Frieden     Sicherheit    Abrüstung
Logo

www.nachtwei.de

Genauer Hinsehen: Sicherheitslage Afghanistan (Lageberichte + Einzelmeldungen) bis 2017
Navigation Themen
Navigation Publ.-Typ
Publikationstyp
•  Pressemitteilung (316)
•  Veranstaltungen (6)
•  Pressespiegel (19)
•  Bericht (303)
•  Artikel (172)
•  Aktuelle Stunde (2)
•  Antrag (58)
•  Presse-Link (108)
•  Interview (58)
•  Rede (109)
•  Große Anfrage (4)
•  Kleine Anfrage (31)
•  Fragestunde (1)
•  Tagebuch (48)
•  Offener Brief (25)
•  Persönliche Erklärung (6)
•  Veranstaltungstipp (6)
•  Vortrag (15)
•  Stellungnahme (60)
•  Weblink (17)
•  Aufruf (5)
•  Dokumentiert (35)

Erinnerungsarbeit
Browse in:  Alle(s) » Meine Themen » Erinnerungsarbeit

Warum Gedenktage? Vortrag im Gymnasium Greven mit einigen Anregungen

Veröffentlicht von: Nachtwei am 6. März 2013 18:41:49 +01:00 (8106 Aufrufe)

Am 27. Januar war der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, am 30. Januar war der 80. Jahrestag der ERnennung Hitlers zum Reichskanzler. Am 29. Januar sprachen im Gymnasium Greven zu mehr als 150 Zuhörern Prof. Hans-Ulrich Thamer und ich zu "Machtergreifung - Machtübertragung?" und "Warum Gedenktage?". Hier mein Vortrag vor dem Hintergrund meiner ca, dreißigjähriger Erfahrung mit Gedenk- und Erinnerungstagen.

Warum Gedenktage?

Vortrag von Winfried Nachtwei am Gymnasium Augustinianum in

Greven/Münsterland am 29. Januar 2013

Vorbemerkung: Am Vorabend des 30. Januar, dem 80. Jahrestag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, führte der  „Arbeitskreis Gedenktage" der Fachschaft Geschichte des Grevener Gymnasiums seine erste große Veranstaltung durch. Absicht des Lehrer-Arbeitskreises ist, „gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern langfristig eine neue Form von Erinnerungskultur an der Schule zu etablieren." Über „bloßes ggfs. ritualisiertes Gedenken hinaus" soll von „Geschichtsklassen und -kursen projektartig zu Jahrestagen historischer Ereignisse gearbeitet und ihre Bedeutung für die Gegenwart abgeschätzt" werden. (www.augustinianum.de ) Das Foyer war mit mehr als 150 Schülerinnen und Schülern, etlichen Lehrern und Eltern voll besetzt. Nach der Einführung durch den stellvertretenden Schulleiter August Schafstedde und meinem Vortrag präsentierte Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer zehn Thesen zu „Machtergreifung oder Machtübertragung?". Anschließend Eröffnung einer von den Schülern konzipierten, ausgezeichneten Ausstellung zum 30. Januar 1933 mit den Einzelprojekten

-          Krise in der Endphase der Weimarer Republik 1929-1933 und Anwendung von Krisentheorien

-          „Machtergreifung" oder „Machtübergabe"? Die Debatten der Forschung

-          Lokalgeschichtliche Ereignisse im Umfeld des 30. Januar 1933

-          Reichskanzler Hitler im Bild - die Darstellung Hitlers in Illustrierten

-          Hitler als Redner

-          „Germany` s big question mark" - Pressereaktionen auf den 30.1.1933 in Großbritannien und den USA

-          Was gehen uns die Nazis an? „Mode, Musik und Markenzeichen" - Vorstellung der sog. rechtsextremistischen Erlebniswelt

 

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

ich freue mich, nach 36 Jahren an meine erste Schule zurückzukehren, an der ich Mitte der 70er Jahre mein Lehrerreferendariat absolvierte. Vielen Dank Ihnen, Herr Wulf, für Ihre sehr freundliche Vorstellung. Danke sehr vor allem für die Initiative zur heutigen Veranstaltung und Ihren zahlreichen und auch freiwilligen Besuch.

Warum Gedenktage, Erinnerungstage?

Seit den 80er Jahren habe ich viele Gedenktage und -veranstaltungen miterlebt - als Teilnehmer, aber auch als Demonstrant, als „Promi", als Redner oder Initiator. Dabei habe ich unvermeidlich einige Erfahrungen gemacht. Diese möchte ich Ihnen mitteilen und sie mit einigen Anregungen ergänzen.

Überblick

Die bekanntesten Gedenk- und Erinnerungstage in Deutschland sind:

-          der 27. Januar (1945) als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (seit 1996)

-          der 30. Januar (1933) als der Tag der Machtergreifung (bzw. Machtübertragung) der Nazis

-          der 8. Mai (1945) als Tag der Kapitulation und Befreiung

-          der 23. Mai (1949) als Verfassungstag, Tag des Grundgesetzes

-          der 20. Juli (1944) als Tag des gescheiterten Attentats auf Hitler

-          der 1. September (1939) als Antikriegstag

-          der erste Sonntag im September als Tag der Heimat;

-          der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit;

-          der 9. November zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938;

-          der Volkstrauertag am zweiten Sonntag vor dem ersten Advent zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Hinzu kommen Erinnerungstage auf lokaler und regionaler Ebene, in Münster z.B. der 24. Oktober (1648) als Tag des Westfälischen Friedens.

Wie habe ich die Veranstaltungen erlebt?

-          Mal als Forum der Rituale und Sprechblasen, wo ich schnell abschaltete.

-          Öfter als sehr bewegend, aufwühlend, verstörend, nachdenklich.

-          Selten gab es Momente von Freude, Hoffnung, Ermutigung.

Teilnehmer waren überwiegend Ältere und Alte, wenig Jüngere.

Erste Begegnungen mit Gedenktagen

Der 17. Juni ist mir nur in Erinnerung als regelmäßiges Medienthema, im Laufe der Zeit immer mehr nur als schul- bzw. arbeitsfreier Tag.

In den 80er Jahren wurde ich über die Friedensbewegung aufmerksam auf den Volkstrauertag. 1988 hatte ich auf einer Erinnerungsreise nach Weißrussland erstmalig von der systematischen Dorfvernichtung während der deutschen Besatzungszeit gehört.  Für die Gesprächspartner in Minsk - Veteranen des 2. Weltkrieges - hatte ich eine Dokumentation zusammengestellt über Spuren des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion im Münsterland.  Aus dem Wehrkreis VI, dessen Kommando in Münster lag, waren 14 Wehrmachtsdivisionen und 16 Reserve-Polizeibataillone in den Krieg geschickt worden, die meisten davon auch in die Sowjetunion. Bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Münster am Dreizehner-Denkmal (an der Promenade oberhalb des Aasee) erlebte ich, wie dort nur der Gefallenen, Bombenopfer, Vertriebenen gedacht wurde. Auch diejenigen, die beim Angriffskrieg mitmarschiert waren - freiwillig oder gezwungen -, die im Osten Wegbereiter der Massenvernichtung wurden, waren nur noch Opfer. Gegen diese „gespaltene Erinnerung" von Nachsicht gegenüber (Mit-)Tätern und Ignoranz gegenüber NS-Opfern protestierten wir damals stumm, z.B. mit einem Transparent mit der Aufschrift „Den Opfern soldatischer Pflichterfüllung". Es gab einzelne Weltkriegsveteranen, die uns daraufhin Erschießung oder Vergasung wünschten.

Gedenk- und Erinnerungstage im Wandel

1989 „entdeckte" ich den 13. Dezember 1941. An dem Tag waren 390 jüdische Menschen aus dem Münsterland in das „Reichsjudenghetto" Riga deportiert worden. Bei einer ersten Reise nach Riga im Sommer 1989 war ich dort auf die Spuren des Ghettos gestoßen und im Wald von Bikernieki am Stadtrand auf 55 Massengräber. Dort hatten die Nazis mindestens 35.000 Ermorde verscharrt. Es waren verlorene und vergessene Orte, wo nichts auf die Gräuel während der deutschen Besatzung, auf die ermordeten und verscharrten Opfer  hinwies. Das war für mich der Anstoß, wenigstens die Erinnerung an diese Menschen und ihr Schicksal zu wecken und wach zu halten. 1991 wurden die 50. Jahrestage der Riga-Deportationen erstmalig bundesweit in etlichen Städten begangen, wuchs die Erinnerung an die von den Nazis in Riga Gequälten, Ermordeten, Verschollenen: 1993 wurde ein erstes Denkmal errichtet. Solidarität entstand mit den Überlebenden von Ghetto und KZ, die bisher über die Jahrzehnte der Sowjetherrschaft vergessen und gedemütigt waren. (Die Rede war nur allgemein von den Opfern des Faschismus. Der Holocaust an den Juden wurde verschwiegen.)  Staatlich geehrt wurden 1993 in Riga „Judenretter". Allein Janis Lipke und seiner Frau Jana verdankten 55 Ghettohäftlinge ihr Überleben. Zutage traten aber auch konkurrierende Erinnerungen: Lettische Gesprächspartner stellten immer wieder die Leiden der Letten unter der Sowjetherrschaft in den Vordergrund und relativierten die Leiden der Naziopfer. Mit der Zeit wuchsen aber auch Brücken der Erinnerung: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, für den lange die Pflege von Soldatengräbern im Mittelpunkt stand, öffnete sich für die Erinnerung an Zwangsarbeiter und die Opfer von Deportationen und KZ. Er initiierte das Riga-Komitee der Deutschen Städte (anfangs zwölf Städte, inzwischen über 40), mit deren Unterstützung er 2001 die Errichtung einer würdigen Gedenkstätte im Wald von Bikernieki ermöglichte. Hier rückten Erinnerungskulturen zusammen, die über Jahrzehnte völlig voneinander getrennt waren. Exemplarisch dafür war, dass ich, ein Demonstrant vom Volkstrauertag zwei Jahrzehnte zuvor, am Volkstrauertag 2010 im Münsteraner Rathaus die zentrale Gedenkrede halten konnte. (www.nachtwei.de/index.php/articles/1017 )Inzwischen sind Brücken der Erinnerung über die Generationen hinweg entstanden: Schulen benannten sich nach Menschen, die nach Riga deportiert worden waren (z. B. die Herta-Lebenstein-Realschule in Stadtlohn, die Alexander-Lebenstein-Realschule in Haltern, die Geschwister-Eichenwald-Realschule in Billerbeck). Schulklassen besuchten im Rahmen von Partnerschaften die Orte des Nazi-Terrors in Riga. Seit zehn Jahren veranstaltet der Volksbund (Landesverband Bremen) in Riga für Jugendliche Workcamps, bei denen dort die Massengräber von Bikernieki wie auch Soldatengräber gepflegt werden. Besonders produktiv ist das von Matthias Ester verantwortete Riga-Projekt der Wolfgang-Suwelack-Stiftung in Billerbeck/Münsterland. (www.suwelack-stiftung.de )

Den 27. Januar begründete 1996 Bundespräsident Roman Herzog als Tag der Opfer des Nationalsozialismus. Bis 2009 erlebte ich im Bundestag die Gedenkveranstaltungen zum 27. Januar: Sie waren immer zutiefst bewegend, z.B. im Jahr 2000 mit dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel und dem Klezmer-Künstler Giora Feidmann. Ich habe das Bild noch in mir, wie Giora Feidmann allein auf seiner Klarinette spielend die Stufen im Bundestag herunterkam.  Oder  in 2006, als ich in meine Kladde notierte: „Wieder war die Gedenkstunde eine Sternstunde der Demokratie, wo höchste Staatsorgane in ihrem demokratischen und sittlichen Kern angesprochen werden. Zugleich eine große (Selbst)Verpflichtung."  So habe ich jede dieser Gedenkveranstaltungen erlebt. Nie kam es dabei zu Gedenk-Sonntagsreden.  Inhaltlich zentral waren dabei die Ausführungen zu den frühen Weichenstellungen. Aus denen lässt sich mehr lernen als aus den Phasen, als „alles zu spät war".

Den 20. Juli habe ich als langjähriges Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages in den letzten Jahren vor allem im Kontext der Feierlichen Gelöbnisse von Bundeswehrrekruten in Berlin vor dem Reichstagsgebäude oder im „Bendlerblock" erlebt, dem Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums (zur Kriegszeit Sitz hoher Wehrmachtsstellen, Zentrum der Widerständler des 20. Juli, Hinrichtungsort unmittelbar nach dem missglückten Attentat auf Hitler). In den Reden standen neben der Erinnerung an den Nazi-Terror die Bewunderung und der hohe Respekt für diejenigen im Mittelpunkt, die die Klarheit und die Kraft entwickelt hatten, nicht mitzumachen, sich zu widersetzen, Widerstand zu leisten.

Wenn junge Soldaten auf die Achtung der Menschenwürde, auf die Bindung von Befehl und Gehorsam an das Recht verpflichtet werden, dann ist das - unabhängig von auseinander gehenden Haltungen zu Militär - ein enormer zivilisatorischer Fortschritt. Wenn dann auch noch z.B. Soldaten aus den Niederlanden, dem damals überfallenen und besetzten Nachbarn, an einer solchen Veranstaltung teilnehmen, dann ist das hoffnungsvoll. Dass am 21. Juli seit Jahren beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr bei Potsdam an Generalmajor Henning von Tresckow erinnert wird, Kopf und Herz des militärischen Widerstandes gegen Hitler, ist in der Öffentlichkeit wohl wenig bekannt, aber von erheblicher moralischer und politischer Bedeutung.

Weiterhin besonders schwer tun sich unsere Gesellschaft und Politik mit solchen Gedenk- und Erinnerungstagen, wo die deutsche Täterrolle im Mittelpunkt steht:

-          Der Antikriegstag am 1. September wird in erster Linie von Gewerkschaftern wahrgenommen. Die Resonanz scheint mir abzunehmen.

-          Der 22. Juni, der Tag des Überfalls auf die Sowjetunion und der Beginn des größten Weltanschauungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieges, wird kaum bis gar nicht wahrgenommen.

Helle Gedenktage

Angesichts der jüngeren deutschen Geschichte und ihrer vielen dunklen Kapitel ist es kein Wunder, dass wir in Deutschland überwiegend düstere Gedenktage haben. Eine gelungene Befreiung oder gelungene Revolution haben wir nicht zu feiern. Trotzdem: Es gibt auch Gedenk- und Erinnerungstage zum Feiern:

-          Der 23. Mai als Tag des Grundgesetzes, an dem - früher war das die Regel - alle fünf Jahre die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten zusammentritt: Am 22. Mai 2009 fand in Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ein Staatsakt zu 60 Jahren Grundgesetz statt. In meiner Kladde notierte ich: „Insgesamt bin ich berührt vom historischen Glück dieser 60 Jahre, den besten Jahren in der deutschen Geschichte."

-          Der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit, Erinnerung an das historische Wunder der friedlichen deutschen Einigung, wird alljährlich mit Festakt und Volksfest in einer anderen Landeshauptstadt begangen - und dazu mit vielen örtlichen Feierstunden.

Zwischenbilanz

Gedenk- und Erinnerungstage sind meiner Meinung nach notwendig und für das demokratische Gemeinwesen unverzichtbar. Sie bieten die Chance, an Ereignisse und Persönlichkeiten zu erinnern, die für eine auf Menschenrechte und Frieden verpflichtete Gesellschaft besonders wichtig sind und Orientierung geben können.

Sie sind notwendig, weil ohne Wiederholung die Erinnerung verblasst, weil solche Tage Erinnerungsprozesse anregen und bündeln und die Chance erhöhen, im alltäglichen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit überhaupt wahrgenommen zu werden. Ohne solche Ankerplätze öffentlicher und gemeinsamer Erinnerung würde das kollektive Gedächtnis noch schneller verwehen, untergehen in der wachsenden Flut aktueller Nachrichten, Bilder, Reize.

Aber die realen Gedenk- und Erinnerungstage bergen auch etliche Risiken bzw. Probleme:

-          Sie können vergiftend wirken, wenn sie mit Freund-Feind-Denken, mit Nationalismus und Revanchismus aufgeladen sind. Der Missbrauch des 13. Februar, des Jahrestages der alliierten Bombardierung Dresdens, durch Neonazis ist dafür ein deutliches Beispiel.

-          Wo Gedenkveranstaltungen als ritualisierte Pflichtübungen ablaufen, wirken sie eher kontraproduktiv - ermüdend und demotivierend für die einen, als politische Ersatzhandlung bei anderen.

-          Bei vielen Gedenkveranstaltungen bleiben die Älteren unter sich. Wo nicht die Brücke zu den jüngeren Generationen gelingt, wird es eine Erinnerung ohne Zukunft.

Umso entscheidender ist, vorhandene Chancen zu nutzen.

Anregungen

(a)  Das „Angebot" möglicher Gedenk- und Erinnerungstage ist reichlich, für Einzelne überfordernd. Deshalb ist es selbstverständlich und sinnvoll, wenn Schulen, Gemeinden, Organisationen etc. Prioritäten setzen.

(b)  Um die zu erinnernden Ereignisse und Personen wirklich nahe zu bringen, ist ihre Konkretisierung, Personalisierung, sind lokale Bezüge und Spurensuche ausgesprochen hilfreich.

(c)   Wenn Erinnerungsarbeit nicht (nur) Gruppenidentitäten, sondern auch Menschenrechtsorientierung fördern soll, dann ist die Wahrnehmung der „Leiden der anderen", der Opfergeschichte anderer Gruppen von elementarer Bedeutung - auch der Opfer der Sowjet- und Stasidiktatur, auch der Vertriebenen. Nur so kann eine europäische Erinnerungskultur entstehen. (Seit 2009 ist der 11. Juli der erste EU-weite Gedenktag: an das Massaker von Srebrenica im Jahr 1995. Zu den Hindernissen einer europäischen Erinnerungskultur und den Wechselbeziehungen zwischen dem „kommunikativen Gedächtnis" und dem „kulturellen Gedächtnis" vgl. Arnd Bauerkämper: Das umstrittene Gedächtnis. Die Erinnerung an Nationalismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945, Paderborn 2012)

(d)  Ein Erinnern für eine friedlichere und menschlichere Zukunft kann es nur geben, wenn die Funken der Erinnerung von Jüngeren aufgenommen und weitergetragen werden.  Mit der heutigen Veranstaltung des „AK Gedenktage" geschieht das in vorbildlicher Weise.

(e)  Beim Transfer des Gedenkens in die Gegenwart und Zukunft, bei den vielbeschworenen Lehren der Geschichte wäre mehr Nachdenklichkeit  und Anstrengung angesagt. Im Hinblick auf Krieg und Nazismus ist das viel beschworene „Nie wieder!" so richtig wie unzureichend. Auf politischer Ebene sind z.B. elementare Konsequenzen die Vereinten Nationen, internationales Gewaltverbot, kollektive Friedenssicherung, internationale Schutzverantwortung gegenüber schweren Massenverbrechen, Rechtsstaatlichkeit. Auf individueller Ebene ist es bürgerschaftliches Engagement, z.B. Zivilcourage gegen Rassismus - jeder an seinem Platz.

(f)    Bei unseren Gedenk- und Erinnerungstagen brauchen wir mehr Ermutigung, auch mehr europäische und internationale Dimension:

-          Zum Beispiel der von der UNO-Generalversammlung 2001 beschlossene „Internationale Friedenstag" am 21. September. Er ist mir besonders in Afghanistan begegnet: Dort wird er von zivilgesellschaftlichen Gruppen seit 2006 begangen. In 2009 lief er unter dem Slogan „What we are doing for peace?"Der Aufruf zur Waffenruhe wurde an diesem Tag weitgehend befolgt; die Waffenruhe konnte für eine Polio-Impfkampagne in acht kritischen Provinzen genutzt werden, mit der 1,2 Mio. Kinder erreicht wurden. In den Barbur-Gärten in Kabul nahmen mehr als 1000 Menschen an einem Friedenskonzert teil.

-          Zum Beispiel der „International Day of UNO-Peacekeepers" am 29. Mai (seit 2002) zur Erinnerung und zur Ehrung der zzt. 120.000 Soldaten, Polizisten und Zivilexperten in 17 UNO-Missionen zur Friedensicherung, also Kriegsverhütung.  In Deutschland gibt es inzwischen Abertausende Frauen und Männer in Uniform und Zivil, die im öffentlichen, demokratisch legitimierten Auftrag in Krisenregionen zur Friedensunterstützung und Entwicklung entsandt wurden. Der 29. Mai könnte eine gute Gelegenheit sein, diese Einsatzrückkehrer mehr wahrzunehmen, von ihren reichen Erfahrungen und guten Beispielen zu lernen.

-          Im historischen und internationalen Vergleich lässt sich wahrlich von mehr als 60 Jahren bundesdeutscher und europäischer Erfolgsgeschichte sprechen. Hier gibt es etliche erinnernswerte Anknüpfungspunkte. Der 22. Januar, der Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages (Élysée-Vertrag) im Jahr 1963 zwischen den ehemaligen „Erbfeinden" ist ein solcher. (Der 40. Jahrestag im Jahr 2003 ging überdies einher mit der deutsch-französischen Absage an den Irakkrieg der USA.)

Zig Mal habe ich (Nach-)Kriegsgebiete besucht - auf dem Balkan, in Afrika und Afghanistan. Politisch war es immer wieder zum Verzweifeln.

Umso aufhellender waren die Begegnungen mit diesen Frauen und Männern und ihren einheimischen Kollegen: Es waren immer besonders landeskundige, kompetente, kluge Personen, geduldig und humorvoll, regelrechte Hoffnungsträger und Hoffnungsmacher.

 

Wo wir heute Tag für Tag über die Medien von Krisen und Katastrophen weltweit erfahren, wo das Trommelfeuer von bad news und Krisennachrichten abstumpfen lässt und deprimieren kann, da brauchen wir mehr denn je solche Hoffnungsmacher ... und solche Aspekte auch in unserer Erinnerungskultur.


Publikationsliste
Vortragsangebot zu Riga-Deportationen, Ghetto Riga + Dt. Riga-Komitee

Ende 1941/Anfang 1942 rollten Deportationszüge aus Deutschland und Österreich nach Riga.

1989 stieß ich auf die Spuren der verschleppten jüdischen Frauen, Männer und Kinder.

Mit meinem bebilderten Vortrag "Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga" stehe ich gern für Erinnerungsveranstaltungen und Schulen zur Verfügung. (Anlage)

Vorstellung der "Toolbox Krisenmanagement"

Von der zivilen Krisenprävention bis zum Peacebuilding: Die 53-seitige Broschüre stellt kompakt und klar auf jeweils einer Themenseite Prinzipien, Akteure und Instrumente des Krisenmanagements vor. Bei einem Kolloquium im Bundestag in Berlin wurde die Schrift einem Fachpublikum vorgestellt. Erstellt von AutorInnen des Zentrums Internationale Friedenseinsätze ZIF und der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP ist die "Toolbox" ein wichtiger Beitrag zur friedens- und sicherheitspolitischen Grundbildung auf einem Politikfeld, wo die Analphabetenrate in der Gesellschaft, aber auch in Medien und Politik sehr hoch ist. ... www.zif-berlin.de

zif
Auf dem Foto überreicht W. Nachtwei den AutorInnen seine 2008 erschienene Broschüre zur Zivilen Krisenprävention und Friedensförderung.

Mehr zur Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure bei der zivilen Konfliktbearbeitung u.a.:

Tagebuch
    • Meine persönlichen Jahresrückblicke + Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik (Nr. 1-50 im Tagebuchformat)

[Login]