Afghanistan ist nicht verloren – die Chancen endlich besser nutzen

Von: Webmaster amMo, 03 Dezember 2007 14:46:14 +01:00
Anlässlich der heute veröffentlichen Ergebnisse der Umfrage des Afghan Center for Social and Opinion Research in Kabul im Auftrag von ABC News, ARD und BBC erklärt Winfried Nachtwei, sicherheitspolitischer Sprecher:

Repräsentative Umfragen in der extrem fragmentierten afghanischen Gesellschaft sind besonders schwierig. Ihr Aussagewert ist dort begrenzter als anderswo.Trotzdem: Die umfangreichste und differenzierteste Umfrage in Afghanistan seit dem Sturz der Taliban zeigt spektakuläre Ergebnisse: Im Unterschied zur äußerst düsteren Außenwahrnehmung bewerten die in allen Landesteilen befragten Afghaninnen und Afghanen die Entwicklung Afghanistans viel positiver, wenn auch mit zunehmend kritischer Tendenz: 54 Prozent meinen, ihr Land bewege sich in die richtige Richtung, die persönlichen Lebensbedingungen werden von 70 Prozent als eher gut und die Regierung Karzai von über 60 Prozent (80 Prozent in 2005) als positiv bewertet. Die Präsenz von ISAF- und auch US-Truppen wird unterstützt. Die Taliban werden zunehmend als Gefahr gesehen und nur von einer kleinen Minderheit befürwortet.

Damit unterscheidet sich das Meinungsbild grundlegend von dem im Irak, das durch Hoffnungslosigkeit geprägt ist.

Eklatant sind aber die regionalen Unterschiede zwischen dem afghanischen Norden und Süden. Hier treten beunruhigende Trends zutage:
Im Raum Kunduz erwarten 66 Prozent für ihre Kinder eine bessere Zukunft, im südlichen Kandahar nur 18 Prozent. Während im Nordosten die Unterstützung für ISAF von 70 Prozent in 2006 auf 82 Prozent in 2007 zunahm, halbierte sich die Zustimmung im Süden auf 45 Prozent. Sehr beunruhigend ist die wachsende Zustimmung zu Anschlägen: im Südwesten von 7 auf 27 Prozent, im Nordosten von 1 auf 18 Prozent! Diese Entwicklung ist deshalb hochbrisant, weil schon eine kleine gewaltbereite Minderheit einen Aufbau- und Entwicklungsprozess zerstören kann.

Dass die Afghanen und Afghaninnen hohe Erwartungen an die eigene Regierung wie an die internationale Gemeinschaft haben, zeigt sich auch darin, dass fast die Hälfte der Befragten der Ansicht ist, dass die internationalen Truppen innerhalb der nächsten zwei Jahre Afghanistan verlassen sollten.

Deutschland genießt unverändert das höchste Ansehen in der afghanischen Bevölkerung. Wenn Deutschland aber nicht mehr im Polizeibereich sowie spürbar mehr auch für den Aufbau der Infrastruktur und für die Grundversorgung tut, droht dieser hohe Vertrauensvorschuss schnell verloren zu gehen. Die Präsenz der lokalen Polizei im Norden hat sich nach Einschätzung der Befragten ebenso verschlechtert wie die Versorgung mit Elektrizität, der Zugang zu sauberem Wasser und zu erschwinglichen Nahrungsmitteln.

Die Umfrage von ABC, ARD und BBC ist eine Fundgrube, um zu einer realistischeren Einschätzung der Entwicklung in Afghanistan jenseits von Schwarzmalerei und Beschönigungen zu kommen. Die Afghanen haben ihr Land noch längst nicht verloren gegeben. Aber sie brauchen zügigere, energischere und rücksichtsvollere Unterstützung. Das müssen Bundesregierung und Staatengemeinschaft endlich anpacken.