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Erinnerungsarbeit
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Erstmalige Broschüre zu den Orten der Erinnerung in Riga: Wichtiger Fortschritt in der Erinnerung an den Naziterror in Riga ab 1941 und die Deportationen dorthin (mit Ergänzung zum ehem. Ghetto)

Veröffentlicht von: Nachtwei am 24. Januar 2021 19:35:56 +02:00 (4386 Aufrufe)

In weniger als vier Monaten erstellte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge den ersten Riga-Guide zu Orten in der lettischen Hauptstadt, an denen unter deutscher Besatzung Massenverbrechen alltäglich waren: das ehemalige Ghetto, das Wäldchen von Rumbula, die Massengräber von Bikernieki, das Lager Salaspils, die spärlichen Spuren von KZ Kaiserwald und Jungfernhof, die Gogolsynagoge. Hier der Link zur Broschüre und Bestelladresse.

Wichtiger Fortschritt in der Erinnerung an den Naziterror in Riga

und die Deportationen dorthin: Erstmalige Broschüre zu den

Orten der Erinnerung (mit Ergänzung zum ehem. Ghetto)

(Reihe „1941 – 80 Jahre“ (1))

Winfried Nachtwei (01/2021)

(Fotos auf www.facebook.com/winfried.nachtwei )

Jahrzehntelang war in West und Ost weitestgehend unbekannt, vergessen und verdrängt,

dass nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 das lettische Riga, das weißrussische Minsk und das litauische Kowno zu den ersten Vernichtungsorten deutscher und österreichischer Juden wurden. Im Dezember 1991 wurde erstmalig in mehreren deutschen Städten ihrer vor 50 Jahren nach Riga verschleppten und dort verschollenen jüdischen Nachbarn gedacht. Mit der Gründung des Deutschen Riga Komitees mit Hilfe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Mai 2000 und der Einweihung der Gedenkstätte Riga-Bikernieki am 30. November 2001 entstanden Brücken lebendiger Erinnerung zwischen Nationen und Generationen. Ihre zentralen Säulen sind neben Internationalen Jugend-Workcamps des Volksbundes in Riga Gedenkreisen aus Herkunftsorten der 25 Deportationen. Wer einmal mit sachkundiger Führung, gar mit Zeitzeugen an diesen Orten war, vergisst sie nie mehr.

Jahr für Jahr besuchen hunderttausende Touristen, darunter auch viele historisch-politisch Interessierte aus Deutschland, die geschichtsträchtige, schöne Hansestadt. Für solche Touristen waren die Orte der Erinnerung an das Wüten der Nazis und ihrer Helfershelfer in Riga ab 1941 bisher kaum erkennbar und nur schwer zugänglich. Der vom Volksbund herausgegebene Riga-Guide „Gedenken und Mahnung – Orte des Erinnerns“ bietet jetzt eine große Hilfe.

Er ist zugleich ein wichtiger Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur, wo die traumatischen kollektiven Erfahrungen der Menschen in (Mittel-.)Osteuropa mit Massengewalt und Staatsterrorismus aus verschiedenen Richtungen deutlich werden. Und zeitlich passend zum Auftakt des Jahres 2021, in dem sich der Beginn des historisch beispiellosen, deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und darin der mobilen und stationären Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung durch Einsatzgruppen und Polizeibataillone ab 22. Juni zum 80. Mal jährt.

Zur Entstehung der Broschüre: Die Idee beschäftige uns in einem Kreis der „Villa ten Hompel“ in Münster schon seit längerem. Nur fand sich kein Weg der professionellen Umsetzung. Beim jüngsten Symposium des Riga Komitees am 24. September 2020 im Berliner Roten Rathaus brachte ich bei der Abendveranstaltung die Idee eines Riga-Guide zur Sprache. Der mir gegenüber sitzende Prof. Dr. Eckart Stratenschulte, langjähriger Direktor der Europäischen Akademie und jetzt im Hauptstadtbüro des Volksbundes für das Projekt PEACE LINE zuständig, fand die Idee gut und ging zu Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan. Wenig später kamen sie zu mir, fragten, ob ich zur Unterstützung bereit sei. Anwesend war auch Botschafterin Michaela Küchler, Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Holocaust-Erinnerung, Antisemitismus-Bekämpfung und internationale Angelegenheiten der Sinti und Roma und Vorsitzende der Internationalen Allianz zur Holocaust-Erinnerung. Sie hatte berichtet, dass das AA Projekte zur Erinnerung an den Holocaust fördere.

Keine vier Monate später war die Broschüre unter der Federführung von Prof. Stratenschulte in deutscher und englischer Fassung fertig gestellt. Mit Förderung des Auswärtigen Amtes. Großer Dank!

Anmerkung: In den Straßen der „Moskauer Vorstadt“ befand sich 1941 bis 1943 erst das lettisch-jüdische Ghetto und ab Dezember 1941 das „Reichsjudenghetto“. An die dunkle Geschichte dieses Viertels, in dem noch etliche Gebäude aus der Kriegszeit erhalten sind, erinnert keine Tafel und kein Gedenkstein. Die Straßen des am längsten existierenden „Reichsjudenghettos“ im Osten sind bisher nicht als Erinnerungsort kenntlich gemacht, obwohl hier abertausende jüdische Menschen eingesperrt waren, zur Zwangsarbeit gezwungen, gequält, selektiert und viele auf dem Alten Jüdischen Friedhof erschossen wurden. Die im Riga Komitee verbundenen Herkunftsorte der Deportationen sollten sich zusammen mit dem Volksbund, dem Auswärtigen Amt und der Stadt Riga dafür einsetzen, dass das ehemalige Ghetto als Erinnerungsort kenntlich gemacht wird.

Hier im Anhang deshalb meine Rede zum Ghetto anlässlich der ersten Riga-Gedenkreise des Riga-Komitees 2010 mit Ergänzungen von späteren Besuchen.

(Bericht von der 2. Gedenk- und Erinnerungsreise des von Städtevertretern des Riga Komitees nach Riga 2017, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1490  , und Weitere Erinnerungsorte in Riga (z.B. auch KGB-Haus), http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1489  )

Text des Volksbundes

Riga – die dunkle Seite der schönen Stadt

Neue Volksbund-Broschüre stellt Gedenkstätten der lettischen Hauptstadt vor, die an die Opfer des Holocaust erinnern

18. Januar 2021Riga: Hansestadt und Ostseeperle. So wirbt das lettische Fremdenverkehrsamt für seine Hauptstadt, und das zu Recht. Aber: Sie hat auch dunkle Seiten, die eine neue Volksbund-Broschüre beleuchtet. Angeregt hat sie das Deutsche Riga-Komitee, dem der Volksbund seit seiner Gründung vor 20 Jahren angehört.

Es ist eine stark von Geschichte und vom Jugendstil geprägte, lebhafte, moderne Metropole, direkt an der Ostsee gelegen, mit interessanten Museen, schönen Restaurants und netten Menschen. Riga ist eine Reise wert und sollte unbedingt auf die Wunschliste, sobald die Corona-Beschränkungen der Vergangenheit angehören.

Wenn man die Stadt jedoch besucht, sollte man sich auch mit der dunklen Seite ihrer Vergangenheit beschäftigen, die ihr vom nationalsozialistischen Deutschland aufgezwungen wurde. Riga war ein Deportationsort für Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich einschließlich Österreich und dem besetzten Böhmen und Mähren. Anfangs wurden die deutschen Jüdinnen und Juden im Rigaer Ghetto untergebracht, in dem durch eine gigantische Mordaktion „Platz geschaffen“ worden war. Später wurden auch die „Reichsjuden“ in Riga ermordet.

Es gibt eine Reihe von Gedenkstätten, die von diesen ungeheuren Mordaktionen Zeugnis ablegen. Die Massenerschießungsplätze Rumbula und Bikernieki, die Konzentrationslager Salaspils und Kaiserwald, das Mahnmal an der Großen Synagoge erinnern an Folter, „Vernichtung durch Arbeit“ sowie Massenmord, der zwischen 1941 und 1944 dort begangen wurde.

Anlass: 80. Jahrestag des "Rigaer Blutsonntags"

Eine neue Broschüre, die der Berliner Politikwissenschaftler Eckart Stratenschulte im Auftrag des Volksbunds erstellt hat, gibt Auskunft über diese und einige weitere Gedenkstätten und verbindet das mit praktischen Hinweisen, die das Auffinden und die Anreise leicht machen. Entstanden ist die vom Auswärtigen Amt geförderte Publikation auf Anregung des Deutschen Riga-Komitees. In diesem haben sich über 60 deutsche Städte zusammengeschlossen, aus denen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger nach Riga deportiert worden waren. Die Broschüre unter Mediathek | Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Die Publikation reiht sich ein in mehrere neue Angebote. Dazu werden noch eine Ausstellung und weitere Broschüren gehören. Anlass sind der 80. Jahrestag des „Rigaer Blutsonntags“ am 30. November 1941 und die Einweihung der Gräber- und Gedenkstätte Riga-Bikerniekiwald vor 20 Jahren.

Die Broschüre gibt es auf deutsch und englisch. Sie kann hier heruntergeladen oder beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Sonnenallee 1, 34266 Niestetal bzw. per email: bestellungen@volksbund.de bestellt werden.

Brochure "Riga: Commemoration and Admonition"

Places of Remembrance

The purpose of this brochure is to present some of the memorials and museums that are able to offer visitors an insight into this dark chapter of European history.

The idea to create it came from the Riga Committee, which in its over twenty years of existence has made a major contribution towards keeping remembrance alive.“

Erläuterungen am Alten Jüdischen Friedhof und

ehemaligen „Reichsjudenghetto“

(Rede bei der 1. Gedenkreise des Riga-Komitees 2010)

(Ecke Tejas/Virsaisu iela in der Moskauer Vorstadt)

Der Alte Jüdische Friedhof war das erste Stück Boden, das von Juden in Riga erworben werden konnte. Seit 1725 wurden hier Tote begraben.

Der Eingang befand sich an der Südspitze zur Ebreju iela Richtung Makavas (Moskauer) iela mit einigen Holzgebäuden für das Bet- und Totenhaus und für die Friedhofsbeschäftigten. 1903 entstand ein schönes Gebäude für die Trauerfeierlichkeiten. Architekt war Paul Mandelstamm. In den 20er Jahren entstand ein neuer jüdischer Friedhof in Smerlis.

Am 4. Juli 1941 wütete die vom Kommandeur der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, geplante Aktion auch auf dem Alten Jüdischen Friedhof. Alle seine Gebäude wurden niedergebrannt, in ihnen die Friedhofsangestellten mit ihren Familien sowie in der Umgebung ergriffene Juden., insgesamt etwa 50 Menschen. Die Synagogenvernichtung vom 4. Juli sollte Auftaktsignal zu Pogromen und zur Ermordung der Juden in ganz Lettland sein.

Am 13. August 1941 ordnete Reichskommissar Lohse an: „Das flache Land ist von Juden zu säubern!“ Wo bisher in der ärmlichen Moskauer Vorstadt 10.000 Menschen gewohnt hatten, wurden jetzt 30.000 Rigaer Juden zusammengepfercht. Am 25. Oktober wurde das Ghetto geschlossen. An dem Tag erschien in der „Deutschen Zeitung im Ostland“ ein Artikel zum Ghetto, in dem sich zynisch über die Ghettoinsassen ausgelassen wurde. Drumherum Artikel einer ganz normalen deutschen Zeitungsseite: „Gehwegränder erneuern“, „Spielplan der Rigaer Oper“ etc.

Am 10. November 1941 bekam Riga einen neuen „Höheren SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord“ (HSSPF). Es war der SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln, vormals HSSPF West in Düsseldorf, ab Sommer 1941 HSSPF Russland Süd (Ukraine), verantwortlicher Planer und Organisator der Massaker von Kamenez-Podolsk (23.600 Opfer), Berditschew (18.000 Opfer), Dnjepropetrowsk (11.000) und Babi Jar bei Kiew Ende September (mehr als 33.000 Opfer). Von Himmler bekam er den Befehl, für die schon seit Oktober geplanten Deportationszüge aus dem Reich „Platz zu schaffen“. Am 30. November frühmorgens rückten deutsche und lettische Kräfte ins Ghetto von Westen ein. Menschen mussten raus auf die Straße, erst wurde gebrüllt, dann geprügelt, schließlich geschossen. Marschkolonnen von jeweils 1.000 Menschen setzten sich in Bewegung über die Moskauer Straße nach Rumbula. (nächste Station) Der 16-jährige Margers Vestermanis war mitsamt seiner Familie im Ghetto. Er bekam den Befehl, zusammen mit einem Kameraden, Kinderleichen aufzusammeln und auf einem Schlitten hierher zum Alten Jüdischen Friedhof zu bringen.

Im Oktober 1941 hatten die Leitungen der Ordnungspolizei im Reich einen Schnellbrief des Chefs der Ordnungspolizei erhalten betreffs „Evakuierung“ von Juden „zum Arbeitseinsatz im Osten“. Nach Minsk und Riga sollten insgesamt 50.000 Juden „evakuiert“ werden, in Zügen mit jeweils 1.000 Personen u.a. aus den Räumen Berlin, Leipzig/Dresden, Hamburg, Hannover, Münster/Osnabrück/Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Kassel, Stuttgart, Nürnberg, Theresienstadt und Wien.

Erhalten ist die Niederschrift eine Besprechung in Münster zwischen den Spitzen von Partei, Gestapo, Polizei, Stadt und Oberpräsidium. Es ging einzig und allein darum, die „Evakuierungen“ ordnungsgemäß abzuwickeln, die Übernahme des zurückbleibenden Eigentums, der Wohnungen.

Erste Züge aus Berlin, München, Frankfurt/Main, Wien und Breslau waren für Riga in der zweiten Novemberhälfte „zu früh“. Sie wurden umgelenkt nach Kaunas in Litauen, wo die Deportierten sofort im Fort IX erschossen wurden.

Die Insassen der nächsten vier Züge aus Nürnberg, Stuttgart, Hamburg und Wien kamen in sas provisorische Auffanglager „Jungfernhof“ an der Daugava. Der 5. Zug, der am 27. November Berlin verlassen hatte, kam am Morgen des 30. November am Rangierbahnhof Skirotava an. Seine Insassen wurden noch vor den Rigaer Juden in Rumbula erschossen. Der Kölner Zug (Abfahrt 7. Dezember) war dann der erste, dessen Insassen das entvölkerte und verwüstete Ghetto betraten. Es folgten im dichten Takt die Transporte aus Kassel, Düsseldorf, Münster/Osnabrück/Bielefeld, dann je vier Züge aus Wien und Berlin bis Ende Januar 1942 und ein Zug aus Dortmund. Insgesamt wurden etwa 28.000 jüdische Menschen aus dem „Großdeutschen Reich“ nach Riga verschleppt.

Über fast zwei Jahre, bis zum 2. November 1943, bestand in dem Viertel nördlich von uns nach „Kleine Ghetto“ mit wenigen Tausend noch arbeitsfähigen lettischen Juden jenseits der Ludzas iela sowie das „Reichsjudenghetto“ mit der Bielefelder und Düsseldorfer Straße, die von hier aus anschließt, die Kölner, Prager, Berliner/Wiener und Leipziger Straße (Ludzas iela).

Die täglichen Essensrationen waren erbärmlich, oft stinkend und verdorben. Ein Arbeitskommando zu haben, konnte da eine Überlebenschance sein. Manche waren hart, auf anderen begegnete einem Gefangenen vielleicht ein Mensch, gab es etwas mehr in der Suppe, Möglichkeit zum Tauschen. Aber wehe, bei jemandem wurde bei Rückkehr ins Ghetto Tauschgut gefunden. Dann wurden solche Menschen hierher zum Rand des Alten Jüdischen Friedhofs gebracht und sofort von Ghetto-Kommandant Krause erschossen. Da war einer, der in nächsten Moment dem Kind der gerade erschossenen Mutter Schokolade schenkte.

Ca. 200 Meter von hier die Düsseldorfer Straße herunter befand sich damals der Blechplatz, wo die Appelle stattfanden, der Galgen stand. Hier begannen am 5. Februar und 15. März die „Dünamünde-Aktionen“: In der Fischkonservenfabrik in Dünamünde sei ein leichteres Arbeitskommando eingerichtet worden. Mehrere tausend Menschen wurden bei großen Appellen aussortiert und auf Lkw`s verfrachtet. In einem kleinen Betriebsgebäude neben dem Blechplatz hatten Häftlingsfrauen immer wieder die Aufgabe, eintreffende große Menschen an Kleidungs- und Gepäckstücken zu sortieren. Wenige Tage nach dem Appell wurden Befürchtungen zur Gewissheit: Die Frauen entdeckten Kleidungstücke von Verwandten, verdreckt, mit Blutspuren. Es gab kein Arbeitskommando in Dünamünde! Die Menschen waren in den „Hochwald“ gebracht und dort erschossen worden.

Dünamünde war für die reichsdeutschen Juden eine Zäsur. Damit begann auch für sie die Massenvernichtung.

Am 2. November 1943 ein letzter Appell im Ghetto: Die einen Häftlinge kamen auf Lkw`s, die zum neu errichteten KZ Kaiserwald im nördlichen Riga fuhren, die anderen auf Lkw`s Richtung Skirotava. Dort warteten Züge nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde der Friedhof eingeebnet und „Park der kommunistischen Brigaden“ genannt. Seit 1990 heißt  der Park wieder „Alter Jüdischer Friedhof“. Am 12. Juli 1994 konnte an der Südseite ein Gedenkstein (Feldblock mit Davidsstern) eingeweiht werden. Ermöglicht wurde das durch unsere Spendensammlung in Deutschland.

(Kurz später führt der Künstler Dr. Horst Hoheisel aus Kassel zusammen mit Zigrida Marowska vom Goethe-Institut einen Workshop mit den deutschen und lettischen Jugendlichen des Volksbund-Workcamps durch. Hierbei sollen Ideen zu einer würdigeren Gestaltung des ehemaligen Friedhofs entwickelt werden.

Am 2. Februar 2010 unterzeichneten Rabbi Menachem Barkahan von der Jüdischen Religiösen Gemeinde Shamir und Initiator des „March of Life“ am 4. Juli und Vizebürgermeister Ainars Slesers eine Absichtserklärung zur Errichtung eines Ghetto-Museums in einem Gebäude der Roten Speicher an der Moskauer Straße unweit der Markthallen und in einige Entfernung zum ehemaligen Ghetto. Das Projekt wird bisher unabhängig vom Museum „Juden in Lettland“ in der Skolas iela verfolgt, das Margers Vestermanis in zwei Jahrzehnten zu einem hoch angesehenen Zentrum der jüdischen Erinnerungskultur in Lettland entwickelt hat.

Die schon traditionell besonders ärmliche Moskauer Vorstadt ist immer mehr ein Viertel des Verfalls. Etliche Gebäude sind völlig runtergekommen, eine ganze Reihe von Holzhäusern (z.B. in der „Düsseldorfer Str“) sind verschwunden. Nur ganz vereinzelt ist Neues entstanden: das DODO-Hotel an der Daugavpils/Jersikas iela, der kleine Marktplatz an der Maskavas/Maza Kalna iela und das Geschäft Kaupeni am ehemaligen Blechplatz. Vereinzelt sind Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten aufgestellt: zum orthodoxen Friedhof, zum Moskauer Park südlich der  Makavas iela Richtung Daugava. Zur Ghetto-Vergangenheit kein einziges Wort. Der enorme Sanierungsbedarf ist offenkundig. Inzwischen gab es drei internationale Architekten-Workshops zu diesem Viertel, der dritte unter der Überschrift „The future development visions of the Moscow suburb“. Die ehrgeizigen Modernisierungspläne setzten auf EU-Unterstützungen. Die scheinen gegenwärtig wenig realistisch zu sein.)

Auszug aus Bericht von der 2. Gedenkreise des Riga-Komitees 2007:

Am Blechplatz  berichte ich ergänzend von dem Urteil des Landgerichts Hamburg gegen Gerhard Maywald. Er galt als die rechte Hand des Kommandeurs des Einsatzkommandos 2, als Initiator und Hauptselektierer der Dünamünde-Aktion, als Erbauer der Lager Salaspils bei Riga und Trostenez bei Minsk. Das Landgericht Hamburg 1977: Es sei nicht feststellbar gewesen, ob Dünamünde „kraft tatbezogener Merkmale als Mord zu werten ist. (...) Es ist nicht bewiesen, dass die von Maywald selektierten Opfer heimtückisch getötet worden sind, weil nicht aufgeklärt werden konnte, ob eine möglicherweise versuchte Täuschung über ihr Schicksal erfolgreich war. Entsprechendes gilt für die Frage, ob die Opfer grausam getötet wurden, da Einzelheiten über den Vorgang der Tötung nicht bekannt geworden sind." Mit anderen Worten bedeutete das, solange keiner der Getöteten berichten kann, dass die Tötung grausam war, kann auch keine Grausamkeit angenommen werden! Das war die dem Urteil zu Grunde liegende „Logik“. Am Ende wurde Maywald zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Absitzen der Reststrafe wurde ihm erlassen, weil ihm durch 15-jährige Ermittlungen schon genug Unbill widerfahren sei.

Vorbei am heute zugebauten Blechplatz biegt nach links (südlich) die Sarkana iela ab. In dem dreistöckigen Backsteinbau auf der rechten Seite lebten jüdische Hannoveraner, unter ihnen Else und Max Fürst, die Großeltern des mitreisenden Michael Fürst.

Beobachtungen vom April 2015: Relativ viele Wohnhäuser (überwiegend aus Holz, vereinzelt Steinbauten) sind völlig runtergekommen, unbewohnt, Fenster mit Brettern vernagelt. Freiflächen mehren sich, z.T. mit Sichtblenden abgeschirmt, vereinzelt Neubauten. Ausnahme ist die Totalrenovierung der Nr. 56 in der Ludzas iela: Der frühere Sitz der Ghetto-Kommandantur war in den 90er Jahren völlig heruntergekommen. Etliche Großwohnhäuser aus der Nachkriegszeit. Erstmalig fallen mir einige Kinderspielplätze auf. Trotz der z.T. verheerenden Bausubstanz macht das Viertel insgesamt einen aufgeräumten Eindruck. In zehn Jahren könnte es hier sehr anders aussehen.

Bis auf den steinernen Davidsstern am Rand des Viertels mit Informationen zur Geschichte des Alten Jüdischen Friedhofs erinnert nichts an die düstere Vergangenheit dieses Ortes – keine Informationstafel, kein Wort, dass hier von Dezember 1941 bis Herbst 1943 das am längsten existierende „Reichsjudenghetto“ bestand.

Beobachtungen vom August 2019: Auf dem Alten Jüdischen Friedhof am Rand des ehemaligen Ghettos steht seit 2018 ein Gedenkstein für die 5.000 ungarischen Jüdinnen, die im Frühsommer 1944 von Auschwitz nach Riga/KZ Kaiserwald transportiert worden waren. Laut Margers Vestermanis befanden sich die Frauen in einem fürchterlichen Zustand. Der Gedenkstein wurde auf Initiative der ungarischen Regierung am 4. Juli 2018 enthüll


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

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