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        <title>www.nachtwei.de :: Pressemitteilung + BeitrÃ¤ge von Winfried Nachtwei :: Gespaltene, traumatische Erinnerungen, RÃ¼ckkehr der Vergangenheit, von Kaltem  Krieg? Erinnerungs- und sicherheitspolitische Beobachtungen in Riga </title>
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    <span class="xar-mod-title">Baltikum + Artikel von Winfried Nachtwei fÃ¼r Zeitschriften u.Ã¤.</span>

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        <h1>
            Gespaltene, traumatische Erinnerungen, RÃ¼ckkehr der Vergangenheit, von Kaltem  Krieg? Erinnerungs- und sicherheitspolitische Beobachtungen in Riga          </h1>
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Veröffentlicht von: 
                    <a href="http://nachtwei.de/index.php?module=roles&amp;func=display&amp;uid=7">Nachtwei</a> am 19. Juli 2015 17:15:14 +02:00 (30104 Aufrufe)            </div>
            <div>    <p>Spuren von 51 Jahren sowjetischer und deutscher Okkupation sind in der lettischen Hauptstadt reichlich zu finden. Hier ein Bericht &uuml;ber meinen Rundgang zu zentralen Orten einer traumatisierenden nationalen Geschichte, erg&auml;nzt um aktuelle sicherheitspolitische Beobachtungen. Nachdem die meisten von der Ukraine-Eskalation &uuml;berrascht wurden, ist im Baltikum wirksame Krisenpr&auml;vention + Stabilisierung gefragt. Nicht noch ein Brandherd!&nbsp;</p></div>
            <div>    <p align="center"><strong>Gespaltene, traumatische Erinnerungen,</strong></p>
<p align="center"><strong>R&uuml;ckkehr von Abschreckung &ndash; und Kaltem Krieg?</strong></p>
<p align="center"><strong>Erinnerungs- und sicherheitspolitische Beobachtungen in Riga</strong></p>
<p align="center">Winfried Nachtwei, MdB a.D.<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> (Juni 2015)</p>
<p><em>Am 9.-14. April 2015 besuchte ich die lettische Hauptstadt Riga. Im Vorfeld des 2. Symposiums des Deutschen Riga Komitees<a title="" href="#_ftn2"><strong>[2]</strong></a> am 17. April in M&uuml;nster wollte ich dort den aktuellen Stand der Erinnerung(sarbeit) an die deutsche und sowjetische Besatzungszeit eruieren und mir einen &Uuml;berblick zur aktuellen sicherheitspolitischen Lage verschaffen. Gespr&auml;chspartner waren vor allem</em></p>
<p><em>- die Holocaust-&Uuml;berlebenden Margers Vestermanis (Gr&uuml;nder und langj&auml;hriger Direktor des Museums &bdquo;Juden in Lettland&ldquo;) und Alexander Bergmann (Vorsitzender des Vereins der ehemaligen j&uuml;dischen Ghetto- und KZ-H&auml;ftlinge Lettands seit 1993), beide 89 Jahre alt, mir seit 1989 bzw. 1993 vertraut,</em></p>
<p><em>- Gita Umanovska, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin des Rates der J&uuml;dischen Gemeinden Lettlands,</em></p>
<p><em>- die deutsche Botschafterin Andrea Wiktorin und Kulturreferent Christoph Klarmann und &ndash; als Bekannte von fr&uuml;heren Riga-Reisen ein Sozialwissenschaftler und ein Kameramann.</em></p>
<p><em>Ich besuchte die Moskauer Vorstadt (ehemaliges Ghetto), die Massengr&auml;ber und die Gedenkst&auml;tte im Wald von Bikernieki, das Museum &bdquo;Juden in Lettland&ldquo; in der Skolas iela und das &bdquo;Ghetto-Museum&ldquo;, das Zanis Lipke Memorial auf Kipsala, die ehemalige KGB-Zentrale (&bdquo;Eckhaus&ldquo;) an der Brivibas iela/Stabu iela, den Bahnhof Tornakalns, das Okkupationsmuseum, das Latvias Tautas Fronte Museum (Lettische Volksfront) in der Altstadt.</em></p>
<p><em>An den Bericht schlie&szlig;t ab S. 11 ein Kommentar zur aktuellen sicherheits- und friedenspolitischen Lage im Baltikum, insbesondere zu den Destabilisierungsrisiken, zu NATO-Aktivit&auml;ten und Krisenpr&auml;vention, an. (Nachtr&auml;gliche Anmerkungen kursiv)</em></p>
<p><em>Fotos zu Riga-Besuch + 2. Symposium des Riga Komitees </em><a href="http://www.facebook.com/winfried.nachtwei"><em>www.facebook.com/winfried.nachtwei</em></a><em> .</em></p>
<p><strong>Massengr&auml;ber und Gedenkst&auml;tte Bikerniek</strong></p>
<p>Zuletzt war ich hier im Sommer 2012 zusammen mit deutschen, lettischen und &ouml;sterreichischen Jugendlichen eines Workcamps des Volksbundes Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge. Die Jugendlichen reinigten die Gedenkst&auml;tte, auf der seit 2001 5.000 individuelle Granitsteine an die mindestens 35.000 Menschen erinnern, die hier von den Nazis und ihren einheimischen Helfern zwischen 1941 und 1944 ermordet worden sind, darunter Tausende j&uuml;dische Menschen aus Deutschland. In Interviews f&uuml;r das Filmprojekt &bdquo;&acute;Wir haben es doch erlebt` &ndash; Das Ghetto von Riga&ldquo; von J&uuml;rgen Hobrecht sprachen die Jugendlichen beeindruckend offen, lebhaft und &uuml;berzeugend &uuml;ber ihre Beweggr&uuml;nde und Eindr&uuml;cke.</p>
<p>Im Unterschied zu fr&uuml;heren Zeiten, als Bikernieki ein verlorener und vergessener Ort war, sind heute Gedenkst&auml;tte und Massengr&auml;ber in einem gepflegten Zustand. So viele Erinnerungssteinchen wie nie zuvor sind von Besuchern an den Gedenktafeln der einzelnen Herkunftsort&nbsp; niedergelegt: bei Magdeburg mit verschiedenen Aufschriften (&bdquo;work for peace&ldquo;) und Namen (Sascha, Jonas &hellip;), bei D&uuml;lmen runde Steine mit den Namen der Deportierten Karl + Selma Frankenberg, Margaretha, Berta + Julie Wolff, Josef Salomon, Sara Pins. Der zentrale Gedenkstein ist &uuml;bers&auml;t mit oft beschrifteten Steinen. (Nicht besuche ich das kleinere Gr&auml;berfeld im Wald auf der anderen Stra&szlig;enseite, von der Bikernieku iela ca. 600 m stadteinw&auml;rts nach 700 m erreichbar; diese Gr&auml;ber werden nicht gepflegt.)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Erreichbarkeit</span>: An der Bikernieku iela befindet sich kein Hinweisschild auf die Gedenkst&auml;tte, deren Eingang erst mit den Informationssteinen erkennbar wird. 100 m vorher die Bushaltestelle &bdquo;Kapi&ldquo; der Buslinien 15, 16, 31 (20-Minuten-Takt bis st&uuml;ndlich. Mit der 15 braucht es eine Viertelstunde bis zum &bdquo;Eckhaus&ldquo;. Die Taxifahrt vom Hotel Avalon am Rand der Altstadt dauert &uuml;ber die Brivibas und Bikernieku iela 20 Minuten und kostet 10 Euro.</p>
<p><em>Im April 2015 erschien die Dokumentation &bdquo;Gedenken in Riga-Bikernieki&ldquo;, hg. vom Volksbund Deutsche Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge, Bezirksverband M&uuml;nster, anl&auml;sslich einer Erinnerungsreise und Gedenkveranstaltung mit St&auml;dtedelegationen aus Ahlen, Drensteinfurt, D&uuml;lmen und Gescher.</em> <a href="http://www.volksbund.de/nordrhein-westfalen/nrw-gliederungen/nrw-ms/nrw-ms-news.html"><em>http://www.volksbund.de/nordrhein-westfalen/nrw-gliederungen/nrw-ms/nrw-ms-news.html</em></a></p>
<p><strong>Ehemaliges Ghetto</strong></p>
<p>Beginn des Rundgangs am Alten J&uuml;dischen Friedhof und dem ersten Gedenkstein, dann Vilanu iela (&bdquo;Bielefelder Str.&ldquo;), Ludzas iela (&bdquo;Leipziger&ldquo;), Maza Kalnu iela (Kleine Bergstr., &bdquo;Berliner/Wiener&ldquo;)bis Ecke Virsaisu iela (&bdquo;D&uuml;sseldorfer&ldquo; und &bdquo;K&ouml;lner&ldquo;), wo sich fr&uuml;her der &bdquo;Blechplatz&ldquo; befand. Hier fanden die Appelle statt, hier stand der Galgen, hier starteten die &bdquo;D&uuml;nam&uuml;nde-Aktionen&ldquo; (getarnte Erschie&szlig;ungsaktionen im Fr&uuml;hjahr 1942). Dann weiter Ludzas iela bis Daugavpils iela.</p>
<p>Relativ viele Wohnh&auml;user (&uuml;berwiegend aus Holz, vereinzelt Steinbauten) sind v&ouml;llig runtergekommen, unbewohnt, Fenster mit Brettern vernagelt. Freifl&auml;chen mehren sich, z.T. mit Sichtblenden abgeschirmt, vereinzelt Neubauten. Ausnahme ist die Totalrenovierung der Nr. 56 in der Ludzas iela: Der fr&uuml;here Sitz der Ghetto-Kommandantur war in den 90er Jahren v&ouml;llig heruntergekommen. Etliche Gro&szlig;wohnh&auml;user aus der Nachkriegszeit. Erstmalig fallen mir einige Kinderspielpl&auml;tze auf. Trotz der z.T. verheerenden Bausubstanz macht das Viertel insgesamt einen aufger&auml;umten Eindruck. In zehn Jahren k&ouml;nnte es hier sehr anders aussehen.</p>
<p>Bis auf den steinernen Davidsstern am Rand des Viertels mit Informationen zur Geschichte des Alten J&uuml;dischen Friedhofs erinnert nichts an die d&uuml;stere Vergangenheit dieses Ortes &ndash; keine Informationstafel, kein Wort, dass hier von Dezember 1941 bis Herbst 1943 das am l&auml;ngsten existierende &bdquo;Reichsjudenghetto&ldquo; bestand.</p>
<p>(<em>Riga besuchte ich erstmalig im Sommer 1989 noch zur sowjetischen Zeit. Ich stie&szlig; damals auf die Spuren der 1941/42 aus Westfalen und dem ganzen &bdquo;Gro&szlig;deutschen Reich&ldquo; ins Ghetto Riga verschleppten Juden. Seitdem war ich ca. 15 Mal vor Ort.)</em></p>
<p><strong>Museum &bdquo;Juden in Lettland&ldquo;</strong></p>
<p>im Geb&auml;ude der J&uuml;dischen Gemeinde in der Skolas iela 6 (ehemaliges J&uuml;disches Theater):1989 gegr&uuml;ndet, zur rechtlichen Lage, wirtschaftlichen T&auml;tigkeit, zu Bildung, Religion, politischem und intellektuellen Leben der Juden in Lettland von den Anf&auml;ngen im 16. Jahrhundert bis 1945. Von den drei R&auml;umen behandelt der ohne Tageslicht den Holocaust. &bdquo;Ereignismeldungen UdSSR&ldquo; des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD vom Juli 1941 und Januar 1942 dokumentieren b&uuml;rokratisch-n&uuml;chtern die Mordbilanz des Einsatzkommandos 2. Deutlich gew&uuml;rdigt werden die Judenretter. 732 j&uuml;dische Menschen wurden in Lettland versteckt, 576 von ihnen &uuml;berlebten. Neu ist die Station zu den aus Deutschland, &Ouml;sterreich und Theresienstadt hierher deportierten Juden.</p>
<p>Zur Zarenzeit lebten in Lettland 130.000 Juden, vor dem Krieg 93.000, heute 7.000 (&uuml;berwiegend &auml;lter und aus der fr&uuml;heren Sowjetunion zugewandert).</p>
<p>In seiner Vielfalt und historischen Sorgfalt ist das Museum einmalig in Lettland. (<a href="http://www.jewishmuseum.lv/">http://www.jewishmuseum.lv/</a> )</p>
<p>M. Vestermanis konnte bis 1991 keinen einzigen Beitrag &uuml;ber den Holocaust in Lettland ver&ouml;ffentlichen. Die neue, aus Kanada nach Lettland zur&uuml;ckgekehrte&nbsp; Staatspr&auml;sidentin Vaira Vike-Freiberga (1999 bis 2007) setzte sich f&uuml;r die Aufarbeitung der Geschichte ein. Er wurde in die seit 1992 bestehende Historikerkommission beim Staatspr&auml;sidenten berufen. Zum Judenmord auf dem Land erschienen mit Unterst&uuml;tzung der Kommission sechs B&auml;nde auf Lettisch. Sie wurden an Bibliotheken und Schulen verschickt. Wichtigste Ergebnisse blieben aber in den B&uuml;chern, kamen nicht in der Gesellschaft an.&nbsp; In der lettischen Gesellschaft gebe es eine offene Abneigung, sich mit der Frage zu befassen. Gegenw&auml;rtig schreibt er an einem Wegweiser zu den Stellen des Holocaust in Riga und an einem Buch &uuml;ber die fast 600 Judenretter (&bdquo;Das gro&szlig;e R&auml;tsel der Opferbereitschaft&ldquo;)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Projekt &bdquo;Digitalisierung</span>&ldquo; der &uuml;ber 4.500 Karteikarten von nach Riga verschleppten j&uuml;dischen Menschen: Von den knapp 25.000 nach Riga Deportierten waren ca. 11.000 im Ghetto, knapp 9.000 im KZ Kaiserwald. Erfasst und zug&auml;nglich werden sollen bisher in der Literatur verstreute Informationen, wer wo zwischen 1941-1944 war. Hintergrund sind die immer wieder eintreffenden Anfragen von Angeh&ouml;rigen, die etwas &uuml;ber ihre verschleppten Verwandten erfahren wollen.</p>
<p>Didaktische Anwendung durch Lehrer in Deutschland, &Ouml;sterreich, Lettland.</p>
<p>Unterst&uuml;tzt wird das Projekt von der deutschen und &ouml;sterreichischen Botschaft.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&ldquo;<strong>Riga Ghetto and Holocaust Museum</strong>&rdquo;</p>
<p>Maskavas iela 14a, Speicherviertel in N&auml;he der Markthallen: Gestaltet &uuml;berwiegend als &bdquo;Freilichtmuseum&ldquo; mit nachgebautem Stacheldrahtzaun und Pflasterweg als L&auml;ngsachse, ges&auml;umt von einer 40-50 m langen und ca. 4 m hohen Info-Wand. Auf der Speicherseite das Namenmeer der ermordeten Rigaer Juden, auf der anderen Seite nach Fotos von Synagogen, j&uuml;dischen Familien, Verfolgung, die Namen der aus Deutschland, Wien und Theresienstadt nach Riga Deportierten nach Transporten, z.B. &bdquo;M&uuml;nster &ndash; Osnabr&uuml;ck &ndash; Bielefeld &ndash; Riga 13.12.1941&ldquo;. Ein Holzhaus ist einem Ghettohaus nachgebaut. Darin Modelle verschiedener Synagogen, darunter der Choral Synagoge an der Gogolstr., und eine &bdquo;typische Wohnung&ldquo;.</p>
<p><strong>Zanis Lipke Memorial</strong></p>
<p>auf der Daugava-Insel Kipsala (Lieblingsort von Johann Gottfried Herder), Mazais Balasta dambis 8. Das kleine Museum schlie&szlig;t unmittelbar an das Grundst&uuml;ck der Familie Lipke an. (<a href="http://www.lipke.lv/en">http://www.lipke.lv/en</a> ) Es erinnert an den fr&uuml;heren Hafenarbeiter Zanis (Janis) Lipke (1900-1987) und seine Frau Johanna, die w&auml;hrend der deutschen Besatzung fast 60 lettisch-j&uuml;dischen Ghetto-Gefangenen das Leben retteten. Die erste Station der Rettungskette war ein Bunker unterhalb einer Holzscheune auf seinem Grundst&uuml;ck. Anfang der 90er Jahre konnte ich den Ort besuchen.</p>
<p>Das fensterlose Geb&auml;ude aus dunkelgrauem Holz erscheint wie ein umgedrehtes Boot an Land, wie eine F&auml;hre oder die Arche Noahs nach erf&uuml;llter Mission. Die drei Ebenen des Geb&auml;udes werden in der Mitte von einem Schacht durchbrochen, der den Blick von oben in den betonierten Bunker am Boden erlaubt. Auf 3x3 m waren hier acht bis zw&ouml;lf Menschen oft &uuml;ber l&auml;ngere Zeitversteckt, an den Schachtw&auml;nden neun Kojen. Das Versteck wurde nie von den Nazis entdeckt, keiner von den Beteiligten erwischt.</p>
<p>Initiiert u.a. von dem ehemaligen Staatspr&auml;sidenten Maris Gailis, konzipiert von seiner Frau, der Architektin Zaiga Gaile wurde das Memorial am 30. Juli 2013 in Anwesenheit des israelischen und lettischen Pr&auml;sidenten feierlich er&ouml;ffnet.</p>
<p>Das Lipke-Memorial soll zunehmend auch eine Begegnungsst&auml;tte werden:</p>
<p>Zusammen mit anderen Einrichtungen wie der (neuen) Lettischen Nationalbibliothek erarbeitet man Angebote f&uuml;r schulische Projektwochen (&bdquo;Leben eines Kindes im 2. Weltkrieg&ldquo; &ndash; eines lettischen, eines j&uuml;dischen). Es entsteht eine Vorlesungsreihe &uuml;ber &bdquo;Gef&auml;hrliche Verbindungen von Geschichte und Phobien&ldquo;. Geplant ist f&uuml;r Fr&uuml;hsommer 2016 ein Festival &bdquo;Common Memories&ldquo; zusammenmit jungen, multiethnischen Schauspielern f&uuml;r Sch&uuml;lerInnen und junge GeschichtslehrerInnen.</p>
<p><strong>&nbsp;</strong></p>
<p><strong>KGB-Haus (&bdquo;Eckhaus&ldquo;)</strong></p>
<p>Das 1912 errichtete Appartement- und Gesch&auml;ftsgeb&auml;ude beherbergte 1920-1940 Abteilungen des lettischen Innenministeriums, von August 1940 bis Juli 1941 und Oktober 1944 bis August 1941 das Volkskommissariat f&uuml;r Staatssicherheit (Tscheka), bzw. KGB. Seit 2007 steht das Geb&auml;ude leer, seit 2014 ist es teilweise f&uuml;r Ausstellungen und F&uuml;hrungen zug&auml;nglich.</p>
<p>Hier wurden die Deportationen vom 14. Juni 1941 (15.500 Menschen, 0,8% der Bev&ouml;lkerung, nach Sibirien) und 25.3.1949 (&uuml;ber 42.000 Menschen, 2,4 %) organisiert. Hier wurden Verhaftete verh&ouml;rt, unter Druck gesetzt und &ndash; vor allem bis 1953 &ndash; gefoltert. Im Hof wurden bis 1941 ca. 100 Menschen hingerichtet.</p>
<p>Die Dauerausstellung im Erdgeschoss schildert den unbewaffneten Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft bis in die 80er Jahre wie auch den bewaffneten antisowjetischen Widerstand der Jahre 1944 bis 1957 vor allem in den weiten W&auml;ldern Lettlands. In der Hoffnung auf eine Intervention des Westens hatte er seinen H&ouml;hepunkt 1945 bis 1947. Laut Okkupationsmuseum sollen 20.000 Menschen am Guerillakampf beteiligt gewesen sein, unterst&uuml;tzt von etwa 80.000 Helfern aus der Zivilbev&ouml;lkerung. Laut Tscheka sollen 12.250 Personen zum Widerstand geh&ouml;rt haben, seien bis 1956 2.407 Partisanen get&ouml;tet und 5.489 gefangen worden. 498 seien zum Tode verurteilt und exekutiert worden. Auf sowjetischer Seite seien 111 KGB-Offiziere, 259 Soldaten und 735 lokale Kr&auml;fte get&ouml;tet worden. Partisanen h&auml;tten auch 1.070 Zivilisten (angebliche Repr&auml;sentanten des Sowjetregimes, KP-Aktivisten, &bdquo;Spione&ldquo;) get&ouml;tet.</p>
<p>Eine Gruppenf&uuml;hrung geht durch den Zellentrakt, einen Verh&ouml;rraum bis zum Erschie&szlig;ungshof.&nbsp; (virtuelle Tour durch`s &bdquo;Eckhaus&ldquo;: <a href="http://skatskat.lv/virtuala-ture/stura-maja/lv/stura-maja.html">http://skatskat.lv/virtuala-ture/stura-maja/lv/stura-maja.html</a> )</p>
<p><strong>Bahnhof Tornakalns</strong> (Tornakalna Stacija)</p>
<p>erste Station nach dem Hauptbahnhof auf der anderen Seite der D&uuml;na: Von hier wurden am 14. Juni 1941 an die 16.000 &bdquo;staatsfeindliche Elemente&ldquo; in Viehwaggons nach Sibirien verschleppt. An den Gleisen steht einer dieser Waggons. Vor dem Bahnhofsgeb&auml;ude erinnern ein Denkmal, Gedenksteine mit den Zielorten der Z&uuml;ge (Amurr, Omska, Novosibirska, Tomska, Workuta) und Informationstafeln an die Massendeportation. Dass ich nach 26 Jahren Spurensuche in Riga erstmalig hierher komme, gibt mir zu denken.</p>
<p><strong>Okkupationsmuseum</strong> <strong>&uuml;ber die drei Okkupationen</strong> <strong>Lettlands 1940-1991</strong></p>
<p>am Rathausplatz, w&auml;hrend der Umbauarbeiten in der ehemaligen US-Botschaft. Raina Bulvaris (er&ouml;ffnet 1993, <a href="http://okupacijasmuzejs.lv/en">http://okupacijasmuzejs.lv/en</a> )</p>
<p>Der <span style="text-decoration: underline;">Hitler-Stalin-Pakt</span> vom 23. August 1939 bestimmte in seinem Geheimen Zusatzprotokoll die Grenzen der deutschen und sowjetischen Interessensph&auml;ren. Lettland, Estland und Finnland geh&ouml;rten demnach zur sowjetischen Interessensph&auml;re.&nbsp; Nach dem deutschen &Uuml;berfall auf Polen besetzte die Sowjetunion am 17. September das &ouml;stliche Polen. Am 22. September 1939 fand in Brest-Litowsk eine gemeinsame deutsch-sowjetische Milit&auml;rparade mit General Guderian und General Kriwoschein statt. (Fotos in The Baltic Times Mai 2015) Die Rote Armee konzentrierte Truppen an der estnischen Grenze und blockierte die estnischen H&auml;fen. Am 27. September musste der estnische Au&szlig;enminister in Moskau einen Vertrag &uuml;ber &bdquo;gegenseitigen Beistand&ldquo; unterzeichnen, der sowjetische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in Estland vorsah. Einen &auml;hnlichen Vertrag unterzeichnete Lettland am 5. Oktober. Er erlaubte die Stationierung von 25.000 Sowjetsoldaten im westlichen Lettland - mehr als die gesamte lettische Armee. Litauen unterzeichnete einen &auml;hnlichen Vertrag am 10. Oktober. Finnland hingegen weigerte sich, woraufhin die Rote Armee Finnland am 30. November angriff. Der erbitterte finnische Widerstand verhinderte einen Sieg der Roten Armee und erhielt die Unabh&auml;ngigkeit des Landes. Im Waffenstillstand vom 13. M&auml;rz 1940 musste Finnland aber ein Zehntel seines Staatsgebiets an die UdSSR abtreten.</p>
<p><em>Im November 2014 bezeichnete der russische Pr&auml;sident Putin den Hitler-Stalin-Pakt als &bdquo;friedenssichernde Ma&szlig;nahme&ldquo;. Kulturminister Medinskij wertete den Pakt k&uuml;rzlich als &bdquo;kolossalen Erfolg der Stalinschen Diplomatie&ldquo;. (FAZ 12.5.2015)</em></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Die erste sowjetische Okkupation</span> begann am 15. Juni 1940 mit einem Angriff von Tscheka-Truppen auf drei lettische Grenzposten an der Ostgrenze, wobei drei Grenzsch&uuml;tzer, eine Frau und ein Kind get&ouml;tet wurden. Zehn Grenzsch&uuml;tzer und 27 Zivilisten wurden entf&uuml;hrt. Am 16. Juni, einem Sonntag, beschuldigte die Sowjetunion Lettland, den Beistandspakt verletzt zu haben, und forderte ultimativ binnen sechs Stunden die Bildung einer neuen Regierung sowie die Zulassung einer unbegrenzten Zahl sowjetischer Truppen. Die lettische Regierung gab nach. Am n&auml;chsten Tag besetzten Sowjettruppen Lettland. Inszenierte Massendemonstrationen, Parlamentswahlen am 14./15. Juli mit einer Einheitsliste und einem 97,6%-&bdquo;Ergebnis&ldquo; waren die Zwischenstationen zum einstimmigen Beschluss des Schein-Parlaments, um Aufnahme in die Sowjetunion zu ersuchen. &Auml;hnlich &bdquo;freiwillig&ldquo; verliefen die Anschl&uuml;sse von Litauen und Estland. Die lettischen Streitkr&auml;fte wurden in die Rote Armee eingegliedert. Ihr Generale wurden zu Spezialkursen nach Moskau beordert und dort erschossen oder deportiert.</p>
<p>Mit Beginn des deutschen &Uuml;berfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und dem R&uuml;ckzug der Roten Armee fielen Hunderte politische Gefangene in lettischen Gef&auml;ngnissen dem Tscheka-Terror zum Opfer.</p>
<p><em>(Die Vertreter des russischen Staates bestreiten bis heute die historische Tatsache der Besetzung Lettlands am 17. Juni 1940.)</em></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Die zweite - deutsche - Okkupation</span> begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Riga am 1. Juli. Gro&szlig;e Teile der lettischen Bev&ouml;lkerung begr&uuml;&szlig;ten die Wehrmacht als &bdquo;Befreier&ldquo;. Gest&uuml;tzt auf einheimische Kollaborateure wie das Kommando Arajs begann das Einsatzkommando 2 von Sicherheitspolizei und SD sofort mit der Verfolgung von Juden und mutma&szlig;lichen Kommunisten. Schon am 4. Juli wurden alle Synagogen Rigas bis auf die in der engen Altstadt niedergebrannt. Hunderte Menschen verbrannten dabei. Den &bdquo;Sommerexekutionen&ldquo; fielen ca. 6.000 Menschen zum Opfer. Die 30.000 Rigaer Juden wurden im Oktober im Ghetto in der Moskauer Vorstadt zusammengepfercht. Am 30. November und 8. Dezember wurden &uuml;ber 25.000 Rigaer Juden im Wald von Rumbula von Angeh&ouml;rigen des Einsatzkommandos 2 erschossen &ndash; um &bdquo;Platz zu schaffen&ldquo; f&uuml;r die angek&uuml;ndigten Deportationsz&uuml;ge aus Deutschland, Wien und Theresienstadt. Dass Riga dann zum &bdquo;Auschwitz der westf&auml;lischen Juden&ldquo; wurde, ist bis heute wenig bekannt.</p>
<p>Von den 73.000 lettischen Juden vor dem deutschen &Uuml;berfall&nbsp; &uuml;berlebten insgesamt etwa 1.700, davon 1.200 in deutschen Lagern.</p>
<p>Nach Stalingrad wurden zwei lettische, der Waffen-SS unterstellte Divisionen aufgestellt, zum gro&szlig;en Teil aus Zwangsrekrutierten, zu rund 15% aus Freiwilligen. Viele Angeh&ouml;rige von Erschie&szlig;ungskommandos wurden Soldaten der Lettischen Legion. Knapp 20.000 Letten wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Die dritte, sowjetische Okkupation</span>erwuchs aus dem Vormarsch der Roten Armee, in die nun ca. 60.000 lettische M&auml;nner eingezogen wurden. (Etwa 200.000 wurden sch&auml;tzungsweise insgesamt von deutscher und sowjetischer Seite in das jeweilige Milit&auml;r eingezogen. Etwa die H&auml;lfte fiel dabei.) Viele Letten flohen vor der anr&uuml;ckenden Roten Armee nach Westen. Rund 130.000 blieben f&uuml;r Jahrzehnte im westlichen Exil. M&uuml;nster mit dem Lettischen Gymnasium und Zentrum galt lange als Hauptstadt der Exilletten im Westen.</p>
<p>Lettland wurde ein regelrechtes Milit&auml;rlager. Weite Teile des Landes wurden f&uuml;r milit&auml;rische Zwecke umgewidmet: als Truppenlager, &Uuml;bungsgel&auml;nde f&uuml;r Artillerie und Bombenabw&uuml;rfe, Munitionslager, Atomraketenbasen,, Flugpl&auml;tze, Marineeinrichtungen. Gro&szlig;e Teile der Ostseek&uuml;ste wurden Sperrgebiet. (Eine Karte im Volksfront-Museum zeigt die enorme Dichte an sowjetischen milit&auml;rischen Einrichtungen in Lettland.) Die sowjetische Armee war auch an der inneren Repression und den Massendeportationen beteiligt. Offiziere konnten nach Ausscheiden aus dem Dienst in Lettland verbleiben. Bei Abzug der russischen Streitkr&auml;fte 1994 blieben rund 20.000 ehemalige sowjetische Armeeangeh&ouml;rige im Land.</p>
<p>&Uuml;ber Einwanderung und Ansiedlung ver&auml;nderte sich massiv die ethnische Zusammensetzung der Bev&ouml;lkerung, die durch Krieg, Deportation und Flucht ein Drittel der vormals zwei Millionen Einwohner verloren hatte. 1935 lebten in Lettland 1, 47 Mio. Letten (75%), 207.000 Russen und 271.000 andere; 1989 1,298 Mio. Letten (52%), 910.000 Russen und 373.000 andere.&nbsp; In den gr&ouml;&szlig;ten St&auml;dten wurden die Letten zur Minderheit. Die zweite sowjetische Okkupation war eine Kolonisierung &ndash; Sowjetisierung und Russifizierung.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Ort gemeinsamer Erinnerung</span>: Fr&uuml;her lag der Fokus des Museums auf den sowjetischen Okkupationen, wurden Nazi-Besatzung und Holocaust nur am Rande erw&auml;hnt. Das hat sich jetzt deutlich ge&auml;ndert: Der erste Raum behandelt bis Tafel 17 die erste Okkupation, der zweite und gr&ouml;&szlig;te Raum (Tafel 18-32) die deutsche Besatzung, der dritte, kleinere Raum (Tafel 34-48) die dritte, sowjetische Okkupation und das &bdquo;nationale Erwachen&ldquo;. Im kleinen Buchladen gibt es vielf&auml;ltige Ver&ouml;ffentlichungen zum Thema, so den <em>Museumskatalog &bdquo;1940-1991 Museum of the Occupation of Latvia&ldquo;, Riga 2012; &bdquo;The Case for Latvia &ndash; Desinformation Campaigns against a small nation&ldquo; des finnischen Journalisten Jukka Rislakki, Amsterdam 2014; Stefan Karner u.a. (Hg.) </em><em>&bdquo;&Ouml;sterreichische Juden in Lettland, Innsbruck 2010;</em></p>
<p><em>&bdquo;Map of GULAG&ldquo; hg. Von Riga Memorial Society 1973; Meyer Meler, JEWISH LATVIA: Sites to remember- Latvia Jewish Communities Destroyeed in the Holocaust, Tel Aviv 2013</em></p>
<p>Ich erlebe an einem Sonntagnachmittag einen regen Besucherandrang &uuml;berwiegend j&uuml;ngerer Leute.</p>
<p><em>Das Okkupationsmuseum scheint mir der einzige Ort zu sein, wo die verschiedenen, kontr&auml;ren Leidens-, Opfer-, aber auch T&auml;tergeschichten dieses kleinen Landes und Volkes zusammentreffen, wo gemeinsames Erinnern mit Empathie f&uuml;r die Leiden der anderen m&ouml;glich wird.</em></p>
<p><em>Von 1920 bis 1940 erlebten die Letten erstmalig in ihrer Geschichte eine Phase nationaler Unabh&auml;ngigkeit. Sie wurde zertr&uuml;mmert von 51 Jahren totalit&auml;rer Okkupation, die sich jeweils auf eine gewisse soziale Basis und Kollaborateure im Land st&uuml;tzen konnten und mit massiver Propaganda einhergingen.</em></p>
<p><em>Es ist eine Bev&ouml;lkerung, hin- und hergeworfen durch Weltkrieg und Kalten Krieg, ersch&uuml;ttert durch enorme Bev&ouml;lkerungsverluste und &ndash;umw&auml;lzungen, gespalten durch traumatische kollektive Erinnerungen und unterschiedliche Loyalit&auml;ten.</em></p>
<p><em>Frappierend sind die &Auml;hnlichkeiten zwischen der ersten Okkupation und heutiger &bdquo;hybrider Kriegf&uuml;hrung&ldquo; auf der Krim und in der Ostukraine!</em></p>
<p><strong>Museum der lettischen Volksfront</strong></p>
<p>Anfang der 90er Jahre besuchten wir das Zentrum der Volksfront in der Altstadt: ein emsiges Gewusel. Jetzt bin ich an einem Montag der einzige Besucher in dem &uuml;ber alle Etagen gehenden Museum.</p>
<p>Erste Proteste entz&uuml;nden sich in der Sowjetunion 1986 nicht an politischen Themen im engeren Sinne, sondern an Umwelt- und Kulturstreitfragen: z.B. um das Projekt eines Wasserkraftwerk in Daugavpils. W&auml;lder sollten gerodet, Bev&ouml;lkerung umgesiedelt werden, nach dem Nutzen hatte niemand gefragt. Ein Artikel &bdquo;Nachdenken &uuml;ber das Schicksal der D&uuml;na&ldquo; in der Zeitschrift &bdquo;Literatur und Kunst&ldquo; brachte den Stein ins Rollen. Erstmals kam es in der Sowjetunion zu &ouml;ffentlichen Protesten. 1987 wurden die Arbeiten gestoppt. Das wirkte ermutigend. Oder die Konflikte um eine k&uuml;nftige U-Bahn in Riga oder den Betrieb veralteter Papierfabriken und ihrer Abw&auml;sser. In Libau entstand die Menschenrechtsgruppe Helsinki-86. Anfang 1987 gr&uuml;ndete sich der &bdquo;Klub zur Verteidigung der Umwelt&ldquo; (VAK). Im November 1988&nbsp; findet in der Skolas iela der erste Kongress der Gesellschaft f&uuml;r j&uuml;dische Kultur statt. Die Nr. 48 von &bdquo;Literatur und Kunst&ldquo; handelte &uuml;ber Juden in Lettland. Ende der 80er Jahre gr&uuml;ndete sich auch der &bdquo;Verein der ehemaligen j&uuml;dischen Ghetto- und KZ-H&auml;ftlinge Lettlands&ldquo; (LEGU).</p>
<p>Am historischen Datum des 23. August 1987 organisierte Helsinki-86 eine erste Gro&szlig;demonstration zum Gedenken an die Deportationen vom 14. Juni 1941 am Freiheitsdenkmal. Am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes bildeten 1989 &ndash; also noch zur sowjetischen Zeit &ndash; &uuml;ber zwei Millionen Menschen eine Menschenkette &uuml;ber 670 km von Talinn &uuml;ber Riga nach Vilnius.&nbsp; Am 71. Jahrestag der lettischen Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung am 18. November 1988 demonstrierten in Riga rund 500.000 Menschen.&nbsp; Bei erstmals freien Wahlen zum Obersten Rat der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik erreichten Kandidaten der Volksfront die absolute Mehrheit.</p>
<p>Am 4. Mai 1990, vor genau 25 Jahren,&nbsp; erkl&auml;rte der Oberste Rat der LSSR die Wiederherstellung der lettischen Unabh&auml;ngigkeit. Die UdSSR versuchte den Unabh&auml;ngigkeitsprozess durch Drohungen, Boykottma&szlig;nahmen, schlie&szlig;lich auch durch die Besetzung wichtiger Geb&auml;ude zu stoppen &ndash; erfolglos. In Riga bewachten rund 100.000 Menschen die an wichtigen Punkten errichteten Barrikaden. In Sichtweite des jetzigen Okkupationsmuseums erinnern f&uuml;nf Gedenksteine an die damals Erschossenen.</p>
<p>Mavrik Vulfson, f&uuml;hrender Journalist, war zur sowjetischen Zeit der erste, &nbsp;der von der ersten Okkupation 1940 sprach. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung des Originals des Hitler-Stalin-Paktes Der fr&uuml;her &bdquo;lettischer B&auml;rent&ouml;ter&ldquo; Genannte, ist heute weitestgehend vergessen.</p>
<p><em>Der Unabh&auml;ngigkeitsprozess der baltischen Staaten war ein historischer Sieg des gewaltfreien Widerstandes einer ganzen Gesellschaft &ndash; trotz sowjetischer Wirtschaftsblockade, Drohung mit Milit&auml;rintervention und gewaltsamem Vorgehen der OMON-Spezialeinheiten. Beg&uuml;nstigt wurde dieser Sieg durch die strategische Schw&auml;che der Sowjetunion und den Reformkurs von Michael Gorbatschow. Ab 1993 bis Ende 2001 unterst&uuml;tzten OSZE-Missionen Estland und Lettland bei der Integration ihrer starken russischsprachigen Minderheiten. </em><em>(Dazu Sabine Machl im OSZE-Jahrbuch 2002, hg. vom IFSH, </em><a href="http://ifsh.de/file-CORE/documents/jahrbuch/02/Machl.pdf">http://ifsh.de/file-CORE/documents/jahrbuch/02/Machl.pdf</a> ) <em>Der Unabh&auml;ngigkeitsprozess im Baltikum h&auml;tte auch ganz anders verlaufen und in einen Gewaltkonflikt m&uuml;nden k&ouml;nnen.</em></p>
<p><em>Am 30. Juni wurde bekannt, dass die russische Generalstaatsanwaltschaft auf Antrag von zwei Duma-Abgeordneten die Rechtm&auml;&szlig;igkeit der Anerkennung der Unabh&auml;ngigkeit der baltischen Staaten durch den Staatsrat der UdSSR in 1991 pr&uuml;ft. </em><em>(</em><a href="http://baltische-rundschau.eu/politik/russland-prueft-legalitaet-der-unabhaengigkeit-der-baltischen-staaten/"><em>http://baltische-rundschau.eu/politik/russland-prueft-legalitaet-der-unabhaengigkeit-der-baltischen-staaten/</em></a><em> )</em></p>
<p><strong>Ehemalige Ghetto- und KZ-H&auml;ftlinge zur aktuellen Lage</strong></p>
<p>Beide sind 89 Jahre, viersprachig, haben unter beiden Besatzungsm&auml;chten gelitten, sind geistig sehr wach, politisch umfassend informiert (eine wichtige Quelle die unabh&auml;ngigen russischen Sender &bdquo;Doschd/Regen&ldquo;/TV und &bdquo;Echo&ldquo;/Radio) und in ihrem Urteil seit Jahrzehnten unabh&auml;ngig.</p>
<p>- Mit der Einnahme der Krim habe man nicht gerechnet. Es kam aber doch. Krim sei nur ein Schritt in der Politik Putins. Von ihm k&ouml;nne man alles erwarten.</p>
<p>Georgien, Krim, Donbass - da habe man an die Vorkriegszeit der sp&auml;ten 30er Jahre gedacht.</p>
<p>- In russischen Radios hei&szlig;e es, &acute;wir haben das Recht, das geknechtete russische Volk zu erl&ouml;sen` - wie Sudetenland, Memelland. Putin &auml;u&szlig;ere sich demgegen&uuml;ber ganz ruhig.&nbsp; Im Radio &auml;u&szlig;ern H&ouml;rer Begeisterung &uuml;ber die neue russische Gr&ouml;&szlig;e. Putin wolle ein Russland in den Grenzen des Zarenreiches, also mit Ukraine, Baltikum.</p>
<p>- Im Internet kursieren Aufrufe f&uuml;r ein unabh&auml;ngiges Lettgallen (s&uuml;d&ouml;stlicher Landesteil, nur 17% Letten, fr&uuml;her hoher j&uuml;discher Bev&ouml;lkerungsanteil in St&auml;dten<em>; in der estnischen Grenzstadt Narva sind 90% der Einwohner Russen</em>).</p>
<p>- Heute kreuze die russische Marine demonstrativ an der Seegrenze. Russische Jets fliegen dicht an die Grenze &ndash; wechseln in Tiefflug, verschwinden vom Radar. &bdquo;Fast-Luftraumverletzungen&ldquo;, demonstrative Nadelstiche.</p>
<p><em>(Alexander Bergmann besuche ich genau 70 Jahre nach seiner Befreiung und &uuml;berbringe ihm dazu den gro&szlig;en Artikel von Lorenz Hemicker in der FAZ: </em><a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/70-jahre-kriegsende/kz-haeftling-alexander-bergmann-das-ende-einer-hoellenfahrt-13527570.html"><em>http://www.faz.net/aktuell/politik/70-jahre-kriegsende/kz-haeftling-alexander-bergmann-das-ende-einer-hoellenfahrt-13527570.html</em></a><em> ; im April 2015 erschien &bdquo;Dem Judenmord entkommen &ndash; Bericht &uuml;ber zwei Jahrzehnte unseres intensiven Austausches mit den &Uuml;berlebenden des Holocaust im Baltikum&ldquo; von Hanna und Wolf Middelmann, </em><a href="http://www.gegen-vergessen.de/startseite/news-detailseite/article/dem-judenmord-entkommen-bericht-ueber-zwei-jahrzehnte-austausch-mit-den-ueberlebenden-des-hol.html"><em>http://www.gegen-vergessen.de/startseite/news-detailseite/article/dem-judenmord-entkommen-bericht-ueber-zwei-jahrzehnte-austausch-mit-den-ueberlebenden-des-hol.html</em></a><em> )</em></p>
<p><strong>Andere Gespr&auml;chspartner</strong></p>
<p>- &auml;u&szlig;ern sich genauso zu den &bdquo;Beinahe-Grenzverletzungen&ldquo;. <em>Russische Milit&auml;rflugzeuge hatten 2014 &uuml;ber der Ostsee 150 Mal weder Flugpl&auml;ne eingereicht noch den Transponder (zur &Uuml;bertragung der Flugdaten an zivile Fluglotsen) eingeschaltet, eine Verdreifachung ggb. 2013. (SZ 22.5.2015)</em></p>
<p>- Nahe der lettischen Grenze befindet sich der russische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt Ostrow. Die dort stationierte 15. Heeresfliegerbrigade verf&uuml;ge &uuml;ber modernste Hubschrauber.</p>
<p><em>Demgegen&uuml;ber verf&uuml;gen die lettischen Streitkr&auml;fte mit ihren rund 5.300 Mann &uuml;ber 70 Gesch&uuml;tze, keine Kampfflugzeuge und drei T-55-Panzer (aus den 50er Jahren). Der Nationalgarde sind 11.000 Reservisten zugeordnet. Die Grenze sei nicht befestigt. (Estland: 5.750 Soldaten, 334 Gesch&uuml;tze, 0 Panzer und Kampfflugzeuge; Litauen: 11.800, 48, 0, 0; Russland: 885.000, 5.436, 2.550, 1.390. Das Gebiet um Kaliningrad, der russischen Exklave s&uuml;dwestlich der baltischen Staaten, gilt als die am st&auml;rksten militarisierte Region Europas. Estland erwarb inzwischen von den Niederlanden 44 Exemplare des schwedischen Panzers CV90; das litauische Parlament beschloss im M&auml;rz die Wiedereinf&uuml;hrung der 2008 abgeschafften Wehrpflicht auf zun&auml;chst f&uuml;nf Jahre bei nur zwei Gegenstimmen.)</em></p>
<p>- Eine hybride Operationsf&uuml;hrung sei vor allem in den Medien zu sp&uuml;ren. Russische Fernsehsender seien wegen ihrer Unterhaltungsprogramme sehr attraktiv. Dazwischen geschaltet sei Propaganda mit deutlichen Fehlinformationen. Das lettische TV sende demgegen&uuml;ber nur zwei Stunden auf Russisch und sei wenig attraktiv.</p>
<p>- Auch unter etlichen russischsprachigen Juden verfange die russische Propaganda. Jemand habe erz&auml;hlt, dass Juden in der Ukraine vergraben w&uuml;rden. Man habe gute Kontakte zu J&uuml;dischen Gemeinden in der Ukraine. Es gebe dort f&uuml;r Juden keine neuen Bedrohungen. Es gebe sogar nationale Gruppen, die Synagogen gegen m&ouml;gliche Provokateure sch&uuml;tzen w&uuml;rden.</p>
<p>- Sehr verbreitet sei inzwischen das braun-schwarze Sankt-Georgs-Band. Seit 2008 seien mehr als 50 Millionen Schleifen verteilt worden &ndash; als demonstratives Zeichen gegen die &bdquo;Farben-Revolutionen&ldquo; und f&uuml;r russische Gr&ouml;&szlig;e. Bei der Krimkrise trugen prorussische Demonstranten die Schleife. Junge Leute verteilen sie. (<a href="http://www.nzz.ch/wer-hat-angst-vor-dem-georgs-band-1.18307333">http://www.nzz.ch/wer-hat-angst-vor-dem-georgs-band-1.18307333</a> ; <a href="http://www.9maya.ru/9may">www.9maya.ru/9may</a> ; hier auch Videos von der gigantischen Milit&auml;rparade zum 9. Mai in Moskau)</p>
<p>- Angst herrsche vor Cyberattacken. (<em>2007 erlebte Estland einen massiven Cyberangriff auf die Seiten von Regierung, Parlament, Banken und Medien im Kontext eines wochenlangen Streits um die Verlegung eines sowjetischen Denkmals f&uuml;r den &bdquo;unbekannten Soldaten&ldquo;.)</em></p>
<p>- In Litauen habe inzwischen das Verteidigungsministerium das Handbuch &bdquo;Was wir zur Vorbereitung extremer Situationen und Krieg wissen m&uuml;ssen&ldquo; herausgegeben. Es enth&auml;lt konkrete Empfehlungen zum Verhalten unter Besatzung und zu unbewaffnetem Widerstand.<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> Das lettische Parlament bereite eine solche vor.</p>
<p>- Ein Filmemacher: Von lettischer Seite werde auch bewusst Panik gesch&uuml;rt. Viele Familien seien &bdquo;gemischt&ldquo;, er erlebe sich zwischen allen St&uuml;hlen. Es herrsche ein Atmosph&auml;re, als gebe es morgen Krieg. Viele seien &bdquo;verr&uuml;ckt geworden&ldquo;, &bdquo;krass national&ldquo;.</p>
<p><strong>Die Gegenwart der Vergangenheit</strong></p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Musical &uuml;ber Herbert Cukurs</span>: zwei ausverkaufte Auff&uuml;hrungen im Dezember 2014 und Februar 2015 in der Akademie der Wissenschaften (unweit des fr&uuml;heren Ghettos), es gab riesigen Beifall. Cukurs gilt als Fliegerheld des ersten unabh&auml;ngigen Lettland. In der Zeit der deutschen Besatzung war er im Stab des Kommando Arajs an Massenerschie&szlig;ungen beteiligt. Ver&ouml;ffentlichte Dokumente belegen das. Zu seiner Reinwaschung werde behauptet, er habe verschiedene Juden gerettet. Margers Vestermanis bestreitet das. Er weist darauf hin, dass Cukurs sich im August 1940 freiwillig gemeldet habe, um in Moskau bei der Iljuschin-Entwicklung mitzumachen. Nach R&uuml;ckzug der Roten Armee 1941 galt er als sowjetischer Kollaborateur. Das wollte er wohl durch seine freiwillige Meldung zum Kommando Arajs &bdquo;heilen&ldquo;. &nbsp;Die deutsche Botschafterin intervenierte daraufhin beim Akademiepr&auml;sidenten.</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Oper &bdquo;Valentina&ldquo;</span> von Arturs Maskats &uuml;ber die Geschichte der lettisch-j&uuml;dischen Film- und Theaterwissenschaftlerin Valentina Freimane (geb. 1922). Sie &uuml;berlebte den Holocaust in verschiedenen Verstecken. In der Sowjetzeit hatte sie Schwierigkeiten wegen ihrer Herkunft, machte aber dennoch Karriere. Zur Urauff&uuml;hrung erschienen Pr&auml;sident, Abgeordnete, das &bdquo;lettische Establishment&ldquo;. Ihre Erinnerungen sind inzwischen auch in Deutschland erschienen (&bdquo;Adieu, Atlantis&ldquo;, Wallstein-Verlag) , &uuml;bersetzt von Matthias Knoll.&nbsp; Am 19. Mai f&uuml;hrte die Lettischen Nationaloper die Oper in der Deutschen Oper in Berlin auf. (<a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/oper-ueber-eine-holocaust-ueberlebende-einmal-riga-und-zurueck/11785306.html">http://www.tagesspiegel.de/kultur/oper-ueber-eine-holocaust-ueberlebende-einmal-riga-und-zurueck/11785306.html</a> )</p>
<p>Das Gastspiel stand unter der Schirmherrschaft der Au&szlig;enminister von Deutschland und Lettland. Die Oper entstand im Rahmen des Programms Riga als Europ&auml;ische Kulturhauptstadt und war ein H&ouml;hepunkt der lettischen EU-Ratspr&auml;sidentschaft.</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Aufgeladene Gedenktage</span>: Am 16. M&auml;rz nahmen etwa 1.500 Veteranen der zwei lettischen Divisionen der Waffen-SS (s.o.) und ihre Anh&auml;nger an dem allj&auml;hrlichen Gedenkmarsch zum &bdquo;Tag der Legion&auml;re&ldquo; teil, unter massivem Polizeischutz und heftiger Kritik seitens der J&uuml;dischen Gemeinde und der russischen Minderheit. Am 9. Mai feierte die lettische Regierung den Beitritt Lettlands zur EU, begleitet von einem Tag der offenen T&uuml;r der estnischen, finnischen, franz&ouml;sischen, deutschen, litauischen und schwedischen Botschaft. Am Siegesdenkmal im Stadtteil Pardaugava kamen 100.000 (Polizeiangaben) bzw. 150.000 (Veranstalterangaben) Menschen vor allem der russischsprachigen Minderheit zum &bdquo;Tag des Sieges&ldquo; der Sowjetunion &uuml;ber Nazi-Deutschland zusammen. Mitte der 90er Jahre nahmen nur wenige tausend Veteranen an der Siegesfeier teil. Das &auml;nderte sich ab 2001 mit 100.000 und 2005 mit 260.000 Teilnehmern. Damals sorgte der Protest gegen die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung von Russisch als Unterrichtssprache f&uuml;r besonderen Zulauf<em>. (</em><a href="http://www.infobalt.de"><em>http://www.infobalt.de</em></a><em> und </em><a href="http://lettland.blogspot.de/"><em>http://lettland.blogspot.de/</em></a><em> ;</em> <a href="http://www.lettische-presseschau.de/politik/lettland/539-8-mai-und-9-mai-unterschiedliches-gedenken-an-das-kriegsende-spaltet-lettland-und-europa"><em>http://www.lettische-presseschau.de/politik/lettland/539-8-mai-und-9-mai-unterschiedliches-gedenken-an-das-kriegsende-spaltet-lettland-und-europa</em></a><em> )</em></p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Ausstellung im J&uuml;dischen Zentrum</span> in der Skolas iela &uuml;ber Juden, die den &bdquo;Drei-Sterne-Orden&ldquo; des lettischen Staates (h&ouml;chster lettischer Orden) erhielten: Unter ihnen Mavrik Vulfsons, Margers Vestermanis, Alexander Bergmann, Valentina Freimane, Steven Springfield.</p>
<p><strong>Gespaltene Erinnerung &ndash; Beobachtungen eines Sozialwissenschaftlers</strong></p>
<p>Vorherrschend sei das Reden von den eigenen traumatischen Erfahrungen. Die eingekapselten Traumata der eigenen Gemeinschaft seien beherrschend. Wie k&ouml;nne es gelingen, die Erfahrungen der anderen wahrzunehmen und damit zu leben? Wie das eigene Trauma gegen&uuml;ber anderen &ouml;ffnen, wie die anderen ansprechen?</p>
<p>Notwendig sei eine gemeinsame Erinnerung, ein Pluralismus der Erinnerung, eine Europ&auml;isierung der Erinnerungskultur<em>. &nbsp;(vgl. Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur &ndash; eine Intervention, M&uuml;nchen 2013)</em></p>
<p>Offene Fragen der Vergangenheit seien die offenen T&uuml;ren f&uuml;r Putins Propaganda.</p>
<p>Am 18. Februar 2012 fand ein Referendum zu Russisch als zweite Staatssprache statt. 75% votierten dagegen, 25% daf&uuml;r. Sprache sei f&uuml;r viele osteurop&auml;ische Gesellschaften&nbsp; d e r&nbsp; Identifikationskern. Das Referendum wurde als Angriff wahrgenommen. Zugleich: Ein Viertel der Stimmberechtigten wurde abgewiesen, z.T. als &bdquo;illoyal&ldquo; abgestempelt.&nbsp; Das Minderheitenvotum wurde ignoriert.&nbsp; Das Referendum war ein &bdquo;letzter Schrei&ldquo;.&nbsp; Seit 2013 gebe es ein von Nichtb&uuml;rgern gew&auml;hltes &bdquo;Nichtb&uuml;rger-Parlament&ldquo;. Lettische Offizielle ignorierten es, Regierung und Parlament reagierten nicht.</p>
<p>Die Regierung f&uuml;hrte eine Umfrage zur Loyalit&auml;t von Minderheiten durch. Offiziell hie&szlig; es, die Mehrheit der Minderheiten sei loyal. Im Fernsehen wurde von geheim gehaltenen entgegengesetzten Ergebnissen berichtet, wonach sich 62% nur &uuml;ber russische Medien informieren und 56% gegen die EU-Mitgliedschaft, aber f&uuml;r die Eurasische Union seien.</p>
<p>In Lettland seien die Parteien ethnisch orientiert und werde ethnisch gew&auml;hlt. Es gebe Ger&uuml;chte, dass zwei Parteien im Parlament aus Russland finanziert w&uuml;rden. Auch die Zivilgesellschaft sei ethnisch gepr&auml;gt. Gemischte NGO`s gebe es kaum.</p>
<p><em>Vor den Parlamentswahlen Anfang Oktober 2014 berichtete Konrad Schuller in der FAZ &uuml;ber Radikalisierungsprozesse in der russophonen Minderheit wie auch in der lettischen Mehrheit. (</em><a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/lettlands-angst-vor-dem-gespenst-des-russischen-reiches-13184715.html"><em>http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/lettlands-angst-vor-dem-gespenst-des-russischen-reiches-13184715.html</em></a><em> )</em></p>
<p>Man gew&ouml;hne sich an das Leben in parallelen R&auml;umen. Einiges werde dadurch einfacher. Politik pflege zugleich &Auml;ngste, werde neurotischer. In der lettischen Gesellschaft gelte &bdquo;Hauptsache national&ldquo;. Skepsis bestehe gegen&uuml;ber Minderheiten- und Menschenrechten, sie seien durch Putin diskreditiert. Wer Minderheitenfragen thematisiere, f&ouml;rdere &bdquo;nationale Unzuverl&auml;ssigkeit&ldquo;. Menschenrechte w&uuml;rden als Risiko und Nachteil&nbsp; wahrgenommen.</p>
<p>Heute sei eine neue Europ&auml;isierung zu Menschen- und Minderheitenrechten notwendig wie Ende der 80er Jahre.</p>
<p>Angesagt sei die F&ouml;rderung von Dialogforen und &ndash;prozessen, einer Debattenkultur &uuml;ber die Grenzen der gesellschaftlichen Parallelwelten hinweg. Auch russische Intellektuelle m&uuml;ssten mit an Bord. Kompetente Interessenten daf&uuml;r gebe es. Aber die Rahmenbedingungen daf&uuml;r seien schlecht und es mangele an Ressourcen daf&uuml;r. Schon mit relativ geringen Summen lie&szlig;e sich aber einiges in Gang setzen.</p>
<p>Beim 2. Symposium des Deutschen Riga-Komitees am 17. April in M&uuml;nster beschrieb die junge lettische Professorin Ilva Skulte die unterschiedlichen Diskurse in Deutschland und Lettland. &bdquo;Wir f&uuml;hlen uns nicht eingeschrieben in die europ&auml;ische Geschichte.&ldquo; Man wolle einen gemeinsamen Diskurs, nicht einen blo&szlig;en Import von Holocaust-Gedenken.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a></p>
<p><strong>Aktuelle Sicherheitspolitische Lage:</strong> <strong>R&uuml;ckkehr von B&uuml;ndnisverteidigung, Abschreckung &ndash; und Kaltem Krieg?</strong></p>
<p>In den Tagen meines Riga-Besuches Mitte April endete die erste &Uuml;bung der neuen &bdquo;<em>Very High Readiness Joint Task Force&ldquo; (VJTF)</em> der NATO, besuchten erst die deutsche Verteidigungsministerin, dann der deutsche Au&szlig;enminister die baltischen Staaten. Nach der Alarmierungs&uuml;bung vom April &uuml;bten inzwischen im Juni 2.100 Soldaten der vom I. Deutsch-Niederl&auml;ndischen Korps<a title="" href="#_ftn5">[5]</a> in M&uuml;nster gef&uuml;hrten VJTF auf einem polnischen Truppen&uuml;bungsplatz ein Szenario &agrave; la Ostukraine. (&bdquo;Noble Jump&ldquo;)</p>
<p>Ein M&uuml;nsteraner LINKEN-MdB kritisierte am 15. Juni das Man&ouml;ver als &bdquo;S&auml;belrasseln gegen&uuml;ber Russland&ldquo;. Es versch&auml;rfe die Spannungen und erh&ouml;he die Kriegsgefahr. Die NATO setzte ihre Eskalationsstrategie gegen&uuml;ber Russland fort. Das sei ein R&uuml;ckfall in Zeiten des Kalten Krieges<em>. (vgl. Antrag der Fraktion DIE LINKE &bdquo;Demilitarisierung statt Eskalation &ndash; Keine NATO-Eingreiftruppe im Osten Europas, Drs. 18/3913 vom 3.2.2015) </em>Ludger Volmer, fr&uuml;herer Parteivorsitzender Gr&uuml;nen und AA-Staatsminister, &auml;u&szlig;erte am 25. Juni im Deutschlandfunk die Bef&uuml;rchtung, die NATO-Aufr&uuml;stung f&uuml;r Osteuropa k&ouml;nne auf russischer Seite eine weitere Aufr&uuml;stung provozieren und zu einer Konflikteskalation f&uuml;hren.</p>
<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Kommentar<a title="" href="#_ftn6"><strong><span style="text-decoration: underline;">[6]</span></strong></a></span></strong></p>
<p>(1) <strong>Die Bedrohungs&auml;ngste in Lettland</strong> (und den anderen baltischen Staaten) gegen&uuml;ber der gegenw&auml;rtigen russischen Politik sind kein Hirngespinst und d&uuml;rften nicht mit dem in Russland verbreiteten postsowjetischen Verlustschmerz gleich gesetzt werden. Sie sind angesichts der traumatischen Erfahrungen mit fast 50 Jahren sowjetischer Besatzung und fehlender Vertrauensbildung in der nachsowjetischen Zeit &uuml;beraus verst&auml;ndlich. Sie sind angesichts der hybriden russischen Kriegf&uuml;hrung in der Ukraine, des regelrechten Propagandakrieges gegen die baltischen Staaten und der eigenen Schutzlosigkeit auch begr&uuml;ndet. Umstritten ist, was von Seiten des russischen Staates an Druck und Bedrohung gegen&uuml;ber den baltischen Staaten m&ouml;glich, wahrscheinlich oder (nicht) auszuschlie&szlig;en ist. Keineswegs auszuschlie&szlig;en und teilweise Realit&auml;t ist ein Destabilisierungsszenario mit milit&auml;rischer Drohkulisse. F&uuml;r abwegig halte ich eine offene milit&auml;rische Aggression. <em>(vgl. zwei kontr&auml;re Kommentare in The Baltic Times Mai 2015: &bdquo;Why the idea of Russian invasion in the Baltics is absurdity&ldquo; und &bdquo;The Russians are coming to occupy the Baltic States&ldquo;) </em>Zum Baltikum kenne ich aber zugestandenerma&szlig;en bisher keine sorgf&auml;ltige Risiko- und Bedrohungsanalyse, die zwischen Bedrohungsgef&uuml;hl und Bedrohungspotenzialen und &ndash;absichten unterscheidet.</p>
<p>(2) <strong>H&ouml;chste Normen des V&ouml;lkerrechts</strong> sind laut UN-Charta das internationale Gewaltverbot, das Recht auf nationale Selbstbestimmung und die Achtung der nationalen Souver&auml;nit&auml;t, die friedliche Streitbeilegung, das &bdquo;naturgegebene Recht der individuellen und kollektiven Selbstverteidigung&ldquo;. (Wer bisher Auslandseins&auml;tze der Bundeswehr generell ablehnte, zog meist nicht das Selbstverteidigungsrecht der Nationalstaaten infrage.)</p>
<p>Die kleinen baltischen Staaten sind gegen&uuml;ber Russland aus eigener Kraft nicht verteidigungsf&auml;hig. Als Mitglied von NATO, EU und UN haben sie ein selbstverst&auml;ndliches Recht auf Unterst&uuml;tzung ihrer nationalen Verteidigungsf&auml;higkeit im Rahmen kollektiver Sicherheit. Das soll dazu beitragen, Krieg zu verh&uuml;ten und nicht, ihn f&uuml;hrbarer und wahrscheinlicher zu machen.</p>
<p>(3) <strong>Schl&uuml;sselfragen:</strong> Wie kann die Souver&auml;nit&auml;t der baltischen Staaten gewahrt, eine Destabilisierung und Gewalteskalation verh&uuml;tet werden, ohne dabei eine Spirale der wechselseitige Schuldzuweisungen, Propaganda, Aufr&uuml;stung und Konfliktversch&auml;rfung zu bef&ouml;rdern? Wie k&ouml;nnen dabei die historischen Errungenschaften der europ&auml;ischen Friedensordnung und der R&uuml;stungskontrolle im OSZE-Raum genutzt, bewahrt und ihre weitere Zersetzung verhindert werden? N&uuml;chtern ist dabei zu bedenken, dass es in solchen Konflikten neben legitimen Interessen, Missverst&auml;ndnissen und Fehlwahrnehmungen auch starke Interessen an Aufr&uuml;stung und Konfliktversch&auml;rfung gibt sowie Akteure, die vor lauter Selbstgerechtigkeit und Schwarz-Wei&szlig;-Denken blind sind f&uuml;r eigene kontraproduktive Wirkungen.</p>
<p><strong>(4) B&uuml;ndnissolidarit&auml;t</strong>: Die NATO- und EU-Verb&uuml;ndeten sind gegen&uuml;ber ihren besonders beunruhigten &ouml;stlichen Mitgliedern zu glaubw&uuml;rdiger B&uuml;ndnissolidarit&auml;t verpflichtet. Diese zu verweigern, w&uuml;rde in (Mittel-)Osteuropa eine Renationalisierung und Privatisierung der Landesverteidigung bef&ouml;rdern (Milizen sollen in Polen und einzelnen baltischen Staaten Zulauf haben)<a title="" href="#_ftn7">[7]</a> &ndash; und/oder eine verst&auml;rkte Hinwendung zu den USA. Verweigerte oder nur symbolische B&uuml;ndnissolidarit&auml;t k&ouml;nnte die Schwelle f&uuml;r Destabilisierungsoperationen bzw. &ndash;dynamiken senken. Es w&uuml;rde das Vertrauen in das kollektive Sicherheitsversprechen vor allem der NATO, aber auch der EU ins Mark treffen.</p>
<p><strong>(5) Milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen der NATO</strong> sind erw&auml;genswert nur im Rahmen des V&ouml;lkerrechts und der NATO-Russland-Akte von 1997 - auch wenn letztere inzwischen vielfach infrage gestellt und gebrochen wurde, massiv von Russland in der Ukraine. Sie sollen f&uuml;r die baltische Seite vertrauensbildend und beruhigend, f&uuml;r die russische F&uuml;hrung abhaltend (ggfs. abschreckend), aber nicht provozierend, insgesamt kriegsverh&uuml;tend + friedenssichernd wirken. Sp&auml;testens nach den Empfehlungen der R&uuml;he-Kommission m&uuml;sste eine fr&uuml;hzeitige Einbeziehung des Bundestages dabei selbstverst&auml;ndlich sein</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Die Reassurance-Ma&szlig;nahmen der NATO:</span></p>
<p>- Gesteigerte Patrouillen- und &Uuml;berwachungst&auml;tigkeit in der Luft (Air Policing, AWACS) und auf See sind v&ouml;llig legal, konfliktpr&auml;ventiv und ohne Eskalationsrisiko. Ihre Abhaltewirkung ist aber kaum mehr als symbolisch.</p>
<p>- Gemeinsame milit&auml;rische &Uuml;bungen demonstrieren Verteidigungsf&auml;higkeit und &ndash;bereitschaft. Ihre Glaubw&uuml;rdigkeit &ndash; und damit ihre Abhaltewirkung &ndash; h&auml;ngt entscheidend von der sehr schnellen Verf&uuml;gbarkeit der daf&uuml;r vorgesehenen Kr&auml;fte ab. Die ist angesichts schneller Konfliktdynamiken heutzutage unabdingbar.</p>
<p>- Der NATO-Gipfel in Wales im September 2014 vereinbarte einen <em>Readiness Action Plan</em> (RAP), von dem die Verteidigungsminister im Februar 2015 einige Vorschl&auml;ge beschlossen. Bis zum NATO-Gipfel in Polen 2016 sollen die Wales-Vereinbarungen im Wesentlichen umgesetzt werden. Neben den o.g. Ma&szlig;nahmen (&Uuml;berwachung, &Uuml;bungen) geht es vor allem um erh&ouml;hte Einsatzbereitschaft und Reaktionsf&auml;higkeit: Aufstockung der &ndash; bisher nie eingesetzten - NATO Response Force (NRF) von 13.000 auf 40.000 (einsatzf&auml;hig binnen 30 Tage) und die Aufstellung der NATO-&bdquo;Speerspitze&ldquo;: 5.000 Soldaten im stand-by der Schnellsteinsatzbereitschaft von zwei bis sieben Tagen, je 5.000 Soldaten im stand-up der Vorbereitungsphase und stand-down der Nachbereitungsphase mit Einsatzbereitschaft von jeweils 30 Tagen (jede Phase ein Jahr). Aufgebaut werden wollen regionale Aufnahmest&auml;be (NATO Force Integration Units) mit je ca. 40 Soldaten in den baltischen Staaten, aber auch Polen, Rum&auml;nien und Bulgarien.</p>
<p>Eine reale Schnellsteinsatzf&auml;higkeit ist gegenw&auml;rtig nicht leistbar &ndash; schon wegen mangelnder Transportkapazit&auml;ten, nationaler Vorschriften f&uuml;r Schwertransporte etc. (Eine von &ouml;stlichen Verb&uuml;ndeten geforderte dauerhafte Stationierung westlicher NATO-Truppen wurde ausdr&uuml;cklich nicht beschlossen. Die von den USA angek&uuml;ndigte Vorabstationierung von schweren Kampfpanzern, Kampf- und Transportflugzeugen, Kriegsschiffen, Soldaten aus US-Spezialeinheiten in Osteuropa w&uuml;rde nach Einsch&auml;tzung von Andreas Zumach<a title="" href="#_ftn8">[8]</a> zumindest gegen den Geist der Grundakte versto&szlig;en.)</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Auszug NATO-Russland-Akte:</span></p>
<p><em>&bdquo;Die NATO wiederholt, dass das B&uuml;ndnis in dem gegenw&auml;rtige und vorhersehbaren Sicherheitsumfeld seine kollektive Verteidigung und andere Aufgaben eher dadurch wahrnimmt, dass es die erforderliche Interoperabilit&auml;t, Integration und F&auml;higkeit zur Verst&auml;rkung gew&auml;hrleistet, als dass es substantielle Kampftruppen dauerhaft stationiert. Das B&uuml;ndnis wird sich dementsprechend auf eine angemessene, den genannten Aufgaben gerecht werdende Infrastruktur st&uuml;tzen m&uuml;ssen. In diesem Zusammenhang k&ouml;nnen, falls erforderlich, Verst&auml;rkungen erfolgen f&uuml;r den Fall einer Verteidigung gegen eine Aggressionsdrohung und f&uuml;r Missionen zur St&uuml;tzung des Friedens im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen (...).&ldquo; </em><a href="http://www.nato.int/cps/en/natohq/official_texts_25468.htm?selectedLocale=de"><em>http://www.nato.int/cps/en/natohq/official_texts_25468.htm?selectedLocale=de</em></a><em> )</em></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">M&ouml;gliches Dilemma</span>: Die schnellen Eingreifverb&auml;nde der NATO sind als Verst&auml;rkungskr&auml;fte mit der NATO-Russland-Akte vereinbar und schon wegen ihres Umfangs gegen&uuml;ber Russland nicht angriffsf&auml;hig. Gegen&uuml;ber einer russischen F&uuml;hrung, die in Kategorien von milit&auml;rischer St&auml;rke und ihrer Version von Kosten-Nutzen denkt, k&ouml;nnen solche Verst&auml;rkungskr&auml;fte abschreckend und kriegsverh&uuml;tend wirken. Sie k&ouml;nnen aber auch Wasser auf die M&uuml;hlen der nicht nur in Russland verbreiteten und gesch&uuml;rten Wahrnehmung sein, vom &bdquo;Westen&ldquo; bedr&auml;ngt und gedem&uuml;tigt zu werden.</p>
<p>Die Beteuerungen der politischen NATO-Spitzen, sich nicht in einen R&uuml;stungswettlauf mit Russland &nbsp;hineinziehen zu lassen und den Dialog f&uuml;hren zu wollen, klingen vern&uuml;nftig, k&ouml;nnen sich aber angesichts des Sichtbarkeitsvorsprungs milit&auml;rischer Ma&szlig;nahmen schnell als frommer Wunsch erweisen.</p>
<p><strong>(6) Prim&auml;rrisiko Destabilisierung und hybride Operationsweisen</strong>: Der Einsatz nicht-milit&auml;rischer Ma&szlig;nahmen gegen zivile Ziele (kritische Infrastruktur, gesellschaftlicher Zusammenhalt) hat hierbei eine zentrale ggfs. dominierende Bedeutung.<a title="" href="#_ftn9">[9]</a> Von daher k&ouml;nnte eine nur milit&auml;rische oder milit&auml;rlastige B&uuml;ndnissolidarit&auml;t schnell unterlaufen werden. Die Grundlehre der internationalen Kriseneins&auml;tze &ndash; es geht nur multidimensional und koh&auml;rent &ndash; gilt jetzt mindestens genauso, ja noch mehr!&nbsp; (Hier unterscheidet sich die heutige Art der B&uuml;ndnisverteidigung auch elementar von der zurzeit des Kalten Krieges, die vom Primat des Milit&auml;rischen gepr&auml;gt war und wo die Zivile Verteidigung eine Funktion der milit&auml;rischen war.)</p>
<p>Dass die EU bis Jahresende eine Strategie zu nicht-milit&auml;rischen Bedrohungen vorlegen will, ist grunds&auml;tzlich richtig, macht aber zugleich einen sehr gem&auml;chlichen Eindruck im Vergleich zum bilder-starken Aufbau der NATO-&bdquo;Speerspitze&ldquo;.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Destabilisierungsstrategien setzen an Verwundbarkeiten an. Stabilisierungsstrategien sollen Resilienz und Widerstandskraft f&ouml;rdern:</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Konflikte mit Minderheiten</span>: Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten sind eine Hauptursache innerstaatlicher Gewaltkonflikte. Das beste Mittel gegen das Sch&uuml;ren von Minderheitenkonflikten sind eine integrative Minderheitenpolitik, F&ouml;rderung von gesellschaftlichem Dialog und St&auml;rkung multiethnischer Kr&auml;fte in der Zivilgesellschaft. (vgl. die OSZE-Missionen 1993 bis 2001) Hier gibt es offenbar erheblichen Handlungsbedarf. &nbsp;(Beim Ausw&auml;rtigen Amt w&auml;ren F&ouml;rderans&auml;tze beim Programm &bdquo;zivik&ldquo; und der &bdquo;&Ouml;stlichen Partnerschaft&ldquo; der AA-Kulturabteilung)</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Informationskrieg</span>: Vgl. die Dokumentation der Tagung &bdquo;Russische Desinformation im 21. Jahrhundert&ldquo; in der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung in Berlin, von der Johannes Voswinkel, langj&auml;hriger Moskau-Korrespondent der ZEIT, berichtet (<a href="https://www.boell.de/de/2015/07/08/russische-propaganda-und-deutsches-schwanken">https://www.boell.de/de/2015/07/08/russische-propaganda-und-deutsches-schwanken</a> ).<a title="" href="#_ftn10">[10]</a></p>
<p>Beim letzten Besuch von Au&szlig;enminister Steinmeier im Baltikum war die deutsche Hilfe beim Aufbau &ouml;ffentlich-rechtlicher, russischsprachiger Sender und die F&ouml;rderung pluralistischer Gegen&ouml;ffentlichkeit ein zentrales Thema. (<a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/baltikum-fernsehsender-kaempfen-gegen-russische-propaganda-a-1035009.html">http://www.spiegel.de/politik/ausland/baltikum-fernsehsender-kaempfen-gegen-russische-propaganda-a-1035009.html</a>&nbsp; ) In Riga gr&uuml;ndete die NATO Anfang 2015 ein &ldquo;<em>Strategic Communication Centre of Excellence</em>&ldquo;.</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Cybersicherheit</span>: &nbsp;Seit 2008 besteht in der estnischen Hauptstadt Talinn das &bdquo;<em>NATO Cooperative Cyber Defence Center of Excellence</em>&ldquo; mit 50 Offizieren und zivilen Mitarbeitern. Seit mehr als f&uuml;nf Jahren l&auml;uft hier die j&auml;hrliche &Uuml;bung Closed Shields&ldquo;. Hierbei wird der inzwischen gr&ouml;&szlig;te simulierte Angriff auf Internet-Netzwerke weltweit ge&uuml;bt. 2015 beteiligten sich Teams aus 18 L&auml;ndern. Der NATO-Gipfel in Wales setzte Cyberangriffe ausdr&uuml;cklich mit konventionellen Angriffen gleich.</p>
<p>- <span style="text-decoration: underline;">Energiesicherheit</span>: Bisher sind die baltischen Staaten mit ihrer Erdgasversorgung zu 100% von Russland abh&auml;ngig. Mit der neuen schwimmenden Umladestation f&uuml;r Fl&uuml;ssiggas in Kleipeda (Memel) machen sie einen Riesenschritt Richtung Energieunabh&auml;ngigkeit.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Neue Herausforderungen f&uuml;r zivile Krisenpr&auml;vention und Stabilisierung angesichts hybrider Operationen und Kriegf&uuml;hrung</span>: Im Mittelpunkt des Aktionsplans &bdquo;Zivile Krisenpr&auml;vention&ldquo; der Bundesregierung (2004) und der inzwischen vier Umsetzungsberichte steht der Umgang mit Konflikten und Fragilit&auml;t. Strategische Ansatzpunkte sind in diesem Kontext die Herstellung verl&auml;sslicher staatlicher Strukturen, die F&ouml;rderung gesellschaftlicher Friedenspotenziale und die Schaffung von Lebensgrundlagen. (<a href="http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/032/1803213.pdf">http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/032/1803213.pdf</a> )</p>
<p>Bei hybrider Kriegf&uuml;hrung geht es demgegen&uuml;ber um die gezielte Schw&auml;chung von Staatlichkeit durch multidimensionale, mehr oder weniger verdeckte Angriffe eines autorit&auml;r-starken Staates. Ihre Operationen halten sich nicht an Recht und Gesetz, schlie&szlig;en Gewalt und vor allem Gewaltdrohung ein, sind konfrontativ, konzertiert, wirkm&auml;chtig und schnell. Dialog, Vermittlung, Vertrauensbildung und Ma&szlig;nahmen der zivilen Krisenpr&auml;vention wirken eher auf lange Sicht, selten kurzfristig. Ihre Akteure haben es gegen&uuml;ber einer solchen aggressiven Herausforderung und Eskalationsdominanz besonders schwer. Aktuell wird jetzt nichtsdestoweniger der Ansatz der &bdquo;Soziale Verteidigung&ldquo; und ihrer reichen historischen Erfahrungen.<a title="" href="#_ftn11">[11]</a></p>
<p><strong>(7) Besondere deutsche Verantwortung</strong></p>
<p>Beim Gang durch die Altstadt der fr&uuml;heren Hansestadt Riga ist un&uuml;bersehbar, wieviel es an gemeinsamer, auch konstruktiver Geschichte zwischen Deutschland und dem Baltikum gibt. Die Gro&szlig;e Gilde mit der M&uuml;nsterstube, die Kleine Gilde mit der Stube von Soest stehen beispielhaft daf&uuml;r.</p>
<p>Nazi-Deutschland war zusammen mit der (stalinistischen) Sowjetunion verantwortlich f&uuml;r die Okkupation der baltischen Staaten, f&uuml;r die Verschleppung und Ermordung Hunderttausender ihrer B&uuml;rger.</p>
<p>Heute hat das demokratische Deutschland dank seines wirtschaftlichen, politischen und auch milit&auml;rischen Gewichts bei aller Integration eine F&uuml;hrungsrolle in Europa.</p>
<p>Angesichts der Destabilisierungsgefahr in den baltischen Staaten steht Deutschland in besonderer Verantwortung, gemeinsam mit Verb&uuml;ndeten in Mittelosteuropa f&uuml;r Friedenssicherung, Krisenpr&auml;vention und Stabilisierung zu wirken.</p>
<p>Au&szlig;enminister Steinmeier besuchte in seiner zweiten Amtszeit schon f&uuml;nf Mal das Baltikum. Botschafter Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz, leitet eine 15-k&ouml;pfige Hochrangige Expertengruppe der amtierenden OSZE-Troika (Schweiz, Serbien, Deutschland), die am 17. Juni einen Zwischenbericht zum bisherigen OSZE-Konfliktmanagement in der Ukraine und f&uuml;nf Empfehlungen zur St&auml;rkung der OSZE vorlegte.<a title="" href="#_ftn12">[12]</a> Offenbar ist die besondere Verantwortung erkannt.</p>
<p>In der au&szlig;enpolitischen Debatte und erst Recht in der Medien&ouml;ffentlichkeit hierzulande scheint aber die kritische Entwicklung im Baltikum bisher kaum eine Rolle zu spielen. Das ist kurzsichtig und sollte sich &auml;ndern. Die Krisen- und Gewalteskalation in der Ukraine wurde auch dadurch bef&ouml;rdert, dass man sich vorher in Westeuropa politisch kaum f&uuml;r die Ukraine, Osteuropa insgesamt interessierte. Die viel beschworene Krisenfr&uuml;herkennung&nbsp; und &ndash;vorbeugung darf nicht wieder verpasst werden.</p>
<p><strong>(8) Zusammenfassung zur &bdquo;Besonders Schnellen Eingreiftruppe&ldquo; der NATO</strong>&ldquo;:</p>
<p>Im Hinblick auf die begr&uuml;ndeten Bedrohungs&auml;ngste und das erhebliche Destabilisierungsrisiko im Baltikum ist die VJTF ein v&ouml;lkerrechtlich legales und sicherheitspolitisch notwendiges, aber auch zwiesp&auml;ltiges Instrument.</p>
<p>Ob es stabilisierend oder spannungsversch&auml;rfend wirkt, h&auml;ngt davon ab,</p>
<p>- wie milit&auml;risch glaubw&uuml;rdig die VJTF ist und wie eindeutig die NATO-Russland-Akte dabei eingehalten wird;</p>
<p>- wie sehr die verschiedenen Konfliktparteien mit ihren Interessen, Rezeptionen, Absichten und Wirkungen verstanden werden (einschlie&szlig;lich der eigenen m&ouml;glicherweise kontraproduktiven Wirkungen);</p>
<p>- wie koh&auml;rent und energisch die nicht-milit&auml;rische Stabilisierung angegangen wird;</p>
<p>- wie beharrlich Gespr&auml;chskontakte wiederbelebt (NATO-Russland&mdash;Rat), wie glaubw&uuml;rdig der viel beschworene Dialog mit der russischen Seite trotz aller Gegenwinde (z.B. versch&auml;rfter Druck auf kritische Zivilgesellschaft und freie Medien in Russland) praktiziert und das Chancenpotenzial gemeinsamer strategischer Interessen (Atomvertrag mit Iran, Bek&auml;mpfung von IS und Verb&uuml;ndeten) genutzt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div><br clear="all" /><hr align="left" size="1" width="33%" />
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Mitglied im Beirat Zivile Krisenpr&auml;vention beim Ausw&auml;rtigen Amt, im Vorstand von &bdquo;Gegen Vergessen &ndash; F&uuml;r Demokratie e.V.&ldquo; und der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r die Vereinten Nationen (DGVN)</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Zum 2. Symposium des Riga Komitees z.B. <a href="http://www.duelmen.de/1020.html?&amp;tx_ttnews%5btt_news%5d=2449&amp;cHash=151e1dc99ac641dde6ac55845350c1f2">http://www.duelmen.de/1020.html?&amp;tx_ttnews[tt_news]=2449&amp;cHash=151e1dc99ac641dde6ac55845350c1f2</a> , <a href="index.php?module=articles&amp;func=display&amp;aid=1348">http:</div>


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