Frieden     Sicherheit    Abrüstung
Logo

www.nachtwei.de

Genauer Hinsehen: Sicherheitslage Afghanistan (Lageberichte + Einzelmeldungen) bis 2016
Navigation Themen
Navigation Publ.-Typ
Publikationstyp
•  Pressemitteilung (316)
•  Veranstaltungen (6)
•  Pressespiegel (19)
•  Bericht (270)
•  Artikel (157)
•  Aktuelle Stunde (2)
•  Antrag (58)
•  Presse-Link (108)
•  Interview (57)
•  Rede (109)
•  Große Anfrage (4)
•  Kleine Anfrage (31)
•  Fragestunde (1)
•  Tagebuch (48)
•  Offener Brief (23)
•  Persönliche Erklärung (6)
•  Veranstaltungstipp (6)
•  Vortrag (15)
•  Stellungnahme (60)
•  Weblink (17)
•  Aufruf (5)
•  Dokumentiert (35)

Kunduz - eine Woche im April: Taliban-Offensive dort, Einsatzbilanzierungen, vor allem Verdrängung hierzulande

Veröffentlicht von: Nachtwei am 3. Mai 2015 19:50:39 +01:00 (10360 Aufrufe)

Über viele Jahre stand Kunduz beispielhaft für den deutschen Afghanistaneinsatz, erst für Hoffnungen, dann für Enttäuschungen und die Rückkehr des Krieges. Seit dem Bundeswehrabzug im Oktober 2013 verschwindet Kunduz hinterm Horizont. Nach einem ersten Ansturm vor acht Monaten gingen hunderte Taliban seit dem 24. April  erneut in die Offensive. Hierzu und zu jüngsten Einsatzbilanzen einige Informationen ...   

Kunduz – eine Woche im April: Taliban-Offensive dort, Einsatzbilanzierungen, vor allem Verdrängung hierzulande

Winfried Nachtwei, MdB a.D. (5/2015)

HIERZULANDE: In Berlin häuften sich in der letzten Aprilwoche Veranstaltungen zur Bilanz des Afghanistan-Einsatzes

„Lehrstunde Afghanistan“ der Dt. Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und der Dt. Atlantischen Gesellschaft am 22. April ganztägig im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung mit geladenen Gästen. Referenten beim Panel „Sicherheit“ Mauritz Jochems, ehem. Hoher Ziviler Repräsentant der NATO in AFG, Ex-Staatssekretär BMVg Rüdiger Wolf, Generalmajor Josef Blotz (mehrfach ISAF, NATO), beim Panel „Entwicklung“ Adrienne Woltersdorf (Leiterin FES-Büro Kabul), BMZ-Referatsleiter Dr. Stephan Oswald, BICC-Direktor Prof. Conrad Schetter, beim Panel „Gute Regierungsführung“ Botschafter Dr. Michael Koch (Sonderbotschafter der Bundesregierung für AFG-PAK), W. Nachtwei, Prof. Michael Daxner (FU Berlin, SFB 700), BMWi-MinR Dr. Rudolf Gridl.

Buchvorstellung „Am Hindukusch – und weiter? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz: Erfahrungen, Bilanzen, Ausblicke“, hrg. von Rainer L. Glatz und Rolf Tophoven, am 23. April in der Berliner Niederlassung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Nach Grußworten des Präsidenten der bpb Thomas Krüger, des Parlamentarischen Staatssekretärs BMI Dr. Jürgen Krings und des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, MdB Hans-Peter Bartels, Podium mit den beiden Herausgebern, MdB Bartels, und den AutorInnen Dr. Anja Seiffert (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) und Uli Gack (ZDF). Nach vielen Einzelveröffentlichungen zu AFG liegt jetzt erstmalig ein Sammelband vor, der aus den verschiedenen Perspektiven von zwanzig Praktikern, Verantwortlichen aller Ebenen und engen Begleitern eine erfahrungsreiche und (selbst)kritische Bilanzierung des Einsatzes leistet. Mein Beitrag ist überschrieben mit „Die Politik und Afghanistan: persönliche Bilanz und Ausblick eines politischen Auftraggebers“. Kernaussagen:

(…) Die Startfehler konnten sich so lang halten, weil sich Deutschland wie die meisten anderen Staaten im Multilateralismus versteckten. Jeder leistete seinen Beitrag – die Bundesrepublik mit besonderer Verlässlichkeit – und kümmerte sich in nationaler Nabelschau fast nur um ihn. Kaum einer nahm die Erfahrungen anderer Verbündeter wie der Briten in Helmand und der Niederländer in Uruzgan auf, machte sich Gedanken um eine tragfähige gemeinsame Strategie. Hinzu kamen Mechanismen und Mentalitäten von Schönrednerei, die zusammen mit dem Primat innenpolitischer Interessen in Berlin und anderen Hauptstädten eine unheilige Allianz bildeten. Das Ergebnis waren strukturelle Unehrlichkeit, Selbsttäuschung und Realitätsverlust. (…) Bis heute wurde eine systematische und unabhängige Wirksamkeitsanalyse des deutschen Gesamtengagements verweigert. Über unmittelbare Einsatzauswertung hinaus fand institutionalisiertes Lernen nicht statt.

Nicht nur in Deutschland tat sich mit der Zeit immer mehr eine Schere auf: Zwischen den Soldaten, aber auch Polizisten und Zivilexperten, die ihre Aufgaben mit höchstem Einsatz – bis zum Einsatz von Leben und Gesundheit – erfüllten, und einem Primat der Politik, die diesen nur halbherzig ausfüllte. Symptomatisch war, dass in Deutschland nie ein Spitzenpolitiker sichtbar für den umfassenden Afghanistaneinsatz stand. Der Knackpunkt des abgedrifteten Einsatzes war ein kollektives politisches Führungsversagen.

Wo die Parlamentsbeteiligung bei Auslandseinsätzen so weit geht wie in Deutschland, trägt dafür der Bundestag mit seinen Fachausschüssen erhebliche Mitverantwortung. Über die Neigung zur Mikrokontrolle, über zweifellos auch wichtige Ausrüstungsfragen gerieten die strategischen Fragen des Einsatzes, der Kohärenz der staatlichen Akteure und der Unausgewogenheit der Mittel aus dem Blick. Die erste Bundestagsdebatte zur deutschen Polizeiaufbauhilfe Afghanistan fand am 9. November 2007 statt. Wo die weitere deutsche Beteiligung an ISAF aus Bündnisloyalität feststand, trat das Interesse an ungeschminkter Wirksamkeitsanalyse immer wieder hinter dem Primärinteresse an Selbstlegitimation zurück. Zwei Untersuchungsausschüsse des Verteidigungsausschusses (2007/2008 zu Murnat Kurnaz, 2010 zum Luftangriff bei Kunduz am 4. September 2009) banden überdies so viel an Kräften, dass darüber die sorgfältige Einsatzbegleitung zu kurz kam. Nicht die Schlüsselfrage, warum die frühere Hoffnungsprovinz Kunduz so abgestürzt war und wie das zu ändern sei, stand 2009/2010 im Vordergrund, sondern die stark parteipolitisch aufgeladene Frage nach der Informationspolitik der Bundesregierung. Gefangen in ihrer Koalitionsloyalität fanden verschiedene Koalitionsmehrheiten nicht die Kraft, Fehlentwicklungen im Einsatz zu identifizieren und auf Abhilfe zu drängen. Zahlreiche Afghanistandebatten konnten nicht verhindern, dass die anfängliche Zustimmung zum Einsatz in der Bevölkerung im Laufe der Jahre kippte. (…)

Als stellvertretender Fraktionsvorsitzender von 2002 bis 2005 hatte ich eine Schlüsselrolle bei der Afghanistan-Startentscheidung. Anfangs fürchtete ich, wir könnten in Afghanistan in ein „rot-grünes Vietnam“ geraten. Vor der ersten OEF-Entscheidung erwog ich die Rückgabe des Bundestagsmandats. Jahrelang war der Afghanistaneinsatz insbesondere bei den Grünen heiß umkämpft und für die Befürworter oftmals ein politisch-existenzielles Risiko. Ich konnte diese Auseinandersetzungen nur durchhalten, indem ich mich so intensiv einarbeitete wie in kein anderes Thema, das Land bis heute 17 Mal besuchte und nach der Devise „Genauer Hinsehen“ umfassend und differenziert berichtete und Stellung nahm. Über Begegnungen mit Hunderten von Frauen und Männern im und nach dem Einsatz und in Aufbauprojekten, mit der Teilnahme an fast allen Trauerfeiern für in Afghanistan Gefallene verschob sich meine Afghanistan-Motivation, trat die persönlich-menschliche Verbundenheit und Verpflichtung in den Vordergrund. Rückblickend muss ich feststellen, dass ich mitverantwortlich bin für die unter Rot-Grün gemachten strategischen Fehler der ersten Jahre und mit meinen relativ frühen Kritiken an den Defiziten der deutschen Afghanistanpolitik zu wenig durchdrang und wirkte. (…)“

Der sehr empfehlenswerte 392-Seiten-Band ist erschienen in der Schriftenreihe der bpb, Band 1584, und dort für 4,50 Euro zu bestellen. (https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/205485/am-hindukusch-und-weiter )

Bundestagsdebatte über die Große Anfrage der LINKEN „Krieg in Afghanistan – Eine Bilanz“ und die Antwort der Bundesregierung am 23. April. (Drs. 18/4168 vom 27.02.2015, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/041/1804168.pdf ) Der Redner der LINKEN, früher ein Unterstützer der sowjetischen Okkupation Afghanistans, malt ein pauschales Zerr- und Schwarzbild des AFG-Einsatzes. Dass ISAF 13 Jahre lang einmütig vom UN-Sicherheitsrat beauftragt wurde, dass erhebliche Teile der Bevölkerung trotz großer Enttäuschungen und Opfer Teilfortschritte anerkennen und den ISAF-Abzug eher fürchteten als begrüßten, erwähnt er mit keinem Wort. (Auch die Große Anfrage fragt keinmal nach der Wahrnehmung der afghanischen Bevölkerung.) Er zeigt keinen Funken Interesse an einer (selbst)kritischen, differenzierten Bilanzierung, sondern ausschließlich Interesse an Selbstbestätigung der eigenen Fundamentalposition und der Denunziation aller anderen Fraktionen als Kriegsparteien, als Kriegsschuldige.

Die RednerInnen der den AFG-Einsatz grundsätzlich mittragenden Fraktionen lassen diese – außerhalb des Bundestages recht wirksame - Demagogie kampflos unbeantwortet. Einige Koalitionsabgeordnete reagieren stattdessen mit Schönfärberei. Wo die Zivilopfer im Kontext der bewaffneten Auseinandersetzungen so hoch wie nie seit 2002 sind, wo die afghanischen Sicherheitskräfte extreme Verluste erleiden, da hat ISAF leider kein sicheres Umfeld – so der Kernauftrag – hinterlassen. Davon kein Wort! Die Fehler des internationalen AFG-Einsatzes werden verkürzt auf die Aufbau-Illusionen der ersten Jahre. Verdrängt werden meist die jahrelangen strategischen Dissense zwischen Hauptverbündeten und das Desaster des entgrenzten „war on terror“.

Ohne die Mandatszustimmungen des Bundestages wäre kein einziger Soldat nach Afghanistan entsandt worden. Mit der heutigen Debatte ist die lange überfällige systematische und ehrliche Auswertung und Bilanzierung des AFG-Einsatzes und des umfassenden AFG-Engagements keineswegs geliefert – sie steht noch aus.!

Vortrag „Afghanistan: Chancen und Risiken nach 13 Jahren Afghanistaneinsatz“ bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) am 27. April in Halle (Saale)

AM HINDUKUSCH, in Kunduz(Fotos unter www.facebook.com/winfried.nachtwei )

Inzwischen dringen kaum noch Nachrichten aus Kunduz nach Deutschland. Eine Stadt, eine Provinz, die so sehr für den deutschen Afghanistaneinsatz steht, für anfängliche Hoffnungen und Fortschritte, dann Rückschläge, Gefallene, Rückkehr des Krieges wie kein anderes Einsatzgebiet von Bundeswehr, deutschen Entwicklungsexperten und Polizisten.

Am 24. April begannen hunderte Aufständische ihre zwei Tagen zuvor angekündigte Frühjahrsoffensive „Azm“ („Entschlossenheit“) mit dem landesweiten Schwerpunkt in der Provinz Kunduz: Gemeldet wurden koordinierte Angriffe rund um Kunduz-Stadt in den Distrikten Aliabad, Chahar Darreh, Qala-i Zal, Dasht-e Archi, Imam Sahib und Khanabad. In Chahar Darreh wurden etliche Außenposten der ANSF genommen. Taliban drangen bis auf wenige Kilometer an die südliche Stadtgrenze heran. Der Vorort Gortepa in Kunduz City werde von Taliban kontrolliert. In Imam Sahib im Norden rückte eine große Zahl von Aufständischen, unter ihnen Militante aus Usbekistan, Tadschikistan, Tschetschenien aus drei Richtungen auf das Distriktzentrum vor. Ein ANA-Bataillon mit ca. 400 (500) Soldaten wurde auf einem Stützpunkt in Imam Sahib eingeschlossen. Bisher seien ca. 2.000 Familien aus ihren Häusern geflohen. (Thomas Ruttig “Taliban greifen nach Kundus“, taz, https://thruttig.wordpress.com/2015/04/29/die-taleban-offensive-in-kunduz-und-was-sie-bedeutet-aktualisierte-taz-beitrage-29-4-2015/ ; New York Times 28.4., http://www.nytimes.com/2015/04/29/world/asia/afghan-troops-rush-to-kunduz-amid-taliban-assault.html?_r=0 ; http://www.longwarjournal.org/archives/2015/04/taliban-launch-offensive-in-northern-afghan-province.php )

Der Vorsitzende des Provinzrates von Kunduz sagte, 65% der Provinz würden von den Taliban kontrolliert. Er warnte vor einem Fall der Stadt, wenn die Regierung nicht schnell reagiere. Vizegouverneur Hamdullah Daneschi hatte schon vor Tagen vor einer drohenden Eroberung der Provinz durch die Taliban gewarnt („Das ist die schlimmste Situation in Kunduz seit 2002“, SZ 23.4.) und in einem dramatischen Appell zusätzliche Truppen aus Kabul angefordert. (FAZ 28.4.2015)

Heftige Kämpfe wurden auch aus anderen Nordprovinzen gemeldet, so Baghlan, Sar-i Pul, Jowzjan und Faryab im Nordwesten. Insgesamt sollen die ANSF zzt. landesweit in 18 „ungeplante Operationen“ verwickelt sein (taz 29.4.2015).

Der Kunduz-Offensive vorausgegangen war am 10.-12. April ein Angriff von mehreren hundert Taliban auf ANA-Positionen im Distrikt Jurm in Badakhshan. Hierbei sollen 28 Soldaten getötet und z.T. geköpft sowie zehn entführt worden sein.

Am 18. April wurden bei einem Selbstmordanschlag auf eine Kundenschlange vor einer Bankfiliale in Jalalabad 34 Menschen getötet und 125 verwundet. Nicht die Taliban sondern „Daesh“ (IS) habe sich laut Präsident Ashraf Ghani zu der Tat bekannt. Die tatsächliche Täterschaft ist umstritten und ungeklärt.

Am 22. April vormittags wurde ein 37-jähriger deutscher Mitarbeiter der GIZ auf der Fahrt von Kunduz nach Mazar entführt. Im Norden arbeiten 100 Deutsche/Internationale und 1.000 Einheimische im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Mitte Februar hatte ich die Bewegungsfreiheit der EZ-ExpertInnen in Balkh als für afghanische Verhältnisse noch ganz brauchbar erfahren. Die jetzige Entführung bedeutet da eine erhebliche Verunsicherung und kann die gute Aufbauarbeit gefährden. Dem Entführten wünsche ich von Herzen baldige und wohlbehaltene Rückkehr, seinen Kolleginnen und Kollegen viel Kraft bei der Bewältigung der Attacke.

Am 24. April um 8.20 Ortszeit schlug im Camp Marmal bei Mazar in Nähe des Flugfeldes eine ungelenkte 107-mm-Rakete ein. Ein nicht-deutscher Resolute-Support-Soldat wurde leicht verletzt. Den letzten Raketeneinschlag hatte es in Camp Marmal vor vier Jahren am 11. Mai 2011 gegeben. Da inzwischen der Bundeswehr-Airbus aus Deutschland nicht mehr Termez, sondern direkt Mazar anfliegt, ist die Raketenattacke besonders heikel.

ANSF-Gegenoffensive „Shaheen“: Ca. 2.000 zusätzliche Sicherheitskräfte wurden nach Kunduz verlegt. Provinzgouverneur Mohammad Safi gab lt. TOLOnews 2.5.2015 bekannt, in der zurückliegenden Woche seien mehr als 200 Aufständische, 20 Angehörige der Sicherheitskräfte und vier Zivilpersonen bei den Kämpfen getötet worden.

Am 29.4. berichtete TOLOnews von einer gewissen Normalisierung in Kunduz Stadt. Läden öffneten wieder, Schüler kehrten in die Schulen zurück. Am Vortag hätten die Afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) eine massive Gegenoffensive gestartet, am 29.4. sei sie durch Luftwaffeneinsätze unterstützt worden. Regierungsoffizielle erklärten, die Beteiligung von Daesh/IS sei bestätigt, Mullah Abdul Salam von der Quetta-Shura in Pakistan soll angeblich die Aufständischen-Offensive führen. Der Kommandeur von RSM-North, Brigadegeneral Andreas Hannemann, bestritt demgegenüber die Präsenz von Daesh/IS (Afghan Arzu TV 30.4.)

Am 1.5. veröffentlichten die Taliban ein 5:37-Video unter dem Titel „Kunduz and Renewed Resolve“. Es zeigt unmaskierte Taliban mit leichten und schweren Waffen, mit Fahrzeugen und in Stützpunkten der ANSF – angeblich in Chahar Darreh und Gor Tepa, sowie gefangene lokale Polizisten. (http://www.longwarjournal.org/archives/2015/05/taliban-touts-success-in-kunduz-offensive.php )

Am 2.5. berichtet TOLO TV über ca. 2.000 bewaffnete Oppositionelle in der Provinz Kunduz. (Die Glaubwürdigkeit dieser Meldung kann ich nicht beurteilen.)

Am 3.5. berichtet Afghan Islamic Press News Agency, dass Sicherheitskräfte die Bevölkerung in einigen Gegenden der Provinz Kunduz die Bevölkerung aufrufen, ihre Häuser zu verlassen, um bei Operationen Zivilopfer zu vermeiden. Laut dem Direktor für Flüchtlingsfragen in Kunduz hätten inzwischen mehr als 4.000 Familien Zuflucht in Kunduz Stadt gesucht.  

Weitere Meldungen:

- Einfluss ausländischer Kämpfer (TOLOnews 28.4.2015): Örtliche Offizielle und unabhängige Analysten sprechen von ca. 4.000 bis 5.000 foreign fighters aus Usbekistan, Tschetschenien, Arabischer Halbinsel, Turkmenistan und von chinesischen Uiguren, die sich mit vielen ihrer Führer und ihren Familien in Nord-AFG aufhalten. Die größten Gruppen seien in Faryab, Sar-e Pul, Kunduz, Teilen von Takhar, Badakhshan, Maidan Wardak und Jowzjan. Entstanden sei eine „Militanten-Pipeline“ von Nord-Waziristan (Pakistan) über Kunar und Nuristan sowie Zabul und Ghazni, befördert durch Pakistans Militäroffensive in Nord-Waziristan und anderen Gebieten der Tribal Areas.

- Wachsende Bedeutung von US-Luftunterstützung (New York Times 29.4.): Bisher betonten US-Offizielle, dass die Rolle der US-Streitkräfte in Afghanistan reduziert sei auf Counterterrorism (gegen die Reste von Al Qaida und anderer internationaler Terrorgruppen) und Training und Beratung der ANSF. Gegen Taliban sollte nur noch im Fall der force protection von US-Kräften operiert werden. In Wirklichkeit gehe man inzwischen aggressiver gegen Taliban vor, seit diese verstärkt gegen Regierungskräfte kämpfen. US- und NATO-Kräfte führten im März 52 Luftschläge durch, im ersten Quartal insgesamt 128, gerichtet auf untere und mittlere Talibanführer in besonders entlegenen Gebieten. Ein offizieller Gesprächspartner nennt Beispiele, wo 40 US-Spezialsoldaten in Kunar zur Beratung stationiert wurden – um darüber Luftschläge zu rechtfertigen. Viele Luftschläge hätten keinen erkennbaren Bezug zu force protection oder Terroristenbekämpfung.

Die NYT-Autoren weisen zugleich daraufhin, dass sich die hohe Verlustrate der ANSF von 2014 in diesem Jahr noch verschlimmert: Im ersten Quartal stiegen die Verluste von Polizei und Militär um 54% gegenüber dem Vorjahrszeitraum! (Lt. NYT vom 22.10.2014 fielen von März bis August 950 afghanische Soldaten und 2.200 Polizisten!)

RSM-Kommandeur General Campbell werde stark von Präsident Ghani unterstützt. Ihre Beziehung sei sehr eng. Der General besuche den Präsidenten fast täglich. Sein Stab helfe nicht nur bei der Formulierung der Strategie der Streitkräfte, sondern auch bei der allgemeinen Strategie – zu einer Zeit, wo der Krieg vermeintlich ganz in der Hand der Afghanen sei. Ghani, der noch einen Verteidigungsminister benennen müsse, habe in vielerlei Hinsicht vieles vom laufenden Krieg an General Campbell ausgelagert. Einige westliche Offizielle äußerten privat ihr Unbehagen mit der amerikanischen Rolle und fragten, warum die Fortsetzung der amerikanischen Strategie in Afghanistan in diesem Jahr effektiver sein sollte als in den letzten 13 Jahren. (http://www.nytimes.com/2015/04/30/world/asia/more-aggressive-role-by-us-military-is-seen-in-afghanistan.html?_r=0 )

- Zivilopfer: UN Assistant Secretary General for Human Rights Ivan Simonovis sprach am 22.4. bei seinem AFG-Besuch von einer paradoxen Situation. Einerseits gebe es neue Gelegenheiten für Friedensgespräche, die noch vor einigen Monaten unvorstellbar gewesen seien; zuggleich intensivierten die Aufständischen ihre Angriffe. Zivilisten zahlten den Preis dafür. „2014 war schon das schlimmste Jahr für die Zivilbevölkerung in Afghanistan.“ Die Zahlen für das erste Quartal würden den Negativtrend bestätigen: 655 Tote und 1.155 Verwundete. (TOLOnews 22.4.) MitarbeiterInnen des Internationalen Komitees versorgten im ersten Quartal 19% mehr Zivilopfer als im Vorjahr. (Afghan Channel One TV 1.5.)

- Führungsvakuum: Nach monatelanger Vakanz Neubesetzung des Kommandierenden Generals des 209. Corps „Shaheen“ in Mazar durch General Hamidullah Hamid, vormals KG 205. Corps „Atal“ in Kandahar.

- Vor-Friedensgespräche? Am 3. und 4. Mai treffen in Doha/Qatar Vertreter des afghanischen High Peace Council (20 Personen), der Taliban (acht Personen) und Mediatoren der Pugwash Konferenz zu inoffiziellen Gesprächen ohne Agenda zusammen. Beide Seiten betonen ausdrücklich, dass es sich nicht um Friedensgespräche handle. (TOLOnews 2.5.2015)

- Besorgte Nachbarschaft: Der russische Botschafter in Kabul äußerte am 29. April die Besorgnis seiner Regierung über die Verschärfung der Sicherheitslage in AFG, insbesondere im Norden und die reichliche Präsenz von zentralasiatischen Aufständischen wie der Uzbekistan Islamiv Movement, der Eastern Turkistan Fighters und tschetschenischen Kämpfern. Angesichts der regionalen Bedrohung betonte er die Bedeutung der Kooperation zwischen Moskau, Kabul und anderer Staaten in der Region, um sich der Flut des militanten Extremismus entgegenzustemmen. Die USA forderte er auf, ihre Verpflichtungen gegenüber Afghanistan wahrzunehmen und für die Unterstützung zu sorgen, die das Land benötige. (TOLOnews 29.4.2015)

- Solidarität: Hunderte Bürger versammelten sich am 1.5. in Kabul und erneuerten ihr Versprechen, Blut zur Unterstützung verwundeter Soldaten und Polizisten in Kunduz zu spenden. (TOLOnews 1.5.2015)

- Religionsgelehrte gegen Daesh und Taliban: Zahlreiche Religionsgelehrte unterstützten am 30.4. bei einer Versammlung in der Abdul Rahman Moschee in Kabul jüngste Stellungnahmen von Gelehrten in der Heiligen Stadt Mekka, die Daesh und Taliban als Abweichung vom Islam verurteilt hatten.  (TOLOnews 30.4.2015)

 

Anmerkungen

- Mit dem Abzug der ISAF-Kampftruppen und dem weitgehenden Wegfall von alliierter Luftnahunterstützung konnten die Aufständischen ihre Taktik ausweiten: Neben Hinterhalten und Anschlägen kommt es vermehrt zu Angriffen in Großformationen. Bei den zunehmenden Bodenkämpfen kommen immer mehr Zivilpersonen zu Schaden. (In 2014 wurden erstmalig die meisten Zivilpersonen bei Bodenkämpfen getötet (1.092) und verletzt (2.513). Das waren 34% aller Zivilopfer und ein Anstieg um 54% ggb. dem Vorjahrszeitraum! Mehr als die Hälfte der Zivilopfer wurden durch indirektes Feuer von Mörsern und Granaten verursacht. 43% der Zivilopfer bei Bodenkämpfen werden regierungsfeindlichen Kräften zugeordnet (+51%), 26% Pro-Regierungskräften (+141%). Im ersten Quartal nahm die Zahl der Zivilopfer bei Bodenkämpfen nochmal um 8% zu.

- Begünstigt wurde die Taliban-Offensive im Raum Kunduz durch eine doppelte Führungsschwäche der ANSF: Der einzige bisher nicht besetzte Kabinettsposten in Kabul ist der des Verteidigungsministers. Monatelang nicht nachbesetzt war die Position des Kommandierenden Generals des 209. ANA-Corps im Norden!

- In den zurückliegenden Jahren waren Spitzenreiter bei den Angriffen der Aufständischen (3. Quartal 2013) die Provinzen Helmand (1.426), Ghazni (1.276), Kandahar (1.247), Kunar (1140). In Kunduz gab es damals 254 Attacken, in Baghlan 139, in Badakhshan 88, in Balkh 75. (INSO Afghanistan Quarterly Data Report 3.2013)

Wenn jetzt acht Monate nach der Großoffensive von August/September 2014 im Raum Kunduz (s.u.) der Schwerpunkt der Frühjahrsoffensive auf Kunduz zielt, dann hat das auch eine große progangandistische Bedeutung: Es demonstriert Angriffsfähigkeit weit weg von Rückzugsräumen und Nachschublinien in Pakistan.

- Die katastrophale Sicherheitsentwicklung müsste  j e d e r  Seite zutiefst zu denken geben:

(a) den Einsatzbefürwortern, weil ISAF kein sicheres Umfeld hinterließ. Ob mit der Aufbauhilfe für die afghanischen Sicherheitskräfte die Voraussetzungen für verbesserte und nachhaltige Sicherheit geschaffen wurden, wird sich vielleicht erst in Jahren zeigen – auf jeden Fall bringt dieses Jahr einen Lackmustest; (b) den Sofortabzugs-Befürwortern, weil der ISAF-Abzug den Krieg in Afghanistan keineswegs schrumpfen ließ, sondern mit einer Zunahme an Kämpfen unter Afghanen einherging, mit wachsenden Opferzahlen unter ANSF und Zivilbevölkerung.

Vor acht Monaten: „Umzingelung von Kunduz: Warum die Taliban wieder so erfolgreich sind. Neueste AAN-Fallstudie zu Distrikten

http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1311

Abzug aus Kunduz: Meine Kunduz-Berichte ab 2004 bis 2013 (Teil I 2004-2006)

vom 6. Oktober 2013 (8242 Aufrufe bis 1.5.2015)

Nach 10 Jahren PRT Kunduz übergab Minister de Maizière am 6. Oktober 2013 die Einsatzliegenschaft an die afghanische Armee und Polizei. Erstmalig traten die Minister der Verteidigung und des Auswärtigen in Afghanistan gemeinsam auf. Ein Fazit "wir haben viel erreicht, aber es bleibt noch eine Menge zu tun" ist leider durch die Realitäten so nicht gedeckt. Es steht voll in der Tradition von Selbstzufriedenheit und Selbsttäuschung, die nicht nur deutsche Afghanistanpolitik über viele Jahre prägte. Umso mehr verdienen die sehr vielen Diplomaten, Soldaten, Entwicklungshelfer und Polizisten hohen Respekt, Aufmerksamkeit und Dank, die ihr Bestes gaben für mehr Sicherheit und Frieden in einem kriegsgeschundenen Land. Wir Politiker haben keinerlei Grund zu Selbstzufriedenheit, aber allen Grund zur Selbstüberprüfung. Dazu als "Prüfmaterial" alle meine Kunduz-Berichte ab 2004 ...

http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1239

EMPFEHLENSWERT: Afghanistan ZhaghdablaiThomas Ruttig über Afghanistan https://thruttig.wordpress.com/author/thomasruttigaan/

Thomas Ruttig: Zhaghdablai” ist Pashto, das Wort Resultat eines vor Jahrzehnten vorgenommenen, aber (in diesem Fall gescheiterten) Purifizierungsversuchs. “Zhaghdablai” heißt übersetzt nämlich “Stimmbox” oder “Lautsprecher” und sollte den schönen, auch im Pashto gebräuchlichen Internationalismus “Radio” ersetzen. Vergeblich, wie gesagt. Aber ich finde das Wort trotzdem schön, und irgendwie entspricht es auch dem Anliegen dieser Seite, nämlich Nachrichten und Berichte aus und über Afghanistan zu verbreiten.

 


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

[Login]