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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Aus den Erinnerungen von Milli Nachtwey zum Umfeld meines Geburts- und ersten Nachkriegsjahres 1946</title>
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    <span class="xar-mod-title">Erinnerungsarbeit + Bericht von Winfried Nachtwei</span>

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        <h1>
            Aus den Erinnerungen von Milli Nachtwey zum Umfeld meines Geburts- und ersten Nachkriegsjahres 1946         </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 14. April 2021 21:12:57 +01:00 (36155 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>An der Schwelle zu meinem vierten Lebensquartal st&ouml;berte ich 75 Jahre zur&uuml;ck - mit Hilfe der Erinnerungen meiner Mutter Milli. Hier einige Ausz&uuml;ge.&nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center">Vor 75 Jahren</p>
<p align="center"><strong>Aus den ERINNERUNGEN von Milli Nachtwey, geb. Fronell,</strong></p>
<p align="center"><strong>zum Umfeld meines Geburts- und ersten Nachkriegsjahres 1946</strong></p>
<p><em>Meine Mutter Milli wurde am 8. M&auml;rz 1913 in K&ouml;ln und starb am 6. Januar 1999,</em></p>
<p><em>Verheiratet war sie mit Dr. Hermann-Josef Nachtwey und Mutter von Diethild (1940), Hildegund (1942), Winfried (1946), Mechthild (1949).</em></p>
<p><em>Diese Erinnerungen schrieb sie 1993 und ab Sommer 1994 nieder. Diethilds Mann, Dr. Peter Sauerwald, sorgte sich darum, dass die Erinnerungen sch&ouml;n &nbsp;in einem ersten B&uuml;chlein mit 42 Seiten und einem dickeren Buch mit 241 Seiten gebunden wurden.</em></p>
<p><em>Ausz&uuml;ge, Zwischen&uuml;berschriften, Hervorhebungen und Anmerkungen von mir. Seit vielen Jahren, vor allem aber seit meiner Arbeit im Bundestag ab 1994 ist mir sehr bewusst, welches unglaubliche Gl&uuml;ck ich gehabt habe, im ersten Nachkriegsjahr geboren zu sein, dem Beginn einer Friedensperiode, wie sie der &bdquo;Kontinent der Kriege&ldquo; seit Menschengedenken nicht erlebt hatte. Vor uns in jeder Generation Krieg, Gefallene, Vermisste, Verst&uuml;mmelte, Vertriebene. Dass mein Vater schon um 1946 ein so intensiver Vortragsredner war, war mir gar nicht mehr bewusst. Meinen starken, moralisch gefestigten und geistig wachen und beweglichen Eltern verdanke ich mein Urvertrauen. Dass sie mir den Vornamen Winfried gaben, den Geburtsnamen des Hl. Bonifatius, des &bdquo;Apostels der Deutschen&ldquo; aus dem 7./8. Jahrhundert, war sicher bewusst gew&auml;hlt. Im Althochdeutschen bedeutete Wini Freund, fridu Frieden, Schutz, Sicherheit, Winfried Friedensfreund, der Friedensucher. Diese Namensbedeutung wurde mir erst bekannt, als ich schon l&auml;nger friedens- und sicherheitspolitisch aktiv war.</em></p>
<p><em>M&uuml;nster, 14. April 2021&nbsp;&nbsp; Winfried Maria Nachtwei</em></p>
<p>KRIEGSZEIT</p>
<p>(S. 81) Am 10. Mai (1940) begann der <strong>Westfeldzug</strong> mit Deutschlands Angriff gegen Frankreich. Und am 19. Mai, meinem Namenstag, wurde Hermanns Einheit nach Westdeutschland verlegt; die erste Station war Hamm, Westf., wo ihre Flakabwehr auf dem gro&szlig;en G&uuml;terbahnhof stationiert war. Bis Ende des Jahres waren sie dann noch in Gelsenkirchen, Emmerich, Duisburg und schlie&szlig;lich in D&uuml;sseldorf bei Mannesmann. (&hellip;)</p>
<p>(S. 95) Inzwischen schrieben wir das Jahr 1942. Hermann bekam von Holland noch mal einige Tage Urlaub und musste dann zum <strong>Ilmensee nach Russland</strong>. (Mit Hermanns Briefen bin ich oft zu B. Hering (Anm. W.N.: befreundeter katholischer Pfarrer) gegangen und habe ihm manches daraus vorgelesen. Ich war danach immer etwas getr&ouml;stet. In Russland lag ganz tiefer Schnee. Als im sp&auml;ten Fr&uuml;hling Tauwetter einsetzte, sind die Soldaten oft &uuml;ber v&ouml;llig vereiste Leichen von Soldaten gegangen. Mit der russischen Bev&ouml;lkerung hatten die Deutschen sehr guten Kontakte. Viele Aufnahmen von ihren einfachen Behausungen und den liebensw&uuml;rdigen Menschen haben sie gemacht. Das Sch&ouml;nste war, dass sie die Sauna der Leute auch benutzen durften. (&hellip;)</p>
<p>(S. 100, Mitte Dezember 1942 Anruf von Hermann) &bdquo;Hermann musste mit seiner Einheit nach <strong>Griechenland</strong>. Am Heiligen Abend kamen sie bei strahlendem Sonnenschein in Athen an. Sie bezogen Stellung im Hafen von Pir&auml;us. W&auml;hrend dieser Zeit in Griechenland (von Ende 1942 bis zum Sommer 44) musste ich mir um Hermann nicht so gro&szlig;e Sorgen machen wie in der Zeit in Russland. Dort war es ja noch relativ ruhig. Au&szlig;er einigen Eins&auml;tzen auf der Insel (?) und auf Kreta geschah wenig. So hatte er Zeit und Gelegenheit genug, sich intensiv um Kultur zu k&uuml;mmern. Die Freundschaft mit der unvergessenen Marika Veloudion, einer in ganz Griechenland bekannten Fremdenf&uuml;hrerin, war unerh&ouml;rt bereichernd f&uuml;r Hermann und viele seiner Kameraden, die sie alle um sich geschart hatte. Es waren alles Menschen, die Griechenland und seine alte Kultur liebten. Sie f&uuml;hrte sie an die ber&uuml;hmtesten St&auml;tten Griechenlands und begeisterte ihre Zuh&ouml;rer durch ihr unglaubliches Wissen &uuml;be die Heiligt&uuml;mer des alten Hellas. Zu dem auserkorenen Kreis geh&ouml;rten z.B. Bruno Schaar und Erhard K&auml;stner, der gro&szlig;e Griechenlandkenner, der nach seiner Gefangenschaft in Afrika von 1950&nbsp; bis 1968 Direktor der Herzog- August-Bibliothek zu Wolfenb&uuml;ttel war (der ber&uuml;hmten Bibliothek von Leibnitz und Lessing). Hermann hatte nach dem Krieg noch regen Briefkontakt zu den vielen Freunden aus jener Zeit.</p>
<p>Das gr&ouml;&szlig;te und sch&ouml;nste Ereignis in Hermanns Griechenlandzeit waren aber die Kulturwochen der Deutschen Wehrmacht in Athen am 26. M&auml;rz bis 9. April 1944. Hermann als Leiter der Kulturwochen sprach am 1. Abend das Geleitwort.(&hellip;).</p>
<p>(Mai 1943) Wir waren in gro&szlig;er Sorge um unsere Lieben im Westen Deutschlands. Es hatte schon etliche Angriffe im Ruhrgebiet gegeben. Eines Tages h&ouml;rten wir, dass in Dortmund unsere Propsteikirche, das Rathaus und die Stadtbibliothek zerst&ouml;rt worden seien. (&hellip;)</p>
<p>(S. 111, Milli mit T&ouml;chtern in G&ouml;rlitz) In Berlin war es ziemlich ruhig. Frau Schlegel fragte einmal bei mir an, ob ich wohl meine Wohnung (in Petershagen bei Berlin) f&uuml;r eine j&uuml;dische Familie f&uuml;r eine gewisse zeit zur Verf&uuml;gung stellen k&ouml;nnte.. Nat&uuml;rlich tat ich das sofort. Und so konnte Dr. Leszezynski mit Frau und Tochter &ndash; am Savignyplatz hatte er eine sch&ouml;ne Praxis &ndash; bei uns in der Adolf-Hitler-Stra&szlig;e !! etwas Ruhe vor den Nazis finden. Kurz bevor ich im November wieder nach Berlin zur&uuml;ckkehrte, hatten andere Freunde ihn aufgenommen, und in einem Versteck hat er dann die letzten beiden Jahre zubringen m&uuml;ssen. (&hellip;)</p>
<p>Im August 1944 kam Hermann f&uuml;r einige Tage auf Urlaub. Er traf sich an einem Tag mit Admiral Stummel in Berlin (beide in Zivil). Auf einer Bank in der N&auml;he des Schlosses wurde der J&uuml;ngere von dem Mann mit der gr&ouml;&szlig;eren Erfahrung und dem besseren Durchblick &uuml;be die wirkliche politische und milit&auml;rische Situation Deutschlands aufgekl&auml;rt. F&uuml;r mich und erst recht f&uuml;r Hermann war es am wichtigsten, von einer so kompetenten Stelle zu erfahren, wie es in Wirklichkeit um uns stand. F&uuml;r Ludwig Stummel war es sonnenklar, dass wir den Krieg verlieren w&uuml;rden und dass sein Ende nicht mehr lange auf sich warten lassen w&uuml;rde.</p>
<p>Hermann wurde in diesem Urlaub noch nach Gr&uuml;ngr&auml;bchen b. Dresden zitiert. Die Diskussion mit ihm dauerte eine halbe Nacht, und am Ende stand der Satz seines Gegen&uuml;bers: &bdquo;Rechnen Sie mit einem Frontkommando&ldquo;. Man hatte von den Kulturwochen in Athen geh&ouml;rt und daraufhin erfolgte wohl diese &bdquo;Untersuchung&ldquo;. Man stellte ihm bevorzugte Bef&ouml;rderung in Aussicht, verlangte aber seinen Kirchenaustritt. Dass er seine Kinder hatte taufen lassen, wusste man nat&uuml;rlich auch.&nbsp; Der Schlusssatz seiner Antwort: &bdquo;&hellip; oder suchen Sie Charakterschweine?&ldquo; Das gen&uuml;gte f&uuml;r den Schlusssatz.</p>
<p>Als Hermann wieder uns nach Petershagen kam, war er mit den Nerven ziemlich am Ende; denn das erw&auml;hnte Frontkommando kam ja praktisch einer Verurteilung zum Tode gleich. Wir beide waren voller Sorge und Angst, Ja, wir rechneten tats&auml;chlich mit einer pl&ouml;tzlichen Verhaftung..</p>
<p>(S. 119) Hermann fuhr am 3. September 44 wieder gen S&uuml;den, kam aber nur noch bis Belgrad; denn Rum&auml;nien war ja am 23. August &bdquo;gekippt&ldquo; (so sagten wir damals). So dass deutsche Soldaten nicht mehr durchkamen. Hermann wurde also dort eingesetzt und kam ins Banat, k&auml;mpfte in <strong>Rum&auml;nien an der Donau in der N&auml;he des &bdquo;Eisernen Tores</strong>&ldquo;, n&ouml;rdlich davon in den Waldgebieten.</p>
<p>Am 28.9. wurde er bei einem Sp&auml;htrupp auf einem steilen Hang duch einen Lungenschuss schwer verwundet. Zweieinhalb Stunden hat er noch im Feuer gelegen und fast mit seinem Leben abgeschlossen. Abe dann wurde er doch noch herausgehauen, nach WEisskirchen transportiert, wo er zugleich eine Bluttransfusion bekam. Und dann wurde er mit der alten Ju 52 nach Steinamanger (Szombathely) gebracht.</p>
<p>An einem Samstag nach dem 1.10. bekam ich einen Brief von einem Hauptmann Kaufmann und einem Major Sonntag mit der beruhigenden Nachricht, dass die Aussichten auf guten Verlauf der Heilung jetzt allgemein auf durchaus g&uuml;nstig bewertet werden k&ouml;nnten, nachdem am Anfang der der Zustand nicht unbedenklich gewesen w&auml;re.</p>
<p>Am Abend dieses Tages war bei mir Familiengemeinschaft, eine Einrichtung unseres Kurators, der schon sehr bald der Meinung war, dass es nach dem Krieg uns Christen an den Kragen gehen w&uuml;rde. F&uuml;r mich war es wunderbar, an diesem Abend liebe Menschen um mich zu haben. (&hellip;) (Wenige Tage sp&auml;ter Nachricht von der Schwiegermutter in Dortmund, dass ihr Mann bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sei. Zwi Tage sp&auml;te eine Karte von Millis Eltern &bdquo;&ldquo;total ausgebombt&ldquo;)</p>
<p>(S. 124) Am 25. November kam der langersehnte Soldat dann endlich in Begleitung eines anderen Soldaten bei uns in Petershagen an. (&hellip;) Wer kann unsere Freude beschreiben?</p>
<p>(In Griechenland hatte Hermann im Fr&uuml;hjahr 1943 einen Soldaten kennengelernt, mit dem ihn bald eine echte Freundschaft verband. Er kam aus dem Bayer. Wald und hatte vor dem Krieg Theologie studiert.&nbsp; Er riet Milli mit den Kindern zu seinen Eltern in die Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes zu schicken, wenn es in Berlin mal gef&auml;hrlich werden sollte: Familie Wanninger, Dietersdorf, Post Sattelpeilstein) Der Russe kam uns ja immer n&auml;her, er stand zu dieser Zeit schon bei K&uuml;strin und Frankfurt/Oder. Ein Telegramm: &bdquo;Kommt sofort zu uns, Fam. Wanninger&ldquo;. (&hellip;) Am Mittwoch, 21. Februar (1945) ging es dann schlie&szlig;lich los.</p>
<p>(Wittenberg, Leipzig, Plauen, <strong>Hof, Weiden,&nbsp; Dietersdorf</strong>)</p>
<p>Ende M&auml;rz bekam ich en letzten Brief von Hermann, in dem er mir erkl&auml;rte, dass der Amerikaner beim Vorsto&szlig; am Main in Richtung Osten einen Trennungsstrich zwischen Nord und S&uuml;d ziehen w&uuml;rde.</p>
<p>KRIEGSENDE und TAGE IM JULI</p>
<p>(S. 141) Als wir dann am 8. oder 9. Mai vom <strong>Kriegsende</strong> h&ouml;rten, waren wir zwar sehr erleichtert; aber an unserem Leben &auml;nderte sich ja nichts. Und das ungewisse Warten und die Sorge um Hermann und die beiden S&ouml;hne des Hauses, erf&uuml;llte unser ganzes Denken.&nbsp;</p>
<p>Seit April hatte ich nichts mehr von Hermann geh&ouml;rt. Und nun begann das Warten auf ein Lebenszeichen. Endlich, <strong>am Abend des 13. Juli 1945</strong> (wir hatten am Nachmittag Waldbeeren gesucht) kam ein m&uuml;der Soldat eine kleine Anh&ouml;he zu unsrem Bauernhaus hinauf. Die Tochter des Haus schrie mich an: &bdquo;Deine Mo&ldquo; (Dein Mann). Diethild erkannte den Vater und rannte ihm entgegen. Ich glaube fast, dass dies der sch&ouml;nste Tag meines Lebens war. Wir hatten zwar nichts: kein Heim, keine M&ouml;bel, keinen Beruf. Aber wir waren wieder zusammen.</p>
<p>Hermann war in diesen Tagen bei uns in Dietersdorf von einem unerh&ouml;rten Drang nach geistige Arbeit gepackt. Das fand seinen Niederschlag im Schreiben von, f&uuml;r unseren damaligen Geschmack, wundersch&ouml;nen Gedichten, Gebeten, kleinen Aufs&auml;tzen.</p>
<p>(In diesen gl&uuml;cklichen ersten Friedenstagen in Dietersdorf entsteht offenbar der sp&auml;tere Winfried, &bdquo;Friedensfreund&ldquo;)</p>
<p>Nun erfuhr ich auch, wie die Monate nach Kriegsende f&uuml;r ihn und seine Kameraden verlaufen waren. Sie waren nach Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, Hermann kam in ein Lazarett in Gotha, wo er wieder einige nette Menschen kennenlernte. Als am 1. Juli der Russe, von Osten kommend, Th&uuml;ringen besetzte, haben viele Soldaten die Flucht ergriffen und gelangten nach abenteuerlicher Fahrt auf Kohlez&uuml;gen wieder in das besetze Gebiet der Amerikaner.</p>
<p>Nach ca. 10 Tagen ging Hermann wieder auf die Wanderschaft, zun&auml;chst in ein amerikanisches Gefangenenlager, denn er hatte ja noch keinen Entlassungsschein und ohne diesen existierte er ja eigentlich gar nicht. Das ging aber ohne jegliche Schwierigkeiten. Dann fuhr er per Anhalter nach M&uuml;nchen, um dort zu versuchen, eine neue Existenz aufzubauen.</p>
<p>Zur&uuml;ck zum 13. Juli (1945). Nachdem Hermann uns nach etwa 10 Tagen wieder verlie&szlig;, (&hellip;) wurde die B&auml;uerin etwas ungehalten, weil ich keine Anstalten machte, nach Berlin zur&uuml;ckzugehen. ((S. 146)</p>
<p>Irgendwann kam dann auch Post von M&uuml;nchen, wieder ein Lichtblick. Da Berlin f&uuml;r uns absolut nicht in Frage kam, versuchte Hermann in <strong>M&uuml;nchen</strong> Fu&szlig; zu fassen. Ein Besuch beim Kardinal Faulhaber, der ihm interessiert zuh&ouml;rte, als Hermann von seinen Pl&auml;nen f&uuml;r die Zukunft Deutschlands berichtete. Scheinen ihm nachher viele T&uuml;ren ge&ouml;ffnet zu haben. Jedenfalls hatte Hermann in k&uuml;rzester Zeit sich einen Kreis geschaffen von besonders jungen Leuten, die seine Ideen aufgriffen. Viele Vortr&auml;ge hat er in dieser Zeit gehalten in Ingolstadt und in anderen St&auml;dten. (S. 148) (&hellip;) Da die Postverh&auml;ltnisse sich inzwischen auch gebessert hatten, h&ouml;rten wir von der unerh&ouml;rt gro&szlig;en Not in der russisch besetzten Zone. Bei seinen Vortr&auml;ge hat er auch davon erz&auml;hlt, und ganz bald kamen bei Bernhard Hering in Petershagen Hunderte von P&auml;ckchen an f&uuml;r seine hungernde Gemeinde. (&hellip;)</p>
<p>M&Uuml;NSTER IN TR&Uuml;MMERN</p>
<p>Hermann fuhr am 29. September gen Westen. (Hagen, Dortmund, Hamm, M&uuml;nster)</p>
<p>(S. 149) Brief vom 4.10.</p>
<p>&bdquo;Und es kam <strong>M&uuml;nster</strong>. Ja, wie sah das Panorama doch noch aus? Richtig, ich entsann mich. Aber nach M&uuml;nster musste es doch wohl noch weiter sein. Nein, es war nicht weiter. Aussteigen in einem Ruinenfeld, in dem hie und da einige Menschen gingen, H&auml;userhaufen, Stra&szlig;en, winklige Wege zwischen bewachsenen Ruinen und gro&szlig;en, wirren Dreckhaufen und Stille &uuml;berall. In 20 Jahren d&uuml;rfe ein Wald dort stehen, und man wird vielleicht Legenden schreiben um eine versunkene Stadt. &hellip; Vor der Sperre traf ich Franz Dietsch, Meistersch&uuml;ler der Dortmunder St&auml;dt. Musikschule. Kurzes gutes Gespr&auml;ch, Adressenaustausch. Landeseisenbahn f&auml;hrt nicht. Also zu Fu&szlig; los. Wolbecker Str.. Am Hansaplatz, dicht vor meiner letzten Wohnung, treffe ich einen alten Musiker des St&auml;dt. Orchesters, schneewei&szlig;es Haar. Er erkennt mich auch und schimpft gleich schmerzerf&uuml;llt auf mich ein. Seine Jungen tot, sein J&uuml;ngster sehr schwer verwundet und nicht heilbar, dazu beim Russen. Der Mann war halt irre. Bei Frau Stein (seine letzte Wirtin) oben alles zerst&ouml;rt. Ich kam bei Holtk&ouml;tters vorbei. &Uuml;ber dem Kanal lag ein Schiff, das als Br&uuml;cke diente. (&hellip;) Der Kanal leer, Wassert&uuml;mpel mit schief liegenden Schiffen. An der Loddenheide war pl&ouml;tzlich der Bahnhof.&nbsp; (&hellip;)</p>
<p>ZUR&Uuml;CK NACH WESTFALEN: WULFEN</p>
<p>(S. 156, Ende November 1945 &bdquo;Umzug&ldquo; mit Hermann und den T&ouml;chtern von Dietersdorf) in abenteuerlicher Reise auf geschlossenen und offenen G&uuml;terwagen in vier Tagen nach <strong>Wulfen. (bei Dorsten in Westfalen</strong>). (<em>Die Gruppenfreundin Carola Commer, deren Mann in Russland vermisst war, hatte Hilfe angeboten</em>)</p>
<p>(Zur&uuml;ck in Bayern war Hermann ) haupts&auml;chlich mit dem Schreiben von einigen St&uuml;cken besch&auml;ftigt: &bdquo;Prometheus, &bdquo;Wir waren alle fern&ldquo; usw. usw. Wer Lust hat, kann sich ja in sp&auml;teren Jahren die Ergebnisse seiner Dichterperiode mal unter die Lupe nehmen.</p>
<p>(S. 170) Brief vom 18.3.46</p>
<p>&bdquo;Eine kleine Freude habe ich heute Morgen erlebt. Wir Fl&uuml;chtlinge mussten uns melden, um karteim&auml;&szlig;ig erfasst zu werden. Es waren drei Herren aus Harvest-Dorsten gekommen. Einer gefiel mir besonders durch seine freundliche Art, wie er mit den Fl&uuml;chtlingen sprach. Ich wartete also bei ihm. Als ich an der Reihe war, nannte ich meinen Namen, bei Nachtwey stockte er und fragte mich, ob ich verwandt oder bekannt w&auml;re mit einem Nachtwey, Oberleutnant bei der Flak. Ich musste gestehen, dass ich sogar dessen Frau sei. Da schlug der Mann beide H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen. Er konnte sich einfach nicht mehr fassen. Es war also ein Werber Kierfeld. Ihr h&auml;ttet Euch noch in der letzten Zeit kennengelernt, und Ihr w&auml;ret noch gute Freunde gewesen. Er schien Dich sehr zu lieben, sprach begeistert von Deiner Lesung aus Deinem Drama und verschiedenen Gedichten. . Ja, und ich w&auml;re doch da irgendwo in der N&auml;he vom B&ouml;hmerwald gewesen und h&auml;tte mit den Bauern immer aus einer gro&szlig;en Sch&uuml;ssel essen m&uuml;ssen. Er war ganz gl&uuml;cklich, dass es Dir gut ging. Ich habe ihm viel von Dir erz&auml;hlt. Er ist jetzt Leiter des F&uuml;rsorgeamtes in Harvest-Dorsten (gleich am Bahnhof in den Barracken neben der Post).&nbsp; (&hellip;) Er wohnt in Herten , hast seine Frau und drei Kinder bei sich, hofft bald in Dorsten eine Wohnung zu bekommen. Ich habe ihm schon gesagt, dass Du in K&uuml;rze wohl hier sein w&uuml;rdest zur Geburt unseres Kindes. Da platzte er heraus: &bdquo;Aber das sieht man Ihnen wirklich nicht an, ach, entschuldigen Sie bitte&ldquo; Ja, so klein ist die Welt.&ldquo;</p>
<p>Mitte M&auml;rz holten meine Eltern unsere beiden T&ouml;chter nach Hoetmar. (&hellip;) Nun waren wir allein, hatten viel Zeit zum Schreiben und Lesen und vergingen trotzdem vor Sehnsucht nach den Kindern. &Uuml;brigens habe ich in dieser Zeit auch angefangen, auf unserer Schreibmaschine zu schreiben, und zwar waren es Briefe oder &bdquo;Dichtungen&ldquo; von Hermann, wor&uuml;ber ich sehr stolz war und Hermann gl&uuml;cklich.</p>
<p>DAS DRITTE KIND</p>
<p>Die Hebamme, die in diesen Tagen zu einer Untersuchung zu uns kam, meinte, ich k&ouml;nnte wohl schon ab 20. M&auml;rz mit dem gro&szlig;en Ereignis rechnen, aber sicher bis Anfang April.</p>
<p>Hermann machte sich daraufhin am 1. April auf die Reise zu uns. Da sich aber bis dahin immer noch nichts tat, fuhr er noch nach Hoetmar, um die Kinder wenigstens wiederzusehen.</p>
<p>Als er nach einigen Tagen zur&uuml;ckkam, war in Wulfen noch alles beim alten. Da Herman vom 1.-16.4. Urlaub hatte, &nbsp;musste er sich am 12. April wieder auf die Reise begeben; denn in Hagen waren noch ein Vortrag und eine Lesung aus seinem Drama vorgesehen. Dieser Abschied ist uns beiden doch sehr schwer gefallen.</p>
<p>Nach den Veranstaltungen in Hagen &uuml;berlegten die Freunde, ob man nicht noch mal nach Wulfen fahren k&ouml;nnte. Aber keiner hatte von der Milit&auml;rregierung eine Genehmigung f&uuml;r den Sonntag.</p>
<p><strong>Am Montagmorgen um 6 Uhr wurde Winfried geboren</strong>. Hermann kam am Dienstag v&ouml;llig k.o. und mit Stoppelbart in Holzkirchen an. Da war das Telegramm schon da. Hermanns Gedanken zu diesem bedeutenden Ereignis sind in einem langen Brief vom Karfreitag (19.4.) nachzulesen.</p>
<p>Dank der liebevollen Pflege von Carola erholte ich mich sehr schnell. Am 29. April wurde Winfried in der Wulfener Pfarrkirche getauft und zwar von Ernst Sengen, Hermanns Freund, der uns ja auch getraut hat. Der Sohn benahm sich vorbildlich, obwohl ihm viel Wasser &uuml;ber den Kopf lief. Sch&ouml;n war auch noch, dass Kindergartenkinder mit einer Schwester an der Feier teilnahmen.</p>
<p>Carola war in diesen Tagen zu Freunden nach Koblenz gefahren; denn die Kinder konnten noch einige Tage bei ihren Verwandten bleiben. So waren nur Oma Nachtwey und Ernst Sengen meine G&auml;ste. (&hellip;)</p>
<p>Ich bekam viele sch&ouml;ne Briefe von &uuml;berallher. Werner Kierfeld z.B. schrieb: &bdquo;M&ouml;ge er wie sein Vater etwas haben vom Apostel der Deutschen, und ich hoffe so sehr, dass er ein freies, gl&uuml;ckliches und friedliches Europa erleben wird. Und wir wollen die Vorbereitungen daf&uuml;r leisten.&ldquo;</p>
<p>Mitte Mai brachten uns meine Eltern Diethild und Hildegund wieder. Sie hatten dank des&nbsp; guten Essens in Hoetmar gewaltig zugenommen. Und frech waren sie auch geworden, besonders Diethild. Berichte dar&uuml;ber /(aber nicht nur dar&uuml;ber) sind in meinen Briefen an Hermann von Mai &ndash; Juli 1946 zu lesen. Diethild sagte einmal nach ihrer R&uuml;ckkehr: &ldquo;Jetzt habe ich einen Mann, nun m&uuml;ssen wir noch ein Br&uuml;derchen f&uuml;r Hilde4gund haben.&ldquo; In Hoetmar hatten sie Ostern beim Eiersuchen mal gesagt: &bdquo;Omi, Omi, das ist alles f&uuml;r Mutti und das Br&uuml;derchen.&ldquo; Andere Redewendungen: &bdquo;Das hat meine Oma gesagt&ldquo; oder &bdquo;das schreibe ich Oma und die schimpft mit Tante Carola.&ldquo; Oder Frage von uns: &bdquo;Wo ist es sch&ouml;ner in Petershagen oder in Wulfen?&ldquo; Antwort: &bdquo;in Hoetmar.&ldquo;</p>
<p>Hermann schrieb mir mal in einem Brief im Mai, dass Winfried am 14.5. Namenstag h&auml;tte. Ich antwortete ihm: &bdquo;Irrtum, W. hat am 5. Juni Namenstag (&hellip;), am Tag des hl. Bonifatius, des Apostels der deutschen. Der Bonifatius vom 14.5. war ein M&auml;rtyrer (um 306 in Tarsus) und obendrein geh&ouml;rte er zu den Eisheiligen. Winfried aber soll zu den Feuergeistern geh&ouml;ren wie sein Vater. Also Religion 5!&ldquo;</p>
<p>STADELHEIM</p>
<p>Einige Wochen nach Winfrieds Geburt bekam ich von Hermann einen sorgenvollen Brief. Er war denunziert worden, von wem, wusste er nicht. Er hatte angeblich den Fragebogen gef&auml;lscht. Wie war der Sachverhalt?</p>
<p>Anfang 1933 (Hermann war Student in M&uuml;nster) wurde die Akademische Fliegergruppe aufgel&ouml;st, Verm&ouml;gen und Mitglieder wurden in eine technische SA-Einheit &uuml;berf&uuml;hrt. Hermann machte einige Male in Uniform Dienst mit. Eine Aufnahmeerkl&auml;rung hatte er nie unterschrieben und auch keinen Beitrag gezahlt. Nach wenigen Wochen blieb er einfach wieder weg. Es dauerte einige Wochen nach dieser schrecklichen Nachricht aus M&uuml;nchen im Sommer 46, dass Hermann (mit etlichen anderen) vor dem <strong>amerikanischen Milit&auml;rgericht</strong> vorgeladen wurde und, ohne ihn anzuh&ouml;ren, zu zwei Monaten Haft verurteilt wurde. Sie Einzelheiten dieser traurigen sind wieder in zahlreichen Briefen aus dieser Zeit nachzulesen. Es war eine T&uuml;cke des Schicksals, dass er am 19. Juli die Haft antreten musste, genau 1 Jahr vorher am 13. Juli 1945 war er zu uns in den Bayer. Wals heimgekehrt.</p>
<p>Diese Woche haben ihm schwer zu schaffen gemacht. Aber seine zahlreichen Freunde in Bayern und in Westfalen schliefen nicht. Ich habe alten Bekannten geschrieben, und sie haben mit riefen und P&auml;ckchen in r&uuml;hrender Weise reagiert. Manchmal gingen auch P&auml;ckchen an den Absender zur&uuml;ck, wenn die erlaubte Mende schon &uuml;berschritten war. Das Sch&ouml;nste war aber, dass in Stadelheim einem fr&uuml;herer Kaplan aus unserer geliebten Propsteikirche in Dortmund Gef&auml;ngnisseelsorger war, der sich unendlich freute, den Hermann Nachtwey als politischen Gefangenen hie anzutreffen. Er besuchte ihn oft und h&auml;tte ihm am liebsten &bdquo;lebensl&auml;nglich&ldquo; gew&uuml;nscht, weil er im Gottesdienst so sch&ouml;n Orgel spielte. Und da war noch ein eingesperrter Musikprofessor, der Piston (Kornett) dazu blies. Die Ern&auml;hrung war miserabel, so dass er eine unangenehme Magen-Darm-Erkrankung bekam, weswegen er einige Zeit auf der Krankenstation weilen musste. Danach bekam er sogar ein &bdquo;Einzeldimmer&ldquo; mit flie&szlig;endem Wasser usw. Diese <strong>Wochen in Stadelheim</strong> waren f&uuml;r ihn schlimmer zu ertragen als die 6 Kriegsjahre. Je n&auml;her es dem Ende zuging, desto lauter wurden die Bitten seiner Freunde, Bayern nicht den R&uuml;cken zu kehren. Sie machten ihm alle m&ouml;glichen Angebote.</p>
<p>NACH JAHREN DER TRENNUNG FAMILIENLEBEN</p>
<p>Aber sein Entschluss stand fest, nach Westfalen zu gehen, zumal Werner Kierfeld auch nicht unt&auml;tig gewesen war. Er war ja inzwischen in Datteln als Amtsdirektor gelandet (und war dies bis 1961). Und ich hatte auch in Wulfen eine Wohnung gefunden, zwei Minuten von Carola entfernt. Die Besitzerin des sch&ouml;nen Hauses war die Witwe des Tierarztes von Wulfen. Die ersten M&ouml;bel bekamen wir von Wulfener B&uuml;rgern geliehen oder geschenkt. Es muss Ende September gewesen sein, dass ein kleines M&auml;dchen aus unserem Haus Keuchhusten bekam, und bald husteten alle Kinder. Winfried wurde noch gespritzt von einem Arzt. Aber ich nahm vorsichtshalber Reifsanis (?); denn der Keuchhusten der beiden Gro&szlig;en im November 43 war f&uuml;r mich immer ein Schreckgespenst. Ich bin also sofort in das Haus der &bdquo;lustigen Witwe&ldquo; gezogen. Aber dort konnte ich noch nicht kochen; denn das Haus musste erst noch f&uuml;r eine 2. Familie hergerichtet werden. So musste ich also alles N&ouml;tige bei Carola zubereiten und es dann her&uuml;bertragen. Aber auch diese Zeit wurde bew&auml;ltigt.</p>
<p>Hermann hatte nach seiner Entlassung am 10. Sept. in Bayern noch einiges abzuwickeln, er musste auch noch einige, bereits geplante Vortr&auml;ge halten. Am 4. Oktober kam er schlie&szlig;lich bei uns in Wulfen an laut Telegramm: &bdquo;fr&ouml;hliche Heimkehr. Der Ausbleiber.&ldquo;</p>
<p>Nun begann also ein normales Familienleben. Aber was hie&szlig; damals schon &bdquo;normal&ldquo;? Schlie&szlig;lich lebten wir unter primitivsten Verh&auml;ltnissen. Aber wir waren wieder zusammen. Und das wog alles andere auf. Inzwischen hatte sich in <strong>Datteln</strong> schon einiges getan Am 30. Dezember (1946) nahmen wir Abschied von Wulfen. (<em>Anm. W.N.: Seitdem war ich nicht mehr in Wulfen. Sp&auml;ter sagte ich des &Ouml;fteren, ich sei nach dem Krieg in Wulfen &bdquo;auf der Durchreisegeboren&ldquo; worden.&nbsp; Auf &bdquo;Wulfen Wiki&ldquo; werde ich als einer von f&uuml;nf &bdquo;Ber&uuml;hmten Wulfenern&ldquo; gef&uuml;hrt: <a href="http://wulfen-wiki.de/index.php/Ber%C3%BChmte_Wulfener">http://wulfen-wiki.de/index.php/Ber%C3%BChmte_Wulfener</a></em> )</p>
<p>Diethild und Hildegund wurden wieder von meinen Eltern nach Hoetmar&nbsp; Winfried fuhr mit uns und der Oma Nachtwey aus Dortmund auf einem M&ouml;belwagen in die neue Heimat. Werber K. war es gelungen, mitten im Ort (T&uuml;rkenort 8) eine Wohnung f&uuml;r uns zu bekommen. Zun&auml;chst nur K&uuml;che und Schlafzimmer. Die K&uuml;che war m&ouml;bliert mit den M&ouml;beln der verstorbenen Eltern unserer Hausbesitzerin. Ein gro&szlig;er altmodischer Kohleofen entz&uuml;ckte uns geradezu. Fr. Sauerland hatte eine gute Suppe f&uuml;r uns gekocht, wir hatten also allen Grund, uns sofort heimisch zu f&uuml;hlen. Herr Sauerland war Versandleiter der Zeche Emscher-Lippe. D.h., nun mussten wir nicht mal frieren.</p>
<p>Im Schlafzimmer mussten 5 Personen schlafen: Die beiden T&ouml;chter mit den Elternzusammen mit Winfried im Bettchen hinter der T&uuml;r, die man deshalb immer nur zur H&auml;lfte &ouml;ffnen konnte. Herrlich war noch, dass wir gleich eine Hilfe f&uuml;r den Haushalt hatten: das ostpreu&szlig;ische Fl&uuml;chtlingsm&auml;dchen Martha, deren Schwester bei Kierfelds besch&auml;ftigt war. Martha konnte auch dort schlafen, bis wir um Pfingsten herum die ganze Parterre-Wohnung bekamen. Jetzt hatten wir also schon 4 Zimmer, K&uuml;che und Bad. Das Wichtigste war f&uuml;r mich, dass Hermann nun im Wohnzimmer auch arbeiten konnte; denn vorher musste er ja mit einem in Wulfen erstandenen Schreibtisch vorliebnehmen, der in der K&uuml;che ebenfalls hinter der T&uuml;r zum Flur stand. Unser guter Freund, Dr. Heinz Lades aus Erlangen, machte Hermann mal den Vorschlag, um Schreibtisch und Stuhl einen dicken Kreidestrich zu ziehen und innerhalb desselben sollte dann sin Reich sein. Trotz dieser Bescheidenheit f&uuml;hlen wir uns schon wie im Paradies.</p>
<p>Am 30. Dezember waren wir also eingezogen. Am n&auml;chsten Abend waren wir schon bei Kierfelds eingeladen, f&uuml;r uns ein wunderbares Geschenk. Und dann ging es erst richtig los. Lore Kierfeld hatte nichts Eiligeres zu tun, als uns in Datteln bekanntzumachen bei all ihren Freunden, die dann bald auch schon unsere wurden.&nbsp; In diese Zeit er primitivsten Wohnverh&auml;ltnisse fielen aber trotzdem auch manche Sternstunden. Ich erinnere mich z.B. an einen Abend, an dem wir &bdquo;ber&uuml;hmte&ldquo; Leute zu Gast hatten: au&szlig;er Dr. Heinz Lades (Erlangen) und Kierfelds noch einen Prof., dessen Namen ich nicht mehr wei&szlig;. Jedenfalls wurde &uuml;ber die Relativit&auml;tstheorie von Einstein diskutiert. Ich hatte P&uuml;fferchen in der fettlosen Pfanne gebacken&nbsp; und dazu gab es einen &bdquo;gesunden&ldquo; Tee. Wir Frauen h&ouml;rten nur schweigend und stauend zu, und irgendwann sa&szlig; Lore am warmen Ofen, mehr schlafend als wachend. Ein anderes Mal kamen Vera und Werber D&ouml;hmann vorbei, als nur Martha mir den drei Kindern zu Hause waren. Sie hinterlie&szlig;en auf dem Schreibtisch einen Zettel mit einer Einladung zu einem Besuch bei ihnen in ihrem sch&ouml;nen Haus in der Pestalozzistra&szlig;e. (&hellip;) (S. 190) .</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Zu Hermann-Josef Nachtwey</span>, 1958-1973 Leiter der Landeszentrale f&uuml;r politische Bildung NRW: Buchver&ouml;ffentlichungen: <a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/hermann-josef-nachtwey/">https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/hermann-josef-nachtwey/</a> &nbsp;;&nbsp; &bdquo;Staatsb&uuml;rger-Bildung &ndash; Um Kopf und Topf&ldquo;, SPIEGEL 19.03.1963</p>
<p><a href="https://www.spiegel.de/politik/um-kopf-und-topf-a-5bc2e76b-0002-0001-0000-000045142762">https://www.spiegel.de/politik/um-kopf-und-topf-a-5bc2e76b-0002-0001-0000-000045142762</a> &nbsp;</p></div>


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