglieder im Gespräch mit Andreas Zumach die Entwicklung des Vereins von einer ehrenamtlichen Friedensinitiative zu einer weltweit engagierten Friedensorganisation nach: http://www.forumzfd.de/20JahreforumZFD .

Im Unterschied zum „Tag des Peacekeepers“ drei Tage zuvor im Auswärtigen Amt waren Am Kölner Brett - bis auf den Kölner Bundestagsabgeordneten Rolf Mützenich (SPD) – keine Vertreter der „Berliner“ Politik zu erkennen. Angesichts des hohen Liedes, das dort und auch drei Tage später bei der Konferenz „Entwicklung, Sicherheit, Frieden“ im BMZ auf das „vernetzte Handeln“ angestimmt wurde, ist das reichlich unverständlich.

Im Folgenden einige Beiträge aus der politischen Geschichte des ZFD:

-         Brief von Claudia Roth und mir anlässlich 10 Jahre forumZFD an die Grüne Partei

-         Resolution Grüner Länderrat Mai 1996 in Erfurt

-         Fraktionsübergreifende Initiative für einen ZFD

-         Ziviler Wiederaufbau + Friedensförderung

-         Grußwort beim 1. Kurs Ausbildung in Ziviler Konfliktbearbeitung Mai 1997

Rückblick I: Anlässlich 10 Jahren Forum Ziviler Friedensdienst

Brief von Claudia Roth + Winni Nachtwei an die Grüne Partei (März 2006)

„im politischen Alltag dominieren schlechte Nachrichten.

Heute möchten wir Euch auf ein ausgesprochen erfreuliches Ereignis aufmerksam machen und zugleich um vermehrte Unterstützung werben:

Am 6. März feiert das forumZFD in Berlin seinen 10jährigen Geburtstag.

Mit dem forumZFD ist eine neue gesellschaftliche Friedenskraft entstanden, die beispielhaft ist für ihre Innovationskraft, ihre Beharrlichkeit, ihre Aufbauleistungen. Dafür danken wir den Freundinnen und Freunden des forumZFD, stellvertretend Helga und Konrad Tempel, Heinz Wagner und Tilman Evers von ganzem Herzen.

Der Geburtstag ist wahrlich ein Grund zum Feiern, aber auch für eine Zwischenbilanz und neue Initiativen.

Als politische Wegbegleiter und Förderer des Zivilen Friedensdienstes von Anfang an teilen wir Bündnisgrüne die Grundidee, dass Frieden immer auch von unten wachsen muss und dass die „Wachstumshilfe“ Professionalität braucht: Frieden braucht Fachleute. Friedensprozesse ohne gesellschaftliche Fundierung bleiben zerbrechlich und von ständigem Rückfall in die Gewalt bedroht.

Zur Förderung des ZFD in zivilgesellschaftlicher Trägerschaft taten sich vor zehn Jahren  Nichtregierungsorganisationen und Einzelpersonen zum forumZFD zusammen.

Beim Aufbau und der Etablierung des Zivilen Friedensdienstes erlebten wir das forumZFD als Pionier und treibende Kraft für ein Projekt professioneller Friedensarbeit, das es in diesem Umfang bisher nicht gab.

Nach dem den Bosnienkrieg beendenden Vertrag von Dayton lag die Dringlichkeit gesellschaftlicher Verständigungs- und Friedensförderung auf der Hand. Unsere gemeinsame parlamentarische Initiative für ein „Startprojekt Ziviler Friedensdienst“ scheiterte an einem Minister der Union. Über die ersten rot-grünen Koalitionsverträge 1995 in Düsseldorf und 1998 in Bonn konnten wir dann aber die Tür zum Aufbau des ZFD und seiner staatlichen Förderung öffnen. Der ZFD wurde zu einer wichtigen Säule der Infrastruktur für Zivile Konfliktbearbeitung. Mit seinen quantitativ geringen Kräften leistete das forumZFD als Motor eines Zivilen Friedensdienstes Enormes – gegen den breiten Strom friedenspolitischer Phantasielosigkeit und Gleichgültigkeit. Seit 1997 wurden mehr als 200 Menschen zu Friedensfachkräften ausgebildet. Gegenwärtig arbeiten 130 vor Ort in Krisenregionen, davon 12 im Auftrag des ForumZFD. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit fördert den ZFD zzt. mit ca. 14 Millionen Euro. Völlig richtig und weitsichtig ist der Einsatz des Forums für die Etablierung des ZFD in Deutschland einerseits und die internationale Vernetzung andererseits.

Bei Besuchen auf dem Balkan und in anderen gewaltträchtigen Regionen lernten wir immer wieder Friedensfachkräfte kennen, die dort in ZFD-Projekten mit Jugendlichen, Frauen, ehemaligen Kämpfern, Flüchtlingen, Friedensaktivisten arbeiten – nicht als „Friedensmissionare“, sondern als professionelle und verlässliche Unterstützer einheimischer Friedenspotenziale und Zivilgesellschaft. Was wir da an langem Atem, an positiver Energie, an Kreativität und Fortschritten erlebten, hat uns begeistert und ermutigt. Wissenschaftliche Evaluierungen bescheinigten dem ZFD seit Jahren gute Leistungen.

Bei alledem sehen wir sehr nüchtern, dass der ZFD noch nicht über die Größenordnung eines Pilotprojekts hinaus ist, dass er eine Vervielfachung seiner Ressourcen und Kräfte braucht, um zu einer kritischen Masse bei der Förderung gesellschaftlicher Friedensprozesse zu werden.

Dafür braucht es nicht nur eine stärkere staatliche Unterstützung, die zu mobilisieren unter den heutigen Bedingungen noch schwieriger geworden ist.

Dafür braucht es insbesondere auch mehr gesellschaftliche Unterstützung. Denn nur mit dieser ist auch die weitere Unabhängigkeit und Arbeitsfähigkeit des forumZFD angesichts gestiegener Anforderungen und daran weniger interessierten Regierungskoalitionen zu gewährleisten.

Frieden braucht Fachleute. Friedensfachleute brauchen Lobby.

Politisch haben wir Bündnisgrüne den Zivilen Friedensdienst immer unterstützt. Die politische Zustimmung ist einhellig. Viele WählerInnen der Grünen arbeiten im Rahmen des ZFD.

Viel zu spärlich sind aber noch unsere Beiträge zur direkten Unterstützung des ZFD. Das sollten wir ändern.

Wir möchten Euch herzlich zur direkten Unterstützung des forumZFD ermuntern:

-         Orts- und Kreisverbände wie einzelne Parteimitglieder können beim forumZFD Mitglieder werden oder eine Fördermitgliedschaft übernehmen;

-         Engagement ist möglich und gewünscht im Rahmen von Regionalgruppen, die Partnerschaften zu einzelnen ZFD-Projekten pflegen;

-         Auf Veranstaltungen stellen Friedensfachkräfte gern ihre Arbeit vor. So wird Friedensarbeit anschaulich, persönlich, konkret. (Solche Veranstaltungen können wir gern seitens der Fraktion unterstützen.)

Näheres findet Ihr auf der Homepage des forumZFD unter www.forumZFD.de .

Mit herzlich-grünen Grüßen

Claudia Roth und Winni Nachtwei

 Rückblick II: Aus der Entstehungszeit des forumZFD 1996

Resolution des Länderrats von Bündnis 90/Die Grünen im  Mai 1996 in Erfurt: „Bewährung für gewaltfreie Politik!“

„Seit Jahren streiten wir Bündnisgrüne über die Frage, wie angesichts von Krieg und Aggression Frieden zu halten bzw. zu schaffen ist. In unserer Auseinandersetzung wurde oft übersehen, wie nachdrücklich alle Sehen den Primat der zivilen Konfliktberatung betonten und ihre sträfliche Vernachlässigung durch die Bundesregierung kritisierten. Diesen Konsens in Partei und Bundestagsfraktion gilt es ernst zu nehmen und vor allem in die Tat umzusetzen!

Ein politischer Schwerpunkt der Bündnisgrünen aller Ebenen muss in den nächsten Monaten sein, die Politik der Gewaltfreiheit und zivilen Konfliktbearbeitung sichtbar zu machen, zu stärken, zu operationalisieren und weiterzuentwickeln.

Die BDK ruft die Mitglieder und alle Gliederungen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auf: Setzt Euch im Rahmen kommunaler Partnerschaften für Wiederaufbau- und Versöhnungsprojekte in Ex-Jugoslawien ein! Nur wenn dort der gesellschaftliche Friedensprozess in Gang kommt, hat der Frieden eine Chance, kann ein erneuter Rückfall in das Gemetzel verhindert werden.

Fördert politisch und materiell das Projekt "Ziviler Friedensdienst", das nun endlich vor den ersten Umsetzungsschritten steht: "Forum Ziviler Friedensdienst", c/o Bund für Soziale Verteidigung!

Stärkt die Lobby der zivilen Konfliktbearbeitung, die bisher gegenüber dem Militär so unvergleichlich benachteiligt ist: "Bund für Soziale Verteidigung", Minden.

Auch wenn unsere Kräfte und Mittel begrenzt sind, so können wir doch die Arbeitsfähigkeit und Sichtbarkeit dieser bewährten Organisationen, die bisher mit 'Taschengeldetats" am Existenzminimum balancieren, vervielfältigen - wenn nur jeder Orts- und Kreisverband, wenn nur - zum Beispiel - jedes zehnte Parteimitglied eine regelmäßige Unterstützung leisten würde! 30 Angesichts des äußerst schwierigen Friedensprozesses in Ex-Jugoslawien, angesichts unserer Zerrissenheiten im vergangenen Jahr: 1996 ist das Bewährungsjahr und die Chance für die Politik der Gewaltfreiheit und der zivilen Konfliktbearbeitung.

Antragstellerinnen: Winni Nachtwei (KV Münster), Heide Rühle (KV Stuttgart, BuVo), Gunnar Henschkel (KV Heinsberg), Halo Saibold (KV Passau-Land), Birgit Kochskämper, Rüdiger Sagel, Maria Klein-Schmeink, Anne Broden, Hary Klas, Jörn Möltgen, Christine Schulz, Thomas Marczinkowski (alle KV Münster), Rainer Lagemann (KV Steinfurt), Hans Kuhrmann, Tanja Jochheim, Christina Martsch, Franz-Josef Vierhaus, Heinz Kretschmann (alle KV Borken), Steffi Lemke (KV Dessau), Gila Altmann (KV Aurich) u.a).

Fraktionsübergreifende Initiative für den Zivilen Friedensdienst

Die Abgeordneten Gert Weisskirchen (SPD), Winfried Nachtwei und Rainer Eppelmann (CDU) initiierten 1996 einen Gruppenantrag zur Unterstützung eines Zivilen Friedensdienstes. Er wurde auch unterstützt von Heiner Geißler und Armin Laschet (beide CDU), Eckart Kuhlwein, Markus Meckel, Uta Zapf (alle SPD) und Christa Nickels (Grüne).

„1. Der Deutsche Bundestag begrüßt die Initiative aus den beiden großen christlichen Kirchen und Nicht-Regierungsorganisationen für einen „Zivilen Friedensdienst“, der Expertinnen und Experten zur gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten und zum Einsatz in innergesellschaftlichen und internationalen Konflikten befähigen soll.

2. Der Deutsche Bundestag begrüßt eine von den Initiatoren des Zivilen Friedensdienstes vorgeschlagene plural zusammen gesetzte Trägerstruktur als Nicht-Regierungsorganisation. Er befürwortet und unterstützt die Zielsetzung des Zivilen Friedensdienstes, in Zusammenarbeit mit Betroffenen vor Ort einen gesellschaftlichen Beitrag zur Festigung ziviler Gesellschaftsstrukturen zu leisten. Dazu gehören insbesondere

- Einübung in ziviler Konfliktbearbeitung

- Entfeindungs- und Versöhnungsarbeit

- Hilfe beim Aufbau demokratischer Strukturen

- Schutz und Sicherung der Rechte von Minderheiten

- Arbeit mit Opfergruppen und (zurückkehrenden) Flüchtlingen

3. Der Deutsche Bundestag begrüßt die Absicht der Trägerorganisationen, durch Eigenbeiträge eine finanzielle Mitverantwortung für den Aufbau und den Unterhalt eines Zivilen Friedensdienstes zu übernehmen.

Darüber hinaus fördert und unterstützt der Deutsche Bundestag den Aufbau und den Einsatz des Zivilen Friedensdienstes durch die Bereitstellung von Bundesmitteln.

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, weitere Unterstützungsmöglichkeiten durch die Einbeziehung anderer Institutionen und Körperschaften (z.B. Bundesländer, EU, OSZE, UN) zu prüfen und gegebenenfalls zu nutzen.

Der Deutsche Bundestag prüft, inwieweit für den internationalen Einsatz die Erfahrungen und Regelungen aus dem Bereich der Entwicklungshilfe und internationalen humanitären Hilfe analog auf den Zivilen Friedensdienst angewandt werden können. (…)“

Das „Forum Ziviler Friedensdienst“ plante, binnen zwei Jahren 200 Friedensfachkräfte in Bosnien einzusetzen. Für das 30 Millionen DM kostende Projekt erwartete das Forum zwei bis drei Millionen Mark aus der Staatskasse.

Der Gruppenantrag scheiterte schließlich an der Blockadehaltung von Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger (CSU).

Mein Positionspapier „Alte Schlachten bringen keinen Frieden“ vom 2.12.1996 (Auszug)

„Ziviler Wiederaufbau“ ist mehr als Instandsetzung von Infrastruktur, Wohnungen, Produktion. Der allseits konstatierte Rückstand gegenüber dem militärischen Teil ist nicht einfach ein quantitativer. Die zivile Schlüsselaufgabe des Zusammenbringens der Konfliktparteien und ethnischen Gruppen (gemeinsame Institutionen, Verwaltungsaufbau, Rückbau der ethnischen Teilung in den Regionen, Institutionen und Köpfen) ist "um Klassen schwerer" - so Kinkel kürzlich im Verteidigungsausschuss, so in Sarajevo Botschafter Steiner, ein OSZE-Vertreter (`Militärs können Verhalten erzwingen. Wir können zu ziviler Kooperation nur überzeugen`)... Hieran arbeiten einzelne Personen und Organisationen mit bewundernswertem Engagement und langem Atem. Zugleich aber ist unübersehbar, dass für diese besonders komplizierte und langwierige Aufgabe Instrumente und Potentiale zur Verfügung stehen, die in Koordination, Ausstattung und Ausbildung höchst unterentwickelt sind. Immer wieder begegneten uns Klagen, wie viel nebeneinander her, zum Teil gegeneinander gearbeitet werde. Während allein dem deutschen Verteidigungsminister ein milliardenteurer Apparat von 340.000 Soldaten und 120.000 Zivilbediensteten zur Verfügung steht, koordiniert bzw. improvisiert das Auswärtige Amt den deutschen Beitrag zur unendlich wichtigen zivilen Aufbauarbeit mit einem eifrigen, aber lächerlich kleinen Arbeitsstab und minimalen Ressourcen. Wenn die Bundesregierung als einziges effektiv unterstütztes Instrument die Bundeswehr vorhält, wird das Gerede von der "ultima ratio" und dem Primat der zivilen Konfliktbearbeitung zur Farce. Dies gilt auch und immer noch für Bosnien.

Zum Beispiel Internationale Polizei (bisherige WEU-Polizei in Mostar, International Police Task Force)/ deutscher Anteil: Die entsandten Polizisten müssen aus der laufenden Polizeiarbeit abgezogen werden. Eine gemeinsame und systematische Einsatzvorbereitung gibt es nicht, auch keine entsprechende Begleitung und Auswertung.

Zum Beispiel Projekte wie Amica (Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern), Junge Brücke Mostar (gemeinsame Freizeitaktivitäten muslimischer und kroatischer Jugendlicher), "Schüler helfen Schülern", Balkan Peace Team (u.a. Menschenrechtsarbeit) und etliche andere, die am Alltag der Menschen ansetzend für den Wandel in den Köpfen, für den Aufbau einer zivilen Gesellschaft von unten arbeiten. Solche Projekte sind neben unabhängigen Medien, den Bürgerforen und nicht-nationalistischen Parteien Hoffnungsfunken einer friedlichen und multiethnischen Entwicklung in Bosnien. Doch ihre finanzielle Ausstattung ist spärlich bis ärmlich. Eine systematische (Zusatz-)Ausbildung und Einübung für Aufbauhelfer zur Arbeit in Konflikten und zur systematischen zivilen Konfliktbearbeitung gibt es in ansatzweise in Österreich (Stadtschlaining), nicht aber in Deutschland.

"Wir konnten die Aufgabe des Wiederaufbaus nicht proben!" so Kinkel im Verteidigungsausschuss. Aber warum nur wird dieses historische Nichtvorbereitetsein zum Prinzip erhoben? Der Widerspruch zwischen Mittel und Bedarf kann kaum krasser sein: Seit Dayton sagen auch Koalitionsabgeordnete, auch Rühe, dass der Abbau der Feindschaften, der Aufbau von Zusammenleben, der Wandel in den Köpfen der Schlüssel zum selbsttragenden Friedensprozess ist. Doch wenn es darum geht, Instrumente und Potentiale für diese strategische Aufgabe aufzubauen und auszustatten, dann setzten sich in der Koalition und in der Bundesregierung die Verweigerer und Ideologen durch, zieht sich Ruhe auf die Position des "nicht zuständigen" Ressortministers zurück (so mehrfach im Verteidigungsausschuss).

Beispielhaft dafür ist das Projekt "Ziviler Friedensdienst", das Fürsprecher vor allem in kirchlichen Friedensgruppen, bei den Bischöfen Spital und Huber sowie Vertretern von Entwicklungsdiensten fand, und das zuletzt für ein Pilotprojekt im ehemaligen Jugoslawien noch ganze 3 Mio. DM (!) kosten sollte. Minister Spranger würgte die auch von CDU-Kollegen mitgetragene Parlamentarierinitiative ab. Die Koalitionsmehrheit im Haushaltsausschuss verweigerte sogar die Einrichtung eines entsprechenden Leertitels. Genauso abgelehnt wurden die bündnisgrünen Haushaltsanträge, die den Aufbau einer "Infrastrukrur für zivile Konfliktbearbeitung" fordern. Wie selbstverständlich und leicht fiel es demgegenüber der Bundesregierung, der bosnischen Armee Ausbildungshilfe durch die Bundeswehr zu gewähren!

Militärgläubigkeit und -fixiertheit zeigt sich heute vor allem in der notorischen und strukturellen Bevorzugung der militärischen vor den zivilen Instrumenten, der faktischen Vernachlässigung der Krisenprävention gegenüber der militärischen "Krisenreaktion". Für das eine hat man die trainierte und bewaffnete Faust, das andere meint man, mit dem kleinen Finger der linken Hand erledigen zu können. (…)“

Grußwort beim 1. Kurs 1997 "Frieden muss von unten wachsen: Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung"

Am 20. 1997 Mai begann in Frille bei Minden erstmalig in der Bundesrepublik ein Grundkurs des Modellvorhabens „Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung“. 16 Frauen und Männer, zur Hälfte AusländerInnen, werden in 11 Wochen auf die Arbeit in „Versöhnungsprojekten“ vor allem im ehemaligen Jugoslawien vorbereitet: für die Begleitung und Unterstützung heimkehrender muslimischer Flüchtlinge in der kroatisch verwalteten Stadt Jajce, für die Arbeit in einem multiethnischen Jugendtreffpunkt in Tuzla, in einem unabhängigen Begegnungs-, Gebets- und Meditationszentrum in Sarajewo und mit kriegstraumatisierten Serben und Kroaten  in Ostslawonien. Träger des Modellvorhabens sind die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, der Bund für Soziale Verteidigung und das Forum Ziviler Friedensdienst. Das Land NRW finanziert das Modellvorhaben mit 400.000 DM. Bei der Eröffnungsveranstaltung hielt ich das folgende Grußwort:

„Wohl kein parlamentarisches Gremium in Bonn beschäftigt sich so kontinuierlich und intensiv mit Ex-Jugoslawien wie der Verteidigungsausschuss des Bundestages. Lange standen dort Begründung und Planung des Militäreinsatzes, die Leistungen von IFOR im Mittelpunkt der Beratungen. Seit der Debatte um die IFOR-Nachfolge Ende letzten Jahres haben sich die Beratungsschwerpunkte völlig verschoben. Die Leistungen von IFOR/SFOR sind unstrittig, zugleich werden die Grenzen eines Militäreinsatzes immer deutlicher. Laut Außenminister Kinkel ist die Aufgabe der Militärs, die Konfliktparteien auseinander zu halten, relativ leicht – verglichen mit der Aufgabe, die verfeindeten Gruppen wieder zusammenzuführen. Er und Verteidigungsminister Rühe äußern sich wiederholt regelrecht verzweifelt über die totale Unversöhnlichkeit der Machthaber in Bosnien, die ein Funktionieren der Föderation blockiere. Nach einem Mostar-Besuch konstatiert Rühe im Angesicht der EU-finanzierten, aber leeren Brücken die Grenzen auch von Infrastrukturhilfen:“ Auch eine Brücke aus Beton bringt noch keinen Frieden!“ Ein Staatsminister schließlich beklagt, wie verbreitet in der Bevölkerung Lethargie, Misstrauen und Hass seien, dass es keinerlei Aufbruchstimmung gebe. Alle wissen: Der Wandel in den Köpfen ist der Dreh- und Angelpunkt für einen wirklichen Friedensprozess. Auf der Hand liegt, dass daran in erster Linie Nichtregierungsorganisationen arbeiten (können), dass für diese besonders schwierige Entfeindungsarbeit aber Qualifizierung unumgänglich ist.

Hier beginnen jedoch die politischen Blockaden in Bonn! Seit genau zwei Jahren versuchte ich zusammen mit Kolleginnen von SPD und CDU, ein „Startprojekt Ziviler Friedensdienst“ auf den Weg zu bringen, das die Ausbildung und Entsendung von Fachleuten für zivile Konfliktbearbeitung beinhaltet. Als ein interfraktioneller Kompromiss gefunden war, verhinderte der CSU-Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Spranger, seine Umsetzung. Angesichts des Bonner Versagens ist die Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen umso lobenswerter! Sie geht zurück auf die beharrliche Friedensarbeit vor allem des Bundes für Soziale Verteidigung und eine Festlegung im Koalitionsvertrag, zu der Kurt Südmersen (BSV) und ich im Mai 1995 den Anstoß gaben. Angesichts der vielen Konfliktnachrichten aus Düsseldorf endlich eine gute Nachricht von Rot-GRÜN!

Nur 400.000 DM für die Ausbildung von nur 16 Fachkräften – ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Das Modellvorhaben ist ein Pilotprojekt, mit dem zivile Konfliktbearbeitung von unten endlich sichtbar und überprüfbar wird. Es ist der Start zu einer professionellen Friedensarbeit, die sich in den nächsten Jahren erheblich ausweiten wird – weil der Bedarf immer unübersehbarer wird. Insofern nehmen wir heute an einer historischen Geburtsstunde teil! Im Namen der Landtagsfraktion und der Bundestagsfraktion von Bündnis90/DIE GRÜNEN wünsche ich den Kursteilnehmerinnen und Annemarie Müller und Stefan Willmutz als den Trainerinnen langen Atem und Erfolg! Ein Tropfen auf den heißen Stein kann der Anfang eines Regens sein. Dass es so wird, liegt mit an uns!“

(Maulwurf, Zeitung von GAL/Grünen Münster Juni 1997)


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

[Login]