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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Mai 2007: Unser Besuch in der Hoffnungsprovinz Kunduz, 14 Tage spÃ¤ter Selbstmordanschlag auf dem Markt - Wendepunkt des dt. Afghanistaneinsatzes</title>
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    <span class="xar-mod-title">Afghanistan</span>

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<br />
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        <h1>
            Mai 2007: Unser Besuch in der Hoffnungsprovinz Kunduz, 14 Tage spÃ¤ter Selbstmordanschlag auf dem Markt - Wendepunkt des dt. Afghanistaneinsatzes         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 14. Mai 2017 10:07:58 +01:00 (89595 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Als ich vor 10 Jahren zusammen mit Renate K&uuml;nast + J&uuml;rgen Trittin Kunduz besuchte, gab es Grund zu einiger Hoffnung. 14 Tage sp&auml;ter kippte die Lage, als drei Bundeswehrsoldaten + sieben afghanische Zivilisten durch einen Selbstmordattent&auml;ter auf dem Markt von Kunduz ermordet wurden. Hierzu Ausz&uuml;ge aus meinen damaligen Notizen. Ein Beitrag <strong>gegen das Vergessen + Verdr&auml;ngen</strong> des Afghanisaneinsatzes.</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Mai 2007, vor 10 Jahren:</strong></p>
<p align="center"><strong>Unser Besuch in der Hoffnungsprovinz Kunduz,</strong></p>
<p align="center"><strong>&nbsp;14 Tage sp&auml;ter Selbstmordanschlag auf dem Markt -</strong></p>
<p align="center"><strong>Wendepunkt des dt. Afghanistaneinsatzes</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB (Mai/Juni 2007)</p>
<p align="center">(Fotos auf <a href="http://www.facebook.com/winfried.nachtwei">www.facebook.com/winfried.nachtwei</a> )</p>
<p><strong><em><span style="text-decoration: underline;">Vorbemerkungen</span></em></strong><em>: F&uuml;r den deutschen Afghanistaneinsatz markiert der Mai 2007 vor jetzt zehn Jahren einen Wendepunkt. Hier einige Berichte aus Mai/Juni 2007 nach meinen Pers&ouml;nlichen &nbsp;Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik und damaligen Notizen:</em></p>
<p><em>Kurzreisebericht Anfang Mai</em></p>
<p><em>Selbstmordanschlag vom 19. Mai</em></p>
<p><em>Verteidigungsausschuss und Trauerfeier am 23. Mai</em></p>
<p><em>Solidarit&auml;tsveranstaltung in Kunduz am 24. Mai</em></p>
<p><em>NATO-Parlamentarierversammlung am 26.-27. Mai</em></p>
<p><em>Bundestagsdebatte zu OEF-ISAF 13. Juni</em></p>
<p><em>Landesdelegiertenkonferenz mit TOP Afghanistan 16./17. Juni</em></p>
<p><em>Kurzbesuch in Mazar 22./23. Juni </em></p>
<p><em>Forderung nach ISAF-Ausstieg 21. Juni</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">1.-5. Mai 2007 Kunduz: Hoffnungsprovinz mit Wetterleuchten </span></strong>(Kurzbericht)<span style="text-decoration: underline;">Afghanistanbesuch </span>mit <strong>Renate K&uuml;nast </strong>(Fraktionsvorsitzende)<strong>, J&uuml;rgen Trittin</strong> (stv. Fraktionsvorsitzender) und den Fraktionsmitarbeitern Mariam Tutakhel und Andreas K&ouml;rner. (mein siebter Besuch dort seit 2002)</p>
<p>In <strong>Kabul, Mazar-i-Sharif, Kunduz und Termez</strong> sprechen wir mit den Spitzen von UNAMA (SRSG Tom Koenigs), EU (Francesc Vendrell), ISAF (US-General Dan McNeill, Generalmajor Bruno Kasdorf), dem stellv. Justizminister, dem dt. Botschafter Hans-Ulrich Seidt, afghanischen ParlamentarierInnen und NGO`s, dt. Polizisten (Kriminaldirektor Detlev N&ouml;llenburg), dem Kommandeur des dt. Einsatzkontingents, Brigadegeneral Josef Blotz, dt. Soldaten in Kabul, Mazar und Termez, den zivilen und milit&auml;rischen Leitern des PRT Kunduz (Oberst Peer Luthmer, Philipp Ackermann), Vertretern verschiedener Entwicklungs- und Hilfsorganisationen (GTZ, GTZ-IZ, DED, Katachel, Welthungerhilfe, &bdquo;Deutsches Haus&ldquo; in Kunduz) sowie Sch&uuml;lern der dortigen Koran-Schule. (vgl. die Kurzbilanz <a href="https://www.gruene-bundestag.de/fileadmin/media/_archivextern/informationsreise_durch_afghanistan/kurzbilanz_afghanistanreise.pdf">https://www.gruene-bundestag.de/fileadmin/media/_archivextern/informationsreise_durch_afghanistan/kurzbilanz_afghanistanreise.pdf</a> )</p>
<p><strong>Internationale Kr&auml;fte</strong></p>
<p>Zzt. umfasst ISAF 34.600 SoldatInnen aus 37 Nationen, davon rund 4.000 im Norden. (In Relation zur Fl&auml;che, Bev&ouml;lkerung und Infrastruktur w&uuml;rde der Kr&auml;fteansatz von KFOR/Kosovo auf 803.000 Soldaten in &nbsp;Afghanistan hinauslaufen &ndash; oder 227 im Kosovo.)</p>
<p>Das 13. Dt. ISAF-Kontingent umfasst 3.200 SoldatInnen, davon 1.670 in Mazar.</p>
<p>Der Verantwortungsbereich des PRT Kunduz erstreckt sich &uuml;ber die zwei Provinzen Kunduz und Takhar, 200 x 230 km, 8 Stunden Fahrtzeit bis NO und SO. Zum PRT geh&ouml;ren insgesamt 458 Personen, davon 417 Bundeswehr, 31 Soldaten von f&uuml;nf anderen Nationen, zehn Zivilexperten von AA, BMI u.a. sowie 71 afg. Sicherheitskr&auml;fte und 196 afg. Zivilangestellte.</p>
<p>Die USA stellen landesweit rund 3.000 Polizeiausbilder und &ndash;berater (Milit&auml;rs, Dyncorps) &uuml;berwiegend f&uuml;r 8-Wochenkurse (Schie&szlig;en, Fahren, Durchsuchen, Festnehmen), 1,8 Mrd. US-$ im Jahr. Die EU stellt im Norden 65 Polizeiberater, ihre Polizeiaufbauhilfe liegt bei 40 Mio. Euro, die der Bundesrepublik bei 24 Mio. In Mazar unterst&uuml;tzen 30 Feldj&auml;ger die Polizeiausbildung. Der deutsche Regionalkommandeur Nord betont den Bedarf an deutlich mehr Polizeiberatern.</p>
<p>(Die Zahlen der in Afghanistan insgesamt oder in Regionen eingesetzten Zivil- und Entwicklungsexperten und Diplomaten k&ouml;nnen nicht genannt werden.)</p>
<p><strong>Zur Sicherheitslage </strong></p>
<p>h&ouml;ren wir unterschiedliche Einsch&auml;tzungen: Lt. ISAF gibt es einen R&uuml;ckgang von Sicherheitsvorf&auml;llen, bei Diplomaten ist die Einsch&auml;tzung skeptischer.</p>
<p>In Kunduz war die Stimmung bis zum Selbstmordanschlag vom 16. April (auf dem Ausbildungsplatz einer Polizeiausbildungsst&auml;tte wurden mindestens 10 Polizisten get&ouml;tet, &uuml;ber 40 verwundet) regelrecht euphorisch. &Uuml;ber den ganzen Winter war nichts passiert! Am 25. April folgten fast gleichzeitig Anschl&auml;ge auf das Polizei-HQ in Kunduz und gegen das Gouverneursgeb&auml;ude, ein Toter.</p>
<p>Die Provinzen Kunduz und Takhar gelten als &bdquo;&uuml;berwiegend ruhig und nicht stabil&ldquo;. Es gebe Hinweise auf je sechs m&ouml;gliche Attent&auml;ter in den Distrikten Chahar Darreh und Imam Shahib, je vier in Ali Abad und Dasht Archi. &bdquo;<em>M&ouml;gliche Infiltration des AOR PRT Kunduz durch Insurgenten, umfassende multiple terroristische Bedrohung, vorhandene Absicht, F&auml;higkeit und Kompetenz f&uuml;r Terrorakte, Drogenwirtschaft, Interessenkonflikte regionaler und lokaler Machthaber, ethnische Spannungen, Organisierte Kriminalit&auml;t. Vornehmliches Ziel m&ouml;glicher Angriffe und Anschl&auml;ge sind noch die ANSF!&ldquo;</em></p>
<p>Am 1. April begann in Kunduz die Ausbildungsunterst&uuml;tzung f&uuml;r die ANP durch 30 deutsche Feldj&auml;ger.</p>
<p>Alarmierend seien die j&uuml;ngsten alliierten Fehleins&auml;tze in Nangarhar und S&uuml;d-Herat, denen Dutzende Zivilisten zum Opfer fielen und die enorme politische R&uuml;ckschl&auml;ge sind. Ausl&ouml;ser waren Operationen von Enduring Freedom und direkt aus den USA gef&uuml;hrten Special Forces, in die dann ISAF hineingezogen wurde. Auf ziviler Seite wird massiv kritisiert, wie exterritorial und ohne jedes Stationierungsabkommen OEF auch im 6. Jahr noch agiere.</p>
<p>Beim Besuch des <span style="text-decoration: underline;">Tornado-Geschwaders in Mazar</span> wird betont, dass die Tornados (seit 5. April vor Ort) vor allem zur &bdquo;Mobilit&auml;tsaufkl&auml;rung&ldquo; eingesetzt w&uuml;rden: Patrouillenstrecken, Zust&auml;nde von Br&uuml;cken, (il-)legale Checkpoints, Aufkl&auml;rung bisher unbekannter Gebiete. Im Kontext des Shindang-Zwischenfalls in S&uuml;d-Herat sollen die Tornados explizit nicht eingesetzt gewesen sein. Sie h&auml;tten lt. Mandat auch nicht eingesetzt werden d&uuml;rfen, weil es dort um ISAF-Unterst&uuml;tzung f&uuml;r OEF und nicht um OEF-Unterst&uuml;tzung f&uuml;r ISAF ging. Inwieweit die Tornados auch im Kontext ausdr&uuml;cklicher Kampfunterst&uuml;tzung im S&uuml;den zum Einsatz kommen, wollte man nicht deutlich sagen.</p>
<p><strong>Aufbau und Entwicklung</strong></p>
<p>Ein Lichtblick ist das <span style="text-decoration: underline;">Afghanistan Country Stabilization Picture</span>: Diese von ISAF gef&uuml;hrte Datenbank versucht erstmalig systematisch und landesweit alle Aufbauprojekte zu erfassen &ndash; Energieversorgung, Verkehrsinfrastruktur, landwirtschaftliche Entwicklung, Gesundheitsversorgung etc.</p>
<p>In der <span style="text-decoration: underline;">Nordregion</span>, wo ein Drittel der afghanischen Bev&ouml;lkerung lebt, sei die Gesamtentwicklung noch eindeutig positiv.</p>
<p>Das gelte ganz besonders f&uuml;r die <strong>Provinz Kunduz</strong>, wo die Fortschritte bei meinem inzwischen f&uuml;nften Besuch seit 2004 mit H&auml;nden zu greifen sind: die Stra&szlig;en, die Baut&auml;tigkeit, der Handel. In der Provinz gebe es kein Dorf ohne ein Projekt. Es gebe keinerlei Feindseligkeit, die Menschen seien wahnsinnig entgegenkommend. Wunschlisten gebe es noch und n&ouml;cher. Nach Aussage &ouml;rtlicher Autorit&auml;ten ging es den Menschen hier noch nie so gut wie jetzt. Zugleich sind die Risikofaktoren durch hiesige Kriminalit&auml;t, Machtkonflikte, eingesickerte Terroristen erheblich.</p>
<p>Schon im Flieger treffen wir Sybille Schnehage, die Vorsitzende des Hilfsprojekts Katachel, die seit 1994 im Raum Kunduz arbeitet. Seit die Bundeswehr vor Ort sei, boome es. Fr&uuml;her konnte sie mit dem Rad herumfahren, jetzt nicht mehr. Nachts m&uuml;sse man aufpassen, dass auf unbefestigten Stra&szlig;en nicht Minen verlegt w&uuml;rden.</p>
<p>Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch der <strong>Larkabi-Koranschule</strong>, die mitten in der Stadt liegt. Der Innengarten ist umgeben von Unterrichts- und Unterkunftsr&auml;umen und der gro&szlig;en Moschee. Die Sch&uuml;ler kommen aus ganz Nordostafghanistan. Die Schule hat einen guten Ruf, ihre Mullahs gelten als offen. Das AA unterst&uuml;tzt hier den Ausbau der sanit&auml;ren Anlagen. Das komme phantastisch an, sei ein T&uuml;r&ouml;ffner und Sympathiegewinner. Im Ort hei&szlig;e es: &acute;Wenn Koranschulen in Ordnung sind, brauchen wir unsere Kinder nicht nach Pakistan schicken.&ldquo;</p>
<p>J&uuml;rgen und ich sprechen im Garten mit einer Gruppe von ca. 20 Sch&uuml;lern. Ich stelle uns als Politiker vor, die die deutschen Soldaten hergeschickt h&auml;tten. Ein &bdquo;Talib&ldquo; (Koransch&uuml;ler) antwortet, dass sei gut, und dankt daf&uuml;r. Ich frage, ob sie mit den Soldaten einverstanden w&auml;ren &ndash; neben uns steht ein Hauptmann, dessen Vater fr&uuml;her B&uuml;rgermeister von Kunduz war und der zum Studium nach Dresden kam. Die Antwort: &bdquo;<em>Ja, die verhalten sich anst&auml;ndig</em>.&ldquo; Sp&auml;ter wird mir bewusst, dass in einem Land, wo Ehre und Respekt zentral sind, solche Worte &uuml;ber ausl&auml;ndische Soldaten ein Besturteil sind. (Ein BKA-Personensch&uuml;tzer neben uns gibt derweil &uuml;ber Funk durch: &bdquo;<em>20 M&auml;nner, bin allein, kann nicht k&auml;mpfen</em>&ldquo;)</p>
<p>Die dt. Aufbauhilfe hat mit dem &bdquo;<strong>Deutschen Haus</strong>&ldquo; eine ganz andere Sichtbarkeit bekommen. 30-40 Deutsche arbeiten im Rahmen der deutschen EZ und arbeiten &uuml;berwiegend in der Fl&auml;che/D&ouml;rfern. Im Rahmen des neuen, mit den so genannten&nbsp; &bdquo;Nachtwei-Millionen&ldquo; finanzierten &bdquo;Provincial Development Fund&ldquo; werden von jeweils vier afghanischen und deutschen Vertretern gemeinsam die n&auml;chsten Projekte vereinbart (je 250.000 Euro f&uuml;r drei Provinzen). Nach Einsch&auml;tzung der dt. Entwicklungsexperten brauche man deutlich mehr Personal. &bdquo;<em>Wir arbeiten am Rande des Machbaren</em>.&ldquo; Die Gesellschaft sei so komplex, dass man das als Entwicklungstechniker schwer erfasse. Man m&uuml;sse die verschiedenen Netzwerke verstehen. W&auml;hrend die Zusammenarbeit vor Ort gut funktioniere, sei die institutionelle Aufsplitterung der dt. zivilen Hilfe (TZ, EZ, FZ, Entwicklungsorientierte Nothilfe/BMZ, Humanit&auml;re Hilfe/AA und CIMIC/ BMVg) ausgesprochen hinderlich.</p>
<p>&Auml;u&szlig;erst verunsichernd sind die j&uuml;ngsten <strong>Morde an zwei Mitarbeitern der Welthungerhilfe</strong> (erster Mord an einem dt. Helfer seit 2001): Am 8. M&auml;rz wurde der 65-j&auml;hrige, krisengebietserfahrene Dieter R&uuml;bing in der als sicher geltenden Nordprovinz Sar-i Pul erschossen; am 29. April ein Fahrer der WHH. Die WHH arbeitet seit 1994 im Land. In den letzten vier Jahren wurden 500 Brunnen gebaut. Die Gegend sei von der dt. EZ sehr gut bedient worden. &bdquo;<em>Jetzt k&ouml;nnen wir uns nicht mehr auf die Leute verlassen</em>.&ldquo; Die Morde stellen die Grundvoraussetzung der langj&auml;hrigen Arbeit &ndash; Schutz durch die Einheimischen &ndash; in Frage.</p>
<p>Bei der Trauerfeier f&uuml;r R&uuml;bing kamen wohl 2-3.000 Menschen zusammen. Bisher habe man noch nicht mit dem Dorf gesprochen. F&uuml;r die GTZ sei der Distrikt jetzt no-go-area. Auf die Polizei sei kein Verlass, der NDS sei m&ouml;glicherweise verwickelt.</p>
<p>Die WHH-Mitarbeiter beschlossen, weiter im Land zu bleiben.</p>
<p><strong>In Termez/Usbekistan vorm R&uuml;ckflug</strong></p>
<p>intensives Abendgespr&auml;ch mit Stabsoffizieren des Einsatzgeschwaders (hier sind sechs Transall - &bdquo;Alt-68er&ldquo; - und f&uuml;nf CH-53 stationiert):</p>
<p>Angesichts der Dauerbelastung gerade f&uuml;r Transportflieger, Sanit&auml;ter, Feldj&auml;ger stellt sich die Frage des WOF&Uuml;R ganz besonders. Eins&auml;tze k&ouml;nnten nicht allein mit B&uuml;ndnistreue begr&uuml;ndet werden. Was seien die deutschen Interessen dabei? Gerade als Berufssoldat frage man sich, bin ich S&ouml;ldner, bin ich Soldat? Warum habe man nicht den Mut, einen Einsatz auch mal zu beenden?</p>
<p>Wie stehe es mit interkultureller Kompetenz bei au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Entscheidungen? Was seien angemessene Ziele, was sei &uuml;berhaupt in solchen fremden und zersplitterten Gesellschaften erreichbar, realistisch &ndash; oder illusorisch?</p>
<p>Warum gebe es kein Struktur-Controlling?</p>
<p>&bdquo;<em>Sehr deutlich wird die enorme Schwierigkeit und Herausforderung des Stabilisierungsprojekts, in das wir relativ naiv und mit unseren Vorstellungen von Gesellschaft und Politik reingegangen sind.</em></p>
<p><em>Insgesamt ist es ein Gespr&auml;ch, wie ich es bei Delegations- und Ministerbesuchen bisher nie erlebt habe: Nichts an Worth&uuml;lsen, sehr offen, durchdacht, nach vorne bis strategisch denkend, beide Ex-Minister schnell-lernend &ndash; insgesamt gl&auml;nzend!&ldquo;</em> (aus meinen Reisenotizen)</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Bev&ouml;lkerungsbefragung in den Provinzen Kunduz und Takhar im Februar/M&auml;rz 2007</span></strong></p>
<p>Sozialwissenschaftliche <strong>Studie &bdquo;Internationale Akteure in Afghanistan</strong>&ldquo; eines Teams am Sonderforschungsbereich 700 an der FU Berlin (Christoph Z&uuml;rcher, Jan Koehler, Thomas Risse, Lars Brozus u.a.), am 6. Februar 2008 in Berlin vorgestellt.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Wie beurteilt die Bev&ouml;lkerung im afghanischen Nordosten (Provinzen Kunduz, Takhar) das Engagement der internationalen Helfer und Truppen, wie ist deren Wirkung?</span> Hierf&uuml;r wurden im Februar/M&auml;rz 2007 2034 Haushalte in 77 Gemeinden von &bdquo;Coordination of Afghan Relief&ldquo; (CoAR) zu Ver&auml;nderungen in den letzten zwei Jahren befragt. (Zusammenfassung der Ergebnisse <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=110&amp;aid=647">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=110&amp;aid=647</a> )</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Zur Sicherheit</span>: Eine &uuml;berw&auml;ltigende&nbsp; Mehrheit war der Meinung, dass sich die Sicherheitslage in den letzten zwei Jahren verbessert habe: 76% sehr, 23% etwas. Jeweils ca. 80% schrieben das den fremden Truppen und der Regierung zu, 50% den internationalen Entwicklungsakteuren. Lokalen Kommandeuren wurde nur zu 6% ein positiver Einfluss zugesprochen. Von den 20%, die sich bedroht f&uuml;hlen, 17% durch kriminelle Gruppen, 10% durch Taliban, 5% durch ausl&auml;ndische Truppen. Bei vertiefenden Gespr&auml;chen lobten auch Ex-Taliban den &bdquo;Landfrieden&ldquo;, und dass Willk&uuml;r von Gewaltakteuren unterdr&uuml;ckt werde: &acute;So lange die Deutschen da seien, werde wenigstens nicht noch die andere H&auml;lfte des Dorfes niedergebrannt`.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Westliche und traditionelle Werte:</span> 70% sehen lokale Br&auml;uche und islamischen Werte durch internationale Entwicklungsakteure eher nicht bedroht, 11% eher doch bedroht; 50% sehen sich durch ausl&auml;ndische Truppen eher nicht, 40% eher doch bedroht. Die ausl&auml;ndischen Truppen werden als n&uuml;tzlich angesehen, es bleibt aber ein Grundmisstrauen. Diese Gradwanderung schaffe die Bundeswehr recht gut.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Entwicklungszusammenarbeit</span>: Insgesamt gab es eine &uuml;berraschend hohe Abdeckung durch Entwicklungsprojekte. 66% berichteten, ihre Gemeinde habe von Projekten im Bereich Stra&szlig;en und Br&uuml;cken profitiert, ebenfalls 66% von Trinkwasserprojekten, 47% von Schulprojekten, 24% von Bew&auml;sserungsprojekten, 16% von landwirtschaftlicher Entwicklung, 14% Elektrizit&auml;tsprojekte, 6% Nahrungsmittelhilfe, 5% Projekte im Bereich Training und Ausbildung. Aber nur 2,5% berichteten von Projekten zur Schaffung neuer Arbeitspl&auml;tze in ihren Gemeinden.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">19. Mai 2007, 14 Tage nach dem Kunduz-Besuch:</span></strong></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Selbstmordanschlag auf dem Markt &ndash;</span></strong></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Drei deutsche Soldaten und sieben afghanische Zivilpersonen get&ouml;tet</span></strong></p>
<p>Am Morgen des 19. Mai fuhren vier Beamte der Einsatzwehrverwaltung (im Einsatz als Reservisten), sechs Sicherungssoldaten, ein dt. Polizist und ein afghanischer Sprachmittler in gepanzerten Fahrzeugen nach Kunduz, um dort technisches Ger&auml;t, u.a. K&uuml;hlschr&auml;nke, einzukaufen. Nach Abstellen der Fahrzeuge gingen sie &uuml;ber einen Kilometer zu Fu&szlig; Richtung Kreisel und weiter in eine Seitenstra&szlig;e. Um 10.08 Uhr Ortszeit sprengte sich ein Selbstmordattent&auml;ter zwei Meter neben den Reservisten in die Luft und t&ouml;tete den 31-j&auml;hrigen Hptm d.R. Matthias Standfu&szlig;, den 28-j&auml;hrigen HFw d.R. Michael Diebel, den 48-j&auml;hrigen OFw d.R. Michael Neumann und sieben afghanische Zivilpersonen. Verwundet werden f&uuml;nf Soldaten (davon zwei schwer), der Sprachmittler und 13 afghanische Zivilpersonen.</p>
<p>Die Sprengladung von ca. 1,5 kg war mit Schrapnells gespickt und hatte einen Zerst&ouml;rungskreis von ca. 20 Metern.</p>
<p>Dass die BILD-Zeitung ein Foto eines schwer verwundeten Soldaten ver&ouml;ffentlichte, trifft auf breite Emp&ouml;rung.</p>
<p><em>(Jahre sp&auml;ter bekam ich interne Ermittlungsbilder vom Tatort zu sehen &ndash; sie brennen sich ein.)</em></p>
<p>F&uuml;r die Bundeswehr markiert der 19. Mai 2007 einen <strong>Wendepunkt</strong> <strong>zum Schlechten</strong>.</p>
<p>Das PRT stellt &uuml;ber Wochen die Patrouillent&auml;tigkeit weitgehend ein und beschr&auml;nkte sich auf den Nahbereichsschutz des Feldlagers. Angesichts von etlichen im Raum Kunduz vermuteten potenziellen Attent&auml;tern, der Z&ouml;gerlichkeit der afghanischen Amtstr&auml;ger und der geringen eigenen Kr&auml;fte (im Oktober 2006 470 BW-Soldaten im PRT, davon 90 Infanteristen f&uuml;r einen Raum in der Gr&ouml;&szlig;e Hessens) war diese Einigelung nachvollziehbar. Zugleich wuchs damit die Distanz zwischen ISAF und Bev&ouml;lkerung, ging die bis dahin schon sp&auml;rliche und fl&uuml;chtige Patrouillenpr&auml;senz in der Fl&auml;che verloren. Der mehr bev&ouml;lkerungsorientierte, &bdquo;offene&ldquo; Ansatz war dort an seine Grenzen gesto&szlig;en, wo gr&ouml;&szlig;ere Gruppen von Militanten vor allem in paschtunischen Siedlungsgebieten einsickern, sich festsetzen und Einfluss gewinnen konnten.&nbsp;</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">23. Mai, Verteidigungsausschuss und Trauerfeier</span></strong></p>
<p>&Uuml;ber zwei Stunden geht es um <strong>Afghanistan und den j&uuml;ngsten Anschlag</strong>. Angesichts des Vorwurfs von Lafontaine, die Bundeswehr trage in Afghanistan mittelbar zu terroristischen Aktivit&auml;ten bei, verweise ich auf die erheblich differenziertere Erkl&auml;rung der fachpolitischen Sprecher der Linksfraktion, die ausdr&uuml;cklich nicht auf eine Rechtfertigung des Taliban-Terrors hinauslaufen. Im Hinblick auf die losbrechende Diskussion um einen Abzug aus Afghanistan betone ich die Notwendigkeit, bei aller Vorsicht vor kontraproduktiven Botschaften die Sinnfrage dieses VN-mandatierten Einsatzes konkreter zu beantworten (neben der sicherheitspolitischen Notwendigkeit, den verheerenden Alternativen auch die tats&auml;chlichen Erfolge) und die Perspektiven trotz aller &bdquo;Nebel des Einsatzes&ldquo; ehrlicher zu diskutieren und zu kl&auml;ren (Definition &uuml;berpr&uuml;fbarer Zwischenziele).</p>
<p>Am Nachmittag <strong>Trauerfeier f&uuml;r die gefallenen Bundeswehrangeh&ouml;rigen</strong>: Mit dem Bundeswehr-Airbus fliegen so viele Abgeordnete wie nie zuvor mit nach K&ouml;ln-Bonn, von meiner Fraktion auch Marieluise Beck.</p>
<p>In einem Hangar auf dem milit&auml;rischen Teil des Flughafens sind die S&auml;rge aufgebahrt, rechts jeweils die Fotos der Toten. Die Angeh&ouml;rigen kommen herein, sich gegenseitig st&uuml;tzend, hinter ihnen Minister Jung, Generalinspekteur Schneiderhan mit seiner Frau, die Milit&auml;rbisch&ouml;fe. Nach den Worten der Milit&auml;rdekane, des Ministers und kurzen Musikst&uuml;cken ist die Schlusszeremonie besonders aufw&uuml;hlend. Der langsame Einzug von je sechs Soldaten, die die S&auml;rge aufnehmen und bei leisem Trommelwirbel langsam heraustragen. Nach 2002 und 2003 erlebe ich hier zum dritten Mal die R&uuml;ckkehr von im Einsatz in Afghanistan umgekommenen Soldaten. Als parlamentarischer Mitauftraggeber des Afghanistaneinsatzes ist eine Trauerfeier f&uuml;r mich jedes Mal eine politisch-moralische Gewissenspr&uuml;fung.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">24. Mai, Solidarit&auml;tsveranstaltung in Kunduz: Beschluss</span></strong><strong> der Rechtsgelehrten, &Auml;ltestenvertreter, Lehrerschaft, Sch&uuml;lerinnen + Sch&uuml;ler, Jugendorganisationen und Handwerksgenossenschaft der Provinz</strong></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">&bdquo;<em>So notwendig wie das Wasser zum Leben&ldquo;</em></span></strong></p>
<p>Die folgende Resolution wurde von der Versammlung verabschiedet &ndash; und pers&ouml;nlich unterschrieben:</p>
<p><em>&bdquo;Wir, die Rechtgelehrten, die &Auml;ltestenvertreter, die Lehrerschaft, die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, die Jugendorganisationen und Handwerksgenossenschaft der Provinz Kunduz verabschieden aufgrund der letzten Selbstmordattentate in der Stadt Kunduz, die durch Feinde Afghanistan aus dem Ausland organisiert und gegen Unschuldige durchgef&uuml;hrt wurden, folgendes Kommunique:</em></p>
<p><em>Wir verurteilen die Selbstmordattentate, wobei unschuldige Menschen, die dabei waren ihren t&auml;glichen Lebensunterhalt zu verdienen oder zu besorgen, ums Leben kamen. Wir sehen diese Tat als eine unislamisch und verfluchte Tat an.</em></p>
<p><em>Entf&uuml;hrung und andere terroristische Taten an sich und ganz besonders als solche, die sich gegen Unschuldige richten, sind nach der Aja 23, Sure Israel des heiligen Qurans, verboten. Bezugnehmend auf diese Sure des Qurans verurteilen wir jede terroristische Aktivit&auml;t.</em></p>
<p><em>Die Erhaltung des Frieden, der Freiheit, der Freundschaft und der Br&uuml;derlichkeit ist eine Glaubens- und islamische Aufgabe jeden Muslims und wir unterst&uuml;tzen auch jeden, der die Schaffung einer friedlichen Atmosph&auml;re, der Sicherheit, der friedlichen Koexistenz auf seine Fahne geschrieben hat.</em></p>
<p><em>Wir fordern die Sicherheitsorgane wie Polizei, NDS auf, entschlossen gegen erkl&auml;rte Feinde Afghanistans und all diejenigen, die ethnische Konflikte sch&uuml;ren, die Sicherheitslage destabilisieren, vorzugehen, ihre Pl&auml;ne im Vorfeld aufzudecken und die Verantwortlichen in die F&auml;nge des Gesetzes zu &uuml;bergeben.</em></p>
<p><em>Wir fordern die Zentralregierung auf, Sicherheitsorgane wie die ANA, ANP, NDS und weitere Sicherheitsorgane mit besserem Material und Personal auszustatten, sie immer wieder zu motivieren, damit sie effektiver gegen Taten und Pl&auml;ne der Feinde vorgehen k&ouml;nnen.</em></p>
<p><em>Wir verurteilen ganz besonders das Selbstmordattentat vom 19.05.2005, wobei drei Soldaten unserer befreundeten Nationen aus Deutschland ums Leben kamen, die in der Provinz Kunduz f&uuml;r Sicherheit, Stabilit&auml;t und Wiederaufbau sorgten.</em></p>
<p><em>Wir bitten UNAMA, PRT und andere Vertreter der Weltgemeinschaft, unsere Botschaft auf der ganzen Welt zu verbreiten.</em></p>
<p><em>Die Anwesenheit des deutschen PRT&acute;s in der Provinz Kunduz ist so notwendig wie das Wasser zum Leben. Die leidgeplagten Einwohner der Provinz Kunduz brachen weiterhin die Unterst&uuml;tzung des PRT&acute;s.</em></p>
<p><em>M&ouml;ge der Allm&auml;chtige Sie sch&uuml;tzen und Ihnen Erfolg bringen.&ldquo;</em></p>
<p><em>(Deutsche &Uuml;bersetzung durch den Leiter des Sprachendienstes des PRT Kunduz vom 25.5.2007; die Resolution blieb in Deutschland praktisch unbekannt.)</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Politisches Umfeld</span></strong></p>
<p><strong>26.-27. Mai 2007 Fr&uuml;hjahrstagung der NATO-Parlamentarierversammlung</strong></p>
<p>in Funchal auf Madeira/Portugal. Neben den 151 Delegierten aus 26 Mitgliedsstaaten nehmen 20 assoziierte Delegationen (von Albanien &uuml;ber Schweden und Schweiz bis Russland) sowie Beobachter und G&auml;ste (Afghanistan, Kosovo, Pakistan) teil. Hauptthemen im Politischen und im&nbsp; Verteidigungs- und Sicherheitsausschuss sind <strong>Afghanistan, Bilanz von 5 Jahren Kampf gegen den internationalen Terrorismus</strong>, Operative NATO-EU-Kooperation, die Kritik der US National Security Strategy sowie die geplante Raketenabwehr in Polen und Tschechien.</p>
<p>Nach der angels&auml;chsischen &bdquo;Verb&uuml;ndetenschelte&ldquo; auf der Herbsttagung in Quebec bez&uuml;glich der Risikoverteilung beim Afghanistaneinsatz haben die deutschen Delegierten sich darauf eingestellt, bei Bedarf offensiv zu agieren. Doch der Stimmungswandel ist un&uuml;berh&ouml;rbar. Die Berichtsentw&uuml;rfe von&nbsp; Raynell Andreychuck (CAN Konservative) und Frank Cook (GB Labour) wie vor allem die Diskussionsbeitr&auml;ge haben jetzt ganz andere Schwerpunkte: Im Vordergrund stehen die Kritik an den zivilen Opfern alliierter Luftangriffe sowie die Forderung nach verst&auml;rkten Aufbauanstrengungen. Ich bringe die Widerspr&uuml;che zwischen den Konzepten der politischen Hochebenen und den realen Strategien am Boden zur Sprache &ndash; bei der Drogenbek&auml;mpfung, den Operationsweisen von ISAF und OEF, der Kontroverse um lokale Waffenstillst&auml;nde (z.B. Musa Qala), beim Polizeiaufbau. Hierbei betone ich, dass die deutschen Parlamentarier die Bundesregierung darauf dr&auml;ngen, deutlich mehr f&uuml;r den Polizeiaufbau zu tun.</p>
<p>Auch bei den anderen Themen wird der politische Klimawandel deutlich: In seinem Bericht zu &bdquo;F&uuml;nf Jahren Terrorbek&auml;mpfung&ldquo; konstatiert Ruprecht Polenz (CDU), der Irak-Krieg habe die Afghanistan-Mission gef&auml;hrdet und das Anwachsen des internationalen islamistischen Terrors gef&ouml;rdert. &bdquo;<em>Die Pr&auml;senz der von den USA gef&uuml;hrten Koalition im Irak erweist sich als Rekrutierungsinstrument f&uuml;r radikale junge Muslime auf der ganzen Welt. (&hellip;) Die terroristische Bedrohung f&uuml;r die EU-Mitgliedsstaaten ist dem Jahresbericht von Eupol, der EU-Polizeibeh&ouml;rde, zufolge &acute;so schwer wiegend wie nie zuvor`</em>.&ldquo; Ein pakistanischer Gast betont, der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; sei gescheitert, statt der Verliebtheit in Milit&auml;rmacht m&uuml;sse die soft power der Menschenrechte gest&auml;rkt werden. Der US-Sicherheitsexperte Lawrence Korb, Ex-Berater von Pr&auml;sident Reagan, erf&auml;hrt mit seiner brillanten Kritik an der gegenw&auml;rtigen US-Sicherheitspolitik (Unilateralismus, Pr&auml;ventivkriegsoption, &bdquo;&Uuml;berreaktion&ldquo; nach dem 11. September) keinerlei Widerspruch.</p>
<p>W&auml;hrend US-Abgeordnete inzwischen auff&auml;llig bescheiden auftreten, agieren die russischen Gastdelegierten genau entgegengesetzt. Neben einer Ehrenrettung f&uuml;r &bdquo;Genossen Stalin&ldquo; gegen&uuml;ber baltischen Delegierten empfiehlt man als Ausweg f&uuml;r Afghanistan einen &bdquo;starken Mann&ldquo;.</p>
<p><strong>13. Juni Bundestagsdebatte zu OEF-ISAF</strong></p>
<p>&uuml;ber den Gr&uuml;nen Antrag &bdquo;F&uuml;r einen sicherheitspolitischen Kurswechsel in Afghanistan &ndash; <strong>Nebeneinander von ISAF und OEF</strong> <strong>beenden</strong>&ldquo; (Drs. 16/5587): wir haben den Antrag eingebracht, damit die OEF-Debatte rechtszeitig noch vor den Mandatsdiskussionen im Herbst gef&uuml;hrt wird. Die pr&auml;zise und klare Rede von J&uuml;rgen Trittin erntet fraktions&uuml;bergreifend viel verdeckte Zustimmung. FolgerednerInnen sprechen auff&auml;llig oft von &bdquo;da sind wir uns einig&ldquo;, &bdquo;sehr diskussionsw&uuml;rdig&ldquo;. Au&szlig;er Hans Raidel/CSU setzt sich niemand so richtig f&uuml;r die Fortsetzung von OEF ein. Die Offensiv-Operation OEF ist politisch total in der Defensive. Aber den KollegInnen scheint immer noch nicht klar zu sein, dass die Unverzichtbarkeit und Sinnhaftigkeit von OEF-AFG seit Jahren immer nur prinzipiell behauptet und nie konkret belegt wird. Was ich im Vorjahr kritisierte, gilt unver&auml;ndert: &Uuml;ber OEF-AFG insgesamt gibt es keine aussagekr&auml;ftige Unterrichtung. Die inzwischen 9. Fortschreibung des OEF-Berichts von AA und BMVg vom 8. Juni 2007 ist bez&uuml;glich OEF-AFG ein schlechter Witz. Aus meinem Vorwurf in der letzten OEF-Debatte im November, dies sei das am schlechtesten begr&uuml;ndete Mandat (was mir f&uuml;hrende Milit&auml;rs best&auml;tigten), scheint man bisher nichts gelernt zu haben.</p>
<p><strong>16./17. Juni TOP Afghanistan auf der Landesdelegiertenkonferenz der Gr&uuml;nen NRW</strong> in Bochum (neben den Hauptthemen Sozialpolitik und Hartz IV, Kinder- und Familienpolitik, Klimapolitik).</p>
<p>Die Kollegin Ute Koczy und ich berichten den Delegierten zun&auml;chst aus letzten Reiseerfahrungen &uuml;ber die aktuelle Situation in Afghanistan. Ich zitiere aus dem &bdquo;Beschluss der Rechtsgelehrten, &Auml;ltestenvertreter, Lehrerschaft, Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, Jugendorganisationen und Handwerksgenossenschaft der Provinz Kunduz&ldquo;, in dem diese die letzten Selbstmordattentate scharf als unislamisch verfluchen, die Sicherheitsorgane zu entschlossenem Vorgehen auffordern und zum Schluss feststellen, d<em>ie Anwesenheit des deutschen PRTs in der Provinz Kunduz sei so notwendig wie das Wasser zum Leben.</em></p>
<p>Der vom Landesvorstand gemeinsam mit Fritjof Schmidt (MdEP), Ute Koczy, Kerstin M&uuml;ller und mir eingebrachte Antrag &bdquo;<em>Afghanistan braucht eine politische L&ouml;sung</em>&ldquo; wird &uuml;berraschenderweise bei nur einer Gegenstimme und wenigen Enthaltungen angenommen. Offenbar kommen im Antrag eine verantwortliche Haltung gegen&uuml;ber der Entwicklung in Afghanistan, eine klare Absage an kontraproduktive Milit&auml;raktionen und eine argumentative Auseinandersetzung mit Exit-Forderungen &uuml;berzeugend zusammen. Ein &Auml;nderungsantrag zur Missbilligung der Tornado-Zustimmungen in der Bundestagsfraktion wird angenommen, ein anderer Antrag f&uuml;r eine Sonder-BDK mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt. Das letzte Drittel des Antrags behandelt die dringend notwendige St&auml;rkung der zivilen au&szlig;enpolitischen F&auml;higkeiten, ohne die von uns seit Monaten eingeforderte zivile Fr&uuml;hjahrsoffensive nicht in die Tat umgesetzt werden kann. Von diesem Knackpunkt ist bei bisherigen Afghanistandebatten nie die Rede gewesen. Da er bei uns v&ouml;llig unstrittig ist, wird er auch nicht diskutiert und infolgedessen kaum bemerkt.</p>
<p><strong>22./23. Juni Kurzbesuch in Mazar</strong></p>
<p>Kurzbesuch der Obleute Verteidigungsausschuss beim Dt. <strong>ISAF-Kontingent in Mazar-e-Sharif</strong> <strong>und dem Tornado-Kontingent</strong> zusammen mit dem Parlamentarischen&nbsp; Staatssekret&auml;r Thomas Kossendey. In Mazar ist das Thermometer inzwischen &uuml;ber 45&deg; C.</p>
<p>Vor Ort stellt sich die Entwicklung der Sicherheitslage in der Nordregion mit ihren immerhin ca. 10 Mio. Einwohnern differenzierter und weniger dramatisch dar als in Deutschland. Die Anstiege der Sicherheitsvorf&auml;lle liegen bisher noch im jahreszeitlichen Trend, eine Versch&auml;rfung hat sich in Kunduz ergeben, anderswo nicht. Der R&uuml;ckhalt in der Bev&ouml;lkerung sei weiterhin sehr gro&szlig;. Eine dt. Wissenschaftlerin habe im Rahmen&nbsp; einer Feldstudie gefragt, was die Einheimischen mit den PRTs verbinden w&uuml;rden: &bdquo;Entwicklung&ldquo;. Wie schon beim letzten AFG-Besuch im Mai werden uns Ausschnitte aus der ISAF-Datenbank &bdquo;Afghan Country Stabilization Picture&ldquo; pr&auml;sentiert. Der strategische Ansatz ist, von vertrauensbildenden taktischen Ma&szlig;nahmen&nbsp; zu nachhaltiger Entwicklung zu kommen. Es gebe unglaublich viele Erfolgsstories.</p>
<p>Bei der Tornado-Einsatzstaffel Briefing zu den &uuml;ber ganz AFG verteilten Aufkl&auml;rungsobjekten (Patrouillen- und Versorgungswege, Br&uuml;cken + Staud&auml;mme, bisher nicht aktuell erfasste Gel&auml;ndeabschnitte, besondere Ereignisse wie Erdrutsche) und zum Verfahrensablauf (von der Anfrage &uuml;ber die priorisierte Aufkl&auml;rungsliste, die Mandatskontrolle, den Einsatz, die Auswertung und Speicherung in der ISAF Datenbank &ldquo;IMART&ldquo; und den begrenzten Zugang nur f&uuml;r ISAF-Berechtigte). Insgesamt braucht es bis zu 24 Stunden bis zur Nutzung der Aufkl&auml;rungsfotos, von denen bisher 4.500 gemacht wurden. Es wird der Eindruck erweckt, als h&auml;tten die RECCE-Tornados direkt nichts mit den Kampfoperationen in S&uuml;d und Ost zu tun. F&uuml;r mich stellt sich aber auch heraus, dass die seitens der Bundesregierung behauptete ausschlie&szlig;lich restriktive Weitergabe der Aufkl&auml;rungsfotos an OEF eine nicht kontrollierbare L&uuml;cke aufweist &ndash; beim Regional Command East, wo ein US-General per &bdquo;Doppelhut&ldquo; ISAF-Kommandeur f&uuml;r die Region und OEF-Kommandeur f&uuml;r ganz Afghanistan ist.</p>
<p>Am Rande gibt es neue Informationen zur Entwicklung in Kunduz nach dem Selbstmordanschlag auf die deutschen Soldaten: Schon am Tag des Anschlags kamen ca. 400 Mullahs zum Gouverneur. Sie wollten zum PRT und Solidarit&auml;t demonstrieren. Das wurde aus Sicherheitsgr&uuml;nden abgesagt. Am Tag des Lehrers gab es eine Versammlung von 700 Lehrern und Mullahs, wo die Anschl&auml;ge massiv verurteilt wurden&nbsp; und der &bdquo;Beschluss der Rechtsgelehrten &hellip;&ldquo; verabschiedet wurde. Im Unterschied dazu ist die Handlungsbereitschaft der afghanischen Sicherheitsverantwortlichen weiterhin unzureichend. Die ISAF-PRTs k&ouml;nnten die einheimischen Verantwortlichen nur nach besten Kr&auml;ften dabei unterst&uuml;tzen, die Attent&auml;ter und Unterst&uuml;tzer zu fangen. Tun m&uuml;ssten das aber die Afghanen selbst. In der Vergangenheit gelang es mehrfach, eingesickerte Terrorzellen ausfindig zu machen und zu verhaften, so dass jeweils &uuml;ber Monate Ruhe war. Jetzt klappt das nicht.</p>
<p><strong>21. Juni Forderung nach ISAF-Ausstieg</strong></p>
<p>Die beiden Tr&auml;ger der &bdquo;Gr&uuml;nen Friedensinitiative&ldquo;, Uli Cremer und Wilhelm Achelp&ouml;hler, ver&ouml;ffentlichen das 12-seitige Papier &bdquo;<strong>Die Gr&uuml;nen und der Afghanistan-Krieg</strong>&ldquo;: <em>&bdquo;Die gegenw&auml;rtige Gr&uuml;ne Strategie ist eine zur Fortsetzung des Krieges und keine Alternative dazu. Nur eine Strategie, die die zivilen Elemente aus dem milit&auml;rischen W&uuml;rgegriff l&ouml;st, mithin ohne milit&auml;risches Engagement auskommt, ist wirklich zivil und alternativ.&ldquo; Die &bdquo;Besatzungstruppen&ldquo; von OEF und ISAF m&uuml;ssen binnen weniger Monate abgezogen werden. &bdquo;Ein deutscher Ausstieg aus OEF und ISAF w&auml;re (&hellip;) gelebte friedenspolitische Verantwortungskultur. Der Schritt k&ouml;nnte als Katalysator wirken und den Afghanistan-Krieg beenden helfen.&ldquo;</em>&nbsp; (<a href="http://www.gruene-friedensinitiative.de">www.gruene-friedensinitiative.de</a> )</p>
<p>Das Papier bem&uuml;ht sich um eine umfassenden Kritik und Delegitimierung der internationalen und deutschen Afghanistanpolitik. Wenn seine Kernthese vom ISAF-Einsatz generell als Kriegseinsatz und allen Beteiligten als Besatzern zutr&auml;fe, dann g&auml;be es tats&auml;chlich nur eins: Abzug - und zwar schnell.</p>
<p>Die These wird abgeleitet aus einer verk&uuml;rzten und pauschalen Wahrnehmung der afghanischen Realit&auml;ten und des internationalen Engagements dort: Die 22 Jahre Krieg und Gewaltherrschaften vor dem September 2001 werden genauso ausgeblendet wie die Tatsache, dass Afghanistan unter den Taliban der Ausbildungs- und R&uuml;ckzugsraum f&uuml;r Abertausende internationale Gewaltt&auml;ter und Terroristen und insofern eine Herausforderung internationaler Sicherheit war. Praktisch &uuml;bergangen wird der VN-Rahmen des internationalen Engagements und der &uuml;ber lange Zeit und in den meisten Provinzen ausdr&uuml;cklich gewaltverh&uuml;tende Stabilisierungseinsatz von ISAF. ISAF im Norden, Westen und im Zentrum als Kriegseinsatz zu bezeichnen, verdreht die Realit&auml;ten. (vgl. Einsatzregeln von ISAF, fehlende Kriegsf&auml;higkeit der PRTs, F&auml;lle von Schwerstkriminalit&auml;t, aber keine Kriegshandlungen) Im Unterschied zu Teilen des S&uuml;dens gelten dort die ISAF-Soldaten ausdr&uuml;cklich nicht als Besatzer. Das war bei jedem Kunduz-Besuch zu sehen und zu sp&uuml;ren. (vgl. Resolution der Rechtsgelehrten etc.) Wer ISAF unterschiedslos als Besatzer bezeichnet, &uuml;bernimmt damit fahrl&auml;ssiger Weise die Propaganda der Oppositionellen Militanten Kr&auml;fte und tr&auml;gt &ndash; sicher ungewollt - zur Legitimation des &bdquo;Widerstandes&ldquo; bei.</p>
<p>Das Papier beschr&auml;nkt sich auf die Kritik herrschender Politik. Zu den M&ouml;glichkeiten einer weiteren Unterst&uuml;tzung des schwierigen Aufbau- und Friedensprozesses in Afghanistan schweigt es. Sch&ouml;n w&auml;r`s, wenn mit ISAF-Abzug der Frieden ausbrechen w&uuml;rde. Leider muss das krasse Gegenteil bef&uuml;rchtet werden. Interessanterweise macht man sich inzwischen sogar in der Links-Fraktion Gedanken dar&uuml;ber, wie ein Exit verantwortlich und nicht ohne R&uuml;cksicht auf Verluste laufen k&ouml;nnte. (J&uuml;rgen Trittin hat schriftlich auf das Papier geantwortet.)</p></div>


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