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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Internationale Polizeimissionen als Ã¤uÃŸerstes Mittel zum Schutz vor Massen- und Kriegsgewalt? Mein Impulsbeitrag bei einer Tagung von &quot;Sicherheit neu denken - Von der militÃ¤rischen zur ziviler Sicherheitspolitik&quot; </title>
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    <span class="xar-mod-title">CIVPOL-IPM + Vortrag</span>

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            Internationale Polizeimissionen als Ã¤uÃŸerstes Mittel zum Schutz vor Massen- und Kriegsgewalt? Mein Impulsbeitrag bei einer Tagung von &quot;Sicherheit neu denken - Von der militÃ¤rischen zur ziviler Sicherheitspolitik&quot;          </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 11. Oktober 2020 10:27:34 +01:00 (26062 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Das &quot;Szenario bis zum Jahr 2040&quot; wurde von der Synode der Evangelischen Landeskirche in Baden initiiert und 2018 ver&ouml;ffentlicht. Die Studie und die anlaufende politische und Bildungskampagne dazu zielt auf eine verst&auml;rkte, vollst&auml;ndig zivile Sicherheitspolitik und Friedensf&ouml;rderung ohne Milit&auml;r. Internationale Polizei soll dabei das &auml;u&szlig;erste Mittel zur Bew&auml;ltigung inner- und zwischenstaatlicher Gewaltkonflikte sein. Dazu nehme ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit Ziviler Krisenpr&auml;vention, multinationalen Krisen- und Polizeieins&auml;tzen vor allem auf dem Balkan und in Afghanistan und meiner Erinnerungsarbeit zum deutschen Vernictungskrieg im Osten Stellung. &nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Politische Schritte zur Weltinnenpolitik und die</strong></p>
<p align="center"><strong>Rolle Internationaler Polizeimissionen dabei</strong></p>
<p align="center">Impulsbeitrag von Winfried Nachtwei<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> bei der Klausurtagung</p>
<p align="center">&bdquo;Weltinnenpolitik und Internationale Polizei&ldquo; der Fachgruppe Internationale Polizei der <strong>Initiative &bdquo;Sicherheit neu denken</strong>&ldquo; am 11./12.09.2020&nbsp; in Karlsruhe</p>
<p>Vielen Dank f&uuml;r den Debattenansto&szlig; von &bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; aus friedensbewegter und friedensethischer Perspektive. Er bleibt nicht beim Contra stehen, sondern sucht nach umfassenden und l&auml;ngerfristigen Alternativen der Friedens- und Sicherheitspolitik.<a title="" href="#_ftn2">[2]</a></p>
<p>Zum Thema nehme ich vor dem Hintergrund meiner politischen Erfahrungen auf den Feldern Krisenpr&auml;vention und &ndash;bew&auml;ltigung, Friedenssicherung und -f&ouml;rderung, aber auch Erinne-rungsarbeit Stellung - in au&szlig;erparlamentarischer und parlamentarischer Opposition, in einer Koalitionsfraktion und in verschiedenen beratenden Funktionen wie z.B. dem Beirat Zivile Krisenpr&auml;vention der Bundesregierung seit 2005.</p>
<p>Andauernde Grunderfahrungen waren dabei:</p>
<p>- Zivile Krisenpr&auml;vention findet seit etlichen Jahren wohl viel Zustimmung, aber trotz vieler praktischer Fortschritte zugleich erstaunlich wenig Aufmerksamkeit und aktives Interesse.</p>
<p>- Kriseneins&auml;tze werden fast nur als Milit&auml;reins&auml;tze wahrgenommen, obwohl sie seit mehr als zwanzig Jahren praktisch immer multidimensional angelegt sind, mit diplomatischen, zivilen und polizeilichen neben milit&auml;rischen Kr&auml;ften.</p>
<p>- Bei Mandatsdebatten im Bundestag dominiert ein Rechtfertigungsdiskurs. Ein seri&ouml;ser Wirkungsdiskurs kommt in der Regel zu kurz.</p>
<p>Heute geht es um M&ouml;glichkeiten und Grenzen gewaltfreier Politik in Extremsituationen: Wie l&auml;sst sich Schutz vor illegaler Gewalt m&ouml;glichst gewaltfrei realisieren? Den Veranstaltern danke ich ausdr&uuml;cklich, dass sie dieser Schl&uuml;sselfrage nicht ausweichen, sondern dazu externe Sachverst&auml;ndige eingeladen haben mit dem &bdquo;Risiko&ldquo;, dabei sachkundigen Widerspruch zu ernten. Zugleich m&ouml;chte ich aber klarstellen, dass es mir au&szlig;erhalb unserer heutigen Er&ouml;rte-rungen seit den 1990er Jahren best&auml;ndig darum geht, die Potenziale ziviler Krisenpr&auml;vention und Konfliktbearbeitung viel besser wahrzunehmen, zu kr&auml;ftigen und vor allem zu nutzen.<a title="" href="#_ftn3">[3]</a></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Gliederung</span></p>
<p>(1) Politische Schritte zur Weltinnenpolitik und Gegenstr&ouml;mungen</p>
<p>(2) Erfahrungen mit Internationalen Polizeimissionen: Was sollen und k&ouml;nnen sie?</p>
<p>(3) IPM als &auml;u&szlig;erstes Mittel zum Schutz vor Massen- und Kriegsgewalt?</p>
<p>(4) Do-No-Harm-Check</p>
<p>(5) Friedens- und sicherheitspolitische Priorit&auml;ten</p>
<p><strong>(1) Politische Schritte zur Weltinnenpolitik und Gegenstr&ouml;mungen</strong></p>
<p>Am 26. Juni j&auml;hrte sich zum 75. Mal die Unterzeichnung der UN-Charta durch 51 Staaten. Sieben Wochen nach der Beendigung des 2. Weltkrieges in Europa am 8. Mai gelobten die Unterzeichnerstaaten</p>
<ul>
<li>Schluss mit der Gei&szlig;el Krieg</li>
<li>Internationales Gewaltverbot</li>
<li>Friedliche Streitbeilegung</li>
<li>Friedenssicherung nur noch GEMEINSAM!</li>
</ul>
<p>Nach zwei Weltkriegen innerhalb 31 Jahren, binnen einer (!) Generation, und einem historisch einmaligen V&ouml;lkermorden war &nbsp;d i e&nbsp; politische Schlussfolgerung:</p>
<p>Die &Uuml;berwindung (zwischenstaatlicher) Kriege GEMEINSAM!</p>
<p>Das war ein Lichtblick der Menschheitsgeschichte, der seinen Niederschlag im Grundgesetz und in der europ&auml;ischen Einigung fand. Als Jahrgang 1946 hatte ich das Gl&uuml;ck, zur ersten Generationen in Europa zu geh&ouml;ren, die selbst keinen Krieg in Europa miterleben musste.</p>
<p>1973 traten die beiden deutschen Staaten den Vereinten Nationen bei. Vor der UN-Generalversammlung erinnerte der deutsche Au&szlig;enminister Walter Scheel an die Worte von US-Pr&auml;sident Kennedy: &bdquo;<em>In der Entwicklung dieser Organisation liegt die einzige Alternative zum Krieg.</em>&ldquo; Bundeskanzler Willy Brandt am selben Ort:</p>
<p><em>&bdquo;In einer Welt, in der zunehmend jeder auf jeden angewiesen ist und jeder von jedem abh&auml;ngt, darf Friedenspolitik nicht vor der eigenen Haust&uuml;r haltmachen. (&hellip;)</em></p>
<p><em>Vermittlung und Ausgleich in Streitf&auml;llen messen wir besondere Bedeutung zu. (&hellip;)</em></p>
<p><em>Das Stichwort von der &bdquo;vorbeugenden Konfliktforschung&ldquo;- die Voraussetzung der &bdquo;pr&auml;ventiven Diplomatie&ldquo; ist von der Einsicht gepr&auml;gt, dass es nicht mehr gen&uuml;gt, die sogenannten klassischen Motivierungen von Streitigkeiten zu untersuchen: (&hellip;) Hier gibt es neue und tiefere Aufgaben der Konfliktforschung. Lassen Sie es mich in der gebotenen Klarheit sagen: Not ist Konflikt. Wo Hunger herrscht, ist auf Dauer kein Friede. Wo bittere Armut herrscht, ist kein Recht. Wo die Existenz in ihren einfachsten Bed&uuml;rfnissen t&auml;glich bedroht bleibt, ist es nicht erlaubt, von Sicherheit zu reden. Gegen&uuml;ber der Not darf es keine Resignation geben. (&hellip;)</em></p>
<p><em>Der Kampf um den Frieden, der Kampf gegen die Not fordern das Bewusstsein, dass wir in der &bdquo;einen Welt&ldquo; zuletzt einem gemeinsamen Schicksal unterliegen.</em></p>
<p><em>Die F&auml;higkeit der Menschen zur Vernunft hat die Vereinten Nationen m&ouml;glich gemacht. Der Hang der Menschen zur Unvernunft macht sie notwendig. (&hellip;)&ldquo;<a title="" href="#_ftn4"><strong>[4]</strong></a></em></p>
<p>Wichtige strukturelle Fortschritte brachten wachsende Regionale Abmachungen (Regional-organisationen) wie die Afrikanische und die Europ&auml;ische Union (Kapitel VIII der VN-Charta).<a title="" href="#_ftn5">[5]</a></p>
<p>Eine Hochphase von Multilateralismus und Schritten in Richtung Weltinnenpolitik erlebte die Welt zwischen den 1970er Jahren und der Jahrtausendwende. In dieser Zeit verdreifachte sich die Zahl internationaler Vertr&auml;ge und nahm die Zahl internationaler Institutionen um mehr als zwei Drittel zu. In den 1990e Jahren fanden Weltkonferenzen zu Umwelt, Bev&ouml;lkerungs- und Menschenrechtsfragen statt.</p>
<p>2005 legte UN-Generalsekret&auml;r Kofi Annan der Generalversammlung den Bericht &bdquo;<em>In gr&ouml;&szlig;erer Freiheit: Auf dem Weg zu Entwicklung, Sicherheit und Menschenrechten f&uuml;r alle</em>&ldquo; vor: Ein umfassendes Konzept kollektiver Sicherheit, das staatliche und menschliche Sicherheit zusammenf&uuml;hrte und den Weg wies zu &bdquo;<em>Freiheit von Not, Freiheit von Furcht und Freiheit, in W&uuml;rde zu leben</em>&ldquo;. Die historische Friedenschancen und -herausforderungen illustrierte er mit der globalen Erfahrung der letzten 15 Jahre: In diesem Zeitraum seien so viele B&uuml;rgerkriege durch Verhandlungen (vor allem mit UN-Unterst&uuml;tzung) zu Ende gebracht worden wie in 200 Jahren zuvor nicht. Aber: Binnen f&uuml;nf Jahren war die H&auml;lfte der Konflikt-l&auml;nder wieder zur&uuml;ck in die Gewalt gerutscht. Dieses Schl&uuml;sseldokument globaler umfassender Sicherheit wurde damals in Deutschland kaum wahrgenommen, hat aber bis heute nicht an Aktualit&auml;t verloren.<a title="" href="#_ftn6">[6]</a></p>
<p><strong>Massive Gegenstr&ouml;mungen&nbsp; zu Multilateralismus und Weltinnenpolitik</strong> formierten sich seit dem vorigen Jahrzehnt: Stark zugenommen hat die Zahl der M&auml;chte und autorit&auml;ren Machthaber, die egozentrische Interessen r&uuml;cksichts- und skrupellos durchsetzen, die dabei auf internationale Regeln und &Ouml;ffentlichkeit, auf Dialog, Zusammenarbeit und internationale Institutionen pfeifen und auf das &bdquo;Recht des St&auml;rkeren&ldquo;, ggfs. auf Gewaltl&ouml;sungen, setzen. Viele dieser M&auml;chte verfolgen offensichtlich das Ziel, liberale L&auml;nder zu schw&auml;chen und multilaterale Allianzen zu spalten. Internationale Konferenzen und Gipfeltreffen enden inzwischen h&auml;ufiger ohne Abschlusserkl&auml;rungen. Fr&uuml;her war das die Ausnahme.</p>
<p>In der OSZE mit ihren 57 Mitgliedsstaaten und ihrem Einstimmigkeitsprinzip zeigt sich dieser Trend besonders deutlich, wo der Ministerrat seit 2003 keine umfassende OSZE-Erkl&auml;rung mehr zustande brachte und 2015 der Schlussbericht einer Hochrangigen Expertengruppe zentrale Dissense benannte. Seit Monaten sind vier F&uuml;hrungspositionen der OSZE unbesetzt. Vertrauensverluste, polarisierte Interessen, gegenseitige Vorw&uuml;rfe (eine Atmosph&auml;re wie im Kalten Krieg, hei&szlig;t es) haben zur Folge, dass die OSZE ihr konfliktverh&uuml;tendes Potenzial nur sehr wenig aussch&ouml;pfen kann.</p>
<p>Wo strategische Rivalit&auml;ten und eine konfrontative Multipolarit&auml;t nach vorne dr&auml;ngen, sind Multilateralismus und Bem&uuml;hungen um mehr Weltinnenpolitik in schwerer See. Multilaterale Politik steht zum Beispiel vor dem Dilemma, dass Trump und Putin aggressiv auf die Schw&auml;chung der EU bzw. der UN hin wirken und dass ihre L&auml;nder zugleich bei der L&ouml;sung zentraler internationaler Konflikte unverzichtbar sind.</p>
<p>Zusammengefasst: Es besteht alle Veranlassung zu einer ungesch&ouml;nten und n&uuml;chternen Weltsicht (einschlie&szlig;lich glaubw&uuml;rdige Selbstkritik), ohne dabei in pauschales Freund-Feind-Denken zu verfallen. Und umso mehr kommt es darauf an, vorhandene Chancen zu erkennen, zu nutzen &ndash; und nicht wie so oft zu verspielen.</p>
<p><strong>(2) Stellenwert von Internationalen Polizeimissionen bei multilateraler Gewaltverh&uuml;tung und Friedensf&ouml;rderung</strong></p>
<p>Banal, aber zu wenig bewusst ist die Tatsache, dass es keinen Generalschl&uuml;ssel und kein Allheilmittel zur Vorbeugung, Eind&auml;mmung und &Uuml;berwindung von Gewaltkonflikten gibt. Komplexe Konflikte brauchen multidimensionale und m&ouml;glichst koh&auml;rente Antworten. Breit und vielf&auml;ltig ist das Spektrum an Instrumenten, Ma&szlig;nahmen und Ans&auml;tzen, die hierbei kontext- und situationsabh&auml;ngig zum Einsatz kommen k&ouml;nnen. Kein Land, kein diplomatischer, ziviler oder milit&auml;rische Akteur schafft es allein.</p>
<p>Mit den Balkankriegen&nbsp; in den 1990er Jahre schoben sich innerstaatliche Gewaltkonflikte in in den Vordergrund, Traditionelle Au&szlig;en- und Entwicklungspolitik und ein Milit&auml;r der Landes- und B&uuml;ndnisverteidigung stie&szlig;en hierbei an ihre Grenzen. Auf dem Feld der Zivilen Krisenpr&auml;vention wuchsen neue Instrumente, F&auml;higkeiten und Ans&auml;tze &ndash; in Deutschland mit dem Zentrum Internationale Friedenseins&auml;tze/ZIF, dem Zivilen Friedensdienst/ZFD, mit dem Programm zivik zur weltweiten F&ouml;rderung von Akteuren und Projekten der zivilen Konfliktbearbeitung, Internationalen Polizeimissionen (IPM) und dem Aktionsplan &bdquo;Zivile Krisenpr&auml;vention, Konfliktl&ouml;sung und Friedenskonsolidierung&ldquo; der Bundesregierung von 2004. Am UN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Hammelburg begannen Lehrg&auml;nge f&uuml;r Eins&auml;tze im Rahmen von UN-Missionen, die mit Zustimmung der Konfliktparteien Kriegsgewalt verhindern und Peacebuilding absichern sollen. UN-Soldaten m&uuml;ssen deshalb &bdquo;blaue&ldquo; F&auml;higkeiten entwickeln, bei denen Vertrauensbildung, Deeskalation, Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit und Schutz der Zivilbev&ouml;lkerung eine zentrale Rolle spielen.</p>
<p><strong>Die Polizeikomponente bei UN-Missionen</strong> gewann seit den 1990er Jahren immer mehr an Bedeutung: Von 35 VN-Polizisten im Jahr 1988 wuchs ihre Zahl auf 7.400 in 2006 und auf 12.500 in 2015. Seit einigen Jahren geht die Gesamtst&auml;rke der UN-Missionen (zzt. 13 Peacekeeping und neun Special Political Missions) etwas zur&uuml;ck. Ende August 2020 waren von den insgesamt 81.820 VN-Uniformierten &nbsp;8.890 VN-PolizistInnen aus 78 L&auml;ndern, davon rund ein Viertel Individual Police und drei Viertel in Formed Police Units (FPU). Diese milit&auml;rnahen Polizeieinheiten k&ouml;nnen auch in Risikogebieten eingesetzt werden.</p>
<p>Deutschland beteiligt sich erstmalig 1989/90 an Internationalen Polizeimissionen beim &nbsp;Unabh&auml;ngigkeitsprozess Namibias an der (erfolgreichen) UNTAG-Mission. 1994-96 folgte die Teilnahme an der WEU-Mission in Mostar, 1996-2012 an Missionen der UN bzw. EU in Bosnien &amp; Herzegowina, ab 1999 an der UNMIK Police im Kosovo. 2002 startete in Afghanistan das bilaterale German Police Project Bureau bzw. Team, das seit der Zerst&ouml;rung der Logistikbasis Green Village im September 2019 in Kabul kaum noch arbeitsf&auml;hig ist.</p>
<p>Im Jahr 2002 standen &uuml;ber 500 deutsche PolizistInnen in internationalen Missionen, davon &uuml;ber 300 mit exekutiver Funktion im Kosovo. Anfang 2015 befanden sich 133 deutsche PolizistInnen in Friedenseins&auml;tzen, davon 19 in UN-Missionen, 68 in EU-Missionen und 46 im GPPT. Im September 2020 erreichte die deutsche Beteiligung an Internationalen Polizeimissionen (ohne FRONTEX) mit 54 Beamten, davon 10 bei der UN, 23 bei der EU und 21 beim GPPT ihren absoluten Tiefpunkt. Deutschland stellt nur Individual Police und keine geschlossenen Einheiten.</p>
<p>Internationale Polizeimissionen sollen in (Post-)Conflict-Situationen zur &ouml;ffentlichen Sicherheit und Ordnung beitragen, den Aufbau einer effektiven und vertrauensw&uuml;rdigen Polizei im Kontext von Sicherheitssektorreformen unterst&uuml;tzen und damit ein rechtsstaatliches Gewaltmonopol f&ouml;rdern. Als Br&uuml;cke zu nachhaltiger und zunehmend rechtsstaatlicher Sicherheit haben sie eine strategische Schl&uuml;sselrolle</p>
<p>Durch l&auml;ngere Stehzeiten in den Einsatzgebieten hatten IPM-PolizistInnen oftmals die Chance von mehr Bev&ouml;lkerungsn&auml;he und Konfliktverst&auml;ndnis, insbesondere dann, wenn die Sicherheitslage ein Wohnen unter den Menschen erlaubte (wie teilweise bei den Balkan-eins&auml;tzen).</p>
<p>Internationale Polizei wirkt im Rahmen des vernetzten bzw. integrierten Ansatzes mit dem UN-mandatierten bzw. UN-gef&uuml;hrten Milit&auml;r zusammen. Besonders dicht war diese zivil-milit&auml;rische Zusammenarbeit bei der Ausbildungsunterst&uuml;tzung f&uuml;r die afghanische Polizei in den Distrikten (&bdquo;Focused District Development&ldquo;): Die deutschen Police Mentoring Teams bestanden jeweils aus vier Polizisten, vier Feldj&auml;gern und f&uuml;nf Bundeswehrsoldaten als Schutzkomponente. Zeitweilig &uuml;bernahmen Feldj&auml;ger Ausbildungsabschnitte, weil es an Polizeiausbildern mangelte. Zumindest au&szlig;erhalb der Hauptstadt stellten milit&auml;rische Feldlager die logistische Basis sowie Sicherheitsunterst&uuml;tzung in Bedrohungslagen. Ohne den R&uuml;ckhalt der Bundeswehrkontingente w&auml;ren die deutschen Polizeiausbilder und &ndash;berater in Nordafghanistan zumindest ab 2007 nicht handlungs- und &uuml;berlebensf&auml;hig gewesen.</p>
<p>Auf der taktischen Ebene wurde die polizeilich-milit&auml;rische Zusammenarbeit durchweg als professionell und pragmatisch beurteilt.</p>
<p><strong>Wirksamkeit und Leistung</strong>: Inwieweit Internationale Polizeimissionen und &ndash;projekte Fortschritte in Richtung einer rechtsstaatlichen und b&uuml;rgernahen Polizei erreichen, ist schwer zu beurteilen. Beim neuen Fachgebiet &bdquo;Internationale polizeiliche Beziehungen&ldquo; an der Deutschen Hochschule der Polizei in M&uuml;nster ist die Evaluation von IPM ein Schwerpunktprojekt. Vor dem Hintergrund meiner Dutzenden Besuche bei deutschen Polizisten in internationalen Eins&auml;tzen seit 1996 wage ich dennoch ein Zwischenfazit:</p>
<p>Immer wieder berichteten PolizistInnen von deutlichen Ausbildungsfortschritten, auch bei oft sehr schwierigen Ausgangsbedingungen. Die deutschen Berater begegneten ihren afghani-schen Kollegen auf gleicher Augenh&ouml;he ohne Besserwessi-Arroganz. Die Polizeiaufbauhilfen in Bosnien &amp; Herzegowina und im Kosovo, an denen deutsche Polizei ma&szlig;geblich beteiligt waren, gelten als relative Erfolgsgeschichten, soweit es um allgemeine Sicherheit und &bdquo;normale&ldquo; Kriminalit&auml;tsbek&auml;mpfung ging. Sie fanden ihre Grenzen auf der Ebene der Organisierten Kriminalit&auml;t und Korruption, die bis heute in h&ouml;chste Kreise reicht. Nichtsdestoweniger hatte ich schon 2004 den begr&uuml;ndeten Eindruck, dass deutsche PolizistInnen in IPM &bdquo;Diamanten deutscher Au&szlig;enpolitik&ldquo; seien.<a title="" href="#_ftn7">[7]</a> Der Eindruck hat sich gehalten.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund verwundert es keineswegs, dass deutsche Polizisten bei UN und UN-Mitgliedern bei IPM sehr gesch&auml;tzt und nachgefragt sind.</p>
<p>Dass die Bundesregierung diesem hohen Bedarf nur sehr unzureichend nachkommt, liegt nicht an einem Mangel an Freiwilligenmeldungen. Die gibt es zur Gen&uuml;ge. Und viele der PolizistInnen, die an einer Mission teilnahmen, bewerben sich f&uuml;r weitere Eins&auml;tze.</p>
<p>Entsendehindernisse liegen erstens bei Beh&ouml;rdenleitern, die angesichts steigender Anforde-rungen an Innere Sicherheit und fehlendem Verst&auml;ndnis f&uuml;r Sinn und Nutzen von Auslands-eins&auml;tzen Beamte nicht &bdquo;freigeben&ldquo;. Die einzelnen L&auml;nderinnenminister zeigen eine recht unterschiedliche Entsendebereitschaft. Und in der Bundesregierung fehlt ein politischer Ort, der treibende Kraft bei der St&auml;rkung der deutschen IPM-Beteiligung w&auml;re. Im Bundestag gibt es inzwischen wohl allj&auml;hrlich eine Debatte zum IPM-Bericht der Bundesregierung. Aber schon in den Mandatsdebatten zu deutschen Auslandseins&auml;tzen finden die Polizeikompo-nenten fast nie Erw&auml;hnung. Einzig der Unterausschuss Zivile Krisenpr&auml;vention und vernetzter Ansatz k&uuml;mmert sich seit Jahren um das Thema.<a title="" href="#_ftn8">[8]</a> Der strategisch bedeutsame, krisenpr&auml;ven-tive Ansatz von Internationalen Polizeimissionen braucht dringend eine politische Lobby!</p>
<p><strong>(3) IPM als &auml;u&szlig;erstes Mittel zum Schutz vor Massen- und Kriegsgewalt?</strong></p>
<p>Das Szenario &bdquo;<em>Sicherheit neu denken. Von der milit&auml;rischen zur zivilen Sicherheitspolitik</em>&ldquo; von 2018 empfiehlt, <em>UN-Friedensmissionen generell als Polizeieins&auml;tze zu organisieren. Diese &bdquo;sollen in allen F&auml;llen zwischenstaatlicher Konflikte und bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Schutz der unmittelbar betroffenen Menschen eingesetzt werden.&ldquo; (S. 71) Dasselbe soll f&uuml;r Regionalorganisationen gelten, z.B. die OSZE: Eine gesamteurop&auml;ische UN-Polizei unter dem Dach der OSZE soll &bdquo;dank ihrer st&auml;ndigen Einsatzbereitschaft ebenso schnell und durchsetzungsstark (sein), wie man es fr&uuml;her nur von Armeeverb&auml;nden kannte.&ldquo;</em> (S. 61)</p>
<p>Eine Bemerkung vorab: In Deutschland ist der Ansatz des Zivilen Peacekeeping (Unarmed Civilian Protection) wenig bekannt. Auf einer Tagung des Bundes f&uuml;r Soziale Verteidigung im November 2014 wurde deutlich, dass es zu ZPK inzwischen reiche und auch ermutigende Erfahrungen gibt und dass seine Akteure unter bestimmten Voraussetzungen Zivilbev&ouml;l-kerung sehr wohl vor Gewaltakteuren sch&uuml;tzen k&ouml;nnen.<a title="" href="#_ftn9">[9]</a> Der Ansatz des ZPK verdient deutlich mehr Beachtung und Unterst&uuml;tzung.</p>
<p>K&ouml;nnen also Polizeikr&auml;fte, die auch in Methoden der Zivilen Konfliktbearbeitung ausgebildet sein sollen, generell einen umfassenden Schutzauftrag bei zwischen- und innerstaatlichen Konflikten verl&auml;sslich erf&uuml;llen? K&ouml;nnen sie milit&auml;rische Kr&auml;fte v&ouml;llig ersetzen? Ich m&ouml;chte das an Gewaltkonflikten &uuml;berpr&uuml;fen, die mir n&auml;her begegnet sind.</p>
<p>- <strong>Kosovo 2004</strong>: Im M&auml;rz 2004 f&uuml;hrten im Kosovo landesweite, hochorganisierte Demon-strationen zu einer Gewaltexplosion mit 19 Toten, rund 4.500 Vertriebenen und der Zerst&ouml;rung von zehn serbisch-orthodoxen Sakralbauten allein in Prizren. Die internationalen UNMIK-Polizisten konnten ihren polizeilichen Schutzauftrag nicht erf&uuml;llen und gerieten vielfach in lebensbedrohliche Situationen, weil KFOR-Verb&auml;nde ihren milit&auml;rischen Schutzauftrag nicht wahrnahmen.<a title="" href="#_ftn10">[10]</a></p>
<p>- <strong>Srebrenica 1995</strong>: Am 16. April 1993 erkl&auml;rte der UN-Sicherheitsrat das ostbosnische Bergbaust&auml;dtchen Srebrenica zur ersten UN-Schutzzone der Welt. Wo vorher 9.000 Einwohner gelebt hatten, dr&auml;ngten sich jetzt 60.000 muslimische Zivilisten. Am 6. Juli begannen serbische Kr&auml;fte mit dem Beschuss eines UN-Beobachterpostens im S&uuml;den der Enklave. Ab 10. Juli schossen serbische Gesch&uuml;tze und M&ouml;rser auf den H&ouml;hen Granaten in das im Tal liegende Srebrenica. Serbische Soldaten nahmen 30 niederl&auml;ndische UN-Soldaten als Geiseln.&nbsp; Vier Mal lehnten h&ouml;here UNPROFOR-Kommandeure Anforderungen von Luftangriffen aus der Enklave ab. Am 11. Juli erreichen zwei niederl&auml;ndische NATO-Flugzeuge Srebrenica. Nach dem Abwurf einer Bombe und mehreren Show-of-Force-&Uuml;berfl&uuml;gen drehten die Maschinen wieder ab. Keine zwei Stunden sp&auml;ter marschierten serbische Kr&auml;fte in Srebrenica ein. Die schwach bewaffneten niederl&auml;ndischen Blauhelme werden bestohlen, entwaffnet, waren wehrlos. Am 12. Juli begannen die serbischen Kr&auml;fte mit der Evakuierung von Frauen und Kindern, mit Selektionen und Morden an m&auml;nnlichen Muslimen. In den Folgetagen werden insgesamt 8.000 muslimische M&auml;nner und Jungen ermordet. Der amerikanische Journalist David Rohde hat dazu 1997 den Tag-f&uuml;r-Tag-Bericht &bdquo;Die letzten Tage von Srebrenica&ldquo; verfasst.<a title="" href="#_ftn11">[11]</a></p>
<p>- <strong>Sarajevo 1996</strong>: Im Oktober 1996 besuchte ich mit einer Spitzendelegation von gr&uuml;ner Partei und Fraktion das kriegszerst&ouml;rte Bosnien. Als wir am Hang oberhalb von Sarajevo an einer Stelle standen, von wo die Belagerer mehr als drei Jahre immer wieder in die Stadt gefeuert und um 10.000 Menschen, zum gro&szlig;en Teil Zivilisten, get&ouml;tet hatten, da konnte ich, konnten wir einer nicht nur mir unangenehmen Erkenntnis nicht mehr ausweichen: Es gibt Situationen, wo zum Schutz von Zivilbev&ouml;lkerung vor organisierter Massengewalt der Einsatz von Milit&auml;r &uuml;berlebensnotwendig, legitim und verantwortbar sein&nbsp; k a n n. Die Schl&uuml;sselerfahrungen dieses Bosnienbesuches waren ein wesentlicher Ansto&szlig;, dass sich danach bei der gr&uuml;nen Bundestagsfraktion und Partei die Haltung zu Milit&auml;reins&auml;tzen im Rahmen kollektiver Friedenssicherung im Auftrag der UN verschob.</p>
<p><strong>Der Milizenterror in Ostkongo<a title="" href="#_ftn12"><strong>[12]</strong></a>, der deutsche Vernichtungskrieg</strong> in Polen, dem Baltikum, Belarus, der Sowjetunion sowie die Sowjetokkupation der baltischen Staaten sind weitere F&auml;lle exzessiver Gewalt und Staatsverbrechen, die mir bei Besuchen vieler Tatorte und Begegnungen mit &Uuml;berlebenden seit 1988 nahe gekommen sind.<a title="" href="#_ftn13">[13]</a> Alle diese trauma-tischen Gewalterfahrungen werden im Szenario &bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; ausgeblendet.</p>
<p>Wo wie in den oben geschilderten F&auml;llen Friedensst&ouml;rer M&ouml;rser, Artillerie, Maschinenge-wehre (und inzwischen auch Selbstbau-Drohnen) gegen Zivilbev&ouml;lkerung einsetzen, wo es um akute Gro&szlig;gefahrenabwehr geht, kommt herk&ouml;mmliche Polizei an ihre Grenzen. In solchen Konfliktlagen w&auml;re sie weder durchsetzungs- noch &uuml;berlebensf&auml;hig.</p>
<p>Bei zwischenstaatlichen Gewaltkonflikten w&uuml;rden sich Streitkr&auml;fte mit gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen gegen&uuml;berstehen. (Im S&uuml;dchinesischen Meer, im &Ouml;stlichen Mittelmeer und in Nahost wachsen zwischenstaatliche Konfrontationen.)</p>
<p>In solchen realistischen, weltweit allt&auml;glichen Szenarien w&auml;re der Einsatz von Polizeikr&auml;ften v&ouml;llig illusion&auml;r und h&ouml;chst verantwortungslos. Polizei w&auml;re nur dann durchsetzungsf&auml;hig, wenn sie umfassend militarisiert w&uuml;rde. Das w&auml;re von dem Trend &bdquo;<em>Polizei in Deutschland wird zunehmend milit&auml;r&auml;hnlich ausger&uuml;stet</em>&ldquo; in den beiden Negativ-Szenarien von &bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; kaum noch zu unterscheiden. Eine solche Militarisierung der Polizei w&auml;re mit dem in Deutschland und vielen anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern herrschenden Verst&auml;ndnis von ziviler B&uuml;rgerpolizei nicht vereinbar. Mir ist keine Polizeistimme bekannt, die eine solche Kehrtwende bef&uuml;rworten w&uuml;rde.</p>
<p><strong>(4) Do-No-Harm-Check</strong></p>
<p>Vor allem im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit, ziviler Krisenpr&auml;vention und Friedensf&ouml;rderung ist die Vermeidung ungewollter kontraproduktiver Nebenwirkungen ein zentrales Kriterium.</p>
<p><strong>Multilateralismus, Wachstum von Weltinnenpolitik</strong> brauchen</p>
<p>- gemeinsame Wahrnehmung und Verst&auml;ndigung von Bedrohungen und Herausforderungen;</p>
<p>- gemeinsame Normen und Regeln f&uuml;r gemeinsame Sicherheit, dabei elementar sind Gegen-seitigkeit, Verl&auml;sslichkeit, faire Lastenverteilung (burden sharing);</p>
<p>- gemeinsame Institutionen, Instrumente und Kr&auml;fte.</p>
<p>&bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; zielt unausgesprochen auf die Abschaffung des Art. 87a des Grundgesetzes (&bdquo;Der Bund stellt Streitkr&auml;fte zur Verteidigung auf&ldquo;). Das kann man als Individuum oder Gruppe selbstverst&auml;ndlich meinen und wollen.</p>
<p>Eine Politik in staatlicher Verantwortung muss aber die Schutzpflicht gegen&uuml;ber der eigenen Bev&ouml;lkerung wahrnehmen sowie die Sichtweisen anderer Nationen und die mutma&szlig;lichen Folgen der eigenen Politik mitbedenken.</p>
<p>Das Ansinnen von &bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; nimmt keine R&uuml;cksicht auf die kollektiven Erfahrungen der europ&auml;ischen Nachbarn ab 1938 ff.: Sie waren zun&auml;chst wehrlos dem beispiellosen deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg ausgesetzt und erlitten beim Kampf gegen die deutschen Angreifer und f&uuml;r die Befreiung Europas f&uuml;rchterliche Verluste. 1945 m&uuml;ndete ihr &bdquo;Nie wieder!&ldquo; nicht in prinzipiellen Pazifismus, sondern in Systemen kollektiver Sicherheit: &bdquo;Nie mehr wehrlos sein, nie mehr allein!&ldquo; Dass innerhalb einiger Jahrzehnte die Nachkommen der Wehrmachtsgeneration zu einem unverzichtbaren Verb&uuml;ndeten wurden, auf den sich kleinere Nachbarn abst&uuml;tzen, ist ein enormer Vertrauensbeweis und grenzt an ein historisches Wunder.</p>
<p>Die Absage an die milit&auml;rische Komponente von Sicherheitspolitik bedeutet im Klartext eine kategorische Absage an die Fundamente kollektiver Sicherheit, das gemeinsame Beistands-versprechen und die Verl&auml;sslichkeit, niedergelegt in den Artikeln 2 (5), 43 (1), 45, 49, 51 der UN-Charta, Art. 5 NATO-Vertrag und Art. 42 (7) Vertrag von Lissabon.</p>
<p>Ein faktisch vor allem deutscher Alleingang w&uuml;rde den Lebensnerv von Systemen kollektiver Sicherheit treffen und die europ&auml;ische Integration in einem Kernbereich h&ouml;chst wahrschein-lich sprengen. Ich sehe null Anhaltspunkt und Chancen, dass europ&auml;ische Verb&uuml;ndete, deren Verteidigungsf&auml;higkeit auf die deutschen milit&auml;rischen Kapazit&auml;ten angewiesen ist, einen solchen Alleingang billigen k&ouml;nnten. Schweden, das im Szenario 2040 zusammen mit den Niederlanden und &Ouml;sterreich den deutschen Kurs mitgehen w&uuml;rde, f&uuml;hrte 2017 die 2010 abgeschaffte Wehrpflicht wieder ein.</p>
<p><strong>Innenpolitische Wirkungen</strong>: &bdquo;Sicherheit neu denken&ldquo; will eine z&uuml;gige Aufl&ouml;sung der Bundeswehr mit ihren zzt. 184.000 aktiven Soldaten (davon 54.000 Berufssoldaten), 81.000 Zivilbesch&auml;ftigten und 30.000 Reservisten. Die pauschale Abwertung der Bundeswehrange-h&ouml;rigen, ihrer sicherheitspolitischen Orientierungen und Leistungen w&uuml;rde auch Millionen ehemaliger Soldaten und ihre Angeh&ouml;rigen treffen. Verbunden mit unausgegorenen Konver-sionsideen (&Uuml;berf&uuml;hrung von Bundeswehrangeh&ouml;rigen in die Polizei und ein internationales THW) w&auml;ren damit erhebliche innenpolitische Verwerfungen vorprogrammiert. Aktive und ehemalige Bundeswehrangeh&ouml;rige, die in Aus&uuml;bung ihres Diensteides und Ausf&uuml;hrung von Parlamentsbeschl&uuml;ssen erhebliche Belastungen, Risiken und auch Opfer auf sich genommen haben, w&uuml;rden die Abschaffung ihres ganzen Berufes als Kampagne der aktiven Ausgrenzung wahrnehmen. Die schon heute in Bundeswehrkreisen und vor allem bei Einsatzr&uuml;ckkehrern verbreitete Wahrnehmung mangelnder Anerkennung durch Politik und Gesellschaft w&uuml;rde damit auf die Spitze getrieben. Das w&auml;re ein gefundenes Fressen f&uuml;r die Rechtsparteien, die sich heute gro&szlig;m&auml;ulig als &bdquo;F&uuml;rsprecher von Soldaten und Polizisten&ldquo; geben und damit erste erkennbare Wirkung erzielen.</p>
<p>In der Bundeswehr gibt es so viele rechtsstaatlich- und friedensorientierte Soldaten, so viel an interkultureller Kompetenz wie nie zuvor in der deutschen Geschichte und wie in nur wenigen anderen L&auml;ndern. Dieses Potenzial zu ignorieren und nicht friedenspolitisch anzusprechen, sondern Hunderttausende Staatsb&uuml;rger in Uniform faktisch ins gesellschaftliche Abseits zu dr&auml;ngen, w&auml;re ein strategischer Fehler sondergleichen. Gravierende kontraproduktive Wirkungen auf die innenpolitischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse w&auml;ren absehbar.</p>
<p>Bef&uuml;rwortern einer <span style="text-decoration: underline;">auch</span> milit&auml;rgest&uuml;tzten Friedens- und Sicherheitspolitik, die sich voll im Rahmen des Grundgesetzes und der VN-Charta bewegen, wird pauschal vorgeworfen, sie w&uuml;rden einem &bdquo;Mythos der Wirksamkeit von Gewalt&ldquo; anh&auml;ngen, wonach &bdquo;Gewalt &acute;das B&ouml;se` und damit die Bedrohung beseitigen&ldquo; k&ouml;nne. (S. 7) Dies ist ein Zerrbild, das zumindest f&uuml;r die Masse der Milit&auml;rangeh&ouml;rigen (insbesondere die Einsatzerfahrenen), wie f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit der SicherheitspolitikerInnen in Deutschland und vielen anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern nicht zutrifft. Eine solche stark moralisch aufgeladene Abwertung politischer Kontrahenten droht, den dringend notwendigen Dialog &uuml;ber Alternativen von Sicherheits-politik von vorneherein zu blockieren statt zu befl&uuml;geln. Das d&uuml;rfte niemand wollen!</p>
<p><strong>(5) Friedens- und sicherheitspolitische Priorit&auml;ten</strong></p>
<p>- Wo Multilateralismus, V&ouml;lker- und Menschenrechte enorm unter Druck stehen und auf verschiedenen Ebenen Verwilderung um sich greift, gilt umso mehr, die <strong>Normen und Erfahrungen der UN</strong> ernst zu nehmen und ihre Potenziale bestm&ouml;glich zu nutzen, in Wort <span style="text-decoration: underline;">und</span> &nbsp;vor allem Tat. (Bei aller Unvollkommenheit der UN: Heutzutage w&uuml;rden sich die Staaten der Welt l&auml;ngst nicht mehr auf eine Charta wie 1945 einigen k&ouml;nnen!)</p>
<p>- Angesichts der H&auml;ufung von Krisen und Konflikten, angesichts der Schnelligkeit destruk-tiver Prozesse und der Langwierigkeit konstruktiver Prozesse kommt es auf dem Feld der &ndash; vor allem zivilen &ndash; <strong>Krisenpr&auml;vention</strong> darauf an, <strong>endlich schneller besser zu werden</strong>. Die daf&uuml;r notwendigen F&auml;higkeiten (Analyse, Krisenfr&uuml;herkennung, zivile(s) Pr&auml;ventionskr&auml;fte/ Peacekeeping, Mediation, Rule of Law, Internationale Polizeimissionen, Sicherheitssektor-reform etc.) m&uuml;ssen bedarfsorientiert und planm&auml;&szlig;ig auf der Zeitachse gest&auml;rkt werden. Die Beteiligung an Internationalen Polizeimissionen braucht eine politische Lobby, das Feld der Zivilen Krisenpr&auml;vention eine &ouml;ffentlichkeitswirksame Kommunikation.</p>
<p>- Die Grunderfahrung &bdquo;<strong>Keiner schafft`s allein</strong>&ldquo;, das Zusammenwirken f&uuml;r gemeinsame Ziele, muss viel mehr zwischen den Nationen, Ressorts, verschiedenen staatlichen und zivilgesell-schaftlichen Akteuren ausgebildet, ge&uuml;bt und praktiziert werden. Verbreitete Vorurteile gegen&uuml;ber &bdquo;den anderen&ldquo; k&ouml;nnten dabei &uuml;berpr&uuml;ft und abgebaut werden. Nicht selten anzutreffende friedens- oder sicherheitspolitische Alleinvertretungsanspr&uuml;che sind nicht begr&uuml;ndbar, aber sch&auml;dlich.</p>
<p>- Deutsche Beitr&auml;ge zu multinationaler Krisenbew&auml;ltigung und Friedensf&ouml;rderung m&uuml;ssen <strong>wirkungsorientiert</strong> sein und auf ihre Wirksamkeit hin unabh&auml;ngig evaluiert werden. Allzu oft dominiert Symbolpolitik.</p>
<p>- In Krisen- und Konfliktregionen stehen Risiken und Bedrohungen im Vordergrund. Um diesen nicht nur immer reaktiv hinterher zu laufen, ist eine <strong>Chancenorientierung</strong> erforder-lich: Die systematische Identifizierung und Unterst&uuml;tzung von im Sinne der Krisenbew&auml;lti-gung und Friedensf&ouml;rderung konstruktiven Traditionen, Strukturen, Akteuren und Prozessen. Ein wichtiger Nebeneffekt von Chancenorientierung ist, dass sie angesichts der Problem-gebirge von Konfliktl&auml;ndern mit dem Blick auf Menschen, ihre (Fort-)Schritte und Wege ermutigen wirken kann. Regelm&auml;&szlig;ig erlebe ich das bei R&uuml;ckkehrer-Veranstaltungen von PolizistInnen aus Internationalen Missionen, von Friedensfachkr&auml;ften des ZFD und beim Tag des Peacekeepers: Hartn&auml;ckig und gemeinsam f&uuml;r mehr Frieden in unfriedlichen Zeiten!</p>
<p><em>(Zum Abschluss der Klausurtagung bedankte ich mich ausdr&uuml;cklich f&uuml;r die offene, ruhige und produktive&nbsp; Gespr&auml;chsf&auml;higkeit.)</em></p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Erg&auml;nzend</span></strong></p>
<p>Materialienliste zu Weltinnenpolitik und Internationaler Polizei, 09/2020, 7 Seiten:</p>
<p>- VN- und Friedens- &amp; Sicherheitspolitik allgemein</p>
<p>- Kriseneins&auml;tze</p>
<p>- Internationale Polizeieins&auml;tze/-missionen</p>
<p>- Kriegsgeschichte</p>
<div><br clear="all" /><hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> MdB 1994-2009, Mitglied des Beirats Zivile Krisenpr&auml;vention und Friedensf&ouml;rderung der Bundesregierung, des Beirats Innere F&uuml;hrung/Verteidigungsministerium, im Vorstand der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r die Vereinten Nationen, im Vorstand von &bdquo;Gegen Vergessen &ndash; F&uuml;r Demokratie&ldquo;, in der AG &bdquo;Gerechter Friede&ldquo; von Justitia et Pax, in der BAG Frieden + Internationales von B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Ralf Becker, Stefan Maa&szlig;, Christoph Schneider-Harpprecht (Hg), Sicherheit neu denken. Von der milit&auml;rischen zur zivilen Sicherheitspolitik &ndash; Ein Szenario bis zum Jahr 2040, Karlsruhe 20919, <a href="https://www.ekiba.de/html/content/szenario_sicherheit_neu_denken.html">https://www.ekiba.de/html/content/szenario_sicherheit_neu_denken.html</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> W. Nachtwei, Zivile Konfliktbearbeitung im Kontext vernetzter Sicherheit<strong>, </strong>in: Ines-Jacqueline Werkner/Heinz-G&uuml;nther Stobbe (Hrsg.), Friedensethische Pr&uuml;fsteine ziviler Konflikt-bearbeitung, Wiesbaden 2020, S. 109-130, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1622">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1622</a></p>
<p>W.N., Zeitzeugen der Krisenpr&auml;vention: Nutzt das Potenzial der Friedensmacher, PeaceLab-Blog November 2019, <a href="https://peacelab.blog/2019/11/zeitzeugen-der-krisenpraevention-nutzt-das-potential-der-friedensmacher">https://peacelab.blog/2019/11/zeitzeugen-der-krisenpraevention-nutzt-das-potential-der-friedensmacher</a> &nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> W.N., Bericht vom Festakt zur Aufnahme der BRD und DDR in die VN vor 40 Jahren, 18.09.2013, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=99&amp;aid=1238">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=99&amp;aid=1238</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Manuela Scheuermann, Weltinnenpolitik gemeinsam gestalten: Die Vereinten Nationen und Regionalorganisationen, in: Sicherheit + Frieden 4/2019, S. 180 ff.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref6">[6]</a> Ausz&uuml;ge des Berichts von Kofi Annan in: Kofi Annan ist tot, August 2018,&nbsp; <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=86-122&amp;aid=1547">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=86-122&amp;aid=1547</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref7">[7]</a> W.N., Bericht von der Feier &bdquo;10 Jahre Auslandseins&auml;tze der NRW-Polizei&ldquo; im Juni 2004, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=77%2B81&amp;aid=507">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=77%2B81&amp;aid=507</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref8">[8]</a> W,N., Internationale Polizeimissionen als Element deutscher Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik<strong>,</strong> in: &bdquo;Handbuch Polizei-Management&ldquo;, hrsg. von J&uuml;rgen Stierle, Dieter Wehe, Helmut Siller, Springer Gabler M&auml;rz 2017, S. 123 ff., <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1459">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1459</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref9">[9]</a> W.N., Ist ziviles Peacekeeping eine Alternative zu Milit&auml;reins&auml;tzen? Referat bei der Fachtagung &bdquo;Ziviles Peacekeeping&ldquo; des Bundes f&uuml;r Soziale Verteidigung&ldquo; am 1. November 2014 in Berlin, Dokumentation Januar 2015,&nbsp; <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1338">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1338</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref10">[10]</a> W.N., Polizeimissionen auf dem Balkan &ndash; Gewaltexplosion im Kosovo, Reisebericht M&auml;rz 2004, <a href="downloads/civpol_eu_un_04_2004.pdf">http://nachtwei.de/downloads/civpol_eu_un_04_2004.pdf</a></p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref11">[11]</a> Da das Buch vergriffen ist, habe ich wesentliche Ausz&uuml;ge mit Links zu zeitgen&ouml;ssischen Filmaufnahmen unter <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1647">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1647</a></p>
<p>ver&ouml;ffentlicht.&nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref12">[12]</a>&nbsp; W.N., Kongo im 2. Jahr nach der Wahl: Wenige Fortschritte, viel Stagnation, H&ouml;llen auf Erden, Mai 2008, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=131&amp;aid=702">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=131&amp;aid=702</a> &nbsp;</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref13">[13]</a> W.N., Begegnungsreise nach Minsk/Wei&szlig;russland 1988 &ndash; Ansto&szlig; zu weiterer Erinnerungsarbeit und friedenspolitische Konsequenzen (Rigaer Ghetto und Deportationen, Wehrmachtsverb&auml;nde, Polizei-bataillone, Einsatzgruppen und Massenvernichtung, Solidarit&auml;t mit ehemaligen Ghetto- und KZ-H&auml;ftlingen, <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=107&amp;aid=1545">http://nachtwei.de/index.php?module=articles&amp;func=display&amp;catid=107&amp;aid=1545</a></p>
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