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MZ-Serie Wendepunkte: Der Ausstieg aus dem Totalberuf

Autor: Webmaster

Datum: 29. Dezember 2009 19:55:34 +02:00 oder Di, 29 Dezember 2009 19:55:34 +02:00

Zusammenfassung: 

Im Rahmen der MZ-Serie "Wendepunkite" erschien auch der folgende Beitrag über Winfried Nachtwei:

Hauptteil: 

Manchmal war es ein besonderer Tag, manchmal ein prägendes Erlebnis oder ein längerer Zeitraum - und danach war alles anders. Fünf Münsteraner erzählen in dieser Serie, wie sich ihr Leben in diesem Jahr verändert hat. Manchmal gewollt, manchmal ungewollt. Manchmal war leicht, damit umzugehen, manchmal schwer. Doch immer haben diese Menschen es geschafft, den Wendepunkt in ihrem Leben zu meistern.

Der Ausstieg aus dem Totalberuf

Winfried Nachtwei nutzt seine „letzte Chance zur Resozialisierung" und entdeckt das politische Bremspedal

MÜNSTER. Ein Stündchen mehr Schlaf. Das, sagt Winfried Nachtwei nach einigem Überlegen, sei jetzt schon drin. Sieben Stunden pro Nacht statt früher sechs. „Das bedeutet aber nicht, dass ich viel mehr Freizeit habe", schiebt er schnell hinterher. Das Tempo, mit dem Nachtwei seit September sein Leben angeht, hat sich verringert. Die Intensität, mit der er seine politischen Ziele verfolgt, aber nicht.

Vor knapp drei Monaten gab er freiwillig ein Amt auf, das Millionen andere nur zu gern hätten. Mit 62 Jahren verabschiedete sich Winfried Nachtwei aus dem Bundestag. Eineinhalb Jahrzehnte hatte er dort die münsterschen Grünen vertreten, war in dieser Zeit zu einem der profiliertesten Verteidigungspolitiker des Parlaments gereift, als Experte für Afghanistan anerkannt in der eigenen Partei Und darüber hinaus Sein Wiedereinzug nach der Wahl wäre wohl nur Formsache gewesen.

Aber Nachtwei entschied sich anders. „Ich wollte meine letzte Chance zur Resozialisierung nutzen", beschreibt er den Grund, warum er frühzeitig seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekannt gegeben hatte. Die Formulierung ist launig, doch der Hintergrund ist ernst, die Entscheidung war lange vorbereitet und wohl durchdacht. „Ich bin ausgestiegen", sagt Nachtwei schlicht. „Ich habe aufgehört mit dem Totalberuf Bundestagsabgeordneter."

Und das, wie er glaubt, genau zum richtigen Zeitpunkt: „Was gibt es Schöneres, als dass die Leute sagen: Schade, dass du gehst." Nachtwei erzählt von stehendem, nicht enden wollendem Beifall in der grünen Fraktion, als er sich verabschiedet habe. Und davon, dass er mit Joschka Fischer schon vor langem übereingekommen sei, nicht mit den Füßen voran

aus dem Plenarsaal getragen werden zu wollen. „Ich habe mich selbst dafür entschieden aufzuhören", betont er. „Und ich habe es keine Sekunde bereut."

Jetzt ist Nachtwei draußen. Was gute, aber auch weniger gute Seiten hat. Das wusste er natürlich vorher, aber jetzt erlebt er es. Die guten überwiegen für ihn deutlich, noch. „Das tagespolitische Getriebe ist nicht mehr da. Diese Hast, diese Jagd, dieser vielfache Stress. Wo man sich morgens einen Plan für den Tag macht und ihn mittags komplett vergessen kann, weil vier Sachen gleichzeitig auf einen einhageln." Dieses Hamsterrad hat Nachtwei verlassen, der Druck ist weg. Das, sagt er, ist eine enorme Erleichterung.

Weg ist aber auch die Macht, die das Amt mit sich' brachte. „Egal, wie gut ich meinen Job gemacht habe: Mit dem Ausstieg spiele ich in der Tagespolitik keine Rolle mehr." Das war Nachtwei klar, als er sich entschied. Und trotzdem wurde ihm irgendwann mulmig bei dem Gedanken. Was für tolle Arbeitsbedingungen hast du als Abgeordneter, habe er überlegt, wie viele Möglichkeiten, etwas zu bewegen. „Dann habe ich gemerkt: Das wäre ja ein Grund, ewig zu bleiben." Ab dem Moment sei ihm der klare Schnitt leicht gefallen.

Viel leichter jedenfalls als den Mandatsträgern, die von den Wählern im September unfreiwillig in Pension geschickt wurden. „Die sind mit einer Niederlage abgetreten. Denen geht es teilweise richtig schlecht", sagt Nachtwei. Vom hohen Ansehen des Volksvertreters runter auf nichts, im Zivilberuf als schwierig verschrien: „Wer da keine eigene Kanzlei hat, kann dumm dastehen." Bei der Verabschiedung des Generalinspekteurs der Bundeswehr neulich war Nachtwei der einzige Ehemalige. „Die anderen waren oft nicht mal erreichbar."

Nur einmal während des langen Abschieds aus Berlin, gibt Nachtwei leicht selbst ironisch zu, habe ihn „der

Mantel der eigenen Geschichte gestreift". Als er in der letzten Plenarsitzung nach vorn zum Schriftführer ging und sich verabschiedete. „Das ist mir schwer gefallen, da kamen mir die Tränen." Kurz danach war er wieder im Bundestag, ging mit seinem Ehemaligen-Ausweis auf die Diplomatentribüne und schaute sich die Sitzung von oben an. „Da habe ich mich gefragt: Möchtest du da unten sitzen? Und habe mir geantwortet: Keine Spur."

Was auch daran liegt, dass Nachtwei zwar kein Abgeordneter mehr ist, aber Politiker bleibt. „Ich bin kein Pensionär, zum Rosenzüchten fehlt mir die Ruhe", sagt er. „Ich kann mich jetzt auf meine Schwerpunktthemen konzentrieren." Zum Beispiel die zivile Friedensförderung, „da will ich wirklich was bewirken", auf Kongressen, in Ehrenämtern, mit seinen vielen informellen Kontakten, die er weiter pflegt. Und natürlich das Land, das ihn 15 Jahre lang nicht losgelassen hat. Afghanistan wird Nachtwei schon bald wieder bereisen.

Immer noch ist er zwei bis drei Tage pro Woche in Berlin. Wenn er dort mit seinem Köfferchen auf dem Weg vom Bahnhof zur Zweitwohnung an der Spree entlang-schlendert, ohne Dienstwagen und Termindruck, dann ist Nachtwei absolut sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das will etwas heißen für jemanden, der von sich behauptet: „Ich habe Politik immer total betrieben. Das hatte schon fast asoziale Züge." Vor ein paar Wochen hat er sich mit seinen münsterschen Nachbarn auf ein Bier getroffen, einfach so, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Privatleben? „Ja", sagt Winfried Nachtwei, „es gibt erste positive Ansätze." / Joerg.Gierse@muensterschezeitung.de

 

 

Anmerkungen: 

MZ-Artikel als PDF-Datei.

Publikationsliste
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Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

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Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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