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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Mein Gastkommentar in DER STANDARD, Wien: &quot;AFGHANISTAN AUF DER KLIPPE&quot;</title>
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    <span class="xar-mod-title">Afghanistan + Artikel von Winfried Nachtwei fÃ¼r Zeitschriften u.Ã¤.</span>

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            Mein Gastkommentar in DER STANDARD, Wien: &quot;AFGHANISTAN AUF DER KLIPPE&quot;         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 14. Juli 2021 08:22:54 +02:00 (78280 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Die komprimierte Bilanz eines parlamentarische Mitauftraggebers. Innerhalb von sechs Stunden &uuml;ber 120 Postings. </p></div>
            <div>    <p><strong>Gastkommentar in DER STANDARD, Wien, am 14.07.2021</strong></p>
<p><strong><em>Afghanistan auf der Klippe</em></strong></p>
<p>Der Abzug der Soldaten symbolisiert die strategische Niederlage des Westens. Nicht schwinden darf jetzt die internationale Unterst&uuml;tzung. Die Bilanz eines deutschen Mitauftraggebers.</p>
<p><a href="https://www.derstandard.at/story/2000128168090/afghanistan-auf-der-klippe">https://www.derstandard.at/story/2000128168090/afghanistan-auf-der-klippe</a></p>
<p><em>Winfried Nachtwei</em></p>
<p>Der Afghanistaneinsatz war das gr&ouml;&szlig;te, teuerste und bei weitem opferreichste Krisenengagement der (westlichen) Staatengemeinschaft und der Nato. Nach fast 20 Jahren endete jetzt sein milit&auml;rischer und polizeilicher Teil so schnell und unauff&auml;llig wie m&ouml;glich. Gleichzeitig erringen die Taliban rasant und oft ohne Gegenwehr die Kontrolle &uuml;ber immer mehr Distrikte und umzingeln etliche Provinzst&auml;dte. Eine &ndash; zumindest weitgehende &ndash; Machtergreifung der Taliban scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.</p>
<p>Startziele des Afghanistaneinsatzes waren die B&uuml;ndnissolidarit&auml;t mit den am 11. September 2001 angegriffenen USA, die Verfolgung der Drahtzieher der Angriffe und die Beseitigung des sicheren Hafens internationaler Terrornetzwerke in Afghanistan. Die Staatenwelt und wir in der damaligen rot-gr&uuml;nen Koalition in Berlin waren gefordert, die eigene Bev&ouml;lkerung vor weiteren Terroranschl&auml;gen zu sch&uuml;tzen.</p>
<p>Nach dem schnellen Sturz des Taliban-Regimes kam als strukturelle Terrorvorbeugung hinzu die Stabilisierung und F&ouml;rderung verl&auml;sslicher Staatlichkeit in einem von 23 Kriegsjahren zerr&uuml;tteten Land. Die UN-mandatierte Internationale Unterst&uuml;tzungstruppe ISAF sollte die Aufbauunterst&uuml;tzung absichern.</p>
<p><strong>Abst&uuml;rzendes Land</strong></p>
<p>20 Jahre sp&auml;ter ist un&uuml;bersehbar: Der internationale, milit&auml;rische wie zivile Afghanistaneinsatz hat seine wesentlichen strategischen Ziele verfehlt. Al-Kaida wurde zwar geschw&auml;cht, der Terror und sein N&auml;hrboden aber nicht nachhaltig bek&auml;mpft. 2019 entfielen 41 Prozent aller Terrortoten weltweit auf Afghanistan. Der UN- und ISAF-Auftrag, zusammen mit den afghanischen Sicherheitskr&auml;ften f&uuml;r ein sichereres Umfeld zu sorgen, wurde krass verfehlt. Der letzte Juni war der gewalttr&auml;chtigste Monat seit 2001. Fortschritte beim Staatsaufbau wurden durch exzessive Korruption konterkariert.</p>
<p>Ein Kollaps des Staates, ein Abrutschen in einen entfesselten B&uuml;rgerkrieg, der auch noch existierende Teilfortschritte in der Infrastruktur, im Gesundheits- und Bildungswesen zunichtemachen w&uuml;rde, ist nicht unwahrscheinlich.</p>
<p>In ein solches abst&uuml;rzendes, von Binnenfl&uuml;chtlingen geflutetes Land Fl&uuml;chtlinge abzuschieben, bedeutet faktisch, Menschen ins Bodenlose abzuwerfen. Die afghanische Regierung hat die EU-Staaten aufgefordert, angesichts der Eskalation des Taliban-Terrors und der dritten Corona-Welle Abschiebungen auszusetzen.</p>
<p>Die faktische strategische Niederlage des Westens in Afghanistan hat identifizierbare Gr&uuml;nde: Es fehlte an einer gemeinsamen Strategie und an klaren, erf&uuml;llbaren Auftr&auml;gen. Kontraproduktiv war von Anfang an ein strategischer Dissens: Die USA unter Pr&auml;sident George W. Bush konzentrierten sich etliche Jahre auf blo&szlig; milit&auml;rische Terrorbek&auml;mpfung ohne R&uuml;cksicht auf die Zivilbev&ouml;lkerung, w&auml;hrend die Mehrzahl der anderen Verb&uuml;ndeten und die UN den Aufbau unterst&uuml;tzen wollten. Beiden &bdquo;Str&ouml;mungen&ldquo; war gemein ein Mangel an Landeskenntnis und Konfliktverst&auml;ndnis mit der Folge, dass die Herausforderungen von Terrorbek&auml;mpfung wie Aufbau massiv untersch&auml;tzt und die eigenen Wirkungsm&ouml;glichkeiten &uuml;bersch&auml;tzt wurden. Hybris milit&auml;rischer St&auml;rke einerseits, technokratische Machbarkeitsillusionen andererseits.</p>
<p>Stabilisierung, gar Staatsaufbau lassen sich nicht importieren, sondern von externen Kr&auml;ften nur unterst&uuml;tzen. Verb&uuml;ndete waren zu oft die alten Warlords und zu selten bev&ouml;lkerungsnahe und Reformkr&auml;fte. Dabei war der Mitteleinsatz lange Zeit wegen schwacher ziviler Kr&auml;fte (etwa bei der deutschen Polizeihilfe) viel zu milit&auml;rlastig. Besonders kurzsichtig war die lange, insbesondere von den USA blockierte politische Konfliktl&ouml;sung mit den Taliban. Verhandlungen wurden erst aufgenommen, als die strategische &Uuml;berlegenheit der Taliban offenkundig war.</p>
<p><strong>Notorische Sch&ouml;nrednerei</strong></p>
<p>Bei 20 Besuchen vor Ort habe ich die Arbeit der von der deutschen Bundesregierung entsandten Soldaten, Zivilexperten und Polizisten hochsch&auml;tzen gelernt. Diese Frauen und M&auml;nner verdienen gro&szlig;en Dank. Auf der politisch-strategischen Ebene erlebte ich in Berlin und anderen Hauptst&auml;dten hingegen eine notorische Neigung zur Sch&ouml;nrednerei, Realit&auml;tsflucht und einen Mangel an Wirkungsorientierung. Der Knackpunkt des Einsatzes war, so das Ergebnis meiner Langzeitbeobachtung, ein kollektives politisches F&uuml;hrungsversagen.</p>
<p>Nach dem Abzug der Nato-Truppen muss als erstes dem &uuml;blichen Trend widerstanden werden, dass mit einem Truppenabzug erst die mediale Aufmerksamkeit, dann auch jede internationale Unterst&uuml;tzung schwindet. Die Einstellung, Afghanistan lie&szlig;e sich wie Ballast abwerfen, ist kurzsichtig und zynisch. Politisch trotz alledem dranbleiben, ist die erste Notwendigkeit. Die Unterst&uuml;tzung des Verhandlungsprozesses in Doha ist da vordringlich.</p>
<p>Afghanische Ortskr&auml;fte, die f&uuml;r deutsche Ministerien gearbeitet haben, d&uuml;rfen nicht im Stich gelassen werden. Darauf l&auml;uft aber das bisher inkonsequente deutsche Regierungshandeln hinaus.</p>
<p><strong>Friedenschancen st&auml;rken</strong></p>
<p>Im Land sind alle Zipfel an Friedenschancen zu st&auml;rken. Bestehende Hoffnungsinseln zivilgesellschaftlicher Projekte und Entwicklungszusammenarbeit m&uuml;ssen am Leben gehalten werden, wo m&ouml;glich auch durch Arrangements mit pragmatischen Taliban.</p>
<p>Die Aufgaben der politischen UN-Mission in Afghanistan werden erheblich zunehmen. Hier ist eine st&auml;rkere personelle Unterst&uuml;tzung durch EU-Staaten angesagt.</p>
<p>Ratlos bin ich bei der Schl&uuml;sselfrage, was die bisherigen Truppenstellerstaaten zur akuten B&uuml;rgerkriegspr&auml;vention beitragen k&ouml;nnen, nachdem der faktische Einsatzabbruch die Rutschbahn Richtung B&uuml;rgerkrieg geschmiert hat. Dieses Dilemma ist in der aktuellen Diskussion um den Nato-Abzug kein Thema, sollte es aber sein.</p>
<p>Winfried Nachtwei war von 1994 bis 2009 gr&uuml;ner Bundestagsabgeordneter, ab 2002 sicherheitspolitischer Sprecher, und beteiligt an 20 Mandatsentscheidungen zu Afghanistan. <a href="http://www.nachtwei.de">www.nachtwei.de</a></p>
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