    <rss version="2.0" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:admin="http://webns.net/mvcb/" xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
     <channel>
        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: &quot;Afghanistan am Abgrund: Politisch-persÃ¶nliche Bilanz eines (parlamentarischen) Mitauftraggebers&quot; in &quot;EuropÃ¤ische Sicherheit &amp; Technik&quot; 8/2021</title>
        <link>http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=3-11-36-97-146&amp;aid=1714</link>
        <description></description>
        <dc:language>en-us</dc:language> 
        <dc:creator>Webmaster</dc:creator> 
        <admin:generatorAgent rdf:resource="http://www.xaraya.org" /> 
        <admin:errorReportsTo rdf:resource="mailto:webmaster@nachtwei.de" />
       <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
       <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
       <docs>http://backend.userland.com/rss</docs>
<div class="xar-mod-page">
   <div class="xar-mod-head">
    <!-- License: GPL http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html -->
<ul class="xar-tabs">
            <li class="xar-tab">
                <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=viewmap">View Article Map</a>
           </li>
</ul>
</div>
   <div class="xar-mod-body">
<div class="cattrails xar-displayinline-block xar-padding-thickbottom">
    <span class="xar-mod-title">n-tv + Sicherheitspolitik und Bundeswehr + Afghanistan + Presse-Link + Interview</span>

    <table class="xar-width-auto">
    <tr>
        <td valign="top" class="xar-padding-none">Browse in:&#160;</td>
       <td valign="top" class="xar-padding-none">
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1">Alle(s)</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=16">Presse/ Medien</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=146">n-tv</a>
<br />
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1">Alle(s)</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=70">Meine Themen</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=11">Sicherheitspolitik und Bundeswehr</a>
<br />
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1">Alle(s)</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=70">Meine Themen</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=120">Internationale Politik und Regionen</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=135">Asien</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=36">Afghanistan</a>
<br />
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1">Alle(s)</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=1">Publikationstyp</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=3">Presse-Link</a>
<br />
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1">Alle(s)</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=1">Publikationstyp</a>
                     &#187;                         <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=97">Interview</a>
<br />
                                            <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=146-11-36-3-97">Any of these categories</a>
                    -                        <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=view&amp;itemtype=1&amp;catid=146%2B11%2B36%2B3%2B97">All of these categories</a>
<br />
</td>
   </tr>
   </table>




</div>

        <h1>
            &quot;Afghanistan am Abgrund: Politisch-persÃ¶nliche Bilanz eines (parlamentarischen) Mitauftraggebers&quot; in &quot;EuropÃ¤ische Sicherheit &amp; Technik&quot; 8/2021         </h1>
        <div class="xar-floatright"></div>
       <div class="xar-mod-content">
           <div class="xar-sub">
Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 6. August 2021 16:47:32 +02:00 (72378 Aufrufe)            </div>
            <div></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Afghanistan am Abgrund:</strong></p>
<p align="center"><strong>Politisch-pers&ouml;nliche Bilanz eines Mitauftraggebers</strong></p>
<p align="center">(erschienen in &bdquo;Europ&auml;ische Sicherheit &amp; Technik 8/2021,</p>
<p align="center"><a href="https://mittler-report.de/europaeische-sicherheit-technik/">https://mittler-report.de/europaeische-sicherheit-technik/</a> )</p>
<p><strong>Nach fast 20 Jahren endete Anfang Juli der milit&auml;rische und polizeiliche Teil des multinationalen Afghanistaneinsatzes so schnell und unauff&auml;llig wie eben m&ouml;glich. Der entwicklungspolitische Teil soll laut Beteuerungen der Bundesregierung unter erschwerten Bedingungen fortgesetzt werden. Der regelrechte Einsatzabbruch wurde ohne eigene Verluste gemeistert. Die Kollateralsch&auml;den der politischen Abzugsentscheidung auf Seiten der bisherigen afghanischen Partner werden bisher kaum thematisiert.</strong></p>
<p>Seit Mai erringen die Taliban rasant und oft ohne Gegenwehr die Kontrolle &uuml;ber immer mehr Distrikte und Grenz&uuml;berg&auml;nge (mit ihren Zolleinnahmen) und umzingeln etliche Provinzst&auml;dte. Eine - zumindest weitgehende - Machtergreifung der Taliban scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Davor haben vor allem die Bev&ouml;lkerungsgruppen enorme Angst, die Freiheiten verlieren w&uuml;rden und unter der Taliban-Herrschaft extrem gelitten haben &ndash; insbesondere Frauen, die Ethnie der Hazara, gebildete und reformorientierte junge Leute.</p>
<p><strong>Schutzpflicht gegen&uuml;ber der eigenen Bev&ouml;lkerung </strong></p>
<p>Zu Ende ging jetzt das gr&ouml;&szlig;te, teuerste und bei weitem opferreichste Krisenengagement der (westlichen) Staatengemeinschaft und der NATO. &Uuml;ber viele Jahre war Afghanistan <span style="text-decoration: underline;">das</span> Schwerpunktland deutscher Auslandseins&auml;tze und Entwicklungszusammenarbeit.</p>
<p>Nach dem Schock des 11. September 2001 lag f&uuml;r die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit des Bundestages auf der Hand, dass praktische und deutliche B&uuml;ndnissolidarit&auml;t mit den angegriffenen USA unumg&auml;nglich war: bei der Verfolgung der Drahtzieher der Terrorangriffe, bei der Beseitigung des sicheren Hafens internationaler Terrornetzwerke in Afghanistan, bei der Verh&uuml;tung weiterer Terrorangriffe. Die Staatenwelt und wir in der damaligen rot-gr&uuml;nen Koalition waren gefordert, die eigene Bev&ouml;lkerung vor unabsehbaren weiteren Terroranschl&auml;gen zu sch&uuml;tzen. Erstmalig befanden sich damit Alt-Friedensbewegte von Gr&uuml;nen und SPD in einer Schutzpflicht f&uuml;r die eigene Bev&ouml;lkerung und Gro&szlig;gefahrenabwehr gegen&uuml;ber harten internationalen Sicherheitsbedrohungen.</p>
<p>Die Entscheidung zur deutschen Teilnahme an der US-gef&uuml;hrten Operation Enduring Freedom war in der rot-gr&uuml;nen Regierungskoalition nichtsdestoweniger hei&szlig; umstritten. F&uuml;r mich wurde es die schwierigste Entscheidung meines politischen Lebens: Ich bef&uuml;rchtete, wir fr&uuml;heren Vietnamkriegsgegner k&ouml;nnten mit Afghanistan in unser &bdquo;rot-gr&uuml;nes Vietnam&ldquo; schliddern. Ich war kurz davor, mein Mandat zur&uuml;ckzugeben. Doch mit dem schnellen Sturz des Taliban-Regimes und einem Entschlie&szlig;ungsantrag der Koalition f&uuml;r einen umfassenden Ansatz von Terrorbek&auml;mpfung (und damit implizit gegen einen blo&szlig; milit&auml;rischen Antiterrorkrieg) ver&auml;nderten sich die Rahmenbedingungen. Jetzt kamen als strukturelle Terrorvorbeugung hinzu die Stabilisierung und F&ouml;rderung verl&auml;sslicher Staatlichkeit in einem von 23 Kriegsjahren zerr&uuml;tteten Land. Das Petersberg-Abkommen vom 5. Dezember 2001 schuf daf&uuml;r eine erste politische Grundlage. Die UN-mandatierte Internationale Unterst&uuml;tzungstruppe ISAF sollte die &Uuml;bergangsregierung und Aufbauunterst&uuml;tzung absichern. Der Bundestag billigte den ISAF-Einsatz &ndash; bis auf die PDS &ndash; mit &uuml;bergro&szlig;er Mehrheit.</p>
<p>Bis 2009 war ich als sicherheitspolitischer Sprecher meiner Fraktion an insgesamt 20 Mandatsentscheidungen beteiligt. Die Umstrittenheit des Einsatzes in der gr&uuml;nen Partei veranlasste mich zu besonders intensiver, kritisch-konstruktiver Einsatzbegleitung, u.a. durch fast j&auml;hrliche Besuche vor Ort und eine umfassende Berichterstattung im Internet. Hier&uuml;ber wuchs eine weit &uuml;ber das Politische hinausgehende Verbundenheit mit vielen Menschen in Afghanistan, diesem eigentlich so faszinierenden Land, mit den von deutscher Politik entsandten Frauen und M&auml;nnern in Uniform und Zivil, mit Einsatzr&uuml;ckkehrern, Verwundeten und Hinterbliebenen. Die vielen Trauerfeiern f&uuml;r gefallene Soldaten waren jedes Mal zutiefst aufw&uuml;hlend und zugleich Orte politischer Selbstpr&uuml;fung: &bdquo;Tun wir als parlamentarische Mitauftraggeber von der Sache her wirklich alles Notwendige, damit der Einsatz auch Sinn macht, vorankommt und mit seinen Risiken verantwortbar ist?&ldquo;</p>
<p><strong>Strategische Ziele verfehlt</strong></p>
<p>20 Jahre sp&auml;ter ist un&uuml;bersehbar: Der internationale, milit&auml;rische wie zivile Afghanistan-einsatz hat trotz eines gigantischen Aufwandes und hoher Opfer seine wesentlichen strategischen Ziele verfehlt. Al Qaida wurde zwar geschw&auml;cht. Aber Terrornetzwerke, aus denen schnell wieder internationale Bedrohungen erwachsen k&ouml;nnen, und ihre N&auml;hrb&ouml;den wurden nicht nachhaltig bek&auml;mpft und ausgetrocknet. Berichte von UN und US-Diensten verweisen auf die andauernde Konzentration zentralasiatischer Terrorgruppen sowie Al Qaida in Afghanistan und Pakistan. 2019 entfielen 41% aller Terrortoten weltweit auf Afghanistan.</p>
<p>Der UN- und ISAF-Auftrag, zusammen mit den afghanischen Sicherheitskr&auml;ften f&uuml;r ein sichereres Umfeld zu sorgen und Stabilisierung zu f&ouml;rdern, wurde nach zwischenzeitlichen Fortschritten krass verfehlt. Laut Brookings Afghanistan Index sollen 2020 mehr als 10.000 Soldaten und Polizisten gefallen sein, 30 bis 40 pro Tag. Der letzte Juni war der gewalttr&auml;chtigste Monat seit 2001. Die Destabilisierung ist extrem,</p>
<p>Fortschritte beim Staatsaufbau wurden durch exzessive Korruption und bad governance konterkariert. Bemerkenswert erfolgreich waren bescheidenere, lokal eingebettete&nbsp; Entwicklungsprojekte, wenig erfolgreich hingegen solche mit ehrgeizigen Zielen. Die Zahl der auf humanit&auml;re Hilfe angewiesenen Menschen in Afghanistan hat sich seit Anfang 2020 auf 18,4 Millionen verdoppelt.</p>
<p>Ein Kollaps des Staates, ein Abrutschen in einen entfesselten und totalen B&uuml;rgerkrieg, der auch noch existierende Teilfortschritte in der Infrastruktur, im Gesundheits- und Bildungswesen, der vitalen Zivilgesellschaft und vielf&auml;ltigen Medienlandschaft zunichtemachen w&uuml;rde, ist nicht unwahrscheinlich.</p>
<p><strong>Identifizierbare Gr&uuml;nde</strong></p>
<p>Die faktische strategische Niederlage des Westens und der Staatengemeinschaft insgesamt in Afghanistan hat identifizierbare Gr&uuml;nde: Es fehlte an einer gemeinsamen, koh&auml;renten, zivil-milit&auml;rischen Strategie und an klaren, erf&uuml;llbaren und &uuml;berpr&uuml;fbaren Auftr&auml;gen. Kontraproduktiv war von Anfang an ein strategischer Dissens: Die USA unter Pr&auml;sident Bush konzentrierten sich etliche Jahre auf blo&szlig; milit&auml;rische Terrorbek&auml;mpfung ohne R&uuml;cksicht auf die Zivilbev&ouml;lkerung, w&auml;hrend die Mehrzahl der anderen Verb&uuml;ndeten und die UN den Aufbau unterst&uuml;tzen wollten. H&ouml;chst irritierend ist, dass US-Pr&auml;sident Biden seit dem 14. April die Al-Qaida-Bek&auml;mpfung als alleiniges Ziel des Afghanistaneinsatzes nennt und betont, &bdquo;um Nation Building sei es nie gegangen&ldquo;. (FAZ 10.07.2021) Petersberg-Prozess, ISAF-Auftrag &ndash; war alles nicht so gemeint?</p>
<p>Beiden &bdquo;Str&ouml;mungen&ldquo; der truppenstellenden Staaten war gemein ein Mangel an Landeskenntnis und Konfliktverst&auml;ndnis mit der Folge, dass die Herausforderungen von Terrorbek&auml;mpfung wie Aufbau massiv untersch&auml;tzt und die eigenen Wirkungsm&ouml;glichkeiten &uuml;bersch&auml;tzt wurden. Hybris milit&auml;rischer St&auml;rke einerseits, technokratische Machbarkeitsillusionen andererseits.</p>
<p>Stabilisierung, gar Staatsaufbau lassen sich nicht importieren, sondern von externen Kr&auml;ften nur unterst&uuml;tzen. Verb&uuml;ndete waren zu oft die alten Warlords und zu selten bev&ouml;lkerungsnahe und Reformkr&auml;fte. Dabei war der Mitteleinsatz lange Zeit wegen schwacher ziviler Kr&auml;fte und Ressourcen (zum Beispiel bei der deutschen Polizeihilfe) viel zu milit&auml;rlastig. Das Missverh&auml;ltnis zwischen schnell verf&uuml;gbaren milit&auml;rischen Kr&auml;ften und nur schwerf&auml;llig mobilisierbaren zivilen Kr&auml;ften (Verf&uuml;gbarkeitsfalle) wurde von der Politik viel zu lange nicht korrigiert und in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung nicht selten der milit&auml;rischen Seite zum Vorwurf gemacht (&bdquo;Militarisierung!&ldquo;).</p>
<p>Besonders kurzsichtig war die lange, insbesondere von den USA blockierte politische Konfliktl&ouml;sung mit den Taliban. Verhandlungen wurden erst aufgenommen, als die strategische &Uuml;berlegenheit der Taliban offenkundig war.</p>
<p><strong>Durchf&uuml;hrende und politische Auftraggeber </strong></p>
<p>Im Auftrag von Bundesregierung und Bundestag wirkten Zigtausende Soldaten, Tausende Polizisten, Entwicklungsfachleute (unter ihnen besonders viele Ortskr&auml;fte) und Diplomaten unter hohen Belastungen und Risiken f&uuml;r mehr Sicherheit, Aufbau und Entwicklung in Afghanistan. Bei 20 Besuchen vor Ort habe ich ihre Arbeit hochsch&auml;tzen gelernt. Diese machte Sinn und Hoffnung. Daf&uuml;r verdienen diese Frauen und M&auml;nner Interesse, hohe Anerkennung und Dank. Es lag nicht am Bodenpersonal, dass die strategischen Ziele verfehlt wurden.</p>
<p>Auf der politisch-strategischen Ebene erlebte ich in Berlin und anderen Hauptst&auml;dten von Kabul bis Washington hingegen eine notorische Neigung zur Sch&ouml;nrednerei, Realit&auml;tsflucht und einen Mangel an Wirkungsorientierung. Die Reaktionslosigkeit gegen&uuml;ber Warnungen vor Lageversch&auml;rfungen und gegen&uuml;ber Forderungen nach selbstkritischer Bilanzierung und Evaluierung seit 2006 (!) offenbarte fortgesetzte Verantwortungslosigkeit in h&ouml;chsten &Auml;mtern.&nbsp; Der Knackpunkt des Einsatzes war, so das Ergebnis meiner Langzeitbeobachtung, ein kollektives politisches F&uuml;hrungsversagen. Der Primat der Politik wurde allzu oft von innenpolitischen Interessen dominiert. Die terminfixierten Abzugsentscheidungen zu ISAF und Resolute Support stehen beispielhaft daf&uuml;r.</p>
<p>Allerdings stellt sich mir die Frage, ob der Einsatz mit seinen ehrgeizigen Doppelziel von direkter Terrorbek&auml;mpfung einerseits und l&auml;ngerfristigem Staataufbau andererseits in einem so fragmentierten Land f&uuml;r die real existierende Internationale &bdquo;Gemeinschaft&ldquo;, ihre strategieschwachen Politiker und Gesellschaften nicht von vorneherein eine strukturelle &Uuml;berforderung war. Allerdings sind mir auch viele verpasste Chancen in Erinnerung.</p>
<p>Wo die Parlamentsbeteiligung bei Auslandseins&auml;tzen so weit geht wie in Deutschland, tr&auml;gt f&uuml;r das heutige Einsatzergebnis auch der Bundestag mit seinen Fachaussch&uuml;ssen Mitverantwortung. In &bdquo;meinem&ldquo; Verteidigungsausschuss gerieten &uuml;ber die Neigung zur Mikrokontrolle zumindest bis 2009 die strategischen Fragen des Einsatzes, der Koh&auml;renz der staatlichen Akteure und der Unausgewogenheit der Mittel aus dem Blick. R&uuml;ckblickend muss ich feststellen, dass ich mitverantwortlich bin f&uuml;r die unter Rot-Gr&uuml;n gemachten strategischen Fehler der ersten Jahre und mit meinen relativ fr&uuml;hen Kritiken an den Defiziten der deutschen Afghanistanpolitik zu leise und zu wenig durchsetzungsstark war. Auch wenn ich mit der Erstellung von Materialien zur Sicherheitslage in Afghanistan seit August 2007 endlos viele bad news zu Hinterhalten, Terroranschl&auml;gen, Gefechten, Luftangriffen zusammentrug, begegnete ich bei meinen Besuchen &uuml;berwiegend im Norden eher den Vorzeigeseiten des Einsatzes. Das kann trotz aller Kenntnis um die verheerenden Kriegss&uuml;mpfe in Helmand, Kandahar usw. meine Einsatzwahrnehmung gesch&ouml;nt haben.</p>
<p><strong>Nach dem Abzug am Abgrund</strong></p>
<p>Die gegenw&auml;rtige Lage in Afghanistan ist h&ouml;chst un&uuml;bersichtlich und ungewiss. Einem Mangel an zuverl&auml;ssiger Berichterstattung und Sensoren steht ein &Uuml;berma&szlig; an Propaganda der verschiedenen Akteure gegen&uuml;ber.</p>
<p>Einige Aspekte scheinen mir von besonderer Bedeutung zu sein.</p>
<p>Laut &bdquo;Long War Journal&ldquo; stieg zwischen 1. Mai und 5. Juli die Zahl der Taliban-kontrollier-ten Distrikte von 73 auf 195 (von 407), sehr viele davon im Norden. Der Angriffsschwerpunkt der Taliban richtete sich damit gegen die Heimatregionen f&uuml;hrender afghanischer Machthaber und Regierungsoffizieller. K&ouml;nnten die Taliban der afghanischen Regierung und ihren Unterst&uuml;tzern ihre Machtbasis dauerhaft verweigern, dann sei Afghanistan effektiv verloren. Ohne den Norden sei die schwache Basis im S&uuml;den, Osten, Westen und auch im Zentrum nicht zu halten. Die Provinzen Badakhskan, Takhar, Baghlan, Kunduz, Balkh geh&ouml;rten lange Jahre zum Hauptverantwortungsgebiet Deutschlands in Afghanistan. Provinzen wie Balkh mit Mazar waren im Landesvergleich eine Insel der Stabilit&auml;t. Dass jetzt nach mehr als 15 Jahren eines intensiven und opferreichen Einsatzes die Distrikte reihenweise kippen, dass sich die Aufbauunterst&uuml;tzung f&uuml;r die Sicherheitskr&auml;fte verfl&uuml;chtigt, schmerzt extrem und ist ein Tiefschlag f&uuml;r alle diejenigen, die hier ihr &Auml;u&szlig;erstes gegeben, gek&auml;mpft, geblutet, Kameraden verloren haben.</p>
<p>In vielen Distrikten kollabierten die afghanischen Sicherheitskr&auml;fte regelrecht. Dazu werden nicht zuletzt folgende Faktoren beigetragen haben: Vor dem internationalen Truppenabzug waren die afghanischen Sicherheitskr&auml;fte nicht nur auf Luftnahunterst&uuml;tzung der USA in heiklen Situationen angewiesen, sondern in h&ouml;chstem Ma&szlig;e von den Instandsetzungs-leistungen durch die weit &uuml;ber 10.000 Contractors des Pentagon abh&auml;ngig. Der schnelle Vollabzug auch der Contractors traf den Nerv der Einsatzbereitschaft und Mobilit&auml;t der afghanischen Sicherheitskr&auml;fte, vor allem aber deren Spezialkr&auml;fte und Luftwaffe, die den Taliban Paroli bieten k&ouml;nnen. Hinzu kam in j&uuml;ngster Zeit ein landesweiter Personalaustausch bei F&uuml;hrungspositionen der Armee, was die gemeinsame F&uuml;hrungsf&auml;higkeit zur&uuml;ckwarf.</p>
<p>Ihr unerwartet schneller Vormarsch stellt die Taliban zugleich vor die gigantische Aufgabe, in den gewonnenen Distrikten &ouml;ffentliche Dienste organisieren zu m&uuml;ssen. Bisher ist &uuml;ber Konzepte und F&auml;higkeiten der Taliban zur &Uuml;bernahme staatlicher Funktionen in eroberten Distrikten wenig bekannt geworden. Wo Taliban-K&auml;mpfer nur k&auml;mpfen k&ouml;nnen, k&ouml;nnte der schnelle Vormarsch schnell zu einer &Uuml;berforderung f&uuml;hren. Das umso mehr in Distrikten des Nordens, z.B. in der Provinz Takhar zwischen Kunduz und Badakhshan, wo die Taliban um die Jahrhundertwende viele Kriegsverbrechen und Massaker begingen vorgingen.</p>
<p><strong>Was nun?</strong></p>
<p>- Nach dem Abzug der NATO-Truppen muss als erstes dem &uuml;blichen Trend widerstanden werden, dass mit einem Truppenabzug erst die mediale Aufmerksamkeit, dann auch jede internationale Unterst&uuml;tzung schwindet. Die Einstellung. Afghanistan lie&szlig;e sich wie Ballast abwerfen, ist (unausgesprochen) weit verbreitet, aber &auml;u&szlig;erst kurzsichtig und zynisch. Politisch trotz alledem dranbleiben, ist trotz aller Afghanistan-M&uuml;digkeit die erste Notwendigkeit. Hierf&uuml;r ist die Bildung eine politische Afghanistan-Lobby &uuml;berf&auml;llig.</p>
<p>- Die Unterst&uuml;tzung des Verhandlungsprozesses in Doha ist weiterhin unverzichtbar und dringend. Dass am 17. Juli erstmalig seit l&auml;ngerem in Doha hochrangige Delegationen von Republik und Taliban wieder zusammentrafen, deutet zumindest an, dass der Verhandlungsprozess nicht tot ist.</p>
<p>- Wie bisher Hunderte afghanische Ortskr&auml;fte allen guten Worten der Ministerin zum Trotz seitens des deutschen Regierungsapparates im Stich gelassen wurden, ist ein Dementi von Verl&auml;sslichkeit und Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber den Verb&uuml;ndeten am Boden und konterkariert den hohen Anspruch einer auch wertegebundenen deutschen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik.</p>
<p><strong>Was ist jetzt n&ouml;tig?</strong></p>
<p>Im Land sind alle Zipfel an Friedenschancen zu identifizieren und zu st&auml;rken. Weiterhin bestehende Hoffnungsinseln zivilgesellschaftlicher Projekte und Entwicklungszusammen-arbeit der GIZ, von NGO`s wie Freundeskreis Afghanistan, Afghanischer Frauenverein, Kinderhilfe Afghanistan d&uuml;rfen nicht wegen Spendenr&uuml;ckgang vertrocknen, sondern m&uuml;ssen am Leben gehalten werden, wo m&ouml;glich auch durch Arrangements mit pragmatischen Taliban.</p>
<p>- Die Aufgaben der politischen UN-Mission in Afghanistan werden erheblich zunehmen. Hier ist eine st&auml;rkere personelle Unterst&uuml;tzung durch EU-Staaten und Deutschland angesagt.</p>
<p>- Die politischen Auftraggeber des keineswegs nur milit&auml;rischen, sondern auch diplomatischen, zivilen und polizeilichen Afghanistaneinsatzes stehen in der Pflicht, den Einsatz der entsandten Frauen und M&auml;nner &ouml;ffentlichkeitswirksam zu w&uuml;rdigen und den Verlauf des Einsatzes, Leistungen, Fehler und Ergebnisse glaubw&uuml;rdig, also auch selbstkritisch zu kommunizieren. Angesichts der Tatsache, dass die allermeisten der Afghanistanr&uuml;ckkehrer f&uuml;r den Einsatz keinen R&uuml;ckhalt in Politik und Gesellschaft sahen (vgl. Langzeitstudie zum 22. ISAF-Kontingent von 2010), ist das eine besondere Herausforderung.</p>
<p>- Nach jahrelanger Verweigerung einer Evaluation des deutschen Afghanistanengagements scheint jetzt bei Regierung wie Parlament Konsens zu sein, dass eine Wirkungsuntersuchung und Evaluation des Einsatzes &uuml;berf&auml;llig sind. Nach so viel Scheitern vertanen Chancen, aber auch etlichen sinnvollen Ans&auml;tzen muss wenigstens bestm&ouml;glich daraus gelernt werden, ressort- und akteurs&uuml;bergreifend und unabh&auml;ngig.</p>
<p>- Ratlos bin ich bei der Schl&uuml;sselfrage, was die Abzugsstaaten und die Staatengemeinschaft insgesamt zur Verh&uuml;tung eines entfesselten B&uuml;rgerkrieges in Afghanistan als Super-GAU beitragen k&ouml;nnen, nachdem der faktische Einsatzabbruch die Rutschbahn Richtung B&uuml;rgerkrieg geschmiert hat. Dieses Dilemma ist in der aktuellen Diskussion um den NATO-Abzug kein Thema. Der gerade in Deutschland zu Recht vielbeschworene Ansatz der Krisen- und Kriegspr&auml;vention hat offenbar Sommerpause.</p>
<p><strong>Winfried Nachtwei</strong>, gr&uuml;ner MdB 1994-2009, ab 2002 sicherheitspolitischer Sprecher, beteiligt an 20 Mandatsentscheidungen zu Afghanistan, Mitglied im Beirat Zivile Krisenpr&auml;vention und Friedensf&ouml;rderung der Bundesregierung und im Beirat Innere F&uuml;hrung der Verteidigungsministerin, Berichte zur aktuellen Lageentwicklung unter <a href="http://www.nachtwei.de">www.nachtwei.de</a></p></div>


           <br />
                        </div>
   </div>
</div></channel>
</rss>
