"Enough with the Killing of Civilians!" Straßenprotest nach dem Serena-Angriff in Kabul

Von: Nachtwei amDi, 01 April 2014 08:28:27 +01:00

Am Vorabend des Nawroz-Festes erschossen vier Achtzehnjährige im Auftrag der Taliban neun Zivilpersonen im hochgesicherten Serena-Hotel, darunter die Familie des bekannten afghanischen AFP-Reporters Sardar Ahmad. Aller Einschüchterung zum Trotz artikuliert sich dagegen zivilgesellschaftlicher Protest. Das verdient auch in Deutschland Beachtung, das gerade seine "verläßliche Partnerschaft" mit Afghanistan bekräftigt hat.



“Enough with the Killing of Civilians!“

Der Serena-Angriff und die Antwort der Zivilgesellschaft

Winfried Nachtwei (März 2014)

Das Fünfsterne-Hotel Serena im Zentrum Kabuls ist eine massivst gesicherte Oase. Hier waren wir seit 2006 bei Delegationsreisen mehrfach untergebracht, hier trafen wir afghanische Journalisten, Vertreter von Regierung, NGO`s und internationalen Organisationen.

Es war am 20. März 2014, am Vorabend des persischen Neujahrsfestes (Nawroz):Vier junge Männer gelangten gegen 18.30 Uhr durch die mehrfachen Eingangskontrollen in das Hotel. Nach drei Stunden eröffneten sie plötzlich mit kleinen Pistolen das Feuer auf die Hotelgäste und töteten neun Menschen:

-den populären Journalist Sardar Ahmad (40), der seit 2003 für AFP arbeitete, seine Frau Humara, die sechsjährige Tochter Nilofar und der fünfjährige Sohn Omar; der zweijährige Abuzar wurde von fünf Schüssen getroffen und überlebte schwer verletzt

- den Langzeit-Wahlbeobachter des National Democratic Institutes (USA), Luis Maria Duarte (39) aus Paraguay, zuletzt Programmdirektor von UNODC (UN Office on Drugs + Crime) in Paraguay, Professor an der National-Universität Asuncion und der Diplomaten-Akademie des paraguayschen Außenministeriums, Teilnehmer an früheren NDI-Wahlbeobachtermissionen in Afghanistan, Bangladesh, Libanon, Pakistan und Peru.

- Aus Kanada Zeenab Kassam (57), als Englischlehrerin seit eineinhalb Jahren für die NGO „Canadian Women for Women in Afghanistan“ im Land, und die Optikerin Roshan Thomas, die sich seit Mitte der 90er Jahre für afghanische Flüchtlinge engagierte und zusammen mit ihrem Mann in Pakistan eine Augenklinik und in Kabul eine Schule errichtete.

Die Angreifer wurden von Sicherheitskräften erschossen.

Die Taliban bekannten sich am Folgetag auf ihrer Website zu der „Märtyrer-Aktion“: Die Mujahideen-Kämpfer hätten die Hotelzimmer sorgfältig durchsucht, um die Identität der Gäste zu ermitteln.

Durch die Medien ging, dass Sardar Ahmad am 16. Juli 2013 auf seiner Facebook-Seite von seiner Tochter Nilofar berichtet hatte. Sie hatte ihn gefragt: „Papa, töten Taliban auch Kinder?“ Er: „Nein!“ Sie: „Ich wollte, ich wäre ein Tier.“

Ziviler Zorn: Am 21. März riefen afghanische Journalisten zu einem fünfzehntägigen Boykott aller Taliban-Meldungen auf. Am 24. März, einem kalten und regnerischen Tag,  demonstrierten vor dem Serena 250 bis 300 Frauen und Männer aus verschiedenen Ethnien gegen den Anschlag. Ihre Losung „Enough is Enough!“

Susanne Schmeidl, Mitglied und Gast-Mitarbeiterin des Afghanistan Analysts Network, nahm an der Demonstration teil. Sie berichtet und kommentiert am 28. März unter http://www.afghanistan-analysts.org/enough-with-the-killing-of-civilians-the-serena-attack-and-the-civil-society-response :

Der Krieg werde immer schmutziger. Man müsse wohl annehmen, dass alles und jeder Freiwild sei im Kampf der Taliban – ja wogegen und für wen? Sie will wissen, wie diese Morde mit den Botschaften von Mullah Omar und dem Kodex der Taliban zusammenpassen, der anordne, Zivilopfer zu vermeiden. Sie fühlt, dass irgendwas eingeschaltet worden sei. Die Demonstration war die dritte in wenigen Wochen – zuerst nach dem Anschlag auf das libanesische Lokal im Januar (vgl. www.nachtwei.de 19. Januar), dann die Erschießung von 21 afghanischen Soldaten in Kunar am 26. Februar. Die Demonstranten waren jetzt besser organisiert, sie benutzten soziale Medien. Solche Manifestationen seien in Afghanistan ziemlich selten. Aber wir sollten anerkennen und sie unterstützen für das, was sie sind, eine  „aufkommende Friedensbewegung.“

Remembering Sardar Ahmad“ von Ben Sheppard, Büroleiter von AFP Kabul: Seine Worte und die Fotos bringen den Journalisten und Vater sehr nahe. http://blogs.afp.com/correspondent/?post/Remembering-Sardar-Ahmad